Warum soll die UNO es als ihre Pflicht betrachten den Islam vor Kritik in Schutz zu nehmen?

Ibn Warraq, Jihad Watch, 4. Mai 2022

Vortrag bei der siebten Inarah-Konferenz in Trier, Deutschland, 4. Mai 2022:

Guten Tag, willkommen bei der siebten Inarah-Konferenz. Mein Name ist Ibn Warraq. Ich spielte, wie Dr. Markus Gross angab, einen bescheidenen Teil dabei das Inarah-Institut und der begleitenden Inarah-Konferenzen zu gründen. Ich füchte, einige von Ihnen dürften jetzt einen unwiderstehlichen Drang verspüren dem Ausgang zuzueilen, weil es, um es mit den Worten von Lady Caroline Lamb gegenüber Lord Byron zu sagen, „verrückt, böse und gefährlich ist mich zu kennen“.

Der 15. März wurde von der UNO als der offizielle Tag zur Bekämpfung der sogenannten Islamophobie festgelegt. Obwohl Christen in Nordkorea, Afghanistan, Somalia, Libyen, Pakistan, Eritrea, dem Jemen, dem Iran, Nigeria und Indien verfolgt werden, gibt es keinen solchen Tag zur Bekämpfung von Christenphobie. Tatsächlich gibt es das Wort „Christenphobie“ überhaupt nicht, während „Islamophobie“ in alle Wörterbüchern europäischer Sprachen Einzug gehalten hat. Laut Vatican News[1] „werden jeden Tag 13 Christen wegen ihres Glaubens getötet. Ich möchte nicht mit Zahlen handeln, Zahlen, die natürlich verifiziert werden sollten und immer offen für Disput und Überarbetiung sind; das ist nicht mein Hauptpunkt. Was ich infrage stellen möchte: Warum sollte die UNO es als ihre Pflicht betrachten den Islam vor Kritik und Muslime vor physischer Gewalt zu schützen, aber keine andere Religionsgruppe?

Wir sind Zeugen eines außergewöhnlichen Augenblicks in der Geschichte der islamischen Ländereien. Ein historischer Moment, in dem ich versuchte mein neuestes Buch, Leaving the Allah Delusion Behind. Atheism and Freethought in Islam [Die Täuschung Allah hinter sich lassen: Atheismus und freies Denken im Islam], zu schreiben.

Wir können es uns nicht leisten die tiefgehenden Folgen des Aufstiegs des Atheismus in der islamischen Welt zu ignorieren. Diese weitgehend, wenn auch nicht ausschließlich jungen Atheisten können nicht als eine Art randständige Fanatiker ungebildeter Rebellen abgetan werden. Die Mitglieder atheistischen Facebook-Gruppen in fast allen islamischen Ländern sind alle internetversiert und kennen sich in den islamischen Wissenschaften (Korna, Sira, Hadithe, Tafsir usw.) gut aus, ausgebildet mit einem Wissen in Naturwissenschaften der Physik, Chemie, Geologie und Biologie. Sie sind sich der breiteren Folgen der Evolutionstheorie und der materialistischen Konsequenzen der kosmologischen Theorien der Ursprünge des Universums durchaus bewusst. Sie sind damit gut platziert, um die Dogmen der Religion kritisch zu untersuchen, mit der sie in einem extrem jungen Alter zwangsgefüttert wurden. Ihre Selbstbefreiung ist eine Leistung, die daher umso bemerkenswerter ist, weil sie nicht nur einen aufmerksamen Geist erfordert, sondern extremen Mut, weil Atheismus in vielen islamischen Ländern immer noch mit dem Tod bestraft wird. Ihre kritischen, fragenden Köpfe bewundern die wissenschaftlichen Leistungen des Westens. Als Ganzes haben sie keinen ideologischen Grund den Westen zu hassen, anders als die Terroristen und die Islamische Republik Iran. Die ideologische Grundlage des Konflikts im Nahen Osten wird oft heruntergespielt, uns stattdessen gesagt, es ginge nur „um Öl“ oder „Armut“ oder „amerikanischen Imperialismus“. Es sind der Islam und seine Ideologie, die für islamischen Terrorismus verantwortlich sind. Damit sollten Ex-Muslime als Verbündete gesehen werden, die es zu pflegen gilt, sie nicht als „Islamophobe“ abgetan werden.

