Der weit verbreitete Missbrauch des Gedenkens an Anne Frank

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Anne Frank ist vermutlich zur bekanntesten während der Schoah ermordeten jüdischen Person geworden. Die Erinnerung an sie ist zudem eine der am meisten missbrauchte. Diese Misshandlung hat eine lange Geschichte. Es tauchen immer wieder neue Beispiele dafür auf. Eins von vielen: Im Januar 2018 wurde gegen den italienischen Erstliga-Club Lazio Rom eine Geldstrafe von 50.000 Euro verhängt, nachdem Anhänger vor einem Spiel im Oktober 2017 antisemitische Anne Frank-Aufkleber zeigten.[1]

In den späten 1980-er Jahren erlaubte der damalige Leiter des Anne Frank-Hauses in Amsterdam dem niederländischen Filmemacher Willy Lindwer nicht seinen Film Die letzten sieben Monate der Anne Frank in ihrem Haus zu drehen. Die Dokumentation behandelte ihr Leiden in den Konzentrationslagern und ihren Tod in Bergen-Belsen. Lindwer erzählt, dass der Direktor ihm sagte: „Anne Frank ist ein Symbol. Symbole sollten nicht in einem Konzentrationslager sterbend gezeigt werden.“[2]

Das Anne Frank-Haus in Amsterdam hat vor Jahrzehnten bei vielen Gelegenheiten ihren Namen für politische Zwecke verwendet, die nichts mit der Ehrung ihres Andenkens zu tun hatten. Die niederländische Journalistin Elma Verhey kommentierte die Rolle der Anne Frank-Stiftung 1995 so: „Nicht alle Niederländer finden es passend, dass das Anne Frank-Haus sich in eine der wichtigsten Touristenattraktionen Amsterdams entwickelt hat. Viele niederländische Juden meiden das Anne Frank-Haus wegen einiger der durch ihr Tagebuch geschaffenen Mythen. Darüber hinaus hat es Bedenken gegeben, dass die Stiftung in der Vergangenheit einer Handvoll Neonazis in Deutschland und dem Leid der Palästinenser mehr Aufmerksamkeit gewidmet hat als dem staatlich gesponserten Antisemitismus der ehemaligen Sowjetunion.[3]

Aus den Niederlanden sind auch andere Entstellungen der Erinnerung an Anne Frank gekommen. Im Februar 2007 tauchten in Amsterdam Graffiti auf, die Anne Frank mit einer Keffiye zeigten.[4] 2008 wurde aus demselben Bild eine kommerzielle Postkarte gemacht,[5] trotz der Tatsache, dass die Mehrheitspartei bei den einzigen palästinensischen Parlamentswahlen 2006 die Hamas war, die den Völkermord an den Juden anstrebt. 2006 postete eine belgisch-niederländische Muslimgruppe eine Karikatur von Anne Frank im Bett mit Hitler.[6]

Das Motiv der palästinensischen Anne Frank kehrt regelmäßig wieder. Vor kurzem erschien es auf Postern und Flugblättern an der Wits-Universität in Johannesburg. Es wurde während der Israel Apartheid Week von der Palästinensischen Solidaritätskampagne propagiert.[7] 2017 verglich ein freier Reiseführer am Anne Frank-Zentrum in Berlin das Leiden der Juden unter den Nazis mit dem der Palästinenser unter israelischer Kontrolle. Das Zentrum distanzierte sich von dieser Äußerung.[8]

In den Niederlanden wird ein neues Theaterstück von Ilja Pfeiffer über Anne Frank aufgeführt. Das Stück macht, völlig unhistorisch, aus einer der Personen, die sich mit ihr versteckten – Fritz Pfeffer –in einen Gewalttäter.[9] Er wurde in der Schoah ermordet. Das Stück, in dem die Erinnerung an ein Holocaustoper besudelt wird, ist ein weiteres Beispiel der partiellen Zersetzung der niederländischen Gesellschaft, deren Regierung nicht zugeben wird wie massiv ihre Vorgänger im Exil im Zweiten Weltkrieg sich überhaupt nicht für das Schicksal der verfolgten Juden interessierte.

Die „palästinensische“ Anne Frank ist eine Umkehrung des Holocaust. Eine weitere Verzerrung des Holocaust besteht in seiner Entjudaisierung.[10] 1952 wurde eine englische Übersetzung des Tagebuchs für den amerikanischen Markt veröffentlicht. Ihr Titel lautete: Anne Frank: The Diary of a Youg Girl.[11] David Barnouw, früher Forscher am Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD)[12], schrieb, dass Eleanor Roosevelt, die Witwe des Kriegspräsidenten Franklin Delano Roosevelt das Vorwort schreib. In diesem Text wurden die Begriffe „Jude“ oder „Verfolgung“ von Juden nicht ein einziges Mal verwendet.[13]

Frances Goodrich und Albert Hackett schrieben ein Theaterstück auf der Grundlage des Tagebuchs, das 1955 in New York uraufgeführt wurde. Barnouw schreibt: „Natürlich kann die Adaption eines Buchs oder in diesem Fall eines Tagebuchs [um ein Bühnen Stück daraus zu machen] nicht komplett dem Original entsprechen. Aber die Tatsache, dass es da einen Hitler und den Nationalsozialismus gab, ist in den Hintergrund gedrängt worden.“[14] Ein früher geschriebenes Stück von Meyer Levin hatte mehr jüdischen Inhalt, wurde aber von vielen Produzenten abgelehnt.[15]

Der Historiker Tim Cole stellt fest: „Die zeitgenössische Übung der Toleranz fordert, dass Annes Worte neu geschrieben werden, um Mitglieder ‚dieser oder jener Minderheit‘ einzuschließen und schon macht das die historische Realität zur Farce.“ Er fügt an: „Angesichts dieses mythischen Status riskiert der Holocaust zu einer beliebten Vergangenheit zu werden, die dazu genutzt wird allen möglichen gegenwärtigen Bedürfnissen zu dienen. Insbesondere tendieren die Bedürfnisse des heutigen linken Trends dazu eine machtvolle Geschichte der Vergangenheit zu kapern und sie zu universalisieren, um eine Reihe neuer universaler Lektionen anzufertigen.“ Cole schließt: „Wenn es eine Lektion gibt, die aus dem Holocaust gezogen werden kann, dann ist es genau die, dass der Optimismus der Anne Frank bedauerlich deplatziert war.“[16]

Steven Goldstein, Direktor einer kleinen amerikanischen Organisation, die sich Anne Frank Center for Mutual Respect[17] nennt, greift Donald Trump an.[18] Er hat ein Recht auf seine Meinung. Dies aber für ein nach Anne Frank benanntes Zentrum zu tun ist Missbrauch der Erinnerung an eine verstorbene Person, die sich nicht mehr wehren kann.

In Sachen Instrumentalisierung des Tagebuchs als Mittel für „unversalistische“ Ideale, sollte auch die Rolle von Annes Vater Otto Frank erwähnt werden. Verhey beschreibt sie ausführlich. Sie schrieb zudem, dass Annes Vater nichts tat, um den Mythos zu zerstreuen, dass Anne Frank „still in der Vorstellung starb, dass ihr nichts Ernstes geschehen würde“.[19]

Das oben Beschriebene ist nur eine kleine Auswahl aus einem riesigen Verfälschungskomplex zu einer jungen jüdischen Frau, die in der Schoah ermordet wurde. Leider kann man fast sicher sein, dass dieser Artikel, wenn er vielleicht in einem Jahr auf den neuesten Stand gebracht wird, eine Reihe neuer Beispiele des Missbrauchs der Erinnerung an Anne Frank beinhalten wird.

[1] http://www.bbc.com/sport/football/42816855

[2] Persönliches Gespräch mit Willy Lindwer. (vgl. http://jcpa.org/article/symbolic-and-other-roles-of-jews-in-dutch-society/)

[3] Elma Verhey: Anne Frank and the Dutch Myth. In: Alex Brobman/Joel S. Fishman: Anne Frank in Historical Perspective: A teaching Guide for Secondary Schools. Los Angeles (Martyrs Memorial and Museum of the Holocaust of the Jewish Federation of Greater Los Angeles) 1995, S. 23-24.

[4] www.cidi.nl/gezamenlijke-verklaring-van-cidi-en-boomerang-over-anne-frank-kaart/; http://www.historischnieuwsblad.nl/nl/nieuws/12850/historische-helden-op-een-shirt.html

[5] http://www.geschiedenis.nl/nieuws/artikel/2888/omstreden-anne-frank-kaart-blijft-in-roulatie

[6] http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3211339,00.html

[7] http://www.jpost.com/Diaspora/South-African-students-mark-Israel-Apartheid-week-with-Palestinian-Anne-Frank-545221

[8] www.timesofisrael.com/berlin-anne-frank-center-guide-says-holocaust-suffering-like-palestinian-strife/

[9] http://www.jta.org/2017/11/05/arts-entertainment/a-new-dutch-play-about-anne-frank-doesnt-mention-jews-nazis

[10] http://jcpa.org/book/the-abuse-of-holocaust-memory-distortions-and-responses/ (chapter 5: 79-89)

[11] Das Tagebuch eines jungen Mädchens

[12] Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation; heute: NIOD Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies (NIOD Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien)

[13] David Barnouw, Anne Frank: voor beginners en gevorderden (Den Haag: Sdu, 1998).

[14] NIOD, S. 30.

[15] Ebenda, S. 23-26.

[16] Tim Cole: Selling the Holocaust. New York (Routledge) 2000, S. 42.

[17] Anne Frank-Zentrum für gegenseiigen Respekt

[18] http://www.theatlantic.com/politics/archive/2017/04/anne-frank-center/524055/

[19] Gerrold van der Stroom (Hg.): De Vele Gezichten van Anne Frank, visies op een Fenomeen. Amsterdam (de Prom) 2003.

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Der weit verbreitete muslimische Antisemitismus in Frankreich

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In den meisten europäischen Ländern sind keine quantitativen Daten zu muslimischem Antisemitismus verfügbar. Dennoch ist bekannt, dass Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft hinter vielen der Aggressionen und extremen verbalen Angriffe auf und Beleidigungen von Juden stecken. In Frankreich ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine Reihe von Juden ermordet worden. Zudem hat es versuchte Pogrome gegeben.

Eine Studie von Fondapol aus dem Jahr 2014 mit dem Titel Antisemitismus in der französischen öffentlichen Meinung, die von Dominique Reynié erstellt wurde, bietet viele Einblicke in den Antisemitismus in Frankreich. Muslime sind ein Teil der Gesellschaft, auf den sich die Studie konzentiert.[1] Die Autoren haben außerdem die extreme Rechte und die extreme Linke untersucht. Diese benötigen jedoch eine eigene Analyse.

In der gesamten französischen Gesellschaft heben 25% der Bevölkerung antisemitische Vorurteile. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass solche Vorurteile gegen Juden bei Muslimen zwei- bis dreimal so verbreitet sind.[2] Die Autoren der Studie haben die muslimische Bevölkerung in drei Kategorien eingeteilt: praktizierende Muslime, die sowohl an den Islam glauben als ihn auch praktizieren; diejenigen, die nur glauben; und diejenigen, die muslimischer Herkunft sind.[3] Die Kategorie der Praktizierenden macht 42% der Muslime in Frankreich aus. Diejenigen, die glauben, stellen 34% und diejenigen, die muslimischer Herkunft sind, machen 21% aus. Weitere 3% definieren sich als nicht religiös.[4]

Die Fondapol-Forscher stellten sechs Fragen über Vorurteile gegenüber Juden: 1) Nutzen Juden den Zustand der Opfer des Nazi-Völkermords während des Zweiten Weltkriegs für ihre eigenen Zwecke? 2) Haben Juden in den Bereichen Wirtschaft und Finanzen zu viel Macht? 3) Haben Juden im Bereich der Medien zu viel Macht? 4) Üben Juden zu viel politische Macht aus? 5) Gibt es auf Weltebene eine zionistische Verschwörung? 6) Sind Juden für die derzeitigen wirtschaftlichen Krisen verantwortlich?[5]

Ein paar Beispiele der Ergebnisse der Studie werden den heftigen Antisemitismus bei Muslimen in Frankreich hervorheben. Neunzehn Prozent der französischen Gesamtbevölkerung sind der Meinung, dass Juden zu viel Macht in der Politik haben. Unter allen Muslimen liegt der Anteil bei 51%. Brechen wir diese Zahl aber gemäß der drei Kategorien herunter, so liegt die Zahl bei denen, die sich nur als von muslimischer Herkunft definieren, bei 37%. Bei denen, die an den Islam glauben beträgt sie 49% und bei den praktizierenden Muslimen 63%.[6]

Der Anteil der Muslime, die alle sechs Fragen zu antisemitischen Vorurteilen negativ beantworteten, ist gering. Nur 17% der Muslime antworteten auf alle Fragen mit „Nein“. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen praktizierenden Muslimen (13%) und denen, die nur glauben (14%). Für diejenigen muslimischer Herkunft liegt der Prozentsatz beträchtlich höher, doch sie befinden sich wiederum nur in einer Minderheit (27%).[7]

Eine Studie in Frankreich hat bereits 2005 gezeigt, dass antijüdische Vorurteile bei religiösen Muslimen besonders verbreitet waren. 46% hegten solche Gefühle; im Vergleich dazu waren es bei nicht praktizierenden Muslimen 30 Prozent. Es wurde festgestellt, dass nur 28 Prozent der religiösen Muslime in Frankreich als völlig frei von solchen Vorurteilen sind.[8] Obwohl die Studien in ihren Hauptergebnissen zu muslimischem Antisemitismus nicht vergleichbar sind, deuten sie in dieselbe Richtung.

Die hohen Anteile an Antisemitismus bei französischen Muslimen sollten nicht überraschen. Die große Mehrheit von ihnen sind Einwanderer aus nordafrikanischen Ländern oder Nachkommen solcher Immigranten. Die Bevölkerung dieser Länder gehört zu den antisemitischsten der Welt.[9][10][11]

Der französische Komödiant Dieudonné wird als einer der extremsten französischen Antisemiten betrachtet.[12] Viele französische Städte entschieden sich endlich seine Auftritte zu untersagen. Fünfzig Prozent der französischen Muslime finden, dass dieser Antisemit mit der Aussage recht hatte, dass der Zionismus eine internationale Organisation sei, die versucht die Welt und die Gesellschaft zum Nutzen der Juden zu beeinflussen. 64% der praktizierenden Muslime stimmen dem zu.[13]

Sechsundvierzig Prozent der Muslime glauben, dass der Zionismus eine rassistische Ideologie ist, während 23% der gesamten französischen Bevölkerung dem zustimmen. 66% der Muslime glauben, dass der Zionismus eine Ideologie ist, die Israel dazu dient eine Politik der Besatzung und Kolonisierung palästinensischer Territorien zu rechtfertigen. Alle oben angeführten Antworten klassifizieren die Juden als Kollektiv ein. Das ist typisch für antisemitisches Denken. In Wirklichkeit variieren bei Juden die Einstellungen zu vielen Themen und politischen Überzeugungen stark.

Zu Einstellungen gegenüber individuellen Juden sind Vorurteile von Muslimen ebenfalls stärker ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung. 33% der Muslime und 43% derer, die den Islam praktizieren, wollen keinen Juden als Präsidenten Frankreichs haben, gegenüber 21% aller französischen Bürger. 26% der Muslime und 33% der praktizierenden Muslime wollen nicht für einen jüdischen Bürgermeister stimmen, während es bei den Franzosen insgesamt 14% sind. 22% der Muslime und 30% der praktizierenden Muslime wollen keinen jüdischen Vorgesetzten; in der Gesamtbevölkerung sind es 10%. 18% der Muslime und 23% der Praktizierenden wollen keinen jüdischen Bankier, verglichen mit 10% der Gesamtbevölkerung.[14]

Zwölf Prozent der Franzosen sind nicht damit einverstanden, dass in Schulen der Holocaust gelehrt wird. 24% der Muslime und 28% der Praktizierenden sind gegen Holocaust-Bildung. 3% der französischen Bevölkerung leugnen zu einem gewissen Grad oder komplett den Holocaust. Bei Muslimen stimmen insgesamt 5% der falschen Behauptung zu, dass die Zahl der Opfer stark übertrieben wird. Bei den praktizierenden Muslimen beträgt der Anteil jedoch 8%.[15]

All das führt zu einem klaren Schluss: Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben französische Regierungen, ob nun sozialistisch oder rechts der Mitte, riesige Mengen an antisemitischen Immigranten in ihr Land gelassen.

[1] http://www.fondapol.org/wp-content/uploads/2014/11/CONF2press-Antisemitisme-DOC-6-web11h51.pdf

[2] Ebenda, S. 21

[3] Ebenda, S. 22

[4] Ebenda

[5] Ebenda, S. 10

[6] Ebenda, S. 22

[7] Ebenda, S. 21

[8] Cécilia Gabizon: Les musulmans pratiquants ont plus de préjugés. Le Figaro, 7. Dezember 2005.

[9] http://global100.adl.org/#country/morocco/2014

[10] http://global100.adl.org/#country/algeria/2014

[11] http://global100.adl.org/#country/tunisia/2014

[12] http://www.theguardian.com/world/2015/nov/25/french-comedian-dieudonne-prison-sentence-hate-speech

[13] www.fondapol.org/wp-content/uploads/2014/11/CONF2press-Antisemitisme-DOC-6-web11h51.pdf, S. 22.

[14] Ebenda, S. 24

[15] Ebenda, S. 25

Die getrübte Zukunft des westeuropäischen Judentums

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Zukunft der westeuropäischen Juden scheint getrübt zu sein. Je weiter man sich vom Holocaust entfernt, desto weniger Widerstand gibt es gegenüber dem Wiederaufkommen des Antisemitismus. Dieses Schüren von Hass ist mehr als tausend Jahre integraler Teil der europäischen Kultur gewesen.[1] Um Missverständnisse zu vermeiden: Das sollte nicht mit der falschen Äußerung durcheinander gebracht werden, dass die meisten Europäer Antisemiten seien.

Für viele westeuropäische Juden sind die Probleme in ihrem sozialen Umfeld durch die Zuwanderung von Millionen Antisemiten aus muslimischen Ländern, in denen die Mehrheit der Einwohner extreme Vorurteile zu Juden haben,[2] enorm verstärkt worden. Die verfügbaren Statistiken zeigen, dass sowohl der klassische Antisemitismus als auch antiisraelische Einstellungen bei europäischen Muslimen weit stärker verbreitet sind als bei den einheimischen Bevölkerungen.[3] [4] Schlimmer noch: Alle tödlichen Terroranschläge der letzen zehn Jahre gegen Juden in Europa, bei denen die Täter identifiziert wurden, sind von Muslimen begangen worden.[5] Zusätzlich entfallen viele der extremistischsten antisemitischen Äußerungen ebenfalls auf Mitglieder der muslimischen Gemeinschaften.

Darüber hinaus gibt es regelmäßige Kampagnen gegen jüdische Rituale. Bei der wichtigsten geht es um das religiösen Schlachten ohne Betäubung, das für koscheres Fleisch vorgeschrieben ist. Schon im späten 19. Jahrhundert war die Schweiz das erste europäische Land, das sie verbot. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das religiöse Schlachten ohne Betäubung auch in Schweden und Norwegen, teilweise durch die ideologische Einflussnahme der Nazis, verboten. In den letzten Jahren ist es in Dänemark und einem Großteil von Belgien verboten worden.[6] [7] In mehreren anderen Ländern gibt es Widerstand starker Tierschutzgruppen und manchmal antiislamischer Bewegungen gegen diese Art des Schlachtens. Die große Mehrzahl der ohne Betäubung geschlachteten Tiere in Europa entfällt auf das Halal-Schlachten.

Island hat eine Bevölkerung von weniger als 350.000. Es ist kein Mitglied der Europäischen Union. Das Land hat eine lange antisemitische Tradition.[8] Die Zahl der jüdischen Bürger ist immer winzig gewesen. Island wurde vor kurzem das erste europäische Land mit einem Gesetzesentwurf im Parlament, mit dem die männliche Beschneidung verboten werden sollte.[9] Das mögliche Verbot dieses Rituals wird auch zuweilen in anderen westeuropäischen Ländern diskutiert. Religiöse Juden können importiertes koscheres Fleisch essen, wenn betäubungsloses Schlachten in ihrem Land verboten ist. Doch ein viel größerer Prozentsatz der Juden als die, die koscher essen, lassen ihre Söhne beschneiden. Ein Verbot dieses Rituals würde das Überleben der jüdischen Gemeinden weit problematischer machen.

Analysiert man die Zukunft des europäischen Judentums, dann besteht ein weiterer wichtiger Faktor in der Natur der jüdischen Verbundenheit. Heutzutage gehört dazu die Verbundenheit durch Beteiligung an Religion, Feiertagen und Bräuchen, Bindung an die jüdische Gemeinschaft und Verbundenheit über Interesse an der jüdischen Kultur. Andere Arten der jüdischen Verbundenheit schließen Israel, Sensibilität für Antisemitismus sowie durch Holocausterfahrungen und Geschichte mit ein.

Beim Auftreten antisemitischer Aggression in der Öffentlichkeit sind die Gefahren nicht gleichmäßig auf alle Juden verteilt. Dem größten Risiko sehen sich die ausgesetzt, die als Juden erkennbar sind, zum Beispiel durch ihre Kleidung oder Physiognomie. Der Ernst des Problems hängt auch von der Stadt oder dem Viertel ab, in dem man lebt. Schwedens drittgrößte Stadt, Malmö, wird oft als Europas Hauptstadt des Antisemitismus betrachtet.[10] Aggression gegen Juden übertrifft in Malmö bei weitem die in Gemeinden wie dem Borough von Barnet im nördlichen London, wo viele Juden leben. Einige öffentliche Schulen, in denen jüdische Kinder lernen, können ebenfalls riskante Milieus sein, zum Beispiel in Deutschland.

In Sachen Aggression sind die nächsten in der Reihe Synagogen, jüdische Schulen und andere jüdische Einrichtungen. Auch jüdische Veranstaltungen, Restaurants und Geschäfte sind angegriffen worden.

Die Faktoren, die man bei der Diskussion der jüdischen Zukunft in Europa berücksichtigen muss, sind grundverschieden. Hohe Anteile an interreligiösen Ehen verwässern die jüdische Verbundenheit. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden mehrere jüdische Gemeinden durch Zuwanderung wie den massiven Zustrom nordafrikanischer Juden nach Frankreich in den 1950-er und 1960-er Jahren gestärkt.[11] Eine weitere Zuwanderungswelle bestand aus russischen Juden, die nach Deutschland kamen.[12] In Westeuropa scheint keine weitere derartige Massenzuwanderung bevorzustehen. Es mag viel kleinere Bewegungen an Israelis geben, die in einige europäische Städte ziehen. Viele davon beteiligen sich nicht an jüdischen Gemeindeaktivitäten.

Zu den Faktoren, die die Menschen davon abhalten ihre Heimatländer zu verlassen, selbst wenn sie das wollten, gehören fehlende berufliche und Sprachkenntnisse, die in Israel, den Vereinigten Staaten oder Kanada gebraucht werden. Familiäre Umstände bilden ebenfalls oft einen Grund dafür nicht wegzuziehen.

In den europäischen Ländern ist jüdische Auswanderung nicht gleichmäßig verbreitet. Oft ist Antisemitismus nicht der einzige Motivationsfaktor. In absoluten Zahlen fand die größte jüdische Emigration der letzten Jahre aus Frankreich statt.[13] Bei der Entscheidung es zu verlassen spielten auch wirtschaftliche Probleme des Landes eine Rolle. Wenn in Großbritannien die Labour Party – erschüttert von Antisemitismus und dem linksextremen Vorsitzenden Jeremy Corbyn – an die Macht kommt, dürfte die Emigration britischer Juden ebenfalls zunehmen.[14]

Wir haben zwar keine Daten dazu, aber die Annahme ist vertretbar, dass der Anteil derer, die wegziehen, bei denen am höchsten ist, die am aktivsten jüdisch sind. Der Kern des europäischen jüdischen Lebens scheint damit schneller zu erodieren, als der der eher marginal Beteiligten.

Infolge der vielen Faktoren, die im Spiel sind, können kaum präzise Vorhersagen gemacht werden. Doch eines ist klar. Unter den vielen Themen, die die jüdische Zukunft in Westeuropa bestimmen, gibt es wenig positive.

[1] https://heplev.wordpress.com/2015/06/29/warum-antisemitismus-teil-der-europaischen-kultur-ist/

[2] http://www.adl.org/news/press-releases/adl-global-100-poll

[3] https://heplev.wordpress.com/2018/01/22/muslimischer-antisemitismus-in-grossbritannien/

[4] https://heplev.wordpress.com/2018/02/06/der-in-grossbritannien-weit-verbreitete-antisemitismus/

[5] http://jcpa.org/book/the-war-of-a-million-cuts-the-struggle-against-the-delegitimization-of-israel-and-the-jews-and-the-growth-of-new-anti-semitism/ S. 163.

[6] http://www.theguardian.com/commentisfree/andrewbrown/2014/feb/20/denmark-halal-kosha-slaughter-hypocrisy-animal-welfare

[7] http://www.independent.co.uk/news/world/europe/belgian-region-walloon-bans-kosher-halal-meat-islam-jewish-a7723451.html

[8] http://www.jcpa.org/text/nordic.pdf, 219-239.

[9] ww.nytimes.com/2018/02/28/world/europe/circumcision-ban-iceland.html

[10] https://heplev.wordpress.com/2015/02/09/jahrzehnte-langes-schuren-von-antiisraelischem-hass-durch-schwedens-sozialdemokraten/

[11] http://www.theguardian.com/news/2015/jan/15/-sp-threat-to-france-jews

[12] http://jcpa.org/article/the-jewish-community-in-germany-living-with-recognition-anti-semitism-and-symbolic-roles/

[13] http://www.theguardian.com/world/2017/jan/12/rise-in-numbers-of-jews-leaving-europe-for-israel-is-not-an-exodus

[14] https://heplev.wordpress.com/2018/03/05/ein-britischer-premierminister-corbyn-die-juden-und-israel/

 

Die tiefen Wurzeln des Antisemitismus in der europäischen Gesellschaft

Manfred Gerstenfeld, Jewish Political Studies Review 17:1-2, Frühjahr 2005[1] (Die Recherche für diesen Artikel wurde zum Teil vom World Jewish Congress unterstützt.)

Das Wiederaufkommen des europäischen Antisemitismus nach dem Holocaust legt nahe, dass er tiefere Wurzeln in der Gesellschaft hat. Er ist auf vielfältige Weise von so vielen über eine so lange Zeit in allen europäischen Staaten genährt worden, dass man diese Form des Hasses und der Diskriminierung als der europäischen Kultur inhärent und Teil der europäischen „Werte“ ansehen könnte. Der neue europäische Antisemitismus entsteht oft in jungem Alter, was darauf hindeutet, dass er eher ein Antisemitismus der Zukunft ist als einer der Vergangenheit.

Die Haltung der Europäischen Union zum Antisemitismus hat zwei Seiten. Durch ihre diskriminierenden Stellungnahmen und Abstimmungsverhalten in internationalen Körperschaften betätigt die EU sich als Brandstifter, der die Flammen des Antisemitismus in seiner antiisraelischen Verkleidung schürt. Gleichzeitig spielt sie den Feuerwehrmann und versucht die Flammen des klassischen religiösen und ethnischen Antisemitismus zu ersticken. Frankreich ist beispielhaft für diese Vorgehensweise. Obwohl der europäische Antisemitismus nicht ausgemerzt werden kann, könnte gewisse Schritte unternommen werden ihn zu mäßigen. Dazu bedarf es einer wichtigen Veränderungen der diskriminierenden EU-Politik gegenüber Israel. Inzwischen gibt es zunehmende Hinweise darauf, dass der europäische Kampf gegen den Antisemitismus für das Gegenteil genutzt werden könnte: um Angriffe auf Israel zu erleichtern.

Bestandteil der europäischen Kultur

Eine beträchtliche Anzahl Europäer hat antisemitische Ansichten. Das Wiederaufkommen des europäischen Antisemitismus nach dem Holocaust legt nahe, dass er tiefer Wurzeln in der Gesellschaft hat. Das heißt nicht, dass alle oder die meisten Europäer Antisemiten sind. Auf ähnliche Weise liebt eine beträchtliche Anzahl Europäer Ballet, das andere langweilig, dekadent oder abstoßend finden. Und doch ist der Tanz Teil der europäischen Kultur und wird seit langer Zeit als eine der darstellenden Künste gepflegt. Er entstand in Europa, entwickelte sich über viele Jahre und wird weithin gelehrt sowie regelmäßig von der kulturellen Elite diskutiert und in den großen Medien gezeigt.

