Israel braucht eine Narrativ-Strategie. Hier der Grund.

Amerika und der Westen ignorieren die Realität des Iran und der Palästinenser und der Muslimbruderschaft, weil sie sich in die Fantasie flüchten, die Welt sei nach ihrem eigenen Bild geformt.

Melanie Phillips, Israel HaYom, 26. November 2021

Eine faszinierende Fernsehserie der BBC hat die Art untersucht, wie Großbritanniens frühere Labour-Premierminister Tony Blair und sein Nachfolger Gordon Brown ihre Partei revolutionierten, um die Wahlsiegmaschine von „New Labour“ zu schaffen.

In einem Augenblick schmerzlicher Klarheit dachte Blair über die verheerenden Fehler nach, die 2003 im Krieg gegen den Irak gemacht wurden, den er an der Seite von US-Präsident George W. Buch anführte, um den irakischen Diktator Saddam Hussein zu stürzen.

Saddams Beseitigung brachte Jahre konfessionellen Gemetzels im Irak. Im Programm sagt Blair, der größte Fehler bestand darin, dass man versäumt zu erkennen, dass den Machthaber des Irak zu stürzen die eine Sache beseitigt, die die einander bekämpfenden Stämme davon abhielt zu versuchen einander auszulöschen.

Viel zu spät kam Blair zu der Erkenntnis, dass zwar für den Westen skrupellose Macht Anathema ist, sie im Nahen Osten aber etwas viel Schlimmeres aufhalten kann.

Von Bagdad über Jerusalem bis nach Beijing und andernorts befindet sich der Westen immer und immer wieder auf dem Holzweg.

In Bezug auf den Iran machen die USA einen tödlichen Fehler. Während der gefährlichste terroristische Feind des Westens immer schneller auf das Ziel des Durchbruchs zur Atomwaffenfähigkeit zusprintet, scheint Amerika nicht nur nicht willens ihn aufzuhalten, sondern alles zu unternehmen, ihn darin zu stärken.

Obwohl Sanktionen gegen den Iran formell immer noch gelten, hat die Administration Biden aufgehört sie durchzusetzen und sogar Milliarden Dollar in direkter Entlastung zur Verfügung gestellt. Statt geschwächt zu werden, ist der Iran jetzt gut aufgestellt, um gleichgültigen Vereinigten Staaten bei den nächste Woche ein Wien beginnenden Atomgesprächen weitere Zugeständnisse abzupressen.

Die Administration Biden reißt sich nach einer Art von Deal, egal wie. Welche Form auch immer dieser haben wird, er wird unausweichlich die katastrophale Politik des ehemaligen Präsidenten Barack Obama wiederbeleben, ein Regime mit Geld zu versorgen, das seit mehr als vier Jahrzehnten Krieg gegen den Westen führt, während es unausweichlich der Bombe näherkommt.

Der Hauptgrund für diese katastrophalen Fehleinschätzungen ist die Unfähigkeit des Westens andere Kulturen zu verstehen, die nicht die eigene sind. Dan Schueftan, der Vorsitzende des National Security Studies Center an der Universität Haifa, formuliert es so, dass der Westen im Allgemeinen und Amerika im Besonderen es durchweg versäumt haben Radikalismus zu begreifen.

Sie nehmen an, dass solcher Extremismus lediglich auf leere Parolen hinausläuft und dass grundsätzlich „rationale“ Führer „pragmatisch“ handeln werden, wenn sie „etwas zu verlieren haben“. Das, sagt er, ist auch das, wie sie – um nur ein paar wenige Namen zu nennen – Adolf Hitler, Palästinenserführer Yassir Arafat, den syrischen Präsidenten Baschar Assad und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan falsch verstanden.

„Eine ähnliche kulturelle Blindheit“, schreibt er, „hat auch die Amerikaner regelmäßig scheitern lassen, als sie versuchten Demokratie in den Irak, Pluralismus nach Libyen, Akzeptanz in die Muslimbruderschaft, Gleichberechtigung von Frauen nach Afghanistan und den Palästinensern Frieden zu bringen.“

Ein Grund für dieses Scheitern liegt in der monumentalen Arroganz des Westens. Er ist im Glauben, er sei das Zentrum des Universums, unfähig zu begreifen, dass andere Kulturen eine andere Denkweise als die eigene haben könnten. Er nimmt stattdessen an, dass jede andere Kultur ebenfalls von Rationalität und Eigeninteresse bestimmt wird. Er nimmt an, dass es keinen Konflikt gibt, der nicht über Kompromisse gelöst werden kann, für die die Seiten durch den überlegenen Intellekt des Westens die Köpfe zusammengeschlagen bekommen müssen, bis solche erreicht werden.

Diese Einstellung hat die klägliche Einmischung des Westens in den arabischen Krieg gegen Israel geleitet. Amerika, Großbritannien und Europa glauben unermüdlich an die „Zweistaatenlösung“ eines palästinensischen Staats an der Seite Israels.

Das ist jedoch eine Lösung für das falsche Problem. Denn die Frage in diesem hundert Jahre alten Konflikt ist nicht, wie der Westen sich selbst erzählt, die gerechte Verteilung von Land zwischen beiden Seiten mit einem vertretbaren Anspruch auf das Land. Vielmehr geht es um das Ziel der „palästinensischen“ Seite, die keinen juristischen, historischen oder moralischen Anspruch auf das Land hat, den Anspruch des jüdischen Volks zu zerstören, der der Einzige ist, der auf Rechtmäßigkeit und Geschichte gründet.

