Das war der eigentliche erste Zionistenkongress

Uns wird oft erzählt, dass „der jüdische Staat in Basel gegründet wurde“, der Stadt, in der der erste Zionistische Kongress zusammentrat. Allerdings versammelten sich 15 Jahre früher Juden in der Stadt Focşani in Rumänien, um für die Siedlung im Land zu werben. Israel Gilad, ein Mitglied der Ersten Aliyah-Vereinigung und Urenkel des Gründers von Rosch Pina und Zikhron Ya’akov, möchte unsere Leser an die erinnern, die vor Herzl kamen…

Israel Gilad, (Goldenberg), the Librarians, 6. September 2022

Teilnehmer der Konferenz Hovevei Zion in Kattowitz, 1884. Teh Pritzker Family Nationla Photography Collection, Nationalbibliothek Israels.

1878 versammelten sich Europas Großmächte zum Berliner Kongress, um die Beute aus dem russischen und rumänischen Sieg über das Osmanische Reich im Russisch-türkischen Krieg aufzuteilen. Rumänien und Bulgarien riefen danach ihre Unabhängigkeit aus, dabei versprachen sie allen Einwohnern die Staatsbürgerschaft. Führend waren dabei der britische Premierminister Benjamin Disareli und der französische Justizminister Adolf Crémieux. Disraeli war Abkömmling einer zum Christentum konvertierten jüdischen Familie und Crémieux war selbst Jude.

Rumänien unternahm alles in seiner Macht, um diesen Schritt zu verhindern. Es setzte Jahre früher beschlossene Gesetze durch, die die Juden des Landes diskriminierten und ihre Lebensgrundlage zerstörten. Die Gesetze waren vorher nicht umgesetzt worden. Dieses Handeln, das die bereits brutale Realität des jüdischen Lebens in Osteuropa verschlimmerte, spornte die Juden an die Idee einer Rückkehr ins Land Israel zu unterstützen, eine Vorstellung, die sich bei den Juden der Region zu verbreiten begann.

Ende 1880 veröffentlichte David Gordon, der Herausgeber der jüdischen Zeitung Hamagid, einen Artikel, der die Bemühungen zur Organisation von Siedlungsvereinen für das Land Israel analysierte. Eine Schlussfolgerung lautete, dass kleine Organisationen oder Einzelpersonen bei dem Ziel scheitern würden „eine große landwirtschaftliche Siedlung für unser Volk im Land unserer Vorfahren zu gründen“. Er glaubte, eine starke Zentralkörperschaft, ähnlich der „Alliance“ der französischen Juden, gegründet werden sollte, die die Organisation und Siedlung leitet.

Porträt von David Gordon, dem Herausgeber von Hamagid. The Abraham Schwadron Collection, Nationalbibliothek Israels

Die erneuerte jüdische Siedlung im Land Israel hatte zu der Zeit nur zwei Kolonien, Gei Oni (das sich später in Rosch Pina entwickeln sollte) und Petah Tikva; beide wurden 1878 mit dem Ziel gegründet eine landwirtschaftliche Siedlung zu schaffen, die ihren Einwohnern einen Lebensunterhalt bieten sollte. Die Einwohner von Gei Oni mussten ihre Siedlung aufgrund von landwirtschaftlichem Scheitern aufgeben, während die Leute von Petah Tikva unter schweren Anfällen von Malaria litten. Bis Anfang 1880 waren die Gründer beider Kolonien gezwungen nach Safed und Jerusalem zurückzukehren, wo sie mit halukkah-Geldern (in jüdischen Gemeinden in Europa gesammelte Almosen, die an jüdische Einwohner des Landes Israel verteilt wurden) überlebten.

Gordons Idee war einfach: Die Grundlage der Organisation sollten die lokalen Vereine sein, die in Palästina Land kaufen sollten; jede Kolonie sollten eine gewisse Zahl an Bauernfamilien einsetzen (gemäß der Erlaubnis des Sultans bis zu 150 Haushalte), um darin zu arbeiten, so dass die Siedler von der Landwirtschaft leben. Gordon glaubte, dass eine große Zahl an Kolonien schließlich zur Anerkennung des Landes Israel als Heimat und Staat des jüdischen Volkes führen würde.