Man kann sagen, dass der europäische Antisemitismus ähnliche Charakteristika hat. Dass viele Europäer Antisemitismus verurteilen, ihn nicht mögen oder ihm gleichgültig gegenüber stehen widerspricht nicht seiner Rolle in der europäischen Kultur, wie Aussagen europäischer Politiker, der Mainstream-Medien und führender Intellektuellen beweisen. Außerdem werden verschiedene Arten antisemitischer Gefühle in Umfragen geäußert. Die Statistiken würden vermutlich enthüllen, dass die Zahl europäischer Antisemiten diejenigen bei weitem übertrifft, die Ballett lieben.

Ein Phänomen, das sich auf einem ganzen Kontinent über die Zeitspanne mehrerer Jahrhunderte intensiv entwickelt, bettet sich tief in das gesellschaftliche Denken und Verhalten ein. Die antisemitische Welle der letzten paar Jahre scheint zu beweisen, dass es unmöglich ist eine solch tief sitzende, irrationale Einstellung auszumerzen.

Europäischer Antisemitismus: am Leben, aktiv und ansteckend

Mit den Worten des britischen Oberrabbiners Jonathan Sacks:

Lassen Sie mich das so einfach sagen, wie ich kann: Der Antisemitismus lebt im Jahr 2002, ist aktiv und ansteckend, nach mehr als einem halben Jahrhundert Holocaust-Erziehung, interreligiösem Dialog, UNO-Deklarationen, Dutzenden von Museen und Denkmälern, Hunderten Filmen, Tausenden Kursen und Zehntausenden von Büchern, die der Ausstellung seiner Bösartigkeiten gewidmet sind; nach der Konferenz von Stockholm, nach der Schaffung eines Nationalen Holocaust-Gedenktages, nachdem 2.000 religiöse Leiter im August 2000 bei den Vereinten Nationen zusammentrafen, um sich dem Kampf gegen Hass und dem Hervorbringen von gegenseitigem Respekt zu verpflichten … Was hätte noch getan werden können? Was mehr könnten und können wir tun, um den Antisemitismus zu bekämpfen?[2]

Zwei Jahre später haben sich Sacks Vorstellungen weiter entwickelt. Er sagt, dass, wenn Zivilisationen miteinander kollidieren, Juden sterben. Nach seiner Ansicht wird in gewissen europäischen Kreisen Rache an den Juden genommen, weil „niemand jemals den Juden den Holocaust vergeben wird“. Sacks richtete die Aufmerksamkeit auf die Manipulation von Worten wie Völkermord und ethnische Säuberung, die durch Israels Gegner erfolgte. Er fügte hinzu, dass, was aus dem Holocaust hätte gelernt werden sollen, dies ist: „erstens, dass Schlechtem eine Dämonisierung voraus geht – und gerade jetzt werden die Israelis dämonisiert – und zweitens, die Frühwarnung in einer Kultur darin besteht, dass Worte ihre Bedeutung verlieren.“[3]

Das oft gehörte Argument, das der Antisemitismus des Nachkriegs-Europa Parallelen zum Nahost-Konflikt hat, ist unwahr. Er tritt in Wellen auf, die vielleicht, aber nicht notwendigerweise, mit Entwicklungen im israelisch-arabischen Konflikt korrespondieren, wobei jede Welle höher als die vorige ist.[4] In der arabischen Welt ging die antijüdische Hetze parallel mit dem Oslo-Prozess weiter.

Ein Jahrtausend der Gewalt

Der Beginn des gewalttätigen europäischen Antisemitismus wird oft auf die Kreuzzüge am Ende des elften Jahrhunderts zurückgeführt. Andere behaupten er begann 1010 mit organisierten Massenmorden an Juden in Frankreich, gefolgt von Massakern in Gegenden, die heute Teil von Deutschland sind.[5] Fast ein Jahrtausend lang wurden die vielen Formen des religiösen Antisemitismus von anderen Ausformungen des Judenhasses im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich begleitet.

Die ethnische oder „rassistische“ Variante des politischen Judenhasses begann im späten 19. Jahrhundert in Deutschland. Zu dieser Zeit tauchte der Begriff Antisemitismus erstmals auf. Von religiösen Sorte mit genährt, kulminierte er im Völkermord des Holocaust.

Diskriminierung nach dem Holocaust

Nach dem Holocaust verschwand der europäische Antisemitismus nicht. In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg wurden Juden in demokratischen Gesellschaften wie Norwegen, den Niederlanden und anderen auf verschiedenste Weise in vielen Bereichen diskriminiert.[6] Oft waren die zurückkehrenden Juden nicht willkommen.

Der norwegische Historiker Bjarte Bruland, der bei den nationalen Wiedergutmachungs-Verhandlungen Mitte der 90-er Jahre eine Schlüsselrolle spielte, sagte, dass es unter den Überlebenden der kleinen jüdischen Vorkriegsgemeinde viele „staatenlose Juden gab, die nach Schweden fliehen mussten, von denen einige vor dem schon 50 Jahre in Norwegen lebten. Die norwegische Regierung lehnte es anfangs ab ihnen die Rückkehr ins Land zu erlauben, eine Haltung, die sich erst später änderte.“[7]

Die Nachkriegs-Gesetzgebung vieler Länder und ihre Umsetzung bevorzugten regelmäßig diejenigen, die im Besitz des gestohlenen jüdischen Eigentums waren, während die befreiten Länder gleichzeitig ihre Kriegsgeschichte beschönigten. Die Niederlande sind eines von vielen Beispielen, auch in Bezug auf die Erinnerung an Anne Frank.

Das Europa des 20. Jahrhunderts war ein Kontinent, auf dem ein Kriegsverbrecher oder Massenmörder eine bessere Chance hatte zu überleben als ein jüdisches Kind. Der Grund dafür ist zweitteilig: der mörderische Charakter des Holocaust und die folgende Nachsichtigkeit der europäischen demokratischen Gesellschaften denen gegenüber, die die Juden ermordet hatten.[8]

Im 21. Jahrhundert könnte man hinzufügen, dass, wenn alle gegenwärtigen Hardcore-Antisemiten Westeuropas sterben würden, ihre Zahl die der Toten des Zweiten Weltkriegs bei Weitem übertreffen würde.

Viele klassische antisemitische Vorurteile sind in der europäischen Gesellschaft derzeit weit verbreitet, während neue sich rapide entwickeln. Es gibt vielfältige Formen des Judenhasses bei Politikern, den Medien, der kulturellen Elite, christlichen Klerikern, Schulkindern, den wenig Gebildeten, bei Rechtsextremen und liberalen Linken und besonders in europäisch-arabischen und islamischen Kreisen.

Moderne Medien wie das Fernsehen und das Internet verbreiten antisemitische Schriften und Karikaturen mit großer Geschwindigkeit und tragen zur Globalisierung des Judenhasses bei. Weltweit gibt es mehr als 3.000 antisemitische Internetseiten.[9] Dies gibt dem Phänomen eine Intensität und Unmittelbarkeit, die es nicht hatte, als die Nazis ihre Propaganda zu verbreiten begannen. Millionen Menschen sahen einen in Syrien produzierten Fernsehfilm, der u.a. zeigte, wie einem Kind die Kehle durchgeschnitten wurde. Das war so gemacht, dass es aussah, als ob es von einem Juden getan wurde; durch die Nutzung von Kinotechniken zeigte das Bild, wie Blut in eine Matze strömte.[10]

Christlicher Antisemitismus

Vielfältige Überbleibsel des christlichen Antisemitismus verbleiben und ihm werden neue Elemente hinzugefügt. Griechenland ist eines der EU-Mitglieder, wo das Phänomen sich in besonderer Weise entwickelt hat. Im April 2004 schrieb das Simon Wiesenthal Center (SWC) aus Los Angeles an den neu gewählten Premierminister Kostas Karamanlis von der Neuen Demokratischen Partei, dass die griechische nationale Touristenorganisation mit dem Osterritual des „Judas verbrennen“ (Verbrennen einer Darstellung des Judes) als Touristenattraktion warb. Hunderte örtlicher Zeremonien beinhalten dieses Ritual, das manchmal als „Verbrennung des Juden“ beschrieben wird.[11] Dies ist nur eine von vielen Ausdrucksformen des christlichen Antisemitismus in Griechenland.

Rabbi Mordechai Frisis aus Saloniki sagt, dass „Griechenland eine sehr traditionelle Gesellschaft ist und sie machen die Juden für die Tötung Jesu verantwortlich. Es gibt immer noch Menschen die glauben, dass Juden an Passah das von Christen trinken.“ Als er Schüler an einem griechischen Gymnasium war, sagte er, „gab es Leute, die mir das offen ins Gesicht sagten“.[12]

Obwohl die griechisch-orthodoxe Kirche in der Vergangenheit das Ritual des „Verbrennen des Juden“ offiziell verurteilte, hat das wenig Einfluss. Der Erzbischof von Athen, Christodoulos, macht gelegentlich negative Bemerkungen über die Juden. Im August 2003 besuchte er das Vernichtungslager Majdanek in Polen. In seiner Rede gab es jedoch keinen Bezug zum Holocaust, obwohl die große Mehrzahl der Opfer jüdisch waren. Er erwähnte nicht die dort ermordeten 1.500 griechischen Juden, nicht einmal als griechische Staatsbürger.[13]

2001 machte Christodoulos die Juden dafür verantwortlich hinter der Entscheidung der griechischen Regierung zu stecken, dass den EU-Richtlinien gefolgt wird, die dagegen sind die Religion in den staatlichen Personalausweisen auszuweisen.[14]2004 gratulierte er George Karatzaferis, dem Führer der fremdenfeindlichen, antisemitischen, rechtsradikalen Partei Laos zu seiner „verdienten Wahl“ ins Europaparlament und fügte hinzu: „Sie werden der erweiterten europäischen Familie die anderen intellektuellen Werte bringen, die unserer christlichen und griechischen Seele entspringen.“[15]

Der neue Antisemitismus

Die jüngste wichtige Version des Antisemitismus, die sich in den letzten Jahrzehnten radikal intensiviert hat, zielt gegen Israel, den jüdischen Staat. Diese Variante des Judenhasses wird jetzt gemeinhin als „neuer Antisemitismus“ bezeichnet. Seine Täter nennen sich oft selbst Antizionisten. Sie wollen Israel isolieren und stellen es – mit den Worten des Zentrums für Antisemitismus-Forschung der Technischen Universität Berlin – „als einen Staat dar, der sich fundamental negativ von allen anderen unterscheidet, der daher kein Existenzrecht hat“.[16]

Der kanadische Justizminister Irwin Cotler merkte an: „Traditioneller Antisemitismus verweigert den Juden das Recht als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu leben, aber das neue Anti-Judentum verweigert dem jüdischen Volk das Recht als gleichberechtigtes Mitglied in der Familie der Nationen zu leben.“[17]

Der schwedische stellvertretende Premierminister Per Ahlmark stellte heraus:

Der heutige Antizionismus ist dem Antisemitismus sehr ähnlich geworden. Der Antizionismus akzeptiert das Recht anderer Völker nationale Gefühle und einen verteidigungsfähigen Staat zu haben. Aber sie verweigern dem jüdischen Volk das Recht sein Nationalbewusstsein zu haben, das sich im Staat Israel ausdrückt und diesen Staat sicher zu machen. Daher beurteilen sie Israel nicht mit den Werten, die zur Beurteilung anderer Staaten benutzt werden. Eine solche Diskriminierung von Juden wird Antisemitismus genannt.[18]

Die Quelle allen Übels

Antisemitismus ist eine extreme Form irrationalen Hasses, der nicht mit heftiger Kritik verwechselt werden sollte.[19] Juden sind seit Jahrtausenden dämonisiert und als Quelle allen Übels definiert worden.

Eine zeitgenössische Variante dieses alt hergebrachten Motivs wurde vom rassistischen, griechischen Komponisten und ehemaligen Minister Mikis Theororakis eingeführt, der auf einer Pressekonferenz im November 2003 erklärte: „Wir sind zwei Nationen ohne Brüder in der Welt, wir [die Griechen] und die Juden. Aber sie sind fanatisch und mächtig… Heute können wir sagen, dass diese kleine Nation die Wurzel allen Übels ist, nicht des Guten, was bedeutet, dass zu viel Selbstüberhebung und zu viel Sturheit böse ist… Sie hatten nur Abraham und Jakob, Schatten… wir hatten den großen Perikles…“ Unter den Zuhörern waren sozialistische Regierungsmitglieder, Kulturminister Evangelos Venizelos und Bildungsminister Petros Efthymiou, die nicht reagierten.[20]

Andere Quellen antiker Geschichte werden in Europa oft gebraucht, um „einen unveränderlich negativen jüdischen Charakter aufzuzeigen“.[21] Juden werden ebenfalls in vielen anderen Gesellschaften diskriminiert, während gleichzeitig unterschiedliche Maßstäbe an sie angelegt werden.

In den 30-er Jahren wie in der entfernteren Vergangenheit haben europäische Gesellschaften regelmäßig diskriminierende Gesetze gegen Juden eingeführt. Wenn diese Gesetzgebung später aufgehoben wurde, blieb die Diskriminierung de facto oft erhalten. Über eine lange Zeitspanne sind Juden als unmenschlich dargestellt worden und dies hat die ideologische Basis für ihre Ermordung gelegt, die im Holocaust ihren Höhepunkt erfuhr. Ein ähnlich diffamierender Ansatz wird nun gegenüber Israel angewendet; er zielt auf seine Eliminierung als jüdischer Staat.

Der radikale, linke Antisemitismus ist oft mit dem arabischen und rechtsextremen Antisemitismus verbunden. Diese agieren typischerweise unabhängig von einander, während sie an ähnlichen Zielen arbeiten. Z.B. beinhaltete ein Artikel, der in der progressiven französischen Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“ im November 2001 erschien, die Behauptung, dass israelische Soldaten palästinensische Frauen an Kontrollpunkten vergewaltigten, so dass die Frauen später „Ehrenmorden“ durch ihre Familien unterworfen werden. Die Autorin, Tochter des jüdischen Herausgebers Jean Daniel, wiederholte damit palästinensische Hass-Propaganda. Nach Protesten wurde die Zeitung gezwungen zuzugeben, dass die Behauptung unwahr war, versuchte aber seine Bedeutung zu verharmlosen.[22]

Ein weiteres Beispiel ist der Besuch des in Qatar lebenden, muslimischen ägytischen Geistlichen Yussuf al-Qaradawi in London im Juli 204. Er lobte die palästinensischen Selbstmord-Bombenanschläge und erhielt einen herzlichen Empfang durch den Bürgermeister von London, Ken Livingstone, der mit ihm gemeinsam auftrat. Vor seiner Ankunft gab der Vorstand der britischen Juden der Polizei ein Dossier mit den Texten von Interviews mit dem Geistlichen. Die britischen Behörden entschieden, dass es „unzureichende Beweise“ für eine Straftat gab, die seinen Besuch verhindern könnte.[23]

Staatseigene Medien

Verschiedene regierungseigene Medien Europas diskriminieren Israel und die Juden. Manchmal heizen sie explizit Hass gegen sie auf. Ihnen zu erlauben das zu tun ist ein indirekter Ausdruck von Regierungs-Antisemitismus. Diese Angriffe kommen regelmäßig von linksgerichteten Journalisten.

Es gibt auf der linken Seite des politischen Spektrums viele diskriminierende Abstufungen. Der britische Prozessanwalt Trevor Asserson hat systematische, antiisraelische Einseitigkeit in der Berichterstattung der BBC zum Nahen Osten offen gelegt. Obwohl man argumentieren kann, bis zu welchem Grad diese Diffamierung antisemitische Elemente beinhaltet, ist Assersons Schlussfolgerung überzeugend, dass die verzerrte Berichterstattung eine Atmosphäre schafft, in der Antisemitismus gedeihen kann.[24]

Im Dezember 2003 erschien der französische Komiker Dieudonné im staatseigenen Fernsehkanal France 3, verkleidet als ultra-orthodoxer Jude, machte den Hitler-Gruß und schrie „Heil Israel“.[25] Dieser Rassist gründete später eine Partei, die erfolglos in der Europawahl kandidierte. Sie erhielt ihre Stimmen hauptsächlich in Gebieten mit einer erheblichen nordafrikanischen Einwanderergemeinschaft.

Malcolm Hoenlein, Executive Vice-Chairman der Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations, erwähnt eine weitere Obsession der europäischen Medien: die der jüdischen Macht. „In jedem Interview mit der BBC und anderen europäischen und japanischen Medien lässt sich die Hauptfrage unvermeidlich auf den Einfluss der ‚jüdischen Lobby’ verkürzen. Sie begreifen nicht, was mit der amerikanischen Demokratie vereinbar ist, die Minderheiten ein Mitspracherecht anbieten, wenn diese sich entscheiden sich zu beteiligen und schreiben ihr daher negative Bedeutungen zu.“[26]

Die Unterschiede zwischen Antisemitismus und Kritik

Es ist oft schwer die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus zu ziehen. Cotler hat einige Richtlinien empfohlen. Er meint, dass Kritiker Israels dann zu Antisemiten werden, wenn

  1. Sie öffentlich zur Vernichtung Israels und des jüdischen Volks aufrufen. Das ist der Fall bei den Satzungen der palästinensischen Terrorgruppen (PLO und Hamas) und einigen militant-islamischen Rechtsentscheidungen (fatawin), ebenso wie der iranischen Drohung Israel auszulöschen („genozidaler Antisemitismus“).
  2. Sie leugnen das Recht des jüdischen Volks auf Selbstbestimmung, delegitimieren Israel als Staat und schreiben Israel alle Übel der Welt zu („politischer Antisemitismus“).
  3. Sie nazifizieren Israel („ideologischer Antisemitismus“).
  4. Israel wird als heimtückischer Feind des Islam beschrieben („theologischer Antisemitismus“).
  5. Israel wird von Salon-Intellektuellen und westlichen Eliten ein Mix aus bösartigen Qualitäten zugeschrieben („kultureller Antisemitismus“).
  6. Sie fordern Beschränkungen gegen diejenigen, die mit Israel Handel treiben („wirtschaftlicher Antisemitismus“).
  7. Sie leugnen den Holocaust.
  8. Sie unterstützen rassistischen Terror gegen Israel.

Auf der internationalen Bühne suchen sie Israel für diskriminierende Behandlung durch Leugnung der Gleichheit vor dem Gesetz aus.[27]

Religiöse antiisraelische Motive

Eine wachsende Liste antisemitischer Ereignisse und Schriften in Europa illustriert die Entwicklung dieser Kategorien des neuen Antisemitismus. Karikaturen sind effektive Werkzeuge, um schnell Schlüsselelemente der Kultur einer Gesellschaft zu erklären, einschließlich ihres Antisemitismus. Ihre Ikonographie ist begrenzt; sie spricht nur einige wenige Grundbilder und -ideen an, mit denen die Öffentlichkeit weit gehend vertraut ist. Wenn man einige Karikaturen aus europäischen Mainstream-Medien neben die fanatischer arabischer, antisemitischer Zeitungen legt, kann man oft nicht sagen, welche aus welcher Quelle stammt.

Ein religiös-antisemitisches Motiv wurde benutzt, um Israel in der qualitativ hoch stehenden italienischen Tageszeitung „La Stampa“ zu kritisieren. Sie veröffentlichte eine Karikatur – eine von Europas Klassikern des neuen Antisemitismus – der Belagerung der Geburtskriche in Bethlehem durch die IDF, die einen israelischen Panzer zeigte, der sein Rohr auf das Jesuskind richtete; dieses fragt: „Sie wollen mich doch sicher nicht noch einmal umbringen?“[28] Diese Darstellung belebt das klassische religiöse, antisemitische Motiv des Gottesmordes wieder, ein mörderisches Hass-Motiv, das die katholische Kirche in der europäischen Bevölkerung über viele Jahrhunderte einimpfte und Teil des kulturellen Erbes Europas ist.

Die Karikatur liegen zwei gedankliche Verbindungen zu Grunde. Zum einen handelt es sich um den klassischen Vorwurf des Gottesmordes: „Jesus, Gottes Sohn, Geburtskirche, Opfer der Tötung durch Juden.“ Zum zweiten: „Palästinenser, Geburtskirche, potenzielle Opfer der Tötung durch Israelis.“ Ein näherer Blick auf die Karikatur offenbart, dass ihre unterschwellige, verdrehte Metapher auf viele Weisen gegen die Absicht des Zeichners benutzt werden. Man kann sie auch so lesen, dass sie nahe legt, die palästinensischen Mörder, die in die Kirche flohen – und die die Israelis verhaften wollten, nicht sie umbringen – die zeitgenössischen Söhne Gottes sind. Einige alternative Interpretationen sind noch provokativer.

Diese antisemitische Karikatur sagt mehr über den Karikaturisten und den „La Stampa“-Redakteur aus, der sie prüfte, aus als über das Subjekt des Hasses. Die palästinensischen Mörder, die in die Kirche gingen, wurden zu den Opfern gemacht, ein Konzept, das in der europäischen Gesellschaft zunehmend akzeptabel wird.

Das Kreuzigungsmotiv stand auch im Zentrum einer Karikatur der belgisch-flämischen Zeitung „Nieuwsblad“, nachdem der palästinensische Kleriker und Mordhetzer Scheik Ahmed Yassin getötet wurde. Sie zeigte den Hamas-Führer in einem Rollstuhl auf einem Kreuz, das zum Teil eine Rakete war; die Bildunterschrift: „Israel tötet spirituellen Führer“.[29]

Die britische Tageszeitung „The Independent“ veröffentlichte eine zweiten europäischen Klassiker des neuen Antisemitismus – eine Karikatur von Dave Brown, die Premierminister Sharon als Kinderfresser zeigte. Die Verleumdung, dass Juden das Blut von nichtjüdischen Kindern für religiöse Zwecke brauchen, stammt aus dem England des Mittelalters. Als sie darauf angesprochen wurde, wusch die UK Press Complaints Commission die Karikatur rein. In der Folge gewann sie den britischen Preis „Politische Karikatur des Jahres 2003“ der Political Cartoon Society. Der Wettbewerb wurde am 25. November 2003 in den Räumen der Wochenzeitung „The Economist“ abgehalten; der Preis wurde Brown von der Labour-Abgeordneten und ehemaligen Ministerin für Übersee-Hilfen, Claire Short, überreicht.[30]

Darstellung der Juden als Nazis

Vergleiche zwischen Juden und Nazis konzentrieren sich auf Sharon und Hitler sowie auf das Hakenkreuz und den Davidstern. Eine Karikatur der griechischen Zeitung „Ethnos“ aus dem Jahr 2002, die der damals regierenden sozialistischen Pasok-Partei nahe steht, zeigte zwei jüdische Soldaten als Nazis gekleidet mit Davidsternen auf ihren Helmen, die Messer in Araber stießen. Der Text dazu: „Fühl dich nicht schuldig, Bruder. Wir waren nicht in Auschwitz und Dachau um zu leiden, sondern um zu lernen.“[31] Das komplettiert das ausgesuchte Trio von Europas Karikaturen des klassischen neuen Antisemitismus.

Im Juli 2004 veröffentlichte die führende progressive spanische Zeitung „El País“, die als qualitativ beste Zeitung des Landes angesehen wird, eine Karikatur, in der zwei Personen Kommentare zu Israels Sicherheitszaun austauschen. Die Frau sagt: „Sharons Mauer ist identisch mit der des Warschauer Ghettos.“ Der Mann antwortet: „Sie sind nicht vergleichbar. Sharons Mauer ist weitaus effektiver.“[32]

Zusammengenommen beinhalten diese gut bekannten europäischen Karikaturen der wenigen letzten Jahre die meisten der wichtigen klassischen und neuen antisemitischen Motive. Gottesmord, Blutdurst, Kindermord und Holocaust-Umkehrung treten wieder auf. Dieselben Themen erscheinen in Hass-Karikaturen, die in der arabischen Welt veröffentlicht werden. Sie liefert beträchtliche Einsicht in die Gesellschaften, in denen sie publiziert werden. Der Autor dieses Artikels zeigt sie regelmäßig in öffentlichen Präsentationen um das Wesen des derzeitigen Antisemitismus des europäischen Mainstream zu illustrieren.

Es gibt ebenfalls eine weit reichende Sammlung antisemitischer Bemerkungen in den Mainstream-Zeitungen. Der britische Dichter und Oxford-Akademiker Tom Paulin sagte einer ägyptischen Zeitung, jüdische Siedler in der Westbank seien „Nazis und Rassisten, die erschossen gehören“.[33] Der portugiesische Literaturnobelpreis-Träger Jose Saramago, ein Kommunist, verglich die blockierte palästinensische Stadt Ramallah mit Auschwitz.[34] Als er Brasilien besuchte, erklärte er, dass das jüdische Volk nicht länger die Sympathie wegen des im Holocaust erlittenen Leides verdiene. Dieses Essay ist eine erweiterte Version von „Anti-Semitism: Integral to European Culture“ vom selben Autor in: Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 19, 1. April 2004.[35]

Einige antisemitische Autoren zitieren Juden, um sich selbst akzeptabler zu machen. Paulin macht das so im „Observer“, als er einem seiner Gedichte einen Text des Linguisten Victor Klemperer von 1934 voran stellt: „Für mich sind die Zionisten, die zum jüdischen Staat von 70 n.Chr. zurück wollen… genauso ärgerlich wie die Nazis. Mit ihrer Suche nach Blut, ihren alten ‚kulturellen Wurzeln’, ihrem teils frömmelnden, teils dumpfen Zurückdrehen der Welt stehen sie alle zusammen den Nationalsozialisten in Nichts nach.“

Klemperer, der in seiner Jugend zum Protestantismus konvertierte, überlebte den Zweiten Weltkrieg in Dresden unter der Naziherrschaft Dank einer Mischehe. Dort und später auch unter den kommunistischen Regierungen hatte er reichlich Gelegenheit über seinen Vergleich der Nazis und Zionisten nachzudenken. Paulins Gedicht, das nach dem Klemperer-Zitat kam, sprach von „einem weiteren kleinen palästinensisch Jungen in Trainingshose und weißem T-Shirt, der von der zionistischen SS niedergeschossen wird“.[36]

Das Anlegen von zweierlei Maß

Cotler zeigt auf die UNO als Musterbeispiel des zweierlei Maß, das gegen Israel angewendet wird: „Trotz der Killing Fields in der gesamten Welt saß der UNO-Sicherheitsrat vom März bis Mai 2002 in fast kontinuierlicher Sitzung zusammen und diskutierte ein nicht existentes Massaker in Jenin.“[37]

Er erwähnt ebenfalls das Treffen der UN-Menschenrechtskommission im Frühjahr 2002:

Vierzig Prozent der verabschiedeten Resolutionen richteten sich gegen einen Mitgliedsstaat der internationalen Gemeinschaft, Israel, während die großen Menschenrechtsverletzer der Welt wie China und der Iran sich rein waschender Immunität ohne gegen sie verabschiedete Resolutionen erfreuten. Diese moralische Asymmetrie ist nicht nur voreingenommen gegen Israel, sondern untergräbt die Integrität der UNO weiter, unter deren Schutzherrschaft diese statt findet, sowie die Autorität der internationalen Menschenrechts-Gesetze, in deren Namen diese Anklagen verabschiedet werden.“[38]

Die kanadische Politikwissenschaftlerin Anne Bayefsky schriebt über die UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban (Südafrika) im September 2001: „Sie wurde zu einem Forum für Rassismus… Eine große Staatengruppe wollte die Bezugnahme zum Holocaust minimieren oder ausschließen, Antisemitismus umdefinieren oder ignorieren und den Staat Israel von der globalen Gemeinschaft als rassistischen Apartheid-Praktizierer und Menschenrechtsverbrecher zu isolieren.“[39]

Cotler merkte weiterhin unter Bezugnahme auf die Genfer Konvention an:

Während mehr als 50 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Gräuel weiter. Unter den bekanntesten sind die ethnischen Säuberungen und der Völkermord in Kambodscha, Ruanda, Bosnien, dem Sudan und Sierra Leone. Trotz dieser furchtbaren Brüche der 1949 verabschiedeten Genfer Konvention traten die Vertragsparteien nie zusammen um diese Fälle zu diskutieren. Das geschah nur einmal, im Dezember 2001, als die Vertragsparteien der Konvention sich in Genf versammelten, um Israel der Menschenrechtsverletzungen und Bruch der Genfer Konvention zu beschuldigen.“[40]

Viele weitere Beispiele antiisraelischer Diskriminierung in internationalen Körperschaften können angeführt werden, so dass Israels Magen David Adom (Roter Davidstern) aus der Internationalen Föderation de Rotkreuz- und Roter Halbmond-Gesellschaften ausgeschlossen wird.

