Israel 1948: Vidal Sassoon im Kampfeinsatz

Nicht lange, bevor er zum berühmtesten Friseur der Welt wurde und ein Geschäftsimperium aufbaute, kämpfte Sassoon für Israels Unabhängigkeit. Er verlor Freunde, gewann Selbstvertrauen, verbrachte Wochen ohne zu duschen und lernte buchstäblich nie das hebräische Wort für „Rückzug“.

Zack Rothbart, the Librarians, 2. Mai 2022

Ein gut frisierter Vidal Sassoon posiert 1948 in Israel für ein Foto. (Originalfoto:Toldot Yisrael via the Sassoon Family / Colorization: MyHeritage)

„Als ich die Halle verließ, wusste ich, dass ich eine ganze Weile keinen Haarschnitt haben würde.“

April 1948: Vidal Sassoon, ein armer 20-jähriger Jude, der tagsüber gelernt hatte Frauen die Haare zu schneiden und nachts auf den Straßen Londons buchstäblich Faschisten bekämpfte, war gerade heimlich rekrutiert worden, um für Israels Unabhängigkeit zu kämpfen.

Er sollte sich bald in Paris und dann in einem unzuverlässigen Dakota-Flugzeug wiederfinden, das schließlich nach Zwischenlandungen in Rom und Athen in Haifa landete. In eine Gruppe mit anderen Englisch sprechenden Freiwilligen im Palmach gesteckt – der später in die israelischen Verteidigungskräfte integrierten Eliteeinheit – wurden Vidal und seine Kameraden in den Negev geschickt, wo sie in kahlen Hütten lebten und wochenlang ohne die Kleidung zu wechseln oder zu duschen verbrachten, ganz zu schweigen davon sich die Haare zu frisieren.

Wie viele andere Freiwillige aus dem Ausland, sprach Vidal kaum Hebräisch.

In einem seltenen Interview im Jahr 2010, das im Rahmen von Toldot Yisrael geführt wurde, einem mündlichen Geschichtsprojekt, das sich auf die Gründergeneration Israels konzentrierte, erinnerte er sich:

„Sie lehrten uns nie das Wort für ‚Rückzug‘ auf Hebräisch.“

„Alle Befehle wurden auf Hebräisch gegeben, das keiner von uns verstand, obwohl wir bald auf die harte Weise lernten die Laute zu erkennen“, legte er in seinen ersten Memoiren Sorry, I Kept You Waiting, Madam (Tut mir leid, dass Sie warten mussten, gnädige Frau) ausführlich dar. Tatsächlich sorgte seine Lücke in den Sprachkenntnissen beinahe dafür, dass Sassoon getötet wurde, als ein ägyptischer gepanzerter Wagen auf ihn zuraste, „der mit seinem Maschinengewehr drauflos feuerte“, dessen Kugeln „den Sand um uns herum kitzelten“:

„… niemand hatte uns gesagt, wie man ‚abhauen‘ in dieser uralten Sprache sagt. Vielleicht dachten sie, wir würden es nie hören…“

Sassoon und seine Freunde huschten den nächsten Hügel hinauf, rannten an der Seite ihrer Sabre-Waffenbrüder in Deckung. Als einer der schnelleren Soldaten hätte Sassoon problemlos mitgehalten, hätte es nicht eine unerwartete und peinlich Wende der Ereignisse gegeben…

„Ich hätte es leicht geschafft, wäre ich nicht getroffen worden – von einer sehr persönlichen Krise. Mein Gürtel sprang auf!

… Meine Hose fiel auf meine Knöchel. Ich fiel platt hin. Bis ich den Sand aus meinem Mund bekommen hatte und meine Hose sich auf der militärisch korrekten Höhe befand, waren meine Kameraden 50 Meter weiter, krabbelten diesen Hügel in einer Staubwolke hinauf. Das Sten-Gewehr in der einen Hand, den Anstand mit der anderen hoch haltend, rannte ich ihnen nach…“

In späteren Memoiren (Vidal: The Autobiography) erzählte Sassoon:

„Die Nachricht von meiner Heldentat machte die Runde und etwa einen Monat lang sahen mich Soldaten, die ich nicht einmal kannte, an und begannen zu lachen. Die Peinlichkeit begleitete mich, aber es gibt keinen Zweifel, dass es eine unvergessliche Lektion in Selbstschutz war…“

Doch der Krieg war natürlich nicht nur Spaß und Spiel.

Sassoon und 41 Kampfgefährten eroberten in einem gewagten, frühmorgendlichen Angriff einen strategischen Hügel von ägyptischen Streitkräften; diesen Erfolg bezeichnete er als „ein verdammtes Wunder“ – und eines, das einen hohen Preis einforderte. Sieben Soldaten wurden bei der Einnahme von „Hügel 18“ getötet, zahlreiche andere verließen das Schlachtfeld auf Tagbahren.

Eine Beerdigung im Negev für gefallene Palmach-Soldaten, 1948. Das Foto erscheint in einem historischen Album, das online als Teil einer Zusammenarbeit zwischen der Palmach-Fotogallerie, dem Ministerium für Jerusalem und Erbe und der Nationalbibliothek Israels zu sehen ist.
Versorgung von Palmach-Opfern im Negev, 1948. Das Foto erscheint in einem historischen Album, das online als Teil einer Zusammenarbeit zwischen der Palmach-Fotogallerie, dem Ministerium für Jerusalem und Erbe und der Nationalbibliothek Israels zu sehen ist.

„Ich wurde nicht getroffen. Ich war auch einer der Glücklichen. Aber es gab sehr viele Opfer“, erinnerte er sich später an seinen Dienst im Kampf im und um den Gazastreifen als Teil der strategisch gebotenen Operation Yoav.