Anfang 2019 versuchte in Großbritannien eine parlamentarische Allparteien-Gruppe (APPG) britischer Muslime, eine überparteiliche Formation von rund zwei Dutzend Abgeordneten des britischen Unterhauses, die Definition für Islamophobie in rassischen statt religiösen Begriffen zu institutionalisieren. Die APPG schlug in einem Bericht vom November 2018 mit dem Titel „Islamophobia Defined“ den folgenden Satz als Definition für Islamophobie vor: „Islamophobie wurzelt in Rassismus und ist eine Form des Rassismus, der sich gegen Bekundungen des Muslim seins oder wahrgenommenen Muslim seins richtet.“ Der Definition, das Ergebnis von sechs Monaten Konsultationen, wurde von hunderten muslimischen Organisationen, vom Londoner Bürgermeister Sadiq Khan sowie mehreren politischen Parteien beigepflichtet, darunter Labour, die Liberaldemokraten und die schottischen Konservativen. Das britische Magazin Spectator schrieb: „Es gibt breite öffentliche Unterstützung für freie Meinungsäußerung und sie wird wahrscheinlich nicht durch einen Parlamentsakt beendet, aber sie kann Stückchen für Stückchen abgegraben werden. Die APPG-Definition für Islamophobie offiziell anzuerkennen wird ein gigantische Schritt hin zu einem Willkür-Polizeistaat sein.“ Es handelt sich für Millionen Es-Muslime aus unterschiedlichen ethnischen Gemeinschaften eine Beleidigung, die einen Reihe von Überzeugungen, Ritualen und Riten ablehnen und eine Ideologie anzweifeln. Wie können sie des Rassismus beschuldigt werden? Der Islam ist keine Rasse.

Das Oxford English Dictionary definiert „phobia“ [Phobie] als „Angst, Grauen oder Ekel, besonders krankhaften Charakters. In der Psychologie eine abnormale und irrationale Angst oder Furcht, die von einem bestimmten Objekt oder Umstand verursacht ist.“ Es scheint mir jedoch eine perfekt rational, gesund und normal zu sein Angst vor einer Ideologie zu haben, die wahrscheinlich meine Freiheiten einschränkt oder abschafft, wenn sie vorherrscht. Wäre ich schwul, lesbisch, transgender oder Nichtgläubiger oder einfach nur eine Frau, sollte ich mehr als alarmiert sein. Ich müsste Angst vor dem Gedanken haben, dass der Islam zur Religion des Staates wird, in dem ich lebe. Ich würde den Islam mit aller Macht bekämpfen. Als Satz an Ideen, als Ideologie ist der Islam vogelfrei; man ist moralisch verpflichtet seine Überzeugungen und Prinzipien zu kritisieren. Wir gehen nicht gegen Individuen vor, gegen individuelle Muslime; Fakt ist, die meisten Ex-Muslime haben enge Verwandte  und Familienmitglieder, die muslimisch bleiben. Weit davon entfernt für Fanatismus einzutreten, unterscheiden wir klar zwischen Muslimen und Islam. Der Islam ist wie jede andere Religionen vogelfrei gegenüber Kritik, Verspottung usw. Es wäre schlüssiger einen neuen Begriff zu prägen, vielleicht MISOISLAMISCH, „hassen, was islamisch ist“. Das Oxford English Dictionary gibt „misokatholisch“ und „hassen, was (römisch-) katholisch ist“ an. Das Präfix „miso“ kommt vom griechischen Wort für Hass und ist zum Beispiel in misantropisch, Misogamie, Misogynie, Misologie zu finden. In der Geschichte des Westens werden die, die verschiedene Aspekte des Christentums kritisiert haben, bewundert, als Kulturhelden verehrt und als Philosophen bejubelt, die für die Säkularisierung des Westens verantwortlich sind – von Spinoza bis Camus. Sie werden nicht als „christenphobisch“ etikettiert oder abgetan.