Alan Dershowitz bemerkte zu diesen unterschiedlichen Maßstäben: „Das Recht des jüdischen Volks auf Selbstbestimmung wird verweigert und Israel als Staat wird delegitimiert. Unter den westlichen Eliten findet man scheinbar respektable Akademiker, die Beseitigung Israels und seine Ersetzung durch einen säkularen binationalen Staat fordern. Diese Autoren wissen, dass dieses Modell z.B. im Libanon und Jugoslawien ein Rezept für Massenmord und Bürgerkrieg war.“[41]

Die kriminellen Neigungen des demokratischen Europa

Die Debatte über das Vermischen der zeitgenössischen europäischen Werte und des Antisemitismus wird sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren entwickeln. In einem Interview sagte der französische Philosoph Jean-Claude Milner, Autor von „The Criminal Inclinations of Democratic Europe“ (Die kriminellen Neigungen des demokratischen Europa): „Ich denke, es gibt in Europa einen bodenständigen Antisemitismus, der nicht aus der Vergangenheit kommt, sondern aus der Zukunft… Heute sehen wir einen Antisemitismus, der nicht von den alten Menschen her kommt, sondern von der Jugend; daher ist es wenig wahrscheinlich, dass er verschwindet, sonder er wird eher stärker werden… Dies ist ein tatsächliches Problem. Wir müssen mit einem modernen Antisemitismus fertig werden.“[42]

Milner fügte hinzu, dass der europäische Antijudaismus mit der Bestätigung Europas selbst verbunden ist. Einerseits will es sich gegenüber den USA behaupten. Andererseits, nach der Realisierung seiner Einheit, will es sich als Modell der Menschlichkeit darstellen. In dieser Sicht fanden Europa und die islamische Welt sich auf der Antirassismus-Konferenz in Durban gemeinsam auf einer antijüdischen Plattform wieder.[43]

Die Bedeutung der Worte Milners kommt nicht nur aus seinem Ruf, sondern auch aus der Tatsache, dass er kein Jude ist. Die fortgesetzte Delegitimisierung der Juden in Europa hat eine Lage geschaffen, in der Juden, die ähnliche Bemerkungen machen, regelmäßig der Einseitigkeit für ihre Ethnik beschuldigt werden, ungeachtet der Qualität ihrer Argumente. Um ihre Glaubwürdigkeit zu stärken müssen jüdische Autoren heute oft nicht jüdische Meinungen zitieren.

Ein ausgesprochenes Beispiel dieser diskriminierenden Haltung trat auf, als der Herausgeber des „Observer“, einer fortschrittlichen britischen Wochenzeitung, dem Kolumnisten Richard Ingrams zu schreiben erlaubte: „Ich habe eine Gewohnheit entwickelt, wenn ich Leserbriefe erhalte, die die israelische Regierung unterstützen: Ich sehe mir die Unterschrift an, um zu sehen, ob der Schreiber einen jüdischen Namen hat. Wenn ja, dann tendiere ich dazu, ihn nicht zu lesen.“[44]

Vorbereitung des europäischen Antisemitismus der Zukunft

Die beständige, mit vielen Gesichtern versehene Hetze gegen Israel und die Juden hat viele Ebenen der europäischen Gesellschaft durchdrungen und liefert weitere Belege für Vorhersagen zu Europas zukünftigen Antisemitismus. Ein Beispiel ist die Zeugenaussage einer amerikanischen Schülerin, Emma Goldman, die einige Zeit an einer exklusiven britischen Institution verbrachte, der Oxford High School.

Sie wurde dort mit Stereotypen konfrontiert wie: „Ich finde nicht, dass du sehr jüdisch aussiehst. Die meisten jüdischen Mädchen haben große Nasen und Afro-Frisuren.“ Als die Lehrerin die Schüler aufforderte eine Liste großer Tragödien der Geschichte vorzuschlagen, erwähnte niemand den Holocaust. Emma schlug ihn dann vor, aber die Lehrerin fügte ihn nicht einmal der Liste hinzu, die sie an die Tafel schrieb. Emma schloss daraus: „Offenbar qualifiziert sich der Tod von 6 Millionen Menschen meiner weiteren Familie nicht als Tragödie.“

Als Scheik Yassin getötet wurde, sagte eine Schülerin zu einer anderen: „Israel hat einen palästinensischen spirituellen Führer getötet, einen armen, heiligen Mann in einem Rollstuhl.“ Die andere war betroffen und das erste Mädchen fügte hinzu: „Wie können die Israelis es wagen so etwas zu tun.“

Emma merkt an, dass sie während vieler früherer Äußerungen der Sympathie für „die Verzweiflung der palästinensischen Selbstmord-Bomber“ geschwiegen hatte. Diesmal verteidigte sie Israel, aber ihre Klassenkameradin tat ihre Sichtweise ab. „Sie glaubte, dass Israel ein böses Reich sei, das ausradiert werden müsste. Die palästinensischen Mörder seien Freiheitskämpfer. Und Hamas war keine Terror-Organisation, sondern eine religiöse Organisation, die nun ihres ‚spiritueller Führers’ beraubt war.“[45]

In einigen Teilen Westeuropas kann das als relativ milde Erfahrung angesehen werden. Ein ganzes Buch auf Französisch, „Die Verlorenen Territorien der Republik“,[46] ist der wiederholten Gewalt gegen jüdische Schulkinder in Frankreich über einen Zeitraum, der einige Jahre zurück geht, gewidmet – hauptsächlich durch Kinder maghrebinischer Herkunft. Dieses Phänomen hat viel Ähnlichkeit mit einem Eisberg: die meisten der Probleme werden nicht gesehen und nicht berichtet, also werden sie unterschätzt.

Antisemitismus und Antiamerikanismus

Das klassische antisemitische Motiv einer jüdischen Verschwörung um die Welt zu dominieren steht in neuen Formen wieder auf. Josef Joffe, Herausgeber der deutschen Wochenzeitung „DIE ZEIT“, kommentiert, dass gewisse Kreise in Europa und der arabischen Welt den Hass auf Amerika mit dem Hass auf die Juden verbindet. Sie behaupten, dass der jüdische Wunsch die Welt zu beherrschen heute hauptsächlich durch die „amerikanische Eroberung“ umgesetzt wird.[47]

Es gibt wichtige Ähnlichkeiten, wie auch Unterschiede zwischen dem europäischen Antisemitismus und Antiamerikanismus. Alvin Rosenfeld fasst die Ähnlichkeiten so zusammen: „Antiamerikanismus funktioniert weit gehend auf die gleiche Weise, wie es der Antisemitismus über Jahrhunderte tat – als eine bequeme Konzentration für Unzufriedenheiten vieler Art und als vorgefertigte Erklärung für interne Schwächen, Enttäuschungen und Fehlschläge. Er ist, kurz gesagt, arglistig und kontraproduktiv.“ Als Beispiel erwähnt Rosenfeld den führenden deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, der 2002 in einem Interview im österreichischen Journal „Profil“ Amerika und Israel als die beiden einzigen Staaten nannte, die ihm als „Schurkenstaaten“ zu sein schienen.[48]

Die These, dass Europa seine Identität auf der Opposition zu den USA aufbaut, ist indirekt durch zwei der führenden Denker Europas bestätigt worden, den Franzosen Jacques Derrida und den Deutschen Jürgen Habermas, die gemeinsam schrieben, dass die großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg am 15. Februar 2003 in London, Rom, Madrid, Barcelona, Berlin und Paris als der Anfang eines pan-europäischen öffentlichen Bewusstseins in die Geschichtsbücher eingehen könnten.[49]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits analysierte die Unterschiede zwischen europäischem Antiamerikanismus und Antisemitismus:

Die zwei europäischen Vorurteile überlappen sich zwar, aber es gibt auch große Unterschiede. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen getötet, während der europäische Antiamerikanismus nur einige wenige ermordete. Es gab nie irgendwelche Pogrome gegen Amerikaner. Gewalt, als Regel, ging nicht weiter als die Zerstörung von Eigentum und das Verbrennen vieler amerikanischer Flaggen. Es hat nie einen Ritualmord-Vorwurf gegen Amerikaner gegeben.[50]

Markovits betrachtet den Antisemitismus als ein seit Langem bestehendes Instrument zur Schaffung von Identität und sagt, dass der Antiamerikanismus heute eine ähnliche Rolle spielt: „Niemand weiß, was es bedeutet ein Europäer zu sein. Es ist nicht klar, was Griechen und Schweden gemeinsam haben… Antiamerikanismus ermöglicht es den Europäern daher eine bisher fehlende europäische Identität zu schaffen, die aufkommen muss, wenn das europäische Projekt Erfolg haben soll.“ Er stellt heraus, dass der Antiamerikanismus und der Antisemitismus die einzigen wichtigen Ikonen sind, die von der europäischen extremen Linken und extremen Rechten, einschließlich der Neonazis, geteilt werden.[51]

Die Arten der Dämonisierung

In den drei Hauptformen des Antisemitismus wird der Jude als Repräsentant allen Übels dämonisiert. Im „religiösen“ Antisemitismus wurden die Juden – als der Teufel oder sein Gefährte dargestellt – für den Tod Jesu verantwortlich gemacht, der als Gottes Sohn dargestellt wurde. Im „rassistischen“ Antisemitismus wurden die Juden beschuldigt die Welt mit ihrem Verhalten und ihren Ideen zu vergiften. Heute stellt der „neue“ Antisemitismus Israel als eine üblen Staat dar.

Sind die Entscheidungsträger erst einmal überzeugt, dass eine Person oder ein Staat das Böse verkörpert, ist der nächste Schritt der, dass das „Böse“ ausgesondert, unterworfen oder sogar eliminiert werden muss. Im Mittelalter wurden die Juden ins Exil getrieben oder in europäische Ghettos gesperrt und ihnen viele Rechte verweigert, deren sich die Christen erfreuten. Der Nationalsozialismus wollte die Juden eliminieren, was zum Holocaust führte. Sein sozialer Antisemitismus und seine Delegitimierung der Juden bereiteten ihre physische Vernichtung vor.

Die Hauptquellen des Antisemitismus

Der zeitgenössische europäische Antisemitismus blüht in drei wichtigen Sektoren der europäischen Gesellschaft. Der erste besteht aus den arabischen und islamischen Gemeinden, von denen große Teile aus der arabischen Welt den giftigsten Strang des Antisemitismus importieren. Diese unterscheiden nicht zwischen Israelis und Juden. Zu ihrer Hass-Literatur gehört die Fälschung aus dem 19. Jahrhundert, „Die Protokolle der Weisen von Zion“, die behauptet, dass alle Juden sich verschworen haben die Welt zu beherrschen. Andere wichtige Quellen des von Arabern – einschließlich Regierungen – verbreiteten Hasses verbreiten die Verleumdung, dass Juden das Blut nicht jüdischer Kinder zur Herstellung von Matzen benutzen.[52]

Der zweite Sektor, in dem Antisemitismus weit verbreitet ist, besteht aus den Rechtsextremen und Neonazis. Sie wiederholen hauptsächlich die von Hitlerdeutschland propagierten Motive, denen sie auch einige neue Varianten hinzufügen.

Der dritte gesellschaftliche Bereich, der von stark antisemitischen Ausdrucksweisen gekennzeichnet ist, ist die extreme Linke. Ihre Argumentation ist hauptsächlich von der Sowjetunion in den Jahren nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 entwickelt worden. Dieser Antisemitismus – verhüllt als Antizionismus – beschuldigt Israel allen Übels, das vom kolonialistischen Europa begangen wurde. Diese Propaganda ist mehr als bösartig, wie der französische Linguist Georges-Elia Sarfati anmerkt; sie verknüpft „die vier großen Negativ-Charakteristika der westlichen Geschichte des letzten Jahrhunderts – Nationalsozialismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus – mit dem Staat Israel.“[53]

Wenige sind sich bewusst, dass die sowjetische Propaganda am Anfang der Holocaust-Umkehrung und ihrer systematischen Promotion für antisemitische Zwecke stand. Simcha Epstein von der Hebräischen Universität vermittelt, wie 1953 französische kommunistische Intellektuelle eine Solidaritätskundgebung in Paris organisierten, die die offizielle sowjetische Haltung unterstützte, dass hauptsächlich jüdische Ärzte kommunistische Führer ermordet hätten. Er fügt hinzu, dass auf dem Treffen viele Redner, einschließlich Juden, „erklärten, dass es normal war Ärzte zu verdächtigen sie vergifteten Menschen: man müsse nur Mengeles Rolle in Auschwitz betrachten. Wenn er in der Lage war zu tun, was er tat, warum sollten andere Ärzte kein Gift benutzen?“[54]

Oft holen sich die europäischen Kritiker Israels ihre Stichworte von israelischen. Und doch gibt es einen fundamentalen Unterschied. Obwohl es Antisemiten und jüdische Selbsthasse in der israelischen Linken gibt, erfolgt die innenpolitische Debatte in Israel im Kontext der kulturellen und politischen Realität einer Nation. In Europa ist sie erfüllt mit einem lange eingebetteten antisemitischen Erbe; daher kann er physische Gewalt generieren und tut das auch.

Der Antisemitismus der Mainstream-Politiker

Seit den 1980-er Jahren haben mehrere hochrangige europäische Politiker radikal antisemitische Äußerungen getätigt. In einem öffentlichen Statement verglich der sozialistische griechische Premierminister Andreas Papandreu 1982 Israel mit den Nazis.[55] Genauso machte es der sozialdemokratische schwedische Führer Olaf Palme kurz bevor er Premierminister wurde und wieder einige Monate später.[56]

Kein europäischer Mainstream-Politiker in den 80-er Jahren ging so weit wie der Christdemokrat Giulio Andreotti, der mehrere italienische Kabinette führte. Auf einer interparlamentarischen Konferenz in Genf am 7. April 1984 unterstützte er als Italiens Außenminister einen Antrag, der von Saddam Husseins Irak eingebracht wurde. Er setzte den Zionismus mit Rassismus gleich, ermutigte zum Boykott Israels und verteidigte das Recht auf „bewaffneten Kampf zur Befreiung Palästinas“ (d.h. Terror). Italien war das einzige westeuropäische Land, das mit dem Sowjetblock für diesen Antrag stimmte.[57]

In den letzten Jahren sind solche Vorfälle weiter verbreitet geworden. Im April 2002 sprach Franco Cavalli auf einer Demonstration der Schweizerisch-Palästinensischen Gesellschaft in Bern. Er war damals der parlamentarische Führer der Sozialdemokratischen Partei (SP), die Teil der schweizer Regierungskoalition ist. Er behauptete, dass Israel „sehr gezielt ein ganzes Volk massakriert“ und „die systematische Auslöschung der Palästinenser“ betreibt. Auf dem Treffen wurden israelische Flaggen verbrannt.[58]

Hochrangige Mitglieder der sozialistischen Partei Griechenlands benutzen oft Holocaust-Rhetorik, um israelische Militäraktionen zu beschreiben.[59] Im März 2002 redete Parlamentsprecher Apostolos Kaklamanis vom „Völkermord“ an den Palästinensern. Er wurde vom Regierungssprecher Christos Protopapas gestärkt, der sagte, das Kaklamanis „mit Sensibilität und Verantwortung sprach … und die Gefühle des Parlaments und des griechischen Volks ausdrückte“.[60]

Im Juli 2004 wurde ein weiterer bekannter Israel-Hasser, Giorgos Katsanevakis, Präfekt der Region Hania auf Kreta, wieder zu hören. Dieses Mitglied der links gerichteten Synaspismos-Partei sagte dem israelischen Botschafter Ram Aviram, dass Sharon der Antichrist sei. Der Diplomat drehte sich um und ging.[61]

Jenny Tonge, ein liberaldemokratisches Member of Parliament (Großbritannien), sagte bei einem Treffen der Solidaritätskampagne für die Palästinenser im Januar 2004, dass, wenn sie in den Palästinensergebieten lebte, sie sich überlegen würde eine Selbstmord-Bomberin zu werden. Im Gegensatz zu den oben genannten Fällen distanzierte sich ihre Partei von ihrer Haltung und erklärte: „Jenny Tonge äußerte ihre persönlichen Ansichten. Die Liberaldemokraten vergeben keinen Terror.“[62]

Nazibegriffe im deutschen Mainstream

Norbert Blüm, ehemaliger christdemokratischer Arbeitsminister, schrieb dem israelischen Botschafter Shimon Stein und bezog sich auf Israels „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser. Vernichtungskrieg ist ein von den Nazis verwendeter Begriff. Er wiederholte dies in einem Interview mit der Wochenzeitschrift Stern.[63]

Die Reaktion im Internet auf Blüms Stellungnahme zeigt, dass es beträchtliche Sympathie dafür gibt. Nazi-Propagandisten lehrten die sowjetischen Hetzer die Dämonisierung der Juden, die die Sowjets in die Dämonisierung des Zionismus entwickelten. Aus der Sowjetunion drangen diese Methoden in die europäische Linke. Mit Blüm hat sich der Kreis geschlossen. Der abgrundtiefe Hass, der in Nazideutschland begann, ist nun in den Mainstream des demokratischen Deutschland zurückgekehrt.

Aber nicht alle antisemitischen Angriffe wenden sich auf Israel oder Israelis. Im Februar 2004 griff Ian McCartney, Vorsitzender der britischen Labour Party, den konservativen wirtschaftlichen Sprecher im Parlament, Oliver Letwin an, einen Juden. Er bezeichnete ihn als einen „Fagin des 21. Jahrhunderts“, eine jüdische Figur, die in extrem antisemitischen Begriffen in Charles Dickens Roman Oliver Twist beschrieben wrid.[64]

Im Frühjahr 2003 behauptete der alt gediente Labour-Abgeordnete Tam Dalyell, dass ein „jüdischer Kabbalist“ in den USA und Großbritannien agiere und die Regierungen beider Länder in einen Krieg gegen Syrien treibe. Er erwähnte Lord Levy, Peter Mandelson und Jack Straw als zionistische Ratgeber, die Premierminister Blair beeinflussten. Abgesehen vom rassistischen Charakter dieser Äußerungen besteht die Wirklichkeit darin, dass nur Lord Levy ein praktizierender Jude ist. Mandelson hat einen jüdischen Vater und reagierte so: „Ich bin nicht wirklich jüdisch, aber ich trage Herkunft väterlicherseits mit Stolz.“ Straw hat anscheinend einen jüdischen Großvater.[65]

Umfragen

Die Kampagne zur Dämonisierung Israels in Europa ist von vielfältigen Erscheinungsformen von Gewalt begleitet. Dies wurde in verschiedenen Studien zum europäischen Antisemitismus dokumentiert. Eine große Studie, die die erste Hälfte des Jahres 2002 abdeckte, wurde vom Center for Research on Antisemitism for the European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) durchgeführt. Sie schloss: „Frankreich, Belgien, die Niederlande und Großbritannien erlebten recht ernste antisemitische Vorfälle, so zahlreiche gegen Juden gerichtete physische Angriffe und Beleidigungen und Vandalismus gegen jüdische Institutionen (Synagogen, Geschäfte, Friedhöfe). Weniger antisemitische Angriffe wurden aus Dänemark und Schweden berichtet.“[66]

Viele Umfragen zeigen auch, wie weit verbreitet europäische antisemitische Vorurteile sind. Eine 2002 durchgeführte Meinungsumfrage für die Anti-Defamation League in fünf Ländern (in Österreich, Schweiz, Spanien, Italien und den Niederlanden) zeigte, dass einer von fünf Antwortenden als „höchst antisemitisch“ eingestuft werden kann.[67] 29 Prozent glauben, die Juden interessierten sich ausschließlich für sich selbst und niemanden sonst. 40 Prozent haben das Gefühl, die Juden hätten zu viel Macht in der Geschäftswelt und den internationalen Finanzmärkten. Die Mehrheit empfindet die Juden als Israel loyaler gegenüber als dem Land in dem sie leben.[68] Eine frühere Studie beschäftigte sich mit Frankreich, Dänemark, Deutschland, Belgien und Großbritannien und brachte weit gehend ähnliche Ergebnisse.[69] Die Einstellung variierte allerdings in beiden Untersuchungen innerhalb der zehn untersuchten Länder beträchtlich.

Eine italienische Umfrage von Paola Merulla aus dem Herbst 2003 zeigte, dass nur 43 Prozent der Italiener Sympathien für Israel haben. 17 Prozent der Bevölkerung denkt es wäre besser, wenn Israel nicht existierte. 51 Prozent denken, dass die Juden innerhalb Italiens „außer einer anderen Religion gemeinsame soziale, kulturelle und politische Charakteristika haben, die sich von den übrigen Italienern unterscheiden“. Zwanzig Prozent der italienischen Bevölkerung glaubt, dass Juden keine wirklichen Italiener sind; zehn Prozent denken, dass Juden lügen, wenn sie dabei bleiben, dass der Nationalsozialismus Millionen von Juden ermordete.[70]

Einige Monate vorher zeigte eine Umfrage unter 2000 jungen Italienern (im Alter von 14-18), gesponsert von der Dachorganisation des italienischen Judentums unter der Schirmherrschaft des italienischen Präsidenten Carol Azeglio Ciampi beträchtliche antisemitische Stereotype: „Fast 35 Prozent der Befragten stimmte damit überein, dass ‚sich die Finanzmacht der Welt zum größten Teil in der Hand von Juden befindet’. Mehr als 17 Prozent glauben, dass Berichte über die Vernichtung der Juden im Holocaust ‚übertrieben’ sind und 17,5 Prozent glauben, dass italienische Juden nach Israel ‚zurückkehren’ sollten.“[71]

Israel – Bedrohung des Weltfriedens

Am Ende des Jahres 2003 stellte eine Euro-Barometer-Studie fest, die im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt wurde, dass mehr Europäer Israel als Bedrohung des Weltfriedens betrachten als jedes andere Land,[72] selbst noch mehr als die Staaten, die Terroristen im Ausland unterstützen, um europäische Zivilisten zu töten, mörderische Organisationen finanzieren oder Führer haben, die zum Völkermord aufrufen.

Vor dem Holocausttag am 27. Januar 2004 wurde eine weitere Umfrage veröffentlicht. Sie wurde vom Ipso-Forschungsinstitut für die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ in Italien, Frankreich, Belgien, Österreich, Spanien, den Niederlanden, Luxemburg, Deutschland und Großbritannien durchgeführt. Von den Befragten sagten 46 Prozent, dass Juden eine Mentalität und einen Lebensstil haben, der sich von denen anderer Bürger unterscheidet; 40 Prozent hatten das Gefühl, dass Juden in ihrem Land eine besondere Beziehung zu Geld haben; und 35 Prozent glaubten, dass Juden aufhören sollten bezüglich des Holocaust und der Verfolgung vor 60 Jahren „das Opfer zu spielen“. In allen Ländern gingen antisemitische Gefühle mit antiisraelischen Gefühlen einher.[73]

Eine weitere Umfrage, vor dem Holocaust-Tag 2004 von ICM für den „Jewish Chronicle“ durchgeführt, zeigte, dass fast 20 Prozent der Briten einen jüdischen Premierminister als weniger akzeptabel ansehen als einen nicht jüdischen. Das ist bedeutend angesichts der Tatsache, dass Michael Howard, Führer der konservativen Partei, der erste Jude ist, der in letzter Zeit eine wichtige politische Partei anführt. Fünfzehn Prozent meinten, das Ausmaß des Holocaust sei übertrieben. Trotz der heutigen Holocaust-Bildung glauben das auch 19 Prozent der Schulabgänger.[74]

Es ist ein Irrtum zu glauben, das Phänomen sei erst in den letzten Jahren aufgekommen und spezifisch mit dem palästinensischen Aufstand verbunden. Der deutsche Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz zitiert eine frühere Stellungnahme des ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Zürich, Sigi Feigel, dass viele Schweizer die Juden nur unter Vorbehalt aus der Begriffswelt des „bösen Juden“ entlassen. Sobald irgendetwas passiert, kehren diese Leute zu ihren alten Vorstellungen zurück. Feigel sagte, dass Juden immer noch „Schweizer unter Vorbehalt“ sind und dass dahinter die Annahme steckt, dass sie zu allererst Juden und dann erst Schweizer sind.[75]

Einsichten

Bei der europäischen Linken sind nur gelegentlich ausgleichende Stimmen zu hören. Ein Editorial in „Le Monde“ kommentierte die Eurobarometer-Umfrage: „Die Ergebnisse deckten auf jeden Fall etwas extrem Gefährliches über den alten Kontinent auf.“[76]

Im November 2003 verabschiedete sich die Kolumnistin Julie Burchill von den Lesern des „Guardian“, als sie zur „Times“ wechselte. Sie sagte, dass sie die Zeitung zwar mochte, es aber einen Faktor gab, der sie im vergangenen Jahr weniger loyal hatte fühlen lassen: als Nichtjüdin spürte sie eine heftige Einseitigkeit gegen Israel.

In Kommentierung der Eurobarometer-Umfrage schrieb Burchill:

Wenn man die Theorie mit einbezieht, dass Juden für alles Miese der Weltgeschichte verantwortlich sind, dazu die kürzlich erfolgte Umfrage, die feststellte, dass 60 Prozent der Europäer glauben, dass Israel heute die größte Gefahr für den Weltfrieden ist (hm, ich muss all die Rabbis verpasst haben, die ihren Schäfchen sagen, sie sollten mit am Körper befestigten Bomben losziehen und die nächste Moschee in die Luft jagen), dann ist es ein kleiner Schritt dazu zu meinen, dass verdammt gut war, dass die Nazis 6 Millionen der Scheißkerle los geworden sind. Vielleicht steigen deshalb die Verkäufe von „Mein Kampf“ so an, von Nahost-Bazaren in die Edgeware Road, und warum es die „Protokolle der Weisen von Zion“ auf dem kürzlich statt findenden Kongress in Durban zu kaufen gab.[77]

Wenige linke europäische Politiker sind sich bewusst, wie Kritik an Israel sich in Antisemitismus gewandelt hat und wo die Grenzen sind. Einer davon ist der deutsche Außenminister Joschka Fischer. Auf einer Konferenz mit dem Titel „Antisemitismus heute: Vergleich der europäischen Diskussionen“, organisiert von der Heinrich Böll-Stiftung, sagte er in er Eröffnungsveranstaltung: „Die Regierung von Israel kann für ihre Politik kritisiert werden… aber Israels Recht als nationale Heimstatt des jüdischen Volkes kann nicht geleugnet werden.“[78] Diese Einschätzung bewahrt Fischer nicht davor die diskriminierende antiisraelischen Abstimmungsmuster der Europäischen zu unterstützen.

Ilka Schröder, die aus Fischers Grüner Partei austrat und bis zu den Wahlen 2004 unabhängiges Mitglied des Europaparlaments war, schrieb:

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Teile der EU-Gelder an die Palästinensische Autonomie (945 Millionen Eurodollar von 2000 bis 2003) in ein geheim gehaltenes Budget geleitet wurde und dass die PA einen Terrorkrieg gegen Israel finanziert hat… Statt die Verwendung des Geldes der EU zum Töten von israelischen Bürgern zu verhindern, träumt die Mehrheit des politischen Establishments von einer „internationalen Friedenserzwingung“ gegen Israel, von der EU in der UNO angeführt oder mit gemeinsam mit ihr.[79]

Ähnlich wie die 30-er Jahre?

Es gibt eine Neigung die Angriffe auf die Juden in Europa marginalen Kräften zuzuschreiben. Dies mag für die physische Gewalt und einige der extremsten Äußerungen stimmen. Doch radikaler verbaler Antisemitismus ist auch in das Herz des europäischen Mainstreams gekrochen.

In einer Rede bei einem Dinner, das das American Jewish Committee in Brüssel gab, sagte der US-Botschafter bei der Europäischen Union, Rockwell Schnabel, dass der Antisemitismus in Europa inzwischen fast so schlimm ist, wie er in den 30-er Jahren war, dem Jahrzehnt, in dem der Nationalsozialismus an die Macht kam.[80] Um die Auswirkungen zu mildern sagte später ein Sprecher der US-Botschaft, dass die Äußerungen „weder die persönliche Meinung von Botschafter Schnabel noch die Ansicht der US-Regierung“ sei.[81]

Solche Meinungen können jedoch nicht unterdrückt werden. Im Mai 2004 schrieb der französische Parlamentarier Pierre Lelouche über Frankreich:

Selbst in den 30-er Jahren, als die antisemitische Presse besonders grausam war, wurden die Juden nicht in den Schulen der französischen Republik angegriffen und geschlagen; die Studenten wurden nicht mit Messern gestochen, die Schulbusse wurden nicht angegriffen, die Synagogen wurden nicht angezündet. Kurz gesagt: man hatte nicht diese Art von Pogromen, die eine gewisse Elite und eine gewisse Presse „versteht“, wenn sie sie nicht rechtfertigt, nicht länger im Namen eines Anti-Dreyfusismus oder Faschismus, sondern diesmal im Namen der Rechte des palästinensischen Volkes und der „Erniedrigung“ der Araber.

