Israelkongress 2016 – eine sehr persönliche Bilanz

Am letzten Sonntag war wieder Israel-Kongress. Der vierte und wieder in Frankfurt. Das war gut, denn nach Berlin schaffe ich es nicht, muss ja montagmorgens wieder arbeiten.

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Als die Werbung rauskam, hatte ich mich sofort angemeldet. Das Programm habe ich mir dann erst vier Tage vor dem Termin angesehen. Es gab eine Reihe interessanter Veranstaltungen. Das Konzept war etwas anders als die Male, die ich davor kannte: Neben den Hauptveranstaltungen gab es zeitgleich „Sessions“ (warum muss da immer so viel Englisch rumgeistern? Wenn Referenten aus dem Ausland da sind, kann ich verstehen, dass ein Podium Englisch redet, es wir ja auch simultan übersetzt.) und die erschienen mir meist interessanter als das, was auf der großen Bühne im Hauptsaal lief.

Ein paar Mal war ich im großen Saal. Dort wurden die „Schwergewichte“ aufgefahren – Botschafter, Knessetmitglieder, deutsche Politiker usw. mit Gutelaunebär Cherno Jobatay als Moderator.

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Wenn ich dort war, wurde offiziell geredet. Die Israelis lobten Deutschland als besten Freund Israels in Europa. Da war ich persönlich etwas angep… – wenn Deutschland Israels bester Freund in Europa ist, dann armes Israel! Deutschland ist ein Land, in dem der Terrorschiffer-Angriff mit der Mavi Marmara nicht nur nicht als solcher anerkannt wurde – nein, der Bundestag stimmte EINSTIMMIG für eine Verurteilung Israels wegen der von den Terroristen angezettelten Gewalt und den Toten auf dem Terrorschiff! Deutschland hat in der UNESCO, dem UNO-Menschenrechtsrat und der Vollversammlung wenig bis nichts unternommen, um die Verleumdung Israels zu stoppen oder zumindest ein Zeichen dagegen zu setzen; es hat oft genug sogar Resolutionen gegen Israel mitgetragen. Deutschland ist das erste Land gewesen, dessen Wirtschaftsminister nach Teheran pilgerte und nicht einmal eine Schamfrist verstreichen ließ, nachdem man den unsäglich verlogenen Deal mit den Terror-Mullahs abschloss. Frau Merkel redet nett – aber praktisch kommt dann in Krisensituationen nichts Konkretes für Israel auf die politische Bühne, eher im Gegenteil.

Nein, ich empfinde Deutschland nicht mehr als wirklichen Freund Israels. Und das mit der Staatsräson brachte dann kurz vor Ende der Konferenz nur noch Volker Beck ansatzweise auf den Punkt, als er die konkrete Frage nach der Realität der Staatsräson als eher fragwürdig vorhanden beantwortete.

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Die Diplomaten und Knesset-Mitglieder müssen wohl so reden, sie wollen keinen Streit, haben Angst den Verbündeten vor den Kopf zu stoßen. Aber nutzt das wirklich etwas? Unsere Meinungsführer prahlen damit, dass man sich unter Freunden mal was sagen können muss – um dann an der Realität vorbei und faktenfrei um so heftiger auf Israel einzudreschen und Palästinenser-Lügenpropaganda zu verbreiten (wie z.B. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz mit seinen falschen Wasser-Zahlen vor der Knesset). Es läuft hier also mit der freundschaftlichen „Kritik“ recht einseitig und konkret nur in eine einzige Richtung. Wie wäre es, wenn die Israelis ihren deutschen Regierungsfreunden auch mal etwas sagen? Das trauen sie sich (noch?) nicht, sie haben Angst um die „guten“ Beziehungen. Verständlich, aber schade. Und von deutschen Israelfreunden kam, soweit ich es mitbekam, hier auch nicht wirklich etwas.

Leider waren auch keine wirklichen politischen Schwergewichte aus der deutschen Politik dabei. Beck kann man nicht mehr als solches zählen. Außerdem gehört er einer relativ unbedeutenden Oppositionsfraktion an und ist in dieser auch noch eher Außenseiter. Wenn jemand aus der Regierung oder zumindest jemand von Bedeutung aus den Regierungsfraktionen die Konferenz besucht und sich beteiligt hätte, könnte man von der Möglichkeit Einfluss zu generieren sprechen. So war es eine nette Veranstaltung mit einer Menge gutem Willen und eher wenig an tatsächlicher Bedeutung und Effektivität.

