Antisemitismus unter britischen Akademikern

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Antisemitismus manifestiert sich in verschiedenen Segmenten der britischen Gesellschaft. Die Politik ist ein wichtiger solcher Bereich. Vorfälle in der Labour Party dominieren, sind bei weitem nicht die einzigen.[1] Die akademische Welt ist ein weiterer Bereich, an dem es regelmäßig antisemitische Vorfälle gibt. Diese kommen in verschiedenen Universitäten, auch bei führenden vor, ebenso bei Studentenorganisationen.

Die jüdische Schutzorganisation Community Security Trust schrieb zum Jahr 2016 in einem Bericht über die akademische Welt: „Bei 41 antisemitischen Vorfällen waren die Opfer jüdische Studenten, Akademiker oder Studierendengremien; 2015 wurden im Vergleich dazu 21 solche Vorfälle registriert. Von den 41 verzeichneten Vorfällen in diesem Bereich für 2016 fanden 17 auf dem Campus statt, während 24 weitere, die Studenten, Akademiker oder Studierendengremien betrafen, außerhalb der Universitäten stattfanden.“[2]

Im Mai 2016 sagte Oberrabbiner Ephraim Mirvis, dass jüdischen Studenten sich einer „Wand an Antizionismus gegenüber sahen, von der sie das Gefühl haben und wissen, dass es sich um Judenhass handelt, wenn sie zur Universität gehen“. Er fügte an: „Universitätsleiter sollten sich ‚schämen‘, dass an ihren Universitäten ‚Zionisten-Bashing‘ stattfindet.“[3]

Baroness Deech, die das höchste Amt in Großbritannien bekleidete, das sich mit Anzeigen von Studenten befasst, erklärte, dass viele jüdische Studenten glauben, Juden sollten wegen Antisemitismus an einer Reihe von Universitäten nicht studieren. Zu diesen gehören die SOAS in London, Exeter, Southampton und Manchester. Mehrere der beschuldigten Universitäten bestritten, dass dem so sei. Baroness Deech erklärte: „Das extreme Maß an Feindschaft gegenüber Israel an Universitäten im ganzen Land kann manchmal so weit gehen, dass sie mit Antisemitismus gleichzusetzen sind.“[4]

Jonathan Arkush, Vorsitzender des Board of Deputies, der Dachorganisation der britischen Juden, riet im März 2017 jüdischen Studenten, sich nicht an der angesehenen London School of Economics einzuschreiben. Er machte das, nachdem die LSE den amerikanischen Akademiker Richard Falk eingeladen hatte, einen ehemaligen UNO-Sonderberichterstatter für Palästina.[5]

Viele Jahre lang hat Falk extrem gegen Israel gehetzt. Das Simon Wiesenthal Center veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der Top-Ten der antisemitischen/antiisraelischen Verleumdungen weltweit. 2013 kam Falk auf den dritten Platz. Er hatte behauptet, Israel könnte einen naziartigen Holocaust planen; zudem billigte er palästinensische Selbstmord-Bombenanschläge und bestritt, dass die Hamas eine Terrororganisation ist.[6]

An der Oxford University verschmolzen Antisemitismus an Universtäten und in der Politik. Die öffentliche Beachtung von weit verbreitetem Antisemitismus in der Labour Party begann, als im Februar 2016 Alex Chalmers, der Vizevorsitzende des Oxford University Labour Club (OULC) wegen des Antisemitismus in der Organisation zurücktrat. Er schrieb in seinem Rücktrittsbrief: „Ob es nun Mitglieder der Exekutive sind, die mit lässiger Hemmungslosigkeit mit dem Begriff ‚Zio‘ um sich werfen (ein Begriff für Juden, der sich gewöhnlich auf vom Ku Klux Klan betriebene Internetseiten beschränkt), wobei ranghohe Mitglieder des Clubs ihre ‚Solidarität‘ mit der Hamas zum Ausdruck bringen und ausdrücklich deren Taktiken der willkürlichen Ermordung von Zivilisten verteidigen.“[7]

Ein Jahr später entschied das National Executive Committee der Labour Party, dass nichts gegen die OULC-Studenten unternommen wird. Baroness Royall, die für die Partei einen Bericht zum Antisemitismus in der OULC geschrieben hatte, sagte, die Entscheidung werde „eine weithin vertretene Ansicht bestätigen, dass wir Antisemitismus nicht ernst nehmen“.[8]

An der University of Cambridge gab es ebenfalls antisemitische Vorfälle. Im Mai 2017 gestand der Master of Christ College ein, dass man jüdischen Studenten „Bestürzung und Schmerz“ zugefügt habe, indem man eine irreführende Ermittlung zu Anzeigen zweier jüdischer Studenten durchführte, die unter antisemitischen Übergriffen von Mitgliedern der Sportvereine des Colleges litten. Die ursprüngliche Vertuschung durch die Universität wurde von der Tageszeitung Telegraph aufgedeckt.[9]

Im Februar 2017 wurden an verschiedenen Fakultäten der University of Cambridge an Schwarzen Brettern und in Gemeinschaftsräumen Flugblätter gefunden, die den Holocaust leugneten. Der Vizekanzler der Universität, Sir Leszek Borysiewicz, verurteilte dies und brachte große Sorge zum Ausdruck.[10] Etwa zur selben Zeit wurden ähnliche Flugblätter an weiteren Universitäten gefunden, darunter dem University College of London, der University of Glasgow und der University of Edinburgh.[11]

Antisemitische Vorfälle verschiedener Natur gab es an der University of Edinburgh auch schon in früheren Jahren. 2011 wurde der israelische Diplomat Yishmail Khaldi gemobbt, als er dort sprach. 2012 wurde der israelische Botschafter Daniel Taub von Studenten unterbrochen, die Parolen skandierten und Palästinenserflaggen schwenkten. Es gab Berichte jüdischer Studenten, die wegen Antisemitismus ihre Kurse an der Universität verließen. Einige beschuldigten die Universitätsleitung, sie schenke dem Problem keine Beachtung.[12] 2015 setzte die Edinburgh University Student Association (EUSA) eine Diskussion zum Boykott Israels auf den Tag vor Pessah an, so dass viele jüdische Studenten sich nicht gegen eine BDS-Resolution aussprechen konnten.[13] 2016 wurde an der Universität ein Plakat gefunden, das sagte, der Holocaust sei Betrug.[14]

