Bösartige mittelalterliche Christen oder die zurückschlagenden Opfer des Islam?

Raymond Ibrahim, 19. April 2019 (American Thinker)

Geschichte anzuführen – oder, wie wir sehen werden: Pseudogeschichte – ist eine der vielen Arten, wie Verteidiger des Islam versuchen Mohammeds Bekenntnis und seine Anhänger zu adeln. Als eine Art Gegengewicht gegen vermeintlich edle Muslime werden mittelalterliche Christen regelmäßig als Inbegriff  der Scheinheiligkeit, der Barbarei und der Habgier dargestellt. Das Pack wird üblicherweise von Vlad dem Pfähler, Ivan „dem Schrecklichen“ und Tomas Torquemada angeführt (die alle im Buch The Most Evil Men and Women in History aufgeführt werden).

In Wirklichkeit wurden diese drei Männer – und die Kultur, in der sie lebten – jedoch erheblich vom Islam beeinflusst; alle drei waren ihr ganzes Leben lang umgeben von und kämpften gegen Muslime.

Die historische Gestalt des Vlad III. (1430-1476) – auf dem die fiktive Figur des Dracula basiert – wird im Westen als sadistisches Monster dargestellt, der nichts mehr liebte als seine eigenen Leute zu pfählen und ihr Blut zu trinken – oft während er auch noch Kirchenlieder singenden Mönchen zuhörte. CNN behauptet sogar, das der Islamische Staat seine sadistischen Foltermethoden und Hinrichtungen von Wlad lernte.

Die Wirklichkeit erzählt eine andere Geschichte: Die „hässliche kleine Gewohnheit“ des rumänischen Prinzen seine Feinde zu pfählen, so beschrieb es ein Historiker, wurde von den Türken und ihren Agenten übergenommen und fast ausschließlich gegen sie angewendet. In seiner Jugend wurde Vlad zur Geisel eines der verkommensten Sultane der Geschichte – Mohammed (oder „Mehmet“) II., der auch Vlads jüngeren Bruder als Lustknaben hielt. Vlad wurde erstmals von diesem osmanischen Sultan in die „Kunst“ des Pfählens eingeführt, der sie regelmäßig einsetzte.

Irgendwann und als Teil seiner Strategie aus der muslimischen Herrschaft auszubrechen, griff Vlad auf das Pfählen als eine Art „Wie du mir, so ich dir“ zurück – um den Osmanen zu zeigen, dass er und sein Volk genauso austeilen konnten, wie sie einstecken mussten. Folglich die Ironie: Auch wenn Vlad im Westen als blutrünstiges Monster betrachtet wird, ist er in Rumänien ein Nationalheld, weil der den Islam so lange bekämpfte und ihm Widerstand leistete.

Dann gibt es Tomas Torquemada (1420-1498), den „Großinquisitor“ des katholischen Spanien und Gesicht der dämonisierten Spanischen Inquisition. (So erklärt der Historiker Thomas Madden: „Die Inquisition wurde nicht aus dem Wunsch geboren die Vielfalt zu brechen oder das Volk zu unterdrücken; es war eher ein Versuch ungerechte Hinrichtungen zu beenden. Ja, das haben Sie richtig gelesen.“) Die gängige Ansicht, dass Torquemada ein bösartiger christliche Fanatiker war – entschlossen Juden und Muslime zum Christentum zu bekehren, sonst… – wird fast immer in einem Vakuum präsentiert.

Erst einmal wird einer der Hauptgründe, der die spanische Krone dazu veranlasste die Inquisition überhaupt einzurichten und Torquemada zu ernennen, selten eingestanden: Die letzte Bastion des Islam in Granada war unter christliche Herrschaft gebracht worden, als die Reconquista zu Ende ging; die halbe Million muslimischer Bürger erhielten milde Bedingungen, darunter das Recht ins Ausland zu reisen und den Islam frei zu praktizieren. Aber sie missbrauchten das, unter anderem mit dem Auslösen vieler schwer niederzuschlagender Aufstände – mehrere, die „die Steinigung, Zerstückelung, Enthauptung, Pfählung und Verbrennung von Christen bei lebendigem Leib beinhalteten“ – und dass sie mit, zumeist muslimischen, Auslandsmächten konspirierten.

