In Fotos: das jüdische Afrika

Jono Davids „unendliche jüdische Foto-Reise“ führte ihn dazu, eine vielfältige Sammlung der oft übersehenen jüdischen Gemeinden – neue wie alte – des afrikanischen Kontinents zu dokumentieren.

Jono David, the Librarians, 19. Mai 2021

Gemeindemitglieder von Lemba. Manavhela, Provinz Limpopo, Südafrika © Jono David

Im Juli 1997 begab ich mit auf eine sechswöchige Eisenbahn-Odyssee von Peking in China nach London in England.

Die Reise war die Umsetzung eines lange gehegten Traums. Dessen Versprechungen waren größer als ich mir hätte vorstellen können.

Aufenthalte in der ländlichen Mongolei und am Baikal-See, dem tiefsten und größten Süßwasser-See der Welt in Sibirien, waren keine Enttäuschung. Im weiteren Verlauf hatte ich Stopps in Moskau, St. Petersburg, in jedem der baltischen Staaten und Warschau, bevor ich in Londons Waterloo Station einfuhr, einen Steinwurf entfernt von den schäbigen Ausgrabungen, die ich einst als Zuhause bezeichnete.

Aber bei diesem großen Abenteuer geschah etwas Unerwartetes.

Unerwartete Kursänderung

In Irkutsk hielt ich an, besuchte die Synagoge und wurde von ein paar Leuten vor Ort und einem amerikanischen Besucher willkommen geheißen, der sich dort für ein Forschungsprojekt aufhielt. Die Begegnung setzte unbeabsichtigt einen völlig anderen gedanklichen Ansatz zu der Reise in Gang.

Die Synagoge von Irkutsk in Russland, August 1997. © Jono David

Während ich alles komplett in Anspruch nahm, was die Zugreise selbst zu bieten hatte, wurde ich gleichermaßen auf meine russisch-jüdischen Wurzeln väterlicherseits konzentriert. Als ich in Polen ankam, fragte ich mich, wie mein polnisch-jüdisches Erbe mütterlicherseits aussah, besonders wo die Heimatstadt meiner Urgroßmutter sein könnte. Ich kannte sie – und ihre Latkes – gut. Sie verstarb, als ich 18 war.

Als ich im September wieder in Osaka in Japan Zuhause ankam (wo ich seit 1994 lebe), hatte ich mich bereits entschlossen: Ich würde im Februar/März wieder nach Zentraleuropa reisen, mit dem einzigen Ziel so viele „jüdische Fotos“ wie möglich zu machen.

Meine erste „offizielle“ Jüdische Foto-Reise

Ich flog nach Frankfurt und nahm dann einen Zug nach Prag. Von dort brachte mich die planlose Reise in mehrere Ecken der Tschechischen Republik, der Slowakei, Ungarns, Polens und Österreichs.

Das Ganze war völlig unorganisiert. Keine Verabredungen. Keine Termine. Keine Internetnutzung. Und kaum Kenntnisse in Fotografie.

Ich konnte es damals nicht wissen, aber die Reise war meine erste „offizielle“ Jüdische Foto-Reise. Sie löste eine lebenslange Hingabe zur Dokumentation der jüdischen Welt in Fotos aus.

Bei der ersten „offiziellen“ Jüdischen Foto-Reise des Autors In Auschwitz im Februar 1998 aufgenommenes Foto. © Jono David

Im Verlauf der Jahre und viele Reisen eines Lebens später erkannte ich, dass es an der Zeit für etwas Größeres, Besseres und Kühneres war. 2010 richtete sich mein Blick auf das jüdische Afrika. Vorher hatte ich zwar einige Teile des nördlichen Afrika besucht und das südliche Afrika durchquert, aber diese Reisen – wie die mit der Transsibirischen Eisenbahn – waren in erster Linie Tourismus mit ein paar eingesprenkelten jüdischen Fotogelegenheiten. Mit anderen Worten: Es waren keine Foto-Reisen an sich und sie waren gewiss nicht strukturiert.