Antisemitismusprobleme gibt es auch bei der National Union of Students (NUS). Die frühere Präsidentin der Union, Malia Bouattia, wurde vom Home Select Affairs Committee des Unterhauses dafür kritisiert, dass sie die Birmingham University als „Außenposten des Zionismus“ bezeichnete.[15] Ein Jahr später gab es einen neuen Skandal bei der NUS, als drei Kandidaten, die Posten im Exekutivkomitee inne hatten oder Kandidaten für das Gremium waren, antisemitische Kommentare vorgeworfen wurden.[16]

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Antisemiten und ihre Verbündeten in der akademischen Welt die von der britischen Regierung übernommene[17] Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkunion nicht mögen.[18] Die IHRA-Definition ist beispielsweise von der University and Colleges Union abgelehnt worden, die 110.000 Mitglieder und eine lange Geschichte antiisraelischer Hetze hat.[19] Die angeführten Beispiele sind nur eine Auswahl vieler weiterer Punkte.

[1] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/20599

[2] https://cst.org.uk/data/file/b/e/Incidents%20Report%202016.1486376547.pdf, Seite 7.

[3] http://www.independent.co.uk/student/news/chief-rabbi-ephraim-mirvis-urges-university-vice-chancellors-to-address-growing-anti-semitism-a7022081.html

[4] http://www.telegraph.co.uk/education/2016/12/22/britains-top-universities-becoming-no-go-zones-jews-baroness/

[5] http://jewishnews.timesofisrael.com/jewish-students-told-dont-study-at-lse-by-board-president/

[6] http://www.wiesenthal.com/atf/cf/%7B54d385e6-f1b9-4e9f-8e94-890c3e6dd277%7D/TOP-TEN-2013.PDF

[7] http://www.independent.co.uk/student/news/oxford-university-labour-club-co-chair-alex-chalmers-resigns-amid-anti-semitism-row-a6878826.html

[8] http://www.thejc.com/news/uk-news/oxford-labour-1.430828

[9] http://www.telegraph.co.uk/news/2017/05/11/master-cambridge-college-admits-causing-hurt-jewish-students

[10] http://www.cambridge-news.co.uk/news/cambridge-news/vice-chancellor-profoundly-concerned-more-12575041

[11] http://jewishnews.timesofisrael.com/holocaust-denial-leaflets-distributed-on-uk-campuses/

[12] http://www.thejc.com/news/uk-news/university-students-quit-after-toxic-antisemitism-in-edinburgh-1.39270

[13] http://www.jpost.com/Diaspora/Edinburgh-University-students-accused-of-anti-Semitism-over-Passover-BDS-vote-395900

[14] https://thetab.com/uk/edinburgh/2016/04/20/appalling-anti-semitic-poster-found-kings-buildings-23500

[15] http://www.independent.co.uk/news/education/nus-president-malia-bouattia-anti-semitism-parliament-home-affairs-select-committee-israel-a7363591.html

[16] http://jewishnews.timesofisrael.com/nus-candidates-step-down/

[17] http://www.theguardian.com/society/2016/dec/12/antisemitism-definition-government-combat-hate-crime-jews-israel

[18] http://jewishnews.timesofisrael.com/four-universities-reject-uks-definition-of-anti-semitism/

[19] http://jewishnews.timesofisrael.com/ucu-antisemitism-definition/

Verhaltensanpassung

Hinter den vornehmen Verblendungen

John Derbyshire, National Review online, 19. April 2002

Die Schlacht am Lechfeld an einem regnerischen Freitag im August des Jahres 955 n.Chr. passt nicht in eines der Bücher, die die entscheidendsten oder bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte beschreiben – Bücher von Historikern wie Edward Creasy oder von unserem Vic Hanson. Das ist eine Schande und etwas unfair, aber verständlich. Das Lechfeld war entscheidend, sehr entscheidend, allerdings nur für eine kleine und belanglose Nation: Ungarn. Wenn auch kein bedeutender Augenblick im großen Zusammenhang der Weltgeschichte, verdient doch die Schlacht auf dem Lechfeld ein Kapitel für sich in den Annalen der Verhaltensanpassung.

Die Ungarn tauchten erstmals einige Jahrzehnte früher als aus dem Osten kommende Plünderer in Europa auf. Brillante Reiter, die mit einer furchtbaren Leichtigkeit auf ihren Steppenponys über die Landschaft hinweg fegten, überwältigten die schwerfälligen Ritter des frühmittelalterlichen Europa mit riesigen Schwärmen von Pfeilen, terrorisierten den Kontinent seit dem späten 9. Jahrhundert. Gibbon spricht von „dem schwarzen Schwarm der Ungarn“ und einige Gelehrte vermuten, dass das (englische) Wort „ogre“ (Ungeheuer, Scheusal, Unhold) von dem slawischen Wort Ugri abstammt, das „Ungar“ bedeutet. Ein anderer Historiker, der über die Lage in Europa um 900 n.Chr. schrieb, sagte:

Die unglückliche Lage des Westens in der Zeit anhand der Geschichte Burgunds gut aufgezeigt, einem Staat, der verhältnismäßig unzugänglich erschien, aber innerhalb eines halben Jahrhunderts nacheinander von den Wikingern, den Moslems und den Magyaren heimgesucht wurde. („Magyar“ ist das ungarische Wort für „Ungar“.)

