Wie die Europäische Wirklichkeit sich für Juden verändert hat

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld interviewt Cnaan Lipshiz (direkt vom Autor)

Während ich in den letzen Jahren als Journalist über Europa berichtete, habe ich fast überall im westlichen Teil des Kontinents einen Rückfall in alten Antisemitismus und Antiisraelismus erlebt. In solch einem kurzen Interview kann ich nur ein paar wenige Beispiele bringen, die das illustrieren.

Im Oktober 2012 schrieb ich über die Synagoge in Marseille, der zweitgrößten Stadt Frankreichs: „In einer Zeit, in der jüdische Einrichtungen überall in Frankreich aufgrund von Sicherheitsmaßnahmen militärischen Festungen ähneln, ist das Betreten der großen Synagoge, jüdischem Hauptzentrum dieser pittoresken Stadt an der Mittelmeerküste, so einfach wie das Öffnen einer Haustür.“

In Marseille ist das nicht länger so. Juden befestigen ihre Einrichtungen fast überall in Westeuropa und eine zunehmende Zahl von ihnen verbirgt ihre Identität. Im Januar 2015 wurden die jüdischen Schulen von Marseille, der Heimat der zweitgrößten jüdischen Gemeinde Frankreichs, unter dauerhaften Polizeischutz durch mit Maschinengewehren bewaffnete Beamte gestellt.

Cnaan Liphshiz ist seit 2012 der Europakorrespondent der Jewish Telegraph Agency. Vorher arbeitete er für Ha’aretz, Ma’ariv und die Jerusalem Post.

Eine jüdische Reaktion in Paris ist eher selten, bedeutet aber innerhalb des allgemeinem europäischen Kontextes wenig. 2013 verfolgten einige Mitglieder der Jewish Defense League (JDL) die Araber, die sie verdächtigten am Tag davor einen Anschlag verübt zu haben. Die JDL wurde auch aktiv, als während Israels Operation Fels in der Brandung im Sommer 2014 eine Synagoge in Paris angegriffen wurde. Sie befinden sich auf Kollisionskurs mit der jüdischen Gemeinde, die immer dagegen war das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.

Im Pariser Vorort Sarcelles stand ich im Sommer 2014 mit Juden, die ihre Schul vor einem pogromartigen Pöbel beschützten, in einer Wolke Tränengas. Ein arabischer Mob von 200 Personen, bewaffnet mit Stangen und Steinen, versuchte die Synagoge anzugreifen. Sie setzten Mülleimer in Brand und brüllten: „Schlachtet die Juden!“ Eine Einheit der Polizei unterband ihre Attacke. Die etwa einhundert JDL-Unterstützer vor Ort, bewaffnet mit Baseballschlägern und Knüppeln, sangen die französische Nationalhymne Marseillaise, um die Polizei zu ehren. Die Araber waren nicht in der Lage an die Synagoge heranzukommen, die leicht beschädigt wurde. Im Verlauf des Sommers wurden neun französische Synagogen angegriffen.

Um diese Zeit berichtete ich aus Paris, dass ich während einer illegalen Demonstration hörte, wie ein junger schwarzer Mann mit Pariser Akzent einem Dutzend seiner Freunde laut verkündete: „Ok, Jungs. Lasst uns ein paar Juden jagen gehen.“ Einer seiner Freunde antwortete: „Lasst uns ihre Köpfe brechen“, worauf der Mann erwiderte: „Fangt sie schnell, tötet sie langsam.“

Einer der wenigen anderen Orte, an denen ich einige Mitglieder von Jüdischen Verteidigungskräfte fand, wenn auch unter anderen Umständen, war die ukrainische Hauptstadt Kiew. Eine kleine Gruppe Juden übte Selbstverteidigung für den Fall eines Häuserkampfs. Alle hatten eine Art Uniform mit ukrainischem oder israelischem Armee-Hintergrunde, aber ihr Können war eingerostet.

Mein eigenes Umfeld hat sich ebenfalls gewandelt. Meine Frau und ich lebten innerhalb einer kleinen, jüdischen Enklave in Schilderswijk, einem Viertel von Den Haag, das von einer Pforte beschützt ist. Das ist eines der problematischsten Viertel in den Niederlanden. Es gibt hohe Arbeitslosigkeit und im Sommer 2014 marschierte dort eine Reihe Muslime zur Unterstützung des Islamischen Staates. Die Probleme gehen weit über die Tatsache hinaus, dass meine Frau nicht einen Rock tragend in die Öffentlichkeit gehen konnte.

Liphshiz zitiert aus einem Interview, das er damals einer niederländischen Nachrichten gab. Ich sagte während des Interviews, dass ich, obwohl es peinlich ist das so zu sagen, mich in einigen Vierteln von Jerusalem, einschließlich denen mit palästinensischen Einwohnern, wohler fühle als in den Niederlanden. In Israel gibt es viel Akzeptanz für die Empfindlichkeiten von Minderheiten. In Europa werden Minderheiten diese Empfindlichkeiten oft übel genommen.

