Dutzende Millionen Europäer haben dämonische Ansichten zu Israel

Manfred Gerstenfeld, BESA Center Perspectives Paper Nr. 1.494; 20. März 2020

Antisemitische Graffiti auf der Synagoge von Maribor in Slowenien (Foto: via Wikipedia)

Zusammenfassung: Dutzende Millionen europäischer Bürger hegen eine dämonische Ansicht zu Israel. Das manifestiert sich auf eine Vielzahl von Arten, deren ernsteste Israels Handeln gegenüber den Palästinensern mit dem der Nazis gegenüber den Juden gleichsetzt. Die Dämonisierung Israels führt zu antisemitischen Beleidigungen gegen Juden allgemein. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten, aber auch die israelische Regierung sind mit diesem Problem enorm nachlässig umgegangen.

Dank einer zunehmenden Zahl quantitativer Studien beginnt endlich ein Bild des gewaltigen Ausmaßes europäischer Dämonisierung Israels zu entstehen. Eine der detailliertesten derartigen Studien ist ein von der Ungarischen Handlungs- und Schutzliga in Auftrag gegebener und von der  ungarischen Meinungsforschungsfirma Inspira Ltd. vorbereiteter aktueller Bericht.

Inspira befragte repräsentative Stichproben der Erwachsenenbevölkerung im Alter von 18 bis 75 Jahren in 16 europäischen Ländern nach Geschlecht, Altersgruppe, Siedlungsgröße und Bildung geordnet. 25 Prozent der Befragten finden nicht, dass Israel in legitimer Verteidigung gegen seine Feinde handelt. 27 Prozent finden nicht, dass Israel das einzige demokratische Land im Nahen Osten ist. Wenn 25% an die Politik Israels denken, dann haben sie das Gefühl sie verstehen, warum manche Leute die Juden hassen. 24 Prozent glauben, dass die israelische Politik gegenüber den Palästinensern internationalen Boykott Israels rechtfertigt. Derselbe Anteil glaubt, die Israelis verhalten sich gegenüber den Palästinensern wie Nazis.

In heutigen westlichen Gesellschaften wird die Wendung „verhalten wie Nazis“ dazu verwendet das absolut Böse zu vermitteln, weil es entweder bedeutet, dass man sich Völkermord wünscht oder ihn zu begehen versucht. Diejenigen, die die Geschichte des Antisemitismus kennen, erkennen die uralten antisemitischen Hassmotive im Gebrauch dieser Redewendung zur Verleumdung der Juden. Es handelt sich um ein Motiv, das bei der Verfolgung der Juden die Geschichte hindurch eine entscheidende Rolle spielte: die Idee, dass der Jude das absolut Böse personifiziert.

Im christlichen Antisemitismus wurde das Hassmotiv in der falschen Behauptung ausgedrückt, dass alle Juden in allen Generationen für die Hinrichtung von Gottes vermeintlichem Sohn Jesus verantwortlich seien. Nationaler/ethnischer Antisemitismus erreichte mit dem Nationalsozialismus seinen Tiefpunkt. In Nazideutschland mutierte das Motiv des absolut Bösen in Förderung des Hasskonzepts, dass Juden Untermenschen sind und ausgelöscht werden müssen.

In der heutigen Welt werden Israel und die Juden mit einer neuen Mutation der Vorstellung des absolut Bösen geteert: dass Israel, der jüdische Staat, ein Nazi-Regime ist, das vor hat die Palästinenser auszulöschen. Die Umfrage von Inspira bot dazu neue Daten; diese ergänzen frühere Studien. Zwar variieren die Zahlen in Studien beträchtlich, aber das übersetzt sich das in viele Dutzend Millionen Europäer, die glauben, auf Israel passe diese zeitgenössische Definition des absolut Bösen.

Vor der Inspira-Umfrage wurde die größte repräsentative Studie 2011 von der Universität Bielefeld im Auftrag der der SPD nahe stehenden Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlicht. Die Befragung wurde in sieben europäischen Ländern unternommen. Die Interviewer befragten im Herbst 2008 pro Land 1.000 Personen im Alter über 16 Jahren. Eine Frage lautete, ob sie der Behauptung zustimmen, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser betreibt. Den niedrigsten Anteil derer, die zustimmten, gab es in Italien und den Niederlanden mit 38 bzw. 39 Prozent. Andere Zahlen lauteten: Ungarn 41%, Großbritannien 42%, Deutschland 48% und Portugal 49%. In Polen betrug die Zahl atemberaubende 63%.

2004 unternahm die Universität Bielefeld eine ähnliche Studie, die nur in Deutschland durchgeführt wurde. Mehr als 2.500 deutsche Erwachsene wurden gefragt, ob sie folgender Aussage zustimmen: „Was der Staat Israel den Palästinensern antut, unterscheidet sich prinzipiell nicht von dem, was die Nazis den Juden im Dritten Reich antaten.“ 51 Prozent der Befragten bejahten das. 68 Prozent stimmten der Aussage zu „Israel betreibt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“.

Die Studie kam zu dem Schluss, dass Kritik an Israel zu einem gewissen Maß als Tarnung für antisemitische Einstellungen und Meinungen dient. In ihrer Definition von Antisemitismus erklärte die Studiengruppe der Universität Bielefeld, dass die Gleichsetzung von „Israels Politik gegenüber den Palästinensern mit der Verfolgung der Juden im Dritten Reich“ antisemitisch ist. „Vergleiche zwischen aktueller israelischer Politik und der der Nazis zu ziehen“ ist eines der Beispiele zeitgenössischen Antisemitismus in der weithin akzeptierten Definition dieses Hasses durch die Internationale Holocaust-Gedenkallianz.

Gemäß dieser Definition hegte die Mehrheit der befragten Deutschen damals extrem antisemitische Ansichten. 35 Prozent stimmten vollkommen zu und 33% neigten dazu zuzustimmen, dass Israel daran arbeitet die Palästinenser zu vernichten. 27 Prozent stimmten vollständig zu und 24% neigten dazu zuzustimmen, dass Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern praktisch dasselbe ist wie das der Nazis gegenüber den Juden. Nur 19% stimmten überhaupt nicht zu und 30% tendierten dazu nicht zuzustimmen. Die Erkenntnisse dieser 2004 veröffentlichten Umfrage bekräftigten die Feststellungen früherer Umfragen zu deutschem Antisemitismus.

Eine von Paola Merulla durchgeführte italienische Umfrage stellte im Herbst 2003 fest, dass 17% der Italiener sagten, es wäre besser, wenn es Israel nicht gäbe. Eine 2007 in der Schweiz von gfs.bern veröffentlichte Studie stellte fest, dass 50% der schweizerischen Bevölkerung Israel als „den Goliath im Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ betrachten. 2012 wurde in einer vom Center for Studies of the Holocaust and Religious Minorities in Norwegen durchgeführte Studie eine Stichprobengruppe gefragt: „Ist das, was Israel den Palästinensern antut identisch mit dem, was die Nazis den Juden antaten?“ 38 Prozent antworteten zustimmend.

Eine von der Bertelsmann-Stiftung 2013 durchgeführte Umfrage stellte fest, dass in der deutschen Bevölkerung 41% der Aussage zustimmten, Israel verhalte sich wie die Nazis, wenn es um den Umgang mit Palästinensern geht. 2007 waren es 30%. Die Zahl von 2013 übersetzt sich in mehr als 25 Millionen deutsche Erwachsene, die glauben, dass Israel absolut böse ist.

