Die vergessenen Feiertage des David Ben-Gurion

Der „Tag der Sammlung der Exilanten“ – dazu gedacht, dass sich eingewanderte Soldaten willkommen fühlen – war einer in einer Reihe von „Festen“, die das Nationalethos zu formen halfen.

Zack Rothbart, the Librarians, 5. Januar 2022

David Ben-Gurion mit Soldaten in Sarafend, 1949. (Foto: Rudi Weissenstein, alle Rechte bei Pri-Or PhotoHouse; teil der digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels)

Dem Staat Israel fehlte während der ersten Jahre seines Bestehens vieles – Frieden und Wohlstand, Lebensmittel, wirtschaftliche Stabilität, Wohnungen und grundlegende Infrastruktur, um nur ein paar zu nennen.

Nationale Feiertage hingegen gab es reichlich.

Keine Feiertage im traditionellen Sinn des Feierns; sondern Feiertage, die bewusst geschaffen, ausgerufen und begangen wurden, um unter den komplexen Umständen und Realitäten des entstehenden jüdischen Staates wichtige nationale Ziele zu erreichen.

Auf Drängen David Ben-Gurions wurden diese Feiertage alle mit großem Symbolismus gefüllt – sowohl zeitlosem als auch zeitgemäßem.

David Ben-Gurion 1994 (Foto: Rudi Weissenstein, alle Rechte bei Pri-Or PhotoHouse; teil der digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels)

Symbolisch und buchstäblich ging es bei den Feiertagen weitgehend um die Armee, die nicht nur für die Verteidigung verantwortlich war, sondern auch für die Eingliederung von Immigranten, Bildung der Massen und das Einflößen zionistischer Werte.

Als Israels Premierminister und Verteidigungsminister hatte Ben-Gurion die direkte Aufsicht und das Kommando über die Armee, wobei er ihrer Rolle als gewaltig formgebendem Spieler in der Gesellschaft und Kultur des Landes besondere Aufmerksamkeit schenkte.

Während des ersten vorübergehenden Waffenstillstands im Krieg 1948, nur einen Monat nach der offiziellen Gründung der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF), wurde auf allen Militärbasen des Lands und darüber hinaus der erste solche Feiertag begangen, der „Vereidigungstag“.

„Oberhäupter des Staates am Vereidigungstag“. (Aus der National Photography Collection der Familie Pritzker in der Nationalbibliothek Israels)

Dann kam der „Staatstag“ zum Jahrestag des Todes von Theodor Herzl, an dem Israels erste offizielle Militärparade stattfand.

Während des Festes Sukkot (Laubhüttenfest) feierte das Land den „Siedlungstag“, mit dem die Rolle der Armee bei der Hilfe zur Erfüllung des zionistischen Auftrags und Traums das Land zu besiedeln betont wurde.

Dann wurde während Hanukka, das Ende Dezember 1948 auf Januar 1949 stattfand, der „Tag der Sammlung des Exilanten“ gefeiert, der die Bedeutung eines weiteren zentralen israelischen Wertes feierte: Immigration.

Der Name des Tages ist auf Hebräisch ausgesprochen natürlicher: „Yom Kibbutz Galuyot“ – ein deutlicher Verweis auf traditionelle jüdische Texte, die die fast magische messianische Zeit beschreiben, in der Juden endlich von allen vier Enden der Welt ins Land Israel zurückkehren werden. In einer berühmten Zeile aus dem Talmud z.B. behauptet Rabbi Yochanan, dass der Tag der Sammlung der Exilanten noch größer ist als der Tag, an dem der Himmel und die Erde geschaffen wurden (Pesachim 88).

Auf manche Art und Weise war die massive Immigration nach Israel während dieser Zeit wahrlich nicht weniger als übernatürlich. Rund 100.000 Neuankömmlinge waren im Verlauf von nur ein paar Monaten gekommen.