3.000 Personen nahmen teil. Ich hätte mit mehr gerechnet. Durch die aufgefächerten Parallel-Angebote verstreuten sie sich etwas, es wirkte alles nicht so voll und das war gut.

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Die „Panels“, die ich besuchte, waren interessant. Dort wurde auch etwas konkreter über Projekte, Meinungen und Vorhaben informiert. Man hatte direkteren Kontakt zu den Diskussionsteilnehmern und man konnte – wenn auch nicht in jeder Veranstaltung – Fragen und eigene Gedanken einbringen. Nach meinem Empfinden war das für den Besucher also deutlich effektiver, praktischer und erfahrungsreicher als die Vorträge und Podiumsdiskussionen im großen Saal. Mir fehlte aber dennoch etwas, das den Besucher anregt für Israel aktiver zu werden. Viel Information also, aber leider wenig zu dem, was der Einzelne machen kann, auch wie er aktiv werden kann. Aber vielleicht habe ich ja nur falsche Vorstellungen davon, was ein Israelkongress leisten sollte?

Am schönsten war auf jeden Fall in der Gesamtsicht, dass man Freunde und Bekannte treffen konnte, die man länger nicht gesehen hatte, darunter auch den umtriebigen Chef vom Ganzen.

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Oder auch Leute, die man bisher nicht persönlich kannte. Oder die einen nicht mehr kennen, weil sie zu viele kennen, wie Tuvia Tenenbom, von dem ich jetzt zwei signierte Bücher habe.

Der Titel der aktuellen „Titanic“

gefunden hier.

Der Autor des Eintrags schreibt dazu:

Über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, wurde hinreichend an anderer Stelle diskutiert. Für mich eine Frage der persönlichen Meinung. Für mich wird der Islam als faschistische Ideologie niemals zu Deutschland gehören. Über die Frage wird später geredet werden können, wenn der Islam nicht mehr faschistisch ist und Juden und Christen die gleichen Rechte in islamischen Ländern erlangen, wie Muslime heute in Europa und in der westlichen Welt.
Bis dahin wird der Islam durch den Kakao gezogen, über ihn gelacht, bis sich die Balken biegen und vieles mehr. So hat meine geliebte Titanic das richtige Bild zur rechten Zeit als Titelbild auserkoren. Die Reaktionen auf Facebook sagen über die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, viel mehr aus, als tiefgreifende Diskussionen bei Maischberger & Co…  der Muslim muss hierüber nicht lachen, doch ich darf lachen. Laut und hemmungslos… danke Titanic.

Wer bin ich?

Paula R. Stern, A Soldier’s Mother, 6. Mail 2016

Die Sache mit Kommentaren auf einem Blog ist die, dass der Blogeigner eine Reihe an Auswahlmöglichkeiten hat. Die erste ist die, ob er Kommentare unmoderiert zulässt. Als Israelin kann ich sagen, dass kein israelischer Blog und wenige jüdische Blogs frei von Störmanövern sind und für die meisten deshalb die erste Wahl offensichtlich ist – wir moderieren alle Kommentare.

Die zweite Wahl ist: Wie geht man mit Kommentaren um, die weniger als schmeichelhaft sind, entweder zu den Kernthemen, die man vorlegt oder gegenüber eine Haltung, die man einnimmt. Mehr als einmal habe ich Leute gehabt, die mich wütend fragte, warum ich ihre Kommentare nicht durchlasse – und die Antwort ist immer dieselbe: Wie ich es nicht muss, das ist mein Blog, mein Leben und ich präsentiere ihn, wie ich lebe. Nehmt ihn so, lasst ihn, liebt ihn, hasst ihn – es ist meiner.

Manchmal lasse ich Kommentare zu und dann antworte ich darauf; manchmal überlasse ich es anderen darauf zu antworten. Manchmal entscheide ich mich, sie gar nicht freizuschalte – das ist mein Recht.

Manchmal poste ich sie, wie diesen: Mahmood Says…

Manchmal lege ich sie alle zusammen… wie hier: Comments on Comments…

Vor ein paar Tagen postete ich Six Million Tears. Heute schickte mir Anonymus #478 (oder ist es #479?) dies:

Als freiwillig in Deutschland lebender Jude frage ich Sie: Wer sind Sie, dass Sie ein ganzes Volk verurteilen? Wer sind Sie, dass Sie ihnen Vergebung absprechen, sie für immer verdammen? Meine Familie blutete und litt und starb hier; und doch sind wir immer noch hier. Und wir haben uns entschieden niemals zu vergessen, sondern Zukunft und Hoffnung zu finden. Wer sind Sie ein Urteil fällen? Sie sind nicht G-tt!

