Wie sieht der „Status quo“ auf dem Tempelberg aus?

Maurice Hirsch, Palestinian Media Watch, 17. Juni 2022

Am 17. Juni 1967 (also vor 55 Jahren) traf der damalige Verteidigungsminister Mosche Dayan allein eine der wichtigsten und schicksalhaftesten Entscheidungen in der Geschichte des Staates Israel und des jüdischen Volks. Nur Tage nach dem Ende des Sechstage-Kriegs stimmte Dayan zu, einen neuen „Status quo“ für den Tempelberg einzurichten. Weil er vor der offenen Diskussion seiner Entscheidung Angst hatte, wurde Dayans Zustimmung von Israels damaliger Regierung bzw. jeder Regierung seitdem nicht positiv ratifiziert.

Der Tempelberg ist die heiligste Stätte des Judentums. Er ist der biblische Berg Moria, auf dem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte. Er ist der Ort, an dem König Salomo den ersten jüdischen Tempel baute, der 586 v.Chr. zerstört wurde. Er ist der Ort, an dem die Juden 70 Jahre später den zweiten Tempel bauten. Eine 1924 vom Obersten Muslimrat veröffentlichte Touristen-Broschüre erklärt offen: „Dieser Ort ist einer der ältesten der Welt. Seine Heiligkeit stammt aus den frühesten (vielleicht vorgeschichtlichen) Zeiten. Seine Identität mit der Stelle von Salomos Tempel ist unbestritten.“

gelb unterlegt: „Der Ort ist einer der ältesten der Welt. Seine Heiligkeit stammt aus den frühesten (vielleicht vorgeschichtlichen) Zeiten. Seine Identität mit der Stelle von Salomos Tempel ist unbestritten. Es handelt sich auch um die Stelle, wo nach allgemeiner Überzeugung „David einen Altar für den HErrn baute und Brand- und Friedensopfer darbrachte.“

Der Tempelberg ist auch den Muslimen heilig, die ihn als Al-Haram al-Scharif („das edle Heiligtum“) bezeichnen. Die Muslime fügten dem Ort zwei dominierende Bauten hinzu: Den Felsendom, der 691 gebaut wurde und mitten auf dem Berg direkt dort steht, wo sich die Ruinen der inneren Heiligtümer der beiden Tempel befinden; und die Al-.AQsa-Moschee, gebaut 693, in der Südwest-Ecke des Bergs. In den 1990-er Jahren grub die Waqf den als „Ställe Salomos“ bekannten Bereich aus und machte daraus eine neue Moschee, die El-Marwani-Moschee genannt wurde. Sie liegt 12 Meter unter dem derzeitigen Vorplatz und die Broschüre des Oberste Muslimrats hält fest, dass der Bereich der Ställe „wahrscheinlich bis zum Bau des salomonischen Tempels zurückreicht. Laut Josephus hatte er Bestand und wurde als Zufluchtsort von den Juden in der Zeit der Eroberung Jerusalems durch Titus im Jahr 70 n.Chr. genutzt.“ Es war Titus, der den zweiten Tempel zerstörte.

Nachdem Israel Jerusalem und den Tempelberg von der illegalen jordanischen Besatzung (1948 bis 1967) befreite, musste eine Entscheidung getroffen werden, welcher Zugang zum Tempelberg den Muslimen und den Juden gegeben würde.

Im Versuch die Muslime nach ihrer eindeutigen Niederlage zu beschwichtigen, bot Dayan der jordanischen Waqf die Kontrolle über Aktivitäten innerhalb der Mauern des Berges selbst an, während Israel für die äußere Sicherheit und öffentliche Ordnung verantwortlich sein würde. Dayan gestand den Muslimen weiterhin zu, dass ihnen freier  Zugang zu der Stätte gewährt werden würde. Er stimmte darüber hinaus zu, dass es zwar keine Begrenzung der Zahl der Juden geben würde, die die Stätte betreten, ihnen würde aber nicht erlaubt werden dort zu beten. Es wurde argumentiert, dass Dayan versuchte die religiöse Zutat des israelisch-arabischen Konflikts zu neutralisieren, indem er der der Waqf die internen Aktivitäten auf dem Berg überließ.