Kurz nach dem 11. Septembe 2021 veröffentlichte das britische Zweiwochenblatt The New Statesman einen Artikel von Martin Bright, der provokativ mit „Der große Betrugstrick des Islam“ überschrieben war. Bright zählte die vertrauten Theorien der Revisionisten auf, die sich auf die Arbeit von John Wansbrough von der School of African and Oriental Studies (SOAS) und die von ihm beeinflussten Forscher wie Patricia Rone, Michael Cool, Andrew Rippin und Gerald Hawting konzentrieren. Der Artikel hatte viele Leserbriefe zur Folge und sechs davon wurden in der Folgewoche [17. Dezember 2001] veröffentlicht. Der längste kam von Patricia Cone; sie schrieb: „Moderne Historiker sind nicht an der Wahrheit und Falschheit der Religion interessiert, die sie studieren. Sie studieren Religionen als historische Faktoren, die von ihrem Umfeld geformt wurden und auf die sie zurückwirken, ganz so, wie Wissenschaftler die Bildung von Staubwolken oder die Evolution von Pflanzen studieren. Religiöse Überzeugungen formen die Welt, mit der sie interagieren, ob die sie studierende Person sie nun zufällig teil oder nicht; alles Wichtige ist, was sie damals bedeuteten, nicht was sie heute bedeuten.“ Etwas weiter fährt Crone fort: „Historiker haben kein Interesse daran das muslimische Haus zum Einsturz zu bringen, das könnten sie auch nicht, selbst wenn sie es versuchen würden. Religion gehört nicht in den Bereich, der von Forschung und Wissenschaft bewiesen oder widerlegt werden kann.“

Michael Cook, Crones einmaliger Kollege und Coautor von Hagarism, schrieb auch an das Magazin. Hier ist der volle Text seines Briefs: „Es stimmt absolut, dass einige der verschiedenen akademischen Theorien zu den Ursprüngen des Islam radikal sind. Aber es wäre falsch nahezulegen, dass sie den traditionellen islamischen Bericht zu den Anfängen der Religion als falsch ‚beweisen‘. Das tun sie nicht. Genauso beweisen meines Wissens die im Jemen gefundenen frühen koranischen Fragmente nichts Derartiges. Sie sind für Experten spannend, sie streuen ein paar Äpfel über das Pflaster, aber sie bringen den Apfelkarren nicht durcheinander. Auf jeden Fall ist es schwer zu erkennen, warum akademische Theorien zu den Ursprüngen des Islam irgendwie ‚verheerender‘ sein sollen als Theorien über Jesus es für die Christenheit gewesen sind. Akademische Arbeiten beleben gelegentlich die Hallen des Lernens, richten aber Weltreligionen nicht zugrunde. Sie spielen nicht in derselben Liga.“

Die Anmerkungen von Cook und Crone sind gelinde gesagt irreführend. Erstens scheint Crone zu impliziseren, dass alle Historiker nur historische Religionssoziologie betreiben, erforschen, was sie für Muslime bedeutete und wie Muslime ihre eigenen Religion betrachteten und erfuhren und dass sie nicht an der Wahrheit und Unwahrheit der untersuchten Religion interessiert sind. Das beschreibt nicht nur die Arbeit aller Historiker nicht, sondern es beschreibt nicht einmal ihre eigene. In Hagarism [1977], das von Michel Cook mit geschrieben wurde, in den mit Martin Hinds geschriebenen Slaves on Horses [1980] und God’s Caliph [1986], in Roman Provincial and Islamic Law [1987], Meccan Trade and the Rise of Islam [1987] zweifelte Crone die akzeptierten Ansichten zum frühen Islam an. Mit Hagarism z.B. sprengten Cook und Crone den „akademischen Konsens und zerstörten die Rücksicht  auf die muslimische Sicht der Dinge, womit sie es ermöglichten radikale Alternativhypothesen zu den Ursprüngen des Islam vorzuschlagen“; mit anderen Worten: alternative Darstellungen dessen, was tatsächlich geschah. Cook und Crone lehnten die islamische Tradition eindeutig ab.

