Berlin, Europas Hauptstadt des Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Berlin ist zu Europas Hauptstadt des Antisemitismus geworden. Diejenigen, die sich daran gewöhnt haben Malmö also solche zu betrachten, lagen damit nicht falsch. Malmö leidet immer noch bedeutend unter Antisemitismus. Doch benötigt Antisemitismus nicht nur potenzielle  Täter. Diese kommen in Malmö aus Teilen der muslimischen Gemeinschaft. Es muss auch eine ausreichende Zahl an Juden geben, die man drangsalieren kann.

Berlin hat mit mehr 30.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Deutschlands.[1] Die jüdische Gemeinde in Malmö ist auf geschätzte 500 bis 600 Mitglieder geschrumpft. Vielleicht bestünde die beste Lösung darin, gemäß den Zahlen der Juden unterschiedliche Kategorien europäischer Antisemitismushauptstädte festzulegen.

Als der stellvertretende Dekan des Simon Wiesenthal Center, Rabbi Abraham Cooper, vor ein paar Monaten in Malmö sprach, wurde er von jüdischen und nichtjüdischen Leitern aufgefordert die Reisewarnung seiner Organisation für die Stadt aufzuheben. Rabbi Cooper antwortete, dass er das tun würde, sobald endlich eine Anzeige wegen Antisemitismus in Malmö zu einer Verurteilung vor Gericht führen würde. Obwohl mehrere Jahre zahlreicher antisemitischer Vorfälle hinter uns ligen, ist das bisher nicht geschehen.[2]

Das Research and Information Center for Antisemitism in Berlin (RIAS) hat publiziert, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2018 in der deutschen Hauptstadt 527 antisemitische Vorfälle verzeichnet wurden. Dazu gehörten 18 Angriffe, 21 beabsichtigte Vorfälle von Vandalismus und 18 Drohungen. Im selben Zeitraum 2017 wurden 514 Vorfälle verzeichnet. RIAS erwähnte, dass es wegen der Zunahme an Angriffen und Drohungen besondere Gründe zur Besorgnis gibt.[3]

Im März 2018 offenbarte ein Bericht der Berliner Polizei, dass die Zahl antisemitischer Verbrechen in der Hauptstadt sich im Zeitraum 2013 bis 2017 verdoppelt hatte. Polizeiquellen sagten der Zeitung Tagesspiegel, dass der Anstieg des Antisemitismus mit der zunehmenden Zahl an Migranten aus dem Nahen Osten in Verbindung steht, die in der Stadt leben.[4] Der nationale Antisemitismusbeauftragte Felix Klein hat ebenfalls eingestanden, dass die von RIAS vorgelegten Statistiken das Gefühl der Juden stützt, dass Muslime weit stärker an antisemitischen Vorfällen beteiligt sind, als die offiziellen Statistiken angeben.[5]

Im September 2018 wurde die Oberstaatsanwältin Claudia Vanoni zur Antisemitismus-Beauftragten der Staatsanwaltschaft des Bundeslandes Berlin ernannt. Vanoni sagte, eines ihrer ersten Ziele sei es die verwendete Definition des Antisemitismus zu vereinheitlichen und sie auf die Grundlage der der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) zu stellen. Derzeit kann jede Polizeiwache, Staatsanwalt und Gericht nach eigenen Normen entscheiden, ob eine Tat als antisemitisch bezeichnet wird.[6] Vanoni erwähnte auch, dass viele Opfer keine Anzeige bei der Polizei erstatten, weil sie glauben, diesen würde nicht nachgegangen.[7]

Ein besonderes Problem ist die Schikanierung jüdischer Schulkinder. Während Erwachsene gewisse Örtlichkeiten meiden können, müssen Kinder zur Schule gehen. Einer der extremsten bekannt gewordenen Fälle des Jahres 2017 war die Schikane gegen einen jüdischen Jungen, der in den Medien Oscar Michalski genannt wurde. Um seine Identität zu schützen, wurde sein Vorname geändert. Er wurde nicht nur beleidigt, sondern ein älterer Schüler schoss mit einer realistisch aussehenden Waffe auf ihn. Er würgte Oscar zudem bis zur Bewusstlosigkeit. Die Schülerschaft ist zu rund 80% muslimisch, zumeist türkischer und arabischer Herkunft.[8]

Jedes Jahr findet in Berlin die antiisraelische Al-Quds-Demonstration statt. Nach der Demonstration im Juni 2018 sagte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD), das Ziel dieser Demonstrationen seien verachtenswert, aber man könne eine Demonstration nicht aufgrund dessen verhindern, was Menschen denken.[9]

Es gibt zum Antisemitismus in Berlin viele Aspekte, von denen hier nur ein paar wenige angeführt werden können. Die 1971 gegründete Berliner Technische Fachhochschule wurde 2009 nach Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853) benannt, einem preußischen Ministerialbeamten und heftigen Antisemiten. Er forderte die Ermordung von Juden und machte sich unter anderem Ritualmord-Vorwürfe eigen.[10]

Das Jüdische Museum ist aus verschiedenen Gründen eine weitere problematische Institution. Man sollte erwarten, dass das Museum eine konsequente Haltung gegen Antisemitismus hat. Dennoch musste sich im Juli letzten Jahres Jeremy Isacharoff, der israelische Botschafter in Deutschland, bei der Museumsleitung wegen eines geplanten Vortrags eines knallharten antiisraelischen Redners beschweren; dabei handelte es sich um Sa’ed Atshan, einen Professor für Friedens- und Konfliktstudien am Swarthmore College in Pennsylvania. Atshan ist eng mit der BDS-Bewegung assoziiert. Nach der Beschwerde des Botschafters stornierte das Museum den Vortrag.[11]

