Bei jihadistischen Eroberungen ging es darum den eroberten Ungläubigen „Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit“ zu bringen, sagt führender muslimischer Gelehrter

Raymond Ibrahim, 10. Mai 2022

Großimam Ahmed al-Tayed wäscht vor Präsident Sisi und anderen ägyptischen Würdenträgern  islamische Geschichte rein.

Am 24. April 2022 hielt der Großimam der renommiertesten Universität, al-Ahzar, eine Ansprache vor Staats- und Regierungschefs, bei der der ägyptische Präsident al-Sisi in der ersten Reihe saß. Das geschah während der Staatsfeiern zu Laylat al-Qadr (die „Nacht der Macht“), was nach islamischer Lehre die Nacht ist, in der Allah Mohammed den Koran erstmals offenbarte.

Bedenkt man den Anlass der Rede und den Redner, Großimam Scheik Ahmed al-Tayeb selbst – „der wohl einflussreichste  Muslim der Welt“ – dann wurde der Islam in den Himmel gelobt. Von besonderem Interesse war jedoch al-Tayebs Wiedergabe von Geschichte. An einer Stelle sagte er:

In nur ein paar Jahren nach dem Tod des Propheten Mohammed (Allah betete über ihm und gebe ihm Frieden) verursachten die islamischen Eroberungen [wörtlich: „Öffnungen“, futuhat] den Zusammenbruch der zwei mächtigsten Imperien, die sich jede Ecke des Nahen Ostens teilten und kontrollierten und dass ihre Ländereien im Irak, Syrien, Ägypten und Nordafrika bis heute islamisches Land werden.

Das stimmt natürlich. Die zwei Imperien, auf die der Scheik sich bezieht, sind das Oströmische Reich („Byzanz“) und das Sassanidenreich Persien. Die meisten der von al-Tayeb angeführten Länder – von Syrien und Ägypten im Osten bis zu Marokko und Algerien im Westen – waren christlich und vom oströmischen Reich regiert. Nur der Iran und Teile des Iran waren unter Sassaniden-Herrschaft und die Religion zoroastrisch. Im siebten Jahrhundert eroberten Muslime all diese Länder und islamisierten sie.

Wie üblich werden Fakten jedoch, wann immer es um islamische Wiedergaben geht, schnell mit Fiktion vermengt. Nach der Äußerung oben bot al-Tayeb dies an:

Diese [muslimischen] Eroberungen waren keine kolonisatorischen Eroberungen, die sich auf die Methoden Plünderung, Unterdrückung, Kontrolle und die Politik der Dominierung und Abhängigkeit verließen, [die allesamt] Staaten in den Abgrund stürzen.

Er fuhr mit der Verurteilung von Kolonialisierungs-Eroberungen  fort, bei denen es um Unterdrückung und Plünderung geht – eine bissige Bemerkung in Richtung der historischen Kolonisierung des Nahen Ostens durch Europa – bevor er fortfuhr:

Ja, die islamischen Eroberungen war anders – Völker zu beherrschen und mit der Arroganz der Gewalt und Waffen zu kontrollieren; stattdessen führten sie zu einer neuen Lawine des Lebens – voller Wissen, Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit – die in den Venen dieser einst machtlosen Völker flossen.

Es ist schwer zu betonen, wie völlig surreal solche Behauptungen sind, zumindest für die, die mit der wahren Geschichte des Islam vertraut sind. Die vom Großimam erwähnten Eroberungen all der christlichen Länder (von Syrien im Osten bis Marokko im Westen) sowie der später erfolgten islamischen Eroberung christlicher Länder (von al-Tayeb ignoriert, da sie irgendwann gekippt wurden) – Spanien, die Mittelmeerinseln, Kleinasien, der Balkan usw. – wiesen Blutvergießen, Massaker, Versklavung, Plünderung und die Unterdrückung der Eroberten und Ausbeutung ihrer Ressourcen in großem Stil auf. Dies wird in Sword and Scimitar: Fourteen Centuries of War between Islam and the West Seite um Seite klar und deutlich dokumentiert, gestützt auf christliche und muslimische Quellen.

