Als die Irgun beschloss, Richter, Jury und Henker zu sein

Kadia Mizrahi und Leon Maschiach wurden hingerichtet, nachdem sie von einem von der Irgun organisiert Standgericht zum Tode verurteilt wurden. Ihre Todesstrafen wegen des Vorwurfs des Hochverrats wurde von einem sich selbst genehmigt habenden, nicht transparenten Gremium verhängt, das keinerlei Aufsicht unterlag. Ein Blick in die Einzelheiten der Fälle offenbart ein gewalttätiges und umstrittenes Vorgehen, bei dem militärische Organisationen sich selbst erlaubten Menschen ohne schlüssige Beweise hinzurichten. Ein Blick zurück auf eine dunklere Seite der Zeit vor der Staatsgründung.

Shir Aharon Bram, the Librarians, 11. Januar 2023

Mitglieder der Irgun patrouillieren an der Grenze von Jaffa, 1948. Foto: Boris Carmi, Sammlung Meitar, the Pritzker Family National Photography Collection, Nationalbibliothek Israels

Am einem Märzmorgen 1947 erwachten die Einwohner des Mandats Palästina – dem Land Israel – zu einer neuen Ankündigung eines „Irgun-Tribunals“, das eine von ihren Mitgliedern ausgeführte Doppel-Exekution verkündete. Es waren wilde Tage, als die jüdische Siedlung die britische Mandatsregierung und deren Versuche jüdische Zuwanderung zu verhindern bekämpfte. Die Untergrund-Organisationen Irgun und Lehi betrachteten die Briten als ihren größten Feind und jeder, der der Kollaboration verdächtigt wurde, selbst wenn es sich um einen Juden handelte, wurde in ihren Augen zu einem potenziellen Feind.

Die an diesem Morgen veröffentlichte Erklärung verkündete die Hinrichtung zweier Juden – Kadia Mizrahi aus Rehovot und Leon Maschiach aus Petah Tikva – wegen des Vorwurfs den Briten Informationen gegeben zu haben. Das waren zwei weitere Namen auf einer langen Liste, aber eine gründliche Untersuchung der Verkündung kann uns eine Mange über das Phänomen als Ganzem sagen.

Irgun-Poster mit der Verkündung der Hinrichtung von Kadia Mizrahi und Leon Maschiach (hebräisch). Dieser Poster ist Teil des Archive Israel Network, zugänglich gemacht über die Zusammenarbeit der Sammlung Etzel, das Ministerium für Jerusalem und Erbe sowie die Nationalbibliothek Israels.

Hinrichtungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft des Mandats Palästina waren nichts Neues. Der erste politische Mord war der an Jacob Israël de Haan 1924 und Dutzende weitere Juden wurden von verschiedenen Organisationen wegen des Vorwurfs des Hochverrats, der Weitergabe von Informationen und der Kollaboration mit den Arabern oder den Briten zum Tode verurteilt, bevor der Staat Israel 1948 gegründet wurde.

Das Phänomen wird manchmal nur Lehi und Irgun zugeschrieben, wobei die Meinung besteht, dass ihre Hardliner-Positionen sie zum Begehen solch gewalttätiger Handlungen brachte, aber tatsächlich hat auch die Haganah Juden bei mehreren Gelegenheiten aus ähnlichen Gründen ermordet. Der Unterschied bestand darin, dass die Haganah ihre Hinrichtungen „still“ ausführte, während Irgun und Levi sich entschieden die ihren öffentlich bekanntzugeben. Die meiste Zeit der 1940-er Jahre hindurch wurde die Mehrzahl der Hinrichtungen von Juden aufgrund dieser und anderer Vorwürfe tatsächlich von Irgun und Lehi verübt, während die Haganah in diesem Zeitraum versuchte eine Politik der Kooperation mit den Briten beizubehalten, da der Zweite Weltkrieg und der Holocaust im Gange waren.

„Und lasst den Verleumdern/Informanten, den Verrätern ihres Volks, keine Hoffnung“ – ein Irgun-Poster, das auf die Hinrichtungen von Informanten Bezug nahm. Dieser Poster ist Teil des Archive Israel Network, zugänglich gemacht über die Zusammenarbeit der Sammlung Etzel, das Ministerium für Jerusalem und Erbe sowie die Nationalbibliothek Israels.