Der Westen missversteht das weiter, weil er nicht begreifen kann, dass der Kern der palästinensischen Verweigerungshaltung Antisemitismus und islamischem Extremismus sind.

Und der Grund dafür ist die Unfähigkeit des Westens zu begreifen, dass Antisemitismus nicht nur eine Form von Rassismus ist, sondern eine psychotische Geistesstörung; und als zunehmend säkulare Kultur begreift der Westen den Zugriff nicht, den religiöser Fanatismus auf den Verstand haben kann.

Großbritannien, wo die Sicherheitsdienste von radikalisierten britischen Muslimen praktisch so gut wie überwältigt sind, steht beim islamistischen Extremismus weiter vor einem absoluten Rätsel. Während vergeblich versucht wird solche Extremisten zu „entradikalisieren“, beharrt es darauf den islamistischen Faktor herunterzuspielen oder wegzuerklären.

Es erkennt den entscheidenden Punkt nicht – dass diejenigen Muslime, die sich in menschliche Bomben verwandeln, glauben, sie würden Gottes Werk tun und daher für Vernunft völlig unzugänglich sind.

In ähnlicher Weise schaffen es westliche Liberale nicht anzuerkennen, dass das iranische Regime von religiösen Fanatikern dominiert wird, die erpicht darauf sind eine Apokalypse zu provozieren, von der sie glauben, sie werde den schiitischen Messias auf die Erde bringen.

Dennoch bleibt Israel, das Land, das so viel dazu tun könnte den Westen gegenüber diesen Fehlern aufzuwecken, bemerkenswert unwillig das zu tun, nicht einmal um sich selbst zu helfen. Seine Feinde haben es erfolgreich als dämonisch verleumdet, um es zu delegitimieren und zu vernichten. Sie haben das mit Hilfe einer sechs Jahrzehnte durchgeführten Strategie gemacht, mit der im öffentlichen Diskurs Lügen und Mordverleumdungen gesät wurden.

Das hat nicht nur den palästinensischen Vernichtungskrieg gegen Israel als Unterdrückung der Palästinenser durch Israel neu geframt; es hat auch jeden, der Israel unterstützt, als durch Kontakt verunreinigt und zu Gift erklärt.

Angesichts dessen ist es absolut erstaunlich, dass Israel immer noch keine zentralisierte Kommunikationsstrategie hat. Stattdessen bekriegen sich verschiedene Organisationen, um mit weitgehend unkoordinierte Reaktionen den Propagandaansturm zu löschen, der die Sprache gekapert und die Juden fast aus ihrer eigenen Geschichte hinausgeschrieben hat.

Israel muss eine Strategie entwickeln, die das Narrativ formt, statt – wie aktuell – zu versuchen sich auf vom Feind gewählten Areal zu verteidigen. Statt nur auf die Angriffe zu reagieren, müsste es ständig notwendige, aber selten erklärte Wahrheiten in die Öffentlichkeit bringen.

Es müsste zum Beispiel herausstellen, dass es an seinen „Siedlungen“ nichts vom Völkerrecht untermauertes Illegales gibt. Es müsste westlichen Regierungen wegen der Falschdarstellung der Genfer Konventionen mit der falschen Behauptung „illegaler Besatzung“ kritisieren.

Es müssten ständig die Tatsache deutlich machen, dass die Juden das einzig übriggebliebene indigene Volk des Landes sind. Es müsste die naziartige Darstellung des jüdischen Volks als die Welt kontrollierende Blutsauger durch die palästinensische Autonomiebehörde publik machen – und herausstellen, dass diese widerwärtige Agenda im angeblich „antirassistischen“ Westen aktiv unterstützt und gefördert wird. Und so weiter.

Aber Israel hat keine derartige proaktive Strategie.

Verständlicherweise ist es mit der Notwendigkeit beschäftigt die unmittelbaren Bedrohungen für israelisches Leben durch seine völkermörderischen Feinde abzuwehren, die an seinen Grenzen und auf seinen Straßen haufenweise Waffen auffährt. Es hat zudem Angst die diplomatischen Regeln nicht einzuhalten und damit seine Freunde im Westen zu verstimmen, so falsch die auch liegen mögen.

Fundamentaler ist: Es glaubt, der Versuch Britannien oder Europa zu beeinflussen sei angesichts von deren furchtbarer Geschichte endemischen Antisemitismus eine vergebliche Mühe.

Das ist ein übler Fehler. Zumindest in Großbritannien unterstützen viele das palästinensische Lügennarrativ einfach nur deshalb, weil sie nicht die geringste Vorstellung von der Wahrheit haben. Und das ist der Fall, weil Israel sie ihnen nicht liefert.

Amerika und der Westen ignorieren die Wirklichkeit zum Iran oder den Palästinensern oder der Muslimbruderschaft, weil sie sich in die Fantasie flüchten, die Welt sei entsprechend ihres eigenen Bildes geformt.

Israel ist in der einzigartigen Position sowohl der Westen als gleichzeitig der Nahe Osten zu sein. Es ist daher einzigartig ausgerüstet den Westen aus diesem gefährlichen Hirngespinst herauszuinformieren. Dass es sich entscheidet das nicht zu tun, ist ein tragischer Fehler, sowohl für Israel selbst als auch für die Welt.