Wenn akademischer Antikolonialismus jüdische Geschichte verfälscht

Ein Buch über Juden Algeriens ignoriert Jahrhunderte vorkolonialer Unterdrückung

Lynn Julius, JNS.org, 30. Oktober 2022

Die Geschichte der Juden in arabischen Ländern ist an westlichen Universitäten lange ein obskures oder „Nischen“-Studienfeld gewesen. Zuletzt hat allerdings eine Schar bahnbrechender junger Akademiker das zu ihrem Spezialgebiet gemacht. Es sind Bücher zu so unterschiedlichen Themen wir Jüdische Kommunisten in Marokko, Juden in Bagdad und jüdische Musiker in Nordafrika aufgetaucht.

All diese Vorstöße in vergleichsweise jungfräuliches Gebiet sind zu begrüßen. Aber junge Akademiker in den USA sind auch Produkte ihrer Bildung und ihres Umfelds. Das aktuelle Klima ist das eines modischen, postmodernen Antikolonialismus – und das spiegelt sich in Arbeiten über Juden in arabischen Ländern.

Nehmen wir zum Beispiel Joshua Schreiers Buch Arabs of the Jewish Faith (Araber jüdischen Glaubens). Schreier hat eindrucksvolle Forschungsarbeit zu Frankreichs „Zivilisierungsauftrag“ bei den Juden Algeriens geleistet. Das Buch hat seinen Titel aus einer Äußerung eines ehemaligen Präfekten von Oran, Charles du Bouzet, ein Jahr, nachdem aus innenpolitischen Wahlgründen „einheimischen“ Juden durch das Décret Crémieux von 1870 die französische Staatsbürgerschaft zugewiesen wurde. (Einheimische Muslime waren davon ausgeschlossen.)

Du Bouzet sah keinen wirklichen Unterschied zwischen Arabern und Juden. Zum Beispiel wimmeln Kolonialarchive vor Verweisen auf Juden als korrupt und unmoralisch sowie der Behauptung, dass die Prostituierten von Oran alle im jüdischen Viertel zu finden waren.

In der Praxis wurden Juden allerdings als tauglicher für „Zivilisierung“ betrachtet als Muslime. Die französischen Kolonialisten glaubten, die Juden könnten nützlicher sein, weil Juden angeblich wichtige Handelsnetzwerke beherrschten und sogar loyales Kanonenfutter für das französische Militär bieten könnten.

Als Teil seines „Zivilisierungsauftrags“ strebte Frankreich an in jüdische Häuser, Schulen, Familienbeziehungen und Synagogen vorzudringen. Schreier versucht zu zeigen, dass Juden sich nicht ohne Widerstand unterwarfen. Sie waren keine passiven Opfer des Kolonialismus.

Schreiers Arbeit betrachtet Kolonialismus eindeutig als Zwang ausübend, aufdringlich und weitgehend unwillkommen. Er impliziert darüber hinaus, dass Dinge wie staatliches Eindringen ins Familienleben bis ins 21. Jahrhundert fortbestehen. Die französische Staatsbürgerschaft ist von den richtigen französischen Werten abhängig, behauptet er. Er legt einen zeitgenössischen Fall vor: Faiza, eine Marokkanerin, die in Frankreich lebt, wurde die französische Staatsbürgerschaft verweigert, weil sie eine von Kopf bis Fuß reichende Burka trug.

Es wurde auch behauptet, dass nach dem französischen Einmarsch in Algerien 1830 Ungleichbehandlung die Juden von den Muslimen „trennte“, was unnötige Feindseligkeit und Reibereien zwischen den beiden Gruppen schuf, die in Konflikt und Exil endeten. Die Distanzierung der Juden von der arabischen Kultur und Gesellschaft ist das „erste Exil“, das der einflussreiche Historiker des algerischen Judentums, Benjamin Stora, in seinem Buch Die drei Exile des algerischen Judentums beschrieb.

Dem Kontext der Diskussion fehlt jegliche tiefgehende Untersuchung dessen, wie Juden vor der Kolonialzeit behandelt wurden, als unter osmanischer Herrschaft das muslimische Scharia-Recht galt: Die Juden waren Dhimmis, institutionell gegenüber Muslimen minderwertig und mit wenig juristischen Rechten.