Ich hatte lediglich eine Bildersammlung zusammengetragen. Aber das jüdische Afrika sollte etwas anderes sein.

Afrikanisch-jüdische Gemeinden entwickeln

Von August 2012 bis April 2016 begab ich mich auf acht einzigartige Foto-Reisen ins jüdische Afrika, die rund 60 Reisewochen in 30 Länder und Gebiete umfassten. Am Ende archivierte ich rund 65.000 Fotos des jüdischen Afrika und ich machte das mit dem Ziel eine grundlegende Frage zu beantworten: Wer sind die Juden Afrika?

Der geistliche Leiter der jüdischen Gemeinde Beth Yeshourun, Serge Etele (lniks) prüft eine neue Mesusa im Haus der Familie Ambomo in Douala (Kamerun). © Jono David
Matze-Bäckerei in Hara Kebira auf Dscherba in Tunesien © Jono David

Ich war besonders an den entstehenden schwarz-jüdischen Gemeinden an Orten wie Uganda, Kenia, Ghana, Madagaskar, Gabun und Kamerun interessiert. Im Verlauf der letzten 20 Jahre hat das Phänomen des religiösen Verzichts und Selbstkonversion zum Judentum – in einigen Fällen wie in Ghana, Kamerun und Gabun – mit der Aufkommen der Internetverbindungen dort zugenommen: Echtzeit-Verbindungen verflechten die schwarz-jüdische Komplexität auf dem gesamten Kontinent.

Kinder der jüdischen Gemeinde Kasuku, Ol Kalou, Nyandarua, Kenia. © Jono David

Bislang werden diese kleinen, aber leidenschaftlichen Gemeinden von offiziellen Instanzen in Israel und der jüdischen Mainstream-Welt weiter weitgehend ignoriert – die 100 Jahre alte Abayudaya-Gemeinschaft in Uganda wird vom konservativen Judentum offiziell anerkannt, aber das ist eine Ausnahme.

Verbindungen außerhalb jüdischer Organisationen und Rabbiner nehmen allerdings zu und offizielle jüdische Anerkennung bleibt ein wichtiges Ziel.

Europäische Wurzeln auf dem gesamten Kontinent

Auf meinen Reisen besaßen diese Gemeinden eine besondere Faszination, aber ich achtete genauso auf die Gemeinden mit europäischen Wurzeln. Ich war nicht nur auf ihre Geschichte neugierig, sondern auf ihre Ausprägung des jüdischen Lebens im Vergleich zu den vertrauten Gepflogenheiten in Europa.

Die Gemeinschaft in Südafrika z.B. begann hauptsächlich unter britischer Herrschaft im 19. Jahrhundert. Es handelte sich bei ihnen um vorwiegend aschkenasische Juden, die von litauischen Juden vor und nach dem Holocaust abstammten. Zwischen 1880 und 1940 war die Gemeinschaft auf rund 40.000 angeschwollen (sie erreicht ein den 1970-er Jahren mit 120.000 ihren Höchststand).

Ketubbah (jüdischer Ehevertrag), Benoni, Südafrika 1922 (aus Sammlung der Nationalbibliothek Israels)

Man könnte sogar sagen, dass ein jüdischer Einfluss in der Region bis ins 15. Jahrhundert und die portugiesische Erkundung mit jüdischen Kartographen zurückreicht, die den Entdeckern Bartolomeu Dias und Vasco da Gama halfen. Aber erst in den 1820-er Jahren hatten Juden eine signifikante Präsenz. 1841 bauten sie ihre erste Synagoge in Kapstadt. In den 1880-ern lockte ein Goldrausch tausende weitere Juden an, hauptsächlich aus Litauen.

Im Verlauf der Jahre hatten Juden aus der gesamten Region Südafrikas einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die lokale Gesellschaft, Politik, Geschäftswelt und Geschichte gehabt. Fakt ist, dass dasselbe auch von jüdischen Siedlungen von Kenia bis in die nordafrikanischen Nationen gesagt werden kann.