Im September 2012 veranstaltete das Museum eine Podiumsdiskussion mit der amerikanischen Akademikerin Judith Butler, bei der diese zum Boykott Israels aufforderte. Sie erhielt für ihre Äußerungen viel Applaus. Das Museum machte klar, dass Fragen aus dem Publikum nur in schriftlicher Form erlaubt seien.[12] Vor kurzem wurde das Museum in seiner aktuellen Ausstellung „Willkommen in Jerusalem“ der systematischen Auslassung jüdischer Sichtweisen beschuldigt. Die jüdische Gemeinde hat sich seit langem über das Museum beschwert.[13]

Das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin hat im Verlauf der Jahre viel Kompetenz im Studium des Antisemitismus erworben. Trotzdem erhielt es im Oktober 2018 viel Kritik für die Einstellung von Luis Hernandez Aguilar, einem Wissenschaftler, der für eine britische Organisation arbeitet, die für die Londoner Version der Al-Quds-Demonstration wirbt. Der stellvertretende Direktor des Zentrums reagierte: „Wir sind froh Herrn Aguilar als Mitarbeiter und international anerkannten Experten auf dem Gebiet der Islamfeindlichkeit gewonnen zu haben.“[14] Der frühere, langjährige Direktor des Zentrums, Wolfgang Benz, behauptet, dass Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren nicht zugenommen hat. Der Antisemitismusbeauftragte der jüdischen Gemeinde Berlin, Sigmount Königsberg, warf Benz daraufhin vor sich von einem Forscher in einen Antisemitismus-Weißwäscher verwandelt zu haben.[15]

Es gibt einen weiteren wichtigen Grund Berlin Europas Antisemitismus-Hauptstadt zu nennen. Die dort residierende deutsche Regierung hat in den letzten Jahren hunderttausenden Antisemiten aus muslimischen Ländern wahllos erlaubt zu immigrieren.

[1] http://www.dw.com/en/berlin-where-jews-want-to-live/a-46229120

[2] Personal Communication rabbi Cooper

[3] https://report-antisemitism.de/#/public

[4] www.algemeiner.com/2018/06/15/berlin-police-investigating-verbal-assault-on-man-wearing-kippah-as-antisemitic-hate-crime/

[5] www.welt.de/politik/deutschland/article176525241/Antisemitismusbeauftragter-Die-Versaeumnisse-bei-der-Integration-raechen-sich-jetzt.html

[6] http://www.sueddeutsche.de/politik/claudia-vanoni-kaempferin-gegen-den-judenhass-1.4164104

[7] http://www.berliner-zeitung.de/berlin/polizei/oberstaatsanwaeltin-warnt-antisemitische-gewalttaten-nehmen-in-berlin-drastisch-zu-31817738

[8] www.zeit.de/2018/06/antisemitismus-deutschland-juden-berichte/seite-2

[9] www.welt.de/politik/deutschland/article177356922/Andreas-Geisel-SPD-Berlins-Innensenator-bezeichnet-Al-Kuds-Aufmarsch-als-widerlich.html

[10] www.taz.de/Antisemitismusdebatte-an-Hochschule/!5518603/; https://www.tagesspiegel.de/wissen/antisemitismus-des-namensgebers-beuth-hochschule-diskutiert-ueber-umbenennung/22715144.html

[11] www.jpost.com/Diaspora/Israels-ambassador-convinces-Berlins-Jewish-Museum-to-cancel-BDS-speaker-563220

[12] www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-Features/Israel-rips-Jewish-Museum-for-pro-boycott-speaker

[13] http://www.morgenpost.de/kultur/article216272811/Juedische-Gemeinde-kritisiert-Leitung-des-Juedischen-Museums.html?fbclid=IwAR0bOzheJJHhMU6V5P_YnWXGEUhtUbka8EggYWOYH69QQqVq-T9dhHjxGFw

[14] www.jpost.com/International/German-center-for-antisemitism-research-hires-alleged-antisemite-569698

[15] http://www.juedische.at/pages/antisemitismus/vom-antisemitismus-forscher-zum-antisemitismus-bagatellisierer.php

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Kleine und große Verzerrungen durch deutsche Medien: Der Fall Relotius und Israel

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Manchmal haben Ereignisse, die schienbar nichts mit Israel zu tun haben, einen Aspekt, der sie für dieses Land beinahe bedeutungsvoll macht. Im Dezember 2018 kam bei der großen deutschen Wochenzeitung DER SPIETEL ein Medienskandal ans Licht, der ein solcher Fall ist. Es wurde festgestellt, dass ein junger Star-Reporter, Claas Relotius, einige seiner Artikel fälschte und Protagonisten dafür erfand.[1] Besonders schmerzlich war ein Interview mit der letzten Überlebenden der „Weißen Rose“, einer Widerstandsorganisation im Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs. Auch hier brachte er erfundene Abschnitte ein.[2]

Als all das entdeckt wurde, erklärten die Herausgeber des SPIEGEL, sie seien verpflichtet die Wahrheit zu bringen. Sie versprachen den Fall Relotius aufzuklären. Die Zeitschrift schrieb: „Bei allem, was wir veröffentlichen, streben wir Verlässlichkeit und Genauigkeit an, in der Analyse wie in der Reportage, in der Nachricht wie im Kommentar. Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut. Der Fall Relotius legt offen, dass wir unseren Ansprüchen nicht gerecht geworden sind. Der Fall konfrontiert uns mit unseren eigenen Schwächen.“[3]

