Mehr als ein Jahrhundert historischer israelischer Aufnahmen ist jetzt online und sie sind eine Offenbarung

Das Filmarchiv Israel öffnet dank einer Jahre dauernden $10 Millionen Digitalisierungsanstrengung eine bisher für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Schatzkiste, die Kriege, Wahlen und altehrwürdige Werbung zeigt

Karen Chernick, The Times of Israel, 8. Januar 2022

Tel Aviv (JTA) – Jahre lang konnten nur Personen mit Sondererlaubnis die klimatisierten Aufbewahrungsorte der Cinematheque in Jerusalem besuchen, um sich die bewegten Bilder anzusehen, die in Israels Filmarchiv enthalten sind. Aber nach einer massiven Digitalisierungs-Anstrengung kann heute jeder mit einem Internetanschluss die Aufnahmen betrachten.

„Wir befinden uns in dem Bereich, der Spaß macht, wo wir diesen Schatz mit der Öffentlichkeit teilen können“, sagt Noa Regev, Direktorin des Jerusalemer Cinematheque. Nach einem $10 Millionen teuren Projekt, das 2015 begann die audiovisuelle Sammlung zu erhalten, zu restaurieren und zu digitalisieren, kann das Archiv jetzt über eine Internetseite gestreamt werden, die Ende 2020 auf Hebräisch gestartet wurde und im Oktober englische Untertitel hinzufügte.

Die Website ist in zwei Abschnitte aufgeteilt, eine zu bezahlende Abruf-Kategorie namens „The Artistic View“ mit 300 israelischen Spielfilmen sowie eine kostenlose „The Historical View“ mit digitalisieren Versionen seltener Filme, jede in Israel von 1927 bis 1972 gedrehten Wochenschau, Amateurfilme und Familiensammlungen enthält.

„The Historical View“ zeigt, zumeist in Schwarzweiß-Filmen mit kratziger Patina, das Leben in der Region über Wahlen und Kriege hinweg, Baumpflanzungen und Werbefilme für Schönheitssalons in den 1920-er Jahren. Es gibt außerdem Komplettversionen historischer Aufnahmen, die Sie vielleicht schon einmal als Schnipsel in Dokumentarfilmen gesehen haben, z.B. die Ausrufung des Staates Israel.

Auf der Plattform gibt es viel zu sehen, was nach dem Jahrzehnt, nach Schlüsselwörtern und nach Orten durchsucht werden kann; weitere Auswahlmöglichkeiten werden hinzukommen. Bisher sind nur rund 30 Prozent des Zelluloid- und Videomaterial des Archivs digitalisiert worden; Regev schätzt, dass das komplette Archiv in fünf Jahren verfügbar sein wird.

„Menschen entdecken immer weiter Material“, fügt sie hinzu; sie sagt, da das Archiv ständig wächst, könnte es eventuell nie komplett online verfügbar sein. „Das faszinierendste Material ist das, was bei Leuten im boydem (Jiddisch für „Dachboden“) gefunden wird, in Israel wie im Ausland.“

Es folgt eine kurze Liste von Material, das man heute schon sehen kann; es umfasst den Zeitraum des späten 19. und des 20. Jahrhunderts.

Aufnahmen der Brüder Lumière von einem Zug der 1896 in den Bahnhof von Jaffa einfährt, sind auf der Internetseite von Israels Filmarchiv zugänglich (Screenshot aus dem israelischen Filmarchiv/via JTA)

Film der Brüder Lumière von Jaffa, Bethlehem und Jerusalem, 1896

Ein Vertreter der französischen Filmpioniere, den Brüdern Lumière, filmte nur ein Jahr nach der Erfindung ihres bahnbrechenden Cinématografen diesen neunminütigen Clip – die frühesten Filmaufnahmen der Region; er beginnt mit einem Zug, der 1896 in den Bahnhof von Jaffa einfährt. Die Fes tragende Menge weiß nicht, was sie sich ansehen soll: die Lokomotive, die sie aus Jerusalem erwarteten (und nur einmal am Tag kam) oder die seltsame, von einem Fremden bediente Vorrichtung. Während die Kamera über Jaffa, Bethlehem und Jerusalem schwenkt, zeigt sie die Verkäufer, Schnurrbärte und Kamele der Vergangenheit von vor 130 Jahren.

Thomas Edisons Kameramann im Heiligen Land, 1903

Weil er von seinen französischen Kollegen nicht ausgestochen werden wollte, schickte der amerikanische Erfinder Thomas Edison seinen Kameramann Alfred C. Abadie ein paar Jahre später – 1903 – mit einem Kinematografen in die Region. Abadie fängt eine Hauptstraße in Jaffa und Jerusalems nicht namentlich genannte „belebteste Straße“ ein. Fünf Männer, die sich untergehakt haben, befinden sich im Zentrum von Abadies Objektiv während eines Teils, der von einem Zwischentitel eingeführt wird: „Jüdischer Tanz in Jerusalem“; die Männer hopsen zu Musik, die in dem Stummfilm nicht zu hören ist.