Nun, im Sommer des Jahres 955 erfreuten sich die Ungarn an einem Raubzug durch Süddeutschland, bei dem sie die Feinde des deutschen Königs, Otto I. unterstützten. Für sie unglücklicherweise war Otto ein großer Heerführer, während ihr eigener Anführer – der sich an dem Namen „Blutiger Bulksu“ erfreute – ein mittelmäßiger war. Otto begegnete den Ungarn auf dem Lechfeld in Bayern und schlug sie nach einer den ganzen Tag dauernden, erbitterten Schlacht vernichtend. Nach der nationalen Legende sollen nur sieben Soldaten Ungarn lebend wieder gesehen haben – ausgezogen waren ursprünglich 40.000. (Ottos Armee war nur halb so groß, was seine große Leistung nur noch eindrücklicher machte.) „Der Verlust der Ungarn war durch die Flucht größer, als die Sache selbst“, sagt Gibbon, „und die Gräuel der Vergangenheit verschloss ihnen jede Hoffnung auf Nachsicht.“

Nach dem Lechfeld hörten die Ungarn abrupt mit ihren Raubzügen auf und ließen sich nieder um das Pannonische Becken zu bewirtschaften. Vierzig Jahre später nahm ihr großer König Stefan das Kreuz an und die Umwandlung der wilden magyarischen Horde in das christliche Königreich Ungarn war vollzogen. Wie man sehen kann: eine Anpassung des Verhaltens.

Die Geschichte kennt natürlich viele andere Gelegenheiten der Verhaltensanpassung. Die römische Eroberung von Britannien geschah – nach der Theorie – mit dem Fall von Colchester 43 v.Chr., wurde aber nicht vor der Niederschlagung der Rebellion von Boudicca 17 Jahre später zur Tatsache, die einen sechsstelligen „Schlachtpreis“ forderte. Erst danach passten die Briten ihr Verhalten an und wurden gute Bürger Roms. Für die Amerikaner familiärer ist General Shermans „Befriedung“ der Südstaaten sowie die gründlichen und vernichtenden Niederlagen Deutschlands und Japans im Zweiten Weltkrieg. In jedem Fall wurden diejenigen, die eine blutige und katastrophale Niederlage erleiden mussten, davon überzeugt einen Kampf aufzugeben, von dem sie nur zu genau wussten, dass sie ihn nicht gewinnen konnten. Sie änderten ihr Verhalten, um mit der neuen Realität zurecht zu kommen.

Als Resultat der täglichen Nachrichten und Kommentare über den Nahen Osten während der letzten Woche geht all das einem natürlich durch den Kopf. Mein persönliches Herangehen an Nahost-Kommentare ist: In einer Sache, die so tief gehend, beladen und verwickelt ist wie diese ist es keine schlechte Idee sich anzusehen, was Kommentatoren mit wirklich gutem Leumund zu sagen haben. Ich will damit nicht sagen, dass solche Kenner unfehlbar seien. Wirklich gut beleumundete Menschen liegen oft furchtbar falsch. Es waren nicht nur Amateure, die den Kollaps der UdSSR nicht vorher sahen; jeder Menge Experten war das ebenfalls entgangen. Einige mit sehr gutem Ruf ausgestattete Personen hatten den Vietnamkrieg in den Sand gesetzt, „China verloren“, verschliefen den Herbst 1941, konnten nichts zur Überwindung der Großen Wirtschaftskrise beitragen, usw. Auch bei gleichwertigen anderen Sachlagen ist es bedeutend wahrscheinlicher, dass man ein wirkliches Verstehen aus den Schriften von Professor Polyglott erhält als davon, durch die Gedankengänge von Manni Manta zu surfen.

Für den Nahen Osten gibt es kaum jemanden mit einem besseren Ruf als Walter Laqueur. Eine an seinem 65. Geburtstag 1986 veröffentlichte Bibliographie war 66 Seiten stark – und deckte lediglich die englischsprachigen Veröffentlichungen ab und ließ ein volles Jahrzehnt von täglichem Journalismus aus. Laqueur hat ein halbes Regal an Büchern über europäische Geschichte, den Nahen Osten, Zionismus, Terrorismus, sowjetische Angelegenheiten, US-Außenpolitik usw. geschrieben. Kurz gesagt: Dieser Mann ist ein Schwergewicht. (Derzeit ist er Vizepräsident des International Research Council of the Center for Strategic and International Studies.) Was also hat dieser wohlangesehene Mann über die derzeitige Lage im Nahen Osten zu sagen? Nun, auf der Kommentatorenseite des Wall Street Journal vom 27. März hat Walter Laqueur seine Last abgeladen. Schlüsselsätze:

So unmenschlich es klingen mag, den Konflikt muss man laufen lassen, bis beide Seiten genug gelitten haben um über ihren jeweiligen Punkt des Zusammenbruchs zu geraten. Erst dann werden sie den Willen zu Kompromissen haben. Zur Zeit wird jeder Versuch von außen, die Kämpfe zu beenden, keinen oder nur sehr kurzfristigen Erfolg haben.

Ich denke, die Logik hat eine Schwäche. Ist es wirklich nötig, dass beide Seiten „bis zum Punkt ihres Zusammenbruchs“ leiden müssen? Wenn nur eine von ihnen diesen Punkt erreicht, ist der Konflikt vorbei. Und ob ein „Wille zu Kompromissen“ folgen wird, kommt (nach meinem Eindruck) darauf an, welche Seite das sein wird. Wenn die Israelis diesen Punkt des Zusammenbruchs erreicht, dann wird Israel zerstört werden und sein Volk getötet oder zerstreut – zum dritten Mal in der Weltgeschichte. Wenn die Araber ihn zuerst erreichen, werden sie eine Verhaltensanpassung durchlaufen. Das bedeutet, dass sie von ihren Vornehmheits-Verblendungen aufwachen um den elenden Fehlschlag ihrer Gesellschaften in dieser modernen Zeit erkennen. Dann werden sie das Kreuz annehmen – na ja (und mit allem Respekt gegenüber Ann Coulter), so viel kann man nicht erwarten, aber sie werden wenigstens verfassungsgemäße Politik und rationale Ökonomie annehmen.