Er fügt an, dass er in Den Haag in einen Laden ging, um mein Telefon reparieren zu lassen. Als der türkische Inhaber hörte, dass ich Israeli war, sagte er: „Warten Sie einen Moment, ich werden meine Waffe holen.“ Er lachte etwas, um anzudeuten, dass er das nicht ernst meinte. Ich fragte ihn, was er gegen Israelis habe oder gegen Juden. Der Ladenbesitzer antwortete, er hasse Juden „einfach“. Im Sommer 2015, während des Ramadan, gab es viel Krawall, nachdem ein Mann aus Aruba von der niederländischen Polizei bei seiner Verhaftung erwürgt wurde. Der unglückliche Vorfall hatte nichts mit Juden zu tun, dennoch brüllten viele Demonstranten antisemitische Parolen.

Liphshiz schließt: Wenn ich in der Vergangenheit meinen Freunden gegenüber erwähnte, wo ich wohne, fügte ich immer hinzu, dass wir nie irgendwelche Probleme mit unseren Nachbarn hatten. Ich äußerte auch, dass ich nicht verberge Jude zu sein. Heutzutage stimmt das nicht mehr. Wir sind umgezogen, zum Teil wegen der rapiden Radikalisierung, die wir erlebten.

Den Sturm ernten, den Barack säte…

Martin Sherman, Jerusalem Post, 16. Juli 2015

Obama ist der erste US-Präsident, der aufrichtig den Islam als nicht inhärent gegen amerikanische Werte und Unteresse gerichtet versteht

Sie haben absolut recht, dass John McCain nicht über meinen muslimischen Glauben gesprochen hat. – Barack Hussein Obama gegenüber George Stephanopoulos von ABC, 7. September 2008

Ich weiß auch, dass der Islam immer ein Teil der Geschichte Amerikas gewesen ist. – Barack Hussein Obama in Kairo, 4. Juni 2009

Der Islam ist immer ein Teil Amerikas gewesen. – Barack Hussein Obama, Weißes Haus, 11. August 2010

Der Islam ist seit seiner Gründung in das Gefüge unseres Landes eingewoben worden. – Barack Hussein Obama, Weißes Haus, 18. Februar 2015

Barack Hussein Obama ist der erste US-Präsident, der sich ausdrücklich und offen sowohl kognitiv als auch emotional aus der Verankerung des jüdisch-christlichen kulturellen Erbes der Gründung Amerikas gelöst hat und der den Islam ernsthaft als nicht inhärent gegen amerikanische Werte und amerikanische Interessen gerichtet versteht.

Eine Frage der kulturellen Affinität?

Durch dieses islamophile Prisma muss die Haltung der Obama-Administration zu ihrer Außenpolitik und deren Ausführung derselben betrachtet werden – einschließlich ihrer ansonsten unverständlichen Kapitulation gegenüber dem iranischen Atomprogramm in dieser Woche.

Vor fast zwei Jahren schrieb ich eine Kolumne mit dem Titel „Will the West withstand the Obama presidency?“ (Wird der Westen die Obama-Präsidentschaft überstehen? – 28.11.2013). Darin warnte ich: „Jeder, der begreift, dass die US-Verfassung kein schariakoformes Dokument ist,

sollte alarmiert klar sein, dass die Amtszeit Obamas ein dramatischer und verstörender Wendepunkt in der Geschichte Amerikas und seiner westlichen Verbündeten ist… dessen politische Verfahren und gesellschaftliche Normen kulturell, nicht in irgendeinem religiösen Sinn in jüdisch-christlichen Grundlagen verwurzelt sind.“

Es gibt wenige alternative Erklärungen, die der Metamorphose Rechnung tragen, die damit stattgefunden hat, dass die USA zur Lösung des Stillstands mit Teheran angegangen sind, wie von zwei ehemaligen Außenministern – Henry Kissinger und George Schultz – schonungslos ausgeführt wurde. In einem Kommentar im Wall Street Journal mit der Überschrift „The Iran Deal and Its Consequences“ (Der Iran-Deal und seine Folgen – 7. April) stellen sie fest, dass die Verhandlungen „auf auf den Kopf gestellt“ worden sind. So heben sie hervor: „Seit 20 Jahren verkündeten drei Präsidenten und beide großen Parteien, dass eine iranische Atomwaffe unvereinbar mit amerikanischen und globalen Interessen ist – und dass sie bereit waren Gewalt einzusetzen, um sie zu verhindern. Doch Verhandlungen, die vor 12 Jahren als internationale Anstrengung begannen die iranische Fähigkeit zur Entwicklung eines Atomarsenals zu verhindern, enden mit einer Vereinbarung, die genau diese Fähigkeit zugesteht.“

Lächerlicher Inspektionsmechanismus

Schon bevor die Einzelheiten des lächerlichen Inspektionsmechanismus bekannt waren, den ein israelischer Minister passend als „schlimmer als wertlos“ beschrieb, legten Kissinger und Schultz die Schwierigkeiten dar, die jeden ausgedehnten Inspektionsversuch ineffektiv machen würden: „In einem großen Land mit einer Vielzahl an Anlagen und reichlich Erfahrung mit atomarer Tarnung werden Verstöße von Haus aus schwer zu entdecken sein.“

Mit beträchtlicher Voraussicht warnen sie: „Theoretische Inspektionsmodelle zu entwickeln ist das eine. Die Einhaltung durchzusetzen, Woche um Woche, trotz konkurrierender internationaler Krisen und innenpolitischer Ablenkungen, ist etwas ganz anderes. Jeder Bericht über einen Verstoß wird wahrscheinlich eine Diskussion über seine Bedeutung auslösen – oder sogar Aufforderungen zu neuen Gesprächen mit Teheran, um die Sache untersuchen.