Lelouche fügte hinzu: „Kurz gesagt kann man friedlich sein wie ein Antisemit im Frankreich des Jahres 2004.“ Diese Haltung, in dieser Sichtweise, schuf das Klima für Angriffe auf Juden. Er erwähnte ebenfalls, dass er ein Gesetz initiiert hatte, um rassistische Verbrechen schwer zu bestrafen, das einstimmig vom französischen Parlament angenommen wurde. Hinterher wurde das Gesetz allerdings kaum angewendet.[82]

Phyllis Chesler, eine amerikanische Psychologin, die ein Buch über Antisemitismus veröffentlichte,[83] glaubt, die Gefahr für die Juden ist heute „weitaus gravierender und komplexer als sie es in der heidnischen oder mittelalterlich-christlichen Welt oder während des Zweiten Weltkriegs war“. Sie behauptet, dass die Lage tatsächlich ernster als in den 30-er Jahren ist: „Judenhasser schaffen eine Lage, in der – darf ich das sagen? Ja, ich muss es sagen – ein weiterer Massenmord – vielleicht sogar ein holocaustartiger Massenmord an Juden möglich ist. Tatsächlich hat er aus meiner Sicht bereits angefangen, sicher nicht in Amerika und noch nicht in Europa – aber in Israel.“[84]

Eine Zeit der Bezugnahmen

Die Frage, was ähnlich und was anders ist als im Europa der 30-er Jahre und dem heutigen Europa verdient eine fortgesetzte, detaillierte Analyse. Eine Standard-Antwort ist, dass der europäische Antisemitismus nicht weiter gehen kann, weil es starke Gegenkräfte in demokratischen Gesellschaften gibt. Die dies behaupten, sagen, dass Dank der Holocaust-Bildung europäische Regierungen nie erlauben werden, dass etwas Ähnliches noch einmal passiert. Weiterhin sind Juden, die sich nicht wohl fühlen, frei nach Israel oder woandershin auszuwandern.

Der radikalste Unterschied zu den 30-er Jahren ist der, dass Israel seine Stimme in der Staatengemeinschaft zu Gehör bringen kann. Darüber hinaus ermöglicht es die Globalisierung der internationalen jüdischen Organisationen, Druck auf die europäischen Regierungen auszuüben, um die jüdischen Gemeinden besser zu schützen. Die europäischen Regierungen geben auch heute zu, dass in Europa ein beträchtlicher Antisemitismus existiert und erklären, dass er bekämpft werden muss.

Die Araber als Dämonisierer

Gleichzeitig jedoch gibt es bedeutende Ähnlichkeiten zwischen heute und den 30-er Jahren, als Deutschland der Hauptanstifter des systematischen Judenhasses. Heutigentags sind wieder einflussreiche Kräfte am Werk, die die Juden dämonisieren, hauptsächlich außerhalb Europas. In der postmodernen Welt ist diese Rolle verteilt auf viele Regierungen, religiöse Körperschaften und Medien in der arabischen Welt. Sie unterscheiden in ihrem tödlichen Hass nicht zwischen Israelis und Juden der Diaspora.

In den 30-er Jahren behaupteten die Nazis, dass die Juden die Quelle allen Übels der Welt seien, eine Rolle, die viele Araber nun Israel wie den Juden anhängen. Vor dem Weltkrieg hatten die, die die Dämonisierung verursachten, viele Helfer, Verteiler und sympathisierenden Zuschauer. Die Satelliten der deutschen Nationalsozialisten und faschistischen Verbündeten verbreiten den Hass vor Ort. Während des Krieges selbst schlossen sich viele Opportunisten diesen Aktionen an. Heute haben arabische Dämonisierer viele loyale Helfer unter den in der westlichen Welt lebenden Muslimen, wie auch unter den Neonazis.

Andere wichtige Verbündete in der Verteufelung Israels kann auf der europäischen Linken gefunden werden, zu einem gewissen Maße auch unter den Parteien der Mitte. In den 30-er Jahren war das organisatorische Rahmenwerk der Hass-Verbreitung rigide. In der postmodernen Welt kann jeder mit diesem Hass nach eigenem Plan marschieren, in Richtung eines Satzes von Zielen, einschließlich der Vernichtung Israels.

Durch das Zusammensuchen von Experten-Einsicht kann man auch weniger offensichtliche Ähnlichkeiten zwischen den beiden Zeiträumen finden. Der Holocaust-Psychologe Nathan Durst schließt, dass die Schoah-Massenmörder nicht nur die Wünsche der Nazis erfüllten, sondern auch die vieler anderer Europäer, die Hitler in verschiedener Weise eifrig halfen. Er fügt hinzu, dass Reaktionen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg belegen, dass der Völkermord ihre alt hergebrachten Wünsche erfüllt hat, die Juden aus ihrem Leben zu entfernen.

Der französische Philosoph Alan Finkielkraut sagte in einem Interview, dass viele zeitgenössische Eruopäer den Wunsch der arabischen Hetzer nach Israels Verschwinden, da sie sich vorstellen, dass, wenn Israel aufhört zu existieren, es keinen Terror mehr geben wird.[85]

Antisemitismus: eine europäische Krankheit

Wenige Tage, nachdem Schnabel seine Bemerkung machte, nannte Elie Wiesel auf einer EU-Konferenz zu Antisemitismus in Brüssel den Antisemitismus eine europäische Krankheit und erwähnte, dass europäische Juden ihn nicht gefragt hatten: „Sollen wir gehen?“, sondern: „Wann sollen wir gehen?“[86] Fischer, der einzige anwesende Minister einer europäischen Regierung, sprach ebenfalls von jüdischen Freunden, die ihm zu seiner Bestürzung sagten, dass sie darüber nachdenken Europa bald zu verlassen.[87]

Der israelische Minister Natan Sharansky sagte auf der Konferenz, dass eine Menge der Kritik an Israel in den letzten Jahren mit der „Dämonisierung Israels vermischt wird, Israel mit doppelten Maßstäben angegriffen wird und die Legitimität des jüdischen Staates geleugnet wird.“[88]

Shimon Samuels, Direktor für internationale Beziehungen des Simon-Wiesenthal-Zentrums, sagte, dass „Kalaschnikow-Kugel, Sprengstoffgürtel und Qassam-Raketen, die mit Mitteln aus den jährlichen Subventionen [der Palästinensischen Autonomie] gekauft wurden, haben mehr als 900 Israelis und Tausende verstümmeln – das ist Antisemitismus. Von der EU finanzierte palästinensische Medieneinrichtungen – über Satellitenfernsehen und Hass-Seiten im Internet – haben Einfluss auf die muslimischen Gemeinden in Europa, um ihre jüdischen Nachbarn anzugreifen. Das ist Antisemitismus.“[89]

Mitte 2004 sagte der französische Nazijäger Serge Klarsfeld bei einem Besuch in Israel, dass es für die französischen Juden am besten wäre, sie würden das Land verlassen. Er fügte hinzu, dass eine Lektion des Holocaust sei, dass es besser ist einen Ort zu verlassen, wo es eine Welle des Antisemitismus gibt, als dort zu bleiben und ihn zu bekämpfen. Er erwähnte, dass der Vater eines französischen Juden, der von einem muslimischen Angreifer in Paris mit einem Messer verletzt wurde, dem Premierminister gesagt hatte, dass er die amerikanische Botschaft um „politisches Asyl“ für seine Familie ersuchen werde.[90]

Ein Indikator für das Versagen der europäischen Regierungen Antisemitismus angemessen zu bekämpfen, ist, dass Juden oft ihre Identität verstecken müssen, wenn sie in der Öffentlichkeit sind. In einem Radiointerview erzählte der französische Oberrabbiner Joseph Sitruk im November 2003, dass französische Juden Kappen tragen statt Kippas, um auf der Straße zu vermeiden angegriffen zu werden.[91]

Das Problem ist zu einem europäischen geworden. In Saloniki trägt Rabbi Frisis auf der Straße eine Kappe. 2003 wurde er an einer S-Bahn-Station angegriffen und zusammengeschlagen. „Jemand kam herüber und ohne etwas zu sagen begann er auf mich einzuschlagen. Ich fing an zurückzuschlagen, um mich zu verteidigen; dann kamen andere Leute dazu und trennten uns zwei.“[92]

Ruben Vis, Sekretär der NIK, der Dachorganisation der holländischen aschkenasischen Gemeinde, sagte, er werde regelmäßig beleidigt, wenn er in der Öffentlichkeit eine Kippa trägt und manchmal in der Straßenbahn auch gestoßen. Er trägt seine Kippa nie in den westlichen und östlichen Stadtvierteln von Amsterdam und nur selten im Stadtzentrum – Orte, an denen es viele Holländer gibt, deren Eltern aus Nordafrika, hauptsächlich Marokko, einwanderten.[93]

Diejenigen, die ihre Identität nicht durch Abnehmen der Kippa verbergen wollen, werden zunehmend bedroht und/oder müssen ihre Gewohnheiten ändern. Jugendrabbi Menachem Sebbag berichtet, wie ein holländischer Jugendlicher marokkanischer Herkunft sich seiner Frau mit einem Schraubendreher näherte und sagte: „Ich werde dir das Herz herausschneiden.“ Sebbag, der einen marokkanischen Vater hat, versteht die arabischen Worte, wenn er beleidigt wird, z.B.: „Ich werde dich schlachten wie ein Schwein.“ Manchmal schreien sie ihm zu: „Sharon-Helfer, Mörder.“ Jetzt geht er so wenig außer Haus wie möglich und sagt: „Seit ich aufgehört habe raus zu gehen, habe ich weniger Probleme.“ Einmal wurde ihm eine Coca Cola-Dose an den Kopf geworfen.[94]

Gideon van der Sluis, der junge Kanotor einer Synagoge im Amsterdamer Pijp-Viertel, sagte einem Interviewer, dass er am Sabbat jedes Mal, wenn er mit seiner weißen Kippa an einer Pizzeria vorbei kommt, in der sich gewöhnlich marokkanische Jugendliche versammeln, die Gruppe ihn verflucht und ihm sagt: „Yahud, yahud [Jude auf Arabisch], dreckiger Krebs Yahud.“ Er fügt hinzu, dass dies ein großes Problem ist, das schlimmer wird. „Vor fünf Jahren war es viel, wenn man einmal im Jahr eine solche Bemerkung hörte. Jetzt passiert das jede Woche.“[95]

Vielfältige Einschüchterung

Die gewalttätigen Drohungen durch Einwanderer aus muslimischen Ländern sind nicht die einzige Art, in der Juden in Europa eingeschüchtert werden. Sie werden von ihren Mitbürgern oft für Israels Taten verantwortlich gemacht. Diese Leute währen sehr überrascht, wenn jemand sie für die Taten ihrer eigenen Regierungen verantwortlich machen würde, erst recht für die ihrer Glaubensbrüder oder Mit-Atheisten. In der antiisraelischen Atmosphäre halten einige Juden den Mund bezüglich ihrer Identifikation mit Israel und vermeiden ihre eigenen Regierungen zu kritisieren.

Der französische Soziologe Shmuel Trigano stellt fest, dass bewusste Juden in Frankreich sich als Ergebnis der antiisraelischen Atmosphäre zunehmend in jüdische soziale Kreise zurückziehen, die im Land vorherrscht. Er sagt, dass er regelmäßig Juden Dinge sagen hört wie: „Wir gehen nicht mehr mit unseren nicht jüdischen Freunden aus essen, wir treffen sie auch nicht mehr.“ Er erklärt, dass bei vielen Essen in der Stadt die Menschen aggressiv über Israel reden und damit über Juden. „Juden meinen dann, sie müssten Israel vor der übertriebenen Kritik verteidigen. Sie werden dann beschuldigt, die Helfer Sharons und der Gewalt zu sein. In diesem Licht entscheiden sich Juden solche Diskussionen und Treffen zu vermeiden.“[96]

Das gehört zu den vielen Zeichen der zunehmenden Einschüchterung der Juden in Europas demokratischen Gesellschaften, die viele andere Konsequenzen haben. Der amerikanische Akademiker Ari Goldman schreibt über seinen Besuch im Jüdischen Museum von Saloniki: „Am Museumseingang sind eine bewaffnete Wache, ein Stahltor und ein Summersystem. Der Museumsdirektor sagte, das Museum habe heutigentags wenig Besucher, besonders nach den Bombenanschlägen auf zwei Synagogen in Istanbul 2003, bei denen 20 Menschen getötet wurden.“ Einige Monate später erzählte der Museumsdirektor dem Autor dieses Artikels, nicht jüdische Schulen hätten zwar vor den Bomben von Istanbul das Museum besucht, würden aber seitdem nicht mehr kommen.[97]

Goldmann notiert, dass im Holocaust 50.000 der Juden Salonikis getötet wurden, was 97 Prozent der jüdischen Bevölkerung entspricht und kommentiert: „Nach all dem Hass [gegen amerikanische Juden], den ich von europäischen Akademikern zu hören bekam, würde ich gerne einige von ihnen hierher nach Saloniki bringen, um ihnen zu zeigen, wie Juden ohne politische Macht aussehen.“[98]

Der zweihändige Antisemitismus der EU

Kürzlich hat die Europäische Union einige Bemühungen unternommen, dem Antisemitismus entgegenzutreten. Doch sind ihre regelmäßige einseitige Verurteilung Israels über die Jahre ein integraler Teil der aufhetzenden Bemühungen gegen Israel gewesen, die die Ausbrüche des europäischen Antisemitismus voran trieben. Dies genauer zu beweisen würde eine systematische Analyse der Äußerungen der EU-Außenminister aus den letzten Jahren erfordern. In vielen Verurteilungen der israelischen Politik hat Frankreich eine führende Rolle gespielt, wie es insbesondere bei Abstimmungen in der UNO offensichtlich geworden ist.

Der Antisemitismus der Europäischen Union kann als zweiseitig beschrieben werden. Mit ihren aufhetzenden antiisraelischen Erklärungen spielt sie die Rolle des Brandstifters. Die EU dient aber auch als „Feuerwehrmann“, indem sie gleichzeitig versucht die Flammen des klassischen Antisemitismus zu ersticken. Das wird zunehmend klarer, so wie sich die Ereignisse entwickeln.

Ein Beispiel dafür, wie EU-Mitglieder Hetze verbreiten, fand am 15. April 2002 statt, als Schweden, Österreich, Frankreich, Belgien, Spanien und Portugal eine Resolution der UN-Menschenrechtskommission unterstützten, die – mit den Worten des SWC – „den palästinensischen Terrorismus gut hieß und Israel beschuldigte, es betreibe ‚Massentötungen’ in den umstrittenen Gebieten.“[99]

Solche Stellungnahmen sollten im weiteren Rahmen der insgesamt verzerrten europäischen Haltung gegenüber Israel gesehen werden. In einem Interview sagte der israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein: „Die Israelis hoffen ihre Beziehung zu Europa zu normalisieren. Bisher ist diese Beziehung nicht normal gewesen. Die Beziehungen sind von den Europäern immer als Waffe genutzt worden. Wenn Israel tut, was Europa will, dann werden wir belohnt. Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, wird Israel mit Sanktionen gedroht. Auf diese Art und Weise behandelt man keinen Staat, der ein Interesse daran hat, dass Europa sich im Nahen Osten engagiert…“ Er fügte aber an, dass die deutsche Regierung sich anders verhält.[100]

Die Brandstifter/Feuerwehrmann-Zwiespältigkeit der EU und vieler ihrer Mitglieder wurde anlässlich des Todes von Yassir Arafat gut illustriert. Ein extremes Beispiel war die außergewöhnliche Ehre, die der französische Präsident Jacques Chirac der Erinnerung eines Mannes erwies, der ein Pionier des zeitgenössischen weltweiten Terrors war und auch für die Tötung französischer Staatsbürger in Israel zahlte. Während die Holländer nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh durch den muslimischen Extremisten Mohammed Boyeri ihre Entschiedenheit verkündeten den Terrorismus zu bekämpfen, sandten Königin Beatrix und Premierminister Balkenende Kondolenztelegramme an Suha Arafat. Als der britische Außenminister Jack Straw kürzlich den Nahen Osten besuchte, legte er eine Girlande roter und goldener Chrysanthemen auf Arafats Grab in Ramallah und unterschrieb das Kondolenzbuch. Ein hochrangiger israelischer Diplomat wird anonym mit den Worten zitiert: „Wenn du einen Kranz an jemandes Grab ablegst, identifizierst du dich mit dem, woran die Person glaubte.“[101] Gleichzeitig verkünden die europäischen Führer ständig die Notwendigkeit eines effektiveren Kampfes gegen den Terrorismus.

Schwedens Heuchelei

Ein typisches Beispiel der europäischen Heuchelei ist die sozialdemokratische Regierung Schwedens unter Goran Persson. Er war die treibende Kraft hinter dem Projekt zu Holocaust-Bildung, die aus dem Internationalen Forum zum Holocaust in Stockholm im Januar 2000 entstand. Zur gleichen Zeit haben Persson und besonders einige Mitglieder seiner Regierung Israel weit schärfer kritisiert als Terrorstaaten.

Die Heuchelei dieser Kritik sollte auch vor dem Hintergrund von Schwedens nicht existierender Geschichte der Verfolgung von Kriegsverbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg betrachtet werden. Gegen schwedische Täter ist nicht einmal ermittelt worden, obwohl hunderte Schweden SS-Freiwillige waren, von denen einer im Vernichtungslager Treblinka diente. Nach 1944 fanden führende baltische Kriegsverbrecher bereitwillige Aufnahme in Schweden – mit Wissen der schwedischen Regierung. Sie lebten dort viele Jahrzehnte lang. Die schwedischen Archive zu diesen Fragen bleiben geschlossen.[102]

Eine kürzlich erfolgte Studie zum arabischen und muslimischen Antisemitismus in Schweder schloss, dass diese Vielfältigkeit „anders als der Antisemitismus, der traditionell seinen Ausdruck in Nazi-Kreisen findet, in der öffentlichen Diskussion weder erwähnt noch in irgendeiner Weise hervorgehoben wird. Im Gegenteil, sie wird in den Medien und durch das politische, akademische und intellektuelle Establishment aktiv vertuscht, entschuldigt oder sogar geleugnet.“[103]

Freivalds Besuch in Israel

Eine weitere Demonstration der schwedischen Heuchelei fand statt, als Außenministerin Laila Freivalds im Juni 2004 nach Israel kam. Zuerst besuchte sie Yad Vashem, dann kritisierte sie Israel bei einem Treffen im Außenministerium heftig. Sie schwieg zum derzeitigem schwedischen Antisemitismus. Diese Technik, toten Juden die Ehre zu erweisen, Israel zu kritisieren und die wichtigen Vergehen des eigenen Landes gegenüber den Juden zu ignorieren oder verharmlosen, ist ein übliches europäisches Phänomen.

Angelegentlich dieses Besuchs schickten vier ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Stockholms einen Brief an den Herausgeber von „Ha’aretz“, in dem sie den zeitgenössischen schwedischen Antisemitismus zusammenfassten. Der Brief lobte Schweden erst einmal, weil es Juden aufnahm, die im Zweiten Weltkrieg vor dem Holocaust flohen und dann Premierminister Persson dafür, dass er das Living History Project initiierte.

Dann fuhren sie fort:

Die Zahl der verbalen und physischen Angriffe auf Juden hat in Schweden zugenommen. Jugendliche in Schulen bezeugen, wie sie die Tatsache verbergen, dass sie Juden sind, da sie sowohl verbal als auch körperlich angegriffen wurden. Lehrer bezeugen, dass Schüler sich weigern am Unterricht teilzunehmen, wenn das Judentum gelehrt wird. Überlebende berichten von Angstgefühlen. Die Polizei steht passiv daneben, wenn Extremisten pro-israelische und antirassistische Demonstrationen angreifen.

Sie fügten hinzu: „Über die letzten Jahrzehnte ist Schweden ein Zentrum rassistischer und antisemitischer White Power-Musik geworden und einige antisemitische Gruppen haben schwedische Internetseiten eingerichtet, die antisemitische Propaganda verbreiten. Die schwedische Kirche hat erst kürzlich eine Boykott-Kampagne [gegen Israel] initiiert, was an den wirtschaftlichen Boykott von Juden in verschiedenen Gesellschaften der Vergangenheit erinnert.“[104]

Schulbücher und geneigte Köpfe

Der Politikwissenschaftler Yohanan Manor hat viele nahöstliche Schulbücher studiert. Er sagt: „Die Europäische Union hat eine enorme Verantwortung für die Verwandlung des palästinensischen Bildungssystems in eine Kriegsmaschine gegen den Oslo-Prozess. Und das trotz der Tatsache, dass sie exzellente Mittel hatte um sicherzustellen, dass die palästinensische Bildung dem Prozess des Friedens dienen sollten und zur Dauerhaftigkeit des historischen Kompromisses beiträgt, der erzielt worden war.“

Manor schließt, dass die Europäische Union, trotz der finanziellen Hilfe, die sie und ihre Mitgliedsländer der Palästinensischen Autonomie gaben, es ihre Aufsichtsrolle zu den Schulbüchern vernachlässigte.[105]

Etwas weniger weit zurückliegend, als klar wurde, dass der Antisemitismus in Europa weit verbreitet war und zunehmend gesagt wurde, dass europäische Führer dazu beigetragen hatten, gaben sich einige europäische Führer alle Mühe eine positivere Haltung den Juden und – gelegentlich – den Israelis gegenüber zu zeigen. In österreichischen Zeitungen wurden ein Foto des aschkenasischen Oberrabbiners Yonah Metzger veröffentlicht, wie er seine Hände zum Segen auf den geneigten Kopf des österreichischen Präsidenten Thomas Klestil legte. Das fand auf einem Rabbiner-Treffen statt, das von der Chabad-Bewegung organisiert wurde. Für dieses Ereignis flog der Vorsitzende der Europakommission, Romano Prodi, extra von Brüssel ein, um in der Einweihung der ersten jüdischen Lehrer-Ausbildungsanstalt in Wien seit dem Holocaust teilzunehmen.[106]

Chriac: Ein Musterbeispiel der Ambivalenz

Der französische Präsident Chirac ist ein Musterbeispiel der europäischen Ambivalenz gegenüber den Juden. Her leugnete das Vorhandensein des Antisemitismus in Frankreich bis Ende 2003. Diese Missachtung der Tatsachen, wie sie regelmäßig von europäischen Persönlichkeiten geäußert wurde – ein weiteres Phänomen, das den europäischen Antisemitismus begleitet – verdient eine detaillierte Untersuchung.

In Frankreich – dem Land mit der höchsten Anzahl gewalttätiger Vorfälle – haben Top-Poplitiker diese Haltung eine lange Zeit beibehalten und versucht die Vorfälle als Rowdytum darzustellen. Erst im November 2003, nach einem weiteren Brandanschlag auf eine jüdische Einrichtung (eine Privatschule) machte Chirac plötzlich kehrt und sagte, dass Frankreich den Antisemitismus bekämpfen müsse.

Eine weitere Perspektive auf Chirac wurde von Israel Singer aufgedeckt, dem Vorsitzenden des Exekutivrats des Jüdischen Weltkongresses. Er erinnert sich, dass Chirac ihm vor ein paar Jahren sagte, die Juden seien die Ursache des Antisemitismus in Frankreich und überall stons.[107]

Marvin Hier, Gründer und Dekan des SWC, erzählt von einem Treffen mit Chirac im Mai 2003:

Wer waren damals in Paris auf einer Konferenz zu Antisemitismus und dem Kampf für Toleranz, die im internationalen Hauptquartier der UNESCO zusammentrat und von dieser UNO-Einrichtung und dem SWC mit gesponsert wurde. Der französische Präsident sagte uns, es gäbe keinen Antisemitismus in Frankreich; es seien einige junge Hooligans, die die Juden angegriffen hätten. Wir erwiderten, dass viele französische Juden – insbesondere in den Pariser Vororten und den Provinzen – uns anderes erzählt hätten und dass der Antisemitismus in Frankreich wuchere.

Chirac lädt zukünftigen Massenmörder ein

Hier fuhr fort:

Chirac erwähnte dann einen Stopp während seines Wahlkampfs um die Präsidentschaft im Frühjahr 2002. Er schüttelte einem jungen Mann die Hand, der ihm sagte, er habe gerade sein Studium in Frankreich abgeschlossen. Chirac fragte ihn: „Werden Sie weiter studieren?“ Er antwortete: „Nein, ich gehe zurück in mein Land, Palästina“, und fügte hinzu: „Ich werde Juden töten, so bald ich aus dem Flugzeug steige.“

Der Präsident sagte, er könnte die Unterhaltung nicht fortsetzen, da so viele weitere Leute ihm die Hand schütteln wollten. Er bat einen Helfer, diesen zukünftigen Massenmörder zum Mittagessen in seine Residenz im Elysee-Palast einzuladen. Als der junge Man zum Essen kann, erzählte er dem Präsidenten, dass er Mitglied einer fundamentalistischen islamischen Gruppe war. Chirac fragte ihn: „Warum wollen Sie Juden töten?“ Er sagte: „Ich bin kein isalmischer Fundamentalist, aber die Juden haben uns gedemütigt.“ Dann sagte Chirac unserer Delegation: „Sie sehen, es ist nicht nur der Fundamentalismus. Die Leute berücksichtigen die Demütigung der Palästinenser nicht.“

Ich antwortete: „Herr Präsident, mit dem größten Respekt: ich bin sicher, Sie würden nicht den kleinsten Schritt von der Politik Ariel Sharons abweichen, wenn es französische Cafés, Busse oder Hotels wären, in denen die Bomben hoch gehen. Wie Israel würden Sie Ihrer Armee befehlen die Terroristen zu jagen und Hubschrauber zu benutzen. Natürlich hätten Sie das Recht das zu tun, da Ihre erste Verpflichtung die Sicherheit der Bürger Ihres Landes ist. Ich denke, die Palästinenser werden vor allem von ihren despotischen Führern gedemütigt, die es unterließen die Gelegenheit zu akzeptieren, als Barak ihnen ein großzügiges Friedensangebot machte. Sie nahmen es nicht an, weil sie Israel vernichten wollten.“

Wir diskutierten auch Frankreichs Rolle in Europas Ablehnung die Hamas als Terrororganisation zu bezeichnen, was sie damals immer noch verweigerten. Wir sagten ihm, dass wir dachten ihr Verhalten sei empörend. Es war eine harte Unterhaltung und am Ende stimmten wir darin überein, dass wir in allen wichtigen Punkten nicht überein stimmten. Er sagte, er würde mit ganzem Herzen dafür kämpfen den Antisemitismus in Frankreich zu verhindern, aber dass es keine gäbe.

Nachdem wir den Elysee-Palast verließen, gingen wir auf einen Empfang im Haus des Baron David de Rothschild. Zwei unserer Gruppe verpassten den Bus und nahmen ein Taxi. Sie trugen Kippot und waren gerade vor dem Haus von Baron de Rothschild, als einige Leute begannen sie zu beleidigen; sie sagten Dinge wie: „Raus aus Frankreich, ihr Juden.“ Das eine „eloquente“ Antwort auf Chiracs eingebildete Behauptung es gäbe keinen Antisemitismus in Frankreich.[108]

Es gibt einen weiteren wichtigen Aspekt zu dieser Geschichte: Welcher Führer eines demokratischen Staates lädt einen erklärten zukünftigen Mörder in seine Residenz ein? Man könnte dies noch hinzufügen: Welcher Präsident einer Demokratie nimmt an der Beerdigung eines Massenmörders teil? Als der syrische Präsident Hafez el-Assad – dessen Regime 20.000 Einwohner, hauptsächlich Zivilisten, nach einem Aufstand in der syrischen Stadt Hama ermordete – im Juni 2000 starb, war Chirac das einzige westliche Staatsoberhaupt, das nach Damaskus flog.[109]

Französische Sympathien

Die derzeitige weltweiter Welle des Antisemitismus zeigt, dass derartige Äußerungen, die in der Vergangenheit auf Extremisten beschränkt sein gewesen sein mögen, inzwischen in die europäische Mainstream-Gesellschaft durchdrungen hat. In Frankreich mag das stärker zum Ausdruck kommen als andernorts in Europa, wo es aber nicht weniger gefährlich ist.