Als es hart auf hart ging und um Verdacht abzuwenden, täuschte eine halbe Million Muslime den Übertritt zum Christentum vor, besuchten regelmäßig die Kirche, tauften ihre Kinder und erlernten alle Einzelheiten der christlichen Kultur, während sie heimlich daran arbeiteten Spanien oder zumindest Granada zu untergraben, um es zurück zu muslimischer Herrschaft zu bringen. „Mit der Erlaubnis und dem Freibrief, den ihre verfluchte Sekte ihnen gewährte“, bemerkte ein frustrierter Spanier mit Verweis auf die islamische Doktrin der taqiyya, „konnten sie äußerlich jede Religion vortäuschen ohne zu sündigen, solange sie ihre Herzen trotzdem ihrem falschen Hochstapler von Propheten widmeten. Wir sahen zu viele von ihnen, die starben, während sie das Kreuz anbeteten und gut von unserer katholischen Religion sprachen, aber innerlich vorzügliche Muslime waren.“ (Sword and Scimitar, S. 201-202)

Die frühe Inquisition, angeführt von Torquemada, wurde zur einzigen Möglichkeit festzustellen, nicht so sehr, ob sie „gute“ Katholiken waren, sondern ob sie versteckte und subversive Muslime waren (es wurden viel mehr Muslime als Juden vor Gericht gestellt). Darüber hinaus hatten, genauso, wie benachbarte Muslime Vlads Neigung für das Pfählen beeinflusst hatten, benachbarte Muslime Spaniens Neigung zu Inquisitionen und Deportationen beeinflusst. In den vorhergehenden Jahrhunderten stellten Muslime – besonders die Almoraviden- und die Almohaden-Dynatien – zahllose spanische Konvertiten zum Islam durch Folter vor Gericht, deportierten sie in die Sklaverei in Afrika oder töteten sie direkt, in dem Glauben, sie seien keine wahren Muslime, sondern eine Fünfte Kolonne, die ihren christlichen Glaubensbrüdern des nördlichen Spanien halfen.

Schließlich ist Iwan IV. („der Schreckliche“, 1530-1584) ein weiteres oft angeführtes Beispiel eines mittelalterlichen Christen – ein frommer, praktizierender Orthodoxer seiner Zeit – der ein blutrünstiges Monster war, der vollkommene Tyrann. Ungesagt bleibt, dass Russland etwa zwei Jahrhunderte zuvor, beginnend mit dem Jahr 1300, unter dem Joch der islamischen Tataren stand und stark von ihnen beeinflusst wurde – und die Russen im Namen des Jihad brutal behandelten und versklavten.

Selbst nachdem die Russen 1480 das Tatarenjoch formell abwarfen und die gesamte Herrschaft Iwans hindurch starteten das Krim-Khanat zahlreiche verheerende Sklaven-Raubzüge nach Russland; allein während Iwans Herrschaft wurden hunderttausende Sklaven entführt und in islamische Sklaverei verkauft. „Jahrhunderte der Tyrannei und Brutalität durch die islamisierten Mongolen und ihre türkischen Vertreter machten aus Russland ein Land, in dem Despotismus als normal angesehen wurde und in dem Menschenleben nicht viel wert waren“, stellte ein Historiker fest. „Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Dinge sich selbst in den russischen Charakter einschlichen“ – auch in den von Iwan.

So sieht der Hintergrund von Iwan dem Schrecklichen aus, diesem „christlichen Monster“, dessen Verhalten – wie das von Vlad III., Torquemada und vielen anderen – oft in einem Vakuum präsentiert wird und ein Kommentar der angeblichen Scheinheiligkeit und des Barbarismus der mittelalterlichen Christen sein soll. (Als Randbemerkung und infolge ihrer langen und intimen Geschichte mit dem Islam, bleiben Osteuropäer – Russen, Rumänen, Polen, Ungarn usw. – dem Islam gegenüber vorsichtig und wehren sich gegen muslimische Zuwanderung.)

Der Islam beeinflusste nicht nur das persönliche Verhalten einzelner Europäer; er hatte einen formenden Einfluss auf ganze Kulturen (einschließlich der Mafia-Kultur). Es ist zum Beispiel unmöglich die Brutalität und den Fanatismus der spanischen Conquistadoren gegenüber den Einwohnern der Amerikas zu verstehen, ohne sie auf den existenziellen Kampf Spaniens mit dem Islam zurückzuführen, der die Schaffung einer fromm-militanten Kultur notwendig machte. Sobald der Islam weg war, konnte Spaniens Mentalität der heiligen Krieger – da sie über fast achthundert Jahre Krieg geschmiedet wurde – nicht einfach über Nacht verschwinden und fand unter dem alten Kontext „Christen gegen Ungläubige“ neue Ventile.

Nichts von dem Erwähnten soll die mittelalterlichen Christen von ihrem eigenen Tun freisprechen – am Ende werden die Einzelnen für ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen – sondern sie in Kontext stellen. Schließlich ist es ein Grundprinzip der Nahost-Studien und damit der Medien und Analysten aller Art, westlichen Einfluss – von den Kreuzrittern bis zum Kolonialismus – als fundamental verantwortlich für die heutigen Probleme der islamischen Welt zu machen. Von daher ist es sicherlich gerechtfertigt die Frage von einem umgekehrten Standpunkt aus zu untersuchen.

Das Allermindeste, das aus all dem mitgenommen wird, ist, dass die Pseudogeschichte der barbarischen Christen und edlen Muslime einer ernsthaften Überprüfung unterzogen werden muss.