Ich behaupte nicht, ich wüsste, welche dieser Möglichkeiten eintreten wird. Im Moment scheint beides möglich. Israel, das habe ich an anderer Stelle heraus gestellt, verliert die demographische Schlacht und krümmt sich unter all den Nachteilen, die eine moderne Demokratie mit sich bringt, wenn sie mit unmoralischen, prinzipienlosen Guerillas herumschlägt, die aus einem Hinterland feindseliger Staaten versorgt wird. Je mehr ich andererseits über die modernen Araber erfahre, desto größer und hoffnungsloser erscheint das Versagen ihrer Gesellschaften – ihr politisches Versagen, ihr kulturelles Versagen, ihr ökonomisches Versagen und ihr militärisches Versagen. Zahlen allein entscheiden solche Probleme nicht, wenn die Lücke im System groß genug ist. Im Opiumkrieg saßen einige hundert britische Seeleute am Ende eines Versorgungswegs, den zu bewältigen fünf Monate dauerte. Diese britischen Seeleute demütigten das chinesische Kaiserreich mit seiner Bevölkerung von über 300 Millionen. Und während die Araber zahlenmäßig an Israel vorbei ziehen, versinken sie immer tiefer in Despotismus und geistigem Elend. (Die derzeitige Blüte des islamischen Fundamentalismus ist ein Symptom dieses Elends, kein Gegenmittel.) Ich würde persönlich keine Wette zum Ausgang des arabisch-israelischen Kampfes eingehen.

„Den Konflikt muss man seinen Lauf nehmen lassen… wird jeder Versuch von außen, die Kämpfe zu beenden, keinen oder nur sehr kurzfristigen Erfolg haben.“ Es mag grausam zu sein, dies zu sagen – ja sogar „unmenschlich“ -, aber ich glaube, Laqueur hat in diesem zentralen Punkt recht. Das Verhalten im Nahen Osten wird nicht angepasst werden, bis es ein Lechfeld gegeben hat, einen Marsch durch Georgia (USA), ein Berlin, ein Tokio (um Gottes Willen, bitte kein Hiroschima). Alle „Friedensprozess“-Mechanismen, all die diplomatischen Klimmzüge, all die „Shuttle-Diplomatie“ zögern den Tag der Entscheidung nur hinaus. Die derzeitige US-Politik – wie ein nervöser Ringrichter dazwischenzuspringen und den Kampf zu beenden, sobald Blut geflossen ist – schiebt nur die notwendige Anpassung der Einstellung hinaus und stellt sicher, dass der kommende große Zusammenprall um so schrecklicher sein wird.

Die europäische Halbherzigkeit bei der Bekämpfung des Terrorismus im Vergleich zu Israel

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

EU-Experten warnen, das Schrumpfen des ISIS-Territoriums könnte dazu führen, dass die Terrororganisation mehr Terroranschläge in Europa propagiert.[1] Auch Al-Qaida-Ableger und einige andere Terrororganisationen könnten solche Anschläge initiieren. Darüber hinaus könnte es private Terrorinitiativen durch Muslime geben, die keiner der Terrororganisationen angehören.

Die Europäische Union und ihre Mitgliedsländer entwickeln Programme, um potenzielle Terroristen besser zu identifizieren, vermehrt Informationen zu teilen, zurückkehrende Jihadisten zu entradikalisieren, weitere Radikalisierung zu verhindern und so weiter. Die Europäer lechzen nach mehr Sicherheit und erwarten, dass die EU auf diesem Gebiet eine Rolle spielt, während die Kompetenz dazu im Wesentlichen bei den europäischen Mitgliedsländern liegt.

Da Israel eine Volksarmee hat, haben die meisten Bürger Soldaten oder ehemalige Soldaten in ihrer Familie. Israelis wissen weit besser als Europäer, dass Terrorismus zu bekämpfen zu einem Großteil auch ein Bewusstseinszustand ist. Israelis sind seit Jahrzehnten eng vertraut mit dem mörderischen Verhalten von Palästinensern oder andere Arabern.

Diese mentale Haltung gibt es in europäischen Bevölkerungen kaum. Das nicht nur, weil es die erwähnten Charakteristika Israels nicht gibt. Auch ein oberflächlicher Beobachter kann eine Vielzahl an Signalen europäischer Regierungen erkennen, die das Schaffen einer effektiven Terrorbekämpfungsmentalität bei ihren Bevölkerungen unwahrscheinlich machen.

Der Iran, ein führender Terrorstaat, wirbt unter anderem für die Vernichtung eines anderen Mitglieds der Vereinten Nationen – Israels. Der oberste Revolutionsführer Ayatollah Ali Hosseini Khamenei bekräftigt dies gegenüber den Iranern und der Welt.[2] Der jährliche Al-Quds-Tag symbolisiert das. Im Juni fand der diesjährige Marsch in Teheran mit Hunderttausenden Teilnehmern statt. Einige trugen Bilder von Präsident Donald Trump, der britischen Premierministerin Theresa May und des israelischen Premierministern Benjamin Netanyahu. Diese waren mit „Tod dem Teufelsdreieck“ versehen.[3]

Trotzdem wurde der iranische Außenminister Mohammed Javad Zarif im Juni nicht nur vom deutschen Außenminister Sigmar Gabriel empfangen, sondern auch vom deutschen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier.[4] Etwa zur selben Zeit wurde in Berlin der Quds-Tag veranstaltet.[5] In dieser Stadt ermordete im Dezember der tunesische Terrorist Anis Amri 12 Menschen und verletzten 49 weitere.[6] Der Quds-Tag fand auch in London statt, wo Hisbollah-Flaggen gezeigt wurden.[7] Allein in London gab es seit Beginn dieses Jahres zwei tödliche Terroranschläge durch Muslime.[8] Danach fand anscheinend ein durch Rache motivierter Anschlag eines weißen Terroristen auf die Finsbury-Moschee statt.[9] In den Niederlanden veranstaltete eine Hamas-Frontorganisation in Rotterdam eine europäische Konferenz. Eine stille Protestdemonstration gegen diese Konferenz wurde verboten.[10]