Trigano sagt, dass französische Mulime zwar eine wichtige Kraft in den gewalttätigen antijüdischen Angriffen sind, „aber in Frankreich ein Antisemitismus besteht, der nichts mit den Islamisten zu tun hat. Der neue Antisemitismus, verkleidet als Antizionismus, ist in der extremen Rechten wie Linken sehr präsent; beide bekamen in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen von 2002 jeweils 20 Prozent der Stimmen.“[110]

Der französische Antisemitismus findet in der negativen Sichtweise der meisten Franzosen zu Israel eine fruchtbare Infrastruktur vor. In einer im April 2004 in Frankreich durchgeführten Umfrage für das L’Institut Français de Tel Aviv äußerten die Befragten ihre größte Sympathie unter den zehn Ländern, zu denen sie befragt wurden, für zwei nicht demokratische Länder: 68% hatten Sympathie für Ägypten, 16% keine; für Marokko betrugen die Zahlen jeweils 69% und 20%.

Nächster in der Rangfolge war Russland mit 53% Sympathie und 33% nicht. Dann kam der Libanon mit 47% und 33%, gefolgt von Palästina – der Fragebogen stellte es als Land dar – mit 45% und 38%, gefolgt von Jordanien mit 40% und 37%. Die verbleibenden Länder wurden negativ bewertet: 43% betrachten die USA mit Sympathie, während 49% das nicht tun; für Israel betrugen die Werte 38% und 48%; die letzten beiden Stellen belegten Syrien mit 32% und 44% und der Iran als Letzter mit 25% und 61%.[111]

Französische Sprecher beanspruchen für ihr Land eine Führungsrolle bei Europas Kampf gegen den Antisemitismus. Z.B. sagte Nicole Guedj, französische stellvertretende Ministerin für Opferrechte, bei einer internationalen Konferenz zum Antisemitismus in Jerusalem: „Ich hoffe, dass unser Beispiel, unser konsequentes Handeln, andere Staaten inspirieren wird.“[112] Als sie wegen der aufrührerischen Rolle Frankreichs gegen Israel in der Vergangenheit heftig kritisiert wurde, antwortete sie, dass Juden auf die Zukunft richten sollten. Einige Wochen später ehrte Frankreich Arafat außerordentlich, vor wie nach seinem Tod.

Leugnung und Kehrtwendung

Es hat von europäischen Führern beträchtliches Leugnen des Vorhandenseins von Antisemitismus gegeben. Im Juni 2003 wurde der Chef der EU-Außenpolitik, Javier Solana, von Mitgliedern des US-Kongresses kritisiert, weil er den Antisemitismus leugnete.[113] Selbst noch im Dezember 2003 spielte der EU-Botschafter in Israel, Giancarlo Chevallard, den europäischen Antisemitismus herunter.[114] Bis zu März 2004 machte er endlich eine Kehrtwende und sagte: „Sorge über antisemitische Entwicklungen in Europa ist absolut legitim.“[115]

Ende Februar 2004 leugneten zwei französische Elder Statesmen, ex-Premierminister Raymond Barre und der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors, im Fernsehen, dass es Antisemitismus in Frankreich gebe, wobei sie insbesondere Muslime und französische Schulen in ihre Stellungnahme einschlossen.[116]

Im November 2003 verkündete Präsident Chirac zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an Orten der Anbetung, schwere Bestrafung von antisemitischen Tätern und verstärkte Kurse in Staatsbürgerkunde an französischen Schulen.[117] Er hat diese Erklärung seitdem einige Male wiederholt. Chirac lud auch den israelischen Präsidenten Katzav zum Staatsbesuch nach Frankreich ein; der Besuch, der im Februar 2004 stattfand, wurde umfangreich publiziert.

Der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy, der den Ernst des Antisemitismus in Frankreich zugab, als Chirac ihn immer noch leugnete, hat beträchtliche Bemühungen unternommen die Sicherheitslage in Frankreich zu verbessern, seit er im Juni 2002 ernannt worden war. Er sagte Katzav, dass niemand seine jüdische Identität in Frankreich zu verbergen haben müsste.[118]

Obwohl Katzav während seines Besuchs das französische Engagement zur Bekämpfung des Antisemitismus lobte,[119] äußerte er sich nicht darüber, wie ernst die Lage war. Israelische Politiker, die derart einseitige Erklärungen abgeben, fügen dem Kampf gegen den Antisemitismus Schaden zu; in erster Linie schädigen sie ihre eigene Glaubwürdigkeit.

Robert Wistrich stellte fest:

Antisemitismus kann nicht bekämpft werden, wo es hartnäckiges Leugnen gibt, dass das Phänomen überhaupt existiert, wie es in Frankreich bis vor etwa einem Jahr geschah. Ich erinnere mich immer noch an das unglaubliche Spektakel, wie der Präsident der französischen Republik erklärte, das es „keinen Antisemitismus in Frankreich“ gäbe, wobei Herr Shimon Peres (damals Außenminister von Israel) neben ihm stand und zustimmend nickte. Das war vor den letzten französischen Präsidentschaftswahlen (im Frühjahr 2002), zu einer Zeit, als Synagogen und Gemeinschaftszentren in Flammen aufgingen, Schulen und jüdische Studenten angegriffen wurden und einzelne Juden in einem seit 1945 nicht da gewesenen Maße belästigt wurden.[120]

Der französische Antisemitismus steigt weiter an

Einige Wochen nach Katzavs Besuch wurde dies wieder klar, als fünf prominente französische Intellektuelle, darunter drei Nobelpreis-Gewinner, in der Tageszeitung „Libération“ einen Aufruf an die Lehrer und Schulleiter der französischen Schulen veröffentlichten, keinen Antisemitismus zu erlauben.[121] Seitdem hat es viele weitere antisemitische Vorfälle in Frankreich gegeben und die offiziellen Zahlen deuten an, dass trotz all der verspäteten Bemühungen der Antisemitismus in Frankreich 2004 weiter im Steigen begriffen ist.

Die israelische Haltung zum Antisemitismus in Frankreich – oder sollte man sagen: zum französischen Antisemitismus – bleibt verwirrend. Gegen Ende August 2004 wurden ein weiteres Gebäude in Paris angezündet, das jüdische Sozialzentrum in der Rue Popincourt. Später stellte sich heraus, dass der Brandstifter ein obdachloser Jude war. Der israelische Außenminister Silvan Shalom kam extra nach Paris, um sich mit Innenminister Dominique de Villepin und Außenminister Michel Barnier zu treffen. Diese zwei Offiziellen kündigten einmal mehr die Absicht der französischen Regierung an den Antisemitismus zu bekämpfen.

Shalom gab dem Wunsch Ausdruck, dass diese Worte in die Tat umgesetzt werden würden. Während seines Aufenthalts in Paris schwieg er jedoch darüber, dass Frankreich eine führende Rolle bei der europäischen Unterstützung der diskriminierenden UN-Resolutionen spielte, mit denen Israels Sicherheitszaun verurteilt wurde. Es ist nicht schwer zu sehen, welche Signale Frankreichs Rolle bei der UNO den Antisemitismus im Land gibt.[122]

In der Zwischenzeit steigt die Zahl antisemitischer Taten in Frankreich weiter an. Nach dem Feuer im jüdischen Sozialzentrum traf sich Oberrabbiner Sitruk mit Justizminister Dominique Perben, um das allgemeine Problem zu diskutieren. Es stellte sich heraus, dass das Ministerium vom 1. Januar bis zum 20. August 2004 298 antisemitische Taten registriert hatte, ein Anstieg in der Größenordnung von 100 Prozent, verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres. Von diesen Taten richteten sich 162 Anschläge gegen Immobilien, 69 betrafen antisemitische Publikationen und 67 betrafen Aggressionen oder Beleidigung von Personen. In 80 Prozent dieser Fälle waren die Täter noch nicht identifiziert.[123]

Griechenland – in Westeuropa am schlimmsten?

Unter den schon vor 2004 zur EU gehörenden Mitgliedsstaaten ist es in Griechenland, wo der derzeitige verbale Antisemitismus – und allgemeine Fremdenfeindlichkeit – vermutlich am schlimmsten ist. Das politische und das Medienklima im Land ist förderlich für eine weite Bandbreite antisemitischer Aktivitäten. Während in vielen europäischen Ländern ein Großteil des gewalttätigsten Antisemitismus aus arabischen und muslimischen Gemeinden kommt, ist das in Griechenland nicht der Fall. Es ist ein homogenes Land, das zu mehr als 98% der Bevölkerung ethnischen Griechen besteht.

Moses Altsech, in Griechenland geboren und jetzt Akademiker in den USA, hat lange den Antisemitismus in seinem Geburtsland untersucht. Er erklärt: „Antisemitismus geschieht in Griechenland nicht nur unter extrem Rechten und Linken, sondern ist in der normalen griechischen Gesellschaft eingebettet. Er äußert sich auf viele Weisen: in einem religiösen Zusammenhang, in der Bildung, in der Anwendung der Gesetze, in den Medien wie auch durch politisch motivierten Antisemitismus in den großen Parteien.“[124]

Er fügt hinzu:

In Griechenland muss man keine Zeitungen kaufen, um ihre antisemitischen Bemerkungen zu lesen. Viele Kioske hängen solche Zeitungen den ganzen Tag mit Klammern an einem Draht auf, Wochenblätter hängen dort die ganze Woche. Man kann auf diese Weise die Titelseite lesen, egal, ob man das Blatt tatsächlich kaufen will oder nicht. Manchmal ist diese Seite eklatant antisemitisch. „Stochos“ brachte sogar die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Serie. Daher muss man nicht länger das Buch kaufen, das ohnehin in griechischen Buchläden zu finden nicht sonderlich schwer ist.[125]

Ein weiterer Beobachter der griechischen Szene, Andrew Apostolou, erwähnte, dass es nach dem 11. September 2001 viele antisemitische Äußerungen in Griechenland gab, die von Journalisten weit gehend nicht berichtet wurden. Er stellte fest, dass es kein anderes Land gibt, wo die israelische Botschaft zweimal offizielle Gegendarstellungen arabischer Vorwürfe ausgeben musste, dass Juden gewarnt worden wären, an diesem Tag nicht ins World Trade Center zu gehen.[126]

Antisemitische Graffiti

Es gibt in Griechenland zahlreiche antisemitische Graffiti. Holocaust-Denkmäler und jüdische Friedhöfe werden regelmäßig verwüstet. Hakenkreuze tauchen periodisch auf. Antisemitische Karikaturen sind auch in den Mainstream-Median üblich. Ein Beispiel von vielen war die in der Pasok-Tageszeitung „Eleftherotypia“, in der eine Frau einen Mann nach der Tötung von Scheik Yassin fragt: „Warum haben die Juden einen religiösen Führer getötet?“ Der Mann antwortet: „Sie üben für Ostern.“[127]

Dieselbe Zeitung brachte im April 2002 eine Karikatur mit dem Titel „Holocaust II“. Sie zeigte einen fetten israelischen Soldaten, der sein Gewehr auf eine dürre arabische Frau mit erhobenen Händen richtet und darunter das berühmte Bild des Kindes aus dem Warschauer Ghetto mit erhobenen Händen. Der Text dazu: „Sharons Kriegsmaschinerie versucht einen neuen Holocaust zu verüben, einen neuen Völkermord.“[128]

Während das Wort Jude in vielen Ländern Europas ein Comeback als abschätziges Wort gefeiert, aber in Griechenland ist es nie fort gewesen. Pasok-Kreise wie auch die derzeit regierende rechts der politischen Mitte liegenden Neuen Demokratischen Partei haben diese Ausdrücke gebraucht. Im März 2004 beschuldigte die der Pasok nahe stehende Tageszeitung „Avriani“ den abgehenden Premierminister Costas Simitis, er habe die Parteiführung seinem Nachfolger, George Papandreou nicht übergeben hatte, um die Wahlniederlage zu vermeiden. Die Zeitung bezeichnete ihn als „den Juden Simitis“.[129] So weit bekannt ist, hat er keine jüdischen Vorfahren.

Im Jahr 2000 bezeichnete ein Abgeordneter der Neuen Demokratischen Partei, Gerassimos Yakoumatos, im Parlament den damaligen Premierminister Simitis als „den ersten Hohepriester des Judentums“. Lange hatte die Neue Demokratische Partei einen Abgeordneten namens Geroge Karatzaferis, der regelmäßig antisemitische Bemerkungen machte. Die Partei schloss ihn erste aus, weil er eine homosexuelle Beziehung zwischen ihrem Vorsitzenden und heutigen Premierminister Kostas Karamanlis und seinem Pressesekretär andeutete.[130]

2002 griff Karatzaferis Simitis an, weil der unfähig war Griechenlands Interessen zu verteidigen – wegen seiner (angeblichen) jüdischen Herkunft. Er sagte auch, dass die Juden hinter den Anschlägen vom 11.9. stünden.[131] Karatzaferis betreibt auch einen antisemitischen Fernsehsender und ist heute der Kopf einer kleinen rechts gerichteten Partei, LAOS, die den Wahlen zum Europaparlament vom Juni 2004 einen Sitz gewann.

Seit einiger Zeit hat das SWC „erkennbare Juden“ angesichts der zahlreichen antisemitischen Vorfälle in dem Land vor Reisen nach Griechenland gewarnt. Es wiederholte seine Warnung nach den Parlamentswahlen vom März 2004, als die Neue Demokratische Partei an die Macht kam.[132]

Internationale Konferenzen

Nach ein paar Jahren intensivierter antisemitischer Ausbrüche in Europa – aber nicht nur dort – schafften es die jüdischen Organisationen einige internationale Organisationen zu überzeugen eine Konferenz zum Thema abzuhalten. Die erste was die im Juni 2003 durch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die in Wien statt fand. Diese Körperschaft hat 55 Mitgliedsstaaten, darunter – zusätzlich zu den europäischen Ländern – die USA, Kanada und Russland.

Die Amerikaner und die jüdischen Organisationen bestanden darauf, dass der Antisemitismus als besonderes Thema behandelt wird. Wistrich, der vor der Konferenz sprach, schrieb hinterher:

Den Europäern widerstrebte es deutlich den Antisemitismus als eigenständiges Thema zu behandeln und wollten ihn lieber unter der allgemeinen Überschrift des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung ansprechen. Man konnte anhand er Äußerungen des holländischen Vorsitzenden den kaum verborgenen Wunsch fühlen, die Sache mit den Juden hinter sich zu bringen, damit die „politisch korrekteren“ Fragen des Kampfes gegen Rassendiskriminierung und Islamphobie behandelt werden konnten. Das war, denke ich, die Haltung viele Staaten West- und Zentraleuropas (einschließlich Großbritanniens und Frankreichs), die, hätte man sie ihre eigenen Pläne verfolgen lassen, vermutlich ohnehin niemals eine solche Veranstaltung initiiert hätten. Die bemerkenswerteste Ausnahme waren die Deutschen, die zur Freude von Herrn Giuliani und der amerikanischen Delegation eine Folgekonferenz in Berlin im nächsten Jahr versprachen.[133]

Die OSZE hat seitdem weitere Konferenzen zum Thema veranstaltet. Die größte fand in Berlin am 28./29. April 2004 statt und schloss mit einer gemeinsamen Erklärung der teilnehmenden Länder. Diese „Berliner Erklärung“ verurteilte alle Erscheinungsformen des Antisemitismus und die Staaten verpflichteten sich „danach zu streben sicherzustellen, dass ihre Rechtssysteme eine sicherer Umwelt, frei von antisemitischer Belästigung, Gewalt oder Diskriminierung in allen Bereichen des Lebens zu fördern.“[134]

Im Mai 2003 trat eine Konferenz zu Antisemitismus und dem Kampf für Toleranz im UNESCO-Hauptquartier in Paris zusammen, die von dieser und dem SWC mit gesponsert wurde. Im Februar 2004 fand unter der Schirmherrschaft der Europäischen Kommission, des Europäischen Jüdischen Kongresses und der Konferenz Europäischer Rabbiner ein Seminar zu Antisemitismus in Brüssel statt.

Im Juni 2004 fand in Paris eine weitere OSZE-Konferenz statt, die sich damit beschäftigte, wie die Ausbreitung von rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Propaganda im Internet zu bekämpfen ist. Noch eine weitere Konferenz zu Rassismus fand im September 2004 in Brüssel statt.

Zusätzlich hielt die UNO eine Konferenz zum Thema im Juni 2004 ab, auf der ihre Generalsekretär Kofi Annan sprach. Das kam drei Jahre nach der UN-Antirassismus-Konferenz in Durban mit der Explosion des Antisemitismus.

Welchen Zweck haben diese Konferenzen? Die ADL pries die Berliner Erklärung als „das Ende der europäischen Leugnung.“[135] Ob es mehr als das sein wird, wird sich mit der Zeit ergeben. Was jedoch klar ist: diese europäische Leugnung fand Jahre lang statt, während die Zahl der antisemitischen Vorfälle anstieg. Daher gibt es im Kampf der europäischen Regierungen gegen Antisemitismus einen großen Nachholbedarf. Wahrscheinlich ist das Beste, was man sich für die unmittelbare Zukunft erhoffen kann, dass die Lücke zwischen den antisemitischen Entwicklungen und dem, was in Europa zu ihrer Bekämpfung getan wird, sich nicht weiter vergrößert.

Einige jüdische Führer glauben, dass die Berliner Erklärung es ihnen ermöglicht Staaten zur Rechenschaft zu ziehen, wenn die nicht tun, zu was sie sich bereit erklärt haben. Solch ein Prozess ist jedoch von Natur aus ein langsamer. Andererseits besteht das Risiko, dass diese Konferenzen die europäischen Führer in die Lage versetzt den Eindruck zu erwecken, dass sie den Antisemitismus bekämpfen, während sie in Wirklichkeit wenig tun.

Was ist zu tun?

Die o.g. Studie für die EUMC empfiehlt eine Vielzahl von kombinierten Aktivitäten zur Bekämpfung des Antisemitismus. Dazu gehört die Entwicklung zuverlässiger Daten und Informationen zu antisemitischen Phänomenen, die dadurch erreicht werden kann, dass staatliche Institutionen Antisemitismus in den einzelnen EU-Ländern beobachten. Das ist ein vorrangiges Ziel, denn so lange antisemitische Anschläge in den allgemeinen Verbrechenszahlen vernebelt werden, kann man nicht einmal das grundlegendste Verständnis dafür bekommen, wie ernst das Problem ist.

Der EUMC-Bericht schlägt auch vor, dass die Zivilgesellschaft Dialoge unternimmt, während die Medien „angesprochen werden müssen über ethnische und kulturelle Gruppen in verantwortlicher Weise zu berichten“. Zusätzlich empfiehlt der Bericht eine Vielzahl von Aktionen auf der politischen Ebene vor, darunter Schritte in der Gesetzgebung und der Bildung.[136]

Viele andere Aspekte könnten noch angeführt werden. Hass-Verbrechen sollten schwer bestraft und Maßnahmen sollten gegen Schüler ergriffen werden, die es unmöglich machen, in den Holocaust in der Schule zu lehren.

So wichtig solche Aktionen auch sein mögen, das Hauptproblem ist das politische und Medien-Klima in Europa. Der erste wichtige Schritt wäre, dass die europäischen Regierungen ihre diskriminierenden Statements gegen Israel einstellen. Man sollte jedoch nicht zu hoffnungsvoll sein, denn es wird schwierig werden ungeschehen zu machen, was so lange indirekt voran getrieben wurde. Dies um so mehr, da das den lange bestehenden Elementen des Antisemitismus in der europäischen Kultur hinzugefügt werden muss.

Verschiedene optimistische Beobachter sagen, dass sich alles wieder beruhigt, wenn ein „gerechter Frieden mit den Palästinensern“ erreicht wird; wobei sie die völkermörderischen Absichten beträchtlicher Teile der palästinensischen Bevölkerung und Führung ignorieren. Wenn ein Frieden oder ein zeitweiser Waffenstillstand erreicht wird, mag das insofern helfen, als der linksextreme Antisemitismus ein wenig abgelenkt wird, um andere Aspekte der westlichen Gesellschaft zu untergraben. Diese Haltung ignoriert jedoch die Tatsache, dass die arabischen Hass-Kampagnen gegen den Westen, einschließlich der Juden, einen ideologischen Hintergrund haben, der weit über die Palästinenserfrage hinaus geht.

Eine pessimistischer Sicht dazu, dass die westliche Wahrnehmung sich der Realität annähert, wird vom amerikanischen Islam-Experten Daniel Pipes geäußert, der sagte: „Die Abneigung der Europäischen Union die Muster der antijüdischen Feindseligkeit entgegenzutreten, die von muslimischen Gruppen, Medien und Bildungsinstitutionen ausgeht, ist Jahrzehnte alt. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Europäer den Mut haben, diesem Problem angemessen entgegenzutreten. Man könnte einen größeren jüdischen Exodus aus Europa erwarten, vielleicht wie der von vor 50 Jahren aus muslimischen Ländern.“

Pipes sagt voraus, dass in dem Maß, wie die Angriffe der Islamisten weiter gehen, die Menschen wach gerüttelt werden. „Diese Anschläge werden die Leute wecken. Ich erwarte, dass es ein Einbahnstraßen-Prozess dessen sein wird, was ich ‚Erziehung durch Mord’ nenne.“ Sorgen über den radikalen Islam, so prophezeit er, werden sich verstärken: ich erwarte nicht, dass viele sagen werden: ‚Nun, ich haben mich immer wegen die Bedrohung durch den militanten Islam gesorgt, aber das ist vorbei.’ Im Lauf der Zeit und mit weiteren Vorfällen wird ihre Bewertung realistischer werden.“ Obwohl Pipes sich ausdrücklich auf Amerikaner bezog, könnte ein ähnlicher Prozess, wenn auch langsamer, in Europa stattfinden.[137]

Die derzeitige Realität ist etwas anders. Es gibt Hinweise, besonders in Frankreich, dass eine bedeutende Anzahl Juden in Betracht zieht das Land angesichts der vielen antisemitischen Vorfälle und der Unfähigkeit der Behörden die Täter zu identifizieren, sie vor Gericht zu stellen und zu verurteilen. Andererseits geht der Zuzug russischer Juden nach Deutschland weiter.

Was sollten die Juden tun?

Der europäische Antisemitismus ist so stark und drückt sich auf so viele Arten aus, dass jüdische Organisationen sich nicht länger darauf beschränken sollten gegen Einzelfälle solchen Rassismus zu protestieren. Ein systematischer „Europa-Watch“ zur Beobachtung extremer Politiker, Institutionen, Medien und Intellektuellen sollte initiiert werden.

Obwohl jüdische Bemühungen den europäischen Antisemitismus nicht auslöschen können, können sie ihn zu einem gewissen Maß mäßigen, indem die Methoden und Vorgehensweisen der Judenhasser aufgedeckt werden. Weiterhin können jüdische Organisationen mögliche Verbündete mobilisieren, die sonst schweigen, aber, wenn sie Teil einer Gruppe sind, einigen der antisemitischen Wellen gegensteuern können.

Der europäische Antisemitismus muss genau beobachtet werden, wie sich die Dinge entwickeln werden. Das ist nicht nur im Interesse der Juden, sondern von denen der europäischen Demokratie im Allgemeinen. Den Europäern das bewusst zu machen ist ein weiterer Schritt im Kampf gegen den Antisemitismus.

Schlussfolgerung

Die Haltung gegenüber den Juden ist oft ein Indikator der Gesundheit einer Gesellschaft gewesen. Der derzeitige Antisemitismus in Europa ist so mannigfaltig und so weit verbreitet, dass es, um ihn zu verstehen, eines beträchtlichen Wissens zu den vielen komplexen Charakteristika und Entwicklungen der europäischen Gesellschaft bedarf.

Der Antisemitismus illustriert, dass Europa nicht ist, was es beansprucht und was es sein will. Er zeigt, dass viele der Wahrheit suchenden, humanitären und demokratischen Ansprüche Europas zum großen Teil Fassade sind. Dass viele Juden derart eingeschüchtert sind, dass sie versuchen ihre in der Öffentlichkeit ihre Identität zu verbergen, ist ein wichtiger neuer Vorwurf auf der langen Liste der Klagen gegen die europäischen Demokratien.

Die ursprünglich laufende Leugnung des Ausbruchs des Antisemitismus durch europäische Regierungen spiegelt den Zustand des die Wahrheit suchenden Europa wider. Dass die meisten Täter antisemitischer Vorfälle nie gefunden wurden, ist ein weiterer Indikator des schwachen Schutzes der bürgerlichen Freiheiten in diesen arroganten Demokratien. Dass so wenige der identifizierten Täter vor Gericht gestellt und noch weniger verurteilt werden, liefert einen Litmus-Test für den wirklichen europäischen Geisteszustand zum Rassismus, wie auch eine Anklage der europäischen Justiz.

Die Haltung der europäischen Regierungen gegenüber Israel, wie sie sich durch ihre einseitigen und diskriminierenden Erklärungen ausdrückt, passt zu mehreren der Kriterien des neuen Antisemitismus, wie er von Cotler definiert wird. Sie zeigt ebenfalls, wie Antisemitismus und Politik Hand in Hand gehen. Die zunehmende Zahl von Konferenzen, Erklärungen und sogar Aktionen gegen den Antisemitismus zielen darauf, die eine Seite des doppelten europäischen Gesichts zu stärken. So lange aber die wichtigen dunklen Aspekte des anderen Gesichts nicht reduziert und ausgelöscht werden, können die positiven Akte nicht rückgängig machen, was Europa aufhetzt. Europas doppelgesichtige Haltung ist ein Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Europas Antisemitismus und seiner Politik.

Es wird zunehmend deutlich, dass der Ausbruch des Antisemitismus der letzten Jahre in Europa ein Zeichen des rapiden moralischen Niedergangs des Kontinents ist. Es könnte viel länger dauern zu beweisen, dass das Gleiche für die europäische Haltung gegenüber Israel der Fall ist.

Weitere Vorfälle werden es eindeutig verdeutlichen, dass es beträchtliche Brutstätten des extremen Rassismus unter den islamischen Minderheiten in Europa gibt. Es besteht kein Zweifel daran, dass Europa die Bildung und Ausbreitung des Hasses durch die Palästinensische Autonomie finanziert hat. Weitere Beweise dürften nötig sein, um die Behauptungen zu untermauern, dass die Europäische Union de facto mit ihren Geldern auch den palästinensischen Terror gegen israelische Zivilisten unterstützte.

Inzwischen müssen die europäischen Juden wie auch Israel extrem aufpassen, dass sie nicht den vielen Mächten zum Opfer fallen, die sie angreifen. Diese müssen strategisch bekämpft werden.

Fußnoten:

[1] Dieses Essay ist eine erweiterte Version von „Anti-Semitism: Integral to European Culture“ vom selben Autor in: Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 19, 1. April 2004.

[2] Jonathan Sacks: The New Anti-Semitism. Haaretz, 8. September 2002.

[3] Douglas Davis: Sacks: Nobody Will Ever Forgive the Jews for Holocaust, Jerusalem Post, 16. Juni 2004.

[4] Simon Epstein: Cyclical Patters in Anti-Semitism: The Dynamics of Anti-Jewish Violence in Western Countries since the 1950s. Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, Nr. 2, Jerusalem 1999, S. 1.

[5] Richard Landes: What Happes when Jesus Doesn’t Come: Jewish and Christian Relations in Apocalyptic Time. Terrorism and Political Violence, Band 14, Frühjahr 2002. London 2002.

[6] Manfred Gerstenfeld: Europe’s Crumbling Myths: the Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism. Jerusalem (Jerusalem Center for Public Affairs, Yad Vashem, World Jewish Congress) 2003.

[7] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Bjarte Bruland und Irene Levin – Norway: The Courage of a Small Jewish Community; Holocaust Restitution and Anti-Semitism. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 10, 1. Juli 2003.

[8] Für ein Interview, s. Gerstenfeld: Europe’s Crumbling Myths.

[9] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Rabbi Abraham Cooper. Anti-Semitism and Terrorism on the Internet: New Threats. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 9, 1. Juni 2003.

[10] http://www.adl.org/special_reports/protocols/protocols_recycled.asp.

[11] Simon Wiesenthal Center, Presseerklärung: Easter Pogrom Hatemongering – Effigies, Desecration, Caricature: Greek Antisemitism Epidemic Persists. 20. April 2004.

[12] Michael Freund: Tackling Assimiliation and Anti-Semitism in Salonika. Jerusalem Post, 8. Februar 2004.

[13] Centre Simon Wiesenthal Europe: 25 Months of Anti-Semitic Invective in Greece: Timeline: March 2002-April 2004. Vorgelegt auf der OSZE-Konferenz zu Antisemitismus, 28-29. April 2004.

[14] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Moses Altsech: Anti-Semitism in Greece: Embedded in Society. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 23, 1. August 2004 (zitiert To Vima, 15. März 2001.)

[15] Greek Helsinki Monitor, Presseerklärung, 27. Juni 2004.

[16] Manifestations of Antisemitism in the European Union. Entwurf für das European Monitoring Center on Racism and Xenophobia (EUMC) vom Zentrum für Forschung zu Antisemitismus (ZFA) an der Technischen Universität Berlin, S. 17, http://www.eumc.eu.int/eumc/FT.htm, 2002.