Die Zeitschrift fügte hinzu: „Ausgehend vom Fall Claas Relotius werden wir überprüfen, welche Arbeitsabläufe, welche Dokumentationspflichten, welche organisatorischen Rahmenbedingungen wir verändern müssen, um unter anderem die Verlässlichkeit von Recherche und Verifikation zu erneuern und das Vertrauen in die journalistische Schlagkraft des Hauses wiederherzustellen.“[4]

Es wurde eine Kommission eingesetzt, die all diese wichtigen Dinge tun soll. Was die Frage angeht, ob Relotius Artikel für andere Zeitungen fälschte, antwortete DER SPIEGEL, dies könne nicht ausgeschlossen werden. Als freiberuflicher Journalist schrieb er für eine Reihe führender Zeitungen in Deutschland und der Schweiz, darunter die deutsche Ausgabe der Financial Times.[5]

Es gib jedoch viel weiter greifende Methoden die Wirklichkeit zu fälschen als Fakten und Persönlichkeiten zu erfinden. Der Fall Relotius ist winzig verglichen mit dem großen Bild falscher Berichterstattung in den Medien. Um das zu demonstrieren, kann man eine Reihe Statistiken dazu betrachten, wie Israel in Deutschland gesehen wird.

2015 veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung, dass 41% der erwachsenen Deutschen der Äußerung zustimmen, Israel verhalte sich gegenüber den Palästinenser wie die Nazis gegenüber den Juden.[6] Eine Studie des Jahres 2007 durch dieselbe Stiftung berichtete eine Zahl von 30%.[7] Die Universität Bielefeld untersuchte dasselbe Thema und erhielt etwas andere Antworten. 2014 stimmten 27% der Deutschen dieser Äußerung zu.[8] 2004 waren es 51%. Selbst wenn wir die niedrigste Zahl von 27% nehmen, sprechen wir von mehr als 15 Millionen Deutschen, die diese dämonische Sicht Israels glauben.

Zudem sind Statistiken zum Prozentsatz der deutschen Erwachsenen-Bevölkerung verfügbar, die der Äußerung zustimmt, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Diese Frage wurde in den letzten 15 Jahren von der Universität Bielefeld dreimal gestellt. Die niedrigste Zahl gab es 2014 – mit 40% der Erwachsenenbevölkerung. Das ist gleichbedeutend mit mindestens 25 Millionen Deutschen. 2011 lag die Zahl bei 48% und 2004 bei 68%.[9]

Wenn Israel sich gegenüber den Palästinensern wirklich wie die Nazis gegenüber den Juden verhalten würde, was 2004 die Hälfte der deutschen Bevölkerung glaubte, dann wären heute praktisch alle Palästinenser ausgelöscht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die palästinensische Bevölkerung hat im Verlauf der letzten 15 Jahre beträchtlich zugenommen.

Wer hat diese Dämonisierung Israels verursacht? In Deutschland achten, anders als in vielen anderen westeuropäischen Ländern, linke Parteien in der Regel sehr darauf keine Äußerungen von sich zu geben, die die Bevölkerung die satanischen Ansichten zu Israel glauben machen, die in den Umfragen festgestellt wurden. Die sozialen Medien können Meinungen stark verzerren, aber nicht das diabolische Bild formen, das über fünfzehn Jahre hinweg festzustellen ist.

Die Hauptquelle dieses dämonischen Bildes von Israel kann nur eine Kombination zahlreicher deutscher Medienquellen sein. Die Medien machten das nicht durch Veröffentlichung von Fake News, sondern durch einen Spiegelprozess. Das hatte noch nicht einmal systematisch erfolgen müssen, aber einfach durch Regelmäßigkeit über die Jahre hinweg. Die Medien vernachlässigten den Fokus auf die bedeutende Korruption und Kriminalität, die mit dem Gefüge der palästinensischen Gesellschaft verflochten ist.

Anders als Relotius, der Fake-Fakten berichtete, berichten viele große deutschen Medien weiterhin kaum über den extremen Hass auf Israel und die Juden, der der arabischen und muslimischen Welt entstammt. Dieses Schüren von Hass kommt von politischen und religiösen Führern sowie von Journalisten und anderen. Manchmal nimmt der lückenhaft berichtete Hass sogar völkermörderische Züge an.

Die Studie der Agentur für Fundamentale Rechte (FRA) von 2018 stellte fest, dass Antisemitismus in Europa in den sozialen Medien am problematischsten ist. Sie erklärte zudem, dass „echte“ Medien nicht allzu weit dahinter zurückbleiben.[10]

Soweit es Israel und die Palästinenser betroffen angeht, sind viele deutsche Medienorgane in ihren Analysen und Kommentaren nicht auf Verlässlichkeit und Genauigkeit aus. Wenn Glaubwürdigkeit ihr höchstes Gut war, so fehlt sie enorm. Die Auswertung, wie sich Israel gegenüber verhielten, konfrontiert sie mit ihrer strukturellen Schwäche.

