Der fehlgeschlagene doppelte Spiel der Briten mit Israel

Bisher übersehene Dokumente des britischen Imperial General Staff demonstrieren, dass die oft ausgegrenzte Bewertung der britischen Absichten gegenüber dem Mandat Palästina durch den Lehi-Anführer Avraham „Yair“ Stern richtig war.

Edward Luttwak, Tablet magazine, 29. November 2022

Avraham Stern 1942 (Foto: Israeli Government Press Office)

Als der Krieger-Poet Avraham „Yair“ Stern, Gründer und Anführer der Lohamei Cherut Israel (Lehi – „Kämpfer für die Freiheit Israels“), der glaubte, dass die Briten mit politischen Morden und mit Bomben vertrieben werden müssten und niemals freiwillig abziehen würden, nachdem der am 12. Februar 1942 getötet wurde, nachdem er gefangen genommen wurde und von britischen Kriminalbeamten Handschellen angelegt bekam, konnte kein Jude seinen Tod feiern.

Aber die Anführer der Juden des britischen Mandats Palästina, die damals schon von David Ben-Gurion geführt wurden, betrachteten Sterns Tod eher als Gewinn für die nationale Sache statt als Verlust – und nicht nur, weil der Poet und seine Anhänger unbesonnene politische Dilettanten waren: Einige fantasierten von Bündnissen mit Mussolini, sogar mit den Nazis sowie arabischen Nationalisten bei einer gemeinsamen antibritischen Sache.

In einer Zeit maximaler Gefahr – Rommel schien kurz vor der Eroberung Ägyptens zu stehen, Palästina käme als Nächstes – betrieben Ben-Gurion und seine Verbündeten trotz bitterer Enttäuschungen beharrlich die Kooperation mit den Briten. Die schlimmste war vielleicht das Weißbuch vom Mai 1939, das die Zuwanderung von Juden auf 75.000 über fünf Jahre begrenzte, was zahllose europäische Juden zum Tod durch die Hände der Nazis verurteilte. Trotzdem glaubte Ben-Gurion – zurecht – dass die Briten die am wenigsten schlimmen Verbündeten waren, die die Juden haben konnten.

Ben-Gurion hatte auch kaum eine andere Wahl. Die Amerikaner hatte es selbst dann abgelehnt in den Krieg einzutreten, nachdem die Deutschen den größten Teil Europas erobert hatten. Sie lehnten es immer noch ab zu handeln, als die Deutschen kurz davor zu stehen schienen Russland zu besiegen, was bald auch die Niederlage Britanniens bedeuten würde. Am 2. Dezember 1941 standen deutsche Panzer nur noch knapp 25km vor dem Roten Platz. Amerika war nur im Krieg als Stern 1942 starb, weil die Japaner es angegriffen hatten.

Es war unvorstellbar, dass die Amerikaner zugunsten der Juden um weit entfernten Nahen Osten eingreifen würden – in der Tat hoben die USA ihr totales Waffenembargo gegen Israel erst im August 1962 auf, um den Verkauf von defensiven Luftabwehrraketen zu gestatten, sieben Jahre, nachdem die Sowjets zugestimmt hatten Nassers Ägypten Bomber zu liefern (Teil eines gewaltigen sowjetischen Waffen-Geschenkpakets, das auf Beharren der CIA als „tschechisch“ falsch dargestellt wurde, um Feindschaft ihres eigenen Mannes, Nasser, zu vermeiden: Die immer falsch liegende Agency setzte auf Nassers mächtigen arabischen Nationalismus, statt auf das scheinbar schwächliche Israel.)

Als Avraham Stern getötet wurde, standen die Kommunisten noch völlig loyal an der Seite Stalins. Laut Ben-Gurion und der Mehrheit der jüdischen Anführer in Palästina war Churchill immer noch das Beste, was die Juden bekommen konnten, selbst nach der Aufdeckung ihres krassen doppelten Spiels gegenüber dem Jischuw. Churchill verurteilte vehement das Weißbuch vom Mai 1939, um seine jüdischen Gönner zufriedenzustellen, als er noch nicht im Amt war kaum Geld hatte, lehnte es dann aber ab die Politik zu ändern, als er Premierminister wurde – womit er Millionen verweigerte dem Tod zu entkommen und zufällig meinem Vater, meiner Mutter, zwei Brüdern und mir selbst verweigerte Arad in Rumänien zu verlassen u, nach einer komfortablen Fahrt mit dem Orientexpress nach Istanbul und dann nach Haifa in Sicherheit zu gelangen. Ein 7,5cm mal 5 Zentimeter großer Einreisezettel für Palästina reichte aus, um Transitvisa für Bulgarien und die Türkei zu bekommen, aber die Briten lehnte es ab sie auszustellen, selbst noch 1944 – zu einer Zeit, als detaillierte Augenzeugenberichte und fehlerfreie Dokumentation der Operation eines jeden Teils der Nazi-Tötungsmaschine London und Washington erreicht hatten.