Geheime Dokumente, die von den israelischen Archiven veröffentlicht und von Palestinian Media Watch begutachtet wurden, bieten hingegen eine einzigartige Gelegenheit den 1967 eingeführten authentischen und offiziellen „Status quo“ aufzudecken.

Am 15. August 1967arrangierte der damalige IDF-Oberrabbiner Generalmajor Schlomo Goren, um den Tag zu begehen, an dem Juden des Tags der Zerstörung beider Tempel (den 9. Tag des hebräischen Monats Av) gedenken, dass Juden auf den Tempelberg gehen würden und Gebete verrichten.

Ein Treffen des israelischen Ministerialkomitees zu Absicherung der heiligen Orte wurde am 13. August 1967 einberufen, um Rabbi Gorens Pläne zu diskutieren. Das Komitee lehnte einen Vorschlag jüdisches Gebet auf dem Tempelberg zu verbieten ausdrücklich ab und zog es stattdessen vor den Leiter des Komitees anzuweisen sich mit Rabbi Goren zu treffen und ihn zu informieren, dass er es unterlassen sollte Gebete zu arrangieren. Eine ähnliche Anweisung wurde Verteidigungsminister Dayan gegeben, er solle Rabbi Goren das über den IDF-Generalstabschef vermitteln. Interessanterweise trägt die schriftliche Zusammenfassung der bei dem Treffen getroffenen Entscheidung das Datum 16. August 1967. Das Originalprotokoll des Beschlusses des Treffens und seine Übersetzung folgen unten.

In Wortbruch zu Wahlversprechen des ehemaligen Premierministers Menachem Begin, Juden offen auf dem Tempelberg beten zu lassen, wurde hierzu keine Veränderung vorgenommen.

Zu bestimmten Zeiträumen war der Tempelberg für Juden komplett geschlossen, vorwiegend während und nach Ausbrüchen von arabischer Gewalt und Terror. Im Gegensatz dazu ist der Ort für Muslime fast nie geschlossen, außer bei außergewöhnlichen Umständen wie im Juli 2017, als der Berg für ein paar Tage gesperrt war, nachdem Terroristen dort zwei israelische Polizisten auf Patrouille ermordeten.

Während bis heute keine israelische Regierung Dayans Vereinbarung jemals ratifizierte, lautet der „Status quo“ auf dem Tempelberg, dass der innere Teil der Stätte von der Waqf verwaltet wird und Israel für die äußere Sicherheit und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verantwortlich ist. Muslimen wird der freie Besuch des Ortes erlaubt und das in unbegrenzter Zahl, abhängig vom Feintuning unter Berücksichtigung von Sicherheitsvorkehrungen. Juden wird der Besuch der Stätte nur zu eingeschränkten Stunden am Tag und in begrenzter Zahl erlaubt und ihnen wird zumeist nicht gestattet individuell oder gemeinschaftlich dort zu beten.

Seit ihrer Einrichtung hat die palästinensische Autonomiebehörde den Tempelberg ständig und durchgehend als Mittel genutzt religiöse Inbrunst zu entzünden, ebenso als Schlachtruf zu Gewalt und Terror. Immer wieder wurde behauptet Israel plane die „Al-Aqsa-Moschee“ zu zerstören, die von ihr als 144 Dunam groß definiert wird – d.h. der gesamte Tempelberg – womit die PA die Palästinenser und sogar die gesamte muslimische Welt täuscht, so dass die fälschlich glauben „die Al-Aqsa ist in Gefahr“.