[17] Robert Fife: UN Promotes Systemic Hatred of Jews, MP Says. National Post, 2. April 2002.

[18] Per Ahlmark: Det ar demokratin, dumbom! (Timbro, 2004), S. 307. (Schwedisch)

[19] http://www.jafi.org.il/agenda/2001/english/wk3-22/6.asp.

[20] Centre Simon Wiesenthal – Europe: 25 Months.

[21] Manifestations of Antisemitism, S. 17.

[22] Le Nouvel Observateur, 8. November 2001. (Französisch)

[23] Faisal al Yafai: Cleric Hits Back at Uniformed Critics. The Guardian, 12. Juli 2004.

[24] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Trevor Asserson: What Went Wrong at the BBC: A Public Monopoly Abusing Its Charter through Bias against Israel. Jerusalem Viewpoints, Nr. 511, 15. Januar 2004.

[25] AFP/Expatica, zitiert in JCPA, Daily Alert, 5. Dezember 2003.

[26] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Malcolm Hoenlein in: American Jewry’s Challenge: Addressing the 21st New Century (Lanham, MD.: Rowman & Littlefield).

[27] http://www.jafi.org.il/agenda/2001/english/wk3-22/6.asp.

[28] La Stampa, 3. April 2002. (Italienisch)

[29] Joel Kotek : La Belgique et ses Juifs, De l’antijudaisme come code culturel, à l’antisionisme comme religion civique. Les Etudes du Crif, 2004, S. 31. (Französisch)

[3ß] http://www.politicalcartoon.co.uk/html/exhibition.html.

[31] Ethnos, 7. April 2002. (Griechisch)

[32] El Pais, 7. Juli 2004. (Spanisch)

[33] Giles Foden/John Mullan: „When Authors Take Sides“. The Guardian, 27. April 2002.

[34] AP: Author Compares Palestinian City to Nazi Death Camp. Miami Herald Tribune, 27. März 2002.

[35] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Irwin Cotler, in: Europe’s Crumbling Myths, S. 220.

[36] Tom Paulin: Killed in Crossfire. The Observer, 18. Februar 2001.

[37] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Irwin Cotler, in: Europe’s Crumbling Myths, S. 220.

[38] Ebenda, S. 219.

[39] Anne F. Bayefsky: Terrorism and Racism: The Aftermath of Durban. JCPA, Jerusalem Viewpoints, Nr. 468, 16. Dezember 2001.

[40] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Irwin Cotler, in: Europe’s Crumbling Myths, S. 219.

[41] Alan Dershowitz: The Case For Israel. Hoboken, NJ: 2003, S. 198.

[42] Claude Meyer: Interview mit Jean-Claude Milner. Actualité Juive Hebdo, Nr. 823, 11. Dezember 2003. (Französisch)

[43] ebenda

[44] Richard Ingrams: I’m Still on the Train. The Observer, 13. Juli 2003.

[45] Emma Goldman: Culture Shock in a British Classroom. Jewish Week, 21. Mai 2004.

[46] Emmanuel Brenner : Les Territoires perdus de la République. Paris 2002 (Französisch).

[47] Yair Sheleg: Enemies, a Post-National Story. Haaretz, 7. März 2003.

[48] Alvin H. Rosenfeld: Anti-Americanism and Anti-Semitism: A New Frontier of Bigotry. New York: (American Jewish Committee) 2003, S. 21.

[49] Jacques Derrida/Jürgen Habermas: „Unsere Erneuerung“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Mai 2003. (Deutsch)

[50] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Andrei S. Markovits: European Anti-Americanism and Anti-Semitism: Similarities and Differences. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 16, 1. Januar 2004.

[51] ebenda

[52] Robert S. Wistrich: Muslim Anti-Semitism. American Jewish Committee, 2002.

[53] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Georges-Elia Sarfati: Language as a Tool against Jews and Israel. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 17, 1. Februar 2004.

[54] Manfred Gerstenfeld: Interview mit Simon Epstein: Fifty Years of Intellectual Bias against Israel. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 4, 1. Januar 2003.

[55] Daniel Perdurant: Anti-Semitism in Contemporary Greek Society. Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, Nr. 7. Jerusalem 1995, S. 10.

[56] Per Ahlmark: Palme’s Legacy 15 Years On. Project Syndicate. Februar 2001.

[57] Maurizio Molinari: La Sinistra E Gli Ebrei In Italia: 1967-1993. Mailand 1995, S. 115. (Italienisch)

[58] Israel-Kritik oder Antisemitismus? Neue Zürcher Zeitung, 26. April 2002.

[59] Simon Wiesenthal Center: Twenty Months of Antisemitic Invective in Greece: March 2002-October 2003. 14. Oktober 2003.

[60] Antisemitism Worldwide, 2002-3. (Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Anti-Semitism and Racism, Tel Aviv University.)

[61] Prefect Hits Israeli with Insults. Kathimerini, 10. Juli 2004.

[62] Tom Happold: Tonge sacked over bombing comments. The Guardian, 23. Januar 2004.

[63] Der Vorwurf des Antisemitismus wird auch als Knüppel benutzt. Stern, 18. Juni 2002.

[64] Melissa Kite/Chris Hastings/David Bamber: Jewish Fury as Labour Calls Letwin “Fagin“. http://www.news.telegraph.co.uk, 29. Februar 2004.

[65] Fraser Nelson: Anger over Dalyells’s ‚Jewish Cabal‘ Slur. The Scotsman, 5. Mai 2003.

[66] Manifestations of Antisemitism, S. 6.

[67] Anti-Defamation League, Presseerklärung: ADL Survey of Five European Countries Finds One in Five Hold Strong Anti-Semitic Sentiments; Majority Believes Canard of Jewish Disloyalty. 31. Oktober 2002.

[68] European Attitudes toward Jews: A Five Country Survey. Anti-Defamation League, Oktober 2002.

[69] ebenda

[70] Renato Mannheimer: E antisemita quasi un italiano su cinque. Corriere de la Sera, 10. November 2003. (Italienisch)

[71] Ruth E. Gruber: Poll Shows Italian Teens Harbor Racist and Anti-Semitic Attitudes. JTA, 2. Juli 2003.

[72] Europäische Kommission: Iraq and Peace in the World. Eurobarometer Survey, Nr. 151, November 2003.

[73] European Poll: 46% Say Jews Are ‚Different‘. Haaretz, 26. Januar 2004.

[74] Stephen Bates: One in Seven Britons Say Holocaust Is Exaggerated. The Guardian, 23. Januar 2004.

[75] Wolfgang Benz: Bilder vom Juden: Studien zum alltäglichen Antisemitismus. Munich 2001, S. 105. (deutsch)

[76] Editorial: L’Europe et Israël. Le Monde, 5. November 2003. (Französisch)

[77] Julie Burchill: Good, Bad and Ugly. The Guardian, 29. November 2003.

[78] Avirama Golan: A Sprig of Hope on Europe’s Left. Haaretz, 3. Februar 2004.

[79] Ilka Schröder: Europe’s Crocodile Tears. Jerusalem Post, 19. Februar 2004.

[80] Reuters: U.S. Envoy: Anti-Semitism in Europe Nearly as Bad as in the 1930s. http://www.haaretzdaily.com, 13. Februar 2004.

[81] Elaine Sciolino: Europeans and Americans Seek Answer to Anti-Semitism. New York Times, 20. Februar 2004.

[82] Pierre Lelouche : Une loi tragiquement inappliquée. Le Monde, 14. Mai 2004. (Französisch)

[83] Phyllis Chesler: The New Anti-Semitism: The Current Crisis and What We Must Do About It. San Francisco 2003.

[84] Phyllis Chesler: Jews on the Precipice. http://www.JewishPress.com, 26. Mai 2004.

[85] Mariano Man: A European Dream of a Beautiful World, Free of Israel. Makor Rishon, 16. April 2004. (Hebräisch)

[86] Elaine Sciolino: Europeans and Americans Seek Answer to Anti-Semitism. New York Times, 20. Februar 2004.

[87] Richard Herzinger: Konferenz der Gutwilligen. DIE ZEIT, http://www.zeit.de/2004/09/konferenz. (Deutsch).

[88] Mainstream Propaganda Proof of anti-Semitism in EU: Israeli Minister. EUbusiness, 19. Februar 2004.

[89] Against Antisemitism, For a Union of Diversity. Presse-Information, Simon Wiesenthal Center, 19. Februar 2004.

[90] Etgar Lefkovits: French Nazi Hunter Encourages Jews to Leave France. Jerusalem Post, 19. Juni 2004.

[91] Philip Carmel: Proposals on Yarmulkes, Yom Kippur Given Mixed Reaction by French Jews. JTA, 14. Dezember 2003.

[92] Michael Freund: Tackling Assimilation and Anti-Semitism in Salonika. Jerusalem Post, 8. Februar 2004.

[93] Steffie Kouters: Joden voelen zich ontheemd in hun eigen Mokum. de Volkskrant, 1. November 2003. (Niederländisch)

[94] ebenda

[95] Paul Andersson Toussaint: Nieuw taboe: ‚jodenvriendje zijn‘. De Groene Amsterdammer, 31. Januar 2004. (Niederländisch)

[96] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Shmuel Trigano: French Anti-Semitism: A Barometer for Gauging Society’s Perverseness. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 26, 1. November 2004.

[97] persönliche Kommunikation.

[98] Ari L. Goldman: Meanwhile: The Jewish Ghosts of Salonika. International Herald Tribune, 6. Mai 2004.

[99] Simon Wiesenthal Center, Presseerklärung: SWC Protests Anti-Israel Vote by France, Sweden, Austria, Spain, Belgium and Portugal at UN Commission on Human Rights, 16. April 2002.

[100] Jacques Schuster: In Europa gibt es Stimmen, die wir nicht mehr verstehen. Die Welt, 19. November 2003. (Deutsch)

[101] Herb Keinon: Israel Fumes at Straw’s Floral Tribute to Arafat. Jerusalem Post, 26. November 2004.

[102] Efraim Zuroff: Sweden’s Refusal to Prosecute Nazi War Criminals – 1986-2002. Jewish Political Studies Review, Bd. 14, Nr. 3 und 4, 2002, S. 85-119.

[103] Mikael Tossavainen: Det förnekade hatet – Antisemitism bland araber och muslimer i Sverige Författare. Stockholm: Svenska Kommittén Mot Antisemitism, 2003, S. 43-44. (Schwedisch)

[104] Salomo Berlinger/Stefan Meisels/Torsten Press/Willy Salomon: Sweden Can Do Much More for Country’s Jewish Community. Haaretz, 10. Juni 2004.

[105] Yohanan Manor : Les manuels scolaires palestiniens: une génération sacrifiéé. Paris 2003, S.130ff. (Französisch)

[106] Ruth Ellen Gruber: Vienna Meetings Show Another Way for Community to Approach the State. JTA, 8. Februar 2004.

[107] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Israel Singer: Restitution: The Second Round. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 14, 2. November 2003.

[108] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Marvin Hier, in: American Jewry’s Challenge: Conversations Confronting the 21st Century. Lanham, MD 2004, S. 188.

[109] Joseph Fitchett: In Paris, Official Discord on the Syrian Transition. International Herald Tribune, http://www.iht.com/HT/DIPLO/00/jf061300.html.

[110] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Shmuel Trigano, in: Europe’s Crumbling Myths, S. 215-216.

[111] Le regard des Français sur la société israélienne. http://www.tns-sofres.com/etudes/pol/170504_israel_r.htm. (Französisch)

[112] Präsentation von Nicole Guedj auf dem Global Forum against Anti-Semitism. Jerusalem, 27. Oktober 2004.

[113] Adam Entous: US Lawmakers Criticize EU’s Solana on Anti-Semitism. Reuters, 26. Juni 2003.

[114] Herb Keinon: EU Envoy: Anti-Muslim Sentiment on Rise. Jerusalem Post, 2. Dezember 2003.

[115] Richard Carter: Vast Majority of Israelis Want to Join ‚Antisemitic‘ EU. http://www.euobserver.com, 10. März 2004.

[116] Eytan Ellenberg: ‚Négationisme‘ à la television publique française. Guysen Israel News, 17. Februar 2004. (Französisch)

[117] John Tagliabue: Chirac Unveils Policy against Anti-Semitism. International Herald Tribune, 18. November 2003.

[118] Greer Fay Cashman: Katsav’s France Visit a ‚Surprising‘ Success. Jerusalem Post, 22. Februar 2004.

[119] Philip Carmel: In Israeli President’s Paris Visit Emotional Symbols for French Jews. JTA, 19. Februar 2004.

[120] Robert S. Wistrich: Fighting Anti-Semitism. Midstream, Februar/März 2004, S. 22.

[121] CRIF: Anti-Semitism in State Run Schools. 15. März 2004.

[122] Shalom prône ‚des lois plus dures‘ contre l-antisémitisme. Liberation, 25. August 2004. (Französisch)

[123] C.G: Perben defend l’arsenal juridique contre l’antisémitisme. Le Figaro, 27. August 2004. (Französisch)

[124] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Moses Altsech.

[125] ebenda

[126] Andrew Apostolou: La Grèce. in : Manfred Gerstenfeld/Shmuel Trigano (Hrsg.): Les Nouveaux Habits de l’Anti-Semitisme Européen. île de Noirmoutier 2004. (Französisch)

[127] Centre Simon Wiesenthal – Europe: „25 Months“. Zitiert nach Eleftherotypia, 27. März 2004).

[128] Anti-Defamation League, Presseerklärung: ADL Calls on Greek Government to Condemn Anti-Semitism in the Press. 22. Juli 2002. (nimmt Bezug auf eine Karikatur in Eleftherotypia, 1. April 2002)

[129] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Moses Altsech (zitiert nach Avriani, 11. März 2004).

[130] ebenda

[131] Simon Wiesenthal Center, Presse-Information: SWC to Greek Minister of Interior: ‚Close Down Racist Politician’s Television Mouthpiece of Hate‘. 11. Oktober 2002.

[132] Simon Wiesenthal Center, Presse-Information: „SWC to New Greek Prime Minister: ‚Greek Anti-Semitism Justifies Continuation of Center’s Travel Advisory'“. 15. März 2004.

[133] Wistrich: Fighting Anti-Semitism.

[134] http://www.osce.org/documents/cio/2004/04/2828_en.pdf.

[135] Anti-Defamation League, Presseerklärung: ADL Hails Berlin Declaration against Anti-Semitism as an ‚End of European Denial‘, 29. April 2004.

[136 Manifestations of Antisemitism, S. 11-13.

[137 Manfred Gerstenfeld, Interview mit Daniel Pipes: The End of American Jewry’s Golden Era. Post-Holocaust and Anti-Semitism, Nr. 20, 2. Mai 2004.

Die Affäre Mahathir: Eine Fallstudie zum Antisemitismus des Alltags-Islam

Manfred Gerstenfeld, Jerusalem Viewpoints Nr. 506, 2. November 2003

  • Auf dem Gipfel der Organisation der Islamischen Konferenz stellte der malaysische Premierminister Mohammed Mahathir als Gastgeber die Beziehungen zwischen den Muslimen und den Juden als weltweite, frontale Konfrontation dar; er bot einige neue Beispiele für eine „jüdische Verschwörung“ an. Seine Worte fanden weithin Beifall.
  • Da der EU-Gipfel zur gleichen Zeit stattfand, wurde vorgeschlagen, dass eine Verurteilung von Mahathirs Bemerkungen in der Schlusserklärung zu verurteilen. Das wurde aber vom französischen Präsidenten Jacques Chirac und dem griechischen Premierminister Costas Simitis abgeblockt. Statt dessen wurde die Verurteilung an die italienische EU-Präsidentschaft delegiert.
  • Ein Editorial der New York Times sagte, dass die Weigerung der EU auf dem eigenen Gipfel Mahathirs Rede zu verurteilen, trägt zur „Sorge bei, dass Ausbrüchen von Antisemitismus mit nicht entschuldbarer Nonchalance begegnet wird“, während ein Editorial in Le Monde anmerkte, dass „solche Worte in der arabisch-islamischen Welt normal sind, wo sie als offensichtliche Wahrheit gelten… und diese direkte Form des Rassismus, simpel und einfach als normale Kategorie der ‚politischen Debatte’ praktiziert wird.’“
  • Das Wichtige an der Affäre Mahathir ist, dass sie in kurzer Zeit und in einer konzentrierten Art und Weise das tief greifende antisemitische Gedankengut offen legt, das in großen Schichten der muslimischen Eliten wie auch des muslimischen Mainstreams vorhanden ist.
  • Die Affäre Mahathir ist auch eine wichtige Fallstudie für die Analyse westlicher Reaktionen auf islamischen Antisemitismus.

Sündenböcke für islamische Schwächen

Der zehnte Gipfel der Organisation der islamischen Konferenz (IOC) – an dem die Führer von 57 Staaten teilnahm – wurde am 16. Oktober 2003 in Putrajaya in Malaysia eröffnet. In seiner Willkommensrede griff der malaysische Premierminister Mohammed Mahathir, Gastgeber der Konferenz, die Juden und den Westen an. Sein Hauptthema war, die Schwäche des Islam zu beklagen und darüber zu sprechen, wie das berichtigt werden könnte. Seine Worte fanden weit gehend Beifall. Mit seinen Worten über die Juden startete Mahathir eine Kettenreaktion, die weit gehende Beweis für den Charakter und die Dynamik des Antisemitismus des Alltags-Islam liefern sollte.

Während Mahathirs Rede viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde, ist viel wichtiger, was hinterher geschah. Die Fragen, die gestellt werden müssen, lauten: Wer verurteilte Mahathir und wie? Wer unterstützte ihn und wie? Und wer schwieg?

Muslime und Juden: Eine weltweite Konfrontation?

In seiner Rede stellte Mahathir die Beziehungen zwischen Muslimen und Juden als eine weltweite, direkte Konfrontation dar. Obwohl er den Juden nur einige wenige Sätze widmete, gab er einige neue Beispiele für das, was Antisemitismus-Studien „die Theorie der jüdischen Verschwörung“ nennen. Mahathir sagte:

„1,3 Milliarden Muslime können nicht von ein paar Millionen Juden besiegt werden. Es muss einen Weg geben. Und wir können nur einen Weg finden, wenn wir anhalten um nachzudenken, um unsere Schwächen auszuwerten und unsere Stärken, zu planen, Strategien zu entwerfen und dann zurückzuschlagen.

Wir sind eigentlich sehr stark. 1,3 Milliarden Menschen können nicht einfach weggewischt werden. Die Europäer töteten sechs Millionen von zwölf Millionen Juden. Aber heute beherrschen die Juden diese Welt über Stellvertreter. Sie lassen andere für sich kämpfen und sterben.

Wir stehen gegen ein Volk, das denkt. Sie überlebten nicht 2000 Jahre Pogrome, indem sie zurückschlugen, sondern indem sie nachdachten. Sie erfanden und förderten den Sozialismus, den Kommunismus, die Menschenrechte und die Demokratie, damit es so schien, als sei ihre Verfolgung falsch, damit sie sich gleicher Rechte wie die anderen erfreuen könnten. Damit haben sie die Kontroller über die meisten mächtigen Länder gewonnen und sie, diese winzige Gemeinschaft, sind eine Weltmacht geworden. Wir können sie nicht allein durch Stärke besiegen. Wir müssen ebenfalls unser Hirn benutzen.“[1]

Mythen werden schaffen

Die weltweite Aufmerksamkeit, die Mahathirs antisemitischen Bemerkungen gewidmet wurde, überschattete den Rest seiner Rede, die eine Reihe von Anmerkungen enthielten, die typisch sind für einen Großteil des Diskurses der islamischen Führer. Mahathir sagte: „Wir sind alle Muslime. Wir werden alle unterdrückt. Wir werden alle gedemütigt.“

Er fügte hinzu: „Wir sind nun 1,3 Millionen. Wir haben die größten Öl-Reserven der Welt. Wir haben großen Reichtum. Wir sind nicht so unwissend wie die Jahilliah [die Unwissenden der vor-islamischen Zeit], die den Islam begrüßten. Wir kennen die Werke der Weltwirtschaft und ihrer Finanzen. Wir kontrollieren 50 der 180 Staaten der Welt.“ Er schloss: Weil die islamischen Länder sich nicht gegen die Welt da draußen zusammenschließen, nutzen sie ihre Macht nicht effektiv.

Viele der „Fakten“, die Mahathir bezüglich der Muslime anbrachte, waren Falschdarstellungen. Es ist schwierig zu behaupten, dass alle Muslime gedemütigt würden. Vielen Einwohnern der ölreichen Staaten geht es ziemlich gut; dort sind es Muslime, die andere Muslime erniedrigen, sie manchmal behandeln wie Sklaven. Mahathir vermied es, das Fehlen von Demokratie zu erwähnen oder das Vorhandensein von viel Korruption in der islamischen Welt, die für so viele ihrer Probleme verantwortlich ist. Mahathir ersetzte diese Tatsachen durch Märchen.

Internationale Reaktionen

Mahathirs antisemitische Angriffe führten zu vielen Reaktionen der westlichen Welt. Adam Ereli, Sprecher des US-Außenministeriums, sagte: „Wir betrachten sie mit der Abscheu und dem Hohn, den sie verdienen.“[2] Einige Tage später, auf dem Asien-Pazifik-Gipfel in Bangkok, sagte Präsident Bush Mahathir – nach dem, was Scott McClellan als Sprecher des Weißen Hauses sagt – dass seine Worte darüber, dass die Juden den Westen über Stellvertreter kontrollieren, „falsch und polarisierend sind… Sie stehen dem, was ich glaube, diametral entgegen.“[3] Mahathir jedoch leugnete, dass Bush ihn tadelte.[4]

Der australische Premierminister John Howard kommentierte Mahathirs OIC-Rede so: „Jede Andeutung von jedem, egal, wo in der Welt, dass die Welt in jüdische und nicht-jüdische Gruppierungen geteilt sei, ist historisch unhaltbar und falsch und wird von den meisten Australiern als widerlich angesehen.“[5]

Später erklärte der australische Außenminister Alexander Downer auf dem Asien-Pazifik-Gipfel: „Wir betrachten den Antisemitismus als inakzeptabel und die australische Regierung hofft, dass es keine weiteren Kommentare dieser Art geben wird.“[6]

Der Außenminister Neuseelands, Phil Goff, sagte: „Wir haben Sorge über den Sprachgebrauch, der Erinnerungen an so genannte jüdische Verschwörungen zurück bringt.“[7]

Der scheidende kanadische Premierminister Jean Chrétien, der ebenfalls am Asien-Pazifik-Gipfel teilnahm, lehnte es ab Mahathir persönlich zu kritisieren, als er dazu auf einer Pressekonferenz in Bangkok aufgefordert wurde, und verwies auf eine frühere Stellungnahme seines Außenministeriums. Der Toronto Star schrieb: „Jean Chrétien erlitt gestern einen unerwarteten Verlust. Er verlor seine Zunge… Chrétien begrüßte Mahathir mit einem herzlichen Händedruck, wie viele andere Staatsmänner auch. Aber er hielt den Mund und sagte nichts zum Thema Antisemitismus.“[8]

Die EU ist gespalten

Der britische Außenminister Jack Straw berief den malaysischen Hochkommissar ein, um sich über Mahathirs Worte zu beschweren. Das Außenministerium erklärte: „Es ist besonders betrüblich, dass einige positive und willkommene Aspekte in Mahathirs Rede, so die Betonung von Verhandlungen als Weg zum Frieden, von rassistischen Bemerkungen verdeckt und überschattet wurden.“[9] Auch das deutsche Auswärtige Amt bestellte malaysische Diplomaten ein um sich zu beschweren.[10]

Italien hat derzeit die Präsidentschaft der Europäischen Union inne. Der italienische Außenminister Franco Frattani sagte Reportern: „Der [malaysische] Premierminister benutzte Ausdrücke, die enorm beleidigend und sehr antisemitisch waren und … den Prinzipien der Toleranz, des Dialogs und des Verständnisses zwischen der westlichen Welt und der islamischen Welt entgegen laufen.“[11]

Da der EU-Gipfel zur gleichen Zeit stattfand, wurde vorgeschlagen, eine Verurteilung von Mahathirs Bemerkungen in die 19-seitige Abschluss-Erklärung aufzunehmen. Nach Angaben von Ha’aretz, besagte der Entwurf: „seine inakzeptablen Kommentare behindern alle unsere Bemühungen, ethnische und religiöse Harmonie zu fördern und haben keinen Platz in einer anständigen Welt. Solch falsche und antisemitische Bemerkungen sind für Muslime ebenso beleidigend wie für andere.“[12]

Aber der französische Präsident Jacques Chirac war dagegen, dass diese Zeilen in die Erklärung übernommen wurden; und der griechische Premierminister Costas Simitis unterstützte Chirac, wie Ha’aretz berichtete. Nach einer von der französischen Botschaft in Israel herausgegebenen Erklärung verurteilte Chirac Mahathirs Bemerkungen, betrachtete aber den EU-Gipfel als einen unpassenden Ort dies zu erklären. Pierre Filatoff, Sprecher der französischen Botschaft, sagte Agence France Presse, adss „die Eu-Richtlinien nicht erlauben, dass solche Erklärungen [die den Antisemitismus verurteilen] in solche Dokumente aufgenommen werden.“[13] Offenbar dachten die Regierungschefs der meisten EU-Staaten anders.

Daher wurde entschieden, dass die italienische Präsidentschaft des Rats der Europäischen Union eine Erklärung auf ihrer Internetseite abgeben würde, die besagt: „Die EU verurteilt die Sätze sehr, die vor Kurzem von Dr. Mahathir in seiner Rede zur Eröffnung der 10. Sitzung der Islamischen Gipfelkonferenz in Putrajaya, Malaysia, machte… Solche Worte behindern alle unsere Bemühungen, die inter-ethnische und religiöse Harmonie zu fördern und haben in einer toleranten Welt absolut keinen Platz.“[14]

Chiracs Unklarheit gegenüber den Juden entlarvt

Nun hatte Präsident Chirac reichlich Gründe zufrieden zu sein. Er hatte einmal mehr seine Freundschaft mit der islamischen Welt bewiesen. Er hatte die Verurteilung eines ihrer Führer bei einem wichtigen EU-Treffen verhindert und mit einer italienischen Erklärung auf einer EU-Internetseite, wie auch durch eine Erklärung durch die französische Botschaft in Israel ersetzt.

Es war allerdings Mahathirs Reaktion, die Chirac entlarvte. Der malaysische Premierminister dankte Chirac dafür, dass er die Erklärung des EU-Gipfels blockierte, die seine Rede verurteilen sollte. Die malaysische Tageszeitung The Star zitierte Mahathir Worte zu Chirac: „Ich denke, er versteht es besser. Jeder, der die ganze Rede liest, wird verstehen, was ich sage. Ich war wirklich besorgt, dass die Muslime gegen mich sein würden, aber es waren die Europäer, die gegen mich waren. Ich kann sie nicht verstehen.“[15]

Chirac war nun in einer Situation gefangen, in der er Schadensbegrenzung betreiben musste. Hätte er nicht reagiert, hätte ihn das als den Antisemitismus stillschweigend akzeptierend bloß gestellt und die Erklärung der französischen Botschaft in Israel als unwichtige, unbedeutende Geste gegenüber den Juden erwiesen.

Daher antwortete Chirac am 19. Oktober an Mahathir und sagte: „Ihre Bemerkungen zur Rolle der Juden provozierte heftigen Widerspruch in Frankreich und der Welt.“[16] Chirac drückte auch seine Zustimmung dazu aus, dass Mahathir ein Ende der palästinensischen Selbstmordanschläge auf Israelis forderte. Trotzdem kamen die Franzosen mit ihrer besonderen Stellungnahme aus Paris drei Tage zu spät, womit sie Chiracs Unklarheit gegenüber den Juden weiter bloß stellten. Chirac sieht sich zunehmenden Schwierigkeiten in der Beibehaltung der Fassade gegenüber, er sei Israel gegenüber kritisch eingestellt, den Juden aber freundlich gesonnen.

