Leonard Cohens Lieder des Yom Kippur-Kriegs

Mit einem Auftritt, der nie wirklich erklärt wurde, kam der legendäre Sänger in die Wüste, um in den blutigsten Wochen des Krieges für die Truppen zu singen.

Matti Friedman, Tablet Magazine, 4. Mai 2022

Leonard Cohen 1973 in der Wüste Sinai (Foto: Isaac Schokal)

Es gab immer etwas Kryptisches an „Lover Lover Lover“, dem Klassiker der kanadischen Musik-Ikone Leonard Cohen von 1974; er war der „poet of rock“ (Poet des Rocks). Der Song mag nicht so berühmt sein wie Cohens „Hallelujah“, aber er wurde von den Fans geliebt und war dem Sänger wichtig, der vier Jahrzehnte später noch immer Konzerte gab. Aber was bedeutete er? Warum schrie er in der ersten Zeile „Father, change my name“ (Vater, ändere meinen Namen)? Das klang nicht wie ein Liebeslied. Genauso wenig die Feststellung, dass ein Körper als „Waffe“ dienen könne oder die Hoffnung, dass der Song selbst als „Schild gegen den Feind“ dienen würde. Wer war dieser Feind? Und wer war das Publikum?

2009 beendete Cohen eine Welttournee mit einem Auftritt in Israel, wo ich lebe. Im Alter von 75 legte er einen der größten letzten Auftritte der Musikgeschichte hin. Das kam, nachdem er aus einem buddhistischen Kloster in Kalifornien auftauchte, um festzustellen, dass sein ehemaliger Manager sein Bankkonto leergeräumt hatte; er ging wieder auf Reisen und entdeckte, dass er in den Pantheon der Popmusik aufgestiegen war. Vielleicht waren Sie unter den Glücklichen, die eines dieser Konzerte erlebten. Ich wuchs in Kanada auf, wo Cohen immer als nationaler Schatz betrachtet worden ist, aber bis dahin hatte ich kaum wertgeschätzt, dass er in Israel denselben Status hatte. Als hier Karten in den Verkauf gingen, brachen die Telefonleitungen innerhalb von Minuten zusammen. Fünfzigtausend Menschen erschienen in Tel Aviv.

Den Grund für die intensive Verbindung kannte ich nicht, bis ein Artikel in einer Lokalzeitung eine Erklärung vorstellte. Es hatte mit einer Erfahrung zu tun, die Cohen lange Zeit zuvor mit Israelis geteilt hatte, im Herbst 1973. Mein Versuch herauszufinden, was passiert war, wurden zu Jahren der Recherche und Interviews und irgendwann zu einem Buch mit dem Titel Who By Fire, in dem es darum geht, wie ein Krieg und ein Sänger aufeinanderstoßen, um einen außergewöhnlichen Moment der Musik zu schaffen. Es stellte ich heraus, dass ein Strang der Geschichte mit „Lover Lover Lover“ und dem Kampf eines großen Künstlers oder eines jeden von uns damit im Zusammenhang steht, dass das Ziehen des Universums mit dem Magnetismus unseres eigenen Volksstamms und der Vergangenheit in Einklang gebracht wird.

Die zweite Woche des Oktober 1973 war eine der schlimmsten in der Geschichte Israels. Um 14 Uhr am 6. Oktober, das war der jüdische Fastentag Yom Kippur, starteten Ägypten und Syrien Überraschungsangriffe. Überall in Israel ertönten Sirenen, ein ägyptischer Bomber schoss eine gelenkte Rakete auf Tel Aviv, die Grenzverteidigungen zerbröckelten, die Luftwaffe begann an Flugzeugen und Piloten auszubluten, Verluste der Armee kletterten von Hunderten in die Tausende und die Israelis waren von Verzweiflung gepackt. In diesem Moment stiefelte ein verschrobener  Barde aus Montreal aus dem Rauch der Schlacht in der Wüste Sinai auf eine selbst verfügte Suche.

Lenoard Cohens Auftauchen schien damals so seltsam wie heute und ist nie richtig erklärt worden, obwohl dies in Israel eine der Geschichten zum Yom Kippur-Krieg geworden ist, die jeder kennt, genauso wie die berühmten Schlachten. Cohen war bereits ein internationaler Star. Drei Jahre zuvor hatte er vor einer halben Million Menschen beim Isle of Wight Festival gespielt, das größer war als Woodstock und wo wilde Fans Joan Baez mit Zwischenrufen störten, mit Flaschen nach Kris Kristofferson warfen und die Bühne samt Jimmi Hendrix darauf abbrannten, sich aber beruhigten, als Cohen nach Mitternacht auf die Bühne kam und sie hypnotisierte. Er war einer der größten Namen der Sechziger. Und hier war er jetzt im Nahen Osten, am Rande einer mit rauchgeschwärzten Panzern und Leichen in verkohlten Tarnanzügen übersäten Wüste, spielte ohne Verstärker für eine kleine Gruppe Soldaten mit einer Munitionskiste als Bühne. Einige Soldaten wussten nicht einmal, wer er war. Andere schon und konnten nicht begreifen, was um alles in der Welt er hier machte.