Am 13. März 1881 wurde der russische Zar Alexander II. von einer Terrorgruppe ermordet. Zu deren Mitgliedern gehörte eine jüdische Frau. Es folgten Pogrome an russischen Juden, die drei Jahre lang weitergingen. Die bei den Juden als „Stürme im Süden“ bekannten Pogrome motivierten Gruppen in Russland die Immigration nach Palästina zu organisieren. Die Juden Rumäniens, die erkannten, dass die Ereignisse in Russland sich bald verbreiten würden, erhöhten ebenfalls die Mitgliedschaft in zionistischen Vereinigungen.

Der Kongress in Focşani, der Beginn der Ansiedlung, „Hibat Zion“ und die zionistische Organisation

Ich würde behaupten, dass die zionistische Bewegung am 30. Dezember 1881 (nach dem julianischen Kalender) in Focşani in Rumänien gegründet wurde, beim eigentlichen „ersten Zionisten-Kongress“, an dem 51 Delegierte aus 32 Siedlungsorganisationen teilnahmen, die sich in der jüdischen Schule der Stadt trafen. Die Konferenz dauerte zwei Tage, während denen fünf Mitglieder gewählt wurden, um als „Zentralkomitee zur Besiedlung des Landes Israel und Syriens“ zu dienen. Samuel Pineles, ein zionistischer Aktivist aus Rumänien, wurde zum Vorsitzenden des Komitees und dessen Sekretär gewählt. Pineles, ein weiser und gewandter Organisator, leitete die Konferenz mit Links im Wissen, wann er, abhängig von den Umständen, entscheidend handeln und wann er flexibel sein musste.

Porträt von Samuel Pineles. Sammlung Abraham Schwadron, Nationalbibliothek Israels

Die beim Kongress in Focşani gegründete Bewegung, die später in Hovevei Zion (Liebhaber Zions) oder Hibat Zion (Liebe Zions) umbenannt werden würde, setzte sich als Ziel „die Lösung des Problems des rumänischen Judentums durch sofortige Immigration ins Land Israel, landwirtschaftliche Besiedlung und unabhängige Arbeit seitens der Siedler“. In seinem hebräischen buch Die Fackel wurde in Rumänien entzündet (Ha-Avuka Hudleka be-Rumanyah) schreibt Mosche Schaerf, dass der Kongress in Focşani „ein neues Phänomen in der jüdischen Geschichte war“.

Und so entstand das Zentralkomitee für die erste jüdische Siedlungsbewegung im Land Israel. Es finanzierte und managte die Gründung von zwei Kolonien: Zichron Ya’akov, das komplett von ihm gemanagt wird; und Rosch Pina, dem es lediglich Hilfe leistete.

Das Komitee schickte mit vier Reisen rund 120 Familien (mehr als 600 Leute) ins osmanische Palästina; diese brachten mehr als die Hälfte der ersten Siedlerwelle. Die erste zionistische Pionier-Gruppe, die ankam, war eine Gruppe aus der Stadt Moineşti; sie kaufte das Land in Gei Oni, auf dem sie Rosch Pina gründeten.

Samuel Pineles führte die zionistische Bewegung in Rumänien bis zu seinem Tod 1928 mit Ausnahme von rund fünf Jahren, während der er seine Aufmerksamkeit persönlichen geschäftlichen Dingen zuwandte.

Leider ging das Zentralkomitee für die Besiedlung des Landes Israel und Syriens im Frühjahr 1883 bankrott. Ende September in dem Jahr überwies das Komitee die Aktiva der von ihm gegründeten Kolonie, Zichron Ya’akov, in die Schirmherrschaft des Barons Edmund James de Rothschild.

Siegel der Stadt Focşani in Rumänien. Foto: Nadav Mann, Bitmuna. Aus der Sammlung Kfar Tavor, the Pritzker Family National Photography Collection, Nationalbibliothek Israels

Während Sukkot (dem Laubhüttenfest) 1882 traf Baron Rothschild Rabbi Mohilever, der von Rabbi Zadoc Kah, dem Oberrabbiner der französischen Juden begleitet wurde. Der Baron stimmte Rabbi Mohilevers Anfrage zu in Palästina eine Siedlung zu gründen und bot später ein wirtschaftliches Sicherungsnetz für die meisten der Siedlungen der ersten Welle an, die bankrott gegangen waren. Die Philanthropie des Barons verhinderte, dass die Siedlungen kollabierten, was, wäre der Fall tatsächlich eingetreten, zu einer großen Krise des Vertrauens in das zionistische Ziel geführt hätte.