Vor Kurzem führte Israel Singer, Vorsitzender der Exekutive des World Jewish Congress, an, dass während der Rückgabe-Verhandlungen in den 1990-er Jahren Chiracs Verhalten einem klassischen Muster folgte, dass man antiisraelisch ist und dann versucht, das durch Unterstützung der Diaspora-Juden zu kompensieren. Bei einer späteren Gelegenheit sagte Chirac Singer allerdings, dass Juden die Ursache des Antisemitismus in Frankreich und andernorts seien.[17]

Bei einem Treffen mit Leitern des Simon Wiesenthal-Zentrums (SWC) im Mai 2003 stritt Chirac das Vorhandensein des Antisemitismus in Frankreich ab. Er behauptete, dass die Angriffe auf Juden lediglich suburbanes Rowdytum seien. Chirac erwähnte auch, dass er ein Jahr vorher einen palästinensischen Studenten in Frankreich zum Mittagessen in den Elysée-Palast eingeladen hatte, nachdem der Student ihm gesagt hatte, er wolle nach Palästina zurückkehren, um Juden zu töten. Als die SWC-Leiter zu ihrem nächsten Treffen, unweit von Chiracs Residenz, gingen, wurden einige von ihnen, die eine Yarmulke trugen, von Zaungästen durch antisemitische Bemerkungen beleidigt, z.B.: „Jude raus aus Frankreich.“

Die Rolle der Griechen

Frankreichs Verbündeter in der Affäre Mahathir – die griechischen Sozialisten – haben eine lange Geschichte von antijüdischem Rassismus. Bereits 1982 verglich der sozialistische Premierminister Andreas Papandreou – Vater des heutigen Außenministers George Papandreou – öffentlich die Israelis mit den Nazis.[18]

Weit verbreiteter Antisemitismus unter griechischen Politikern, der Presse und in der Gesellschaft wird vom Simon Wiesenthal-Zentrum zunehmend offen gelegt. Auf dem Human Dimension Meeting der OSZE/ODHIR in Warschau am 14. Oktober 2003 präsentierte Dr. Shimon Samuels vom SWC einen langen Bericht mit dem Titel „Zwanzig Monate antisemitischer Beschimpfungen in Griechenland, März 2002 bis Oktober 2003“. Er forderte die griechische Regierung auf angemessene Maßnahmen gegen die antisemitische Offensive in ihrem Land zu treffen, die die Vorschriften der EU und internationale Konventionen verletzen.[19]

Presse-Reaktionen

Die westliche Presse berichtete ausführlich über die Affäre Mahathir. Die New York Times schrieb in einem Editorial: „Sympathie für die Not der Muslime darf nicht mit der Akzeptanz des Rassismus verwechselt werden. Die meisten Muslime sind tatsächlich mies behandelt – von ihren eigenen Führern, die sich auf nutzlosen Gipfeltreffen versammeln, statt ihren Völkern zu geben, was sie am dringendsten brauchen: Menschenrechte, Ausbildung und Demokratie. Die Europäische Union wurde aufgefordert die Rede von Herrn Mahathir in seiner Schlusserklärung zum gestrigen Ende des eigenen Gipfels zu verurteilen. Sie entschied sich, das nicht zu tun und trug so weiter zu der Sorge bei, dass den Ausbrüchen des Antisemitismus mit unentschuldbarer Nonchalance begegnet wird.“[20]

Einige Tage später glich die Zeitung diese Ansichten mit einem Artikel von Paul Krugmann aus, der größtenteils die USA für den Antiamerikanismus in der muslimischen Welt verantwortlich machte. Krugmann nannte Mahathirs Bemerkungen „unentschuldbar“, versuchte aber trotzdem sie zu erklären.[21] Krugman war gewitzter als Mahathir. Als er erklärte, dass Bush Scharon bedingungslos unterstützt, da war das eine weitaus elegantere Art, den Trugschluss auszudrücken, dass die Juden die Welt über Stellvertreter beherrschen.

Richard Cohen, Kolumnist der Washington Post, verwies auf die Standing Ovations, die die Zuhörerschaft des Gipfels Mahathirs Rede gab: „Zu Mahathirs Claqueuren gehörten der saudische Kronprinz Abdullah, Pakistans Präsident Pervez Musharraf, unser Bursche in Afghanistan, Hamid Karzai und sogar Russlands Wladimir Putin, der die große muslimische Minderheit seines Landes repräsentierte… Aber was große Teile der islamischen Welt korrumpiert und schwächt, sind nicht die Juden in New York oder Tel Aviv, sondern ihre nur den eigenen Interessen dienende und unfähig Führung – mit anderen Worten, einige genau von denen, die dort standen und die Rede bejubelten.“[22]

Zuraidah Ibrahim von Singapurs Straits Times kommentierte die Rede: „Um ihr die freundlichste Wendung zu geben, die möglich ist, könnte man sagen, dass er nur versuchte, die Muslime dazu aufzurufen, von den Juden zu lernen, wie sie versuchen die Erniedrigung und Unterdrückung von Jahrhunderten abzustreifen. Dass er die Juden dafür lobte, dass sie ein positives Beispiel waren: Sie antworteten auf die Verfolgung durch Benutzung ihres Gehirns, nicht ihrer Stärke. Aber es dabei zu lassen, würde bedeuten, seine gefährliche und unverantwortliche Beschreibung der Muslime als in einer monumentalen Konfrontation gegen die Juden stehend unter den Teppich zu kehren. Die traurige Wahrheit ist aber, dass das ein Satz ist, den man von Muslimen oft hört. Muss es so sein? Müssen Muslime die Welt in solch Unheil verkündenden Begriffen betrachten, als sie gegen uns?… Es ist leicht, alle Probleme der Welt auf entweder den islamischen Terrorismus oder eine jüdische Verschwörung zu reduzieren. Aber das bedeutet nicht, dass es richtig ist.“[23]

Die französische Zeitung Le Monde schrieb in einem Editorial, dass niemand die Halle verließ, als Mahathir seine antisemitischen Kommentare abgab. Der Autor wunderte sich, warum niemand ging und schlug vor: „Nicht aus Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber dieses zehnten Gipfels. Nicht aus Apathie. Aus einem viel ernsteren Grund. Denn die Zuhörer stimmten ihm zu. Weil solche Worte in der arabisch-islamischen Welt Gemeingut sind, wo sie als offensichtliche Wahrheit gelten und regelmäßig von Regierungen und der – oft kontrollierten – Presse geäußert werden – und von Lehrern… und diese direkte Form des Rassismus wird einfach so als normale Kategorie der ‚politischen Debatte’ gehandhabt – die leider Gottes in unsere [französischen] Vororte eingedrungen ist.“ Die Zeitung schließt, dass Mahathir sich erlaubt hat friedliche Mittel zur Bekämpfung der „Juden“ anzukündigen. Er sollte wissen, dass seine Rede Terrorismus nährt.[24]

Jüdische Reaktionen

Das israelische Außenministerium verurteilte Mahathirs Rede. Ebenso Minister Natan Scharansky, der sagte: „Dies ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass der Antisemitismus in seiner primitivsten und vulgärsten Form die offizielle Agenda eines respektierten internationalen politischen Forums formt, das sich in diesem Fall aus fast einem Drittel der Welt zusammensetzt. Dieser Vorfall ist nur möglich gemacht worden durch die Gleichgültigkeit und die fehlende Sorge, die von der westlichen Welt gezeigt wird, wenn sie mit eklatantem Antisemitismus konfrontiert wird. Wir alle wissen, wie diese Dinge anfangen – immer mit den Juden; aber die Geschichte hat uns immer wieder gelehrt, dass es nie mit den Juden endet.“[25]

David Harris, geschäftsführender Direktor des American Jewish Committee, sagte: „Diese Art von Sprachgebrauch, der den Juden eine ganze Reihe dämonischer Mächte zuschreibt, erinnert an den gröbsten und abscheulichsten Antisemitismus der Geschichte.“[26] Später sagte er: „Dies ist ein guter Test in Sachen internationaler Reaktionen auf Fanatismus. Handelt es sich um Verurteilungen, denen ‚Business as usual’ folgt, oder haben die Verurteilungen Zähne?“[27]

Das Simon Wiesenthal-Zentrum verurteilte Mahathirs Rede als „eine Schmährede, die Hitler und Goebbels stolz gemacht hätte … Rabbi Abraham Cooper, stellvertretender Dekan des SWC griff Mahathir als einen gefährlichen Rassisten an, ‚dessen hasserfüllte Rhetorik praktisch eine Einladung zu weiteren antisemitischen Angriffen ist’.“[28]

Die Anti-Defamation League (ADL) drückte in einer Presseerklärung „Wertschätzung derer aus, deren Länder und Politiker die antisemitische Rede des malaysischen Premierministers Mahathir Mohammed beim Gipfel der Organisation Islamischer Staaten heftig und vehement verurteilten, nannte aber die, die sich mit der Rede einverstanden erklärten oder deren Reaktion Schweigen war, ‚willige Komplizen bei der Verbreitung von Mahathirs Hass’.“[29]

ADL-Direktor Abraham Foxman drückte besondere Wertschätzung für die Europäische Union, Italien, Spanien und Deutschland aus und fügte hinzu: „Wir sind besonders empört über das Handeln des französischen Präsidenten Jacques Chirac und des griechischen Premierministers Costas Simitis, die den Einschluss einer Verurteilung von Mahathirs antisemitischer Rede in die offizielle Schlusserklärung des EU-Gipfels blockierten. Durch ihr skandalöses Verhalten sind diese Länder willfährige Komplizen bei der Verbreitung dieser Worte des Hasses.“[30]

Colin Rubenstein, geschäftsführender Direktor des Australian/Israel and Jewish Affairs Council (AIJAC) sagte, dass Mahathirs „niederträchtige Behauptungen waren wahrscheinlich die eklatantesten und heftigsten antisemitischen Äußerungen, die in von einer wichtigen Person in der Welt in den letzten Jahrzehnten öffentlich gemacht wurden.“[31]

Amnon Dankner, Redakteur der israelischen Zeitung Ma’ariv, veröffentlichte eine harsche Kritik des Verhaltens Chiracs. Auf eine moderatere, trotzdem kritische Art sprach sich die französisch-jüdische Organisation CRIF gegen die Haltung der Europäischen Union und der französischen Regierung: „Es scheint uns so zu sein, dass die Proteste der Europäischen Union ungenügend ist und rein formal. Über einen formalen Brief an den Premierminister von Malaysia hinaus erwarten wir von Frankreich eine starke, ernsthafte Stellungnahme von globalem Einfluss gegen barbarische Äußerungen.“[32] Französisch-israelische Spannungen waren eine weitere Nebenfolge der Affäre Mahathir.

Mahathirs antisemitische Vergangenheit

Mahathir hat eine lange Geschichte an antisemitischen Bemerkungen. Nach Angaben der BBC News-Internetseite sagte Mahathir bereits 1970 – lange bevor er Premierminister wurde: „Die Juden sind z.B. nicht nur hakennasig, sondern können instinktiv mit Geld umgehen.“[33]

Im Dezember 1997 veröffentlichte der World Jewish Congress (WJC) eine politische Depesche, die dem malaysischen Antisemitismus unter Mahathir gewidmet war. Sie besagt unter anderem: „1983 wurden die ‚Protokolle der Weisen von Zion’ in Malaysia gedruckt… In einer Rede auf dem Treffen der Bewegung der Blockfreien 1986 erklärte Mahathir, dass ‚die Ausweisung der Juden aus dem Heiligen Land vor 2000 Jahren und die Unterdrückung der Juden durch die Nazis hat sie nichts lernen lassen. Wenn überhaupt, dann hat das die Juden in genau die Monster verwandelt, die sie in ihrem Propagandamaterial so rundheraus verurteilen. Sie sind Schüler des verstorbenen Dr. Goebbels gewesen.“[34]

Im Mai 1998 veröffentlichte Business Week einen Brief von ADL-Direktor Abraham Foxman mit der Überschrift „Mahathirs Antisemitismus ist eine alte Geschichte“, in dem er schrieb: „Obwohl der malaysische Premierminister Mahathir Mohammed versucht, die antijüdischen Bemerkungen zu rechtfertigen, die er im letzten Jahr von sich gab, müssen wir daran erinnern, dass diese geschmacklosen Kommentare mit seiner langen antisemitischen Geschichte und Glauben an eine jüdische Verschwörung zum Sturz Malaysias in Einklang stehen. Daher waren seine Kommentare, eine jüdische Verschwörung sei für Malaysias wirtschaftlichen Abschwung verantwortlich, nicht überraschend.“[35]

Auf der Wirtschaftskonferenz in Davos 1999 kritisierte Mahathir die Juden mit Argumenten, die an die Protokolle der Weisen von Zion erinnern. Er macht die jüdische Verbindung für Asiens Wirtschaftsprobleme verantwortlich.[36]

Der pensionierte israelische Botschafter Mosche Yegar, der in den 60-er Jahren mehr als ein Jahr in Malaysia lebte, veröffentlichte im Sommer 2003 einen Aufsatz mit dem Titel „Malaysia – Antisemitische Politik ohne Juden“. Darin erwähnte er, wie der Premierminister des Landes im Juni 1983 Israel wegen des Feldzugs im Libanon kritisierte und es „die unmoralischste Regierung der Welt“ nannte.“[37] 1997 behauptete Mahathir, seine Regierung habe Angst die Juden planten Malaysias Wirtschaft und die anderer muslimischer Länder zu zerstören.[38]

Malaysias Dreifach-Reaktions-Strategie

Angesichts der unerwartet großen Kritik entwickelte Malaysia eine dreifache Reaktions-Strategie. Das erste Element war der Versuch, durch widersprüchliche Stellungnahmen führender Politiker eine Nebelwand zu werfen. In einem Interview mit dem australischen Fernsehsender Nine Network sagte der malaysische Außenminister Sayed Hamd Albar, dass Mahathir missverstanden worden sei. Er fügte hinzu: „Ich bin zuversichtlich, dass er keine antijüdischen Gefühle hegt.“[39] Aber am nächsten Tag sagte Mahathir: „Ich bin beschuldigt worden antisemitisch zu sein, während das, was ich sagte, sich lediglich auf Fakten stützte. Das ist meine Sicht der Dinge.“ Er fügte hinzu: „Dies sind Fakten der Geschichte und mir zu sagen, ich könne geschichtliche Tatsachen nicht erwähnen, bedeutet mir das Recht auf freie Rede abzusprechen.“[40] Er fuhr in den nächsten Tagen auch fort die antisemitischen Flammen zu schüren.

Ein zweites Element der malaysischen Reaktions-Strategie war es, andere islamische Führer für die Unterstützung Mahathirs zu mobilisieren oder zu erklären er sei falsch interpretiert worden. Der iranische Präsident Mohammed Khatami behauptete, dass Mahathir des Antisemitismus zu beschuldigen „westliche Propaganda sei… Kein Muslim ist antisemitisch.“[41]

Der pakistanische Präsident, General Pervez Muscharraf sagte auf einer Pressekonferenz: „Ich denke nicht, dass er zum Krieg gegen die Juden oder irgendetwas derartiges aufrief. Er drückte seine eigenen Gedanken aus… aber ich bin sehr sicher, dass er die Muslime nicht aufforderte gegen irgendjemanden in den Krieg zu ziehen.“[42] Der Präsident Afghanistans, Hamid Karzai, sagte: „Dr. Mahathir sprach nur über Fragen, denen die muslimische Welt sich stellen muss und was die Muslime tun sollten.“[43]

Der ägyptische Außenminister Ahmad Maher argumentierte, dass Mahathirs Bemerkungen aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. Wenn man die gesamte Rede lese, würde sie aufzeigen, dass er „in Wirklichkeit eine kluge und tief gehende Bewertung der Probleme gegeben habe, denen sich die Muslime gegenüber sehen.“[44] Faruk Kaddoumi von der PLO beobachtete, dass Mahathir die Wahrheit gesagt habe, „aber Israel und seine Sympathisanten tendieren dazu, jede Stellungnahme gegen sie als Antisemitismus zu betrachten. Sie beschuldigen uns, während sie unser Land besetzt halten, unser Volk töten und behaupten, wir seien Terroristen.“[45]

Abdikassim Salad Hassan, Präsident von Somalia, erklärte: „Meine Begleitung und ich fanden Dr. Mahathirs Rede sehr geradeaus und tief gehend. Er versuchte nicht Hass zu schüren oder die Muslime aufzustacheln, gegen die Juden in den Krieg zu ziehen, sondern seine Rede handelte davon sich zu vereinigen, um sich den Bedrohungen durch die Juden zu stellen.“[46]

Die indonesische Präsidentin Megawati Sukarnoputri schlug ähnliche Töne an. Sie behauptete, die Auslandsmedien hätten Mahathirs Rede falsch interpretiert, was die Informationslücke zwischen muslimischen und nicht muslimischen Ländern aufzeige: „Das ist der Grund, warum es mehr Kommunikation zwischen diesen beiden Seiten geben sollte, um die wahre Botschaft des Islam rüber zu bringen, die im Grunde genommen eine der Toleranz und Moderation ist. Wir müssen unsere eigenen Werte vermitteln.“[47]

Die malaysischen Medien, das dritte Element in der Strategie der malaysischen Regierung, hoben hervor, dass Mahathir fehlinterpretiert wrude,[48] während sie die Reaktionen der westlichen Staatsmänner kritisierten. Ahmed A. Talib schrieb in der New Strait Times: „Stellen Sie sich vor. Dies sind Reaktionen so genannter Welt-Staatsmänner, die oft erklärten, dass sie die Befürworter der Redefreiheit und der demokratischen Lebensweise seien… Einige von uns rasteten fast aus, als wir die Nachricht aus London lasen: ‚Großbritannien bestellt malaysischen Diplomaten wegen Kommentaren über Juden ein.’ Jemand in Kuala Lumpur macht eine Bemerkung über Juden und ein Vertreter der Regierung wird von einer ausländischen Regierung her zitiert.“[49]

Ein weiterer Kolumnist der Zeitung, Schamsul Akmar, schrieb, die Frage, ob die Juden die Welt kontrollierten, bleibe offen. Er fügte hinzu: „Sollte der Rest der Welt auch den Völkermord ignorieren, der von den Israelis an den Palästinensern verübt wird, nur weil Washington dazu schweigt?“[50]

Sehr wenige Stimmen in den islamischen Medien verurteilten Mahathirs Erklärungen, was beweist, wie tief sitzend der Antisemitismus in der so genannten „moderaten“ islamischen Welt ist.

Schlussfolgerungen

Die Nebelwand, die die Malaysier um die Worte ihres Premierministers schaffen wollten, hielt nicht lange an. Am 21. Oktober sagte Mahathir der Bangkok Post: „Erst kürzlich führte eine japanische Zeitung meine Rede darauf zurück, dass ich antisemitisch sei… Sie nehmen einen Satz heraus, in dem ich sage, dass die Juden die Welt kontrollieren. Nun, die Reaktion der Welt zeigt, dass sie die Welt kontrollieren. Die Europäer und die Amerikaner und andere wollen mich verurteilen, obwohl ein Typ sagte, alle Muslime seien Terroristen. Hat die Europäische Union eine Resolution verabschiedet, die sagt, dass dies gegen Muslime ist?“[51] Er fügte an, dass er Juden unter seinen Freunden habe, womit er die klassische Spruch derer, die ihren Antisemitismus weg erklären müssen. Mahathir hat außerdem regelmäßig die USA, Australien, die Europäer, Homosexuelle und viele andere angegriffen.[52]

Die Bedeutung der Affäre Mahathir ist, dass sie in einer kurzen Zeitspanne und in einer konzentrierten Art und Weise den tief gehenden antisemitischen Gedanken bloß legte, der in großen Teilen der muslimischen Eliten wie Gesellschaft vorhanden ist. Es gibt keine Scham, öffentlich die abscheulichsten antisemitischen Darstellungen zu benutzen, darunter die der „Protokolle der Weisen von Zion“. Dieses Fälschungswerk wird in der gesamten islamischen Welt regelmäßig neu veröffentlicht.

So verursachte Mahathir eine weit reichende Demonstration des Antisemitismus des Alltags-Islam. Die Affäre Mahathir dient nun als zentraler Beweis dieses Antisemitismus, die Reste der reichlich vorhandenen antijüdischen Materials aus der islamischen Welt dient als unterstützender Beleg dieses alltäglichen Rassismus.

Schließlich wurde Mahathirs Worten auf dem islamischen Gipfel applaudiert; später stellten sich viele andere hinter sie. Diese Reaktionen zeigen, dass die islamische Welt – in der kaum jemand demokratisch gewählt ist – nicht nur für die Juden gefährlich ist, sondern genauso für den Rest der Menschheit. Über diese extremen Muslime hinaus, die Völkermord mit dem arabischen Ausdruck „Jihad“ predigen, hat die Affäre Mahathir demonstriert, wie problematisch die Ideenwelt der alltäglichen islamischen Gesellschaft für den Westen ist. Sie ist ebenfalls eine wichtige Fallstudie für die Analyse westlicher Reaktionen auf islamischen Antisemitismus.

[1] News Desk: Dr. Mahathir Opens 10th OIC Summit. The Star, 16. Oktober 2003. (Dieser Artikel enthält den vollen Text der Rede.)

[2] What They Say about Mahathir’s Remarks on Jews. Straits Times, 19. Oktober 2003.

[3] Darren Schuettler: Bush Tells Mahathir His Jew Remarks are “Wrong”. Reuters, 20. Oktober 2003.

[4] Nirmal Ghosh: Mahathir Downplays Bush Criticism. Straits Times, 23. Oktober 2003.

[5] ebenda

[6] Anti-Jewish Remarks May Mar Mahathir’s Political Swan Song. Sydney Morning Herald, 20. Oktober 2003.

[7] ebenda

[8] Martin Regg Cohn: Chretien Has No Comment on Mahathir. Toronto Star, 21. Oktober 2003.

[9] John Aglionby: West Accuses Malaysian PM of Racism. Guardian, 18. Oktober 2003.

[10] ebenda

[11] Straits Times, 19. Oktober 2003.

[12] Sharon Sadeh/Yoav Stern/Amiram Barkat: EU Condemns Malaysian PM’s Remarks on Jews, But No Apology is Forthcoming. Ha’aretz, 19. Oktober 2003.

[13] Chirac Backed EU Condemnation of Malaysian PM: Spokeswoman. EU Business, 19. Oktober 2003.

[14] Italian Presidency of teh Council of the European Union [Internetseite]. 16. Oktober 2003.

[15] Devid Rajah/Clarence Chua: Mahathir Thanks Chirac for Support. The Star, 19. Oktober 2003.

[16] France Condemns Mahathir Speech on Jews. Reuters, 19. Oktober 2003.

[17] Manfred Gerstenfelds Interview mit Israel Singer: Restitution: The Second Round. Post-Holocaust and Anti-Semitism, 2. November 2003.

[18] Daniel Perdurant: Anti-Semitism in Contemporary Greek Society. In: Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, Nr. 7, Jerusalem (Hebrew University), 1995, S. 10.

[19] Simon Wiesenthal-Zentrum: Twenty Months of Anti-Semitic Invective in Greece. März 2002 – Oktober 2003, 14. Oktober 2003.

[20] Editorial – Islamic Anti-Semitism. New York Times, 18. Oktober 2003.

[21] Paul Krugman: Listening to Mahathir. New York Times, 21. Oktober 2003.

[22] Richard Cohen: Return to Wannsee. Washington Post, 21. Oktober 2003.

[23] Zuraidah Ibrahim: Insight: Drop that Jews vs Muslims Worldview. Sunday Times, 18. Oktober 2003.

[24] L’editorial du Monde – Antisemitisme. Le Monde, 19. Oktober 2003 (auf Französisch).

[25] Wie von Minister Scharanskis Büro berichtet.

[26] Presseerklärung des American Jewish Committee: AJC Condemns Anti-Semitic Remarks by Malaysian Prime Minister. 16. Oktober 2003.

[27] Ron Kampeas: After Mahathir’s Anti-Semitic Remarks, Jews Wonder If Outrage Will Yield Change. JTA, 21. Oktober 2003.

[28] Presseerklärung des Simon Wiesenthal Center: Mahathir’s OIC Diatribe Would Make Hitler and Goebbels Proud and is a Warrant for Anti-Semitic Terrorism. 16. Oktober 2003.

[29] Presseerklärung: ADL Statement on World Reaction to Mahathir’s Speech. 17. Oktober 2003.

[30] ebenda

[31] News.com.au: Jews Condemn Mahathir, 17. Oktober 2003.

[32] CRIF: Chirac Explains He Condemned Malaysia’s PM, Denies He Blocked EU Move. Jewish Leaders not Convinced. 22. Oktober 2003.

[33] BBC News, 10. August 2003.

[34] The Protocols’ Malaysian Style: The Case of Prime Minister Mahathir Mahamad. World Jewish Congress Policy Dispatch Nr. 24, Dezember 1987.

[35] Abraham Foxman: Mahathirs Anti-Semitism is an Old Story. Business Week, 14. Mai 2003.

[36] Israelisches Außenministerium: The Anti-Semitism Monitoring Forum, Government Secretariat: Report of Anti-Semitic Incidents – February 1999.

[37] Mosche Yegar: Malaysia – Anti-Semitic Policy Without Jews. Gesher, Sommer 2003, S. 81 [Hebräisch].

[38] Ebenda, S. 87.

[39] Malaysian Defends PM’s Statement on Jews. AP/New York Times, 19. Oktober 2003.

[40] Dr. M Hits Out at the West for Distorting His Speech. The Star, 18. Oktober 2003.

[41] Leaders Rally to Defend Dr. Mahathir. New Straits Times, 17. Oktober 2003.

[43] ebenda

[43] ebenda

[44] ebenda

[45] ebenda

[46] To the Defens of Dr. Mahathir. The Star, 18. Oktober 2003.

[47] ebenda

[48] Ashraf Abdullah: International Media Twisting Dr. M’s Words. New Straits Times, 18. Oktober 2003.

[49] Ahmed A. Talib: Outcry Over Dr. Mahathir’s Remarks Makes No Sense. New Straits Times, 19. Oktober 2003.

[50] Schamsul Akmar: The Question Still is: Do Jews Control the World? The Straits Times, 18. Oktober 2003.

[51] Pichai Chuensuksawadi: Exclusive Interview/Mahathir Mohamad. Bangkok Post, 21. Oktober 2003.

[52] BBC News, 10. August 2003.

Der neue Antisemitismus (3): Graffiti an den Wänden der Geschichte

Mortimer B. Zuckerman, Jewish World Review, 29. Oktober 2003

„All die Ismen“, sagte einmal ein englischer Witzbold, „sind warmals.“[1] Nun, nicht ganz. Im 20. Jahrhundert kam der Faschismus und ging wieder. Der Kommunismus kam und ging. Der Sozialismus kam und ging zurück. Aber heute bewohnen immer noch einige virulente „Ismen“ die Welt. Zu den bösartigsten gehören ein atavistischer Antisemitismus und seine Version für das 20. Jahrhundert, der Antizionismus. Diese „Ismen“ sind wie Graffiti auf der Wand der Geschichte, Embleme eines Gifts, das immer noch mächtig und unbehandelt ist, bewiesen erst jüngst durch die Bemerkungen des malaysischen Premierministers Mahathir Mohammed, der sagte: „Heute beherrschen die Juden die Welt durch Stellvertreter. Sie bringen andere dazu für sie zu kämpfen und zu sterben.“

Mahathirs Worte wurden weit gehend verurteilt. Aber solche Kommentare verdecken eine tiefere Wahrheit über diesen neuen Strang des Antisemitismus, der nicht direkt einzelne Juden oder gar das Judentum selbst zielt. Er ist eher gegen den das jüdische Kollektiv, den modernen Staat Israel gerichtet.

So wie der historische Antisemitismus den einzelnen Juden das Recht verweigerte, als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu leben, verweigert der Antizionismus dem kollektiven Ausdruck des jüdischen Volks, dem Staat Israel, das Recht, als gleichwertiges Mitglied der Völkerfamilie zu leben. Israelische Politik ist daher einer Form von Kritik ausgesetzt, durch die es herausgepickt wird, wenn andere in ähnlichen Umständen überhaupt keine Kritik erfahren. Bei jedem anderen Land, das derart durch den Terrorismus blutet, wäre es sicher keine Frage, dass es das Recht hat sich zu verteidigen. Aber Israels Bemühungen, einfach seine Bürger zu schützen, werden regelmäßig als Aggression hingestellt.

Die Beschwerde, dass solche Darstellungen unfair und unlogisch sind, heißt nicht, dass alle Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch abgetan werden kann. Eine Demokratie muss Kritiker begrüßen und Israel hat seine Kritiker zu Hauf – man muss nur mal die lebhafte Presse. „Juden“, so sagte einmal ein Kommentator, „sind Goldmedaillen-Gewinner in der Kunst der Selbstkritik.“ Für viele ist aber die jüngste Kritik an Israel so pervers geworden, so hartnäckig, derart von der Realität getrennt, dass sie nur als emotionaler Antisemitismus bezeichnet werden kann, der sich hinter der hinterhältigen politischen Maske des Antizionismus verstecken.

