Die Rolle einer zionistischen Zeitung

Michael Freund, Jerusalem Post, 2. Dezember 2022

Die Jerusalem Post wird diese Woche 90 Jahre jung; sie feiert den Tag von damals, 1932, als der leidenschaftliche Zionist Gerschon Agron mit einer Gruppe anderer Visionäre im vorstaatlichen Israel anfing ein englischsprachiges Nachrichtenblatt zu veröffentlichen.

Das war kein kleines Kunststück angesichts der damaligen wirtschaftlichen Umstände, der unterdrückerischen britischen Besatzung des Landes Israel und der anschwellenden palästinensisch-arabischen Gewalt und Feindseligkeit.

Es waren aber genau diese Umstände, die die damals als The Palestine Post bekannte Zeitung zu einer solch entscheidenden Kraft machten, die half das Narrativ der Region zu formen.

In unserem von Informationen durchtränkten Zeitalter, das mit Phänomenen wie viralen YouTube-Influencern und Teenager-TikTok-Stars vollgestopft ist, ist es vielleicht schwierig die Rolle und die Macht zu verstehen, die Zeitungen in der Zeit vor dem Internet ausübten, nicht nur beim Festhalten der Geschichte, sondern auch dabei sie zu formen.

Ich erinnere mich, dass ich mich, als ich als Kind in New York aufwuchs, jede Woche auf die Ankunft der The Jerusalem Post International Edition freute, die ich schnell von vorne bis hinten als Gegenmittel zur toxischen antiisraelischen Einseitigkeit der New York Times verschlang.

Damals wie heute diente die Post als Fenster in die israelische Gesellschaft, sowohl als Spiegel dessen, was geschah, als auch als Versuch zu erbauen, zu bilden und  zu unterhalten.

Sie ist eine Stimme im Lärm, eine Quelle der Vernunft, der Frage, ob man mit ihrer Haltung zu verschiedenen Themen übereinstimmt oder nicht.

Seit dem Anbruch des Web haben Vorhersager den Untergang der Zeitung als Mittel der Information prognostiziert. Und während die Industrie im Verlauf der Jahre natürlich Nackenschläge einstecken musste, ist sie noch recht gesund und munter, spielt weiter eine Schlüsselrolle dabei die Öffentlichkeit zu informieren und sich die Mächtigen zur Brust zu nehmen.

Während die Post diesen Meilenstein ihrer Geschichte kommentiert, ist es eine zeitgemäße Gelegenheit darüber nachzudenken, wie die Funktion der zionistischen und jüdischen Medien im Zeitalter des Cyberspace aussehen können und sollten.

Zum einen wollen Zeitungen objektive Versorger mit Nachrichten sein, die ehrlich und integer über Ereignisse zu berichten.

Und ja, gibt es wirklich keine menschliche Institution, von der wahrlich gesagt werden kann, dass sie komplett objektiv ist, frei von Neigungen und Befangenheiten der einen oder anderen Art?

Hat nicht jedes Medienorgan eine Agenda?

Ich denke, wir alle wissen, dass das so ist. Man braucht nicht weiter als bis zur Kommentarseite einer jeden Zeitung zu gehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die, die die Zeitung machen, die Welt betrachten.

Daher ist es auch nicht inhärent widersprüchlich eine „zionistische Zeitung“ zu sein, eine, die für Israel und das jüdische Volk eintritt, während angemessene journalistische Standards eingehalten werden.

Darüber hinaus würde ich argumentieren, dass israelische und jüdische Zeitungen nicht nur das Recht haben das jüdische Volk und seinen Staat zu verteidigen, sondern auch eine Verantwortung tragen das zu tun. Zu keiner Zeit in der jüngeren Geschichte sind so viel Gift und Galle gegen unser Volk gerichtet worden. Die Verleumdungen und Lügen, die dem jüdischen Staat online entgegengeschleudert werden, sind in ihrer Dreistigkeit und Verleumdung atemberaubend, aus welchem Grund Plattformen wie die Post so wichtig sind. Sie stellen nicht nur Dinge richtig, sie liefern den Lesern auch eine Oase an vernünftiger und durchdachter Wahrheit, etwas, das in so großen Teilen des Online-Diskurses heutzutage so schmerzlich fehlt.

Das soll nicht heißen, dass Zeitungen unfehlbar sind. Ganz und gar nicht. Wie Oscar Wilde scharf beobachtete: „Die Öffentlichkeit hat eine unstillbare Neugier alles wissen zu wollen, außer dem, was es zu wissen wert wäre. Der Journalismus, der sich dessen bewusst ist und Gewohnheiten von Gewerbetreibenden hat, bedient ihres Bedarf.

Und kein geringerer als Thomas Jefferson, einer der Gründerväter Amerikas, hatte eine noch strengere Ansicht; er machte geltend: „Der Mann, der nie in eine Zeitung schaut, ist besser informiert, als der sie liest, insofern als der, der nichts weiß, der Wahrheit näher ist als der, dessen Geist mit Unwahrheiten und Fehlern gefüllt ist.“

Aber ich glaube, dass Jefferson hier übertreibt. Ich bevorzuge es an Lieblingszeitungen als ähnlich wie an alte Freunde zu denken. Sie sind vertraut und amüsant, interessant und erleuchtend, dennoch können sie manchmal auch wütend machen oder enttäuschen. Aber selbst wenn sie das tun, werden ihre Schwachstellen von ihrem Nutzen weit in den Schatten gestellt.

Als Gott beschloss die Welt zu schaffen, machte Er das mit Worten, obwohl Er das höchstwahrscheinlich nicht nötig gehabt hätte. Vielleicht besteht die Lektion darin uns an die Macht der Worte zu erinnern, die Ansehen herstellen oder vernichten können, neue Wege zu denken wecken oder sogar tyrannische Regime stürzen und eine neue Realität entstehen lassen können.

Als Stimme, die von Zion ausgeht, hat die Post Juden wie Nichtjuden rund um den Globus gleichermaßen inspiriert, sie mit Israel verbunden, so groß die Distanz auch sein mag. Möge sie weiter diesen historischen Auftrag noch viele kommende Jahre mit Leidenschaft und Zielstrebigkeit sowie Offenheit und Überzeugung erfüllen.

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