DER SPIEGEL wird eine unabhängige Kommission zum relativ winzigen Fall Relotius einsetzen, um zu untersuchen, was sich bei der Zeitschrift ändern muss. Die Rolle der Medien bei der Dämonisierung Israels in Deutschland zu untersuchen, erfordert ein weit stärkeres Engagement. Die Ergebnisse würden auch für das deutsche Judentum wichtig sein, das sich mit drei antisemitischen Vorfällen pro Tag konfrontiert sieht; diese Zahl ist wahrscheinlich noch zu niedrig. Viele dieser antisemitischen Angriffe stehen in Verbindung mit Hass auf Israel, der sich gegen Juden richtet.

[1] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-der-spiegel-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html

[2] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-claas-relotius-weisse-rose-ueberlebende-traute-lafrenz-betroffen-a-1244756.html

[3] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-der-spiegel-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html

[4] ebenda

[5] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-der-spiegel-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html

[6] www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LW_Germany_and_Israel_today_2015.pdf. S. 35

[7] ebenda

[8] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[9] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

Aribert Heyder/Julia Iser/Peter Schmidt; Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus. In: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2005.

[10] European Agency For Fundamental Rights: Experiences and perceptions of antisemitism, Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU. Luxembourg 2018. S. 6, Tabelle 2 — https://fra.europa.eu/en/publication/2018/2nd-survey-discrimination-hate-crime-against-jews

Fragen an Herrn Maas

Außenminister Heiko Maas hat wieder getwittert:

Fragen:

1) Warum wird dann der Iran so hofiert und unterstützt, warum mit ihm Geschäfte gemacht? Die Islamische Republik Iran ist der am heftigste antisemitische Staat der Welt. Die Islamische Repbulik Iran wetteifert mit ein paar anderen Staaten um den Titel des schlimmsten Diskriminierers der Welt. Warum stimmte dann Deutschland in der UNO so oft mit dem Iran und seinen Zielen?

2) Warum wird der muslimische Antisemitismus – auch gerade derer, die massenhaft noch nicht so lange hier wohnen – meist unter den Teppich gekehrt und Leute, die davor warnen verteufelt?

 

Die Woche der europäischen Sorge wegen Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Dieses Jahr ging dem Internationalen Holocaust-Gedenktag voraus, was man als „Woche der europäischen Sorge wegen Antisemitismus“ bezeichnen könnte. Führende Politiker Europas haben Äußerungen abgegeben, dass Antisemitismus ein ernstes Problem ist und bekämpft werden müsse, ohne Näheres zu Maßnahmen anzugeben, die sie dafür ergreifen werden.

In Brüssel sagte Antonio Tajani, Präsident des Europaparlaments: „Antisemitismus ist ein fortdauerndes Thema. Die Gewalt gegen jüdische Gemeinden in Europa nimmt zu.“ Er fügt hinzu, dass zu seinem tiefsten Bedauern „Juden weiterhin Europa verlassen, weil sie sich nicht sicher fühlen. Das ist inakzeptabel. Wir müssen handeln und reagieren. Wir müssen unseren Bürgern die Hand ausstrecken, insbesondere den jungen Menschen. Sie sind die Zukunft Europas.“[1]

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagte, es sei die Pflicht eines jeden Einzelnen „Verantwortung dafür zu tragen, dass wir null Toleranz gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit, Hass und Rassenwahn zeigen“.[2] Das spiegelt die Politik ihrer Regierung seit 2015 nicht, die viele Hunderttausende Antisemiten ins Land ließ. Diese waren Teil der Zuwanderer aus muslimischen Ländern, in denen Antisemitismus ein tiefgehendes Phänomen ihrer Gesellschaften ist.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas schrieb in einem Artikel in DIE WELT: „Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust – im Wissen, dass ein solcher Tabubruch maximale Aufmerksamkeit beschert. Rechte zeigen auf offener Straße den Hitlergruß, jungen Männern wird die Kippa vom Kopf gerissen, jüdische Kinder werden beschimpft.“[3]

Die Hauptfolgerung aus dem Lesen dieses Artikels lautet, dass Maas wissentlich die Tatsache ignoriert, dass viele derer, die Juden auf der Straße angreifen, muslimische Zugewanderte und deren Nachkommen sind. Beim schlimmsten Vorfall in einer Berliner Schule wurde der jüdische Schüler, Oscar Michalski, beschimpft. (Sein Vorname wurde leicht verändert um seine Identität zu schützen.) Ein muslimischer Schüler dort schoss mit einer echt aussehenden Waffe auf ihn. Er wurde außerdem bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt.[4]

Bei einer weiteren Gelegenheit sagt Maas, er sei „wegen Auschwitz“ in die Politik gegangen.[5] Eine wichtige Gruppe Antisemiten anzugreifen, während man zu einer anderen, riesigen Gruppe von Tätern antisemitischen Handlens schweigt, ist teilweises Reinwaschen von Antisemitismus. Das einzige Argument, das man anbringen kann, um Maas‘ zweierlei Maß abzuschwächen, lautet, dass sein Amtsvorgänger Sigmar Gabriel, ebenfalls ein Sozialist, weit schlimmere Äußerungen von sich gab. Gabriel hat Israels Politik in den „Gebieten“ mit denen der Apartheid in Südafrika gleichgesetzt. Er brauchte viele Monate, um sich dafür zu entschuldigen. Gabriel behauptete in einem Artikel in der Berliner Zeitung[6] zudem fälschlich, Sozialdemokraten seien wie Juden die ersten Opfer der Nationalsozialisten gewesen, mit demselben Schicksal.[7]

Letzte Woche war Israels Präsident Reuven Rivlin zu einem diplomatischen Besuch in Frankreich. Bei einem Treffen mit Präsident Macron merkte er an, dass es in den ersten neun Monaten des Jahres 2018 eine Zunahme der Zahl antisemitischer Vorfälle in Frankreich um 69% gab. Macron sagte: „Antisemitismus steht unseren Werten und allem, was unsere Demokratie darstellt, absolut entgegen.“ Er fügte an: „Jegliche Gewalt oder Einschüchterung werden wir in unserem Land niemals hinnehmen. Wir werden alles tun, was wir können, um sicherzustellen, dass Antisemitismus beseitigt wird.“[8] Dabei hat Frankreich noch nicht einmal die Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz übernommen.

