Wer kolonisierte wen?

Raymond Ibrahim, 11. November 2014

Anmerkung: Die folgende Schilderung wurde von einem anonymen amerikanischen Lehrer in der muslimischen Welt für RaymondIbrahim.com geschrieben.

Kurz bevor ich vor ein paar Wochen Tripolis verließ, nahm mich ein Kollege (Marco) mit zum Algeria-Platz, wo wir in einem Straßencafe saßen und die aktuellen Dinge diskutierten, der sich die Stadt gegenüber sah, seit die Islamisten sie Ende August eroberten. Während er über die verbesserte Sicherheitslage redete (wobei er die Tötung von Unterstützern der Opposition ausließ), konnte ich meine Augen nicht von der schönen Moschee lassen (die Maidan-al-Jazir-Platz-Moschee), die auf der anderen Seite des Kreisverkehrs zu betrachten war. Ich entschuldigte mich bei Marco, dass ich ihn unterbrach und sagte: „Es lohnt sich, diese Moschee zu fotografieren.“

Foto des Autors, während des Gesprächs aufgenommen.

Ich nahm meine Kamera, stand auf und drückte ein paarmal auf den Auslöser. Als ich zu meinem Stuhl zurückkehrte, bemerkte ich ein Grinsen auf seinem Gesicht; daher fragte ich: „Was ist so lustig?“

Auf die Moschee deutend antwortete er: „Das war die Kathedrale von Tripolis, bevor sie in eine Moschee umfunktioniert wurde.“

Ich sah ihn an und sagte: „Kein Wunder, dass sie ein Foto wert ist. Was weißt du noch über sie?“

Er fuhr fort: „Nun, sie wurden von den Italienern während der Kolonialzeit in den 1920-er Jahren gebaut [sie wurde 1928 eröffnet]. Gaddafi befahl, dass sie in eine Moschee umgewidmet wird. Christen und Muslime nutzten eine Zeit lang [1970-er bis zum Jahr 2000] gemeinsam, doch schließlich wurde sie zum ausschließlich muslimischen Besitz.“

Ich starrte auf etwas, das einmal eine wunderschöne Kathedrale war und sagte: „Was für eine Schande!“

In diesem Moment erinnerte ich mich an ein Interview, das Raymond Ibrahim mit im letzten Mai Isil Abla führte; darin erwähnte er das Thema der islamischen Kolonisierung dieses Teils der Welt. Ich lächelte und schoss zurück:

„Und was ist mit der islamischen Kolonisierung Libyens und des Rests von Nordafrika. Diese ‚muslimischen Länder‘ waren einst ‚christliche Länder‘. Nach dem Tod Jesu Christi verbreiteten Christen ihren Glauben in ganz Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten auf friedliche Weise und die Bevölkerung dieser Länder übernahmen freiwillig das Christentum als Lebensstil.

Dasselbe kann über den Islam aber nicht gesagt werden. Seit dem 7. Jahrhundert eroberten Muslime den Nahen Osten, Nordafrika und Teile Europas mit dem Schwert, unterwarfen die örtliche Bevölkerung, indem sie ihr die Wahl zwischen Konvertierung, Zahlung der Jizya – einer Kopfsteuer für Nichtmuslime – oder dem Tod. Es scheint mir, dass Muslime den Islam in christliche Länder brachten…

Wenn man deine Logik nutzt, holten europäische Christen im 19. Und 20. Jahrhundert schlicht zurück, was ihnen vor Jahrhunderten weggenommen wurde. Und wenn man deine Logik weiter anwendet, dann hätten Christen damit Recht gehabt Moscheen in Kirchen umzuwidmen, was sie nicht taten. Also sage mir bitte: Wer hat in Libyen wen kolonisiert?”