Zweitens implizieren Cook und Crone, dass akademische Forschung keine Folgen für die Religion oder den Gläubigen hat, aber sie selbst sahen deutlich die Folgen ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit, denn sie geben im Vorwort zu Hagarism zu, dass „uns“ ohne „dem skeptischen Ansatz von Dr. John Wansbrough zu der Historizität der islamischen Tradition“ ausgesetzt zu sein „… die in diesem Buch dargelegte Theorie der Ursprünge des Islam niemals in den Sinn gekommen wäre“ (S. viii) und dass diese Herangehensweise sie zu einer Theorie brachte, die „keine ist, die irgendein Muslim akzeptieren kann: Nicht, weil es irgendwie die historische Rolle Mohammeds herabsetzt, sondern weil es ihn in einer Rolle repräsentiert, die sich sehr von der unterscheidet, die er in der islamischen Tradition eingenommen hat. Es handelt sich um ein Buch, das von Ungläubigen für Ungläubige geschrieben wurde und auf dem gründet, was aus jeglicher muslimischer Perspektive eine übermäßige Aufmerksamkeit für die Zeugenaussagen ungläubiger Quellen erscheinen muss“ (S. vi-viii). Warum die Zuflucht in „ungläubige Quellen“, heißt die nichtmuslimischen Historiker der Zeit der islamischen Eroberungen? Ihre Antwort: „Praktisch alle Berichte aus der frühen Entwicklung des Islam nehmen es als axiomiatisch, dass es möglich ist, mindestens die Umrisse des Prozesses islamischer Quellen zu entnehmen. Es ist jedoch durchaus bekannt, dass diese Quellen nachweislich nicht früh sind. Es gibt keine eindeutigen Beweise für die Existenz des Korans in welcher Form auch immer vor dem letzten Jahrzehnt des siebten Jahrhunderts gibt und die Tradition, die diese eher unverständliche Tradition in ihrerm historischen Kontext nicht vor Mitte des achten Jahrhunderts stattfand. Die Geschichtlichkeit der islamischen Tradition ist damit zu einem gewissen Grad problematisch: Während es keine stichhaltigen internen Grundlagen für eine Ablehnung gibt, gibt es genauso wenig überzeugende externe Grundlagen dafür sie anzuerkennen. Unter diesen Umständen ist es nicht unangemessen in der üblichen Art fortzufahren, eine vernünftig bearbeitete Version der Tradition als historische Tatsache vorzulegen. … Die einzige Möglichkeit aus diesem Dilemma herauszukommen besteht daher darin, sich komplett außerhalb der islamischen Tradition zu stellen und neu anzufangen“ (S. 3).

Was für ein außergewöhnliches Bekenntnis: Eine Geschichte, „die von Ungläubigen für Ungläubige geschrieben ist“. Was um Himmels willen heißt das? Meinen sie, Muslime sollten das nicht lesen? Warum? Weil der Bericht in Hagarism nicht wahr ist? Oder einfacher gesagt: Sie glauben, er ist wahr, aber es handelt sich um einen Bericht, den kein Muslim akzeptabel finden wird? Sind Muslime nicht in der Lage die Wahrheit zu akzeptieren? Müssen Muslime immer vor der Wahrheit geschützt werden? Warum ist ihr Zartgefühl wichter als, sagen wir, das von Christen oder Juden? Was ist mit Clio, die in der griechischen Mythologie eine der neun Musen und die Patronin der Geschichte war? Was ist mit objektiver Wahrheit?

Ohne Cook und Crone zu nahe treten zu wollen, sind diese Konsequenzen in der Tat „vernichtend“. Jede Forschung, die Zweifel auf die traditionelle muslimische Darstellung des Korans, den Aufstieg des Islam und das Leben Mohammeds wirft, ist für Muslime komplett inakzeptabel. Die beiden letzten Briefe offenbaren die enorme Kluft zwischen den Einstellungen der Erforschung von Islam und Christenheit. Der vorletzte Briefschreiber, Robin Oakley-Hill, merkte an: „Es ist kaum fair westliche Koranforschung als neokolonial zu bezeichnen, da westliche Akademiker das Christentum weit rigoroserer, regelmäßig destruktiver Prüfung unterzogen wird … Vielleicht könnte der Islam einen [Papst] Johannes XXII. und etwas Befreiungstheologie gebrauchen.“