Immigranten in Pardes Hanna, 1948. (Foto: Rudi Weissenstein, alle Rechte bei Pri-Or PhotoHouse; teil der digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels)

Während das Ideal der Immigration natürlich ein wichtiger Wert war, der betont und anerzogen werden soll, war der Sinn des Tages auch ein sehr praktischer. Die Eingliederung all dieser Immigranten lief kaum reibungslos ab, besonders in der Armee, in der erfolgreiche Eingliederung im Zusammenhang mit dem Konflikt buchstäblich den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten konnte.

Da etwa ein Drittel aller im Kampf eingesetzten Soldaten in Israels Unabhängigkeitskrieg Immigranten waren, war es entscheidend für den Erfolg der gesamten Anstrengung, dass sie akzeptiert wurden, aber in vielen Fällen sahen die, die im Mandat Palästina Geborenen oder erst ein paar Jahre zuvor Immigrierten auf die vor Kürzerem gekommenen Immigranten in ihrer Mitte herab.

Sie hatten oft wenige Empathie oder Mitgefühl für die kürzlich angekommenen Holocaust-Überlebenden, von denen sich viele zum Militär gemeldet hatten, als sie sich noch in Vertriebenenlagern in Europa befanden. Immigranten aus der arabischen Welt wurden wegen der dramatischen Unterschiede in Kultur und Sprache oft als weniger wert und barbarisch betrachtet.

Immigranten aus Nordafrika, 1949. (Foto: Rudi Weissenstein, alle Rechte bei Pri-Or PhotoHouse; teil der digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels)

Darüber hinaus hatte Israel aus Gründen der Diplomatie weitgehend darauf verzichtet die Tatsache zu betonen, dass viele seiner Soldaten aus dem Ausland kamen.

Bis Hanukka im ersten Jahr waren die Umstände und Bedürfnisse reif, dass der neue Staat und die Armee sich bemühten die Akzeptanz und Wertschätzung seiner neuen Immigranten zu fördern, besonders derer, die an der Front kämpften.

Der „Tag der Sammlung der Exilanten“ wurde überwiegend aus der Erkenntnis dieser Notwendigkeit geboren und tatsächlich waren die Immigranten-Soldaten der Fokus des Feiertags.

Es war kein Zufall, dass er für Hanukka geplant wurde, das höchst militärische Heldenfest im jüdischen Kalender.

Feiern und besondere Veranstaltungen zum „Tag der Sammlung der Exilanten“ fanden in Gemeinden im gesamten Land und auf praktisch jeder IDF-Basis statt; bei ihnen wurden immigrierte Soldaten eingeladen ihre Geschichte zu erzählen und Sondermaterial wurde auf Hebräisch sowie in ihren Geburtssprachen verteilt.

Ein Flugblatt mit Gedichtversen und einigen Illustrationen, wie sie von der IDF zum ersten „Tag der Sammlung der Exilanten“ 1949 verteilt wurden. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Bei der offiziellen nationalen Feier verglich Ben-Gurion die diplomatischen und militärischen Schwierigkeiten, denen sich das junge Land beim internen Kampf um die erfolgreiche Eingliederung der Migranten gegenüber sah.

Die Verbindung zwischen dem weltweiten jüdischen Volk war nie enger, sagte er und nannte die Immigranten-Soldaten eine „klare, lebende Manifestation“ dieser Verbindung und wies darauf hin, dass sie aus 50 Ländern in aller Welt, aus allen Ethnien, Stämmen und sozio-ökonomischen Hintergründen gekommen waren.

„Die Verbindung zwischen der Nation und der Diaspora erkennt in unserer Armee keine Unterscheidungen zwischen Ost und West an. Es gibt Soldaten aus dem Westen und es gibt welche aus dem Osten, Habasch [Äthiopien], Burma, Indien und China. Aus Ost und West kamen alle als eins zur Befreiungsarmee.“

Auch zivile Institutionen wurden aufgerufen mitzumachen; das Ziel war jeden Immigranten sich in seinem modern-antiken Heimatland zuhause fühlen zu lassen.