Ein Blick in Marcos Gesicht zeigte, dass er nicht glücklich war. Seine „Logik“ war gegen ihn verwendet worden. Seine progressive Überzeugung war, dass Muslime immer die Opfer westlicher Aggression waren und das war ihm jetzt um die Ohren gehauen worden. Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er von Akademikern, den Medien und den Politikern eine Gehirnwäsche erhalten hatte, die ihn glauben ließ, dass er Islam eine noble und friedfertige Religion ist und Muslime „gerechtfertigte Klagen“ gegenüber dem Westen haben. Doch dann, im gegenwärtigen Informationszeitalter, hätte er leicht die Initiative ergreifen können, um sich darüber zu informieren, was die andere Seite zu diesen Dingen zu sagen hat.

Es ist schwer in Israel ein „christlicher Araber“ zu sein, aber nicht aus Grund den Sie annehmen

Nur in Israel können Christen des Nahen Ostens ihren Glauben voll praktizieren und produktive Mitglieder der Gesellschaft sein

Vater Gabriel Naddaf, The Observer, 26. März 2015

Ich habe das Vorrecht griechisch-orthodoxer Priester aus Nazareth in Galiläa zu sein. Mein Volk ist irrigerweise „christliche Araber“ genannt worden, doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass wir Aramäer sind, die Nachkommen des Volks, das seit der Zeit der Bibel hier in Israel lebte.

Nach einer langgezogenen öffentlichen Kampagne hat Israels Innenministerium uns gerade als die „aramäische Nation“ anerkannt. Partner bei diesen Bemühungen waren eine Reihe israelischer zionistischer Organisationen.

Im Verlauf der letzten drei Jahre bin ich in Israel zu einer kontroversen Person geworden, aus dem einfachen Grund, dass ich den Zionismus begrüße, die jüdische Souveränität in Israel und die Toleranz, den Respekt und die Chancen für alles, was aus dieser Souveränität gewachsen ist. Ich glaube, dass unsere Jugend – die christliche Jugend – sich voll in die israelische Gesellschaft integrieren sollte. Fester Bestandteil dieser Integration ist der Dienst in den Israelischen Verteidigungskräften (IDF), der israelischen Armee, oder eine andere Form nationalen Dienstes zu tun, den Israel routinemäßig seinen Teenagern anbietet.

2012 gründeten ein paar wenige christliche IDF-Offiziere und ich das I.C.R.F. – das Israeli Christians Recruitment Forum. Meine Bemühungen hatten gemischte Ergebnisse. Auf der positiven Seite sind Hunderte arabischer oder aramäischer christlicher Jugendlicher meinem Aufruf gefolgt und haben ihrem Land ausgezeichnet gedient. Sie sind von ihren Soldatenkameraden bereitwillig akzeptiert worden, von denen sie als Waffenbrüder betrachtet werden, nicht als Fremde in ihrer Mitte.

Die Kehrseite der Medaille sind die intensiven Nackenschläge auf meine Bemühungen seitens sich verweigernden Elementen in den christlichen und muslimisch-arabischen Gemeinschaften. Christliche Soldaten wurden von ihren Nachbarn und in vielen Fällen von ihren Familien schikaniert. Diese Soldaten sind gezwungen ihre Uniformen auszuziehen, bevor sie in ihre Heimatstädte zurückkehren, denn sie müssen befürchten, dass man sich auf dem Weg nach Hause drangsaliert.

Ein weiteres Beispiel gab es 2012, als in Nazareth eine Konferenz von Unterstützern christlicher Rekrutierung in die IDF stattfand. Ein örtlicher Leiter, der Anwalt Abir Kopty aus dem Mossawa Center, griff die Teilnehmer an und beschuldigte sie Palästinenser zu verfolgen. Herr Kopty suggerierte zudem, dass die Integration von Christen in die Armee ein Versuch sei die arabische Gesellschaft in ihrem nationalen Kampf gegen Israel zu spalten.

Nach der Konferenz begann eine Schikanierungskampange gegen ihre Organisatoren. Teilnehmende Studenten wurden bedroht, isoliert und erlitten Demütigungen über soziale Netzwerke und in den arabischen Medien. Eine israelische Organisation, die uns unterstützt, ist Im Tirtzu; sie veröffentlichten hinterher einen Bericht, der die gegen Äußerungen detailliert aufführte, die sich gegen Christen richteten, die zum Eintritt von Christen in die IDF ermutigen.