Es scheint Beweise für einige Verbesserungen in den Einstellungen zu geben, obwohl die Anteile immer noch alarmierend sind. Im September 2014 führten die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Universität Bielefeld in Deutschland eine weitere Studie durch. Sie fragen erneut, ob die Menschen der Aussage zustimmen: „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.“ Vierzig Prozent der befragten Deutschen stimmten zu. Wie oben vermerkt betrug die Zustimmung zu dieser Aussage 2004 68%. Die Aussage wurde auch anders formuliert: „Was der Staat Israel heute den Palästinensern antut, unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was die Nazis den  Juden während des Dritten Reichs antaten.“ 2014 antworteten 27% zustimmend, verglichen mit 51% im Jahr 2004.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2017 stellte fest, dass 23% der britischen Bevölkerung glaubt Israel versuche bewusst das palästinensische Volk auszulöschen. 24 Prozent glaubten, Israel begehe in Palästina Massenmord. 21 Prozent betrachteten Israel als Apartheidstaat. Achtzehn Prozent glaubten, die Interessen der Israelis stünden im Widerspruch zu den Interessen des Restes der Welt. Zehn Prozent glaubten Israel sei die Ursache aller Probleme im Nahen Osten und 9% glaubten, die Menschen sollten israelische Waren und Produkte boykottieren. Sie stellten zudem fest, dass antiisraelische Einstellungen bei Muslimen im Vereinten Königreich sich auf einem höheren Niveau befinden als in der Allgemeinbevölkerung.

2003 fragte eine Eurobarometer-Studie, ob eine Auswahl von Ländern eine Bedrohung des Weltfriedens sei. 59 Prozent der Europäer sagten, Israel stelle eine solche Bedrohung dar. Kein anderes Land auf der Liste wurde mit so hohem Prozentsatz als ähnliche Bedrohung betrachtet. Der Iran und Nordkorea teilten sich mit jeweils 53% den zweiten Platz. Am Ende der Liste stand die EU, die nur 8% der Europäer als Gefahr des Weltfriedens betrachtete. Unter den fünfzehn EU-Ländern war der Staat mit dem höchsten Anteil, der Israel als Bedrohung des Weltfriedens betrachteten, die Niederlande mit 74%. Danach kamen die Österreicher mit 69%. Im Nachhinein betrachtet verstehen wir diese Sichtweisen als Spiegel der Dämonisierung Israels in Europa.

Die EU-Agentur für Grundrechte führte 2018 eine nicht repräsentative Studie unter europäischen Juden durch. Sie stellte fest, dass die üblichsten antisemitischen Äußerungen, mit denen Juden regelmäßig konfrontiert werden, lauten, Israelis würden sich gegenüber Palästinensern wie Nazis verhalten. Das wurde von 51% der Befragten angeführt. Das ist eine von zahlreichen Möglichkeiten, wie die Dämonisierung Israels europäische Juden trifft.

Die Dämonisierung Israels durch Dutzende Millionen europäische Bürger fördert Antisemitismus gegen Juden allgemein. Daraus sind zwei wichtige operative Schlussfolgerungen zu ziehen. Erstens müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten per Gesetz gezwungen werden alles in ihrer Macht stehende zu tun, um Antisemitismus effektiv zu bekämpfe und die Würde jüdischer Menschen zu schützen. Da europäischer Antisemitismus weitgehend von der enorm verbreiteten Dämonisierung Israels getrieben wird, hat die EU die Verpflichtung etwas dagegen zu unternehmen. Bisher hat sie völlig darin versagt den europäischen Antisemitismus zu bekämpfen.

Zweitens: Aufeinander folgende Regierungen haben ihre Bürger weithin im Stich gelassen, indem sie der weit verbreiteten Dämonisierung Israels im Ausland und besonders in Europa viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Auch die Knesset hat keinen Druck auf die Regierung ausgeübt, um sich zu bemühen mit diesem Problem umzugehen. Israelische Einstellungen müssen sich radikal ändern, damit angefangen werden kann die Dämonisierung ihres Landes zu bekämpfen.

Das sich ausdehnende dunkle Universum des Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor; auf Englisch auch veröffentlicht auf BESA Center, 11. März 2020)

Im weltweiten Kampf gegen die vielen Antisemiten ist eine Definition dieses Hasses unerlässlich. Das ist der Grund, weshalb eine Reihe von Ländern, Städten, Universitäten und anderen Institutionen in Europa die nicht rechtsverbindliche Antisemitismus-Arbeitsdefinition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) für den internen Gebrauch angenommen haben.[1]

Dieser Text wurde 2016 vom Vorstand der IHRA genehmigt, der aus den Repräsentanten von 34 Ländern besteht.[2] Die meisten sind Mitglieder der EU, zu den weiteren gehören unter anderem die USA, Kanada und Australien. Die Genehmigung durch alle Mitgliedstaaten war für die Annahme der Definition notwendig.

Das Definitionsdokument der IHRA beinhaltet auch elf Beispiele für Antisemitismus. Eine Reihe von ihnen betreffen Israel. Dennoch würde sich eine gesonderte Definition des Antiisraelismus lohnen. Keine Definition, auch nicht die der IHRA – selbst wenn die Initiatoren viele weitere Beispiele hinzugefügt hätten – kann der Abdeckung der Vielzahl der Fälle nahe kommen, die Elemente des Antisemitismus beinhalten oder berühren. Das ist zum Teil das Ergebnis der postmodernen Zeit, in der wir leben. Viele Dinge sind bruchstückhaft und Antisemitismus ist eines davon.

Es gibt ein riesiges dunkles Universum voller Dinge, die Antisemitismus über die IHRA-Definition hinaus berühren. Viele davon gab es in der klassischen Periode religiöser und nationalistischer/ethnischer Versionen des Antisemitismus vor dem Zweiten Weltkrieg nicht. Eine Reihe ausgesuchter Beispiele wird das illustrieren.

Dem institutionellen Antisemitismus in der britischen Labour Party ist viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Das kam klar an die Öffentlichkeit, nachdem Jeremy Corbyn im September 2015 zum Parteivorsitzenden gewählt wurde. Er hat bei zahlreichen Gelegenheiten antisemitische Einstellungen gezeigt. Dennoch ist die IHRA-Definition bei der Identifizierung davon nicht hilfreich. Sie deckt sein Willkommen der Repräsentanten der völkermörderischen Bewegungen Hamas und Hisbollah im Unterhaus[3] nicht ab. Diejenigen, die die Definition entwarfen, haben zudem die Äußerungen Corbyns nicht vorhersehen können, der diese Repräsentanten extrem mörderischer antiisraelischer Terrororganisationen als seine „Freunde“ und „Brüder“ bezeichnete.[4] Die IHRA-Definition deckt zudem Corbyns – auch finanzielle – Unterstützung der Organisation eines Holocaust-Leugners[5] und das gemeinsame Podium mit einem weiteren Holocaust-Verdreher ab.[6]

Ein weniger transparentes Beispiel im Antisemitismus-Universum betrifft Bernie Sanders, einen führenden jüdischen Bewerber in den Präsidentschaftsvorwahlen der US-Demokraten. Wenn er von den Palästinensern spricht, verweist er auf ihre Würde.[7] Man fragt sich, wie die Würde derer aussieht, die bei den palästinensischen Parlamentswahlen 2006 der Hamas die Mehrheit gaben; diese erklärt offen, dass es ihr Auftrag ist massiv Juden zu ermorden. Andererseits spricht Sanders von Israels „rassistischer Regierung“ und seinem „rassistischen Premierminister“.[8] Die Kombination dieser Äußerungen zeigt Sanders’ Affinität zu extremen palästinensischen Antisemiten.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten Antisemiten keinen Grund ihren Antisemitismus zu verstecken. Dieser Hass war in Europa vollauf akzeptabel. Heutzutage ist Antisemitismus im Mainstream der Gesellschaften des Westens ausdrücklich nicht mehr politisch korrekt. Daher ist Vernebelung – als Antisemit vorzugeben, man sei kein solcher – recht produktiv eingesetzt worden. Ein Antisemit könnte sogar fälschlich behaupten, der sei ein „Freund Israels“. Eine detaillierte Analyse der Äußerungen des ehemaligen deutschen Außenministers und sozialistischen Parteichefs Sigmar Gabriel zu Israel illustriert dies.[9]

Etwas, das das Verständnis des zeitgenössischen Antisemitismus entscheidend verkompliziert, beseht in der Mutation des Haupttypus der Antisemiten in der westlichen Welt. Während des Aufstiegs und der Herrschaft der Nazis waren viele Judenhasser Vollzeit-Antisemiten. Das war nicht nur bei Deutschen der Fall. Zum Beispiel gehörte Vidkun Quisling, während des Krieges norwegischer Premierminister, in diese Kategorie. Heute sind die meisten jedoch Teilzeit-Antisemiten.