Im November 1884 trat die Konferenz von Kattowitz zusammen und gründete offiziell die Bewegung „Hibat Zion“ und mit ihr wurde die Führung der Bewegung vom rumänischen ans russische Judentum übergeben.

Wir müssen zugeben, dass Hibat Zion als Bewegung ein Fehlschlag war, was ihre Fähigkeit angeht Pioniere zu motivieren und sie im Land Israel anzusiedeln. Die Bewegung agierte in „Salven“, die in erster Linie Reaktionen auf Pogrome und institutionalisierten Antisemitismus waren. Als Theodor Herzl auf der Bildfläche erschien, war die Führung der Bewegung in Osteuropa glücklich den Stab der gesamten zionistischen Bewegung an ihn weiterzugeben.

Im August 1897 trat in Basel der „Erste Zionistische Kongress“ zusammen – aber wie am Anfang dargelegt, lehne ich diesen offiziellen Titel ab. Wenn jemand mit der Zählung beim Kongress von Focşani bginnt, dann war der Kongress in Basel die siebte Versammlung.

Herzl war ein außergewöhnlich talentierter Journalist und der verehrte Anführer der zionistischen Bewegung, der sogar aus eigener Tasche ihre Aktivitäten finanzierte. Er gründete auf dem Kongress in Basel die World Zionist Organization und baute im Vergleich mit dem vorhergehenden einen eindrucksvollen Verwaltungsapparat auf. Trotzdem waren die praktischen Erfolge der zionistischen Organisation in ihren frühen Jahren bestenfalls unbedeutend. In den ersten Jahren schwand die Mitgliederzahl der Bewegung, der politische Zionismus konnte wenige Errungenschaften aufweisen und die Siedlungsaktivität der Organisation im Land Israel war bis etwa 1910 überschaubar.

Die Teilnehmer der Konferenz „Hovevei Zion“ 1890 in Odessa. Bitmuna, Sammlung Lancet. The Pritzker Family National Photography Collection, Nationalbibliothek Israels

Die Siedlungsaktivitäten der Zionist Organization folgte Herzls Konzept „keine Charta, keine Aliyah“ und brachte daher in diesen ersten Jahren nichts zustande. Die erste unter der Schirmherrschaft der Zionist Organization gegründete Siedlung war Degania im Jahr 1909. Erst Ende der 1930-er Jahre wurde die Zionist Organization zur Hauptsiedlungsbewegung und selbst dann gründete sie nur Kibbuzim und Moschawim (Gemeinschafts- und kooperative landwirtschaftliche Siedlungen).

Der Zusammenbruch und die Rettung der Siedlungen im Land Israel

Baron Rothschilds Zustimmung die Besiedlung im Land Israel zu finanzieren und sie vor dem Zusammenbruch zu retten sollte nicht vergessen werden. Die Gründerväter der jüdischen Siedlung im osmanischen Palästina zahlten allerdings den Preis dafür damit, dass sie ihre Unabhängigkeit verloren und Tagelöhner für den Baron wurden. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir unsere Schuld diesen frühen Pionieren gegenüber anerkennen und ihnen zugestehen, was ihnen zusteht.

David Ben-Gurion erkannte Baron Edmund de Rothschild als  den einzigen an, der einen Ehrenplatz in der zionistischen Geschichte beanspruchen konnte, weil er mehr für die Besiedlung des Lands israel getan hatte als jeder andere oder jedes Gremium. Damit bagatellisierte Ben-Gurion das Tun udnd ei schwere Arbeit der Organisationen und Pioniere, die von 1882 bis 1897 aktiv waren und Herzls World Zionist Organization vorausgingen.

All das begann vor hundertfünfundzwanzig Jahren, als der Kongress in Basel der „Erste Zionistische Kongress“ genannt wurde, obwohl sein voller Name „Der Erste Weltzionisten-Kongress“ lautete. Der Kongress in Basel war in Wirklichkeit der siebte seiner Art. Bis heute ist der erste Kongress des Zentralkomitees für die Besiedlung des Landes Israel und Syriens den meisten Juden unbekannt. Ich habe meine Ergebnisse hier in der Hoffnung veröffentlicht, dass Historiker eines Tages dieses historische Versehen im üblichen zionistischen Narrativ korrigieren werden.

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