Trotz all dem lag Ben-Gurion mit den damals verfügbaren Beweismitteln weiter größtenteils richtig und Avraham Stern lag größtenteils falsch. Die Briten stimmten irgendwann und sehr widerwillig der Beendigung der Mandatsherrschaft durch die UNO am 15. Mai 1948 zu, womit den Juden erlaubt wurde für ihren Staat zu kämpfen. Diese Anmerkung ist wichtig, weil ein Faktor bei der britischen Entscheidung die von Stern inspirierten Terroranschläge waren, darunter der vom 22. Juli 1946 der Bombenanschlag auf das britische Hauptquartier im King David Hotel, dessen 91 Tote ihn zum tödlichsten Anschlagsrekord machten, der noch Jahrzehnte nachwirkte.

Erst in den letzten Jahren kamen Dokumente ans Tageslicht, die beweisen, dass die Briten – heißt: der immens herrische Imperial General Staff, dessen Ansehen sogar noch zunahm, sobald Churchill am 5. Juli 1945 aus dem Amt gewählt war – entschlossen waren in Palästina zu bleiben, ganz im Widerspruch zu dem, was sie gegenüber den jüdischen Anführern und der UNO sagten. In der Tat hatten sie einen Operationsplan ausgearbeitet, um genau das zu tun: Sie rüsteten die ägyptische Armee ihres folgsamen Vasallenkönigs Farouk und die irakische Armee ihres folgsamen Vasallenkönigs Faisal II. mit Feldartillerie, Panzern und Kampfflugzeugen aus und schickten gepanzerte Autos, Feldartillerie und ausgezeichnete britische Offiziere als Kommandeure zur Arabischen Legion ihres Vasallenkönigs Abdallah von Jordanien. Den Juden wurden überhaupt keine Waffen gestattet – nicht einmal Revolver. Angesichts des unaufhaltsamen Vorteils der arabischen Armeen würden sie selbst um britischen Schutz betteln, womit sie die Verlängerung der britischen Herrschaft sicherstellen würden.

Die Dokumente des Generalstabs offenbaren systematische strategische Logik in Betrieb, ohne auch nur eine Spur von Antisemitismus. Britische Planer im Stab akzeptierten, dass Indien, Burma und Ceylon bald verloren sein würden, machten aber geltend, dass der Persische Golf behauptet werden müsse, weil seine Ölreserven notwendig seien, um Britanniens Wiederaufbau zu finanzieren (abgesehen von viel Wohnraum der durch Nazi-Bomber verloren ging, waren die Maschinenanlagen in britischen Fabriken durch die Kriegsproduktion abgenutzt).

Großbritannien Erholung nach dem Krieg, so glaubte der Generalstab, würde fortgesetzte Kontrolle einer Kette an Basen von Zypern und der britisch kontrollierten Kanalzone bis in den Irak und Bahrain über den Negev benötigen, die südliche Wüste, die den Großteil des von der UNO gezeichneten Karte des zukünftigen Israel ausmachte. Dem jüdischen Staat konnte daher nicht erlaubt werden am 15. Mai unabhängig zu werden, mit Ausnahme des schmalen Küstenstreifens über dem Negev, wo ein paar hunderttausend Juden unter britischem Schutz leben könnten.

Die Labour-Regierung, die Churchills Kriegskoalition folgte, war voll und ganz damit beschäftigt ein Land für Helden aufzubauen und hatte keine Zeit oder keine Lust sich in den Plan des Generalstabs einzumischen – und wenn sie interveniert hätten, hätte das kaum etwas geändert. Labour-Premierminister Clement Attlee (Churchills „zurückhaltender Mann mit viel, bei dem er zurückhaltend zu sein hätte“) war ein sehr stiller, aber kalt entschlossen und absolut antisemitisch sowie antizionistisch. Diese Tatsache war damals wenig bekannt, zum Teil, weil alle Aufmerksamkeit sich auf das Außenministerium konzentrierte, das vom früheren Gewerkschafter, Außenminister Ernest Bevin geführt wurde, der überhaupt kein ernsthafter Antisemit, sondern ein Großmaul war.