Ein solcher Teilzeit-Antisemit könnte sogar nur eine einzige wichtige antisemitische Äußerung tätigen, ohne sie zu wiederholen. Ein Beispiel für einen Einmal-Antisemiten ist der deutsche Botschafter bei der UNO, Christoph Heusgen. Zur Erklärung der vielen antiisraelischen Abstimmungen seines Landes gab Heusgen im März 2019 in der UNO eine niederträchtige Erklärung ab: „Wir glauben, dass das internationale Recht am besten geeignet ist, Zivilisten zu schützen, damit sie in Frieden und Sicherheit leben können, damit sie ohne Angst vor israelischen Bulldozern oder Hamas-Raketen leben können“, sagte Heusgen im März unter anderem.“[10]

Die größte deutsche Tageszeitung, BILD, schrieb eine Antwort auf Heusgens Äußerung, in der er palästinensische Raketen mit israelischen Bulldozern gleichsetzte. Sie merkte an: „Diese Gleichsetzung ist pure Häme in einer Woche, in der die israelische Bevölkerung immer wieder vor Raketen-Beschüssen der Hamas-Terroristen fliehen musste. Heusgens Anspielung auf die Bulldozer bezieht sich hingegen auf Maßnahmen der israelischen Regierung gegen ungenehmigte Bauten, von denen vor allem Palästinenser, aber auch israelische Siedlungen betroffen sind.“[11] Das Simon Wiesenthal Center nahm Heusgens UNO-Äußerung in seine Liste der wichtigsten antisemitischen Vorfälle des Jahres 2019 auf.[12]

Da Antisemitismus politisch nicht korrekt ist, haben seine Leugnung, Beschönigung und Bagatellisierung exponentiell zugenommen. Die britische Labour Party ist ein Paradebeispiel. Sie steckt voller Antisemitismus-Beschöniger. Eine Umfrage unter zahlenden Labour-Mitgliedern im März 2018 stellte fest, dass 47% sagten, Antisemitismus sei ein Problem, aber das Ausmaß des Problems werde übertrieben, „um der Labour Party und Jeremy Corbin zu schaden oder Kritik an Israel zu abzuwürgen“. Weitere 31 Prozent sagten, Antisemitismus sei kein ernstes Problem. 61 Prozent glaubten, Corbyn handhabe die Antisemitismus-Vorwürfe gut.[13]

Für solche Verschleierung sind viele Techniken entwickelt worden. Man findet sogar Beschöniger extremer Fälle von Antisemitismus. Die naziartigen Umzugswagen beim Karneval im belgischen Aalst im Februar 2020 wie auch ein Jahr zuvor sind ein Beispiel dafür.[14]

Louis Farrakhan ist Amerikas führender Antisemit. Viele seiner Äußerungen über Juden erfüllen die Definition der IHRA. Er hat Juden als „Termiten“ und „Giftmischer“ bezeichnet.[15] Doch wie beschreibt man Leute, die seine Gesellschaft suchen? Ist gewollt mit ihm fotografiert zu werden eine antisemitische Tat? Vermutlich nicht, aber es ist ein weiterer dunkler Fleck im Universum des Antisemitismus. Es ist das, was Barack Obama 2005 machte, bevor er verkündete, dass er sich um die Präsidentschaft bewirbt. Später schaffte Obama es, dieses Foto einige Jahre lang zu unterdrücken.[16] Verschiedene demokratische Kongressmitglieder und Gründer des Women’s March suchten ebenfalls die Nähe zu Farrakhan.[17][18]

Zu behaupten, dass die Juden selbst die Ursache von Antisemitismus sind, war in den historischen Ursprüngen ein Schlüsselfaktor dieses Hasses. Als Christen Juden brutal behandelten, behaupteten sie, dass das sich daraus ergebende Leiden der Juden Gottes Strafe dafür sei Jesus nicht anzuerkennen. Dieses Motiv jüdischer Schuld kehrt in vielen Versionen wieder. Sawsan Chebli, die sozialistische Staatssekretärin für außenpolitische Angelegenheiten in Berlin, twitterte einen Tag nach der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz dieses Jahr: „Ist ja alles traurig, was damals passierte. Aber dass der Hass wieder aufkommt, da sind die Juden nicht ganz unschuldig. Siehe Siedlungspolitik, Annexion…“ Das höre ich sehr oft, und zwar nicht von Muslimen, Arabern oder Flüchtlingen, sondern von Deutschen ohne Zusatz.“[19]

The Berlin Spectator berichtete, Burkard Dregger, CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, beschuldigte Chebli der Verbreitung von klassischem Antisemitismus und die Juden für ihr Leiden in der Vergangenheit verantwortlich zu machen. [20] Andererseits hat Chebli sich aktiv gegen Antisemitismus ausgesprochen und hat dafür sogar einen Preis erhalten. Sie ist repräsentativ für eine ambivalente Form des Antisemitismus. Man könnte auch sagten, dass sie eine bipolaren Einstellung zu diesem Hass hat.

Es gibt viele weitere Beispiele, die in das dunkle Universum des Antisemitismus gehören. In diesem sich ausdehnenden Universum treten im Verlauf der Zeit neue davon auf.

[1] http://www.holocaustremembrance.com/working-definition-antisemitism

[2] http://www.holocaustremembrance.com/about-us/our-partners

[3] http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/aug/13/jeremy-corbyn-labour-leadership-foreign-policy-antisemitism

[4] ebenda

[5] http://www.telegraph.co.uk/news/2017/05/20/jeremy-corbyns-10-year-association-group-denies-holocaust/

[6] www.theguardian.com/politics/2018/aug/01/jeremy-corbyn-issues-apology-in-labour-antisemitism-row

[7] http://www.jpost.com/American-Politics/Bernie-Sanders-Im-pro-Israel-but-we-must-treat-Palestinians-with-dignity-608540

[8] http://www.newsweek.com/bernie-sanders-calls-israels-netanyahu-reactionary-racist-says-hed-consider-moving-embassy-1489109 www.timesofisrael.com/sanders-netanyahu-is-racist-us-must-also-be-pro-palestinian/ www.timesofisrael.com/netanyahu-gives-restrained-response-after-sanders-calls-him-a-racist/ www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/276245

[9] www.inss.org.il/sigmar-gabriel-german-foreign-minister/

[10] www.jpost.com/Diaspora/Antisemitism/German-UN-ambassador-makes-list-of-worst-antisemiticanti-Israel-incidents-610660

[11] www.bild.de/politik/ausland/politik-ausland/deutscher-uno-botschafter-provoziert-hitzige-debatte-um-gaza-konflikt-60895806.bild.html

[12] www.wiesenthal.com/about/news/top-ten-worst-anti-semitic.htm

[13] www.thetimes.co.uk/article/labour-poll-says-antisemitism-row-is-exaggerated-8tdj7wffh

[14] www.ad.nl/binnenland/beledigende-carnavalsoptocht-in-vlaamse-aalst-zonder-problemen-verlopen~a387fa03/

[15] www.jewishvirtuallibrary.org/minister-louis-farrakhan-in-his-own-words

[16] www.ajc.com/news/local/could-this-long-lost-photo-have-derailed-obama-2008-campaign/jC8NKhQr6a72VjRYY9o0EM/

[17] https://abcnews.go.com/Politics/republican-jewish-coalition-calls-resignation-democrats-ties-farrakhan/story?id=53601481

[18] www.harpersbazaar.com/culture/politics/a25920871/womens-march-controversy-explained-louis-farrakhan/

[19] https://twitter.com/SawsanChebli/status/1222159170306179073; https://berlinspectator.com/2020/01/29/berlin-state-secretary-stirs-outrage-with-tweet-1/

[20] ebenda

Wie schlimm ist der Antisemitismus in Europa? Umfragen legen nahe: Er grassiert.