Ich schaltete den Kommentar frei und fand, ich bräuchte mehr Platz um zu antworten, also mache ich das hier.

Sie sagen, Sie sein ein freiwillig in Deutschland lebender Jude. Ich gebe zu, dass das eine Wahl ist, die ich nicht verstehe und ich möchten Ihnen dort alles Gute wünschen. Ich werde für Ihre Sicherheit beten, den ich habe viele Zweifel und Bedenken zu Juden, die in Europa leben.

Sie fragen mich, warum ich ein ganzes Volk verurteile. Ich werde ehrlich sein und sagen, dass es nicht so ist, dass ich sie alle verurteilt habe, im Gegenteil; es sind ihr Tun, ihre Entscheidungen. Wenn sie für alle Zeit verurteilt sind, dann bezweifle ich, dass ich die Macht habe diejenige zu sein, die das tut.

Wer ich bin, sie zu ohne Vergebung zu erklären, für immer verdammt? Nun, das Judentum ist anders als andere Religionen. Während andere Religionen Einzelnen die Möglichkeit einräumen Gottes Vergebung zu erklären, tun wir das nicht. Wir glauben, dass es für Vergebung zwei Elemente gibt. Das erste ist Gott – wer sind wir zu glauben, dass wir Gottes Vergebung gewähren können? Ich mache das bestimmt nicht. Das zweite ist die Person oder das Volk, denen Unrecht zugefügt wurde. Ich kann den Nazis für die von ihnen begangenen Morde nicht vergeben. Die einzigen, die vergeben können, sind die Toten. Sie ermordeten die, die ihnen Vergebung hätten gewähren können. Außerdem brauchen die Vergebung derer, denen sie Unrecht angetan haben, aber nicht töteten.

Ich kann ihnen sagen, dass mein Großvater den Deutschen bis heute nicht vergab … leider vergab er sich selbst nie, dass er nicht in der Lage war in Amerika genügend Geld zu verdienen, um seine Mutter und Schwestern in Sicherheit zu bringen. Meine Schweigermutter vergab den Deutschen auch nie; schlimmer ist, dass sie ihr gesamtes Leben lang unter dem Schatten dessen lebte, was sie überlebte.

Sie sagen, Ihre Familie blutete und litt und starb dort und doch leben Sie noch dort. Würde ich sagen, was mir durch den Kopf geht, würde ich Sie einen Narren nennen. Aber mein Herz sagt mir ich sollte diplomatischer sein, verständnisvoller. Ich weiß nicht, was Sie in Deutschland hält – ist es Geld? Ist es Loyalität Deutschland gegenüber? Was immer es ist, mir ist es ein Rätsel.

Meine Familie und die meines Mannes blutete, verhungerte, wurde vergast und eingeäschert. Diejenigen, die überlebten, sammelten sich und suchten nach den am weitesten entfernten Orten, die sie erreichen konnten – Australien, Palästina, die Vereinigten Staaten. Sie wollten nach Palästina, aber die Briten blockierten das; sie bekamen einige Visa für Australien, waren aber nicht bereit sich von ihren Geschwistern zu trennen und so logen sie und sagten auch sie seien abgelehnt worden. Und als die Visa schließlich kamen, flohen sie aus Europa nach Amerika.

Sie sagen Sie werden nie vergessen, sondern entscheiden sich Zukunft und Hoffnung zu finden und ich möchte Sie dafür logen. Ich hoffe, Sie werden hart daran arbeiten Ihre Freunde und Nachbarn bilden, damit auch sie nie vergessen. Was die Zukunft und Hoffnung betrifft – ich leben ein einem Land mit beidem; wir haben sie für immer in unserem Geist und unseren Herzen.