Die im März 1947 verteilte Verkündung beginnt mit einer Beschreibung der Schuld Kadia Mizrahis: „Eine Hure, die bis in tiefste Innere korrupt ist, eine Verräterin ihres Volks, eine Dienerin des Feindes, einen professionelle Informantin, die jüdische Bürger, selbst ihren eigenen Sohn, an die britische Geheimpolizei verriet.“ Weiter heißt es, wie schlüssig die dem Gericht (dessen Mitglieder bis heute unbekannt sind) vorgelegten Beweise seien und dass sie, nachdem Mizrahi wegen ihres Verhaltens bei früheren Anlässen gewarnt worden war, hingerichtet wurde.

Kadia wurde in Israel als Kind einer jemenitischen Zuwandererfamilie geboren. Ihr Schicksal war früh in ihrem Leben besiegelt, als sie planlos einen Jugendlichen heiratete, mit dem ihre Familie nicht einverstanden war. Die Ehe wurde annulliert, aber von diesem Tag an war sie eine Ausgestoßene. Sie wurde später mit Avraham Schriqi verheiratet (dessen Name zu Mizrahi hebraisiert wurde) und wurde Hausfrau, verdiente aber auch etwas Geld mit Arbeit in den Häusern reicherer Familien in der Gegend. Das Paar hatte fünf Kinder. 1945 machte Kadia das damals Undenkbare, indem sie das Rabbinergericht um Scheidung von ihrem Mann bat. Ihrem Antrag wurde schließlich stattgegeben, dazu erhielt sie ein Grundstück im Bereich Marmurek (Rehovot).

Nach ihrer Scheidung lebte Kadia alleine, nachdem ihr Exmann das Sorgerecht für die Kinder erlangte, um keinen Unterhalt zahlen zu müssen. Sie pflegte einen Lebensstil, der von so ziemlich jedem außer ihr selbst missbilligt wurde. Sie genoss es sich mit hübschen Kleidern zu kleiden, tanzte, besuchte Cafés, und rauchte Zigaretten. Um diese Zeit begann das jüdische Establishment im Mandat Palästina Frauen zur Unterhaltung britischer Soldaten zu rekrutieren und diesen eine gute Zeit zu bieten; damit sollten sie für die zionistische Sache gewonnen werden. Kadia meldete sich dafür an.

Es sollte festgehalten werden, dass die Frauen nicht dazu angeworben wurden sexuelle Beziehungen zu den Soldaten zu unterhalten. Trotzdem waren viele in der jüdischen Gemeinschaft ob dieser Taktik skeptisch. Die nationalen Institutionen warnten die jungen Frauen davor mit den fremden Soldaten zu tanzen, sie zu bewirten und für jüdische Interessen im Land Israel einzutreten; andere fürchteten Assimilation. Zur Bekämpfung dieser „Seuche“ wurde das „Komitee zum Schutz der Ehre jüdischer Töchter“ gegründet. Irgendwann wurde Kadia angeworben, um für den örtlichen Zweig der britischen Polizei zu arbeiten. Sie begann in der Gebäudeunterhalt und -reinigung, stieg dann in die Position einer Übersetzerin für Arabisch-Englisch auf und wurde schließlich zur Polizistin/Aufseherin, die mit örtlichen Frauen arbeitete.

Sie und andere Frauen wurden gelegentlich von Irgun-Agenten überwacht, die sie verdächtigten den Briten Informationen zukommen zu lassen, aber Kadia beachtete diese Taktik nicht. Laut verschiedenen Quellen hielten eines Nachts nach einem Anschlag der Irgun auf den Fliegerhorst Qastina zurückkehrende Kämpfer an ihrem Haus, um sich auszuruhen und die Kleidung zu wechseln, aber Kadia ließ sie nicht herein. Ihre Ablehnung sollte verhängnisvolle Folgen haben.

„Kadia Mitrahi, Polizistin aus  Rehovot, ermordet … ihr wurden Drohbriefe geschickt, sie solle ‚nicht zu schwatzhaft sein und das Informieren bleiben lassen‘“ – in HaBoker  vom 10. März 1947 veröffentlichter Nachrichtenartikel

Als Frau war Kadia damals bereits benachteiligt. Ihr extrovertiertes Verhalten, ihr Umgang mit den Briten, die Tatsache, dass sie geschieden war, allein lebte und sich nicht dafür entschuldigte, mit wem sie Umgang pflegte, machten sie zu einem leichten Ziel. Sie litt unter allerlei Schikanen, u.a. versuchten Einbrüchen maskierte Männer in ihr Haus sowie boshafte Gerüchte, die übe sie verbreitet wurden. Als die Briten im März 1947 das Kriegsrecht verhängten, wurde sie schließlich beschuldigt diesen Informationen zukommen zu lassen und die Namen hebräischer Kämpfer weiterzugeben.

