Die für Antisemitismus blinde israelische Linke

Für sie liegt die Ursache der Anschläge letztlich in der Regierungspolitik in den Palästinensergebieten, was die Situation nicht im Ganzen im Blick hat.

Ben Cohen, Israel HaYom, 13. Februar 2022

Ein großer Forscher zu Antisemitismus sagte mir einmal, es gebe ein Land, das ihn frustriert, wenn es um das Verstehen des Ausmaßes und der Tiefe des Judenhasses geht: Israel.

Das mag zwar so klingen wie der Kern eines klassischen jüdischen Witzes, aber meinem Gesprächspartner war es tatsächlich todernst. Und sein Punkt war gut beobachtet. Da sie in einem jüdischen Staat aufwachsen, waren Israelis mit Antisemitismus nur über Geschichtsunterricht und durch die widerliche Propaganda vertraut, die von Medien aus der arabischen und muslimischen Welt in ihre Richtung gesendet wurde. Aber sehr wenige Israelis hatten die Erfahrung angegriffen zu werden, weil sie eine Kippa tragen oder in eine jüdische Schule zu kommen und Hakenkreuze an die Wände geschmiert vorzufinden oder auf der Straße als Yid beleidigt zu werden. Selbst als die Israelis begriffen, dass Antisemitismus anderswo ein echtes Phänomen war, handelte es sich in Begrifflichkeiten des Alltags in um eines, das eher in der Vorstellung und Interpretation existierte denn als gelebte Erfahrung.

Dennoch begreifen und respektieren die meisten Israelis heute, dass Antisemitismus einmal mehr eine gewaltige Herausforderung ist, der sich jüdische Gemeinschaften in der Diaspora, aber nicht alle gegenübersehen. Insbesondere bei der israelischen Linken gibt es eine nonchalante, ungehaltene Einstellung gegenüber Antisemitismus, der als irritierende Ablenkung von Israels Besatzung palästinensischer Gebiete wahrgenommen wird – dem Thema, das für sie wirklich zählt.

Ein von der Tageszeitung Ha’aretz veröffentlichtes aktuelles Op-Ed des israelischen Journalisten Akiva Eldar fing diese Haltung perfekt ein. Sein Titel war hoffnungslos unreif und beleidigend – „Wenn sich gegen Ungerechtigkeit auszusprechen antisemitisch ist, dann bin ich Antisemit“ – aber insofern, als sie offen und ehrlich Antisemitismus als List darstellt, Eintreten für Palästinenserrechte zum Schweigen zu bringen, war sie eine prägnante Zusammenfassung des folgenden Artikels.

Laut Eldar „hat keine Anschuldigung stärkeren Effekt als die Anschuldigung des Antisemitismus“ und israelische Politiker haben diese Tatsache mit aller Macht ausgeschlachtet. Der ehemalige israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu „hat ausnahmslos aus jedem Dokument, das es wagte die Besatzung zu kritisieren, in eine neue Ausgabe der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ gemacht“, schrieb Eldar und fügte an, dass dies eine Taktik sei, die sich heute Netanyahus Rivale, der aktuelle Außenminister Yair Lapid, zu eigen mache.

Für Eldar ist alles, was auf dem Spiel steht, die anhaltende israelische Präsenz in der Westbank und Ostjerusalem. Den jüngsten Bericht von Amnesty International als „antisemitisch“ zu etikettieren, in dem Israel vorgeworfen wird, es habe das Apartheidsystem der Rassentrennung originalgetreu kopiert, das in den Jahrzehnten zuvor in Südafrika herrschte, sagte Eldar, hieße das Thema zu verfehlen.

„Wenn die Lage in den Gebieten seit 1967 zu beschreiben antisemitisch ist, dann bin ich ein Antisemit“, schrieb er. „Wenn zu sagen, dass Israel zunehmend unter Symptomen von Apartheid leidet, Antisemitismus ist, dann bin ich ein Antisemit.“

In einer bitteren Bemerkung an seine israelischen Mitbürger fuhr Eldar fort: „Und sagt mir nicht, dass viele Leute hier wirklich an der Menschenrechtslage in den Gebieten interessiert sind. Wie viele Leser wissen, dass Ziegenmilchjoghurt von Halay Ha’aretz in einer Siedler-Molkerei auf dem Land von Susiya hergestellt wird, einem Bollwerk der kriminellen Zeloten der illegalen Außenposten (Entschuldigung, ich meine die ‚Helden des jungen Siedlungsprojekts‘)? Osem-Nudeln wegen Preissteigerungen zu boykottieren ist viel wichtiger.“