Melissa Braunstein, 6. März 2020

Das ist Karneval in Spanien im Jahr 2020 … nicht 1940 (timesofisrael.com

Die belgische Stadt Aalst feierte den Karneval dieses Jahr mit grotesker Zurschaustellung von offenem Antisemitismus. Jecken ahmten verspottend die Klagemauer nach, einige verkleideten sich als Ameisen mit chassidischen Hüten und andere als Nazis. Das Thema setzte sich in Campo de Criptana in Spanien fort, wo Teilnehmer am Karnevalszug sich als Nazis und Insassen von Konzentrationslagern verkleideten, flankiert von Schornsteinen.

Die zur Schau gestellte unverfrorene Borniertheit unterstrich, dass offener Antisemitismus lautstark wieder da ist. Weniger gewiss ist, wie viele Menschen dieses Wiederaufleben schüren. Meinungsumfragen von Pew Research und der Anti-Defamation League (ADL) sind diese Frage angegangen, aber fragen ist leichter als Antworten zu geben.

Diese Zahl zu berechnen erfordert nicht nur eine gute Definition von Antisemitismus (wie die Arbeitsdefinition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz), sondern auch ein klares Verständnis dafür, warum wir überhaupt fragen. Wollen wir denn wissen, wo Juden am ruhigsten als erkennbare Juden leben können, sich am leichtesten assimilieren können oder einfach sicher leben können, ohne physische Attacken?

Europäische Einstellungen zu Juden ändern sich zum Schlimmeren

Pew Research nickte letztes Jahr zu diesem Thema, als die Einstellungen Europas 30 Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer untersucht wurden. Juden standen nicht im Fokus der Umfrage, aber es fällt auf, dass Juden von ihrem Landsleuten in den Niederlanden (92%), Schweden (92%), Großbritannien (90%) und Frankreich (89%) positiv bewertet wurden.

Vierundsiebzig Jahre nach dem Ende des Holocaust erfuhr Pew auch, dass nur 12 Prozent der Deutschen im ehemaligen Ostdeutschland und 5 Prozent im ehemaligen Westdeutschland Juden abfällig betrachteten. Sechsundachtzig Prozent der Deutschen sagten Pew 2019, sie hätten positive Ansichten zu Juden; 1991 waren es 53 Prozent.

Leider geben andere Umfragen diese optimistischen Zahlen nicht wieder. Dazu befragt, schickte ein Forschungs-Sprecher von Pew, der auf einige Fragen hinwies, die Pews „Internationales Team für Religiöse Umfragen“ 2017 stellte, per E-Mail: „Keine der Umfragen war darauf angelegt Antisemitismus zu messen. Fakt ist, dass wir sehr sorgfältig darauf achten NICHT den Anspruch zu erheben, dass unsere Fragen tatsächlich Antisemitismus messen.“

Stellen wir also fest, dass Pews Umfragen nicht ausdrücklich Antisemitismus untersuchen, ihnen die qualitativen Daten fehlen, die der Pew-Sprecher für notwendig erachtet und ein paar Fragen einbeziehen und werfen einen Blick auf die Daten von 2017, weil Pew eine verlässliche Quelle bleibt. In dem Jahr wurde in 15 Ländern gefragt, ob man einen Juden in der Familie oder als Nachbarn akzeptieren würde, ob Juden „ihre eigenen Interessen verfolgen“ statt denen ihres Heimatlandes und ob Juden „zu dem, was sie erlitten haben, übertreiben“.

Ich würde sagen, dass die Zahl der Europäer, die etwas gegen jüdische Verwandte haben, hier irrelevant ist. Das spiegelt zwar eine Art von Vorurteil und ist für alle Beteiligten ärgerlich, bedroht aber nicht die Möglichkeit der Juden frei und sicher zu leben.

Im Gegensatz dazu ist keine Juden als Nachbarn haben zu wollen diskriminierend und beeinflusst jeden jüdischen Bürger. Wenn also 12 Prozent der Italiener, wie auch 10 Prozent der Iren und Portugiesen, antwortet, sie seien „nicht bereit einen Juden als Nachbarn zu akzeptieren“, dann ist das Bedeutung von Bedeutung.

Wenn 36 Prozent der portugiesischen Befragten nebst 32 Prozent der Spanier, 31 Prozent der Italiener und 28 Prozent der Belgier zustimmen, dass „Juden immer ihre eigenen Interessen verfolgen und nicht die Interessen des Landes, in dem sie leben“, dann ist das Besorgnis erregend.

Und wenn 36 Prozent der befragten Italiener, 33 Prozent der Portugiesen und 30 Prozent der Spanier sowie 28 Prozent der Belgier den Pew-Meinungsforschern sagten, dass sie zustimmen, dass „Juden immer übertreiben, wie sehr sie gelitten haben“, dann ist das ein Warnsignal. Nachbarn, die glauben, dass du zum historischen Leiden übertreibst, werden kaum Mitgefühl wegen deiner aktuellen Sorgen haben.

Die Gefühle verstehen, die zu Antisemitismus führen

Für ein klareres Eintauchen in dieses Thema sehen Sie sich den Index ADL Global100 zu Antisemitismus an, der für 2019 ein Update zu 18 Nationen hinzufügte. Die Spitzen-Schlussfolgerung der ADL lautet, dass 24 Prozent der Westeuropäer und 34 Prozent der Osteuropäer antisemitische Ansichten hegen. Diesen Zahlen folgen ausführliche, bekräftigende Details.

Zu zögern Fremde Antisemiten zu nennen ist weise, besonders wenn es auf Grundlage begrenzter Informationen erfolgt. Es lohnt sich die Länderberichte als Ganze zu lesen, wenn auch nur um die besondere Form zu verstehen, die der Antisemitismus in jeder Gesellschaft annimmt. Ich möchte mich jedoch auf die erste Frage der Umfragen als wichtigen Wegweiser für diese Untersuchung konzentrieren.

Die Befragten wurden gefragt, ob „Juden Israel gegenüber loyaler sind als [diesem Land/den Ländern, in denen sie leben]“. Jeder, der „wahrscheinlich richtig“ antwortet, betrachtet Juden wahrscheinlich als „den anderen“. Diese Gruppe ist, ob durch Ignoranz oder Bosheit, vorbereitet antisemitische Verschwörungstheorien zu glauben, einschließlich Mythen über Juden, die die Finanzmärkte, die Medien und Regierungen der Welt kontrollieren oder Juden für die Kriege der Welt verantwortlich machen.

