Welche Beziehung hat der Islam zum Christentum?

Theologische Analyse der Bibel und des Koran

Mark Drurie, Lausanne Global Analysis, November 2021 (s. auch: Middle East Forum, November 2021)

Der Koran ist in der heutigen Welt ein Buch von höchster Bedeutung und Einfluss. Er ist der Grundtext des Islam und über die islamische Scharia formt er Rechtssysteme, Politik, Ethik, Kulturen und Gottesdienst eines Viertels der Weltbevölkerung.

Der faszinierende Koran

Es gibt vieles am Koran, das schwer zu versehen ist und rätselhaft erscheinen kann. Er ist nicht einfach zu lesen. Das für Christen Faszinierende am Koran sind jedoch vielleicht seine vielen Anspielungen auf biblische Geschichten und Personen. Obwohl der Islam sich in den letzten 1.400 Jahren als die härteste Herausforderung der Christenheit herausgestellt hat, indem er vier der fünf Patriarchate der Pentarchie der Spätantike eroberte und dann islamisierte – Alexandria, Jerusalem, Antiochia und Konstantinopel – bezieht der Koran vieles aus der Bibel. Die zwei am häufigsten angeführten Personen im Koran sind Moses (136-mal) und Abraham (69-mal). Jesus wird mit sechsmal namentlich so oft angeführt wie Mohammed.

Eines der auffälligsten Dinge bei der Bibel im Koran ist die rätselhafte Kombination von Wissen und fehlender Kenntnis. Obwohl er zum Beispiel hunderte Verweise auf biblische Personen und Ereignisse enthält, scheint der Koran Maria, die Mutter Jesu (Hebräisch: Miriam) für dieselbe Person zu halten wie die Schwester von Moses und Aaron. In einer Sure (Kapitel) des Koran namens „Die Familie von Imran“ (das biblische Amram aus Exodus/2. Mose 6,20) gibt es einen Bericht, gemäß dem Maria „der Frau Amrams“ geboren wurde, woraufhin von Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer groß gezogen wird (Sure 3,35-37). Dann wiederum wird Maria in Sure 19,28 die „Schwester Aarons“ genannt. [1] Diese Beobachtungen werfen die Frage auf: „Wie kann der Koran so viel von der Bibel wissen, während er gleichzeitig nicht weiß, dass zwischen der Familie von Amram und der Familie von Jesus von Nazareth tausend Jahre lagen?“

Das ist beileibe nicht die einzige Ungereimtheit zwischen Bibel und Koran. Einige andere sind das Auftauchen von Haman, ein aus dem Buch Esther bekannter Name, am Hof des Pharao zur Zeit Moses (Sure 28,6), die Teilnahem eines „Samaritaners“ am Tanz um das goldene Kalb aus Exodus 32 (Sure 20,85/87/95) und ein Hinweis darauf, dass Saul seine Krieger aufgrund dessen aussuchte, ob sie Wasser mit ihren Händen schöpften oder direkt mit dem Mund tranken (Sure 2,249), was mit Sicherheit auf die Geschichte von Gideon in Richter 7 zurückgeht.

Ich erwähne diese Diskrepanzen zwischen Koran und Bibel nicht aus apologetischen oder polemischen Zwecken, sondern einfach um die Bedeutung der Frage zu unterstreichen: „Was macht so viel aus der Bibel im Koran?“

Eine „christliche Irrlehre“?

Im Lauf der Jahrhunderte bestand eine wiederholte Reaktion auf das reichhaltige und merkwürdige biblische Material im Koran in dem Schluss, dass der Islam aus dem entstand, was ursprünglich eine Art sektiererisches Christentum sei. So behauptete Johannes von Damaskus in einem Schreiben ein Jahrhundert nach Mohammed, dass dieser „nach einem Gespräch mit dem arianischen Mönch über das Alte und das Neue Testament seine eigene Irrlehre erschuf“.[2] Zu anderen Berühmtheiten, die ähnliche Ansichten vertraten, gehören Thomas von Aquin, Nikolaus von Cusa und Martin Luther, von denen einige arianschen Einfluss angeben, andere nestorianischen. Bis in moderne Zeiten ist diese Sichtweise so verbreitet, dass es als konventionelle christliche Erklärung für das im Koran gefundene biblische Material betrachtet wird.

