Ein Rat zur Bekämpfung des Antisemitismus von 1946, der heute noch stimmt

Elder of Ziyon, 26. Juli 2021

Sollte es je eine Zeit gegeben haben, von der man glauben sollte, dass Antisemitismus kein Thema war, dann wäre das 1946.

Die Schrecken des Holocaust waren allen offensichtlich. Israel war noch nicht wiedergeboren. Welche mögliche Ausrede hätte es 1946 für Judenhass geben können?

Doch wenn man sich die jüdischen Zeitungen von vor genau 75 Jahren ansieht, findet man die Schlagzeilen:

Das jüdische Leid in Polen ist erschütternd

New York (JPS) Erschütternde Berichte von Massenmorden und Entführungen von Juden in Polen, seit am 13. Juli neun wegen Teilnahme am Pogrom in Kielce am 4. Juli verurteilte Männer hingerichtet wurden, erreichen die Presse in New York über Nachrichtenagenturen und Auslandskorrespondenten.

Associated Press sagt in einer Depesche aus Warschau, dass die geächtete NSZ im Bezirk Kielce neun Juden wegen der neun verurteilten und hingerichteten Männer als Geiseln genommen haben soll. Eine Depesche von United Press aus Prag gibt an, dass 160 Juden von antisemitischen Banden in Polen aus Zügen geschleppt und getötet wurden, als sie versuchten über die Grenze in die Tschechoslowakei zu fliehen. Die Depesche besagt, dass polnische Terroristen Rundschreiben verteilen, in denen sie drohen für jeden wegen Kiele hingerichteten Polen zehn Juden zu töten.

Judenfeindliche Wut

Der Korrespondent der New York Times, Albion Ross, berichtet aus Wien, dass in der Stadt innerhalb einer Woche fünftausend aus Polen geflohene Juden ankamen, die Geschichten über das berichteten, was sie als einen landesweiten Ausbruch judenfeindlicher Wut beschreiben.

Homer Bigart, Korrespondent der New York Herald Tribune, berichtet aus Warschau, dass die Hinrichtung der neun Pogromisten von Kielce heimlich durchgeführt wurde und dass die kontrollierte polnische Presse nichts über die Hinrichtung veröffentlichte. Der polnische Pressechef Wictor Grosz verkündete, dass der Ortskommandant der Sicherheitspolizei in Kielce und drei Offiziere der Kielcer Miliz verhaftet worden sind, weil sie keine energischen Schritte zur Zerstreuung des die Juden am 4. Juli angreifenden Mobs unternahmen.

Truman zu US-Intervention für die polnischen Juden beim Papst aufgefordert

New York (JPS) Das American Jewish Committee hat an Präsident Truman appelliert Myron C. Taylor, den US-Repräsentanten beim Vatikan anzuweisen sich bei Papst Pius für die Juden Polens einzusetzen, „die an verschiedenen Orten Terror und Pogromen ausgesetzt sind.“

Britischer Überfall auf die Kolonie Hapoel Hadati in Palästina

Örtliche Mitglieder der Hapoel Hadati wurden vom Empfang der Nachricht geweckt, dass Beerot Yitzchak, ein Hadati-Kibbuz, Ende Juni von britischen Soldaten in Palästina überfallen wurde, wie Julius Braun, Vorsitzender des Hapoel Hadati Los Angeles angibt.

Eine von den britischen Soldaten zurückgelassene Notiz lautete: „Lang lebe Streicher, wir brauchen größere und bessere Gaskammern!“ Das ist nach Angaben von Hapoel Hadati-Leitern dieselbe Parole, die sie von den wieder aufkommenden Nazikräften in Deutschland verwendet wird.

Ein antisemitisches Comic-Buch, das an Streichers „Der Stürmer“ erinnert, wird bald in New York erscheinen; es gab bereits einen erfolglosen Versuch es im Hinterland feilzubieten. Es wird von Jack Dinsmore herausgegeben, einem Pseudonym für David Gordon, ein Jude, der zum Katholizismus konvertierte.

In derselben Ausgabe des B’nai Brith Messenger stand dieser Artikel über Antisemitismus von Dr. Trude Weiss-Rosmarin, einer deutsch-jüdischen Immigrantin, die das Magazin Jewish Spectator gründete. Ihr Aufsatz über Antisemitismus hätte heute geschrieben sein können.

Mit Eiferern kann man nicht reden

Von Dr. Trude Weiss-Rosmarin

Kann der Antisemitismus mit Vernunft bekämpft werden? Nein, sagte Dr. Rosmarin. Die einzige Verteidigung ist eine Wiederherstellung der Rüstung des Judentums.

Wenn die jüdische Geschichte eines bewiesen hat, dann dies: die Unmöglichkeit der Bekämpfung des Antisemitismus durch Vernunft. Der Hass gegen Juden ist ein primitiver Antagonismus, der aus der einheimischen Angst vor dem anderen erwächst, dem Unangepassten. Judenhass ist nie eine logische Rechtfertigung für das Anwerben von Anhängern gewesen. Die Triumphe antisemitischer Agitatoren beweisen, dass die Parole „tötet den Juden“ alles ist, was man braucht, um die Massen um sich zu scharen. Diejenigen, die Antisemitismus mit Vernunft bekämpfen wollen, treffen auf ihren beeindruckendsten Feind in den unsinnigen, unlogischen und widersprüchlichen Vorwürfen, die sie zu widerlegen erwarten. Antisemiten beschuldigen Juden gleichzeitig Kommunisten und Kapitalisten zu sein, Internationalisten und fanatische jüdische Nationalisten, diabolisch einfallsreich und total unkreativ. Es gibt keinen Charakterzug und sein Gegenteil, die nicht beide demselben Juden zugeschrieben werden. Wo kann da die Widerlegung anfangen und was soll widerlegt werden? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit mit Judenhassern zu diskutieren?