Die Sprache der Verkündung, die ihre Hinrichtung beschreibt, zeigt deutlich die Meinung der Irgun zu dem von ihr gewählten Lebensstil, was andeutet, dass dies zu den Überlegungen gehörte, als die endgültige Entscheidung über ihr Schicksal getroffen wurde. Nachdem sie mehrere Drohungen erhalten hatte, ging Kadia zur britischen Polizei, aber diese lehnte es ab ihr zu helfen. Schließlich brachen eines Nachts bewaffnete und maskierte Mitglieder der Irgun in ihr Haus ein schossen achtmal in ihr Bett. Sie war 42 Jahre alt, als sie starb. Ihre Kinder meißelten in ihren Grabstein: „Ermordet als Folge eines ungerechtfertigten Hasses und falscher Anschuldigungen.“

Der Fall des Leon Maschiach, der etwas um die gleiche Zeit hingerichtet wurde, war leicht andres, obwohl sein Schicksal ähnlich war. Ursprünglich aus Bulgarien, war der 29-jährige Maschiach ein gerade entlassener Soldat und frisch geschieden. Seine Ankläger benutzten dieselbe Sprache wie sie es bei Kadia machten: „ein Verräter seines Volks und ein Informant“.

Das Irgun-Tribunal veröffentlichte, Leon Maschiach habe seine Taten gestanden und sogar eine Erklärung unterschrieben, die seine Schuld bewies: „Ich, der Unterzeichnete, erkläre hiermit aus freiem Willen, das sich Kontakt mit dem Detective Sergeant MacLachlan aus Petach Tikva. Ich gab ihm zwei Ausbildungsorte, einen in einer Synagoge in der Nähe der Kornmühle […] und der andere in einem Kindergarten im Mahane Yehuda […] entwarf einen Plan die Waffenpraktikanten gefangen zu nehmen […].“ Darunter schrieb er seinen Namen, das Datum, sein Geburtsjahr und andere Einzelheiten. Seine Erklärung wurde nicht zusammen mit dem Plakat veröffentlicht und erst viele Jahre später in verschiedenen Archiven gefunden.

Nachdem er seine Schuld gestanden hatte, bat Maschiach darum als „ehrenvolle Lösung“ und zum Schutz des Rufs seines Sohnes Selbstmord zu begehen. Sein Antrag wurde abgelehnt, aber laut der Erklärung des Tribunals sicherte ihm die Irgun zu, dass „die Schande des Verräter-Vaters den Sohn nicht beflecken wird der als loyaler Sohn seines Landes und seiner Heimat aufwachsen wird“. Laut der nach dem Mord veröffentlichten Nachricht wurde seine Leiche mit Augenbinde gefunden, nachdem „Gerüchte verbreitet wurden, er sei an der Weitergabe von Informationen an die Polizei beteiligt gewesen“.

„Ich, der Unterzeichnete, erkläre hiermit aus freiem Willen, das sich Kontakt mit dem Detective Sergeant MacLachlan aus Petach Tikva.“– Leon Maschiachs „Geständnis“. Dieses Schriftstück ist Teil des Archive Israel Network, zugänglich gemacht über die Zusammenarbeit der Sammlung Etzel, das Ministerium für Jerusalem und Erbe sowie die Nationalbibliothek Israels.

Wir kennen die Umstände nicht, unter denen Leon Maschiachs „Geständnis“ entstand oder welche Chance, wenn überhaupt eine, ihm gegeben wurde seine Unschuld zu beweisen. Es ist möglich, dass das Geständnis erzwungen wurde, um die Hinrichtung zu „sanktionieren“., aber es ist auch möglich, dass er tatsächlich ein Informant war und beschloss, da er geschnappt wurde, zu gestehen. Die Sprache des Geständnisses – genau zwei Örtlichkeiten, der Name des Polizisten, zu dem er Kontakt hatte und was er zu tun plante – könnte die Echtheit bezeugen, aber es ist auch möglich, dass die ihm die Erklärung diktiert wurde.