Schreier räumt ein, dass Juden in dieser Zeit nicht vor Erniedrigung, zusätzlichen Steuern und Kleiderordnungsgesetzen gefeit waren. Wenn sie in den Genuss wichtiger Posten kamen, dann nicht als Entscheidungsträger. Sie konnten Anordnungen ausführen. Juden konnten von Kontrahenten ermordet und von Wellen an Mob-Gewalt ins Visier genommen werden.

Schreier behauptet allerdings: „Eine buchstäbliche Interpretation des Dhimmi-Status sollte nicht für Sozialgeschichte stehen“, was „nahelegt, dass Juden relativ sicher und ein integraler Bestandteil der späten osmanischen und frühen kolonialen algerischen Gesellschaft waren“. Er verweist auf die mächtige merkantile jüdische Elite, die mit Getreide, Feldfrüchten, Wolle und Vieh handelte – sagte aber nicht, dass mehrere dieser erfolgreichen Händler den Schutz fremder Nationalitäten genossen. Er legt auch Beispiele für semitisch-nomadische Juden vor, „die wie Araber bewaffnet und gekleidet waren“, insbesondere im südlichen Algerien.

Andere Forscher, die oft in arabischen Ländern geboren waren, haben argumentiert, dass koloniale Emanzipation eine Befreiung vom Dhimmi-Status war. Soweit es die meisten Juden betraf, hatte der Kolonialismus viel, was für ihn sprach. Er gab den Juden in ihren Ländern zum ersten Mal mehr Sicherheit, Gleichberechtigung und juristische Rechte. Er führte Grundstandards in Gesundheitsvorsorge und Hygiene ein und setzte körperlichen Strafen in Schulen ein Ende. Er gab Juden eine westliche Bildung, die ihnen erlaubte in der modernen Welt Erfolg zu haben.

Den Dhimmi-Status herunterzuspielen bedeutet, die umfangreichen Zeugenberichte europäischer Reisender zu ignorieren, die die Eintreibungen und Misshandlungen beschreiben, die Juden in der vorkolonialen Zeit erlitten. Schreier tut diese Berichte als „übertrieben“ ab. Er behauptet, dass sie mit Skepsis behandelt werden sollten, weil sie geschrieben wurden, um einer kolonialen Agenda zu dienen, um die Emanzipation und Assimilation in französische Werte zu bewerben. Schreiers Verdacht erweitert sich auf Forscher wie den verstorbenen, respektierten, in Algerien geborenen französischen Professor Richard Ayoun, dessen Werk Schreier als „Beispiel für Forschung, die das koloniale Modell der Emanzipation von einem orientalischen Zustand der Demütigung wiedergibt“ bezeichnet.

In Wirklichkeit sollte es in erster Linie die jüdischen Gemeinden in muslimischen Ländern mit dem Nötigsten versorgen, damit sie um ihre Rechte als emanzipierte Bürger kämpfen können, die 1860 eine Gruppe französischer Juden in der Alliance Israelite Universelle einrichteten. Diese Institution war nicht nur eine jüdische Version des französischen „Zivilisierungsauftrags“. Es war eine Antwort auf die sehr reale Erniedrigung, die in der vorkolonialen Zeit beobachtet und festgehalten wurde und von Ritualmordlügen und Zwangskonversionen bis zu Prügel und abgebrannten Synagogen reichten. Das Buch Exile in the Maghreb von David Littman und Paul Fenton bietet reichlich Belege dafür – nicht nur aus europäischen, sondern auch aus jüdischen und muslimischen Quellen.

Dennoch finden die Bemühungen der Allianz den muslimischen Antisemitismus zu bekämpfen in Arabs of the Jewish Faith kaum Erwähnung, weil die erste Schule der Allianz in Algerien erst im frühen 20. Jahrhundert gegründet wurde.

Allzu oft macht der Antikolonialismus dieser modernen Wissenschaftler sie blind oder lässt sie arabischen und muslimischen Antisemitismus bagatellisieren. „Soziale Geschichte“ sollte keine Ausrede für Wunschdenken sein.

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