Wie er in den Krieg geriet und was ihn nach Israel zog oder trieb, ist eine andere Geschichte, eine, die ich mit Hilfe eines bemerkenswerten Manuskripts enträtselte, das er über die Erfahrung schieb und dann beiseite legte. Als er die Front im Sinai erreichte, war er in Begleitung einer Spontan-Band aus vier israelischen Musikern unterwegs. In einer Beschreibung  einer lange eingegangenen Zeitschrift, die das israelische Äquivalent des Rolling Stone war, saßen Soldaten nachts nach einem Tag der Kämpfe im Sand. Einige rauchten. Cohen kam an, trug Khaki. Er sprach in ernstem Englisch zu ihnen, was nicht alle verstanden. „Dieses Lied ist eines, das Zuhause gehört werden sollte, in einem warmen Raum mit einem Drink und einer Frau, die du liebst“, sagte er. „Ich hoffe, ihr werdet euch alle bald in dieser Situation wiederfinden.“ Er spielte „Suzanne“. Das Publikum für diese seltsame Tour war ein Querschnitt junger Israelis im schlimmsten Moment ihres Lebens – aufgewühlte Infanteristen, halb taube Artilleristen, Teenagermädchen aus einer zerstörten Radarstation, die gerade erlebt hatten, dass fünf Freunde getötet wurden. Ich verbrachte eine Menge Zeit damit sie ausfindig zu machen, um zu hören wie sie sich fühlten.

Eines der Konzerte fand auf einem Fliegerhorst namens Hatzor statt, wo Piloten in amerikanischen Phantom-Jets und französischen Mystères von sowjetischen Flugabwehrraketen in einer Menge abgeschossen wurden, wie die israelische Luftwaffe es nie erlebt hatte. Piloten schlossen die Reißverschlüsse ihrer Fliegeranzüge, verließen ihre Unterkünfte und verschwanden für immer. Diese Tour bezog ihre einzigartige Wirksamkeit aus der Tatsache, dass ein Sänger, dessen Themen die menschliche Unvollkommenheit und Vergänglichkeit und die kurzen Freuden waren, die deine Nacht versüßen können, sich mitten unter Leuten spielend wiederfand, für die diese flüchtigen Kräfte nichts Abstraktes waren, was in die Luft eines Wohnheims schwebt. Sie wussten, dass der Tod auf sie wartete, wenn das Konzert endete. Jeder war ernst. Kein Geld wechselte die Hände. Die Leute waren aufmerksam.

Auf dem Fliegerhorst spielte Cohen die Hits, die jeder kannte: „Suzanne“, „So Long Marianne“, „Bird on the Wire“. Der Auftritt verlief derart gut, dass einer der Offiziere die Musiker anflehte noch einmal zu spielen und in der Pause zwischen den beiden Auftritten schrieb Cohen ein Lied.

Eine der angenehmen Seiten für dieses Buch zu recherchieren, bestand darin Zeit mit den kleinen Notizbüchern zu verbringen, die Cohen während und nach dem Krieg schrieb und die im Nachlass des Sängers erhalten sind. Hier fand ich Gekritzeltes, halbe Gedankengänge, hingeworfene Zeilen und die ersten Schimmer von Liedern, die irgendwann Millionen kannten. Auf einer Seite eines kleinen orangen Notizbuchs, das er in Israel dabei hatte, schrieb er (und wenn sie Cohens Arbeit kennen, dann atmen Sie durch, denn Sie sehen die Geburt von etwas Berühmten):

Ich fragte meinen Vater, ich bat
ihn um einen anderen Namen

Das ist die embryonische Version von „Lover Lover Lover“. Es ist eine interessante Idee, damit anzufangen, besonders weil die Israelis sagen, dass Cohen darum bat ihn nicht mit Leonard anzusprechen, sondern mit Eliezer, seinem hebräischen Namen.

Cohen stellte den Song beim zweiten Auftritt auf dem Fliegerhorst vor, berichten zwei seiner Bandkollegen – der Liedermacher Oschik Levy, der neben der Bühne stand und  zuhörte und Matti Capsi, ein 23-jähriger, der bei der allerersten Vorstellung des Liedes Gitarre spielte; heute ist er selbst eine israelische Musiklegende. Cohen verfeinerte ihn, während die Band weiter durch den Krieg zog. In seinem unveröffentlichten Manuskript erwähnt Cohen die Vorstellung, dass er die Soldaten tatsächlich beschützen könne: „Ich sagte mir: Vielleicht kann ich einige der Leute mit diesem Song beschützen.“ Das könnte den Textteil über den „Schild gegen den Feind“ in dem Lied erklären.