Am Ende seines Textes räumt Eldar widerwillig ein, dass die Anschuldigung „Apartheid“ im Fall Israel kein neues Konzept ist, sondern ein diskreditiertes Sprachbild aus den Propagandaabteilungen der alten, unbeweinten UdSSR. Israel als „Apartheidstaat“ zu etikettieren (es dazu „naziartiger Verbrechen“ zu beschuldigen) war eine clevere Möglichkeit die innere Verfolgung von Juden in der Sowjetunion – die Gemeinschaft als „Zionisten“ und „wurzellose Kosmopoliten“ zu stigmatisieren – als progressive Außenpolitik zu verkleiden, die arabischen Widertand gegen amerikanische und israelische Pläne in der Region stärkt.

Elder versäumte es zudem die politischen Folgen der Apartheid-Analogie zu bedenken. Südafrika wurde 1994 zu einer multirassischen Demokratie, als seine entrechtete schwarze Mehrheit schließlich das Stimmrecht gewann. Es hörte nicht auf als souveräner Staat zu bestehen, aber sein Innenleben wurde verändert, sobald die institutionalisierte Dominanz der weißen Minderheit – nur rund 10 Prozent der Gesamtbevölkerung – aufgelöst wurde.

Einige israelische und jüdische Linke glauben, das sei auch die Lösung für Israels Version der „Apartheid“, womit praktischerweise die Tatsache übersehen wird, dass Juden in Israel eine klare demografische Mehrheit bilden, dass arabische Bürger Israels volle Gleichstellung genießen und dass Palästinenser (anders als schwarze Südafrikaner) Terrorismus als ihre Hauptmethode nehmen, sich Israel entgegenzustellen.

In die Anschuldigungen Israel sei ein Apartheidstaat ist ein Aufruf nach seiner Beseitigung eingebettet. Amnesty International argumentiert, der jüdische Staat könne nur als Apartheidstaat existieren, weil es notwendigerweise ein Kolonialprojekt ist, dass auf Kosten der Palästinenser durchgeführt wird. Aus dieser Analyse fließt der Schluss, dass Israels Souveränität als jüdischer Staat, weil es nicht friedlich in einen demokratischen Staat reformiert werden kann, zerstört werden muss.

Das war natürlich die Kernbotschaft der gewalttätigen, antisemitischen Demonstrationen, die während des elftägigen Konflikts zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen im letzten Mai in den USA und international stattfanden. Für jüdische Diaspora-Gemeinden ist der Vorwurf der Apartheid und seine Begleiter – Parolen wie „Free Palestine“ und „From the River to the Sea, Palestine Will Be Free“ – in Absicht wie Wirkung unmissverständlich antisemitisch.

Absicht, weil die Entfernung nur Israels von der Landkarte der Welt bedeutet, eine antisemitische Idee zu äußern. Wirkung, weil wenn diese widerlichen Vorstellungen bei Demonstrationen und in sozialen Medien verbreitet werden, es gewöhnliche Juden sind, die unter Gewalt, Übergriffen und Vandalismus leiden. Während des Konflikts im letzten Mai – als die Hamas und Terrorgruppen mehr als 4.000 Raketen auf die israelische Zivilbevölkerung schossen und Israel zurückschlug – haben Hassverbrechen gegen Juden eine astronomische Zunahme durchgemacht: 589 Anschläge in Frankreich, 661 in Großbritannien und 305 in den USA in nur einem Monat.

Wie auch immer, für Eldar und seine Mitdenker von der israelischen Linken liegt die Ursache dieser Angriffe letztlich bei der Regierungspolitik in den Palästinensergebieten. Mit anderen Worten: Wenn Diaspora-Juden leiden, ist der jüdische Staat dafür verantwortlich zu machen.

2 Gedanken zu “Die für Antisemitismus blinde israelische Linke

  1. Die Linke ist überall blöd, aber in Israel ist sie am blödesten. Und dann sagt man,die Juden sind sooooo gescheit. Mag sein, aber dann sind die Linken keine Juden. Denn sie sind alles nur nicht gescheit.
    lg
    caruso

  2. Und dann sagt man: die Juden sind sooo gescheit. Ich sage, Juden können so blöd sein wie keiner sonst. Leider.
    lg
    caruso

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