Ein Drachen aus dem Land Israel?

Geschichten über Drachen führen uns in der Regel zu dunklen Höhlen in Europa, aber eine klassische Drachensage könnte ihre uralten Wurzeln genau hier, im Land Israel, haben.

Amit Naor, the Librarians, 21. Juli 2021

Illustration des Musaeum hermticum reformatum et amplificatum, 1749, Sammlung Edelstein, Nationalbiliothek Israels

Wussten Sie, dass mindestens ein Drache mit dem alten Land Israel in Verbindung gebracht werden kann? In er Regel ruft die Erwähnung von Drachen Szenen von Rittern in Rüstungen und emporragenden Burgen hervor; kurz gesagt: europäische Volkssagen, die in europäischen Landschaften spielen. Die Sagen beinhalten meist eine Jungfrau in Not, einen Drachen, der die örtliche Bevölkerung bedroht und einen mutigen Ritter, der zu Hilfe kommt, den Drachen erschlägt und die Jungfrau sowie den Ort und seine dankbaren Einwohner rettet. Gelegentlich wird der Ritter nebenher auch mit einem großen Schatz belohnt. Während es in der Folklore der Welt viele solcher Geschichten gibt, wird eine der berühmtesten in der christlichen Mythologie und westlichen Kultur mit dem Land Israel in Verbindung gebracht. Genauer gesagt mit der Stadt Lod (Lydda).

Es gibt viele Versionen der Geschichte des heiligen Georg und des Drachen, einer klassischen Drachensage, von denen sich einige sogar widersprechen. Es beginnt mit einem Mann namens Geórgios (Georg), geboren in eine christliche Familie griechischer Abstammung. Sein Vater war aus der Region Kappadokien in der heutigen Türkei und seine Mutter war in Lod im Land Israel geboren, damals die römische Provinz Syria Palaestina. Georgs Vater starb, als sein Sohn noch ein Teenager war; und so kehrten der Jugendliche und seine Mutter nach Lod zurück, wo er aufwuchs, bis er in die römische Armee eintrat. Der heilige Georg fand sein Ende, wie viele christliche Heilige, als er von den Römern geköpft wurde, die ihn wegen seines christlichen Glaubens verfolgten.

Die Legende des heiligen Georg und des Drachen tauchte erst viel später erstmals auf, im 11. Jahrhundert. Verschiedene Versionen der Geschichte platzieren den Kampf mit dem Drachen in Libyen oder in der Türkei. Aber es macht uns nichts aus, die Version zu glauben, die die Ereignisse in Lod ansiedeln, das traditionell die letzte Ruhestätte des heiligen Georg ist. Nach Angaben der Sage forderte ein die Region terrorisierender Drache Geschenke und Opfergaben der örtlichen Bevölkerung als Besänftigung. Nach Darstellung einiger Berichte lebte der Drache in einem See oder Sumpf und hatte die Macht die Wasserquellen zu vergiften. Sein Hunger war unstillbar und jeden Tag lieferten ihm die Dorfbewohner zwei Schafe. Als ihr Vorrat an Nutztieren erschöpft war, gingen sie zu Menschenopfern über. Das ging so, bis eines Tages die geliebte örtliche Prinzessin als nächstes Opfer des Drachen ausgewählt wurde. Obwohl ihr Vater, der König, all seine Reichtümer und Gold anbot, war verständlicherweise niemand bereit ihren Platz einzunehmen.

Hier kommt unser Held Georg ins Spiel, der zufällig auf seinem weißen Pferd vorbeikam; er war mit seiner zuverlässigen Lanze bewaffnet, die er „Ascalon“ getauft hatte, nach der Stadt, die man heute im modernen Israel als Aschkelon kennt. Die todgeweihte Prinzessin versuchte ihn zur Flucht zu überreden, aber Georg gelobte an ihrer Seite zu bleiben. Als der Drache erschien, stach er ihn mit der Lanze und verletzte die große Bestie tödlich. Georg bat die Prinzessin um ihre Schärpe, die er dann um den Hals des Drachen wickelte. Der Drache war gezähmt, so bald die Schärpe seine Schuppen berührte. Die Prinzessin und der furchtlose Ritter paradierten ihn dann durch die Straßen der Stadt.