Die Tatsache, dass 33 Prozent der britischen Befragten diese Aussage als „wahrscheinlich richtig“ bezeichneten, hilft die Zunahme des Corbynismus und das „Rekordhoch von 1.805 antisemitischen Vorfällen in Großbritannien im letzten Jahr“ zu erklären. Auch die Tatsache, dass 64 Prozent der Polen, 62 Prozent der Spanier, 50 Prozent der Belgier, 49 Prozent der Deutschen, 49 Prozent der Österreicher und 39 Prozent der Russen glauben, diese Aussage sei „wahrscheinlich richtig“, spricht Bände.

Es ist leichter zu verstehen, dass Juden bei öffentlichen Feiern weithin entmenschlicht werden, wenn wir verstehen, wie weit verbreitet der Virus Antisemitismus in Europa ist. Dieses Wissen informiert europäische Juden in ihrer Entscheidung darüber, wie offen jüdisch sie in ihrem Alltagsleben sein können – für die, die sichtbar jüdisch sind – und ob sie es als sicher erachten, in ihren Heimatländern zu bleiben.

Diejenigen, die Antisemitismus bekämpfen wollen, bietet dies ein Fenster in die immensen Herausforderungen, die vor uns liegen. Die europäischen Wurzeln des Antisemitismus sind Jahrhunderte alt, daher müsste jede Lehrplan-Komponente lange vor dem Holocaust beginnen.

Ebenfalls wert darüber nachzudenken ist der mikroskopische Anteil der Befragten, die wirklich mit Juden vertraut sind. Dass nur 2 Prozent der polnischen Befragten berichteten „sehr oft“ Umgang mit Juden zu haben, während dasselbe für 4 Prozent der Befragten in Belgien und 1 Prozent in Spanien gilt, ist aufschlussreich. Menschen zu dämonisieren, die man nur als bedrohlich kennt, ist einfach. Es ist also theoretisch möglich, dass Diplomatie von Angesicht zu Angesicht, besonders wenn es in frühem Alter beginnt, helfen könnte einige dieser verschwörerischen Überzeugungen umzukehren.

Grundsätzlich ist das aber kein Problem, das die europäischen Juden in Ordnung bringen müssen. Wenn sich die Dinge ändern, dann weil Europas nichtjüdische Mehrheit beschließt, dass es an der Zeit ist die kollektive Zukunft ihrer Nationen glänzender werden zu lassen als ihre Vergangenheit.

Aalst (Belgien) 2020

zusammengestellt aus twitter – aber wehe, du nennst sie Antisemiten:

Letztes Jahr wurde erstmals auf die antisemitischen Umzugsaspekte aufmerksam gemacht. Sie haben aber nichts lernen wollen, ganz im Gegenteil: Nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wurde dieses Jahr noch kräftig nachgelegt.

Der Platz Corbyns in der Geschichte des Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Im August 2015 war Jeremy Corbyn nur ein Kandidat für den Vorsitz der Labour Party. Der Guardian veröffentlichte damals bereits, dass Corbyn die extrem terroristischen und völkermörderisch antisemitischen Organisationen Hamas und Hisbollah im Unterhaus willkommen geheißen hatte.[1] Als Corbyn im September zum Vorsitzenden gewählt wurde, hatte er nicht das Gefühl, er müsse sich dafür entschuldigen, dass er freundschaftlich mit Leuten verkehrte, die Massenmord an Juden begehen wollen.

Weder revoltierten Parlamentsabgeordnete der Labour Party noch protestierten sie, dass ihre Partei eine des Mainstreams ist, die keinen Parteichef haben kann, der Terroristen, die Juden ermorden wollen, seine „Brüder“ und „Freunde“ nennt. Mit einem solchen Mann an der Spitze wurde Labour fast per Definition zu einer institutionell antisemitischen Partei. Sie war bereits befleckt, da sie unter früheren Parteichefs Corbyn trotz seiner Verbindungen zu Terroristen, einschließlich der irischen IRA, nicht hinausgeworfen hatte. Das war ein typisches Beispiel eines radikal falschen Big Tent-Ansatzes, bei dem völlig inakzeptable Leute in der Partei verbleiben.

Die Geschichte progressiver Perversität reicht Jahrhunderte zurück. Unter Corbyns Führung sollte Labour einen wichtigen Teil ihres großen aktuellen Kapitels schreiben.

Im Mai 2016 forderte Premierminister David Cameron Corbyn während der Fragezeit an den Premierminister viermal auf seine freundschaftlichen Bemerkungen über Hamas und Hisbollah zurückzuziehen. Cameron sagte: „Diese Organisationen glauben in ihren Satzungen an die Verfolgung und Tötung der Juden, es sind antisemitische Organisationen, es sind rassistische Organisationen. Er muss aufstehen und sagen, dass sie nicht seine Freunde sind.“ Corbyn ging einer direkten Entschuldigung für seine proterroristischen Äußerungen aus dem Weg.[2]

Im März 2019 veröffentlichte der Wissenschaftler Alan Johnson, ein Labour-Mitglied, einen 135 Seiten starken Bericht, der die Arten im Einzelnen aufführt, auf die die Partei institutionell antisemitisch ist. Er teilte den Antisemitismus in der Labour Party in drei Kategorien ein: den Sozialismus der Dummen, den klassischen Rassen-Antisemitismus und Antisemitismus als Antizionismus.[3] Im Dezember 2019 veröffentlichte die Daily Mail einen Artikel zu Corbyns fünfzig berüchtigten Augenblicken der Schande. Er listete hauptsächlich seine zahlreichen Verbindungen zu Terroristen auf.[4] Ein paar Wochen später äußerte sich der Labour-Vorsitzende gegen die USA – und damit wieder zugunsten eines Terroristen; er sagte: „Die Ermordung des iranischen Generals Qasem Soleimani durch die USA ist eine extrem ernste und gefährliche Eskalation des Konflikts im Nahen Osten; sie ist von globaler Bedeutung.“[5]

Auch wenn Corbyn formell erst zurücktreten wird, wenn im April ein neuer Labour-Vorsitzender gewählt sein wird, kann man bereits jetzt seinen wichtigen Platz in der zeitgenössischen Geschichte des Antisemitismus bewerten. Es ist aber bei weitem nicht leicht das zu definieren. Ein Vergleich mit dem führenden Antisemiten in den Vereinigten Staaten, Louis Farrakhan, dem Führer der Nation of Islam, macht das deutlicher. Farrakhan bringt oft Hass gegenüber Juden zum Ausdruck und seine rhetorischen Antisemitismus-Bekundungen richten sich gegen jüdische Einzelpersonen. Er wiederholte Nazisprache, als er das Wort „Termiten“ zur Beschreibung von Juden verwendete. Farrakhan hat gesagt: „Satanische Juden haben die modernen Welt mit Gift und Betrug infiziert.“ Er bezeichnete Juden als „Giftmischer und das absolut Böse“.[6] Man muss nur diese Äußerungen neben die geläufigste Antisemitismus-Definition zu stellen – die der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) – um zu begreifen, dass Farrakhan ein Antisemit ist. Dasselbe kann man mit britischen Politikern tun, die (Teilzeit-) Antisemiten sind, z.B. George Galloway[7] und Lady Tonge.[8]

Das mit Äußerungen und Taten von Corbyn zu tun bringt uns nicht sonderlich weit. Sein Antisemitismus unterscheidet sich stark davon, ist jedoch angesichts der von ihm vertretenen Positionen weit wichtiger als Farrakhans. Dass zwei arabische Bewegungen, die darauf aus sind Völkermord an Juden zu begehen, seine „Brüder“ und „Freunde“ zu nennen enorm antisemitisch ist, benötigt wenig Erklärung. Doch keine der Definitionen von Antisemitismus beinhaltet ausdrücklich solch extreme Fälle.