In Vorausschau der wahrscheinlich auftretenden Probleme einer Vereinbarung warnen sie: „Das Problem wird dadurch verschlimmert, dass der Durchbruch wahrscheinlich kein deutliches Ereignis sein wird. Er wird wahrscheinlicher über die graduelle Akkumulation mehrdeutiger Ausflüchte stattfinden. Wenn unausweichliche Meinungsverschiedenheiten über das Ausmaß und die Aufdringlichkeit der Inspektionen aufkommen, aufgrund welcher Kriterien sind wir bereit zu insistieren und bis zu welchem Punkt? Wenn Beweise nicht perfekt sind, wer trägt die Beweislast? Welchem Prozess wird gefolgt, um die Sache rasch zu lösen?

Anklänge an Taqiyya?

Doch selbst ohne die von Kissinger und Schultz beschriebenen, beängstigenden allgemeinen Probleme macht der von dem entstehenden Deal angebotene Inspektionsmechanismus Obamas Argument zu einer Farce (14. Juli): „… Dieser Deal baut nicht auf Vertrauen auf; er baut auf Verifizierung auf“, und: „Wegen dieses Deals werden Inspektoren auch in der Lage sein Zugang zu jedem verdächtigen Standort zu haben… Sie werden Zugang haben, wo es nötig ist, wann es nötig ist.“

Man kann sich kaum eine gröbere irreführende Darstellung des Deals vorstellen – so sehr, dass es schwer ist das nicht als stark an die muslimische Taktik der Taqiyya erinnernd zu finden (das ist die von der Religion genehmigte Täuschung von Nichtmuslimen).

In der Tat machte Obamas stellvertretender nationaler Sicherheitsberater Ben Rhodes unmittelbar nach der Ankündigung der Vereinbarung gegen über Erin Burnett von CNN ein atemberaubendes Eingeständnis. In krassem Widerspruch zu Obamas Behauptung eines „Zugangs wo nötig, wann nötig“ gab Rhodes zu: „Wir strebten in dieser Verhandlung niemals die Fähigkeit des sogenannten jederzeit, an jedem Ort an“, was diametral dem Eindruck entgegengesetzt ist, den er im April diesen Jahres vermittelte, als er zu diesem Thema befragt wurde.

Man kann das nicht erfinden

Wie sich herausstellt wird den Iranern reichlich Warnung vor anstehenden Inspektionen bei jeglichem Verdacht auf Übertretrungen gegeben, zudem jede Menge Möglichkeiten die Definition beliebiger verdächtiger Ereignisse als mögliche Verstöße zu verhindern.

Damit haben die Iraner im Fall einer Zuwiderhandlung eines jeden (der internationalen Gemeinschaft) verheimlichten Ortes eine Vorwarnzeit von mindestens 24 Tagen. Darüber hinaus werden Inspektoren nicht in der Lage sein Überraschungsbesuche auszuführen, sondern es wird von ihnen verlangt „dem Iran die Grundlage für solche Bedenken zu geben und Klärung zu verlangen“. Kein Scherz! Aber Moment, es gibt noch mehr.

Wenn die Erklärungen des Iran die internationalen Bedenken nicht angemessen beheben, „dürfen Inspektoren Zugang zu solchen Örtlichkeiten beantragen“, um sicherzustellen, dass dort keine unzulässige Handlung unternommen wurde. Zuerst müssen sie jedoch „dem Iran die Gründe für Zugang schriftlich vorlegen und relevante Informationen zur Verfügung stellen“. Man kann so etwas nicht erfinden.

Aber hier ist der Clou: Sollten die Iraner und die Inspektoren sich als unfähig erweisen „eine zufriedenstellende Vereinbarung zu finden“, wird Teheran jegliche Bedenken „durch notwendige Mittel lösen, die zwischen dem Iran und der IAEA vereinbart werden“. Gibt es zwei Wochen nach dem ursprünglichen Antrag immer noch keine Vereinbarung, wird die Krise durch Abstimmung in der sogenannten Gemeinsamen Kommission gelöst werden – diese besteht aus den sechs Weltmächten, einem Repräsentanten der EU und – aufgepasst: dem Iran!

Als würde man einen Drogendealer vor einer Verhaftung warnen

Erstaunlicherweise müssen fast alle Entscheidungen der Gemeinsamen Kommission (die mit der Beaufsichtigung/Vollstreckung der Umsetzung des Deals beauftrag ist) im Konsens getroffen werden – was dem Iran dort faktisch ein Vetorecht einräumt. Im Fall von Zugang für Inspektionen reicht es aus, dass zwei der acht Mitglieder (sagen wir: China und Russland) sich enthalten, damit der Iran jede ihm nicht gefallende Entscheidung blockieren kann.