Und schließlich fragen Sie, warum ich ein Urteil spreche – und ich sagen Ihnen, dass ich das nicht gemacht habe. Ich habe einfach gesagt, was ich denke, was ich fühlte, als ich in Deutschland war. Es war ein Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Ich empfand die Deutschen als wunderbare, interessierte, fürsorgliche Menschen. Das war für mich etwas Wunderbares. Ich ging dort in der Erwartung hin herausgefordert zu werden, mich bedroht zu fühlen. Das erste Mal, als ich einen Deutschen die Augen senken und meinen jüdischen Stern anblicken sah, fragte ich mich, was ich falsch gemacht hätte, so überaus stolz ich war ihn zu tragen. Als er seine Augen wieder hob und mich neugierig fragte: „Israel?“, fühlte ich meinen Körper sich verkrampfen, lehnte es aber in meinem Innern ab zu kneifen und antwortete trotzig: „Ja!“

Ich erwartete nicht, dass er lächelt, aber er tat es. Ich erwartete auch nicht, dass andere Deutsche neben ihm lächeln würden, aber sie taten es. Einer wandte sich mir zu und sagte „Hava nagila“ und jemand anderes sagte „Schalom aleichem“ – und auch ich lächelte.

Und so war nach Deutschland zu kommen eine Offenbarung. Es war ein langer Weg von dort, wo ich vor ein paar Jahren stand, als ich „Sie steckten sie in eine Gaskammer“ schrieb. Ich kann Ihnen heute sagen, dass ich niemals dort ankommen werde, wo Sie sind.

Und schließlich sagten Sie ich sei nicht Gott. Ich bin mir dessen sehr bewusst und behauptete nie es zu sein. Alles, was ich bin, ist eine Person mit einer Stimme und einer Meinung. Sie müssen das nicht mögen und für mich ist das in Ordnung. Aber ich werden Ihnen sagen, wer ich bin…

Ich bin die Enkelin eines Mannes, der Jahrzehnte lang litt; ich bin die Frau  eines Mannes, der seine Eltern sah, wie sie damit kämpften, was ihnen angetan wurde und was sie erlitten. Ich war gerade etwas mehr als zehn Jahre lang eine Schwiegertochter und hörte wie meine Schwiegermutter, zum ersten Mal, über den Holocaust zu sprechen begann, das Leben in den Lagern beschrieb und das Leben, dass sie davor hatten. Ich bin die Mutter von fünf erstaunlichen Israelis, von denen zwei gedient haben, von denen jetzt einer in der Armee Israels dient. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter nach Polen geschickt, um sich dem Albtraum zu stellen in eine Gaskammer zu gehen.

Ich bin Jüdin. Ich habe in den Gaskammern von Maidanek und Auschwitz gestanden; ich habe die Öfen und die Asche gesehen. Ich bin an den Orten gewesen, an denen sie ermordet wurden; ich habe geweint, wo einige immer noch in Massengräbern beerdigt sind.

Ich in Israelin, mir für immer bewusst, dass es unsere Aufgabe ist wachsam zu sein; zu wissen, damit, sollte der Tag kommen, wie er in der Vergangenheit nur allzu oft kam, dass die Juden in Europa werden fliehen müssen, wir hier in Israel stehen, bereit unsere Türen und mehr zu öffnen, bereit unsere Söhne zu schicken. Wir sind in den Jemen und nach Äthiopien geflogen, wir haben Juden aus Russland, dem Iran, dem Irak herausgeschmuggelt… wir werden dasselbe in Frankreich und Deutschland und England tun und sogar in den USA, sollten wir es tun müssen.

Das ist es, was ich bin; das gibt mir das Recht meine Meinung zu haben. Ich wünsche den Deutschen alles Gute. Aber ich habe mit dem Holocaust gelebt und werde mit ihm leben … und folglich werden es auch die Deutschen tun.

Wir lieben die Türkei! Erdoğan ist der beste!

Burak Bekdil, Hürriyet Daily News, 22. April 2016

Die Regierung der deutschen Bundeskanzlerin Merkel hat einen sagenhaften Präzedenzfall geschaffen, indem sie der gesamten Welt zeigte, wie ein Land sich am besten um die Sicherheit seiner Bürger auf Reisen in … nun, „anderen“ Ländern kümmern sollte. In einem sehr klugen Schritt fügte das deutsche Außenministerium einen neuen Reiseratschlag auf der Seite „Reise- und Sicherheitshinweise“ zu, wie deutsche Touristen sich benehmen sollten, wenn sie die Türkei besuchen: „Es wird dringend davon abgeraten, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen bzw. Sympathie mit terroristischen Organisationen zu bekunden.“

Ironischerweise erfolgte dieser Rat mehr oder weniger zur selben Ziet, als ein deutscher Reporter aus der Türkei abgeschoben wurde, weil er früher einmal nicht ins Land einreisen durfte. Die deutsche Regierung sollte vielleicht ihre Reisehinweise zur Türkei aktualisieren: „Äußern Sie sich nicht öffentlich politisch gegen den türkischen Staat. Wenn Sie Journalist sind, reisen Sie nicht in die Türkei.“