Als er Labour-Vorsitzender wurde, ernannte Corbyn fast sofort den Hamas-Anhänger Seumas Milne zum verantwortlichen Direktor für Strategie und Kommunikation.[9] Seine Führung führte rasch zu einer Explosion antisemitischer Äußerungen seitens allerlei gewählter Vertreter der Partei. Corbyn verurteilte symbolisch den Antisemitismus, jedoch leistete die Partei enorm wenig im Umgang mit den Beschwerden dazu. Aus einer Panorama-Sendung der BBC erfuhr man, dass er und sein unmittelbaren Mitarbeiter sogar Leute beschützten, die sich antisemitisch geäußert hatten.

Um Corbyns gewaltigen Beitrag zur zeitgenössischen Geschichte des Antisemitismus zu verstehen, muss man ein Grundthema der gegenwärtigen Zeit verstehen, die als „Postmoderne“ bekannt ist. Darin sind viele Themen in eine Vielzahl winziger Stücke fragmentiert. Genauso der Antisemitismus. Um Corbyns Antisemitismus zu definieren, kann man am besten sagen, dass er ein wichtiger postmoderner Antisemit ist, der sich über viele diverse Taten und Äußerungen ausdrückt. Antisemitismusforscher werden sich mit diesem neuen Konzept vertraut machen müssen, da es wiederkehrend ist.

Corbyns indirekter antisemitischer Einfluss ist weit größer als es von dem oben Beschriebenen erscheint. Zoe Strimpel, eine jüdische Kolumnistin des Jewish Telegraph, schrieb vor kurzem über die britischen Intellektuellenklasse: „Kein jüdischer Mensch, der eine Dinnerparty besucht, kann heute umhin festzustellen, dass bei elitären Zusammenkünften in Großbritannien und den USA dreisten Antisemitismus als eine Form politischer Moral zu verschleiern akzeptabel und leicht geworden ist.“[10] Jeremy Corbyn befindet sich indirekt zu einem großen Maß am Ursprungsort dieser katastrophalen Entwicklung im Vereinten Königreich.

[1] www.theguardian.com/commentisfree/2015/aug/13/jeremy-corbyn-labour-leadership-foreign-policy-antisemitism

[2] www.theguardian.com/politics/2016/may/04/cameron-challenges-corbyn-links-antisemitic-extremists

[3] Alan Johnson: Institutionally Antisemitic: Contemporary Left Antisemitism and the Crisis in the British Labour Party. 2019

[4] www.dailymail.co.uk/news/article-7783193/Fifty-infamous-moments-shame-Jeremy-Corbyn.html

[5] https://labour.org.uk/press/assassination-qasem-soleimani-jeremy-corbyn-responds/

[6] https://besacenter.org/perspectives-papers/louis-farrakhan/

[7] www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19460

[8] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19290

[9] http://www.theguardian.com/politics/2015/oct/24/jeremy-corbyn-criticised-labour-press-chief-seumas-milne

[10] https://www.telegraph.co.uk/women/life/dinner-party-anti-semitism-now-unabashed-getting-louder/

Eine notwendige, äußerst wichtige Botschaft an das Holocaust Forum

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Dutzende Staatsoberhäupter werden nach Jerusalem kommen, um am Fünften Holocaust-Forum teilzunehmen. Diese Veranstaltung wird am 23. Januar in Yad Vashem beginnen und unter der Schirmherrschaft des israelischen Präsidenten Reuven Rivlin stattfinden. Die Zusammenkunft ist eine einzigartige Gelegenheit einem Top-Publikum öffentlich eine entscheidende Botschaft im Kampf gegen Antisemitismus zu vermitteln. Die israelische Regierung und jüdische Institutionen haben es Jahrzehnte lang versäumt die Botschaft öffentlich zu weiterzugeben, dass Antisemitismus mehr als tausend Jahre lang ein integraler Bestandteil westlicher Kultur gewesen ist. Diese Tatsache ist unentbehrlich für das Verständnis und die Bekämpfung von zeitgenössischem Antisemitismus und muss daher kontinuierlich wiederholt werden.

Vor mehr als einem Jahrtausend haben mächtige Organisationen – hauptsächlich, aber nicht ausschließlich im Westen – die Idee propagiert, dass Juden absolut böse sind. Die römisch-katholische Kirche war die Originalquelle dieser hasserfüllten Idee. Ihr folgten später verschiedene andere christliche Denominationen. Juden in allen Generationen wurden beschuldigt den mutmaßlichen Sohn Gottes, Jesus, getötet zu haben; ihnen wurde die Verantwortung für seinen Tod vorgeworfen.

Christliche Theologen stereotypisierten die Juden. Statt den Fehler bei einzelnen Individuen in einer lange zurückliegenden Vergangenheit zu suchen, machten sie alle Juden jeder Generation für ein Verbrechen verantwortlich, das ihre Ahnen nicht begangen hatten. Damit lieferten sie einen riesigen Beitrag zu dem, was heute allgemein Rassismus genannt wird. Menschen zu stereotypisieren ist ein Kernelement dieses Übels. Als Christen Juden brutal behandelten, entwickelten sie die boshafte Behauptung, das daraus resultierende Leiden der Juden sei göttliche Strafe dafür, dass sie Jesus nicht anerkennen.

Unter den protestantischen Reformern sticht Martin Luther in seinen späten Jahren als fanatischer Antisemit heraus. Er schrieb, dass Juden in Ställen gehalten werden sollten, ihre Bücher sollten ihnen weggenommen werden und wenn Rabbiner predigten, dass sollten sie getötet werden. Luther empfahl auch, dass Synagogen zur Ehre Gottes und der Christenheit niedergebrannt werden sollten.[1] Heutzutage gehört der Ökumenische Rat der Kirchen („Weltkirchenrat“) zu den großen christlichen Hass Schürenden gegen Israel.[2]

Auf der Jahrhunderte alten Infrastruktur des christlichen Antisemitismus entwickelte sich ein zweiter Typ des Antisemitismus: der ethnische/nationalistische Antisemitismus. Ohne die christliche Hass-Grundlage hätten viele in den europäischen Gesellschaften vermutlich weniger bereitwillig mit den deutschen Mördern bei der Verfolgung der Juden kooperiert.

Die Anti-Defamation League hat mehrere Studien zu einer Reihe von europäischen Ländern sowie den Vereinigten Staaten und Argentinien veröffentlicht. Die Umfragen stellten fest, dass selbst heute noch 26% der Christen an die Falschmeldung glauben, dass die Juden für den Tod Jesu verantwortlich sind.[3]

Mit der Entwicklung der westlichen Kultur mutierte auch der Antisemitismus. Anti-Israelismus hat dieselben Kernmotive wie die beiden früheren Typen des „klassischen“ Antisemitismus. Im christlichen Antisemitismus waren die Juden aufgrund der falschen Anschuldigung, sie hätten Jesus getötet, das absolut Böse. In der nachfolgenden Nazi-Ideologie waren die Juden das absolut Böse, weil sie fälschlich als untermenschlich, mit Defekten geboren, Insekten, Ungeziefer oder Bakterien angesehen wurden.