Diese Einordnung des Islam als christliche Irrlehre hat zwei gegensätzliche Impulse gefördert. Einer besteht in der Korrektur der Dinge, die als „Fehler“ angesehen werden. Das war der Ansatz von Johannes von Damaskus. Eine gegensätzliche Antwort ist das gewesen, was Bischof Kenneth Cragg einen Prozess der Wiederherstellung bezeichnete.[3] Craggs Idee der Wiederherstellung lautete, dass Christen die Abweichung vom Evangelium rückgängig machen sollten, indem sie das Böse beseitigen, das den wahren Christus im Islam verdeckt. Dieser Ansatz will bestätigen, was im Koran wahr ist, indem es enthüllt wird. Einige Autoren – und Cragg ist ein Beispiel – haben argumentiert, dass das Böse nur aufgrund christlichen Versagens vorhanden ist, weil „der Islam sich in einem Umfeld der unvollkommenen Christenheit entwickelte“.[4] Folglich ist für Cragg die Rückgewinnung ebenfalls eine „Wiederherstellung“.[5]

Eine alternative These

Was aber, wenn „Korrektur“ wie auch „Rückgewinnung“ fehlgeleitet sind? Was, wenn die Gesamtvorstellung, der Islam sei aus christlichen Wurzeln entstanden, ein abwertender Fehler ist? Ist es möglich, dass weder der Korrektur-Ansatz noch der Wiederherstellungs-Ansatz gilt?

In meinem Buch The Qur’an and Its Biblical Reflexes[6] (Der Koran und seine biblischen Reflexe) erkundete ich eine alternative These: dass es eine tiefe theologische Trennung zwischen der Bibel und dem Koran gibt, die zu tief ist, als dass man die Ansicht aufrechterhalten kann, der Islam sei auf irgendeine sinnvolle Weise aus dem Christentum oder Judentum entstanden. Ja, der Koran integriert biblisches (und außerbiblisches) christliches wie jüdisches Material, funktioniert sie aber um, damit sie einer radikal anderen Agenda dienen: Der Koran marschiert zum Trommelschlag seiner eigenen theologischen Trommel. Ich kam zu dem Schluss, dass schon der schiere Umfang biblischer Spiegelungen im Koran kein wirklicher Beleg für eine tiefer gehende „Stammbaum“-Verwandtschaft zwischen Islam und Christenheit gibt.

Ein mittelalterliches persisches Manuskript zeigt Mohammed, wie er Abraham, Moses und Jesus beim Gebet leitet.

In einem Beispiel verweist der Koran wiederholt auf Jesus (Isa) und bezeichnet ihn sogar als den Messias (al-Masih), aber dabei handelt es sich um einen Christus ohne Christologie, denn es gibt keine Erklärung dafür, was ein Messias ist. Der Klangzustand des messianischen Titels ist in den Koran übertragen worden, aber nicht seine Bedeutung.

Der theologische Unterschied zwischen Bibel und Koran geht tiefer als oberflächliche Ähnlichkeiten anfangs nahelegen könnten. Zum Beispiel fehlt dem Koran eine Bundestheologie, um eine rettende Beziehung zwischen Menschen und Allah zu formulieren. Eine sorgfältige linguistische Analyse der arabischen Worte mithaq und ahd im Koran, die manchmal als „Bund“ übersetzt werden, offenbart, dass der Gott des Koran keine wechselseitigen, verpflichtenden Bindungen zu Menschen eingeht; solche Beziehungen gibt es nur zwischen menschlichen Wesen. Vermeintliche koranische „Bündnisse“ zwischen Gott und den Menschen im Koran sind in Wirklichkeit Verpflichtungen, die dieser Gott seinen menschlichen Sklaven auferlegt.