Oakley-Hills Argument wurde von John Wansbrough höchstselbst mehr als 30 Jahre früher vorgetragen:

„Der Koran ist als für Analyse durch die Instrumente und Techniken der Bibelkritik anfälliges Dokument praktisch unbekannt. Die dogmatischen Hindernisse, die traditionell solche Untersuchungen behindert haben, sind andererseits bestens bekannt. Nicht nur Dogmen wie diejenigen, die heilige Schriften als von Gott geschaffenes Wort zu definieren und seine formelle und stichhaltige Einzigartigkeit zuzugeben, sondern auch der gesamte Korpus islamischer Historiografie bieten einen mehr oder weniger einheitlichen und plausiblen Bericht zu den Umständen der Offenbarung des Korans und haben vor der Untersuchung des Dokuments als repräsentativ für einen traditionellen Typ von Literatur abgeschreckt.“

Der letze Leserbrief des New Statesman kam von einem christlichen Geistlichen und offenbart eindeutig, dass die Christenheit nicht nur die Lektion aus der Aufklärung, sondern auch die Bibelkritik gelernt hat. Reverend Richard Craig schrieb: „Trotz der riesigen Fortschritte in der Bibelforschung kann Ann Widdicombe [ein konservatives Mitglied des britischen Parlaments] immer in ihrer Rezentsion [des Buchs] Mary: The Unauthorized Biography [Maria: Die nicht autorisierte Biografie] behaupten, dass das Evangelium des Johannes ein Augenzeugenbericht des Lebens Christi ist. Die meisten Forscher lehnen eine solche Sicht ab. Martin Brights Bericht ist willkommener Beleg, dass akademische Untersuchung der Ursprünge des Islam den langen und schmerzlichen Weg beginnt, den die Erforschung unserer heiligen Texte durch christliche Theologen beschritten hat. Widdicombes Anerkennung der schriftgläubigen Sicht der Evangelien ist bei von vielen in Kirchenbänken Sitzenden weit verbreitet, obwohl die Geistlichen seit mehr als 50 Jahren anderes gelehrt wird.“

Cook behauptet in seinem Brief auch, dass die Koranfragmente aus dem Jemen nicht viel „beweisen“. Das tun sie aber. Wie Gerd Puin gegenüber Toby lester sagte: „So viele Muslime haben diese Überzeugung, dass alles zwischen den beiden Buchdeckeln des Korans einfach Gottes unverändertes Wort ist. Sie zitieren gerne den Wortlaut, der zeigt, dass die Bibel eine Geschichte hat und nicht einfach vom Himmel fiel, aber der Koran ist bis heute aus dieser Diskussion ausgenommen. Die einzige Möglichkeit diese Mauer zu durchbrechen besteht darin zu beweisen, dass auch der Koran eine Geschichte hat. Die Fragmente von Sana’a werden uns helfen das zu tun.“

Wenn das, was Puin sagt, korrekt ist, dann sind die Konsequenzen wiederum „verheerend“, eine Tatsache, die von R. Stephen Humphreys anerkannt wird, einem Professor für Islamstudien an der University of California Santa Barbara; er argumentiert: „Den Koran zu historisieren würde praktisch die gesamte historische Erfahrung der muslimischen Gemeinschaft delegitimieren.“

Kurz gesagt, ohne Cook und Crone zu nahe treten zu wollen, versuchen Historiker zu begründen, was tatsächlich geschah und ihre Forschung hat tiefgehende Folgen für den Gläubigen und die traditionelle Sicht der Religion auf sich selbst. Die drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sind besonders anfälig für die Geschichtswissenschaften, weil die Gültigkeit ihrer jeweiligen Dogmen eng mit mutmaßlich historischen Ereginissen begründet oder darin verankert sind und das auf eine Weise, wie der Buddhismus es zum Beispiel nicht ist. Der historische Buddha, wenn er tatsächlich eine historische Persönlichkeit ist, sagte nur: „Folgt meiner Argumentation“ und wenn sein Leben sich als fromme Legende erwies, dann würde sein Argument immer noch bleiben und der „Buddhismus“ würde nicht in seinen Fundamenten erschüttert werden. So sagte Van Harvey [1923-2021], Professor für Religionsstudien an der Stanford University, der vor kurzem im Alter von 95 starb, in seinem Klassiker The Historian and the Believer [Der Historiker und der Gläubige], die Dentologie, wie der Franzose sagen würde, des Historikers, soll heißen, die moralische Verpflichtung des Historkers als Historiker und daher die kritische historische Methode hat „die tiefgehendsten Folgen für religiösen Glauben im Allgemeinen und den christlichen Glauben im Besonderen“.