„Lover Lover Lover“ ist ein Kriegslied. Es ist nicht klar, auf welchen „Lover“ er sich im Refrain bezieht, der dieses Wort einfach siebenmal anstimmt und fleht „komm zu mir zurück“. Aber wenn wir das Lied als eine Art Gebet verstehen, könnte das Wort vielleicht im Sinne des biblischen Hoheliedes erscheinen, wo Gottes Anwesenheit in Worten erotischer Liebe beschrieben wird. Wenige verlangen so eindringlich nach dieser Gegenwart wie Soldaten. Cohen wuchs in einer jüdischen Gemeinschaft auf, als Enkel eines gelehrten Rabbiners und er kannte die Bibel (und kannte, das Gefühl hat man, die erotischen Teile, besser als die anderen).

Oder vielleicht ist das nur ein klassischer Kriegsrefrain, ein Ausdruck der Sehnsucht nach jemandem, der weit weg ist, wie Konstantin Simonows „Warte auf mich“, das Lieblingsgedicht der Frontowiki der Roten Armee des Zweiten Weltkriegs. In diesem Lied beginnt jeder Vers mit: „Warte auf mich und ich werde zurückkommen.“ Cohens Mutter Mascha war muttersprachlich Russin und vielleicht sang sie ihm als Kind in den Jahren des Weltkriegs Simonow vor. Jeder, der Soldat gewesen ist, weißt, dass dieses Gefühl das mächtigste ist, weit stärker als Patriotismus oder Wut. Forscher, die die Musik der GIs in Vietnam studierten, fanden heraus, dass zwar Filme nach dem Krieg es so schienen ließen, als sei die Filmmusik mit „For What It’s Worth“ und „Fortunate Son“ politisch, die Lieder der Truppen aber tatsächlich die über Einsamkeit und Sehnsucht waren, so wie „Leaving on a Jet Plane“.

Leonard Cohen spielt in der Wüste Sinai. Zu seiner Linken findet sich Ariel Sharon (Foto: Yaakovi Doron)

Ein mysteriöses Detail in der Geschichte von „Lover Lover Lover“ tauchte erstmals auf, als ich Schlomi Gruner interviewte, der 1973 junger Offizier in einer improvisierten Infanterieeinheit war, die einige der härtesten Kämpfe im Sinai erlebte. Er und seine Freunde waren eines Abends auf der anderen Seite des Suezkanals, lagerten in einem aus dem Fallschirm eines von ihnen abgeschossenen ägyptischen Piloten gefertigten Zelt. Er war in der Wüste unterwegs und suchte nach Sprit für den Jeep der Einheit, als er mit leeren Händen zurückkam und einen Typen mit einer Gitarre sah, der auf einem falsch herum in den Sand gelegten Helm saß. Er kannte die Stimme; Leonard Cohen war da. Das machte keinen Sinn, aber es war wahr. Er sang „Lover Lover Lover“.

Als wir uns unterhielten, erinnerte sich Schlomi besonders an einen Vers, der sich mit den israelischen Soldaten identifizierte, in dem er sie „Brüder“ nannte. Damals waren die arabischen Staaten gegen Israel aufmarschiert und die meisten Länder Europas lehnten es ab Versorgungsflügen auch nur zu erlauben auf ihrem Weg nach hier aufzutanken. Die Israelis hatten das Gefühl intensiver Ausgrenzung. Es berührte ihn zu wissen, dass jemand wie Cohen den langen Weg nach Israel gekommen war und in den Sinai reiste, um sie zu treffen. Der Sänger war keine Flugzeugladung Waffen oder Verstärkung, aber seine Anwesenheit bedeutete etwas und genauso seine Worte: „Brüder“ ließ keinen Raum für Spekulationen darüber, wo Cohen stand. Das Problem: Es gibt in dem Lied keinen solchen Vers.

Zuerst dachte ich, Schlomi irrt sich. Die Erinnerung ist eine unzuverlässige Quelle, besonders in Augenblicken von extremem Stress, wie ich aus eigener Erfahrung in Uniform weiß. Aber dann fand ich einen Zeitungsartikel, veröffentlicht in einer israelischen Zeitung während des Krieges, in dem der Reporter festhielt, dass Cohen gerade einen neuen Song namens „Lover Lover Lover“ geschrieben hatte und einen Vers zitierte, der wie der klang, von dem Schlomi sprach.