In der zeitgenössischen Gesellschaft stellt sich das absolut Böse als sich wie Nazis zu verhalten und Völkermord zu planen dar. Aus verschiedenen Studien wissen wir, dass eine große Minderheit der Bevölkerung Europas fälschlicherweise glaubt, Israel habe vor Völkermord an den Palästinensern zu begehen; alternativ wird geglaubt, es verhalte sich den Palästinensern gegenüber wie die Nazis es den Juden gegenüber machten.[4]

Es gibt viele Belege der fortbestehenden Verflechtung von Antisemitismus und westlicher Kultur. Rothschild, die Juden und Geld sind immer wiederkehrende, von Antisemiten verwendete Verknüpfungen. Lange davor hatte die Kirche bereits Judas Ischariot vorgeworfen Jesus für Geld verkauft zu haben. Shylock taucht immer noch in der westlichen Gesellschaft als der Inbegriff des Wucherers auf. Trotz des extremen Bösen des Nationalsozialismus wurde der Nazi-Denker Martin Heidegger zum führenden Philosophen des Nachkriegs-Europa.[5]

Es gibt viele weitere Belege, dass dieser Antisemitismus mit der westlichen Kultur verflochten ist. In der Postmoderne entwickeln viele wichtige neue intellektuelle oder ideologische Strömungen früher oder später antisemitische Ausdrucksformen. Die Menschenrechtsbewegung ist vollgestopft mit antiisraelischen NGOs. Ihr höchstes Organ, der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UNHRC), ist ein moralisch korruptes Gremium, das von antiisraelischen Hass Schürenden durchsetzt ist.

Es gibt eine Vielzahl anderer Beispiele zeitgenössischer ideologischer Bewegungen, in denen Antisemitismus aufgekommen ist. Ein paar Beispiele: Der Feminismus ist eine offensichtliche.[6] Ebenso Teile der LGBT-Bewegung. Einige Leute in dieser Bewegung beschuldigen Israel des „Pinkwashing“. Diese Idee behauptet, dass Israel der Schwulengemeinschaft gleiche Rechte einräumt, sei ein Mittel die Aufmerksamkeit von seiner angeblichen Diskriminierung der Palästinenser abzulenken.[7] Die Intersektionalitätsbewegung zielt oft auf die Solidarität aller Opfer mit Ausnahme der Juden.

In der akademischen Welt bezeichnen Verfechter des Postkolonialismus Israel manchmal als „Kolonialmacht“.[8] Der Begriff ist eine gewaltige Entstellung. Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern enthält keine Ähnlichkeit zu den massiven Verbrechen der belgischen, britischen, niederländischen, französischen, deutschen, portugiesischen und spanischen Kolonisatoren an den eroberten Völkern im Verlauf der Jahrhunderte. Diese Länder unterwarfen Völker, um Geld zu machen. Juden machten das Gegenteil. Sie investierten große Mühen und beträchtliche Geldsummen in die Wiederbelebung ihres angestammten Landes, um es aus langjähriger Verwahrlosung zu holen.

Das bevorstehende Holocaust-Forum ist eine einzigartige Gelegenheit für die Organisatoren die obigen Botschaften öffentlich zu präsentieren. Es ist eine Schande, dass so viele jüdische Organisationen es versäumt haben die fortgesetzte Verflechtung von Juden hassendem Antisemitismus mit westlicher Kultur hervorzuheben und was das dafür bedeutet den zeitgenössischen Antisemitismus zu verstehen und zu bekämpfen.

[1] https://jcpa.org/article/historical-roots-anti-israel-positions-liberal-protestant-churches-2/

[2] www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/11053; https://jerusalemjournal.net/news-and-views/fools-on-the-ground-the-world-council-of-churches-in-israel-and-its-eappi-by-dexter-van-zile

[3] www.adl.org/news/press-releases/adl-poll-anti-semitic-attitudes-in-america-decline-3-percent

[4] Zum Beispiel: library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[5] https://www.newyorker.com/culture/richard-brody/why-does-it-matter-if-heidegger-was-anti-semitic

[6] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/18876

[7] http://www.jpost.com/Israel-News/Ilhan-Omar-Rashida-Tlaib-respond-to-Palestinian-LGBTQ-ban-on-Twitter-599139

[8] https://spme.org/spme-research/analysis/philip-carl-salzman-reflections-on-postcolonial-theory-and-the-arab-israel-conflict/4259/

Wie der Labour-Antisemitismus das britische Judentum veränderte

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Mit fast 60% der Stimmen wurde Jeremy Corbyn im September 2015 zum Vorsitzenden der Labour Party gewählt.[1] Seitdem haben die von einer Reihe der gewählten Repräsentanten der Partei berichteten antisemitischen Ausfälle die öffentliche Einstellung vieler britischer Juden und ihrer Führungspersönlichkeiten enorm verändert.

Corbyn ist ein linksextremer Sympathisant der völkermörderisch-antisemitischen Terrororganisationen Hamas und Hisbollah. Viele in der Labour Party betrachten ihn als weithin verantwortlich für die schwere Niederlage bei den Parlamentswahlen vom 12. Dezember. Corbyn hat angekündigt, dass er in naher Zukunft als Parteivorsitzender zurücktreten wird. Dies ist eine passende Gelegenheit die wichtigen Veränderungen in den Einstellungen der Juden während der letzten vier Jahre zu bewerten. Traditionell pflegen die Leiter des britischen Judentums ein eher zurückhaltendes Profil. Das machte Sinn, denn die Juden stellen nur etwa 0,4% der Bevölkerung des Landes. Bei Fragen des Gemeinschaftsinteresses kontaktierten Leiter die Obrigkeit direkt um ihre Unterstützung zu erhalten.

Nach Angaben früherer Labour-Amtsträger, die die Beschwerden in der Partei bearbeiteten, war Antisemitismus vor Corbyns Parteivorsitz selten, wenn überhaupt ein Thema.[2] Später stellten Recherchen allerdings fest, dass es unter Corbyns Vorgänger Ed Miliband einige extrem antisemitische Aussprüche gegeben hatte. Diese kamen hauptsächlich von muslimischen Funktionären.[3]

Die ersten Anzeigen zu Labour-Antisemitismus nach Corbyns Wahl betrafen Anfang 2016 eine kleine Gruppierung – den Oxford’s University Labour Club (OULC)[4][5] Es wurden nur Schlüsselfolgerungen der Ermittlung dieser Gruppe durch die nicht jüdische Labour-Peer Baroness Royall veröffentlicht.[6][7][8] Den anfangs vertuschten vollständigen Bericht, ließ jemand ein paar Monate später durchsickern, vermutlich Baroness Royall.[9]

Dann tauchten weitere Informationen zu Antisemitismus in der Labour Party auf. Daraufhin beauftragte Corbyn die nichtjüdische Menschenrechtsexpertin Shami Chakrabarti damit, das zu untersuchen.[10] Ihr am 30. Juni 2016 veröffentlichter Bericht war schlecht zusammengestellt. Sie zeigte zudem große Ignoranz gegenüber dem Wesen des Antisemitismus.[11] Kurz darauf wurde sie auf Corbyns Empfehlung hin zur Baroness Chakarabarti erhoben.[12] Es bleibt unklar, wann ihr der Adelstand versprochen wurde.

Die Reaktion des Board of Deputies of British Jews – den offiziellen Repräsentanten der Gemeinschaft – auf den stümperhaften Bericht war dürftig.[13] Doch bereits im Mai 2016 sagte Oberrabbiner Ephraim Mirvis, dass die Krise um Labour „den Deckel von der Borniertheit gelüftet“ habe.[14] Nach Corbyns Pressekonferenz zum Bericht von Chakrabarti am 1. Juli sagte Mirvis, dass der Vorsitzende „bei der jüdischen Gemeinschaft große Sorger statt der Wiederherstellung des Vertrauens“ verursacht hatte.[15] Der ehemalige Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks bezeichnete Corbyns Worte dort als „Entmenschlichung höchsten Grades, ein Skandal und inakzeptabel.“[16]

Viele der frühen heftigsten Attacken auf den Labour-Antisemitismus kamen von Einzelpersonen. David Collier schrieb, es sei klar gewesen, dass Corbyns Problem mit Antisemitismus „weit tiefer geht als zu ein paar Stadträten und Parlamentariern“.[17] Eine weitere Person, die sich gegen Corbyn aussprach, war David Hirsch.[18] Im September 2016 reichte die kleine Organisation Campaign Against Antisemitism (CAA) eine formelle Beschwerde gegen Corbyn ein. Sie beschuldigte ihn und seine Verbündeten schon lange Verbindung zu Antisemiten zu haben.[19]

Einige jüdische Labour-Parlamentarier begannen zudem allmählich den Antisemitismus der Partei offenzulegen. MP Ruth Smeeth verließ Corbyns Pressekonferenz zum Chakrabarti-Bericht, nachdem sie von einem Reporter beleidigt worden war.[20] Smeeth behauptete, dass Corbyn es verfehlte zu intervenieren, als in seiner Gegenwart antisemitische Beleidigungen gegen sie gerichtet wurden.