Es ist daher schwierig Benjamin Netanyahus Darstellung des Deals in seiner Rede vor der Knesset zu bestreiten, als er ihn damit verglich, dass man Drogendealer vor einer bevorstehenden Verhaftung warnt. „Das ist so, als gebe man einer kriminellen Organisation, die mit Drogen handelt, eine Warnung von 24 Tagen, bevor man ihr Drogenlabor inspiziert.“

Es kommt noch schlimmer: Der Deal verlangt, dass die internationalen Inspektoren die Quellen ihrer Informationen offenlegen, die zur Entdeckung des möglichen Verstoßes führten – womit sie praktisch die Beendigung ihrer Effektivität sicherstellen. So merkte Netanyahu an: „Die Vereinbarung fordert die Weltmächte zudem auf, dem Iran genau die Informationen zu zeigen, aufgrund derer sie die Inspektionen überhaupt durchführen.“

Ist es möglich, dass all das nicht mehr als unglaubliche Inkompetenz und eklatantes Fehlen von Weitsicht ist? Oder sind diese offenkundigen Schlupflöcher ein Abbild der Absicht?

Kein Teufel im Detail

Immerhin: Je mehr man über die gerade in Wien ausgeheckte, nicht durchsetzbare, nicht verifizierbare Vereinbarung nachdenkt, desto plausibler scheint sie zu sein. So stellt Alan Dershowitz in einem Kommentar in der Jerusalem Post von dieser Woche heraus: „Der Teufel liegt nicht so sehr im Detail, sondern in den große Umrissen dieses Deals.“

Statt in den genauen Einzelheiten des Deals ist er in seiner Gesamtstruktur zutiefst fehlerhaft, was es so schwer macht ihn zu verstehen – außer die Motive für seine Schlüsse werden nachgeprüft. Denn wenn er nicht von kindlicher Naivität durchtränkt ist zu glauben, dass der tyrannische Klerus, der die totalitäre Theokratie in Teheran anführt, plötzlich angesichts seiner bestätigten trotzigen Unnachgiebigkeit und den riesigen ihm zur Verfügung stehenden weiteren Ressourcen plötzlich sein Weltbild ändert, ist das Bild der entstehenden Realitäten entschieden düster und verwirrend.

Das sich vor unseren Augen entfaltende Spektakel ist nach jedem rationalen Kriterium unfassbar.

Praktisch die gesamte entwickelte Welt, angeführt von der einzigen Supermacht des Planeten, hat im Grunde genommen einem fanatisch fundamentalistischen Regime einen legitimen Weg zum Status einer Atomwaffenmacht bewilligt, das ideologisch zur unbedingten Vernichtung Amerikas und seiner Verbündeten entschlossen und zudem ein wichtiger Verbreiter von Terror ist, dazu verschrieben regionale Hegemonie auf Kosten relativ pro-westlicher Regierungen zu erlangen.

Obwohl sie den Iran in Begriffen militärischer Stärke, wirtschaftlichen Wohlstands, physischer Größe und Bevölkerung deutlich in den Schatten stellen, haben Teherans Gesprächspartner ihn mit gewaltigen Ressourcen ausgestattet, um seinen ruchlosen Beschäftigungen in der gesamten Region und darüber hinaus besser nachgehen zu können.

Der Neue Nahe Osten: Konflikte auf Steroiden

Die unheilvollen Folgen sind nicht schwer vorauszusehen.

Wie Ariel Ben Salomon, der Nahost-Korrespondent der Post, in einem aktuellen Bericht schreibt („Iran Deal to See Middle East Conflicts Go on Steroids“), „wird ein stärkerer Iran sich in eine stärkere Hisbollah im Libanon, stärkere Houthi-Bewegung im Jemen und stärkere schiitische Kräfte im Irak und Syrien niederschlagen, dazu in zunehmende konfessionelle Konflikte, die von schiitischen Minderheiten oder durch iranische Agenten in der gesamten arabischen Welt geschürt werden.“ (16. Juli) Es gibt ziemlich wenig Grund zu glauben, dass irgendein anderes Resultat plausibel ist.

In einem Interview vom 15. Juli beklagte der demokratische Senator Bob Menendez aus New Jersey einen weiteren Aspekt des Deals, wobei er auf die Lockerung der Einschränkungen für konventionelle Waffen für den Iran hinwies: „Wenn man das Waffenembargo gegen ein Land aufhebt, das der wichtigste Schirmherr des Terrorismus der Welt ist und die Region bereits im Jemen, im Libanon, in Syrien und dem Irak destabilisiert, dann scheint mir es mir nicht im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten zu liegen ihnen – nachdem sie $100 bis $150 Milliarden wirtschaftliche Entlastung bekommen – die Gelegenheit zu geben konventionelle Waffen zu kaufen und ihre Raketentechnologie zu verbessern.“

Die verblüffende Frage lautet natürlich: Scheint es für Präsident Obama im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten zu liegen? Und wenn ja, warum? Wenn dem so ist, wie?