Ein zweites Problem in Europa heute besteht darin, dass die Grenzpolitik nicht sonderlich streng ist. Die Außengrenzen des EU-Schengenbereichs sind seit vielen Jahren schlecht geschützt. Der massive Zustrom von Flüchtlingen ist nur eines der Ergebnisse davon. Es ist bekannt geworden, dass die niederländische Polizei Daten zu einer riesigen Anzahl an von Immigranten begangenen Verbrechen verheimlicht hat; die Asylanträge eines Teils der Täter sind bereits abgelehnt worden.[11]

Noch ein Fall, der den Mangel an Ernsthaftigkeit der Regierungen unterstreicht, ist die Existenz von „No-Go-Areas“, die manchmal auch als „besonders anfällige Gegenden“ bezeichnet werden. Das sind Viertel in einer Reihe von westeuropäischen Ländern, in denen die Polizei nicht in der Lage ist Recht und Gesetz aufrecht zu erhalten. Selbst Schweden als Land, das die Flüchtlinge – hauptsächlich Muslime – am stärksten willkommen geheißen hat, hat unter Terroranschlägen gelitten.[12] Anna Nelberg Dennis, die Vizevorsitzende der schwedischen Polizeigewerkschaft, erklärte, in „sozial anfälligen Gegende, haben Banden Parallelgesellschaften geschaffen, in denen sie das Recht in die eigenen Hände nehmen“. Sie fügte hinzu, dass die Banden „glauben, dass die Polizei nicht dort sein sollte, weil sie selbst in der Gegend herrschen. Das ist etwas, das die Polizei nicht selbst lösen kann.“[13]

Größere Hindernisse zur Schaffung einer mentalen Haltung zur Bekämpfung von Terrorismus finden sich in weit grundlegenderen Dingen. Die Europäer möchten Privatsphäre und andere Bürgerrechte schützen. Der Kampf gegen den Terrorismus bedeutet notwendigerweise deren Einschränkung. Nachdem muslimische Terroristen im November 2015 in und um Paris 130 Menschen ermordeten, wurde der nationale Notstand ausgerufen, der der Polizei größere Rechte zu Durchsuchungen und Verhaftungen gab. Präsident Emmanuel Macron will diesen Notstand aufheben und einige seiner Maßnahmen in das normale Recht übernehmen. Das hat zu Protesten von Richtern und Menschenrechtsgruppen geführt.[14]

Nach den Terroranschlägen dieses Jahres in Großbritannien sagte Premierministerin Theresa May, dass sie vor hat die Menschenrechtsgesetze zu ändern, um gegen den Terrorismus vorzugehen.[15] Die oppositionelle Labour Party entgegnete, sie würde die Veränderungen nicht billigen.[16]

Da die meisten tödlichen Terroranschläge in der EU von Muslimen verübt werden, gibt es ein wichtiges Thema, das tabu zu sein scheint: eine eingehende Einschätzung der Muslime in Europa und der Rolle des Islam auf dem Kontinent. Zu den vielen zu untersuchenden Themen gehört, welche Teile des Islam mit europäischen Werten unvereinbar sind, so verwässert diese Werte auch sein mögen. Es ist nicht schwierig zu beweisen, dass sowohl in der Einstellung als auch im Verhalten von Teilen der europäischen muslimischen Gemeinschaften gefährliche Elemente existieren.

Israel hat auf die harte Tour gelernt, dass es, um gegen Terrorismus vorzugehen, so effizient wie möglich handeln muss. Um es brutal auszudrücken: Es müssen weitere Europäer – und wir wissen nicht wie viele – getötet oder verwundet werden, damit europäische Regierungen und Menschen sich demselben Niveau an Sicherheitsbewusstsein annähert wie Israel. Ein kürzlich veröffentlichtes Dokument des Jerusalem Center for Public Affairs zeigt, dass es für Europa immer noch viel von Israel zu lernen gibt. Es hat den Titel Lessons from Israel’s Response to Terrorism (Lektionen aus Israels Reaktion auf den Terrorismus).[17]

[1] http://www.bbc.com/news/world-europe-37691490

[2] http://www.jpost.com/Middle-East/Iran-News/Irans-Khamenei-There-is-no-doubt-well-witness-Israels-demise-497623

[3] http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/al-quds-day-2017-anti-israel-flag-burning-chants-rallies-tehran-a7804596.html

[4] http://www.irna.ir/en/News/82578935/

[5] http://www.tagesspiegel.de/berlin/muslime-und-antisemitismus-in-berlin-am-al-quds-tag-ist-hetze-gegen-juden-normal/13819166.html

[6] http://www.bbc.com/news/world-europe-38377428

[7] http://www.algemeiner.com/2017/06/18/hezbollah-flags-fly-in-london-as-jewish-protesters-counter-al-quds-day-march/

[8] http://news.met.police.uk/news/statement-on-investigation-into-london-bridge-and-borough-market-terror-attacks-244613

[9] http://www.theguardian.com/uk-news/live/2017/jun/19/north-london-van-incident-finsbury-park-casualties-collides-pedestrians-live-updates

[10] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/20483

[11] http://www.telegraaf.nl/reportage/28509173/__Duizenden_pagina_s_onder_de_pet__.html

[12] http://www.nytimes.com/2017/04/10/world/europe/sweden-terror-attack.html

[13] http://sverigesradio.se/sida/artikel.aspx?programid=2054&artikel=6729101

[14] http://www.reuters.com/article/us-france-security-idUSKBN1942RP

[15] http://www.theguardian.com/politics/live/2017/jun/06/general-election-2017-security-farron-knee-jerk-response-politics-live

[16] http://www.telegraph.co.uk/news/2017/06/07/labour-refuses-back-theresa-mays-plans-tear-human-rights-laws/

[17] http://jcpa.org/video/lessons-israels-response-terrorism/

Wann wird Kritik an Israel antisemitisch?

Lindsay Gabow, The Jerusalem Post, 19. Juni 2017

Die Länder, die sich den Nazis still fügten, überließen ihnen begierig ihre jüdischen Bürger

Demonstranten mit Plakaten für Palästinenserrechte schmähen Teilnehmer der Celebrate Israel Parade entlang der Fifth Avenue in New York Anfang des Monats (Foto: Stephanie Keith/Reuters)

Es ist möglich Israel zu kritisieren ohne antisemitisch zu sein.