Obwohl der neue Ratschlag des deutschen Außenministeriums ein kluger Zug war, könnte er dabei versagen zukünftige diplomatische Krisen zwischen Ankara und Berlin zu verhindern. Es wäre nicht schade der Seite weitere Tipps hinzuzufügen: „Trinken Sie während des Besuchs in der muslimischen Türkei keinen Alkohol wie Ungläubige. Es wäre besser für Ihre eigene Sicherheit, wenn Sie während des Ramadan fasten oder zumindest so tun als ob. Sie werden beim Sonnenbaden an der türkischen Mittelmeerküste mehr Spaß und eine bessere Zeit haben, wenn Ihre Frau ein islamisches Kopftuch trägt, in ihrem Hotelzimmer bleibt und es vermeidet in der Öffentlichkeit schwimmen zu gehen. T-Shirts mit Aufschriften, die Hitler rühmen werden Ihr Wohlergehen weiter sichern und vielleicht sogar unvergessliche Freundschaften zwischen Ihnen und Einheimischen entstehen lassen.“

Es gibt einen weitere problematischen Punkt zu dem deutschen Rat, dass „dringend davon abgeraten [wird] … Sympathie mit terroristischen Organisationen zu bekunden.“ Vom durchschnittlichen deutschen Sonnenbadenden ist logischerweise nicht zu erwarten, dass er Sympathie mit dem Islamischen Staat im Irak und Syrien (ISIL) bekundet – obwohl viele Türken das tun und nicht strafrechtlich belangt werden.

Berlin hätte zu dieser Vorsicht präziser sein sollen. Eine vage Bekundung von Empathie für ISIS, selbst wenn das keine totale Sympathie ist, wird niemanden notwendigerweise in Gefahr bringen. Wenn er wegen Sympathien für ISIL vor Gericht kommt, sollte der kluge deutsche Tourist sich daran erinnern seinem Anwalt zu sagen, er möge Premierminister Ahmet Davutoğlus notorische Worte über die ISIL-Jihaidsten zitieren: „Wut, Verstimmungen und Beleidigungen [gegen Sunniten] haben in der Vergangenheit eine Reaktion [das Aufkommen von ISIL] verursacht. Eine solche Anhäufung von Wut [deren Ergebnis ISIL war] hätte es nicht gegeben, wenn sunnitische Araber im Irak nicht verprellt worden wären.“

Gleichwohl, lieber deutscher Tourist, könntest du nicht gleichermaßen Glück haben, wenn du Sympathie für die Journalisten bekundest, die lebenslängliche Haftstrafen verbüßen, weil sie Artikel auf der Titelseite ihrer Zeitungen veröffentlichten. Sie, nicht ISIL, sind die Terroristen mit denen Sie nicht sympathisieren sollten. Dasselbe gilt für die gewählten kurdischen Mitglieder des Parlaments oder die Millionen Protestierenden, die 2013 auf die Straße gingen, darunter der 15-jährige Berkin Elvan, der von einem Tränengaskanister getötet wurden, den die Polizei verschoss, genau den Jungen, den die herrschende islamistische Elite rasch als „Terroristen“ bezeichnete. Also auch keine Sympathie für Berkin…

Bleiben Sie einfach auf der sicheren Seite und lesen Sie immer die Zeilen der Überschrift dieser Kolumne, wo immer sie in der Türkei sein mögen. Sie werden lächelnde Gesichter sehen und Ihnen werden Ferien ohne Strafverfolgung – oder Deportation – im Lad des Kandidaten für die Europäische Union, der Türkei, garantiert sein; und Sie werden Döner oder Schisch-Kebab in einer entspannten Atmosphäre genießen – natürlich mit Ayran, vergessen Sie Bier. Sie könnten noch mehr Herzen und Gemüter gewinnen, wenn Sie ein paar türkische Sprüche zitieren können, so zum Beispiel „Biz Erdoğan çok sevmek“ oder „Biz Türkiye çok aşik olmak“.

Sie müssen diesem Kolumnisten für den Rat danken, aber erinnern Sie sich, wenn Sie wieder Zuhause sind, Merkel für ihre nützlichen Reisetipps zu danken.