Upscherin in der Northcliff Hebrew Congregation, Northcliff, Johannesburg, Gauten, Südafrika. © Jono David

Jüdische Kolonien im heutigen Simbabwe, Mosambik, Sambia und Namibia gediehen allesamt. Sie bauten ihre Synagogen, Schulen und sozialen Zentren sehr oft in europäischen Architekturstilen – mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen in Südafrika mit niederländischem Kap-Design und im Maghreb mit islamischen und maurischen Linien – und beinhalteten allen Schmuck, Traditionen, Bräuche und kulinarischen Geschmäcker ihrer Heimatländer. Ich stellte diese Beschaffenheiten als überzeugende Beweise der Bande fest, die die Juden in der ganzen Welt verbinden.

Die Synagoge der Hebräischen Gemeinde Windhoek, Namibia. © Jono David
Die Synagoge Rabbi Bisal El. Hara Kebira, Dscherba, Tunesien. © Jono David
Die Synagoge der jüdischen Talmud Thora-Schule in Sefrou, Marokko. © Jono David

Trotz ihrer Erfolge in diesen entlegenen Ländern gab es jede Menge Entbehrungen. Frühe Siedler in der Region Südafrika kämpften sich über trockenes und staubiges Land, um neue Siedlungen zu schaffen. Manche suchten Reichtümer durch Diamanten, Robbenjagd, Walfang und Staußenzucht. Andere bekleideten derweil führende politische und juristische Posten. Dennoch war der Antisemitismus nicht völlig in Europa zurückgelassen worden.

Obwohl allen Einwohnern Südafrikas 1870 freie Religionsausübung gewährt wurde, verbot z.B. es ein Gesetz aus dem Jahr 1894 Juden militärische Positionen und verschieden politische Posten zu bekleiden. 1937 zielte der Aliens Act darauf den Zustrom jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland einzudämmen. Juden sahen sich auch dem Widersand pro-deutscher Afrikaner gegenüber. Und sie wateten durch das emotionale wie moralische Minenfeld der Apartheid.

Heute schrumpfen die jüdischen Gemeinden der Region Südafrikas und uralte im Maghreb halten so gerade eben durch (besonders in Marokko und Tunesien); schwarz-jüdische Gruppen nehmen an Zahl, an Orten, an Hingabe zu. Nach Jahrhunderten der Unterjochung durch politische wie religiöse Invasoren haben die Motivationsfaktoren dieses jüdischen Erwachens ihre Wurzeln im Streben nach Wahrheit und Identität: Eine Wahrheit, die in den Grundsätzen des Judentums und der Thora wurzelt, ist eine in Selbstbestimmung gründende Identität.

Der Buchdeckel von The Jews of Africa: Lost Tribes, Found Communities, Emerging Faith

Meine Fotografien bemühen sich diesen komplexen Teppich der jüdisch-afrikanischen Völker zusammenzuweben, die durch historische, kulturelle, linguistische und regionale Unterschiede getrennt und doch vom Glauben an HaSchem vereint sind.

Seit den späten 1990-er Jahren ist der in Großbritannien geborene Fotograf Jono David um den Globus gereist, hat ein umfangreiches Archiv zeitgenössischer Bilder jüdischen Erbes und Erbestätten der Welt zusammengetragen – ein wachsendes Kompendium aus mehr als 120.000 Fotos aus 116 Ländern und Territorien. Sein aktuelles Buch The Jews of Africa: Lost Tribes, Found Communities, Emerging Faiths [Die Juden Afrikas: Verlorene Stämme, gefundene Gemeinden, entstehender Glaube] hat Jahre der Reisen in rund 30 afrikanische Länder und Territorien zur Grundlage. Es beinhaltet 230 Fotografien und 14 Aufsätze von Forschern, Rabbiner und Mitgliedern der jüdisch-afrikanischen Gesellschaft.