R. G. Collingwood, die eine britische Philosophin und Historiker war, schrieb: „Die Geschichte hat mit jeder anderen Wissenschaft gemein, dass den Historikern nicht erlaubt wird irgendeine Einzelerkenntnis zu beanspruchen, außer da, wo er seine Behauptung rechtfertigen kann, indem er erstens sich selbst und  zweitens jedem anderen, der in der Lage und bereit ist seiner Demonstration zu folgen, die Gründe dafür darzulegen, auf denen sie basiert.“

Dieses Prinzip schließt auf der Stelle den genetischen Irrtum aus, durch den die kontingenten Charakteristika des Historikers oft dafür verwendet werden seine Argumente oder Schlussfolgerungen von vorneherein auszuschließen. Muslime neigen dazu Korankritik, wenn sie von Europäern kommt, als Neokolonialismus abzutun; die Arbeit israelischer oder christlicher Forscher wird gewollt als parteiisch missachtet. Nur ein Muslim, so wird argumentiert, kann den Islam kritisieren; er muss von innen heraus hinterfragt werden. Dieses Argument führt zu der absurden Schlussfolgerung, dass nur ein Marxist den Marxismus kritisieren darf, ein Stalinist den Stalinismus und ein Faschist den Faschismus; aber natürlich nutzen Muslime selbst fröhlich jede Gelegenheit das Christentum zu kritisieren. Zweifellos sind Historiker nicht anders, nicht besser oder schlimmer als der Rest der menschlichen Rasse; sie weisen alle Arten von Befangenheiten und Vorurteilen auf, die wir verwerflich finden. Diese sind aber in unserer Bewertung ihrer Arbeit als Historiker, als Islamologen irrelevant. Lawrence Conrad hat zum Beipsiel gezeigt, dass Theodor Nöldeke ein Antisemit war, „dessen Veröffentlichungen und private Korrespondenz Fanatismus und Voruteil auf einem Niveau zur Schau stellen, das höchst anstößig war“. Ich muss kaum die Bedeutung Nöldekes für die Islamstudien darlegen. Die Herkunft eines Arguments ist nicht relevant, solange es rigoroser Untersuchung unterzogen wird. Der Brief von Reverend Richard Craig unterstreicht den von Van Harvey angeführten Punkt entscheidend, nämlich dass „der Kampf um die Unabhängigkeit  des Bibelhistorikers  weitgehend gewonnen wurde“. Leider ist das bei Koranforschern nicht der Fall. Die von Ernest Renan und anderen europäischen Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts eingeführten Rechte die Grundlagen des Islam – ob des Koran oder des Lebens des Propheten – kritisch und wissenschaftlich zu untersuchen sind, in einer Unzahl ökumenischer Empfindsamkeiten in einer deplatzierten Sorgen um die Empfindlichkeiten von Muslimen verschleudert wurden. Zum Beispiel brachte Professor Josef van Ess gerade erst in einem Aufsatz mit dem Titel „Verbal Inspiration? Language and Revelation in Classical Islamic Theology“ [Verbal inspiriert? Sprache und Offenbarung in klassisher islamischer Theologie] seine Sorge um die empflindlichen Anfälligkeiten von Muslimen zum Ausdruck, indem er, selber nicht Muslim, seine kritische Analyse aus Respekt für die Art, wie der sunnitische Islam die Denkgeschichte so gut wie abbrach! Mohammed Arkoun antwortete sehr vernünftig, dass eine solche Haltung wissenschaftlich inakzeptabel sei, weil historische Wahrheit die Rechte des menschlichen Geistes die Grenzen des menschlichen Wissens zu erweitern betrifft; islamisches Denken kann, wie alle anderen Denktraditionen, von einer solchen erkenntnistheoretischen Haltung nur profitieren. Außerdem, führt Arkoun fort, weiß Professor van Ess nur allzu genau, dass Muslime heute unter der Politik der Unterdrückung freien Denkens leiden, besonders im religiösen Bereich. Oder anders ausgedrückt: Wir tun dem Islam keinen Gefallen, wenn wir ihn vor Werten der Aufklärung abschirmen.