Bayreuth – eine Stadt sah Pink!

oder: Die vier edlen Wahrheiten moderner Israelkritik

von Dr. Günter Beck-Mathieu (direkt vom Autor)

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Protest der DIG vor dem Festakt am Audimax der Universität Bayreuth

Aufs Theatermachen, das muss man den Bayreuthern lassen, verstehen sie sich. Eben wurde in der Wagnerstadt eine Posse auf die Bühne gebracht, die das Zeug dazu hat, als Beispiel eines Lehrtheaters für modernen Antisemitismus gelten zu können. Eine Theaterkritik.

Eine Stadt sieht Pink.

Der Plot: Auf Vorschlag der Universität Bayreuth verleiht die Stadt ihren Toleranzpreis an die US-Bürgerrechtsorganisation Code Pink – Vorwürfe an Code Pink wegen antiisraelischer Aktivitäten und Nähe zu Holocaustleugnern werden laut – Die Bayreuther Oberbürgermeisterin rudert zurück: „Bereits begründete Zweifel an der Eignung eines möglichen Preisträgers reichen meiner Meinung nach aus, um den Preis nicht zu verleihen.“ – Die Vergabe des Preises wird ausgesetzt und neu diskutiert – Der israelische Botschafter, die deutsch-israelische Parlamentariergruppe des Bundestages, der bayerische Ministerpräsident, die Deutsch-Israelische Gesellschaft Oberfranken fordern die Stadträte auf, den Preis nicht zu vergeben – Der Stadtrat stimmt mit 23 von 41 Stimmen gegen die Oberbürgermeisterin nun doch für die Vergabe des Preises an Code Pink – Die Deutsch-Israelische Gesellschaft wirft Code Pink vor, die Boykottbewegung gegen Israel zu unterstützen und Israel als Apartheid-Staat zu bezeichnen – Endlich: Preisverleihung zweiter Klasse im Audimax der Uni Bayreuth vor kleinem Kreis.

Eine Stadt sah Pink!

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Wie in Bertolt Brechts gutem Menschen von Sezuan so bleiben auch hier Fragen: Wie kommt eine Stadt mit dem Ruf Bayreuths dazu, Israelfeinde auszuzeichnen? Weshalb schlägt die Universität Bayreuth einen Preisträger vor, der auch akademischen Boykott Israels unterstützt? Was macht die Bayreuther Posse zu einem Muster für des Verhalten gegenüber Juden und dem jüdischen Staat? Brechts guter Mensch von Sezuan ist ein Musterbeispiel epischen Lehrtheaters. In Bayreuth wurde nun eine Lehrposse moderner Judenfeindschaft vulgo Antisemitismus auf die Bühne gebracht. Wir sind aufgerufen, unsere Schlüsse zu ziehen. Brecht wenig später: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Nun denn …

In den Bayreuther Ereignissen haben sich auf wundersame Weise vier eherne Lügen gebündelt, die den Feinden Judas als „Wahrheiten“ gelten. Wie für den Buddhisten die so genannten „vier edlen Wahrheiten“ den unhinterfragbaren Grund seiner Religion bilden, so sind diese „vier edlen Wahrheiten“ dem modernen Judenfeind der unhinterfragbare Grund seiner Weltanschauung. Diese „vier edlen Wahrheiten“ bilden den Grundakkord des modernen Antisemitismus, der im Gewande der Israelkritik einherkommt. Die „Wahrheiten“ werden in unterschiedlichen Variationen vorgetragen, doch stets in falschem Diskant. Worin liegt der paradigmatische Charakter des Bayreuther Theaterspiels? Eben darin: Es könnte sich in jeder deutschen Stadt zutragen.

Und das sind die vier edlen Wahrheiten moderner Israelkritik:

  1. Es gibt die Juden und die Anderen.

Nicht nur der Nahostkonflikt, der aber besonders, lässt sich reduzieren auf einen grundsätzlichen Antagonismus von Juden und Nichtjuden. Das ist die Ursuppe aller Judenfeindschaft. Die Wahrheit galt schon immer: Sartre erzählt in seinem Essay zur Judenfrage von 1944 die Geschichte einer Frau, die Probleme mit einem jüdischen Kürschner hatte. Selbstverständlich schimpfte sie auf die Juden. Sie hätte ja auch über die Kürschner herziehen können.