Wenn es tatsächlich einen Wunsch gäbe, bei den Reden zum Holocaust-Gedenktag das Thema Antisemitismus anzugehen, hätte das Folgende gesagt werden können: „Antisemitismus widerspricht vielen europäischen Werte, dennoch ist der Antisemitismus in der europäischen Kultur viel länger verankert als all diese Werte. Als einen ersten Schritt, sollten alle europäischen Länder die Einstellungen der Zuwanderer überprüfen und diejenigen abweisen, die Antisemiten sind. Wenn das nicht gemacht werden kann, könnte man es ein paar Jahre lang vermeiden Zuwanderer aus Ländern hereinzulassen, in denen der Anteil der Antisemiten beträchtlich ist und das umso mehr aus Ländern, wo die Mehrheit der Bevölkerung antisemitische Einstellungen hegt.[9] Alle europäischen Ländern und die EU sollten die Antisemitismus-Definition der IHRA annehmen. Alle europäischen Länder sollten Antisemitismus-Beauftragte haben.“

Ein einziger führender europäischer Politiker bot ein wenig Gegengewicht zum Übermaß an Worten und dem Mangel an Handeln der anderen Staatslenker und sagte bei einer besonderen Gelegenheit das, was gesagt werden sollte. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte Mohammed Mahathir, dem erzantisemitischen malaysischen Premierminister, dass jede Form von Antisemitismus in Malaysia oder wo auch immer inakzeptabel ist.[10]

Die beste Nachricht rund um den Holocaust-Gedenktag kam von ganz anderer Stelle. Das Internaitonale Paralympische Komitee (IPC) nahm Malaysia die Schwimm-Weltmeisterschaft der Behinderten ab, da das Land nicht in der Lage war zu garantieren, dass israelische Athleten daran teilnehmen können.[11]

[1] www.jpost.com/Diaspora/Antisemitism/European-Parliament-president-Ongoing-antisemitism-must-be-stopped-578376

[2] http://www.welt.de/newsticker/news1/article187752150/Antisemitismus-Merkel-mahnt-zu-Gedenken-an-NS-Opfer.html

[3] www.welt.de/debatte/kommentare/article187748332/Heiko-Maas-Das-Unwissen-der-jungen-Deutschen-ist-gefaehrlich.html?wtrid=socialmedia.email.sharebutton

[4] http://www.zeit.de/2018/06/antisemitismus-deutschland-juden-berichte/seite-2

[5] http://www.timesofisrael.com/i-entered-politics-because-of-auschwitz-says-new-german-fm/

[6] https://www.berliner-zeitung.de/politik/gastbeitrag-von-sigmar-gabriel-europa-und-israel-gemeinsam-gegen-nationalismus-26758358

[7] http://www.jpost.com/Israel-News/Anger-at-German-FM-after-he-repeats-that-Israel-is-an-apartheid-regime-521405

[8] www.jpost.com/Israel-News/Rivlin-in-Paris-If-we-face-threats-from-Lebanon-we-will-not-stand-by-578389

[9] http://global100.adl.org/#map/weurope

[10] www.freemalaysiatoday.com/category/nation/2019/01/22/anti-semitism-unacceptable-austrian-chancellor-tells-dr-m/

[11] http://www.insidethegames.biz/articles/1074728/ipc-strip-malaysia-of-2019-world-para-swimming-championships-over-israel-policy

Internationaler Holocaust-Gedenktag

Es ist „internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Juden“.

Jetzt ergehen sie sich wieder im Gedenken an die ermordeten Juden. Ganz besonders in Deutschland wird das „Nie wieder“ so herausgekramt wie immer auch am 9. November zum Kristallnacht-Gedenken. Deutschland hat die tollste Gedenkkultur der Welt. Wir können uns an die eigene Brust schlagen, wie niemand sonst. Und das tun wir in Deutschland mit Inbrunst.

Da gibt es Aktionen ohne Ende. In Leverkusen zum Beispiel putzten Gymnasiasten die „Stolpersteine“ – in einer Fußgängerzone. Was ist mit den anderen? Sollten die nicht auch sauber sein? Oder gelten sie nicht so viel, weil sie weiter abseits liegen? Nein, das war wohl „praktischer Geschichtsunterricht, denn die Aktion fand während der Unterrichtszeit statt.

In Regensburg gibt es eine Gedenkfeier der Stadt u.a. mit einem Kurzfilm von Schülern über das KZ Ravensbrück.

Die Grünen in Aachen haben eine Ausstellung zu bieten, die bis 1. Februar in einer Kirche zu sehen ist und am Sonntag mit einer Klezmer-Band eröffnet wird.