Zwar demonstrieren Dokumente und 55 Jahre Realität eindeutig, dass Israel keinerlei Absicht hat irgendeinen Teil der Stätte zu untergraben, geschweige denn zu zerstören, aber die PA behauptet, wie von PMW gezeigt, immer noch, dass „es seit dem Juni-Krieg (d.h. der Sechstage-Krieg von 1967) – wir reden vom 55. Jahrestag – [israelische] Absichten gibt die Al-Aqsa-Moschee zu zerstören und den angeblichen Tempel zu bauen.“ [offizielles PA-Fernsehen, 6. Juni 2022]. Für die PA , die keinerlei Mitspracherecht daran hat, wie die Stätte verwaltet wird, würde Juden auf dem Tempelberg das Beten zu erlauben, nicht weniger als die Erklärung des Dritten Weltkriegs bedeuten. Ähnliches leeres Gegeifere wurde von der PA schon abgegeben, bevor die USA ihre Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegten.

Seit 1967 hat sich viel verändert. Im Verlauf der letzten zehn Jahre haben die meisten westlichen Gesellschaften ein stark gesteigertes Gefühl und Werte persönlicher Freiheiten und Rechte entwickelt, darunter die Religionsfreiheit und freie Religionsausübung. Die Vorstellung, dass die Entscheidung allein einer Person – Dayans – verhindern konnte, dass alle Juden am heiligsten Ort des Judentums beten können, wäre heute unvorstellbar. Gleichzeitig haben der Wunsch und die Bereitschaft der Juden den Tempelberg zu betreten im Lauf der Jahre dramatisch zugenommen.

Da es heute unsinnig ist zu glauben, Muslime seien inhärent unfähig die legitimen Rechte der Juden anzuerkennen auf dem Tempelberg zu beten und die notwendige religiöse Toleranz zu bekunden, ist es vielleicht an der Zeit, dass Israels Regierung endlich klarzustellt, was genau der „Status quo“ zum Tempelberg war, ist und sein sollte.

Es folgt das Protokoll der Beschlüsse des Ministerialkomitees zum Schutz der heiligen Orte, gefolgt von seiner Übersetzung:

Protokoll
Treffen des Ministerialkomitees zur Gewährleistung der Sicherung der heiligen Orte, eingerichtet durch den Beschluss Nr. 732 der Regierung vom 7. Av 5727 (13.08.1967)

10. Av 5727 – 16.08.1967

Anwesende Minister: Z: Wharftig – Vorsitzender, A. Eban (für den ersten Teil des Treffens), M: Begin, Y. Yeschayahu, C.M: Schapira, Y.S. Schapira, A. Sasson
abwesende Minister: M: Dayan, M. Kol
S. Tzrigreich – Regierungssekreatirat
Oberst D. Vardi – IDF
Generalmajor U. Narkis – IDF
M. Raviv – Außenministerium (für den ersten Teil des Treffens)

Der Tempelberg

Nach der Diskussion der verschiedenen Vorschläge zum Tempelberg wurde beschlossen:

  1. Das Komitee beauftragt den Vorsitzenden sich mit Generalmajor Rabbi Goren zu treffen und ihn darüber zu informieren, dass er aufhören muss Gebete, Maßnahmen und so weiter auf dem Tempelberg zu organisieren.
  2. Der Verteidigungsminister wird beauftragt den Generalstabschef der IDF anzuweisen Generalmajor Rabbi Goren anzurufen und ihn zu instruieren, er soll alles Handeln in Verbindung mit der Organisation von Gebeten, Maßnahmen und ähnliches auf dem Tempelberg unterlassen.
  3. Mit 6 Stimmen: Wenn jüdische Beter auf den Tempelberg gehen, werden sie von den Sicherheitskräften zur Westmauer umgeleitet.

Die folgenden Vorschläge wurden abgelehnt:

  1. (mit 3 gegen 2 Stimmen) Genehmigung des Eintritts von Juden auf den Tempelberg am anstehenden Sabbat.
  2. (mit 3 gegen 2 Stimmen) Verbot von organisiertem Gebet auf dem Tempelberg durch Nichtmuslime am kommenden Sonntag .
  3. (mit 3 gegen 3 Stimmen) Verhinderung organisierten demonstrativen Gebets auf dem Tempelberg.
  4. (mit 3 gegen 3 Stimmen) Es gibt keinen Widerspruch zwischen Vorschlag 2 und Beschluss c von oben.

Die Fortsetzung des Treffens verschoben.

Das Treffen ist abgeschlossen