Auch heute: Code Pink und die mit ihnen sympathisierenden Bayreuther kamen nicht einmal auf die Idee, dass es auch andere Konstellationen als Ursache von Unruhe im Nahen Osten geben könne. Wie wäre es zum Beispiel in arabischen Staaten und Gebieten mit einem Gegenüber von korrupten Eliten und einem ausgebeuteten Volk oder einem Gegenüber von islamistischen Fanatikern und eher säkular denkender neuer Mittelschicht? Alle glauben, der Nahe Osten – oder noch besser: die arabische Welt – wäre befriedet, wenn die Gegenüberstellung von Juden und Arabern aufgelöst wäre.

Dieser Dualismus, dieser Antagonismus offenbart ein manichäisches Weltverständnis: Gut und Böse stehen sich gegenüber. Es geht für den Judenfeind nicht um das Gegenüber von Freiheit und Unfreiheit, von Demokratie und Diktatur. Der Antagonismus muss aufgelöst werden und so werden die Juden mehr oder minder höflich ersucht, die Westbank zu räumen. Man könnte mit gleichem Recht wohl auch fordern, dass die Araber aus der Westbank verschwänden. Das allerdings geht nicht wegen der edlen Wahrheit Nummer zwo:

  1. Die Juden sind schuld!

Elsa Rassbach, die Deutschland-Sprecherin von Code Pink, hat bei ihrer Dankesrede für die Verleihung des Preises aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht: „Das palästinensische Volk teilt mit uns allen die Sehnsucht nach Frieden, Freiheit und Sicherheit.“ Und die jüdischen Israelis? Im manichäischen Weltbild stehen sich Gut und Böse gegenüber. Für Israelgegner ist die Rollenzuordnung klar: Die Juden in Israel sind die Bösen, die Araber die Guten! Im Nahen Osten gibt es keine Probleme mit mediokren und brutalen Despoten, es gibt keine Probleme mit unterschiedlichen islamischen Fraktionen, es gibt kein Problem mit islamistischen Fundamentalisten, es gibt kein Problem mit gesellschaftlicher Unterentwicklung, es gibt keine Probleme bei der Gleichstellung von Frauen oder der Unterdrückung von Minderheiten, …

Probleme gibt es, weil die jüdischen Israelis da sind und es für alle wäre besser, sie wären nicht da. Deshalb halten sich Code Pink Aktivisten auch gerne da auf, wo (ausweislich eines Videos auf youtube) skandiert wird: „Judaism yes, Zionism no – the state of Israel has to go!“ Die jüdischen Israelis sind verantwortlich für all das Leid, die Unterdrückung, die Demütigungen – und das nicht nur im Nahen Osten. Grass hyperventilierte einst: „Israel bedroht den Weltfrieden!“

Die Palästinenser dagegen sind immer die Opfer, sie wollen Frieden und die Zwei-Staaten-Lösung. Die Viktimisierung von Palästinensern durch vornehmlich westliche Israelgegner trägt Züge einer Idealisierung des edlen Wilden und zeigt damit neokolonialistisches Denken at its worst.

Die Gründe liegen für G wie GraSS und C wie Code Pink e tutti quanti auf der Hand: Israel hat Land gestohlen und Israel ist ein Apartheid-Staat. Davon lassen sich Ann Wright und Elsa Rassbach von Code Pink auch im persönlichen Gespräch nicht abbringen. Beide kommen aus den USA. Auf die Idee, dass sie als Amerikanerinnen vielleicht auf gestohlenem Terrain leben, kommen sie natürlich nicht. Die Wahrnehmung des Antisemiten bleibt selektiv:

  1. Juden zu bekämpfen ist ein moralisches Gebot!

Code Pink unterstützt den Boykott gegen Israel. Die BDS-Bewegung selektiert: jüdische Israelis werden mit einem Bann belegt. Dabei genügt es bereits, wenn jüdische Künstler oder Wissenschaftler lediglich in Israel geboren wurden.