Für mich persönlich haben meine Überzeugung und mein Handeln zu zahlreichen Morddrohungen geführt, zu meiner Exkommunikation durch den orthodoxen Kirchenrat und dass ich die Verkündigungskirche nicht betreten darf.

Nichts davon hat mit der israelischen Regierung oder der jüdischen Gemeinschaft zu tun. Die Behauptung Israel sei ein sogenannter Apartheidstaat, ist völliger Unsinn. Meine Erfolge und Herausforderungen sprechen laut aus, wo für meine Mitchristen das wahre Problem liegt.

Es bereitet mir Schmerzen das zu sagen, aber es muss gesagt werden. Die gegen mich, meine Kampagne und all die Christen, die sich in die israelische Gesellschaft integrieren wollen gerichtete Hetze ist von arabischen Führern aus Israel und dem Ausland angeführt worden und sogar von einigen arabischen Abgeordneten im israelischen Parlament, der Knesset.

MK Hanin Zoabi schrieb mir mit offiziellem Knesset-Briefkopf und beschuldigte mich „dem Feind des palästinensischen Volks zu helfen“, „mit den Besatzungskräften zu kooperieren“ und setzte mich unter Druck, ich solle „gegen die Loyalisten des Regimes kämpfen“.- Natürlich schafft all das eine Atmosphäre der Aufstachelung gegen jeden, der an der Integration der christlichen Minderheit in die nationalen Dienste in Israel interessiert ist.

Es wurde eine schwarze Liste an Priestern und christlichen Leitern zusammengestellt, die Integration und Kooperation mit dem Staat Israel unterstützen; Bilder der Leiter und Jugendlichen, die an Begebenheiten mit der IDF teilnahmen, haben ihren Weg in die arabische Presse gefunden, gefährden ihr Leben und ermutigen zu Gewalt gegen sie.

Mossawa ist nicht allein darin den christlichen Arabern das Recht auf Integration in die israelische Gesellschaft zu verweigern. Eine koordiniert Kampagne gegen den Eintritt israelischer Araber in die IDF wurde auch von anderen Organisationen geführt.

Zu dieser Kampagne gehörte massiver Druck auf die israelische und arabische Presse, einschließlich einer Reihe von Artikeln, die 2012 auf der Internetseite des Magazin +972 veröffentlicht wurden und die arabischen Einschreibungen in den militärischen oder nationalen Dienst brandmarkte; Schulaktivitäten, die Kinder dazu anhalten dem Land nicht zu dienen; oder die Anstrengungen der Baladna, einer NGO, die seit vielen Jahren unter arabischen Jugendlichen in Israel arbeitet und sie die „Bedrohungen“ lehrt, die im Dienst im Nationaldienst oder der IDF inbegriffen sind. Adalah arbeitet daran zu verhindern, dass Militärveteranen Wohnbeihilfe in arabischen Städten bekommen.

Zu den Organisationen, die sich bei der Kampagne zu Stopp der Integration der aramäischen Gemeinden in die israelische Gesellschaft über den Zivildienst oder der Armee mitmachen, gehören Adalah, Mosswa, Baladna, +972 und weitere. Sie sind israelische gemeinnützige Organisationen – einige davon setzen sich aus israelischen Arabern zusammen, andere gehören zur extremen Linken und den Antizionisten. Diese NGOs lehnen Israel als nationale Heimat des jüdischen Volks ab. Sie würden gerne das Rückkehrrecht aufheben und den jüdischen Charakter Israels beseitigen.

Sie lehnen den Sonderstatus der hebräischen Sprache ab, modifizieren die Nationalflagge und die Nationalhymne und machen aus Israel einen binationalen Staat. Diese Organisationen rufen die Araber Judäas und Samarias und die in Israel lebenden Araber auf sich zusammenzutun, um den Zionismus zu bekämpfen. Deshalb ist für sie die Vorstellung, dass eine Gruppe sich von diesem Kampf abgesetzt hat und sich als Aramäer identifiziert, ein Gräuel.