Die Jewish Labour Movement (JLM) wurde 1901 gegründet. Sie ist seit über 100 Jahren mit der Labour Party verbunden. Ursprünglich, als der Antisemitismus der Partei ans Licht kam, versuchte die Bewegung sich durchzuwursteln. In späteren Jahren wurde sie zu einer beharrlichen Anti-Corbyn-Kraft.

Im Verlauf der Jahre gingen der Partei viele traditionellen jüdischen Labour-Wähler von der Stange. Im April 2019 stellte eine Umfrage der jüdischen Intereswenvertretung Jewish Leadership Council fest, dass 87% der britischen Juden Corbyn für antisemitisch hielten. Ziemlich plötzlich begannen in den letzten Jahren viele britische Juden über mögliche Auswanderung zu reden, sollte Corbyn zum Premierminister gewählt werden. Die Umfrage berichtete deren Zahl als 47%. Selbst wenn man Zweifel hat, wie viele Juden das Königreich im Fall eines Labour-Sieges tatsächlich verlassen würden, war es eine radikale Entwicklung, dass davon geredet wurde.[21]

Ein Treffen von Leitern des Board of Deputies und des Jewish Leadership Council mit Corbyn im April 2018 kam zu dem Schluss, dass Corbyns Vorschläge „nicht einmal minimales Handlungsniveau erfüllten“.[22] Ein paar Wochen zuvor schrieben die beiden jüdischen Organisationen in einem offenen Brief: „Wieder und wieder hat sich Jeremy Corbyn auf die Seite von Antisemiten statt die der Juden gestellt.“ Am 26. März organisierte das Board of Deputies eine Demonstration vor dem Parlament in London.[23]

Im Juli 2018 unternahmen der Jewish Chronicle, die Jewish News und der Jewish Telegraph, die allesamt miteinander rivalisieren, den nie da gewesenen Schritt dieselbe Titelseite zu veröffentlichen. Sie erklärten, dass dieser Schritt von der „existenziellen Bedrohung jüdischen Lebens in diesem Land motiviert war, die eine von Jeremy Corbyn geführte Regierung darstellen würde“.[24]

Den höchsten Preis für jüdische Opposition gegen Corbyn wurde von mehreren jüdischen Abgeordneten gezahlt: Ruth Smeeth wurde bei den letzten Parlamentswahlen nicht wiedergewählt. Bereits beim jährlichen Labour-Parteitag im September 2016 musste sie mit Leibwächtern kommen, nachdem sie 25.000 Schmäh-Botschaften erhalten hatte.[25] MP Luciana Berger erhielt bis April 2016 tausende Hass-Mails, von denen einige ihr mit Vergewaltigung und Mord drohten.[26] Später verließ sie Labour und wurde danach als liberaldemokratische Kandidatin geschlagen. Eine dritte jüdische MP, Louisa Ellman, verließ die Partei im Oktober 2019.[27] Die einzige verbliebene jüdische Labour-Abgeordnete ist Dame Margaret Hodge. 2018 bezeichnete sie Corbyn in der Lobby des Parlaments als Rassisten und Antisemiten.[28]

Corbyn wird bald zurücktreten. Oberrabbiner Mirvis hat erklärt, dass Antisemitismus nicht weggehen wird.[29] In dem abgelaufenen Prozess haben die öffentlichen Einstellungen des britischen Judentums sich stark verändert. Der Geist, der aus der Flasche heraus ist, kann nicht wieder hineingestopft werden.

[1] www.theguardian.com/politics/2015/sep/12/jeremy-corbyn-wins-labour-party-leadership-election

[2] https://jewishnews.timesofisrael.com/labour-antisemitism-whistleblowers-reveal-spike-in-cases-after-corbyn-election/

[3] www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/18841

[4] http://cherwell.org/2016/02/15/oulc-cochair-resigns-citing-antisemitism-within-club/

[5] www.independent.co.uk/student/news/oxford-university-labour-club-anti-semitism-report-baroness-royall-jewish-students-a7170446.html

[6] www.thejc.com/news/uk-news/baroness-royall-report-reveals-oxford-labour-students-engaged-in-antisemitism-1.61720

[7] https://jewishnews.timesofisrael.com/labour-accused-of-cover-up-over-suppressed-royall-inquiry/

[8] www.thejc.com/news/uk-news/labour-nec-bans-publication-of-royall-report-into-oxford-university-labour-club-antisemitism-1.57112

[9] www.thejc.com/news/uk-news/baroness-royall-report-reveals-oxford-labour-students-engaged-in-antisemitism-1.61720

[10] www.theguardian.com/politics/2016/apr/29/jeremy-corbyn-sets-up-inquiry-into-labour-antisemitism-claims

[11] www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19312

[12] www.theguardian.com/uk-news/2016/aug/04/shami-chakrabarti-peerage-labour-tensions-corbyn

[13] www.bod.org.uk/jonathan-arkush-reacts-to-report-by-shami-chakrabarti-inquiry-on-antisemitism/

[14] www.theguardian.com/world/2016/may/04/chief-rabbi-labour-has-severe-problem-with-antisemitism

[15] www.bbc.com/news/uk-politics-36676018

[16] ebenda

[17] http://david-collier.com/antisemitism-root-labour-party/ from 10 May 2016

[18] www.thejc.com/comment/comment/the-chakrabarti-report-failed-again-and-again-1.60223

[19] www.independent.co.uk/news/uk/politics/jeremy-corbyn-anti-semitism-complaint-a7326551.html

[20] /www.dailymail.co.uk/video/news/video-1303488/MP-Ruth-Smeeth-walks-party-s-anti-Semitism-event.html

[21] http://www.israelhayom.com/2019/11/04/almost-50-of-jews-in-uk-say-will-leave-if-labours-corbyn-wins-general-elections/

[22] timesofisrael.com/uk-jewish-leaders-corbyn-meeting-was-a-disappointing-missed-opportunity/

[23] www.reuters.com/article/us-britain-labour-antisemitism/british-jews-protest-against-labours-corbyn-over-anti-semitism-idUSKBN1H21H1

[24] www.thejc.com/comment/leaders/three-jewish-papers-take-the-unprecedented-step-of-publishing-the-same-page-on-labour-antisemitism-1.467641

[225] http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/labour-membership-new-rules-abuse-online-jeremy-corbyn-trolling-a7319906.html

[26] www.timesofisrael.com/jewish-labour-mp-posts-anti-semitic-abuse-she-received-online/

[27] www.theguardian.com/politics/2019/oct/16/louise-ellman-quits-labour-party-over-antisemitism

[28] www.timesofisrael.com/jewish-labour-mp-who-called-corbyn-an-anti-semite-wins-contest-to-run-again/

[29] www.timesofisrael.com/uk-chief-rabbi-election-is-over-but-concerns-over-anti-semitism-racism-remain/