„Alternativlos“: ein hirnlos verlogenes Mantra

Die fast pawlowsche Reaktion der Apologeten des Iran-Deals besteht darin, seine Kritiker hätten keine praktikable Alternative anboten. Das ist eine Behauptung – mangels eines besseren Begriffs – die derart dürftig ist, dass sie kaum eine Antwort verdient. So stellt Senator Menendez heraus: „Wir haben nie den Vorschlag ausgelotet, dass Elemente der unzulässigen iranischen Atom-Infrastruktur abzubauen möglich ist. Ich kann kaum glauben, dass die Weltmächte, die auf der einen Seite des Tisches saßen – die fünf permanenten Mitglieder des Sicherheitsrats plus Deutschland und die Europäische Union – und die Iraner ansahen, die unter heftigen Sanktionen… und sinkenden Ölpreisen litten – und keinen Deal bekommen konnten, mit dem nichts von dieser Infrastruktur beseitigt wird.“

Er wies John Kerrys Behauptung zurück, dass ein solches Ziel nur „in einer Fantasiewelt“ erreichbar sei; Menendez berichtete: „Ich wüsste nicht, dass das eine ‚Fantasiewelt‘ ist. Ist es nicht möglich, wenn die ganze Welt auf der einen Seite des Tisches sitzt und der Iran mit wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen hat, dass man nicht mehr hätte erreichen können, was die Eliminierung der Atom-Infrastruktur angeht?“

Wenn natürlich die zugrundeliegende Annahme die ist, dass Alternativen nur möglich sind, wenn der Iran sich dazu herablässt sie zu akzeptieren, dann mögen die Apologeten recht haben. Wenn jedoch das Grundprinzip darin besteht nicht den Ayatollahs entgegenzukommen, sondern sie in Schranken zu halten, ist die Alternative klar: Verstärkte Sanktionen, gestützt von der glaubwürdigen Drohung mit militärischem Handeln, das auf die Zerstörung der iranischen Atomanlagen und ihrer zugehörigen Infrastruktur zielt.

Arabisches Wettrüsten oder arabische Satellitenstaaten?

Doch trotz der überwältigenden Überlegenheit zu ihren Gunsten scheinen die USA und ihre westlichen Verbündeten der Anwendung von Gewalt oder zumindest dem glaubwürdigen Schreckgespenst dazu abgeschworen zu haben. Kissinger und Schultz merken darob an: „Die Kriegsdrohung schränkt den Westen jetzt stärker ein als den Iran.“

Das wird einen verheerenden Einfluss auf Freunde wie Feinde in der Region haben. Es wird das Vertrauen der US-Verbündeten zerstören, die sich daher gezwungen sehen werden sich entweder ihr eigenes geeignetes Arsenal zuzulegen, weil sie sich bezüglich ihrer Sicherheit nicht länger auf Amerika verlassen können, oder fügsame Satellitenstaaten eines hegemonialen Iran werden.

Dem Iran schickt es die eindeutige Botschaft, dass er die Bestimmungen des Vertrags ungestraft übertreten kann – denn wenn das, was er in Wien erlebte, alles ist, was der Westen gegen ihn aufbringen kann, was hat er dann zu fürchten? Es kann kaum Zweifel geben, dass das, was diese Woche in Wien ablief, Amerikas Ansehen im Nahen Osten geschreddert hat.

Mancher könnt sogar den Verdacht haben, dass das der Sinn der Übung war.

Warum Antisemitismus Teil der europäischen Kultur ist

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Antisemitismus ist nicht nur Teil der Geschichte Europas, sondern auch ein Bestandteil seiner Kultur. Die lang andauernde antisemitische Geschichte Europas ist mit Verleumdung, Diskriminierung, zweierlei Maß, Pogromen, Vertreibungen und anderer Verfolgung angefüllt. Sie erreichte ihren absoluten Tiefpunkt im Holocaust. Der Völkermord wurde nicht nur von Deutschen und Österreichern begangen, sondern auch von vielen Kollaborateuren in den besetzten Ländern, die nicht unbedingt alle für die Nazis waren.

Soweit es den Holocaust betrifft, gestanden fast alle besetzten Länder irgendwann die Wahrheit ein, dass sie versagt und in unterschiedlichem Grad mit den Nazis kollaboriert hatten. Die meisten entschuldigten sich.[1] Vor ein paar Wochen wurde Luxemburg zum neuesten Land, das dies tat.[2] Die große Ausnahme sind die Niederlande. Der derzeitige Premierminister Mark Rütte (Liberale Partei) gab vor kurzem zum zweiten Mal eine nichtssagende Antwort auf eine Anfrage im Parlament, um zu vermeiden das skandalöse Versagen der niederländischen Regierung der Kriegszeit zugeben zu müssen. Während des Exils in London zeigte sie kein Interesse an dem stattfindenden Massenmord – die Vernichtung von drei Vierteln der 140.000 niederländischen Juden durch die deutschen Besatzer.[3] Die jüdische Gemeinschaft war schon seit Jahrhunderten in den Niederlanden präsent gewesen.

Während es wenig Diskussion zur antisemitischen Geschichte Europas gibt, ist bezüglich des Antisemitismus als Bestandteil der europäischen Kultur eine detailliertere Erklärung nötig und wohl bezüglich seiner Juden ein dominierender Teil. Um jeglichem Missverständnis aus dem Weg zu gehen: Das heißt nicht, dass heute die meisten Europäer Antisemiten sind.

Der gerade verstorbene, führende Antisemitismus-Wissenschaftler Robert Wistrich hat viel zur Infrastruktur beigetragen, durch die verstanden und bewiesen wird, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist.