Zwei israelische Kinder feiern 1959 im Zoo von Tel Aviv Purim, zu sehen in einer dokumentarischen Aufzeichnung, die im israelischen Filmarchiv verfügbar ist. (Screenshot aus dem Studioarchiv Herzliya / via JTA)

Purim im Zoo von Tel Aviv, 1959

Das Archiv enthält bezaubernde Bilder von Purim wie auch vom sagenumwobenen Zoo von Tel Aviv (der sich im Zentrum der Stadt nahe des heutigen Rabin-Platzes befand) und sie ereignen sich in diesem Kurzfilm von 1959 mit kostümierten Feiern zwischen Leopardenkäfigen. Damals waren Purim-Kostüme handgefertigte Originale und hier sehen wir ein Kind in einem Federkostüm, das auf komische Weise nahe an Pelikanen steht, die in etwa genauso groß sind, während wie Entdecker gekleidete Brüder einen falschen Heißluftballon herumziehen. Diese Wiederholung des Zoo-Themas vereinigt sich mit ihren Wurzeln der Version von 1930, die im Garten von Rabbi Mordechai Shorenstein angesiedelt war (wie es in diesem Clip von 1935 verewigt wurde).

Josephine Baker besucht 1954 Israel, zu sehen in Aufnahmen im israelischen Filmarchiv. (Screenshot aus dem israelischen Filmarchiv und der Jerusalemer Cinemathèque, Staatsarchiv Israel / via JTA)

Josephine Baker und andere Promis besuchen Israel

Amerikanische Bühnen- und Leinwandstars besuchten die 1950-er und 1960-er Jahre hindurch, hatten gefeierte Ankünfte am Flughafen Lod, die in Wochenschau-Filmen aufgezeichnet wurden. Josephine Baker, in den USA geborene Kabarett-Sängerin und Aktivistin, die sich in Frankreich häuslich niederließ, flog 1954 mit El-Al ein, um mehrere Auftritte zu geben (und versuchte erfolglos ein israelisches Kind zu akzeptieren).

Als Danny Kaye, der in „White Christmas“ spielte, ein paar Jahre später – 1961 – einen Überraschungsbesuch abstattete, verbrachte er seine Zeit auf dem Golfplatz von Caesarea. Im Folgejahr kam Frank Sinatra für sieben Auftritte mit einem Privatjet, deren Einnahmen einem jüdisch-arabischen Jugendzentrum in Nazareth zugute kamen. Und als Kirk Douglas 1964 zu Besuch kam, traf er Israels drittem Premierminister Levi Eschkol.

Der bewegendste dieser Paparazzi-Clips ist einer von Sammy Davis Jr., der 1969 zu einem eintägigen Besuch kam und darum bat direkt vom Flughafen zur Westmauer gefahren zu werden, wo er einen handgeschriebenen Wunsch zwischen die antiken Steine steckte.

Archäologische Entdeckungen

Antike Steine sind ein im Archiv immer wiederkehrendes Thema, darunter eine Grabeshöhle aus der Hasmonäerzeit, die 1956 per Zufall gefunden wurde, als Fundament für ein Wohnhaus an Jerusalems Alfasi-Straße ausgehoben wurde.

In einem weiteren Clip halten Luftaufnahmen die 1963 vom Archäologen und Politiker Yigael Ydin durchgeführten Ausgrabungen auf Massada fest. Die Wiedereinweihung des antiken römischen Amphitheaters in Caesarea 1961 – nach einer 1.700 Jahre lagen Auszeit – wurde gefilmt, um die Menge der internationalen Musiker aufzuzeichnen, die hergebracht wurden, um den Ort wiederzueröffnen, darunter der Cellist Pablo Casals, der zwischen den Ruinen auf einer bescheidenen Bühne spielte.

Carmel-Markt 1969

Einige Filmabschnitte sind hingegen nicht mit der Bedeutung antiker Geschichte, biblischer Imperien oder erzählten Schlachten beschwert – sie sind einfach lustig. Diese Spule, die einkaufende Menschen auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv zeigt, wie sie dreist in eingelegtem Fisch stochern und die Gliedmaßen geschlachteter Hühner auf dem Carmel-Mart ausbreiten, ist eine davon. In dem Clip kaufen nur Frauen ein und sie wollen sicherstellen, dass sie nur das absolut beste (bitte Leerstelle ausfüllen) aussuchen. Was, wenn ihre Hände und Nase ein halbes Dutzend Creme-Törtchen berühren, die sie dann doch nicht kauften?

Werbung für von Osem hergestellte Instantsuppe, 1960

Wenn sie nicht persönlich Sachen auf dem Markt anfassten, vertrauten israelische Kunden der Fernsehwerbung, die ihnen sagte, was gut ist. Regev sagt, die klassischen Werbefilme des Archivs sind ein wenig erforschtes Kleinod, so wie bei dieser Werbung des israelischen Herstellers Osem, die Mütter ermutigt ihre Kleinkinder mit einer Suppe aus Brühwürfeln und kochendem Wasser zu füttern. (Es muss Eindruck gemacht haben – das Suppenpulver ist bis heute ein Grundnahrungsmittel israelischer Haushalte.)

Die Landschaft Israels spielt in weiteren Werbefilmen eine Rolle, so der Strand von Caesarea in einer Werbung für Gottex-Schimmmode von 1964 und eine Autofahrt nach Rosch Hanikra als Kulisse für eine Werbung spritsparender Heinkel-Roller.