All diese Organisationen nehmen für sich in Anspruch für die Schwachen zu kämpfen, für die Minderheiten, die nicht für sich selbst einzustehen in der Lage sind und ihre eigenen Rechte fordern. Doch letztlich werfen diese NGOs die Frage auf, für welche Rechte sie wirklich kämpfen, wessen Interessen sie schützen und wie ihre wirkliche Agenda aussieht.

Diese NGOs haben ganz klar kein Interesse daran zu sehen, dass christliche Araber Teil der israelischen Gesellschaft werden. Ganz ähnlich der Art, wie arabische Länder die Palästinenser in diversen Flüchtlingslagern als Bauern im Kampf gegen den Staat Israel benutzt haben, sind diese NGOs zufrieden damit meine Gemeinschaft in Kanonenfutter für ihre Bemühungen zur Delegitimierung Israels zu reduzieren.

Meiner Gemeinschaft wird also praktisch gesagt, sie solle für ihre fortgesetzte Ausgrenzung durch die israelische Gesellschaft kämpfen, obwohl die israelische Regierung das Ziel hat sie stärker in den Mainstream einzubringen. Hat die christliche Gemeinschaft nicht das Recht verdient ihrem eigenen Willen zu folgen und sich, wenn sie das möchte, in die israelische Gesellschaft zu integrieren? Nicht, wenn man den meisten NGOs folgt, die sagen, dass sie unserer Gemeinschaft helfen.

Als Priester bin ich von diesem Widerwillen das Wohlergehen der Einzelnen im Namen einer monolithischen Gruppenidentität bekümmert, deren Ziele und Programmatik von denen festgelegt wird, die mit der Gemeinschaft, die sie angeblich repräsentieren, sehr wenig gemeinsam haben.

Sowie Christen in Israel die Lage unserer Brüder im weiteren Nahen Osten begutachten, sind wir von der Verfolgung erschüttert, die so viele in – unter anderem – Ägypten, Syrien und dem Irak erlebt haben. Es ist wahrlich nur in Israel so, dass wir Christen unseren Glauben voll leben und produktive Mitglieder der Gesellschaft sein können.

Wir sind nicht an fehlgeleiteter Politik interessiert, die uns nur Schaden und Durcheinander bringt. Stattdessen sehen und schätzen wir die Chancen ein erfülltes Christenleben im jüdischen Staat zu führen.

Es ist wichtig, dass Christen rund um die Welt begreifen, dass das jüdische Israel ein verantwortlicher Interessenwahrer seiner Christen gewesen ist. Wir sollten für unsere Bemühungen, sich dieser gutwilligen Gesellschaft zu vereinigen, unterstützt, nicht dämonisiert werden.

Vater Gabriel Naddaf ist der geistliche Leiter und einer der Gründer des Forums zur Rekrutierung Arabisch sprechender Christen in die Israelischen Verteidigungskräfte. Er ist der geistliche Leiter des I.C.R.F und des Rat zur Stärkung der Christen.

Jürgen Todenhöfers übermäßig gewalttätiges Christentum

Johannes Hartl, Facebook, 7. März 2015

In einem viel beachteten Facebook-Post hat der als Nahostkorrespondent bekannte Jürgen Todenhöfer die Christen letzte Woche aufgefordert, doch nicht ständig dem Islam vorzuwerfen, gewalttätig zu sein. Seine Begründung: das Alte Testament sei grausamer als der Koran.

Christen, die ihm erwiderten, das AT gelte doch seit dem NT nicht mehr oder doch zumindest nicht mehr so ganz, entgegnete er – übrigens theologisch korrekt – dass das AT nach wie vor integraler Bestandteil der als geoffenbart geltenden heiligen Schriften der Christen sei. Hat Jürgen Todenhöfer also nun Recht?

Zunächst und ganz allgemein: Jürgen Todenhöfers Meinung zum Nahostkonflikt lässt sich sehr einfach in einem Satz darstellen. Und der lautet: der Westen und Israel sind an allem Schuld. Und die armen Bewohner der arabischen Staaten können überhaupt nicht anders, als in Scharen zu Terrorvereinigungen überzutreten, wenn die Jugendarbeitslosigkeit nunmal so hoch ist. Und die armen Palästinenser hätten auch keine Wahl: so böse wie Israels Siedlungsbau ist, wer wird da nicht zum Selbstmordattentäter? Ich überzeichne, doch der Trend ist klar.