Vor ein paar Jahren lud ich ihn ein, beim Jerusalem Center for Public Affairs über die Tradition des europäischen intellektuellen Antisemitismus zu sprechen. Wistrich erklärte, dass christliche Geistliche und viele führende christliche Theologen im Mittelalter und die Jahrtausende hindurch „Verachtung des jüdischen Volks lehrten“. Solche Credos beschränkten sich nicht auf die katholische Kirche. Zum protestantischen Reformator Martin Luther erklärte Wistrich: „Seine Angriffe auf Juden gehören zu den brutalsten in der Geschichte antisemitischer Diffamierung.“

Wistrich führte detailliert auf, wie intellektuelle Trends in Europa die Mutation des Antisemitismus jeweils beeinflussten. Er erklärte, wie die antisemitische jüdische Tradition sich während der Aufklärung fortsetzte und illustrierte das mit dem Hass, den Voltaire für das jüdische Volk hegte. Wistrich erwähnte auch die folgende Generation Antisemiten, so die idealistischen deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Kant, Hegel, Schopenhauer und später Karl Marx.

Er führte an, dass mit seltenen Ausnahmen die französischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts die Grundlagen des Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts legten. Er merkte an, dass Edouard Drumonts antisemitisches Werk La France Juive (Das jüdische Frankreich) ein Bestseller seiner Zeit war. Es gab etwa einhundert Auflagen.

Wistrich fügte hinzu, dass ein großer Teil des Nationalsozialismus, des Faschismus und sogar einige Arten des Sozialismus – die wichtige antiintellektualistische Komponenten haben – ebenfalls intellektuelle Gründer hatten.[4] In seinem wichtigen Buch A Lethal Obsession (Eine tödliche Besessenheit) widmete Wistrich ein ansehnliches Kapitel dem, was er „die alt-neuen Judeophoben Britanniens“ nannte. Er erwähnte den weit verbreiteten Antisemitismus in den britischen Literaturklassikern über die Jahrhunderte. Er schrieb, dass im Vereinten Königreich „antisemitische Gefühle auch Teil des Diskurses des Mainstreams sind, die bei den akademischen, politischen und Medien-Eliten stetig wieder aufkommen“.[5]

Viele weitere Beispiele, dass Antisemitismus Teil der europäischen Zivilisation ist, sind in David Nirenbergs Buch „Anti-Judaism, the Western Tradition“ (Die westliche Tradition des Antijudaismus) zu finden.[6]

Eine Reihe führender europäischer Romanautoren waren extreme Antisemiten. Einer der berühmteren war der Franzose Louis-Ferdinand Céline, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kollaboration mit der Besatzungsmacht verurteilt wurde.[7] Es gibt zudem auf Gebäuden wie der Kathedrale Notre Dame in Paris alte antisemitische Skulpturen.[8] In der europäischen populären Kultur – z.B. in Zeichnungen und Karikaturen – findet man ebenfalls antisemitische Leitgedanken. Das Studentenaustauschprogramm der Europäischen Union ist nach dem fanatischen Antisemiten Erasmus benannt.[9] Die Universität von Rotterdam ebenfalls.

Es ist ein Fehler zu glauben, dass der Nationalsozialismus und seine boshafte „Kultur“ mit der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 endeten. Viele Nazis behilten ihre Ideen. Manche versuchten ihre Kinder mit der Nazi-Ideologie zu füllen. Nach dem Krieg gab es in Deutschland nicht genug unbefleckte Richter und Beamte, um die benötigten Regierungsposten zu besetzen. Zu den früheren Nazis, die hohe Posten im Nachkriegsdeutschland besetzten, gehörte der Christdemokrat Kurt Georg Kiesinger, der von 1966 bis 1969 Bundeskanzler war. Sogar viele der Ärzte, die jüdische Überlebende untersuchten, die aus gesundheitlichen Gründen Ansprüche stellten, hatten einen Nazi-Hintergrund.[10]

Wenn man fragt, wer der wichtigste Nachkriegsphilosoph Europas war, werden viele Martin Heidegger nennen. Seine vor kurzem veröffentlichten Notizbücher lassen keinen Zweifel aufkommen, dass seine Ideenwelt zutiefst antisemitisch war.[11]

Die Tatsache, dass eine beträchtliche Zahl heutige Europäer der Aussage zustimmen, dass „Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt“, ist ein wichtiges Beispiel des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus. Diese Äußerung wurde von mehr als 40% der EU-Bürger im Alter über 16 Jahre für korrekt erachtet. Das passt perfekt in die antisemitische Kultur Europas.[12]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits fasst ein Schlüsselelement der gegenwärtigen europäischen Realität prägnant zusammen: „Europa hat eine ungelöste, wichtige Beziehung zu seiner Vergangenheit. Das ständige Analogisieren der Israelis mit den Nazis erfolgt aus dem europäischen Bauch heraus. Das ist natürlich eine doppelte Unverschämtheit. Damit entlasten sich die Europäer von ihrer eigenen Geschichte. Gleichzeitig gelingt es ihnen ihre früheren Opfer zu beschuldigen sich so zu verhalten wie die schlimmsten Täter der eigenen Seite.“[13]

Die Führungskräfte des Kontinents, auf dem der Nationalsozialismus geboren wurde und florieren durfte, widmen heute relativ wenig ihrer Mahnungen der naziartigen Politik und Äußerungen, die aus den diversen Terrororganisationen des Nahen Ostens kommen. Deren Werbung für den Völkermord ist kein Hiter-Nazismus, sondern ein Nazismus, der aus Teilen des Islam stammt.