Die Beschreibung der Ereignisse, unter anderem die Wortwahl – „das Gericht wies den Antrag ab“ – schuf die Illusion eines ordentlichen juristischen Vorgangs. Es ist allerdings genauso möglich, dass alles schnell ging und dass der geordnete Ablauf nichts anderes war als ein kurzes Gespräch vor der Hinrichtung. Es ist interessant, dass die „Beweise“ in diesem Fall in der Form eines Geständnisses vorgelegt wurde, während es im Fall Kadia Mizrahi außer „ihrem Lebensstil“ nicht einen einzigen Beweis gab; dieser hatte keine echte Beziehung zu den Taten, die ihr vorgeworfen wurden. Der kurze Artikel über Maschiachs Hinrichtung wurde in der Zeitung HaTsofe veröffentlicht, wo die Schlagzeile sie als „Mord“ bezeichnete, obwohl der Artikel selbst die Tat nicht kritisch sah. Maschiach wurde in Petah Tikva beerdigt. Unterdessen ist die Akte zu Leon Maschiach im Archiv des Jabotinsky-Instituts weiter vertraulich und wird in einem Safe aufbewahrt.

Screenshot der vertraulichen Akte; Archiv des Jabotinsky-Instituts

Das von der Irgun veröffentlichte  Plakat schließt mit einem allgemeinen Absatz, der sowohl eine Warnung als auch eine Drohung ist; mit ihm wird jedem ein ähnliches Schicksal versprochen, der mit den Briten kooperiert oder ihnen Informationen weitergibt. Die von Irgun und Lehi eingesetzten Methoden provozierte weit verbreitete Kritik aus der jüdischen Gemeinschaft, während die Haganah relativ abgeschirmt vom öffentlichen Aufschrei war, weil sie zu den von ihnen begangenen Morden verschwiegener war.

In Jerusalem wurde ein Gremium gegründet, das sich „Du sollst nicht töten-Liga“ nannte und versuchte Gewaltakte zu bekämpfen, die sich gegen Araber wie Juden richteten. In den vielen Flugblättern, die sie überall im Land verteilte, bezeichnete sie die Gewalttäter als „Terroristen“. Nach dem Mord an Kadia Mizrahi verteilte die Liga ein Flugblatt, das ihren Namen anführte und warf die Frage der Legitimität der Standgerichte auf und kritisierte deren Entscheidungen. „Wer ist das Gericht? […] Wie lauten seine Namen, damit wir sie kennen?“ Der Mord an Frauen schockierte die Gemeinschaft besonders. Auf einem weiteren Plakat forderte die Liga auf: „Helft uns, schließt euch uns an und zusammen […] wir werden die Landplage des Terrorismus aus unserer Mitte brennen“. Trotz der öffentlichen Proteste gingen die Morde bis zum Ausbruch des israelischen Unabhängigkeitskriegs weiter.

„… wir werden die Landplage des Terrorismus aus unserer Mitte brennen…“ – Ein Poster der „Du sollst nicht töten“-Liga, Jabotinsky-Institut 1947

Das Hauptproblem mit den Hinrichtungen, abgesehen von der Gewalt und dem Einsatz der Todesstrafe als Lösung, besteht darin, dass bis heute nicht bekannt ist, für welche Handlungen die „Schuldigen“ tatsächlich verantwortlich waren. Abgesehen von der wichtige Frage, ob Kollaborateure es tatsächlich verdienen zu sterben, lässt die Heimlichkeit, mit der die Organisationen ihre „Verfahren“ durchführten, keine Möglichkeit einer kritischen Untersuchung ihres Tuns. Wurde Kadia Mizrahi hingerichtet, weil sie wirklich eine Informantin der Briten war oder lösten falsche Gerüchte und Anschuldigungen zusammen mit ihrem Lebensstil und der Anwesenheit schießwütiger Henker zu ihrem Tod? Gestand Leon Maschiach tatsächlich seine Taten oder war es ein erzwungenes Geständnis oder wurde sein Geständnis aus ihm herausgepresst, um seine Hinrichtung zu rechtfertigen?

Wier werden es nie wissen, weil das „Tribunal der Irgun“ in Form eines Standgerichts durchgeführt wurde. Den Ermordeten wurde kein ordentliches Verfahren mit einem Ankläger und einer ordnungsgemäßen Verteidigung gestattet und diese Frage wird bis heute nicht thematisiert. Mit der Gründung des Staates Israel wurde diese Praxis nur einmal wiederholt: mit der Hinrichtung des Offiziers Meir Tobianski, der, ohne eines Verbrechens schuldig zu sein, durch ein von Veteranen der Haganah veranstaltetes Standgericht ermordet wurde. Dieser Fall wurde gründlich untersucht und wir können nur hoffen, dass der Staat Israel seine Lektion gelernt hat.

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