Der neue Antisemitismus überschreitet Grenzen, Nationalitäten, Politik und Sozialsysteme. Israel ist auf sehr ähnliche Weise das Objekt von Neid und Groll geworden, wie der einzelne Jude einst das Objekt von Neid und Groll war. Israel steigt im Endeffekt zum kollektiven Juden der Nationen auf. Nach mehr als einem halben Jahr Holocaust-Erziehung, hunderten von Kursen in Schulen und Hochschulen und tausenden von Büchern, die der Aufdeckung seiner Bösartigkeit gewidmet waren, ist der traditionelle Antisemitismus als innenpolitische Frage in großen Teilen der Welt so gut wie verschwunden. „Das jüdische Problem“ wurde nicht länger durch das definiert, was mit den Juden Deutschlands, Frankreichs, Polens oder Russlands geschah. Statt dessen ist der traditionelle Antisemitismus in Europa und der muslimischen Welt – sogar in Asien – als Antizionismus neu aufgestiegen, konzentriert sich auf die Juden Israels, die Rolle Israels und , für einige, auf die Juden in den USA, die Israel unterstützen.

Dieses Phänomen hat seine Ursprünge im arabisch-israelischen Krieg von 1967. Seit damals hat sich das Image des Juden verändert. Der Wucherer ist plötzlich durch einen neuen Juden ersetzt worden, karikiert als aggressives, allmächtiges Kollektiv namens Israel. „Der Rambo-Jude“, wie Schriftsteller Daniel Goldhagen es nennt, „hat im Großen und Ganzen den Wucherer in der antisemitischen Vorstellung abgelöst.“ Mit den am Ende des Kriegs übernommenen Gebieten gab es den „schneidigen, kleinen jüdischen Staat“ nicht mehr. In den Jahren seit damals, sowie er wieder und wieder auf arabische Angriffe reagierte, erodierte die Sympathie für Israel weiter, weil die Fernsehsender der Welt nicht Bilder von Terroristen ausstrahlten, sondern von bewaffneten Israelis, die auf den Terror antworteten. Nur, dass irgendwie das Wort „antworteten“ etwas oft in dem Chaos verloren ging. Die Fernsehbilder schienen anzudeuten, dass die Israelis sich der Benutzung unverhältnismäßiger Gewalt schuldig machten, denn wie wurden selten von dem Verständnis begleitet, dass ein Land mit gerade einmal 6 Millionen in einem Meer von über 120 Millionen Araber niemals einen Krieg gleicher Abnutzung führen konnte.

Aber egal. Es ist so als glaube die Welt irgendwie, dass Israel den Pokal „Moral des Jahres“ bei seiner Verteidigung gewinnen müsse – als sei es moralisch falsch, auf die zu reagieren, die seine Vernichtung anstreben. Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen der Gewalt der Mörder, die Unschuldige angreifen und der unveräußerlichen, gesetzestreuen Staatsgewalt? Sind die Brandstifter und die Feuerwehrleute wirklich moralisch gleichwertig? Ist Israels Herangehen, bei dem versucht wird, die Zahl der zivilen Opfer möglichst gering zu halten, das gleiche wie das der Terroristen, die ein möglichst hohe Zahl genau dieser Opfer haben wollen?

Solche Fragen werden durch eine nicht da gewesene Umschreibung der Geschichte verursacht: arabische Terroristen haben es unglaublicherweise geschafft, mehr Sympathie zu erhalten als ihre Opfer. Die Juden, nach der Erfahrung des Völkermords in Europa, sind heute die des Völkermords Angeklagten auf dem harten Boden der Westbank und des Gazastreifens. Das Vokabular der Beschuldigungen stellt die Juden als die Nazis da und ihre arabischen Feinde als die hilflosen Juden. Die schlimmsten Verbrechen der Antisemiten der Vergangenheit – rassistische und ethnische Säuberung, versuchter Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit – werden nun zunehmend den Juden und dem jüdischen Staat zugeschrieben. Es wird argumentiert, wenn du gegen den Nationalsozialismus bist, dann musst du in Opposition zu Israel sein. Auf diese Weise ist israelische Verteidigung in Aggression verwandelt worden. Als tragische Konsequenz davon ist die Zeit der Aussöhnung, die zwischen Israel und der Welt nach dem Holocaust herrschte, vorbei. In großen Teilen der Nachrichtenmedien der Welt und in ihren elitären Gemeinschaften gibt es als Folge ein Muster der Delegitimierung Israels.

Amerikaner, die den skurrilen Antisemitismus als gegeben hinnehmen, der routinemäßig in der arabischen Presse erscheint, könnten erstaunt sein über das, was nun in der kultivierten europäischen Presse auftaucht. In England schrieb der „Guardian“, dass „Israel kein Recht hat zu existieren“. „The New Statesman“ brachte eine Story mit dem Titel „Eine koschere Verschwörung“, illustriert mit einem Deckblatt, das einen goldenen Davidstern zeigt, der den Union Jack durchsticht. Die Geschichte deutet an, dass ein zionistisch-jüdischer Kabbalist versucht, die britische Presse auf die Linie der Sache Israels zu bringen. In Frankreich veröffentlichte die Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“ eine außerordentliche Verleumdung, in der behauptet wurde, israelische Soldaten vergewaltigten palästinensische Frauen, damit ihre Verwandten sie töten, um die Familienehre wieder herzustellen. In Italien sprach der „L’Osservatore Romano“ im Vatikan von Israels „Aggression, die sich in Ausrottung wandelt“, während „La Stampa“ auf Seite 1 eine Karikatur brachte, in der ein mit einem jüdischen Stern verzierter Panzer seine Kanone auf einen Jesus-Säugling richtet, der schreit: „Sie wollen mich doch sicher nicht noch einmal umbringen!“

In ganz Europa war das Ergebnis nicht nur verbale, sondern auch physische Gewalt. Ein Bericht aus dem letzten Jahr, veröffentlicht vom „Lawyers Committee for Human Rights“ (Komitee der Rechtsanwälte für die Menschenrechte) mit dem Titel „Feuer und zerbrochenes Glas“ beschreibt die europaweiten Übergriffe auf Juden und Menschen, die für Juden gehalten wurden. Angreifer, die rassistische Slogans rufen, Steine auf Schulkinder werfen, auf Beter, auf Rabbis. Jüdische Häuser, Schulen und Synagogen, die in Brand gesetzt werden sollten. In nur ein paar Wochen im letzten Frühjahr wurden französische Synagogen und jüdische Schulen, Schüler und Häuser angegriffen und mit Brandsätzen beworfen. Eine Synagoge in Marseilles wurde bis auf die Grundmauern nieder gebrannt. In Paris wurden Juden durch Gruppen von Kapuzenmännern angegriffen. Die Polizei berichtet, dass die Pariser Innenstadt in den ersten Monaten nach Ostern rund ein Dutzend antijüdische Vorfälle pro Tag erlebte.

Und die Gewalt geht weiter. In der Ukraine griffen Skinheads jüdische Arbeiter und den Direktor einer jüdischen Schule. In Holland skandierten Demonstranten mit Hakenkreuzen und Fotos von Israel „Sieg Heil!“ und „Juden ins Meer!“ In Saloniki wurde das Holocaust-Denkmal mit pro-palästinensischen Graffiti entstellt. In der Slowakei wurden Brandsätze auf jüdische Friedhöfe geworfen. In Berlin wurden Juden angegriffen, Hakenkreuze auf jüdische Denkmäler geschmiert und eine Synagoge mit den Worten „6 Millionen sind nicht genug“ besprüht.

In der muslimischen Welt durchdringt eine Kultur des Hasses auf die Juden alle Formen der öffentlichen Kommunikation – Zeitungen, Videos, Predigten, Bücher, das Internet, Fernsehen und Radio. Die Intensität der antijüdischen Schmähungen ist vergleichbar ihrer Blütezeit in Nazideutschland oder übertrifft sie noch. Die öffentliche Rhetorik verbindet die Ritualmord-Vorwürfe des mittelalterlichen, christlichen Europa mit den verrückten Verschwörungstheorien der Nazis, die ein Echo der berühmten Fälschung, den „Protokollen der Weisen von Zion“, sind und der aus der Luft gegriffenen Annahme des jüdischen Strebens nach Weltherrschaft. In der gesamten islamischen Welt findet man verleumderische Zitate über Juden als Söhne von Affen und Eseln. Eine führende saudische Zeitung zeigt Juden, wie sei das Blut von christlichen und muslimischen Kindern benutzen, um ihr hamanteskes Gebäck für Purim und ihre Matzen, das ungesäuerte Brot für Passah, zu backen. In dieser fundamentalistisch-religiösen Kultur werden Amerika und Israel als zwillingshafte satanische Mächte angesehen, „der große Satan“ und „der kleine Satan“, wie Irans religiöser Führer, Ayatollah Khomeini sie zu nennen pflegte.

Die Verbindung der zwei Satane ist seit dem Beginn der palästinensischen Intifada im September 2000 und den Anschlägen vom 11. September noch stärker betont worden. Haben Sie mal die Geschichte von den 4.000 Juden gehört, die im World Trade Center arbeiteten und am Morgen des 11. September nicht zur Arbeit erschienen? Diese Story wurde von der Hisbollah unter der Tarnung einer libanesischen Fernsehstation ins Internet gebracht. Diese städtische Legende hat nun in der muslimischen Welt Wurzeln geschlagen, was die Worte von W.B. Yeats in Erinnerung ruft: „Wir hatten das Herz mit Fantasie gefüttert. Das Herz ist durch diese Kost brutal geworden.“

Islamisten sehen überall die Spuren ihrer Feinde – die Fantasie, dass ein geheime und allmächtige zionistische Lobby den Arabern und Muslimen das Lebensblut entzieht und Washington gegen den Irak aufhetzt, während sie die ganze Zeit über ihre unheimlichen Pläne für die Kontrolle der Welt verwirklichten. In Ägypten wurde eine 41-teilige Fernsehserie ausgestrahlt, die in der gesamten arabischen Welt während des letzten Ramadan ausgestrahlt wurde; sie hieß „Reiter ohne Pferd“. Das Thema der Serie war, dass sei Zionisten die Weltpolitik seit dem Beginn der Geschichte kontrolliert haben und die Kontrolle über den Nahen Osten gewinnen wollen – eine Fantasie, wie Prof. Robert Wistrich von der Hebräischen Universität heraus stellte, die aus dem Deutschland der 1930-er Jahre importiert wurde.

Für Westler, die nicht von den brennenden Erfahrungen der jüdischen Geschichte unbeleckt sind, ist es schwierig zu verstehen, in welchem Ausmaß das Überleben Israel für Juden ein Thema bleibt; Juden können die überhitzte arabische Rhetorik nicht abtun, die Terrorismus gegen unschuldige Zivilisten zu rechtfertigen sucht, indem Israels Existenz als illegitim beschrieben wird. Diese Rhetorik ist das Ergebnis sorgfältiger Kalkulation arabischer Führer, die die populäre Anziehungskraft erkannten, die es hat, wenn sie ihren Völkern Israels als Sündenbock für ihr Versagen präsentieren, während sie darüber ihre eigenen Regime legitimieren.

Erfreulicherweise ergehen sich nicht alle arabischen Politiker in solch zynischen Berechnungen. Im Februar nahm ich an einem bemerkenswerten Treffen teil, das von Präsident Nursultan Nazarayev von Kasachstan einberufen wurde. Zu der Gruppe, die sich in Almaty traf, gehörten die Präsidenten der zentralasiatischen Republiken von Kirgistan und Tadschikistan, die Außenminister von Aserbaidschan und Afghanistan und der stellvertretende Außenminister der Türkei. Das Treffen wurde „Konferenz über Ordnung und Toleranz“ genannt. Während wir unsere Ansichten austauschten, fand ich mich als gespannter Zuhörer von Staatsmännern, die mit Gefühl für ihre Unterstützung des Dialogs zwischen Muslimen und Juden in einer Atmosphäre religiöser Toleranz und Verständnisses sprachen, während sie in klaren Worten Extremismus und Terrorismus verurteilten. Wenn man die Zahl der Muslime in den in Almaty vertretenen Ländern nimmt und die Zahl der Muslime in moderaten Ländern wie Indien hinzu addiert, ist das Ergebnis ein riesiger Teil der muslimischen Welt, der den Extremismus der arabischen Führung unter Israels Nachbarstaaten ablehnt.

Solche Toleranz ist leider nicht bei der Weltkörperschaft zu finden, die geschaffen wurde, um die universellen Werte und menschlichen Ideale zu pflegen – der UNO. Es ist traurig, dass das Wachstum der internationalen Feindseligkeit gegenüber Israel seinen prominentesten Ausdruck in den Handlungen der UNO gefunden hat. Es ist in der Tat lange her, dass die UNO die Legitimierung und Legalisierung der Existenz Israels und des Rechts des jüdischen Volks, einen eigenen Staat auf eigenem Land zu haben, in ihrer Resolution von 1947 mit einer Zweistaaten-Lösung vorschlug und genehmigte.

Seitdem hat die UNO fast reflexartig eine antiisraelische Haltung eingenommen, die sich der antiisraelischen Mehrheit ihrer Mitglieder zuneigt. Die UNO ist heute ein regelmäßiges Forum für heftige antiisraelische Attacken, das unter dem falschen und Hass erfüllten Deckmantel von Vernunft und Legitimität konferiert und daher eine Organisation der Konservierung, nicht der Beendung des Nahost-Konflikts geworden ist.

Einige Taten der UNO sind einfach unglaublich. Auf der in Durban (Südafrika) abgehaltenen Weltkonferenz gegen Rassismus wurde Israel – die einzige Demokratie im Nahen Osten, die sich den Menschenrechten, der Gesetzestreue und arabischer Beteiligung an einer demokratischen Regierung verschrieben hat – von arabischen und Staaten der Dritten Welt angegriffen und ihm wurden Völkermord, ethnische Säuberungen und Apartheid vorgeworfen. Dann gibt es noch die Vierte Genfer Konvention, die ursprünglich als Antwort auf die Gräueltaten des Naziregimes entworfen wurde, um Menschen wie Diplomaten und Besucher zu schützen, die einer Militärbesatzung ausgesetzt waren.

Letztes Jahr trafen sich UN-Konferenzteilnehmer und zum ersten Mal in den 52 Jahren seit ihrer Verabschiedung verurteilten ein einzelnes Land – Israel – wegen angeblicher Verstöße. Nicht Kambodscha und Ruanda mit ihrer gut dokumentierter Geschichte von Völkermord. Nicht Zimbabwe mit seiner rassistischen Politik. Nicht die Balkan-Staaten mit ihren ethnischen Säuberungen. Nicht einmal China mit seiner düsteren Geschichte in Tibet. Nur Israel wurde ausgesucht. Die UN-Kommission für Menschenrechte, der gelegentlich so bemerkenswert aufgeklärte Staaten wie Libyen vorsitzen, ist ebenfalls diesem Muster gefolgt und widmete viel von ihrer Zeit, ihrer Energie und ihren Bemühungen den Angriffen auf Israel. Die Kommission ging sogar so weit, am 15. April diesen Jahres die Legitimität von Selbstmord-Bomben gegen Israelis zu beteuern – oder urteilsfreier UNO-Sprache: „alle verfügbaren Mittle, einschließlich des bewaffneten Kampfes.“

In der arabischen Welt wird der Zionismus nicht als jüdische Antwort auf einen historischen Antisemitismus in einer Welt dargestellt, die im Holocaust ihren Höhepunkt fand, sondern als hyper-aggressive Variante des Kolonialismus. Aber da dieser neue Antisemitismus sich selbst so deutlich als politische Ablehnung des jüdischen Staates manifestiert, ist er es wert, einen Moment lang die Geschichte zu untersuchen. Fakt ist: Die Mehrheit der Juden kam im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Israel, nicht als erobernde Europäer, die von nationalen Armeen und Finanzministerien gestützt wurden, sondern als Jammergestalten der Erde auf der Suche nach einer Pause in der endlosen Verfolgung. Sie waren nicht wohlhabend; sie waren jung, arm und verzweifelt. Die Annahme, dass die traditionelle Stellung von Arabern in Palästina durch jüdische Besiedlung gefährdet ist, wird durch eine weitere Tatsache widerlegt: Als die Juden ankamen, war Palästina ein spärlich bevölkertes, wenig kultiviertes und weit gehend abgelehnter Landstrich sandiger Wüsten und Malaria trächtiger Sümpfe. Mark Twain beschrieb es in „The Innocent Abroad“ (Der Unbedarfte Reisende) als ein „trostloses Land, dessen Boden gut genug aber völlig dem Unkraut überlassen ist – eine stille, traurige Weite… Wir sahen auf dem ganzen Weg nicht eine Menschenseele. Es gab kaum einen Baum oder Strauch. Selbst die Olive und der Kaktus, diese schnellen Freunde wertlosen Bodens, hatten das Land fast komplett verlassen.“

Selbst Leute, die der zionistischen Sache unfreundlich gegenüber standen, glaubten, dass jüdische Immigranten die Lebensumstände der palästinensischen Araber verbessert hatten. So sagte Scharif Hussein, der Wächter über die islamischen heiligen Stätten in Arabien 1918: „Eines der erstaunlichsten Dinge bis in unsere Zeit war, dass die Palästinenser das Land verließen und in alle Richtungen davon zogen. Sein heimischer Boden konnte ihn nicht festhalten, obwohl seine Vorfahren seit 1000 Jahren auf ihm lebten. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass die Juden aus fremden Ländern nach Palästina strömten… Sie wussten, dass das Land für ihre ursprünglichen Söhne da war. Die Rückkehr dieser Exilanten in ihre Heimat wird sich materiell und spirituell als Schule für ihre Brüder erweisen.“ Hussein verstand damals, was so viele heute zu sehen ablehnen: dass die Regeneration Palästinas und sein Bevölkerungswachstum erst zustande kamen, nachdem die Juden in bedeutender Anzahl zurück kamen. Der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill zeigte auf: „Das Land wurde den Arabern nicht weggenommen. Die Araber verkauften den Juden nur dann Land, wenn sie es auch verkaufen wollten.“

Die Hoffnung war, dass die Araber Israelis als ihre Nachbarn akzeptieren würden und letztendlich sie als solche anerkannten. Diese Hoffnung starb. Sogar der Krieg, dieser grimmige Endvermittler internationaler Beziehungen, hat da keine Änderung gebracht. Die Araber widersetzten sich von Anfang an einer jüdischen Präsenz in der Region. Sie dehnten ihren Krieg gegen Israel in einen Angriff auf den Idee eines Israel aus. Zionismus, der jüdische Anspruch auf ein eigenes Land, wurde für rassistisch erklärt, weil die Araber sagten, er beraube sie ihres Landes. Sie ersetzten den heimatlosen Juden durch den heimatlosen Palästinenser. Die Araber machten die Palästinenser heimatlos, indem sie sich 1948 weigerten die Teilung zu akzeptieren und die vielen Palästinenser, die dem Krieg entflohen, im Libanon, Syrien und Jordanien heimatlos gehalten haben, indem sie sich weigerten, sie in ihrem Land anzusiedeln; diese Araber machen jetzt die Juden für diese Heimatlosigkeit verantwortlich. Sie klagten ständig, dass es die Juden gewesen seien, die die Araber aus Palästina vertrieben hätten. Der angesehene Arabist Bernard Lewis schrieb aber: „Die große Mehrzahl verließ, wie unzählige Millionen Flüchtlinge andernorts, ihre Heimat im Durcheinander und der Panik von Invasion und Krieg – ein weiterer unglücklicher Teil der großen Bevölkerungsbewegung, die nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand.“

Sogar die Auslandspresse, die regelmäßig mit allen Seiten während des Konflikts von 1948 in Kontakt stand, schrieb nichts, das andeutete, die Flucht der Palästinenser sei unfreiwillig gewesen. Genauso wenig machten Sprecher der Araber, wie der palästinensische Vertreter bei der UNO, Jamal Husseini, oder der Generalsekretär der Arabischen Liga, die Juden zeitgleich mit dem Krieg von 1948 für die Flucht der Araber und Palästinenser verantwortlich. Tatsache ist, dass die, die flohen, dazu von anderen Arabern gedrängt worden waren. Der damalige Premierminister des Irak, Nuri Said, drückte das so aus: „Die Araber sollten ihre Frauen und Kinder in sichere Gebiete, bis die Kämpfe abgeflaut sind.“ Ein geflüchteter Araber beschrieb dieses Denken in der jordanischen Zeitung Al-Difaa: „Die arabischen Regierungen sagten uns: Geht raus, damit wir rein gehen können. Also gingen wir raus, aber sie gingen nicht rein.“ Und der schlechten Lage wurde unglaublicherweise erlaubt sich weiter zu verschlechtern. Im Krieg von 1948 geflohene Araber und Palästinenser wurden in Lagern angesiedelt, die von der United Nations Relief and Works Agency verwaltet wurde, der einzigen Behörde, die je für eine Flüchtlingsgruppe seit den massiven Vertreibungen des Zweiten Weltkriegs eingerichtet wurde. Die Teilung Indiens geschah zur gleichen Zeit wie der Konflikt in Palästina und Millionen Hindus und Muslime wurden entwurzelt, aber praktisch nichts wurde für sie getan. Nichts wurde getan als Antwort auf die chinesische Besetzung Tibets, wo eine alt hergebrachte religiöse, soziale und politische Struktur praktisch vernichtet wurde.

Und 55 Jahre nach ihrer ersten Einrichtungen gibt es diese Flüchtlingslager immer noch. Mit der Ausnahme Jordaniens haben es die arabischen Regierungen, die diese Lager beherbergen, es abgelehnt, den Flüchtlingen die Staatsbürgerschaft zuzugestehen und sich ihrer Wiederansiedlung widersetzt. Im Libanon ist es 400.000 staatenlosen Palästinensern nicht erlaubt öffentliche Schulen zu besuchen, Land zu besitzen oder auch nur ihren Lebensstandard zu verbessern. Drei Generationen später dienen sie weiter als politische Bauernfiguren der arabischen Staaten und hoffen immer noch auf die Umkehr der Ereignisse von 1948. „Die Rückkehr der Flüchtlinge“, wie Präsident Gamal Abdel Nasser von Ägypten Jahre später sagte, „wird das Ende Israels bedeuten.“

Die UNO hat durch ihre Verwaltung der Lager ein kompliziertes Problem unendlich schwieriger gemacht? Wie? Die UN-Beamten haben die Flüchtlinge im Nahen Osten so definiert, dass es die Nachkommen von Personen einschließen, die 1948 Flüchtlinge wurden. In anderen Teilen der Welt werden die Nachkommen von Flüchtlingen nicht als Flüchtlinge definiert. Das Ergebnis dieser einzigartigen Behandlung ist das Anwachsen der Zahl der arabischen Flüchtlinge von rund 700.000 auf über 4 Millionen, weil Kinder, Enkel, sogar Großenkel darin eingeschlossen sind. Der ehemalige syrische Premierminister Khaled al Azm schrieb in seinen Memoiren: „Wir sind es, die die Rückkehr Flüchtlinge verlangen, während wir es waren, die sie zur Flucht veranlassten. Alles im Dienst politischer Ziele.“ Und so geht es bis zum heutigen Tag weiter. Zur Zeit der Gründung des Staates Israel wurden 900.000 jüdische Flüchtlinge in einer koordinierten Aktion zum Verlassen der benachbarten arabischen Staaten gezwungen. Diese Flüchtlinge wurden vom neuen Israel absorbiert. Und trotzdem war die Welt – und ist es weiter – angesichts der Leiden der Flüchtlinge aus den arabischen Staaten ungerührt.

Israel als einzigen Staat herauszugreifen, der eine Flüchtlingsbevölkerung wieder aufnehmen muss, bedeutet, dass an den jüdischen Staat andere Maßstäbe angelegt werden als an andere. Der genauere Begriff dafür ist wohl zweierlei Maß zu benutzen. Vor diesem Hintergrund, mit einer Geschichte, die von Israels Feinden so zynisch manipuliert wird, den Verdrehungen und blanken Unwahrheiten, die die jüngeren Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern charakterisieren, sollte das nicht als überraschen. Es gibt praktisch unzählige Beispiele zur Auswahl, aber das „Massaker“ durch Israelische Streitkräfte im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin im letzten Jahr ist besonders bezeichnend.

Am Vorabend des Passahfestes tötete ein Selbstmord-Bomber in der israelischen Stadt Netanya 29 Menschen und verletzte 140. Es war die sechste Terrorbombe dieser Woche. Die Israelis antworteten, indem sie Truppen in die Westbank schickten, darunter in das Flüchtlingslager in Jenin, die Hauptbasis der Bombenbauer. Eine zehntägige Schlacht entstand. Die Palästinenser behaupteten, unterstützt von UN-Vertretern, dass die Israelis hunderte Unschuldiger massakriert, Sammel-Exekutionen durchgeführt, die Leichen in Kühlwagen eingefroren und abtransportiert hätten. Saeb Erekat, ein Palästinenser-Sprecher, wiederholte die Behauptung von vielen hundert Getöteten. Die Medien akzeptierten diese Version. Aber folgende Berichte und selbst palästinensische Zeugenaussagen und jüngst geordnete Schriften belegten, dass Gruppen wie Fatah, Hamas und der Islamische Jihad Frauen und Kinder während der Kämpfe als Schutzschilde benutzten. Die Berichte zeigten schlüssig auf, dass es kein Massaker an palästinensischen Zivilisten gab und dokumentierten, dass die Israelis während der Schlacht große Zurückhaltung an den Tag gelegt hatten, um zivile Verluste niedrig zu halten, währen sie als Folge dessen selbst ungeheuer große eigen Verluste erlitten.

Es ist nicht überraschend, dass Verdrehungen und Unwahrheiten ebenfalls den politischen Umgang der Palästinenser mit Israel charakterisieren. In dieser Beziehung war die Oslo-Übereinkunft von 1993 ein kritisches Moment. Dort war das Verhandlungsprinzip „Land für Frieden“. Was Israel erhielt, war kein Frieden im Gegenzug zu seinem Angebot des Landes. Das großzügigste israelische Angebot von Land für Frieden kam drei Jahre später in Camp David. Der damalige israelische Premierminister Ehud Barak bot Yassir Arafat 97 Prozent der Westbank und des Gazastreifens an, darunter die arabischen Viertel von Ostjerusalem und den Tempelberg. Das Angebot von Camp David wurde von Arafat nicht nur abgelehnt, sondern als Provokation benutzt, um eine Gewalt- und Terrorkampagne zu beginnen, die heute noch anhält.

Die Vorstellung des Land für Frieden sollte untersucht werden. Wenn man davon ausgeht, dass das bedeutet, Israel müsse mehr Land übergeben, bis Frieden erreicht und die arabische Kampfeslust beendet ist, dann könnte der wenig Neugierige mit der Schlussfolgerung zurück bleiben, dass der fehlende Friede das Ergebnis die Folge von Israels Versagen sein muss, genügend Land zu übergeben. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Es hat tausende Terroranschläge gegeben, seit die zweite Intifada vor drei Jahren begann. Der einzige Weg, mit dem Israel in der Lage gewesen ist, die Zahl der Selbstmordbomber zu reduzieren, ist die Eliminierung ihres Rückzugsraums über die Kontrolle der Westbank durch Besatzung und Abriegelung des Gazastreifens.

Aber die Geschichte ist keine der Besatzung der Westbank durch Israel. Wenn der Begriff „Besatzung“ überhaupt Bedeutung hat, ist diese vor drei Jahren mit Arafats Ablehnung des Barak-Vorschlags für einen palästinensischen Staat verloren gegangen. Das Problem ist die palästinensische Weigerung Israel das Recht auf Existenz als jüdischem Staat zu verweigern. Israels Kampf ist keiner der Juden gegen die Muslime. Es ist ein Kampf gegen den Hass auf Juden und ihre Verbindung zum Land Israel. Wie anders soll man die palästinensische Ablehnung Jerusalems als heiliger Stadt der Juden und der Westmauer als des Zweiten Tempels verstehen, außer als Ablehnung der jüdischen Anwesenheit dort? „In Jerusalem gab es keinen Tempel“, sagte Arafat in Camp David. „Es war nur ein Obelisk.“ Den Kern des jüdischen Glaubens in Frage zu stellen ist kaum ein Hinweis auf die Bereitschaft den Konflikt zu lösen.

Ganz im Gegenteil: die steigende palästinensische Gewalt beweist eine unbeirrbare Entschlossenheit den Konflikt fortzusetzen. Die Einsicht des liberalen israelischen Schriftstellers Amos Oz gilt weiter. Er wird verfolgt, sagte er, von der Beobachtung, dass vor dem Holocaust die europäischen Graffitis hießen: „Juden nach Palästina“, während sich das heute verwandelt hat in „Juden raus aus Palästina“. Die Botschaft an die Juden, sagt Oz, ist einfach: „Seid nicht hier und seid nicht dort. Das heißt: Seid nicht.“

[1] Die deutsche Übersetzung hinkt etwas und gibt die Wortspielerei des Originals nicht gut wieder: „All the isms are wasms.“