Israel begreift immer noch nicht, wie Online-Aktivismus funktionert

David Lange, Israellycool, 27. Dezember 2021

Die Jerusalem Post berichtet von einer neuen Online-Dipomatiekampagne.

Israelische Creator und Influencer auf TikTok, Instragram, Facebook und Twitter werden bei einer Online-Diplomatiekampagne mitmachen, die vom Außenministerium organisiert wird, berichteten israelische Medien am Freitag.

Die jungen Influencer, die zusammen 30 Millionen Follower haben, werden über die nächsten Wochen ein Hasbara-„Training“ durchlaufen, in dem beigebracht wird, wie sie auf die Entmenschlichungs- und Delegitimierungsanstrengungen gegen Israel in den sozialen Medien antworten können.

Zusätzlich werden die Online-Stars gelehrt die korrekte Terminologie zu verwenden, die sie nutzen sollten, um auf antizionistische und antisemitische Kommentare reagieren, die sie online erhalten.

Die Kampagne, sowie das Training für die Influencer wird vom stellvertretenden Außenminister Idan Roll organisiert.

„Ich bin glücklich, das israelische Contentschaffende sich unseren Bemühungen angeschlossen haben Israels Image in der Welt zu verbessern“, twitterte Roll am Freitag. „Sie werden Israels Social Media-Botschafter werden.“

„Indem wir ihr natürliches Talent für das Erzählen von Geschichten, zusammen mit dem Training durch das Außenministerium nutzen, werden sie zu einem integralen Bestandteil unseres Krieges gegen die Delegitimierung Israels in den sozialen Medien“, fügte der stellvertretende Außenminister hinzu.

Or Elkayam, ein israelischer Influencer mit mehr als 6 Millionen Followern, wurde während der Operation Hüter der Mauern im Mai beeinflusst Teil der israelischen diplomatischen Kampagne zu werden, sagte er Ynet.

„Während der Operation stand ich unter ständigen Angriffen auf meinem Social Media-Account, nachdem ich ein Video für TikTok erstellte, das Israel verteidigte, das mehr als eine halbe Million Mal geschaut wurde“, sagte Elkayam.

„Mancher könnte glauben, TikTok sei irrelevant, aber die Wahrheit ist, dass auf der Plattform fundierte, anspruchsvolle Gespräche mit Leuten aus der gesamten Welt stattfinden“, fügte er hinzu.

Elkayam werden sich in der Kampagne Influencer wie Alex Korotaev, Orin Julie und Stephane Legar anschließen.

Ich finde, das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die israelische Regierung Online-Diplomatie schlichtweg nicht begreift.

Mein erstes Problem habe ich mit dem gesamten Konzept. Online-Aktivisten haben alles, was sie der Regierung über effektive und ineffektive Gesprächsthemen der Regierung beibringen können – nicht umgekehrt. Israelische Regierungsbeamte und Sprecher sollten diejenigen sein, die in dem Kurs lernen, der von den Social-Media-Aktivisten gegeben wird! Diejenigen, die online eine Gefolgschaft entwickeln, bekommen ein Gefühl dafür, welche Gesprächsthemen Widerhall finden und effektiver sind als andere. Die angeführten Social Media-Influener (ich hasse dieses Wort!) hier haben große Gefolgschaften, also gehe ich davon aus, dass sie schonmal etwas richtig machen.

Will man argumentieren, ausgerechnet diese Influencer seien weniger erfahren in „Hasbara“, dann sucht euch Online-Aktivisten, die tagtäglich damit zu tun haben zu helfen sie auszubilden. Und keinesfalls als „Regierungsinitiative“.

Damit verbunden ist, dass Fakten wichtig sind, aber Emotionen herrschen. Hier ist die andere Seite weit effektiver gewesen als wir – sie ziehen an Herzschnüren, wenn auch mit falschen Narrativen. Es ist effektiver sympathische Leute ihre Botschaften auf ihre Weise verbreiten zu lassen, als von der Regierung geführten Gesprächsthemen zu folgen.

Etwas anderes, das man im Hinterkopf behalten sollte, ist Glaubwürdigkeit. Die Leute entwickeln große Gefolgschaften, wenn sie etwas Interessantes und etwas Authentisch selbst zu sagen und zu zeigen haben. Im Fall der oben erwähnten Orin Julie z.B. scheint eine Menge daran zu hängen, dass sie spärlich bekleidet von Waffen umgeben ist. Stephane Legar ist ein israelischer Sänger. In dem Moment, wo sie als „Handlanger“ der israelischen Regierung empfunden werden, dürften sie an Glaubwürdigkeit verlieren, zumindest bei denen, die beim Konflikt auf keine Seite schlagen. Man kann immer den Gläubigen predigen – das ist weniger interessant und, was wichtiger ist, weniger sinnvoll.

Ein weiterer Punkt: Diese „Influencer“ scheinen alle Israelis zu sein. Sind ihre Follower hauptsächlich Israelis? Gibt es Englisch sprechende und sogar Auslands-„Influencer“, die für das „Training“ in Erwägung gezogen worden sind? Wäre es nicht besser einfach mal anzufangen und das leise zu machen? In dem Moment, in dem sie ihre Beteiligung verkündeten, war die Kampagne vergeblich gemacht worden.

Ich habe eine ganze Weile schon folgendes gesagt: Wenn die israelische Regierung auf effektive Weise helfen will, dann stellt sie denen von uns etwas Geld und Ressourcen zur Verfügung, die diese Arbeit zu tun.* Bringt uns nichts bei! Sie haben bereits geholfen ein Netzwerk unter Online-Aktivisten aufzubauen, um Themen zu diskutieren und zu helfen das Wort zu verbreiten, was bereits wertvoll gewesen ist.

In gewissem Sinne kann der Aufstieg der sozialen Medien in nicht geringem Maße einen Zynismus gegenüber Mainstream-Medien und Regierungsnarrativen zugeschrieben werden. Wie dieser Bericht zeigt, begreift die israelische Regierung das immer noch nicht.


* Ja, trotz dem, was einige der Hasser behaupten, erhalte ich nicht einen einzigen Groschen von der israelischen Regierung. Und ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich gerne was bekommen würde!