Selbstverständlich entlehnt der Koran üppig Material aus christlichen und jüdischen Quellen, aber nicht, um seine Theologie auszuformen. Zum Beispiel war die Vorstellung von Kriegsführung im Namen Gottes bei Christen zur Zeit des Koran aktuell; dieser griff das auf und arbeitete Ideen und Praktiken aus dem zeitgenössischen Christentum ein,[7] aber der Koran macht das ohne auf biblische Theologien der Kriegsführung zurückzugreifen. Stattdessen entwickelte er auf kreative Weise seine eigene Kriegstheologie, die in das passt, was aus zeitgenössischen christlichen Methoden in einen Rahmen vorislamischer arabischer Überfallskultur entnommen ist.[8]

Auf den ersten Blick ist der Monotheismus eine theologische Idee, die Bibel und Koran gemeinsam haben, aber der erste Eindruck kann täuschen. In der Thora geht es im Aufruf zum Monotheismus ausschließlich um Bundestreue zu Yahwe: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Deut./5. Mose 5,7). Die Vorstellung des Koran zu Gottes Einzigkeit gründet hingegen in arabischen Vorstellungen von einer Auftraggeber-Günstling-Beziehung und ist in der Aussage negativ, dass keine Vorstellung von Anstandspartnerschaft (schirk) auf Gott angewendet werden kann. Diese Metaphern verdanken der Bibel wenig bis gar nichts, sondern gründen in den Werten der arabischen Kultur, zum Beispiel der Erkenntnis, dass es für Sklaven verheerend ist zwei Herren zu gehören (Sure 39,29).

Zur Liste biblischer theologischer Schlüsselkonzepte, die nicht in die koranische Theologie aufgenommen wurden, gehört die Vorstellung der Anwesenheit Gottes, das Konzept der Heiligkeit und die Idee, dass Sünde eine Verletzung der Beziehung ist, die durch Buße repariert werden kann.

Wenn kein Stammbaum, was dann?

Viele Christen gehen davon aus, dass der Islam sich aus dem Judentum und dem Christentum entwickelte. Das ist selbst eine Ausdrucksform der herkömmlichen Ansicht des Islam als „christlicher Irrlehre“. Dahinter steckt die Annahme eines „Stammbaum“-Modells, in dem die Wurzel das Judentum ist. Diese bildet dann das Christentum und dann später den Islam als Zweige aus. Meine Forschung legt nahe, dass diese Denkart ein Irrtum ist, der zu viel auf oberflächliche Ähnlichkeiten und nicht genug auf Theologie achtet.

In The Qur’an and its Biblical Reflexes schrieb ich, dass „eine Herausforderung die Beziehung des Islam zu Judentum und Christentum darin besteht auf einen konzeptionellen Rahmen für die Entstehung eines Glaubens zu verweisen, der ein Muster umfangreicher Einflüsse in Kombination mit Beweisen bedeutender Abkoppelungen aufweist, von dem wir wissen, dass es beim Koran der Fall ist.“[9] Wenn Islam und Christentum nicht in einer Art Verwandtschaftsbeziehung stehen, wie sollen wir dann eine Beziehung in Begriffe fassen, die in einem sehr großen Ausmaß biblischer Inhalte resultierte, die in den Koran übernommen wurden? Wenn nicht Stammbaum, was dann?

In The Qur’an and its Biblical Reflexes habe ich mich auch auf zwei Metaphern gestützt. Die eine ist eine Bau-Metapher. Die Beziehung des Islam zum Christentum ist nicht wie die einer Kirche, die in eine Moschee umgewandelt wurde, wie die Hagia Sophia in Istanbul. Sie ist mehr wie eine Kirche, die abgerissen wurde und deren Material für den Bau einer Moschee umfunktioniert wurde; eher wie die Säulen in der Moschee in Qairawan in Tunesien, die aus lange abgerissenen früheren Kirchen neu verwendet wurden.[10]

Die andere Metapher, auf die ich mich stützte, war linguistische Bastardisierung. Einige Sprachen werden dadurch gebildet, dass man Material aus einer Superstrat-Sprache und einer Substratsprache (oder mehreren) vermengt. Ein Beispiel ist das haitianische Kreolisch, für das Französisch das Superstrat war und die Substratsprachen untergeordnete westafrikanische Sprachen waren. Das Ergebnis ist, dass Wörter aus dem haitianischen Kreolisch weitgehend französisch sind, aber seine Grammatik, Morphologie und Phonologie – ihr Kern – rein westafrikanisch.