Mit seinen antisemitischen Ausbrüchen bot Bevin sowohl für Attlee als auch die Planer des Imperial General Staff Deckung. Aber der am häufigsten gegen Bevin angeführte Ausbruch vom 12. Juni 1946 – „Es hat in den USA … aus den reinsten Motiven Agitation gegeben … 100.000 Juden nach Palästina zu stecken. Sie wollten in New York nicht zu viele Juden haben.“ – kam in Wirklichkeit von James F. Byrnes, dem US-Außenminister. Burns‘ eigene Politik – grausam und sehr effektiv durchgesetzt – bestand ebenso darin den Juden jegliche Waffen zu verweigern, womit er die britischen Pläne förderte.

Byrnes‘ Politik bestand unter seinem nachweislich nicht antisemitischen Nachfolger George Marshall (der Druck ausgeübt hatte jüdischen Immigranten die Tore in die USA zu öffnen) selbst nach Israels Unabhängigkeit ab 15. Mai 1948, ungeachtet des ureigenen Rechts eines jeden souveränen Staates sich zu verteidigen, unverändert weiter. Wären keine Waffen mit Zustimmung Stalins, der das britische Empire in Verlegenheit bringen wollte, durch gewagte DC-3-Flüge aus der Tschechoslowakei über Jugoslawien angekommen, dann wäre der jüdische Staat besiegt und die Überlebenden nur gerettet worden, wenn die britische Herrschaft fortbestanden hätte.

Es ergab sich, dass die Juden sich als viel bessere Kämpfer herausstellten, als alle angenommen hatten, aber ihr Sieg 1949 an allen Fronten war für den Imperial General Staff nur kleiner Rückschlag; seine unumstrittene Vollmacht ließ bis zum Debakel der Suezkrise 1956 nicht nach.

Zwei Bündel bisher übersehener Dokumente beweisen, dass Avraham Stern recht hatte den britischen Erklärungen nicht zu trauen, sie würden das Mandat beenden und den Juden erlauben einen Staat zu gründen, selbst nicht in den geschrumpften Grenzen, die die UNO sich vorstellte.

Erstens gibt es die Dokumente zur „Operation Cordage“, die einen Terroranschlag auf Israel ins Auge fassten, der israelische Vergeltung gegen das haschemitische Königreich Jordanien provozieren würde. Die israelische Reaktion würde es Britannien erlauben seine Verpflichtung zu aktivieren das haschemitische Königreich gemäß des Vertrags von London von 1946 zu verteidigen. Das würde den Briten die Ausrede liefern die Royal Air Force von ihren Basen in Zypern aus und die Fleet Air Arm von Flugzeugträgern umfassende Luftangriffe beginnen zu lassen, um die gesamte israelische Luftwaffe und Armeebasen, Kommandozentralen und Lager zu vernichten. (Damals konnte die britische Luftwaffe das und mehr.) Sobald Cordage ausgeführt würde, wären die entwaffneten Israelis gezwungen um britischen Schutz zu betteln, weil sie so schwach wären, dass selbst die kleine Armee des Libanon einmarschieren könnte, ganz zu schweigen von den viel stärkeren Syrern, Irakern und immer noch von Briten kommandierten Jordaniern.

Der zweite Dokumentensatz beschreibt den 1955 von Francis Russell vom US-Außenministerium und dem führenden Arabisten des britischen Außenministeriums Evelyn Shuckburgh (der immer unter akuten Magenschmerzen litt, wann immer er dem israelischen Botschafter eine der seltenen Audienzen gewähren musste) ausgearbeiteten Plan Alpha der USA und Großbritanniens. Der von Premierminister Anthony Eden in seiner Guildhall-Rede vom November 1955 vorgelegte Plan Alpha sollte den Negev – ja, immer der Negev – von Israel abtrennen und ihn Ägypten übergeben, das damals, wenn auch nicht mehr lange, „britisches Ägypten“ war, komplett mit stationierten 70.000 britischen Soldaten von Armee und Luftwaffe auf Basen beiderseits des Kanals.

Erst Nassers Verrat an seinen CIA-Möchtegern-Führern mit der Übernahme des Suezkanals und dem folgenden Suez-Krieg 1956 (Israels Sinai-Feldzug) wendete das Blatt. Die Briten griffen stattdessen Ägypten an, was Edens Rücktritt, lebenslange Trauer Schuckburgs und den Beginn der Kriege zur Folge hatte, die zum ägyptisch-israelischen Friedensvertrag und der gegenwärtigen Kooperation führten, womit Stenrs Hoffnung verwirklicht wurde, dass arabische und jüdische Nationalisten Verbündete sein können.

Wer hatte also recht?

Die beigefügten Cordage-Dokumente wurden vom Historiker und herausragenden Rundfunk-Sprecher Dr. Isaac Noy (sel. A.) im Mai 2022 zur Verfügung gestellt. Anat Stern korrigierte Fehler eines früheren Entwurfs.

Werbung