Dieses offizielle IDF-Poster für den ersten „Tag der Sammlung der Exilanten“ übermittelte diesen Geist sehr einfach, aber kraftvoll:

Poster für den „Tag der Sammlung der Exilanten“, Januar 1949. (Design: Yohanan Simon / IDF-Kulturdienst; aus der Sammlung Ephemera der Nationalbibliothek Israels)

Das von Yohanan Simon gestaltete Poster zeigt die neue Armee und den Staat als Gravitationszentrum für die über den Globus verstreuten Juden und trägt die Worte:

Und sie werden aus dem Osten und dem Westen zu uns gebracht, eine große Armee, um der Nation zu helfen…“

Diese Zeile voller prophetischer Bibel-Konnotationen stammt aus dem Gedicht des hebräischen Poesie-Preisträgers Hayim Nahman Bialk „LaMeitnadvim Ba’am“ (An die Freiwilligen unter den Völkern), einer Arbeit, die für ihre allegorischen Verweise auf die Makkabäer bekannt ist. Das von Bialik 1899 in Odessa geschriebene Gedicht wurde in der zionistischen Bewegung schnell populär durch seinen bewegenden, von Hanukka durchdrungenen Aufruf nach nationaler Erneuerung, Einheit und Besiedlung des Landes Israel.

Es wurde von einer Reihe verschiedener Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts vertont und bei zionistischen Treffen und Veranstaltungen aufgenommen und gesungen.

Alle Elemente des Posters – sehr bewusst zusammengestellt – bildeten eine Botschaft, die sich an Israels Bürger wandte, besonders seine Neuimmigranten.

Im Verlauf des nächsten Jahres sollten 300.000 weitere Neuankömmlinge aus aller Welt ankommen und Israels zweiter „Tag der Sammlung der Exilanten“ sollten unter einem anderen Namen bekannt werden: „Tag der Million“, um zu feiern, dass die jüdische Bevölkerung die Million überschritt.

Die Feiern dieses Jahres fanden überall in Israel und der jüdischen Welt statt: von Los Angeles bis zum Jemen, Rumänien bis Libyen, Australien und an weiteren Orten, auch auf Schiffen, die auf dem Weg waren, die nächste Million Neuankömmlinge zu bringen.

Diese Werbung für eine Feier „Sammlung der Exilanten“ / „Tag der Million“ erschien in der australischen Jewish News vom 16. Dezember 1949; verfügbar als Teil digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels.

Zwei Flüge mit Immigranten aus dem Jemen erreichten den Flughafen und die Stimmung war bei ihrer Willkommensfeier allgemein sehr gut, obwohl mindestens ein Bericht die Festlichkeiten mit der „Parade, die nicht paradierte“ verglich, weil Chaos regierte und Menschenmengen sich rufend drängten und Regierungsangestellte „kämpften wie die Löwen am Buffet, die einen guten Teller Essen bekommen wollen…“

Eine echte Familienheimkehr!

Andere Berichte erzählten eine zivilisiertere, wenn nicht sogar herzerwärmende Angelegenheit. Ein Kapitel aus dem Buch Hesekiel und Gedichte von Natan Alterman und David Schimoni wurde vorgetragen, die Polizeikapelle spielte und Hanukka-Kerzen wurden angezündet.

Nach tausenden Jahren Exil wurden diese Immigranten mit uralten und modernen Worten Zuhause willkommen geheißen, mit denen sie der „Rückkehr nach Zion“ lauschten.

Auch wenn der „Tag der Million“ und die anderen israelischen Feiertage von 1948/49 lange vergessen sein mögen, halfen sie alle die Grundlage eines nationalen Narrativs und Ethos zu legen, auf dem der junge Staat trotz allem, was während dieser schwierigen frühen Jahre fehlte, aufbauen konnte.