Die Frage kommt auf, ob einige der für die Bekämpfung des Antisemitismus aufgewendeten Ressourcen nicht auf Bemühungen umgeleitet werden sollten, um die psychologischen Auswirkungen des Hasses auszugleichen, indem das spirituelle Durchhaltevermögen unseres Volkes gestärkt wird, so dass wir besser in der Lage sind der zersetzenden Wirkung des Antisemitismus zu widerstehen. Diese Theorie beinhaltet nicht den Rücktritt und die Unterwerfung unserer Feinde. Stattdessen müssen wir auf unsere verfassungsgemäßen Rechte bestehen und Einzelne sowie Bewegungen bekämpfen, die diese Rechte verletzen. Die Mittel, um unsere Feinde von der Absurdität ihres Antisemitismus zu überzeugen, sind verschwendet, denn wie 3.000 Jahre jüdischer Geschichte bestätigen, gibt es keine Möglichkeit dieses Ziel zu erreichen. Den Antisemitismus auszumerzen ist ein Traum jenseits des Möglichen, solange die Juden als Minderheit, eigenständig oder anders, verstreut unter den Nationen leben. Mit den Worten Theodor Herzls: Die Nationen, in deren Mitte Juden leben, sind alle entweder offen oder im Verborgenen antisemitisch.

Die Juden der Geschichte wurden mit dem Antisemitismus fertig. Sie waren realistisch genug die Unmöglichkeit zu erkennen ihn mit Vernunft und Aufklärung auszurotten; sie untersuchten, was jenseits des Antisemitismus lag. Die Juden der Vergangenheit waren praktisch immun gegenüber den psychologischen Verheerungen des Antisemitismus. Mittelalterliche Chroniken berichten von jüdischen Märtyrern, die für das Judentum starben, aber es werden keine Juden erwähnt, die den Tod wählten, weil sie Juden waren, wie es Stefan Zweig und andere jüdische Intellektuelle unserer Zeit machten. Der Jude des Ghettos fand das Judentum befriedigend und eine Entschädigung für die Leiden, die er um seinetwillen erdulden musste.

Aber der moderne Jude, der im Judentum keine Erfüllung mehr findet, konzentriert all seine Bemühungen nervös auf die Bekämpfung des Antisemitismus oder er versucht aus der jüdischen Gemeinschaft zu entkommen.

Auch wenn es paradox klingt: Es stimmt, dass das Überleben des Judentums und des jüdischen Volks niemals durch ein Gegenvolk, seine Philosophie oder Gepflogenheiten; Vertreibungen waren Tragödien für die Betroffenen sowie ein schwerer Verlust an Ressourcen des jüdischen Volks als Ganzem, aber der Kern des jüdischen Volks wurde durch ihre Philosophie oder ihre Lebensart nie geschwächt oder auch nur angerührt, weil diese Grundlage des Judentums immer jenseits des Antisemitismus lag. Es gibt keine Macht, die Antisemiten umarbeiten kann. Selbst im freien Amerika sind wir fast hilflos gegenüber den höflicheren Formen des Antisemitismus. Es gibt wenig, das wir tun können, um aus Antisemiten Philosemiten zu machen. Stattdessen müssen wir uns bewaffnen, damit ihr Stachel uns nicht vergiftet. Statt sich in erster Linie um das Negative des Antisemitismus, seine Verhinderung, Behandlung und Heilung zu kümmern, sollten Juden sich auf die positiven Aspekte des Jüdisch seins, die ewigen Wahrheiten unserer Existenz und unser Überleben konzentrieren. Ein Beobachter der zeitgenössischen amerikanisch-jüdischen Szene könnten leicht dazu gebracht werden zu glauben, dass das Judentum eher ein Kampf gegen etwas statt Einsatz für etwas ist.

Diesen Geisteszustand diagnostizierte Ahad HaAm richtigerweise als die wahre Drohung des Antisemitismus. Seine große Gefahr liegt in den Neigungen zur Züchtung von jüdischem Selbsthass.

Die Geschichte bestätigt, dass zwar der Erfolg im Kampf gegen den Antisemitismus niemals den Bemühungen entspricht, prophylaktische Maßnahmen gegen die Verbreitung von jüdischem Selbsthass aber höchst effektiv sind. Zu diesen Schritten gehört die Stärkung jüdischer Selbstachtung und psychologischen Widerstands, indem man lehrt, was das Judentum wirklich ausmacht. Dass der Jude, der das jüdische Vermächtnis und die Bedeutung des Judentums ignoriert, auf einzigartige Weise anfällig für jüdischen Selbsthass ist, leuchtet ein, denn diese Art Jude hat nichts, um den Schmerz des Antisemitismus auszugleichen. Ein intelligenter und effektiver Angriff auf den Antisemitismus sollte sich in erster Linie auf die Stärkung des jüdischen Bollwerks konzentrieren. Hier wird diese Verteidigung am meisten benötigt.

Nicht Antisemitismus, sondern was darüber hinaus im jüdischen Bereich liegt, ist die Herausforderung unserer Zeit, die Notlage, der begegnet werden muss, wenn unser Volk mit schöpferischer Tatkraft überleben soll.

Das ist nicht allzu weit entfernt von meinem aktuellen Post zu diesem Thema.