Es war Cohens kleines oranges Notizbuch, das das Rätsel löste. Nach dem ersten Entwurf von „Lover Lover Lover“ unter der Überschrift „Fliegerhorst“ erscheinen acht Zeilen in der Handschrift des Sängers:

Ich ging hinab in die Wüste
um meinen Brüdern kämpfen zu helfen
Ich wusste, dass sie nicht falsch lagen
Ich wusste, dass sie nicht Recht hatten
aber Knochen müssen aufstehen und gehen
und Blut muss sich bewegen
und Männer gehen, um hässliche Linien zu ziehen
über den heiligen Boden

Um meinen Brüdern kämpfen zu helfen. Kein Wunder, dass diese Zeile für die Israelis herausstach. Und kein Wunder, dass Cohen sich schnell fing und anfing auf Abstand zu gehen. Das Zurückrudern hatte natürlich mit seinem Verständnis von dem zu tun, wo immer in diesen Wochen seine persönlichen Loyalitäten lagen, dass er als Poet größer sein musste als die Israelis und größer als dieser Krieg. Wenn man ihn fragte, wer in diesen Wochen sein Feind war, dann denke ich, es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er einfach gesagt hätte – Unmenschlichkeit.

Die Änderung dürfte durchaus mit einem bestimmten Moment in dem Krieg zu tun haben, der ein Bruchpunkt war. In seinem Manuskript beschrieb er es so:

Hubschrauber landet. In dem großen Wind beeilen sich Soldaten ihn zu entladen. Er ist voller Verletzter. Ich sehe ihre Bandagen und ich halte mich vom Weinen ab. Das sind junge Juden, sterbend. Dann sagt mir jemand, dass das ägyptische Verwundete sind. Meine Erleichterung verblüfft mich. Ich hasse das. Ich hasse meine Erleichterung. Das ist unverzeihlich. Das ist Blut an deinen Händen.

Seine Stammesidentifikation war zu weit gegangen. In dem  Notizbuch sieht man, dass er kurz nach dem Aufschreiben von „Lover Lover Lover“ bereits seine Meinung zu ändern begann. Die Worte „um meinen Brüdern kämpfen zu helfen!“ sind durchgestrichen und ersetzt durch „um die Kinder kämpfen zu sehen“. Jetzt ist er ein Beobachter, der von außen zusieht, vielleicht sogar nach unten blickt. Aber das kann auch nicht richtig geklungen haben und als der Song ein paar Monate später veröffentlicht wurde, war der ganze Vers weg. Wenn Cohen später „Lover Lover Lover“ aufführte, bestätigte er, wo er ihn schrieb, sagte aber, er sei für Soldaten „auf beiden Seiten“. Als drei Jahre vergangen waren, behauptete er bei einem Konzert in Frankreich 1976, er habe den Song „für die Ägypter und die Israelis“ geschrieben – in dieser Reihenfolge.

In diesen Jahren, als die amerikanische Armee noch in Vietnam war, spielten die meisten populären Künstler nicht für Truppen, weil es so aussehen könnte, als stimmten sie dem Krieg zu. Man muss schon so hoch entwickelt sein, durch die Politik auf die Menschlichkeit der Soldaten zu sehen. Johnny Cash und seine Frau June Carter reisten 1969 nach Vietnam, verbrachten ein paar Wochen auf einem  Militärflugplatz namens Long Binh, sangen für die Männer, die in den Busch zogen und für die, die in den Sanitätshubschraubern zurückkamen. „Ich konnte es kaum aushalten“, schrieb Cash, aber er ging hin. Und James Brown ging mit ein paar Bandmitgliedern 1968 hin, trotz der Unbeliebtheit des Krieges und trotz des Rassenhasses, der Brown und Amerika selbst bedrohte; die Tour begann direkt nach der Ermordung von Martin Luther King Jr. Er erzählte die Geschichte in Interviews mit der Washington Post und mit Jet und hätte auch für Cohen sprechen können.

Brown spielte zuerst auf dem Militärflugplatz Tan Son Nhut bei Saigon, tourte dann 16 Tage lang, zwei Shows an jedem Stopp, ließ sich zwischen den Gigs intravenös rehydrieren. Er behauptete, dass selbst die Vietcong sich anschlichen, um die Musik zu hören. „Wir machten es nicht wie Bob Hope“, sagte Brown. „Wir gingen da hin, wo die Eidechsen Schusswaffen trugen! Wir gingen da hin, wo sich das Zeug aus Apocalypse Now abspielte.“ Jede Menge Leute mochten den Krieg nicht. „Nun, auch ich mag den Krieg nicht“, sagte er, „aber wir haben Soul Brothers [Afroamerikaner] da drüben.“

(Friedmans Buch „Who By Fire: War, Atonement, and the Resurrection of Leonard Cohen“ wurde am 5. April 2022 veröffentlicht)