Ich regte an, dass der Koran aus einem Prozess der Hybridisierung hervorging, in dem christliche und jüdische Einflüsse das Superstrat boten, während die vorislamische arabische Sprache und Kultur das Substrat lieferte, einschließlich eines Großteils der Theologie.

Abschließende Überlegungen

Die Beobachtung, dass der Koran keine „Stammbaum“-Beziehung zu Judentum und Christenheit hat, sollte keinesfalls als herabsetzend angesehen werden. Wenn der Koran „weder ein textlicher Ableger der Bibel ist, noch zu einem genetischen Stammbaum an ihrer Seite verbunden ist“,[11] dann können Christen von dem Denken befreit werden, der Islam sei eine Art christlicher Irrlehre und anfangen ihn als das zu begreifen, was er tatsächlich ist und nicht, was er Christen scheinbar auf den ersten Blick sein könnte.

Die hier angebotene Sichtweise, so sie gültig ist, könnte tiefgreifende Auswirkungen für die Koexistenz zwischen den beiden Religionen haben, darunter für den religionsübergreifenden Dialog. Sie hat auch Folgen für Mission. Sie bedeutet, dass sowohl Missionare als auch Dialogpartner die Aufgabe der „Korrektur“ oder der „Rückholung“ beiseitestellen können, denn diese beiden gegensätzlichen Ansätze sind eigentlich nur zwei Seiten derselben „Irrlehre“-Münze.

Meine Ergebnisse bieten eine Einladung an Christen, mit frischem Blick über die Ähnlichkeiten und (großen) Unterschiede zwischen Islam und den beiden biblischen Glauben – Judentum und Christentum –nachdenken.


[1] Muslimische Gelehrte waren sich natürlich bewusst, dass dieser Identifikation im Widerspruch zu den biblischen Berichten steht und einige Muslime den Vorschlag ablehnen würden, dass der Koran die Maria aus den Evangelien mit Mirimam vom Exodus identifiziert. Stattdessen schlagen sie vor, dass diese Koranabschnitte so typologisch interpretiert werden, d.h. „Schwester von Aaron“ bedeutet, dass sie vom selben Stamm wie Aaron war.

[2] Daniel John Janosik: John of Damascus, First Apologist to the Muslims: The Trinity and Christian Apologetics in the Early Islamic Period (Eugene, OR: Pickwick, 2016), S. 261.

[3] Kenneth Cragg, The Call of the Minaret 2nd edn (Maryknoll, NY: Orbis, 1985), S. 218-42.

[4] Cragg, The Call of the Minaret, S. 219.

[5] Cragg, The Call of the Minaret, S. 220.

[6] Mark Durie: The Qur’an and Its Biblical Reflexes: Investigations into the Genesis of a Religion (Maryland: Lexington, 2018).

[7] Thomas Sizgorich: Violence and Belief in Late Antiquity: Militant Devotion in Christianity and Islam (Philadelphia: University of Pennsylvania Press), S. 275.

[8] Durie, The Qur’an and Its Biblical Reflexes, S. 229–39.

[9] Durie, The Qur’an and Its Biblical Reflexes, S. 254.

[10] Ich verdanke diese hilfreichen Metaphern Dudley Woodberrys „Contextualization among Muslims Reusing Common Pillars, International Journal of Frontier Missions 13:4, (1996), S. 171-86.

[11] Durie, The Qur’an and Its Biblical Reflexes, S. 256.

2 Gedanken zu “Welche Beziehung hat der Islam zum Christentum?

  1. Der koran ist mit dem christlichen Teil der Bibel überhaupt NICHT vergleichbar!!
    Der koran ist eine stark entstellte „Abschrift“ von der Bibel! Jedoch soll man die Bibel NICHT verunstalten!!

    Offenbarung 22:18 Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen.
    19 Und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buchs dieser Weissagung, so wird Gott ihm seinen Anteil wegnehmen am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben steht.

    Diese Konsequenzen soll man WISSEN! Dann ist der koran nur noch FAK NEWS!!

    Der Islam wird die Welt NICHT erobern!! Die Weltherrschaft ist schon vergeben (Psalm 2:ff).

    Wir Christen sollen uns mit der BIBEL (AT und NT) beschäftigen und unser „Glück NICHT in fremden Denkweisen suchen!!

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