Dem Islam an sich attestiert Todenhöfer grundsätzlich große Friedlichkeit. Es muss sich um einen verblüffenden Zufall handeln, dass beinahe alle Terroranschläge weltweit von radikalen Muslimen ausgeübt werden. Doch nein, es ist ganz anders: Bushs Angriff auf den Irak war ein viel schlimmerer terroristischer Akt als alle 9/11s zusammen. Denn wenn die USA den Irak nicht angegriffen hätte und Saddam noch immer im Amt wäre, dann wäre im ganzen Nahen Osten jetzt Frieden. So wie in Syrien, wo der despotische Regierungschef Assad nicht vom Westen gestürzt wurde. Und nun alles gut ist, oder? Und im Irak wäre sicherlich kein arabischer Frühling ausgebrochen, der das Land in einen Bürgerkrieg wie jetzt in Syrien gestürzt hätte, oder… Äh… OK. Ooops, ich hab mich schon wieder beim Spötteln erwischt.

Aber da haben wir es wieder: der Westen ist noch viel schlimmer als die islamische Welt. Und Bush beruft sich auf die Bibel. Deshalb liegt ja auch die These nahe: Die Bibel ist genauso gewalttätig wie der Koran und das Christentum war genauso gewalttätig wie der Islamismus jetzt. Und dann kam die Aufklärung. Und die wird in der muslimischen Welt auch irgendwann kommen. Das Problem ist nur: es gab schon viel aufgeklärtere Phasen im Islam, doch irgendwie scheint die Entwicklung eher rückläufig zu sein.

Doch nun der Reihe nach. Zunächst zu der These, das AT sei genauso grausam wie oder grausamer als der Koran. Dieser Satz ist etwa genauso sinnvoll wie die Aussage: im Telefonbuch der Stadt Neckarsulm befinden sich genauso viele Buchstaben wie im in einer Riesenpackung Buchstabensuppe. Will meinen: der Koran und das AT unterscheiden sich in literarischer Hinsicht sehr entschieden. Im AT werden gewalttätige Akte beschrieben, die von Menschen auf Gottes Geheiß hin verübt wurden. Und es werden gewalttätige Akte beschrieben, von denen klar ist, dass Gott sie nicht wollte. Oder von denen unklar ist, ob sie nötig waren. Oder die nur ein einziges Mal gebilligt waren, dann nicht mehr. Darüber hinaus gibt es Gesetze, die das Zusammenleben des Volkes Israels regeln sollten. Darunter auch viele, die mit unseren heutigen Strafgesetzen nicht mehr vereinbar sind. Diese Texte des AT erstrecken sich über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten. Erkennbar darin ist eine Entwicklung, eine Pädagogik. Rein kulturell entwickelte sich das Volk Israel in dieser Zeit ganz entscheidend weiter: von einem Nomadenvolk hin zu einer gebildeten, sesshaften Schriftkultur. Und Gott scheint auf dem Weg mit seinem Volk die Offenbarung entsprechend der kulturellen Entwicklungsstufe zu geben. Ist das „Auge um Auge“ des Pentateuch bereits ein deutlicher Fortschritt gegen das in vielen alten Kulturen übliche Vergeltungsrecht („beleidigst Du mich, bringe ich Deine ganze Familie um“), zeigen die späteren Bücher eine viel ausgefeiltere Reflexion auf Moral und Ethik. In den weisheitlichen Büchern der Schrift und bei den Propheten finden wir Kulturkritik, Kritik an den Herrschenden und eine sehr differenzierte Sicht auf die Gewalt.

Ich behaupte: bereits diese Reflexionsstufe auf bestehende Ethik und Moral ist für die damalige Zeit beispiellos und übertrifft alles Vergleichbare im Koran deutlich.