Sicher, ein begeisterter Unterstützer Israels würde dem nicht zustimmen – sie lägen falsch. Die israelische Regierung, insbesondere au Veranlassung ihres rechten Flügels, verärgert weiterhin die arabische Welt über Mittel wie den Siedlungsbau in der Westbank und schlechte Behandlung der Palästinenser in den besetzten Gebieten der Westbank und des Gazastreifens. Folglich bietet auch Israel seinen Kritikern Futter.

Das Argument, dass dieses Verhalten unnötig brandstiftend ist, dass Israels Vorgehensweise – mehr Land zu übernehmen, um die Sicherheit zu verstärken – das Gegenteil erreicht, weil das Land damit in eine noch prekäre Lage versetzt wird, ist nicht antisemitisch.

Bei all dem Gesagten ist die Gleichsetzung Israels mit einer europäischen Kolonialmacht wenig sachkundig, reduktiv und potenziell antisemitisch. Trotzdem ist dies leider Mode geworden, insbesondere in linken Kreisen. Ich habe gehört, wie die Worte „jüdisches rassische Überlegenheit“ ohne Ironie auf der Grundlage des Bestehens Israels gesagt wurden.

Machen wir uns nichts vor. Der naheliegendste Grund für Israels Gründung 1948 war der Holocaust. Mitgefühl (und vielleicht Schuld) angesichts des gigantischen Verlustes bei der jüdischen Gemeinschaft rüttelte die Vereinten Nationen wach, so dass sie einen jüdischen Staat befürworteten. Doch einmal mehr sollten wir uns nicht selbst in die Tasche lügen – der Holocaust war nicht das erste Mal, dass Europäer Juden skrupellos verfolgten und ermordeten.

Antisemitismus mag in Ägypten geboren worden sein, aber er erblüht in Europa. Mehr als ein Jahrtausend lang machte die katholische Kirche die Juden für die Ermordung Jesu verantwortlich.

Dies und entsprechende Mythen über die Juden bildeten die Grundlage des religiösen Antisemitismus – Hass gegen Juden aufgrund ihrer religiösen Ansichten statt der vermeintlichen rassischen Minderwertigkeit (der rassische Antisemitismus sollte, wie wir heute wissen, sein übles Haupt später erheben). Europas Juden wurden lächerlicher Vergehen beschuldigt, die von Ritualmord bis zur Verursachung der Pest reichten; sie wurden während der Inquisition aus Spanien vertrieben. Religiöser Antisemitismus schürten die Flammen der Pogrome, die im 14. Jahrhundert begannen und schließlich in Osteuropa Hunderttausende Juden verschlingen sollten.

Die Aufklärung, trotz ihrer Ablehnung von Religion und des daraus erfolgenden Abebben des religiösen Antisemitismus, half die Samen der Rassenhygiene, des Sozialdarwinismus und des rassischen Antisemitismus zu pflanzen. Das sind fundamental rassistische Ideale – die Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Bevölkerung, der biologische Kampf unterschiedlicher Rassen und die Minderwertigkeit der Juden. Und sie waren Voraussetzung für die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden, die als Holocaust bekannt ist.

Als sie durch Osteuropa pflügten und tausende Juden in Massen ermordeten, betrachteten die Einsatzgruppen ihre Opfer gewiss nicht als „überlegene Rasse“.

Die Bediensteten in Auschwitz-Birkenau stopften nicht fast eine Million Juden in die Gaskammern, um dort von Zyklon-B erstickt zu werden, weil die „Juden rassisch überlegen“ waren. Nein, für die Nazis waren due Juden Abschaum, der brutal weggeschrubbt werden musste, um geheiligte arische Rasse zu schützen.

Europa verabscheute seine Juden Jahrhunderte lang. Zum größten Teil lieferten die Länder, die sich den Nazis fügten, eifrig ihre jüdischen Bürger aus. Ein besonders hervorstechender Fall ist Vichy-Frankreich. Selbst der Geburtsort der Aufklärung, das Land von „liberté, égalité, fraternité“, brauchte wenig Anstoß, um seine jüdischen Söhne und Töchter preiszugeben.

Palästina – und später Israel – waren ein Zufluchtsort vor dem zunehmend antisemitischen Europa. Die Erste Aliyah oder Welle jüdischer Immigration am Ende des 19. Jahrhunderts kam vorwiegend aus Osteuropa. Diese Juden hatten überwiegend vor dem fanatisch antisemitischen zaristischen Russland zu entfliehen. Der Anstieg deutscher Immigration nach Palästina in den Jahren 1933, 1934 und 1935 ist besonders vielsagend.

Diese Juden suchten Zuflucht vor dem Nazi-Regime, zu dessen frühen Phasen der Aufstieg Hitlers und die Nürnberger Gesetze gehörten.

Diese vor dem Holocaust Geflohenen (und später Holocaust-Überlebenden) waren ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Israels.

Diese Flüchtlinge erhellen eine fundamentale Wahrheit: Israel ist untrennbar mit den Juden verbunden. Ein Gespräch über Israels Existenz als jüdischer Staat ist also eines über eine Zufluchtsstätte für tausende von europäischen Regimen verfolgte Juden. Israel mit einer europäischen Kolonialmacht gleichzusetzen ist nicht nur logisch mit Fehlern behaftet, sondern auch ausgesprochen beleidigend für diese jüdischen Flüchtlinge, die von genau diesen europäischen Kolonialmächten mit Füßen getreten wurden.

Israel existiert als jüdischer Staat weil die Welt – und besonders Europa – trotz der Jahrhunderte der Assimilation die Juden im Stich ließ. Diejenigen, die Israel leidenschaftlich und kategorisch verurteilen, dränge ich die Geschichte nicht um der Auseinandersetzung willen zu ignorieren. Es ist verlockend dem israelisch-palästinensischen Konflikt eine hübsche Opfer-Täter-Zweiheit anzuhängen.