Ein Drache, der sich in den Schwanz beißt; aus Musaeum hermeticum reformatum et amplificatum, 1749; Sammlung Edelstein, Nationalbibliothek Israels
Feuer atmender Drache aus Elementa Chemiae, von Johannis Conradi Barchusen, Sammlung Edelstein, Nationalbibliothek Israels

An diesem Punkt der Geschichte stellen die verschiedenen Versionen Georgs Charakter in etwas unterschiedlichem Licht dar. Nach Angaben einer Version stimmte er unter der Bedingung zu den Drachen zu töten, dass die Einwohner der Stadt sich zum Christentum bekehren, was sie auch taten. Eine andere erzählt, dass er den Drachen tötete und dann das Geld, das er vom König erhielt, an die Armen verteilte. Die fassungslosen Bauern bekehrten sich zum Christentum. Auf jeden Fall machte die Wundergeschichte ihn, neben Georgs militärischer Karriere, zu einer sehr beliebten Figur im Christentum sowie einen Schutzheiligen der Soldaten, Bogenschützen und Kavallerie, außerdem zu einem Musterexemplar des Mythos des christlichen Ritters.

Er ist auch der Schutzheilige Englands (dessen Flagge das „Kreuz des heiligen Georg“ trägt), Georgiens, Äthiopiens, Litauens, Griechenlands, der palästinensischen Autonomiebehörde, der spanischen Provinzen Katalonien und Aragon, der Städte Moskau und Istanbul sowie vieler weiterer Orte. Die Stadt Lod gedenkt natürlich ebenfalls seines Namens. Gemäß der Tradition wurde Georgs abgeschlagener Kopf der Stadt gebracht, wo er in der Kirche St. Georg der Drachentöter beerdigt wurde. Jedes Jahr am 16. November (nach dem gregorianischen Kalender) wird in der Stadt Lod ein Fest veranstaltet um der Weiterabe und Beerdigung seines Kopfes dort zu gedenken.

Detail aus einer runden Weltkarte, 1543. Drachen streifen and er Küste Libyens umher. Libyen war eine der möglichen Schauplätze der Geschichte des heiligen Georg und des Drachen. Aus La mer des hystoires, kartografische Sammlung Eran Laor, Nationalbibliothek Israels
Ein Meerdrache schwimmt vor der Küste des Landes Israel. Die auf 1536 datierte Landkarte, karthografische Sammlung Eran Laor, Naitonalbibliothek Israel

Und sollten Sie bei Ihrem nächsten Besuch von Lod keine Drachen finden, verzweifeln Sie nicht! Sie können in der Nationalbibliothek Israels in Jerusalem einige sehen. Wir haben ein paar unterschiedliche Exemplare aus dem Bestand der Bibliothek in diesen Artikel eingebunden: Drachen, die auf antiken Landkarten erscheinen, Drachen in alten wissenschaftlichen Texten, ein illustriertes Manuskript und sogar einen dreiköpfigen Drachen aus einem Buch alchemistischer Geheimnisse. Und das ist nur eine kleine Auswahl der vielen Drachen, die sich hier in den Stapeln und Regalen verstecken. Stöbern Sie im Katalog der Nationalbibliothek um mehr herauszufinden!

Illustration „Die drei Kopfe des Drachen“, die drei Metalle symbolisieren, die, wenn sie verschmelzen, nach Angaben einer alchemistischen Theorie den Stein des Philosophen schaffen. Aus: „The Crowning of Nature“, einem englischen Manuskript aus dem 17. Jahrhundert von Johann Conrad Barchusen; Sammlung Edelstein, Nationalbibliothek Israels

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