Mancher westliche Forscher ist schlicht und einfach von Objektivität zur Verteidigung des Islam gewechselt; ein Trend, über den 1968 von Maxime Rodinson angemerkt wurde: „Auf diese Weise geht die antikolonialistische Linke, christlich oder nicht, oft so weit den Islam und die zeitgenössischen Ideologien der muslimischen Welt von Sünde freizusprechen. … Ein Historiker namens Norman Daniel ist so weit gegangen, jegliche Kritik an den moralischen Einstellungen des Propheten zu den Vorstellungen zu zählen, die von Mittelalterum oder Imperialismus durchdrungen sind und jede Darstellung des Islam und seiner Eigenschaften durch Mittel der normalen Mechanismen der Menschheitsgeschichte ähnlicher Tendenzen zu bezichtigen.“

„Respekt für den Glauben ernster Gläubiger kann nicht erlaubt weden die Untersuchungen des Historikers zu blockieren oder abzuleiten. … Man muss die Rechte elementarer historischer Methodik verteidigen.“

Es ist natürlich beschämend, dass das, was Karl Binswanger die „dogmatische Islamophobie“ der modernen islamistischen Forscher nennt, Gunter Lung hilft eine faire Anhörung zu verweigern und seine akademische Karriere zu zerstören. Deutsche Islamisten sollen den Arabisten Götz Schregle zitieren, der „in ihrem Geist spirituell einen Turban trägt“, eher „Islamforschung“ als Forschung über den Islam praktiziert. Genauso rügenswert ist die Unterstellung verschiedener „suspekter“ Motive für die Arbeit von Wansbrough und den von ihnen Beeinflussten gewesen. Westliche Forscher müssen entschlossen und unerschrocken ihr Recht den Islam zu untersuchen verteidigen, um den Aufstieg und Fall des Islam mit den normalen Mechanismen der menschlichen Geschichte entsprechend den objektiven Standards historischer Methodik zu erklären (die auf Annahmen und Widerlegung, kritischem Denken, rationale Argumente, Vorlegung von Beweisen und so weiter bauen). Die Tugend der desinteresseirten historischen Recherche würde auf fatale Weise untergraben, wenn wir den muslimischen oder christlichen Glauben hineinbringen würden. Wernn wir subjektiven religiösen Glauben mit seinen dogmatischen Gewissheiten in den „historischen Annäherungsprozess einbringen, untergräbt es unausweichlich das, was von R. G. Collingwood argumentierte, als grundlegende Eigenschaft des kritischen Historikers angeführt wird, nämlich die Skepsis gegenüber Aussagen über die Vergangenheit.“

Sir Isaiah Berlin beschrieb einmal einen Ideologen als jemanden, der bereit ist das zu unterdrücken, von dem er den Verdacht hat, dass es wahr ist. Sir Isaiah schloss aus dieser Einstellung die Wahrheit zu unterdrücken, dass ein Großteil des Bösen dieses und anderer Jahrhunderte geflossen ist. Die erste Pflicht eines Intellektuellen besteht darin die Wahrheit zu erzählen. Mit der Unterdrückung der Wahrheit, so ehrenhaft das Motiv auch sein mag, gefährden wir nur ein noch größeres Übel.

Wir sind allen Historikern verpflichtet uns zu helfen Ereignisse der Vergangenheit klarer und ehrlicher zu sehen, die solch einen wichtigen Einfluss auf die aktuellen Mühsale haben. Mit den Worten Albert Schweizers: „Die Wahrheit hat eine eigene besondere Zeit. Ihre Stunden sind jetzt, immer und ist in der Tat dann am wahrsten, wenn sie den aktuellen Umständen am unpassendsten erscheint.“


[1] https://www.vaticannews.va/en/chruch/news/2021-01/report-open-doors-christians-persecuted.html