Es ist leicht Israel für nicht anders als die rassistischen europäischen Kolonialmächte zu halten, die die Welt mehr als vier Jahrhunderte lang dominierten – dieselben rassistischen europäischen Kolonialmächte, die versuchten die Juden systematisch zu beseitigen, Juden, von denen viele Zuflucht in Israel fanden.

Das ist leicht. Aber es ist auch falsch.

Antisemitismus und die Labour Party im Jahr 2017

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

2016 erfasste der Community Security Trust, die jüdische Verteidigungsorganisation in Großbritannien, 1.309 antisemitische Vorfälle, die höchste Zahl aller Zeiten und eine Zunahme von 36% gegenüber 2015. 2014 gab es mit 1.182 Vorfällen die davor höchste erfasste Anzahl.[1]

Eine neue Umfrage der Anti-Defamation League stellte fest, dass 10 Prozent der Bevölkerung antisemitische Einstellungen hegen, ein Rückgang gegenüber einer ähnlichen Umfrage im Jahr 2015. Dennoch bleiben einige Ausdrucksformen von Antisemitismus weit verbreitet. Ein Drittel der Befragten äußerte die Meinung, dass Juden sich mehr um Israel sorgen als um Britannien. 2015 lag diese Zahl mit 41% noch höher.[2]

Mehr als ein Viertel der zum Vereinten Königreich Befragten berichtete, dass Antisemitismus in der Politik zugenommen hat. Während 40% sich wegen der extremen Rechten mehr Sorgen machen, sind 36% wegen linken Antisemitismus besorgt. Diese zweite Feststellung ist wichtig, weil in vielen Ländern linker Antisemitismus sich selbst in Form von Antiisraelismus zum Ausdruck bringt. Diese Tatsache wird enorm unterschätzt.[3]

2017 zeigt sich Antisemitismus in Großbritannien weiterhin in vielen Bereichen. Infolge des Wahlkampfs konzentriert sich dieser Artikel auf Antisemitismus in der Politik. Simon Johnson, Vorstandvorsitzender des Jewish Leadership Council, merkte zu Antisemitismus an: „Dies ist vermutlich die erste Wahl, in der das in einem großen Maß ein Thema gewesen ist.“[4] Das war der Fall, auch wenn – in Manchester und in London – zwei tödliche Anschläge durch Muslime gegen die britische Bevölkerung verübt wurden.[5]

2016 erregte der Ausbruch von antisemitischen Vorfällen in der Labour Party viel öffentliche Aufmerksamkeit.[6] Das war auch bei einem Bericht der Fall, der von Parteichef Jeremy Corbyn bei Shami Chakrabarti – heute Lady Chakrabarti – in Auftrag gegeben wurde, um die Partei reinzuwaschen.[7] Eine vom Jewish Chronicle beauftragte Meinungsumfrage wollte die vier größten Parteien entsprechend des Maßes an Antisemitismus bei den Parteimitgliedern und gewählten Repräsentanten einstufen. Das Maß reichte bezüglich zunehmenden Antisemitismus von 1 bis 5. Die Befragten platzierten Labour bei 3,94, UKIP bei 3,63, die Liberaldemokraten bei 2,7 und die Konservativen bei 1,96.[8]

In diesem Jahr war der bisher wichtigste antisemitische Vorfall in der Labour Party die Entscheidung den ehemaligen Bürgermeisters von London, Ken Livingstone, ein weiteres Jahr von der Partei zu suspendieren, statt ihn auszuschließen. Livingstone erklärte wiederholt, das Hitler den Zionismus unterstützte. Er blieb nach seiner Suspendierung bei seiner Meinung, die zu weiteren Maßnahmen der Partei gegen ihn führen könnte oder auch nicht.[9]

Der Oberrabbiner Großbritanniens, Ephraim Mirvis, sagte, Labour habe die jüdische Gemeinschaft im Stich gelassen.[10] Ein offener Brief der jüdischen Labour-Bewegung erklärte, Livingstone nicht aus der Partei zu werfen sei ein Verrat der Werte der Partei. Dieser Brief wurde von 107 – der 229 – Labour-Parlamentsmitgliedern und 48 Labour-Oberhausabgeordneten unterschrieben.[11] Bei den Parlamentswahlen hat Labour sich entschlossen zwei Kandidaten der Jewish Labour Movement (JLM) in Londoner Wahlkreisen aufzustellen, die eine relativ hohe Konzentration an Juden aufweisen: Jeremy Newmark in Finchley und Golders Green[12] sowie Mike Katz in Hendon.[13][14] Es gibt auch in einigener an wenigen anderen Wahlkreisen Labour-Kandidaten der JLM.[15]

Im Vorfeld der Wahlen sind weitere Informationen zu Corbyns Handeln in der Vergangenheit öffentlich bekannt geworden. Die Daily Mail berichtete, dass Corbyn im Oktober 2014 – ein Jahr, bevor er Labour-Parteichef wurde – nach Tunesien reiste, wo er offenbar einen Kranz am Grab von Atef Bseiso niederlegte. Bseiso war der Leiter des Geheimdienstes der PLO und in das Massaker von München 1972 involviert, bei dem 11 israelische Olympia-Athleten und -Trainer getötet wurden. Bseiso wurde 1992 in Paris ermordet. Die Zeitung erwähnte auch, dass Corbyn in der kommunistischen Zeitung Morning Star schrieb, er habe an der Seite von Mitgliedern der Hamas und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) an einer Konferenz teilgenommen, als er Tunesien besuchte.[16][17]

Der Daily Telegraph berichtete, dass Corbyn seit einer Reihe von Jahren weiterhin als „unerschütterlicher“ Unterstützer der Gruppe Deir Yassin Remembered (DYR – Erinnerung an Deir Yassin) betrachtet wird, „auch nachdem die extrem antisemitischen Ansichten ihrer Organisatoren aufgedeckt wurden.“[18]

Im Mai diesen Jahres ernannte Corbyn zwei Berater, die extrem antisemitische und/oder antiisraelische Positionen vertreten. Andrew Murray, ein Bewunderer Stalins und Anhänger Nordkoreas, wurde beauftragt Corbyns Wahlkampf zu leiten. Er diente als Vorsitzender der für BDS werbenden Kampagne Stop the War und unterstütze ebenfalls Hamas und Hisbollah.[19]