In Weimar war schon am Freitag offizielles Kranzniederlegen im KZ Buchenwalt unter Ausschluss der AfD, weil diese – angeblich – „antidemokratische, menschenrechtsfeindliche und geschichtsrevisionistische Positionen“ vertritt. (Nur der dritte Punkt trifft auf einzelne, sicherlich noch zu viele Mitglieder zu, nicht die Gesamtpartei. Aber hier wird wieder eine politische Suppe gekocht, das Gedenken einmal mehr instrumentalisiert. Es wird ausgegrenzt und verleumdet.)

In Frankfurt-Flörsheim steht die „Musik jüdischer Künstler der Weimarer Zeit … ganz im Fokus des Programms“, „deren Namen heute zu Unrecht oft völlig vergessen sind.“

Berlin gedenkt in einer „Erinnerungsstunde“ am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma; dazu ein „stilles Gedenken“ am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten. Am Gedenktag für die Ermordung der europäischen Juden werden die Mahnmale anderen Opfer in den Mittelpunkt gerückt.

Auf ZDF info liefen von der Nacht (!) von Freitag auf Samstag 14 Dokumentationen und Filme. Ganz gewichtig anscheinend 3 Folgen „Die Wahrheit über den Holocaust“ von 1.15 bis 3.30 Uhr.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland mahnte vor wachsender Geschichtsvergessenheit in Deutschland und Europa. „Das mangelnde historische Wissen und die fehlende Empathie mit den Opfern der Schoah führten zu Gleichgültigkeit, fürchtet Zentralratspräsident Josef Schuster. Der Holocaust-Gedenktag soll hiergegen ein deutliches Zeichen setzen.“

NRW-Ministerpräsident Laschet reist extra (auf Einladung der Union progressiver Juden) nach Auschwitz. Info dazu: Für Laschet und die Landesregierung seien das Mahnen und Erinnern an das Menschheitsverbrechen der Schoah sowie die Förderung der Erinnerungskultur und das entschlossene Eintreten gegen Antisemitismus zentrale Anliegen, hieß es weiter. Wie manifestiert sich dieses „entschlossene Eintreten gegen Antisemitismus“? Tut die Landesregierung das auch gelegentlich auch mal außerhalb des Neonazi-Antisemitismus? Da fehlen die handfesten Beispiele.

Für Wien gilt: „Aktive Gedenkpolitik bedeutet aber nicht nur die Beschäftigung mit der Vergangenheit, sie bedeutet sich den Ideologien der Ungleichheit in der Gegenwart entgegen zu stellen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen! Nachdem Zeitzeug_innen uns in den vergangenen Jahrzehnten unermüdlich erzählt haben, zu welchem unfassbaren Elend radikaler Nationalismus und rassistischer Wahn in Europa geführt haben, sehen wir in Europa heute erneut nationalistische und rassistische Bewegungen wiederentstehen oder bereits mit Macht ausgestattet”, so „Jetzt Zeichen setzen”. Deshalb wolle man wie jedes Jahr ein Zeichen am geschichtsträchtigen Heldenplatz setzen. Ah, ganz wichtig: Instrumentalisierung gegen „rechts“, aber der heutzutage am stärksten manifeste Antisemitismus wird ausgeklammert.

Es wird überall wieder hehre Worte geben und beschworen den Anfängen zu wehen – und dem werden wohl keine Taten folgen. Wenn der Regierende Bürgermeister von Berlin und amtierende Bundesratspräsident Müller wissen lässt: „Wir dürfen rassistischer und antisemitischer Hetze und Ausgrenzung keinen Raum geben. Wir können das Verbrennen von Flaggen des Staates Israel auf unseren Straßen nicht hinnehmen. Wir müssen verhindern, dass alte und neue Formen des Antisemitismus und Rassismus alltäglicher Begleiter werden“, dann sind das richtige Worte – die aber auch nur wieder hohl bleiben, weil sie keine Folgen haben. Das Verbrennen israelischer Flaggen anzuprangern ist schön und gut. Aber die Hetzpropaganda gegen Israel bleibt außen vor. Und dass es auch hier nur gegen „rechts“ geht, ist ohnehin selbstverständlich, denn: „Ausgrenzung, Hetze und Vorurteilen müssen wir Aufklärung und Wachsamkeit der Zivilgesellschaft und des Rechtsstaates entgegenstellen“, gilt nicht für Antifa und muslimische Einstellungen.

Ähnlich Jean-Claude Juncker, der „nie gedacht hätte“, „dass ich es noch erleben würde, wie Juden in Europa Angst bekommen, ihren Glauben auszuüben. Es erfüllt mich mit Trauer, dass fast 40 Prozent von ihnen darüber nachdenken, Europa zu verlassen. In Europa ist Holocaustleugnung salonfähig. Während jeder dritte Europäer nach eigenen Angaben ’nur ein bisschen‘ über den Holocaust weiß, hat einer von zwanzig nie etwas davon gehört.“ Und die „Erinnerung am Leben erhalten“ sehen will. Ross und Reiter des aktuellen Antisemitismus nennt er nicht.

Es wird sich wie immer in viel Symbolismus ergangen. Konkrete Folgen? Fehlanzeige. Und schon gar kein Angehen der tatsächlichen Probleme und Problembereiter. Im Zweifelsfall werden eher eigener Hass und Vorurteile gepflegt, um politische Süppchen zu kochen.

