Gedankensplitter: Ein Beispiel für die Probleme der Wahrnehmung von Antisemitismus

Ganz offen: Mein Patenonkel war ein Antisemit.

„Entdeckt“ hatte ich das vor einigen Jahren, als ich zu Besuch war. Er gab zwei Äußerungen von sich, die das mehr als deutlich zeigten:

Zum einen erzählte er von einem Jugoslawien-Urlaub irgendwann vor 50 oder mehr Jahren. Er war an einer Synagoge und der Rabbi hatte offensichtlich etwas gegen Deutsche; mein Onkel und seine Frau wurden von ihm komplett ignoriert, ein anderes Paar (ich weiß nicht mehr woher) von ihm aber eingeladen die Synagoge zu besichtigen. Als mein Onkel einfach mitgehen wollte, wurde er zurückgewiesen. Und mein Onkel, sagte er, dachte sich nur: „Scheiß-Jude.“

Sein ebenfalls bei dem Bericht anwesender Schwiegersohn wurde laut: „Das will ich von dir nie wieder hören!“

Kurz darauf ging es Gespräch um Israel und den Konflikt mit den Arabern, auch die Geschichte. Mein Onkel hatte eine sehr deutliche Meinung zu jüdischen Wohnungen, besonders in Judäa und Samaria, aber überhaupt in „Palästina“, schon zur Mandatszeit: „Die Juden – nein, der Jude war schon immer nie zufrieden mit dem, was ihm zugewiesen wurde und hat sich drumherum mehr angeeignet als ihm zustand.“

Dazu schwieg der Mann meiner Cousine.

Allein die „Korrektur“ von „die Juden“ auf „nein, der Jude“ demonstriert – abgesehen von der historisch schwachsinnig falschen Argumentation – den Antisemitismus. Geht es noch deutlicher? Juden werden nicht als Einzelpersonen betrachtet, sind nicht einzelne „Täter“, sondern sind „der Jude“, ein Kollektiv, eine Gesamtheit, die Gesamtcharakteristika haben; und „haben schon immer“ zeigt, dass Juden halt üble Leute waren, sind und sein werden, weil das ein übliches Verhalten sein soll, ein charakteristisches, das immer so war, ist und sein wird.

Und mein Schwiegercousin schwieg; er hatte nicht gemerkt, dass diese zweite Äußerung weit stärker Antisemitismus anzeigt als das rein emotionale, auf eine bestimmte Person bezogene „Scheiß-Jude“, über das er sich so aufgeregte.

Inzwischen ist dieser Vorfall für mich ein Symbol der Antisemitismus-Diskussion, der Antisemitismus-Wahrnehmung und der Antisemitismus-Verurteilung überhaupt.

Denn echauffiert wird sich vor allem über Vordergründiges. Allzu Offensichtliches, gerne auch mal nur vermeintlich solches. Wo die Wortwahl boshaft ist, wird „Antisemitismus“ gebrüllt, ob das nun sinnvoll ist oder nicht. Oft ist es das nicht. Aber wo die Wortwahl anders ist, wo nichts offensichtlich Unflätiges dabei ist, da wird er nicht entdeckt, der Antisemitismus – jedenfalls wenn er von den „Richtigen“, den „Guten“ geäußert wird.

Umgekehrt wird „Antisemitismus“ gebrüllt, wann immer man auch noch so harmlose und unverdächtige Äußerungen so verdrehen kann, nur weil der Falsche das Wort „Jude“ in den Mund genommen hat. Aber das ist nochmal ein anderes Thema…