Das Vorurteil, das niemals stirbt

Bruce Bawer, FrontPage Mag, 13. September 2022

Als erfolgreiche Journalistin, Medienkommentatorin, Dokumentarfilm-Produzentin, ehemaliges Mitglied des italienischen Parlaments und in der italienischen jüdischen Gemeinschaft verehrte Persönlichkeit („Sie ist unsere fiamma – unsere Flamme!“, sagte mir ein italienischer Jude vor Jahren), zog Fiamma Nirenstein vor neun Jahren nach Israel, wo sie derzeit als Senior Fellow am Jerusalem Center for Public Affairs tätig ist. Sie hat auch mehrere Bücher geschrieben, deren jüngstes, Jewish Lives Matter: Diritti Umani E Antisemitismo (Jüdisches Leben zählt: Menschenrechte und Antisemitismus), jetzt ins Englische übersetzt worden ist. Selbst wenn Ihnen nicht gesagt werden muss, dass Antisemitismus böse ist und selbst wenn Sie eine Reihe Arbeiten zum Thema gelesen haben, lägen Sie falsch, wenn sie darauf verzichten: Nirenstein ist eine brillante, unglaublich informierte Studierende des Judenhasses und ihr neues Buch – aus dem Italienischen hervorragend von Amy Rosenthal übersetzt – ist eine elegante, leidenschaftliche und energiegeladene Destillation ihres Wissens und ihrer Weisheit; es bietet mehr als ein paar Einblicke, die zumindest für mich frisch und wertvoll sind.

Zum Beispiel hält Nirenstein versiert fest, dass die Art linker Professoren, die reflexiv Mitgefühl für Leute wie die Maori in Neuseeland, Australiens Aborigines, Kanadas First Nations und die Native Americans in den USA bekunden – die routinemäßig die weißen Einwohner dieser Länder daran erinnern, sie lebten auf gestohlenem Land und die jeden Vortrag einer akademischen Konferenz damit beginnen die fragliche Veranstaltung finde auf Land statt, das einst von den Irokesen oder Aranda oder Tutchone bewohnt war – genau dieselben Leute sind, die Israel am stärksten hassen, obwohl man denken sollte, wenn sie Beständigkeit schätzten, dann würden sie die Rückgabe des alten Königreichs von Israel und Juda 1947 – das in den dazwischen liegenden Jahrhunderten nacheinander von (unter anderem) den Persern, Griechen, Römern, Arabern, Kreuzrittern und Türken erobert wurden – an die Nachkommen der ursprünglichen Einwohner bejubeln. Nirenstein drückt es so aus: Welche Stammesgruppe könnte ein archetypischeres Beispiel eines „eingeborenen Volks, das nach Hause zurückkehrt“ sein als die Juden?

Es gibt weitere Ironie. Zu den führenden Antrieben des Antisemitismus auf dem Planeten gehören Institutionen, die für den ausdrücklichen Zweck gegründet wurden ihn zu bekämpfen. Nirenstein konzentriert sich insbesondere auf die Europäischen Union – die, so stellt sie fest, jahrein, jahraus palästinensische Schulbücher finanziert, die mit Antisemitismus vollgestopft sind – und auf den UNO-Menschenrechtsrat, der „rund die Hälfte seiner Resolutionen für den gesamten Globus der Verurteilung Israels gewidmet hat“ und dessen Untersuchungskommission für die Besetzten Palästinensergebiete gegründet wurde, um Israel zu beobachten, weil es „ein krimineller Staat“ ist, der eine „dauerhafte Gefahr für die Palästinenser“ darstellt. Dann gibt es NGOS wie Amnesty International und Human Rights Watch, deren Berichte durchweg Israels Vergehen übertreiben, während sie palästinensische Gräueltaten in der Versenkung verschwinden lassen. Den vielen andren Menschenrechtsgruppen, die sich nicht nur entschieden Israel für Kritik herauszugreifen, sondern auch über sein Handeln zu lügen, könnte man natürlich ein ganzes Buch schreiben. Der Leiterin des deutschen Anne-Frank-Zentrums z.B. ist berechtigterweise vorgeworfen worden Juden für Antisemitismus verantwortlich zu machen und Oslos Zentrum für Holocaust-Studien und religiöse Minderheiten, 2001 mit Regierungsgeldern als Teil der offiziellen Entschädigung der norwegischen Juden gegründet, denen im Zweiten Weltkrieg Eigentum entzogen wurde, verbreitet heute aktiv antisemitische und pro-islamische Propaganda.

Seit Menschengedenken wurden europäische Juden unterdrückt, tyrannisiert und schießlich in Todeslager geschickt, wo rund sechs Millionen von ihnen krepierten, aus dem einzigen Grund, dass sie von ihren Peinigern als Mitglieder einer minderwertigen Rasse oder einer noch niedrigeren Spezies wahrgenommen wurden. Heute jedoch, wo progressive Ideologie Kaukasier dämonisiert und westliche Zivilisation als von etwas namens „white supremacism“ (weiße Vorherrschaft) verdorben ansieht, sind Juden als weiß oder gar als „superweiß“ umkategorisiert worden und Israel wird als führender weiß-imperialistische Unterdrückung hingestellt – als Pfeil , der gegen das Herz der nichtweißen Welt gerichtet ist, mit Europa und Nordamerika auf Rang zwei und drei dahinter. Gemäß derselben Unlogik sind Palästinenser „mit Schwarzen als unterdrückter Minderheit identifiziert“ worden, so dass Amerikaner, die nichts über die Geschichte der Juden und der Palästinenser wissen, ihren Konflikt aus der völlig anderen Geschichte der Weißen und Schwarzen in den USA heraus erschließen. Es muss gar nicht erst gesagt werden, dass die Vorstellung von Juden als „superweiß“ die Juden erstaunt hätte, die von Hitlers radikalen Gesetzen zu Opfern gemacht wurden und, wie Nirenstein betont, die vielen Juden von heute mit Sicherheit verblüffen würde, die aus Gegenden wie Äthiopien und dem Jemen kommen. Genauso scheinen die Linken, die Juden schmähen und die „Palästinenser“ verehren, nicht zu erkennen, dass die Juden selbst die ursprünglichen Palästinenser waren, weil ihnen der Name vor zwei Jahrtausenden von den Römern gegeben wurde und dass die Bezeichnung „nichts mit den Arabern zu tun hat, die sich heute Palästinenser nennen“.