Wunderbares Erinnern! Ganz toll! Wie jedes Jahr zweimal. Hinterher gehen wir wieder zum Alltag über. Ignorieren linken und islamischen Antisemitismus. Hetze gegen Israel. Beschimpfen nicht nur die AfD, um sie zu Antisemiten zu machen. Damit die wahren Antisemiten nicht bekämpft werden müssen, das wäre zu aufwändig und wohl auch noch gefährlich.

Wie war das noch? Je länger das Dritte Reich tot ist, desto stärker wird Hitler bekämpft? Wie passend. Nur keine neuen „Kriege“ führen. Den Tätern von heute ergeben wir uns lieber vorab. Bis wir gemerkt haben, dass es zu spät ist, sind wir da selbst schon ermordet worden. Weil ein Wunsch-Weltbild wichtiger ist als die Realität. Weil ideologisierte Verbohrtheit mehr zählt als nüchterne Bestandsaufnahmen. Weil aus der Vergangenheit zu lernen mühsam und es viel leichter ist, sich erneut dumm und blind zu verhalten. Weil „wehret den Anfängen“ so schön klingt, wenn man es gegen unliebsame Menschen und Gruppen anwendet, die gerade unbequem sind – und man es gegenüber denen längst verpasst hat, die die tatsächlichen Gefahrenherde stellen: Islamistischen Predigern, die Hass verbreiten und Judenfeindschaft einimpfen; Verbänden, die vor allem eins können: Beleidigtsein in die Welt zu trompeten und die Täter in den eigenen Reihen schützen und reinwaschen sowie die Schuld auf Opfer schieben. Oder als Regierung auch gegenüber Regimen, die Völkermord an Juden propagieren, imperialistischen Terror nicht nur in der eigenen Region verbreiten – aber mit denen man unbedingt Geschäfte machen muss, sie hofiert und „kritischen Dialog“ führt, der seit 40 Jahren einmal nicht ansatzweise das gebracht hat, was er bringen soll, sondern genau das Gegenteil.

Der Hass, der Antisemitismus, Gewalttaten kommen heute in unserer Gesellschaft zu enorm großen Teilen aus den Reihen der Muslime; in der Weltpolitik von radikal-muslimischen Staaten. Die Ursachen dafür zu bekämpfen geht nicht. Das ist „islamophob“, wird als ausgrenzend und rassistisch gebrandmarkt. Warum? Weil das ideologische Bild stimmen muss. Und wenn die Juden da nicht reinpassen, weil es Israel gibt, dann ist dieser Antisemitismus eben auch in Ordnung.

Auf diese Art von Gedenken verzichte ich lieber. Mir sind dazu die hasserfüllten Gesichter mit dem Gebrüll der „Gegendemonstranten“ zu sehr präsent, denen ich bei Kundgebungen begegnete, die tatsächlich gegen Antisemitismus stattfanden. Von „Gegendemonstranten“, die denen angehörten, die heute als Vorbilder zur Bekämpfung von Rassismus und Ausgrenzung da stehen.

Die Illusion der deutschen Juden, „normale“ Bürger werden zu können

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

„Ich würde gerne eine Jüdin sein, wie ich eine Frau bin. Beides sollte normal sein.“[1]

Ein weiteres Zitat ist realistischer: „Es ist nicht erlaubt hier Wurzeln zu schlagen, aber man kann sich ein Nest schaffen.“[2] Beides sind Zitate deutscher Juden zu ihrem Land. Sie wurden für einen Bericht der Soziologin Julia Bernstein von der Frankfurter University of Applied Sciences befragt.

Die zweiteilige Studie mit dem Titel Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland wurde von der Universität Bielefeld veröffentlicht, die eine lange Geschichte des Studiums des Antisemitismus und anderer Diskriminierungen hat. Der Studienbericht beinhaltet viele Einsichten in die weit vom Normalen entfernte Realität, in der deutsche Juden leben. Nur ein paar wenige können hier erwähnt werden.

Für ihre Analyse befragte Bernstein in Deutschland lebende, hier sowie in Russland und Israel geborene jüdische Personen, außerdem Sozialarbeiter und Experten.[3] Bernstein zitiert die Experten, die sagen, dass Antisemitismus im Land seit 2014 zugenommen hat. Darüber hinaus hat sich das Wesen des Antisemitismus insofern geändert, als er innerhalb der deutschen Gesellschaft offener zum Ausdruck gebracht wird und in einer Reihe von Gruppen akzeptabel ist. Mit Israel verbundener Antisemitismus, getarnt als legitime Kritik am Land, ist weit verbreitet. Manche Experten stellen fest, dass öffentliche Bekundungen aus dem Jahr 2014 wie „Juden ins Gas“ vor zehn Jahren unvorstellbar waren.[4]

Alle jüdischen Befragten hatten Angst vor der Zunahme des Antisemitismus durch islamistische Radikalisierung und die Zuwanderung von Flüchtlingen. Die meisten Befragten erwähnten auch andere Gruppen – insbesondere Deutsche mit Bildung und aus der Mittelklasse. Kurz gesagt: Der deutsche Antisemitismus ist in den letzten Jahren innerhalb des Mainstreams des Landes normalisiert worden. Als Ergebnis davon sind die meisten der befragten Juden extrem vorsichtig und zeigen in der Öffentlichkeit keine Zeichen jüdischer Identität. Alle Befragten erwähnten zudem Verzerrung in den Medien, die zu antiisraelischem Antisemitismus führt.