Corbyns neuem Gewerkschaftsberater Tim Lezard wurden eine Reihe antisemitischer Tweets vorgeworfen. Einer dieser Twitter-Einträge fragte, warum britische Steuerzahler für die Sicherheit an Synagogen bezahlen sollten. Er sagte, das Israels Handeln im Gazastreifen die Quelle des zunehmenden Antisemitismus in Großbritannien sei.[20]

Als Corbyn im Radio von Emma Barnett interviewt wurde, stellte sich heraus, dass er die Kosten für die von Labour vorgeschlagene Kinderbetreuungspolitik nicht kannte. Danach wurde diese jüdische Rundfunkmitarbeiterin in den sozialen Medien zum Ziel antisemitischer Äußerungen von Corbyns Anhängern.[21]

Ein paar Tage vor den Wahlen veröffentlichte Labour ein manipulatives Faith Manifesto (Vertrauensmanifest). Im Dezember 2016 übernahm die britische Regierung die Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz.[22] Labour erwähnte in ihrem Manifest nur den Teil zu Juden und ließ den Israel betreffenden Text aus.[23]

Im Wahlkampf ist Antisemitismus auch in anderen Parteien ein Thema gewesen. Die Liberaldemokraten feuerten zwei Kandidaten. Ihre Führung hatte ursprünglich vor, einen von ihnen, David Ward, antreten zu lassen.[24] Premierministerin Theresa May attackierte Ward im Parlament; dabei erwähnte sie seine „fragwürdige Bilanz zum Antisemitismus“. Ein paar Stunden darauf sagte der liberaldemokratische Parteichef Tim Farron: „David Ward ist nicht geeignet die Partei zu repräsentieren und ich habe ihn hinausgeworfen.“[25] Carolyn Lucas, die einzige Grünen-Parlamentarierin, unterstützte Aktivisten für den Boykott einer israelischen Firma. In Bradford East tritt die ehemalige Parteichefin von Respect,[26] Salma Yaqoob, als unabhängige Kandidatin an. In ihrem Wahlkampf wirbt sie für einen Boykott Israels.

Die Liberaldemokraten kassierten auch Ashuk Ahmed, den Kandidaten in Luton South. Ahmed setzte den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu auf Facebook mit Hitler gleich.[27] Auch UKIP zog mitz Jack Sen einen Kandidaten wegen seiner antisemitischen Ansichten zurück.[28]

Das oben Geschriebene kann durch das zusammengefasst werden, was Marcus Dysch, Politikredakteur des Jewish Chronicle sagte: „Antisemitismus ist das Thema Nummer eins der politischen Diskussion in der jüdischen Gemeinschaft in ganz Großbritannien geworden. Er ist das Thema, über das die Leute reden, noch vor dem Brexit, der Wirtschaft oder dem Gesundheitswesen.“[29]

[1] https://cst.org.uk/data/file/b/e/Incidents%20Report%202016.1486376547.pdf

[2] http://jewishnews.timesofisrael.com/anti-semitism-fell-in-uk-from-2015-according-to-adl-poll/

[3] ebenda

[4] http://www.bbc.com/news/election-2017-40119103

[5] http://www.theguardian.com/society/2016/dec/12/antisemitism-definition-government-combat-hate-crime-jews-israel

[6] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/20054

[7] https://heplev.wordpress.com/2016/07/18/die-hoechst-unprofessionelle-untersuchung-des-britischen-labour-antisemitismus/

[8] http://www.thejc.com/news/uk-news/labour-support-just-13-per-cent-among-uk-jews-1.439325

[9] http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/labour-party-ken-livingstone-latest-jeremy-corbyn-nazi-zionist-comments-jews-israel-palestine-a7668326.html

[10] http://jewishnews.timesofisrael.com/chief-rabbi-labour-failing-the-jewish-community-with-ken-livingstone-decision/

[11] http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/ken-livingstone-labour-mps-letter-jewish-labour-movement-antisemitism-jeremy-corbyn-hitler-a7669256.html

[12] https://www.thejc.com/news/uk-news/labour-select-jewish-finchley-and-golders-green-candidate-1.437204

[13] http://www.jpost.com/Opinion/The-British-elections-Jews-and-Israel-489554

[14] https://www.youtube.com/watch?v=UfAUJL5KqVs

[15] https://www.thejc.com/news/uk-news/row-over-key-labour-seats-move-1.437922

[16] http://www.dailymail.co.uk/news/article-4550956/Corbyn-laid-wreath-grave-Palestinian-terrorist.html

[17] http://www.telegraph.co.uk/news/2017/05/28/jeremy-corbyn-criticised-labour-election-candidates-wreath-laying/

[18] http://www.telegraph.co.uk/news/2017/05/20/jeremy-corbyns-10-year-association-group-denies-holocaust/

[19] http://www.algemeiner.com/2017/05/15/newly-appointed-jeremy-corbyn-advisers-boost-concerns-over-antisemitism-in-uk-labour-party/

[20] ebenda

[21] http://www.thejc.com/news/uk-news/emma-barnett-abused-on-social-media-after-corbyn-interview-1.439367

[22] http://www.theguardian.com/society/2016/dec/12/antisemitism-definition-government-combat-hate-crime-jews-israel

[23] http://www.thejc.com/news/uk-news/labour-faith-manifesto-ignores-jewish-connection-to-state-of-israel-1.439356

[24] http://www.thejc.com/news/uk-news/david-ward-1.436925

[25] http://www.thejc.com/news/uk-news/david-ward-sacked-1.436937

[26] http://www.thejc.com/news/uk-news/green-mp-caroline-lucas-in-israel-meter-row-1.47713

[27] http://www.dailymail.co.uk/news/article-4443446/Lib-Dems-forced-suspend-anti-Semitic-candidate.html

[28] http://www.jpost.com/International/UKIP-candidate-suspended-after-anti-Semitic-tweets-400884

[29] http://www.bbc.com/news/election-2017-40119103