Und entschieden muss gesagt werden: Zwar gibt es im AT in wenigen einzelnen Büchern tatsächlich göttliche Befehle zur Auslöschung bestimmter Stämme (das ist für uns heute erschreckend genug), doch nirgends wird auch nur angedeutet, dass das Volk Israel die grundsätzliche Erlaubnis oder den Auftrag hätte, Kriege zu führen, um den jüdischen Glauben auszubreiten. Genau das ist auch niemals passiert: Juden haben keine anderen Nationen angegriffen, um sie jüdisch zu machen.

Und genau das ist in der Geschichte des Islams ständig passiert. Und der Koran ließ sich wunderbar dafür zitieren.

Natürlich haben sich freilich auch Christen auf die Bibel BERUFEN und schreckliche Dinge getan. Nichts daran darf kleingeredet werden. Allerdings wurden schreckliche Dinge auch in Berufung auf die Demokratie oder den Kampf gegen den Faschismus verübt. Entscheidend ist deshalb der Blick auf den Text selbst: Mit welchem Recht beruft sich wer auf welche Stellen? Und welche Person gilt als Vorbild in rechter Nachfolge? Hier wird es gleich etwas deutlicher.

Deutlich verschieden vom Koran ist das positive Menschenbild des AT. Er ist mehr als Diener Gottes: Er ist sein personales Gegenüber. Gott ist ihm gegenüber nicht nur barmherzig, sondern emotional involviert wie ein Hirte, ein Vater, ein Bräutigam. Gott krönt den Menschen (Psalm 8).

Schließlich – und nicht zuletzt: Die menschliche Vernunft wird gerade in den späteren Schriften des AT positiv gewertet. Wissenschaft und Philosophie florierten in Israel. Und dieser Trend setzte sich im NT und in der Kirche fort. In der kritischen Auseinandersetzung mit dem Glauben und der Reflexion auf die Offenbarung wurde im breiten Strom der Geschichte des Christentums keine Gefährdung des Glaubens gesehen, sondern eine Chance. Und nicht umsonst brachten sowohl das Judentum als auch das Christentum bis heute eine riesige Zahl höchst gebildeter Menschen und Forscher hervor, die Erfindungen machten, Nobelpreise bekamen etc.

Oft wird gesagt, dass erst die Aufklärung die gewalttätigen Seiten des Christentums gebändigt habe. Daran ist manches wahr. Ebenso wahr ist aber die Erkenntnis, dass die Aufklärung eine direkte Frucht des hohen Levels der kritischen Wissenschaften des Hochmittelalters und der Renaissance war. Sie konnte wachsen und gedeihen in einem jüdisch-christlichen Europa. Es waren die Klöster, die nach dem Chaos der Völkerwanderung Bildung und Wissenschaft in Europa etablierten. Und ja: Es gab auch Reaktionen wie die Lehrverurteilung Galileis. Doch was der große Mainstream war, kann am Verlauf der Geschichte leicht erkannt werden: Die Aufklärung setzte sich in Europa friedlich durch, weil Christentum und Vernunft bereits von der Bibel zwar nicht als deckungsgleich, aber als miteinander verbunden gedacht werden.

Nicht wenige schrieben Jürgen Todenhöfer, für Christen sei das Alte Testament nicht mehr verbindlich. Er widersprach. Was sie wohl meinten: Durch das Neue Testament erfährt das AT eine radikal neue Auslegung. Und hier kommt der entscheidende und niemals änderbare radikale Unterschied zwischen der Bibel und dem Koran ins Spiel. Er heißt: Jesus.

Für Christen ist nicht nur einfach die Bibel das Wort Gottes, sondern Jesus ist DAS Wort. ER ist der Ausleger der Schrift. Jesus fügt dem Kanon der biblischen Bücher nicht nur ein paar interessante Randglossen hinzu, er ist die ganze Pointe. In ihm ist die Fülle der Offenbarung. Deshalb kann ein Christ mit großer Zuversicht sagen: Nein, die Steinigung von Ehebrechern hat für uns Christen heute keine Relevanz mehr, weil Jesus einen anderen Weg des Umgangs damit zeigte. Nein, das Ausrotten der Feinde hat für uns Christen heute keine Relevanz mehr (auch wenn sie im AT beschrieben ist), weil Jesus die Feindesliebe lehrte. Und eigentlich hat sich das schon herumgesprochen, lieber Herr Todenhöfer.