Da es um den Kampf gegen das Böse geht (in der manichäischen Vorstellung breitet sich das Gute dann ganz von alleine aus), ist diese Selektion nach Religion nicht nur erlaubt, sondern moralisch geradezu geboten. Moderne Judenfeindschaft schwitzt hier Moral aus allen Poren – aber moralisch war der Antisemitismus zu allen Zeiten. Es fanden sich immer Gründe, mindestens die Welt zu retten. Eine spezifisch deutsche Variante dieser Weltrettungsmoral schreckt nicht davor zurück, den Juden gar vor sich selbst zu retten. Diese Rettungsaktion wird meist intoniert mit: „Gerade wir als Deutsche …“ oder: „Gerade als Freunde Israels müssen wir …“. Merke: Der moderne Antisemitismus sagt nicht mehr „Ich bin die Judenfeindschaft!“, sondern: „Ich bin die Judenfreundschaft!“

Ausgerüstet mit diesem moralischen Imperativ darf man alle antisemitischen und antiisraelischen Märchen wiederkäuen: die Israelis klauen wahlweise Wasser oder Land, sie unterhalten ein Apartheid-Regime, bestimmte Gebiete müssen wieder judenrein gemacht werden … Die Palästinenser indes sollten nicht so naiv sein und glauben, dass hier irgendjemand aus Zuneigung zu ihnen handelt. Weit gefehlt! Wo bleiben die Proteste der Israelkritiker gegen die Behandlung der Palästinenser im Libanon oder kürzlich in Yarmouk?

  1. Kritik an Israel ist kein Antisemitismus!

Vor dem Audimax der Uni Bayreuth, in dem die Preisverleihung an Code Pink zelebriert wird, hat sich eine jüdische Amerikanerin postiert, die in Bayreuth studiert. Sie hält ein selbstbeschriftetes Plakat hoch: „Israelkritik ist nicht Antisemitismus. Als Jüdin verurteile ich die israelische Besetzung.“ Am Ende ihrer Dankesrede kündigt Ann Wright an, mit den 10.000 Euro Preisgeld ein Symposion zu finanzieren, das zeigen soll, dass Israelkritik nicht Antisemitismus sei. Ja, der Israelkritiker meint es gut mit Israel, er geriert sich als Freund der Juden.

Wir sind an der Klimax des Theaterstückes angelangt. Es handelt sich hier wohl um die umstrittenste der vier edlen Wahrheiten. Denn Kritik an der Politik eines Landes ist nicht nur erlaubt, sondern geboten. Kritik an der Politik der israelischen Regierung wird wohl nirgends so vehement vorgetragen wie in Israel selbst. Um das zu entdecken, muss man nicht einmal des Hebräischen mächtig sein. Es genügt, die englischsprachigen israelischen Medien zu konsumieren.

Israelfeindlich und antisemitisch wird die Chose nur, wenn die Kritik grundsätzlich wird, zu einem geschlossenen ideologischen System ausgearbeitet oder gar gegen die Existenz des Landes Israel gerichtet ist. Die Israelkritiker bezeichnen sich in solchen Fällen gerne als Antizionisten. Man kann die Politik Ungarns heftig kritisieren, käme aber wohl kaum auf die Idee, sich als „antiungarisch“ oder „antimagyarisch“ zu bezeichnen, die Existenzberechtigung Ungarns zu bestreiten und den Volksstamm der Magyaren wieder zur Rückkehr zum Ural aufzufordern, woher er einmal gekommen ist.

Die Israelkritik, wie sie von Code Pink vorgetragen wurde und von Bayreuth mit einem Preis ausgezeichnet, trägt diese Kennzeichen und ist damit ganz klar antisemitisch. Man kann auch nicht sagen, dass es hier lediglich Brücken zwischen Israelkritik und Antisemitismus gäbe. Nein, diese Art von Israelkritik ist der Antisemitismus leibhaftig. Die Begriffe müssen schon genau sein, denn „wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei“ (Albert Camus).

Die Bayreuther Stadträte, die für die Preisvergabe votierten, hätten dies alles wissen können. Es wurde ihnen gesagt. Rechthaberei, spießige Bräsigkeit, politischer Dilettantismus und des nötige Quäntchen Judenverachtung haben sie dumm gemacht. Und schämten sich nicht! – Das ist auch eine Form selbstgewählter Unmündigkeit.

Die Lehrposse bietet noch einen Antiklimax: Die Bayreuther Oberbürgermeisterin übergibt den Preis, hält aber eine Rede gegen die Preisverleihung, an deren Höhepunkt sie bekennt: „Die Preisverleihung an Code Pink schmerzt.“

Ja, die Bayreuther können Theater. Und zu ihrer Ehrenrettung sei es gesagt: Bei der Verleihung des Aachener Friedenspreises an Code Pink 2014 gab es keine Proteste.

Dr. Günter Beck-Mathieu ist Vorsitzender der
Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bayreuth-Oberfranken.
Dieser Artikel „Eine Stadt sah Pink!“ ist die Fortsetzung des Artikels „Eine Stadt sieht Pink!