Der Wendungen „Jude“, „jüdische Identität“ und „jüdische Präsenz in Deutschland“ werden nicht als neutrale Begriffe betrachtet. Das gefährdet jüdische Teilhabe an der Gesellschaft und die Zugehörigkeit zu ihr sowie die Kommunikation zwischen Juden und Nichtjuden. Mit anderen Worten: Die Befragten hatten das Gefühl, dass diese Situation die Normalität des jüdischen Lebens gefährdet. Die jüdischen Befragten hatten außerdem das Gefühl, dass sie die Einhaltung jüdischer Gesetze wie Kaschrut, Schabbat und Beschneidung rechtfertigen zu müssen. Für die meisten von ihnen ist es wichtig offen über ihre Herkunft und Identität zu sprechen und nicht gezwungen zu werden ihre jüdischen Traditionen „versteckt“ zu praktizieren.

Die meisten Befragten haben die Sorge, dass sie nicht ausreichend beschützt werden, wenn sie antisemitischen Angriffen ausgesetzt werden. Die meisten der Befragten sind sich ihrer Zukunft in Deutschland nicht sicher. Sollte der Antisemitismus weiter zunehmen, schließen sie Auswanderung nicht aus. Die Kinder einiger der Befragten sind bereits nach Israel gezogen. Diejenigen, die als Juden erkennbar sind, teilten regelmäßige oder fast tägliche antisemitische Erfahrungen mit, oft begangen von Muslimen.[5]

Ein zusätzliches erwähntes Thema ist, dass Juden Angst haben Dinge zu tun, die in die Stereotype von Juden unter Nichtjuden passen könnten.[6] Eine weitere wichtige Beobachtung ist, dass Feindschaft gegenüber Ausländern und Antisemitismus miteinander in Verbindung stehen.

Die Präsenz des Antisemitismus in Schulen ist in Bernsteins Studie ein wichtiges Thema. Aggressive direkte Ausdrucksformen antisemitischen Hasses treten vor allem durch andere Schüler auf. Der Begriff „Scheißjude“ ist nur einer davon.[7]

Bernstein führt auch einige extreme Erfahrungen an. Ein Experte berichtet die Geschichte der Einladung einer Reporterin einer angesehenen deutschen Tageszeitung zu einem Pessah-Seder: „Sie nahm mich zu einem bestimmten Moment beiseite und fragte in verschwörerischem Ton: ‚Sagen Sie mir bitte, diese dunkelroten Punkte auf den Matzen, ist das nicht Blut von christlichen Kindern?‘ Ich warf sie hinaus.“[8]

Ein weiteres Extrem ist der Philosemitismus, der ebenfalls die Unfähigkeit zum Ausdruck bringt einen Juden als normales Individuum zu betrachten. Eine Frau erzählt von einem Deutschen, der sein Auto anhielt und rief, dass er die Juden liebt. Sie fügte hinzu: „Wir hatten Angst und wollten weglaufen. Es wurde klar, dass er uns umarmen wollte.“[9]

Von den Befragten werden viele Vorschläge gemacht, um die Lage zu verbessern und den Kampf gegen den Antisemitismus zu stärken. Mehrere könnten halbwegs effektiv sein, wenn sie ausgeführt werden.

Der erste Teil der Studie von Andreas Zick, Andreas Hövermann und Silke Jensen der Universität Bielefeld ist traditioneller. Während des Frühjahrs 2016 wurden 553 Juden gebeten einen Online-Fragebogen auszufüllen.[10] Das führte zu Ergebnissen, die oft mit denen einer aktuellen, großen Studie zu Antisemitismus in zwölf EU-Ländern von der FRA (Agentur für Grundrechte) übereinstimmen.[11] In der Einleitung des neuen Berichts sagten die Autoren, dass Antisemitismus Teil des Alltagslebens in Deutschland ist. Er drückt sich in Stereotypen aus, in allgemeiner Herabwürdigung von Juden und Judentum, in offenen wie subtilen antisemitischen Vorurteilen und Bildern in den Medien.[12]

Bezüglich der Klassifizierung, wo Antisemitismus auftritt, ist das Schüren von Hass in sozialen Medien führend im Feld der Bereiche, in denen große oder sehr große Probleme auftreten. Dem folgen in der Bedeutung dichtauf die verzerrte Darstellung Israels in den Medien sowie Holocaust-Umkehr, d.h. die Gleichsetzung des Tuns Israels mit dem des Nationalsozialismus und dem Holocaust. Nicht weit dahinter folgen Antisemitismus bei Demonstrationen, Antisemitismus in Diskussionen – zum Beispiel in Schulen, am Arbeitsplatz und anderen Orten – und verbale Beschimpfungen und Belästigung von Juden.[13]

Die zwangsläufige große Schlussfolgerung aus der Studie, auch wenn sie in dem Bericht nicht erwähnt wird, lautet, dass Normalität für jüdisches Leben in Deutschland nicht existiert. Dem kann man hinzufügen, dass in Deutschland lebende Juden vermutlich die Illusion aufgeben müssen, dass ihre Realität jemals „normal“ sein wird wie die der Mehrheit der Bürger.

[1] https://uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf, 44

[2] ebenda, S. 46

[3] ebenda, S. 41

[4] ebenda, S. 79

[5] ebenda, S. 79, 80

[6] ebenda, S. 80

[7] ebenda, S. 61

[8] ebenda, S. 45

[9] ebenda, S. 44

[10] ebenda, S. 4

[11] European Agency For Fundamental Rights: Experience and perceptions of antisemitism. Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU. Luxemburg, 2018.

[12] https://uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf, S. 2.

[13] ebenda, S. 12