Das Beispiel des Lebens Jesu und seine Lehre sind unvergleichbar mit jeder anderen menschlichen Philosophie. Sie sind völlig verschieden vom Leben und Lehren jedes anderen religiösen Lehrers und etwas komplett anderes als jedes andere „heilige“ Buch.

Dass Gott Menschen radikal und vollständig liebt – und zwar sosehr liebt, dass er Mensch wird um an ihrer Statt zu sterben; dass das dem Menschen einen kompletten, rein auf Gnade basierenden Neustart und vollständige Vergebung gibt; dass das den Menschen zum Kind Gottes macht, zum Geliebten Gottes; dass Gott ein Vater ist; dass er uns Vergebung, Feindesliebe, Versöhnung und selbstlose Hingabe und Liebe auch gegen „Ungläubige“ und Sünder lehrt. All das findet sich kein bisschen im Koran.

Natürlich finden sich im Koran auch jede Menge schöne und friedliche Stellen (viele davon stammen ja auch aus der Bibel). Das Problem ist aber, dass der Koran auf so verschiedene Weise ausgelegt werden kann. Und mit gutem Recht behaupten viele dann das Beispiel des Lebens Mohammeds. Doch leider gibt gerade dieses nicht so viel her für eine friedliche Auslegung des Korans. Und im Gegensatz zur Bibel liefert der Koran kein inhärentes Auslegungsprinzip mit. Es gibt verschiedene Auffassungen über die „Abrogation“, also die Frage, welche Stelle welche Stelle „sticht“. Eine parallele Diskussion für die Bibel wäre schnell beendet.

Matt 5:43:
Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. (Jesus)

Was also gilt hier? Natürlich das, was Jesus gesagt hat. Hier gibt es garkeine Frage: Jesus ist die höchste Autorität und seinem Beispiel nachzufolgen, das nennt man Christentum.

Christentum bedeutet nicht, allen Geboten des Alten Testaments zu folgen oder allen Taten Josuas nachzueifern (welcher Christ käme denn auf so eine Idee?), sondern bedeutet: Jesus nachfolgen.

Die Autorität des Korans gründet sich auf die Glaubwürdigkeit einer Person: der Person Mohammeds. Er empfing den Koran – wer dem Islam glaubt, muss glauben, dass dem Mohammed wirklich der Erzengel Gabriel erschienen ist, denn es gibt ansonsten keine Beweise dafür.

Die Autorität der Bibel gründet sich auf die jahrhundertelange Glaubensgeschichte eines ganzen Volkes mit seinem Gott: des Volkes Israel. Es gründet sich schließlich auf die Glaubwürdigkeit und auf die historische Auferstehung Jesu Christi und die Zuverlässigkeit der Augenzeugen, die im NT über diese Auferstehung berichteten und der frühen Kirche. Doch sie steht und fällt mit der Person Jesu. Und der kritisierte nämlich genau die jüdischen Strömungen seiner Zeit, die sich mit Berufung auf das AT für einen gewalttätigen Aufstand gegen Rom aussprachen.

Wenn ein Christ wie Jürgen Todenhöfer* deshalb also das AT zitiert, dann möge er bitte auch Jesus dazu zitieren und sagen: Was für ein Schatz und was für ein Geschenk, dass wir Christen nicht nur ein „heiliges Buch“ haben. Sondern eine lebendige, auferstandene Person, die diese Schrift uns erschlossen und eine auf Gewalt basierende Auslegung des AT ein für allemal unmöglich gemacht hat. Und DIESER PERSON gilt unser Glaube, nicht einfach nur einem Buch.

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Anmerkung heplev: Für mich ist Todenhöfer KEIN Christ. Vielleicht hält er sich für einen. Mehr aber auch nicht.