Noch absurder ist die Behauptung des Großimams, die christlichen und zoroastrischen Völker, die unter den Imperien Ostroms und der Sassaniden lebten, seien froh gewesen vom Schwert des Islam „befreit“ zu werden und dass sie – da sie sahen, dass der Islam eine Religion des „Wissens, der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Gleichheit“ war – eifrig reagierten, indem sie in Scharen konvertierten.

Wie altbekannt ist, konnten die angeblich „befreiten“ Völker – jedenfalls diejenigen, die die anfänglichen Massaker und Versklavungen überlebten – und es vorzogen christlich, zoroastrisch oder jüdisch zu bleiben, das nur tun, indem sie Dhimmis wurden, Bürger zweiter Klasse, die einen regelmäßigen Tribut [jizya] zahlen und jede Menge erniedrigenden sozialen Einschränkungen einhalten mussten (wie es in den „Bedingungen des Omar“ festgehalten ist). Der Wunsch finanziell nicht geschröpft oder schlechter behandelt zu werden – oder sporadisch verfolgt, wie es vielen Dhimmis abhängig davon ging, ob der nächste Herrscher „radikal“ war oder nicht – ist das, was so viele Nichtmuslime im Verlauf der Jahrhunderte dazu veranlasste zum Islam zu konvertieren.

Das war die einzige Möglichkeit, wie sie „Gerechtigkeit, Freiheit oder Gleichheit“ erfahren konnten – zumindest eine Art davon.

Besonders aberwitzig ist, dass al-Tayeb die muslimischen Eroberungen als etwas darstellt, das tugendhafter ist als europäische Kolonisierung des Nahen Ostens. In Wirklichkeit schafften die europäischen Kolonisatoren, während Jihade in Sklaverei, Entvölkerung und Verwüstung gipfelten – gewisse Regionen, besonders in Nordafrika, Spanien und Anatolien erholten sich nie – die Sklaverei ab und führten ihre muslimischen Untertanen in die Gaben der Moderne ein, von wissenschaftlichem und medizinischem Fortschritt bis zu den radikalen Konzepten von Demokratie und Religionsfreiheit.

Obwohl es schwierig ist in der westlichen Geschichte eine Analogie zu finden, die den Irrsinn von al-Tayebs Behauptungen einfängt, bedenken sie einen Moment lang, was der schlimmste Punkt der amerikanischen Geschichte sein könnte – sagen wir: die Sklaverei. Jetzt stellen Sie sich einen Staatsakt vor, an dem der US-Präsident teilnimmt, bei der ein führender Christ eine Rede darüber hält, dass die Versklavung von Schwarzen etwas Wunderbares und Altruistisches war – natürlich nicht zu vergleichen mit der grausamen Versklavung, die diese üblen Nichtchristen praktizierten – und dass es in Wirklichkeit darum ging den versklavten Afrikanern  „Wissen, Gerechtigkeit und Gleichheit“ zu bringen.

Das ist das Niveau der Absurdität von al-Tayeps Behauptungen.

Warum aber all diese Lügen? Hier kommen wir zum Kern der Sache. Um sich wegen sich selbst gut und ihrer Religion gut zu fühlen, müssen Muslime diese Glücksfiktion pflegen – dass ihre nichtmuslimischen Vorfahren vom Islam „befreit“ wurden und dass sie nur allzu begierig waren ihn anzunehmen, an welchem Punkt sie anfingen „Wissen, Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit“ zu genießen.

Die Alternative, die Wahrheit – dass ihre Vorfahren Christen oder andere Nichtmuslime waren, die erobert und wegen sporadischer Anfällen der Verfolgung und systematischen Diskriminierung gezwungen wurden den Islam anzunehmen – ist nicht wirklich so befriedigend, ganz zu schweigen davon, dass es sie zum Nachdenken bringen könnte.

Daher die chronische Täuschung des Großimams der angesehensten Universität der muslimischen Welt – den man auch als den engsten muslimischen Verbündeten von Papst Franziskus kennt.