Das nächste Mal, wenn Repräsentanten Europas Israel wegen seiner Politik kritisieren, sollte die israelische Antwort lauten, dass sie sich angesichts der Vergangenheit Europas besser auf den Islamo-Nazismsu konzentrieren sollten. Die Offiziellen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, die ständig und unverhältnismäßig Israel abmahnen, stehen auf unmoralischen Füßen.

[1] Manfred Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses. Jerusalem, The Jerusalem Center for Public Affairs, 2009, S. 136-150.

[2] EJC welcomes Luxembourg apology for role in Holocaust. European Jewish Congress, 11. Juni 2015.

[3] Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses, S. 141.

[4] Manfred Gerstenfeld interviewt Robert Wistrich: Intellectuals and anti-Semitism: a millenial tradition. Jewish Tribune, 13. August 2013.

[5] Robert S. Wistrich: A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to Global Jihad. New York (Radom House) 2010.

[6] David Nirenberg: Anti-Judaism: The Western Tradition. New York (W. W. Norton) 2014.

[7] Antoine Peillon: Céline, un antisémite exceptionnel. Une Histoire française. Lormon: Le Bord de l’eau, 2011.

[8] Toni L. Kamins: Notre-Dame de Paris to Prague, Europe’s anti-Semitism is literally carved in stone. JTA, 20. März 2015.

[9] Hans Jansen: Protest Van Erasmus Tegen Renaissance Van Hebreeuwse Literatuur. Heerenveen (Groen) 2010.

[10] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nathan Durst in: Europe’s Crumbling Myths, The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism. Jerusalem, Jerusalem Center for Public Affairds, Yad Vashem, WJC 2003, S. 128-136.

[11] Philip Oltermann: Heidegger’s ‘black notebooks’ reveal antisemitism at core of his philosophy. The Guardian, 13. März 2015.

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[13] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Andre S. Markovits: European Anti-Americanism and Anti-Semitism: Similarities and Differences. Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 16, Januar 2004.

Die antiisraelische Hetze in den Niederlanden breitet sich weiter aus

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Vor ein paar Wochen erhielt eine Geschichte zu den Niederlanden internationale Aufmerksamkeit: Die Holocaust- und Rentenzahlung einer sehr alten niederländischen Bürgerin wurde von den niederländischen Behörden stark reduziert, weil sie in Israel in den Bereich außerhalb der Grünen Linie gezogen war. Nach viel öffentlichem Protest und reichlich negativer Publicity schufen die niederländischen Behörden in ihrem besonderen Fall Abhilfe.[1] Die Diskriminierung bei den Renten derjenigen, die in den Gebieten leben, ist jedoch von der niederländischen Regierung bestätigt worden.[2]

Es überrascht nicht, dass jetzt der nächste Skandal in Sachen Niederlande/Israel entstanden ist. Ein Schul-Geschichtsbuch, das die Geschichte des israelischen Unabhängigkeitskriegs heftig verzerrt und gleichzeitig die lange Terror-Kampagne der Araber vor 1948 bagatellisiert,[3] wird als Teil des niederländischen Oberschul-Lehrplans genutzt. Menachem Begin wird als Terrorist bezeichnet, Arafat nicht.[4]

Nach einem reichlich verspäteten kritischen Editorial zum Thema der Rentenkürzung für die Holocaust-Überlebende in der Jerusalem Post[5] ließ der niederländische Botschafter Caspar Veldkamp seine Antwort in derselben Zeitung veröffentlichen.[6] Es muss herausgestellt werden, dass dieser Botschafter große Anstrengungen unternommen hat die Beziehungen zwischen den Niederlanden und Israel zu verbessern; dasselbe gilt für die übrigen Mitarbeiter der niederländischen Botschaft, die ich im Verlauf der Jahre getroffen habe. Die sehr positive Haltung der Botschaft ist jedoch alles andere als repräsentativ für die Niederlande.

Im Artikel des niederländischen Botschafters ab es allerdings eine Äußerung, die nicht unkommentiert bleiben sollte. Er schrieb, dass die Niederlande ein Land sind, das immer noch als einer der besten Freunde Israels betrachtet werden kann.