Die für den bald legendären Friseur erschütterndste Erfahrung im Krieg war zu sehen, wie einer seiner Freunde getötet wurde, als er mit einigen Essensrationen auf Vidal zugerannt kam.

„Sein halber Kopf war weg. Ein Scharfschütze erwischte ihn. Ich glaube, das ist das einzige Mal, dass ich es mir richtig schlecht ging… Ich ging ans Ende des Grabens und übergab mich einfach“, erzählte er in dem Interview 2010.

Vidal erinnerte sich ziemlich lebhaft an die erste Dusche, die er in einem Kibbuz nahm, nachdem er das Schlachtfeld verließ; er nennt es „eines der größten Luxusgüter, die  ich je kannte.“

„Das Wasser stürzte auf uns herab, streifte den Dreck von Tagen ab und wusch auch einige der düstersten Erinnerungen weg.“

Auch wenn es im Gegensatz dazu etwas auffällig ist, ist es vielleicht kein Wunder, dass der Name „Vidal Sassoon“ synonym für omnipräsente, auf Duschen konzentrierte Werbesendungen, Seifen, Shampoos und andere Produkte wurde.

„Ich kam aus Israel mit so viel mehr Selbstbewusstsein zurück… Es gab mir die Inspiration weiterzumachen und anderes zu tun“, erinnerte er sich in seinem Interview mit Toldot Yisrael.

Innerhalb weniger Jahre nach seiner „luxuriösen“ Dusche im Negev wurde der arme jüdische Junge aus London zum berühmtesten Friseur der Welt, ein universales Symbol der Popkultur; sein Name zierte Salons, Akademien und Schönheitsprodukte überall auf dem Planeten.

Bereits Mitte der 1960-er Jahre war ein eine globale Kultur-Ikone, die im weit entfernten Israel erkannt und auf den verwiesen wurde. Israelische Friseure sollten prahlen, dass ihre Haarschnitte „wie einer von Vidal“ waren. Einige von ihnen waren sogar nach London gereist, um vom Meister selbst zu lernen, obwohl die meisten einfach an seine Akademien gingen oder schlicht die Stile nachahmten, die er kreiert und populär gemacht hatte.

Allerdings dauerte es bis nach der Veröffentlichung seiner ersten Memoiren 1968 und der Expansion seines Geschäftsimperiums in den Folgejahren wurde Sassoons Beteiligung an Israels Kampf um Unabhängigkeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

1970 wurde David Carmeli, Sassoons Kommandeur im Palmach, der seitdem ein respektierter Experte für Wasser- und Landwirtschaftsingenieurwesen beim angesehenen Technion wurde, nach London geflogen, um Vidal in einer Ausgabe der Sendung „This is Your Life“ zu überraschen.

Ein paar Jahre später wurde Carmeli nach New York gebracht, um bei einer  besonderen Veranstaltung zur Feier der „ersten jährlichen Beauty Hall of Fame-Preisverleihung des American Jewish Congress“ eine Rede zu halten – eine Ehre, die so besonders war, dass es so schien, als sei sie einzige für Vidal Sassoon geschaffen worden, der offenbar der einzige „jährliche“ Empfänger aller Zeiten war.

Veröffentlicht in The Sentinel vom 25. Dezember 1975; verfügbar über die digitale Sammlung der Nationalbibliothek Israels.
Veröffentlicht im Bnai Brith Messenger am 12. Dezember 1975; verfügbar über die digitale Sammlung der Nationalbibliothek Israels.

Den Rest seines Lebens baute Vidal Sassoon an seinem Stil- und Philantrophie-Imperium – er unterstützte mündlich wie finanziell viele jüdische und zionistische Einrichtungen, darunter die Hebräische Universität und sein Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism. Er glaubte, dass der globale Antisemitismus nur über Bildung der Jugend und ein „sehr mächtiges Israel besiegt werden kann, das die Würde der Juden überall schützt“.

„Israel gab uns Würde. Israel bedeutet für uns Lebensblut. Wir können keine Rasse oder Volk unser Schicksal entscheiden lassen“, sagte er 1981 bei einer Moden-Show zum Sammeln von Geld für Israel Bonds.

Mehr als 30 Jahre zuvor hatten es Angelegenheiten Zuhause erforderlich gemacht, dass Vidal Israel in Richtung London verließ, nachdem sein Stiefvater einen Herzinfarkt hatte und seine geliebte Mutter – die ihn ermutigt hatte in Israel zu kämpfen – ihren Sohn Zuhause brauchte, um sie zu unterstützen.

Kurz bevor Vidal nach England zurückkehrte, sagte ihm die Verlobte des Mannes, dessen Tod im Kampf er erlebte:

„Das ist dein Zuhause, Vidal. Das ist dein Land. Es reicht nicht dafür zu kämpfen. Das ist sinnlos, wenn du nicht auch hier bleibst und hilfst es aufzubauen.“

„Hatte sie recht?“, fragte Vidal zwei Jahrzehnte später.

„Das frage ich mich manchmal.“

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Vielen Dank an das Team von Toldot Yisrael für die Hilfe beim Erstellen dieses Artikels. Ihr vollständiges Interview mit Vidal Sassoon kann hier angesehen werden. Toldot Yisrael ist eine Initiative, die sich der Dokumentation der Zeugnisse der Gründergeneration des Staates Israel widmet. Die Sammlung ist jetzt in der Nationalbibliothek Israels hinterlegt.

Dieser Artikel wurde als Teil des Gescher L’Europa veröffentlicht, der Initiative der Nationalbibliothek Israels zur Verbindung mit Menschen, Institutionen und Gemeinschaften in ganz Europa und darüber hinaus mit Hilfe der Erzählung von Geschichten, dem Teilen von Wissen und gesellschaftlichem Engagement.