Alles verändert sich, aber der Antisemitismus bleibt bestehen. Er verändert seine Form, wandelt sich ständig, um zur Zeit zu passen. Nach George Floyds Tod schuf jemand ein Wandbild von Floyd „Keffiyeh tragend vor der Palästinenser-Flagge“ – womit der angebliche systematische Missbrauch der Araber durch Israel mit dem angeblichen systematischen Missbrauch schwarzer Amerikaner durch weiße Polizisten gleichgestellt wird. Die heute weitverbreitete Ansicht, Israel sei ein Apartheidstaat – eine Beleidigung der Schwarzen, die unter tatsächlicher Apartheid in Südafrika litten- wird von der Tatsache widerlegt, dass Muslime in Israel mehr Rechte genießen als in vielen europäischen Ländern (ganz zu schweigen von ihren Rechten im Großteil der islamischen Welt). Und die Behauptung, Israel habe Jahrzehnte lang einen naziartigen Völkermord an den palästinensischen Araber begangen, ist schlicht haarsträubend angesichts der Tatsache, dass „eine palästinensische Bevölkerung von 700.000 im Jahr 1948 auf heute 6 Millionen angewachsen ist“. Nirenstein erinnert uns an die Erklärung von Martin Luther King Jr. im Jahr 1967, dass „Antizionismus inhärent antisemitisch ist und es immer sein wird“.

Außerdem führt sie als Hinweis auf die Tiefe der Absurdität, in die Antisemitismus absinken kann, eine Verurteilung Israels an, die letztes Jahr von niemand anderem als Kim Jong-un ausgegeben wurde, weil „aus dem Gazastreifen ein riesiges menschliches Schlachthaus und Ort der Massakrierung von Menschen gemacht wird“.

Nirenstein macht einen starken Job, indem sie den Unterschied zwischen Israel und seinen arabischen Feinden hervorhebt. Auf der einen Seite befindet sich eine Terrororganisation, die Hamas, die „palästinensische Kinder vorsätzlich in Gefahr bringt“, weil sie sie als menschliche Schutzschilde benutzt; auf der anderen befinden sich die israelischen Verteidigungskräfte, die sich größte Mühe geben diesen Kindern keinen Schaden zuzufügen. Wir reden über einen Konflikt zwischen „Stammes“-Kriegern, die Frauen unterdrücken, Schwule ermorden und Ungläubige hassen und einer technologisch fortschrittlichen Demokratie, die aktiv „die Gleichberechtigung der Geschlechter, Religionen und ethnischen Gruppen“ fördert. Die Palästinenser begehen die brutalsten Verbrechen gegenüber Israel, nur damit „ihre Lieben in israelischen Krankenhäusern behandelt werden“ – sie wissen, dass sich dort ausgezeichnet um sie gekümmert wird. Israel opfert, „wie ein Kind, das geliebt werden will“, seine eigenen Interessen aufgrund eines „Übermaßes an Leidenschaft für Frieden“, obwohl die Palästinenser die vorteilhaftesten Friedensvorschläge abgelehnt haben, weil ihr wahres Ziel nicht Frieden ist, sondern die Vernichtung Israels. Israel gab dem Gazastreifen „produktive Infrastrukturen, darunter die schönen Treibhäuser, in denen Erdbeeren, Kirschtomaten und Nelken gezogen wurden“, aber als die Hamas übernahm, zerstörte sie alles, was die Tatsache unterstreicht, dass diese Leute keine produktive Wirtschaft und eine erfolgreiche Gesellschaft wollen – sie wollen Waffen, Munition und tote Juden. Und trotzdem betrachtet die internationale Linke die Palästinenser durch rosige Brillen. Warum? Weil, so schreibt Nirenstein, „sie heilig sind, ein idealisiertes Volk statt einer Wirklichkeit, eine Art Unwertigkeit Israels und daher der Juden“. Genau.

Es ist ein kurzes Buch – nur etwas mehr als 100 Seiten lang. Aber Thomas Paine’s Common Sense hatte nur 47 Seiten und löste eine Revolution aus. Wie Paines Buch ist Nirensteins ein intensiver, drängender Aufschrei, das Produkt einer erbitterten und furchtlosen Intelligenz, die originelle Einblicke zusammen mit Punkte bringt, die nicht neu sein müssen, aber vielleicht noch nie so gut formuliert wurden. Gibt es noch etwas, das über Antisemitismus gesagt werden muss? Ja, gibt es – und es steht alles in diesem Buch, das man in die Hände aller legen sollte, von denen man weiß, dass sie ignorant die antisemitische Linie der Linken nachplappern. Wenn Nirenstein sie nicht aufklärt, bezweifle ich, dass irgendjemand das jemals schaffen wird.

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