In diesem Kontext ist das Wort „Freund“ jedoch unangebracht. Außenminister Bert Koenders von der antiisraelischen Arbeitspartei ist einer von den achtzehn EU-Außenminister, die Produkte aus den Siedlungen als nicht israelischer Herkunft kennzeichnen wollten.[7] Es gibt zwölf EU-Außenminister, die diese Meinung nicht teilen. Koenders hat aber keine Schritte unternommen, um Produkte aus dem türkisch besetzten Nordzypern genauso zu kennzeichnen, obwohl Nordzypern besetztes Gebiet ist, die Westbank jedoch umstrittenes Gebiet ist.[8]

Koenders‘ Vorgänger Frans Timmermans, ebenfalls von der Arbeitspartei, gab 2013 während eines Vortrags in Tel Aviv zu, dass die EU in Bezug auf den israelische-palästinensischen Konflikt an Israel einen anderer Maßstab anlegt, weil sie es als ein europäisches Land betrachtet.[9] Diese Behauptung impliziert, dass man Palästinenser und Araber nicht wie Europäer betrachten kann. Zweierlei Maß ist ein Schlüsselcharakteristikum für antisemitisches Handeln.[10] Timmermans‘ Bemerkung erinnert an einen kolonialzeitlichen Rassisten, der nicht europäische Völker als unterlegen und als weniger verantwortlich für ihr Tun betrachtet. Timmermans‘ Behauptung stellt sich auch gegen die Prinzipien der Universalen Erklärung der Menschenrechte, die besagt, dass alle Menschen mit Vernunft und Gewissen ausgestattet sind. Das bedeutet, dass sie für ihr Tun verantwortlich sind.[11]

Wer immer einen Blick auf die Internetseite der niederländischen Arbeitspartei wirft, kann sehen, dass sie einerseits Israel angreift, andererseits aber zum Islamo-Nazismus der größten Palästinenserfraktion – der Hamas – schweigt, ebenso zu den vielen anderen von den Palästinensern begangenen kriminellen Taten. Auf diese Weise ist die Arbeitspartei ein indirekter Unterstützer des Islamo-Nazismus.[12]

In einem privaten Treffen mit einem weiteren niederländischen Botschafter, der Israel vor ein paar Wochen besuchte, sagte ich, dass die Niederlande staatlichen Antisemitismus verüben, indem sie wahllos eine Million muslimischen Einwanderern erlaubten ins Land zu kommen. Das geschah trotz der allgemein bekannten Tatsache, dass diese Muslime aus Ländern kommen, die weit antisemitischer sind als die Niederlande.

Die Zahl der in den Niederlanden während des Sommers 2014 berichteten antisemitischen Vorfälle lag in etwa so hoch wie die der gesamten Vorfälle der Jahre 2011 und 2012. Ester Voet, damals die Direktorin der niederländischen, pro-israelischen Organisation CIDI, schätzte, dass zwei Drittel dieser Verbrechen von nicht westlichen Immigranten oder ihren Nachkommen verübt wurden. Das war ein beschönigender Verweis auf muslimische Einwanderer, die rund 6% der Bevölkerung stellen.[13]

Gestattet ein Land massive und fast unkontrollierte Zuwanderung aus anderen Ländern, die in ihrer Bevölkerung weit mehr Antisemiten haben, dann wird es erleben, dass in der Folge der Antisemitismus im eigenen Land zunimmt. Diese einfache Überlegung war für den niederländischen Botschafter auf Besuch zu komplex, als dass er sie hätte akzeptieren können.

2011 stellte die Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung den Bürgern von sieben EU-Staaten im Alter ab 16 Jahren die Frage, ob sie der Äußerung zustimmten, Israel würde einen Ausrottungskrieg gegen die Palästinenser führen.[14] Die Niederlande und Italien gingen mit etwa 38% Zustimmung leicht weniger antisemitisch daraus hervor als die übrigen Länder.

Wenn man ungerechtfertigt einem bestimmten Volk kriminelle Taten vorwirft, die es nicht begeht, bedeutet dies, dass man eine kriminelle Einstellung ihm gegenüber hat. Nach den Erkenntnissen der deutschen Studie kann man schließen, dass fünf Millionen Niederländer in diese Kategorie fallen. Statt zu erklären, die Niederlande seien Israel freundlich gesonnen, sollte man also eher sagen, dass die Niederlande zu den weniger feindlich Gesinnten in einem zunehmend kriminellen Europa gehören.

2010 veröffentlichte ich ein Buch in niederländischer Sprache; es trug den Titel Het Verval, Joden in een stuurloos Nederland (Der Niedergang: Juden in den führungslosen Niederlanden)[15]. Darin erklärte ich, dass man den moralischen Niedergang der Niederlande im Verlauf der letzten Jahrzehnte anhand der Analyse seiner Haltung gegenüber den Juden erkennen kann. Das Buch erhielt beträchtliche öffentliche Aufmerksamkeit und führte sogar zu einer Debatte über Antisemitismus im niederländischen Parlament.

Das war einem bestimmten Absatz des Buches geschuldet, in dem ich eine Äußerung des ehemaligen niederländischen Europakommissars Frits Bolkestein zitierte. Dieser hatte mir gesagt, Juden sollten erkennen, dass es für sie in den Niederlanden keine Zukunft mehr gibt und ihren Kindern zur Auswanderung in die USA oder Israel raten. Nach Bolkestein lag das an den Problemen, die er mit den nicht integrierten muslimischen Immigranten vorher sah.[16]

Femke Halsema, Chef einer weiteren antiisraelischen Partei der Niederlande, den Grünen Linken, sagte, Bolkestein habe „eine Meise“.[17] Wer auch immer heute mein Buch aus dem Jahr 2010 liest, weiß, dass Bolkestein recht hatte, was die zunehmend düstere Zukunft der Juden in den Niederlanden angeht.

Darüber hinaus ist die Haltung der Niederlande den Juden gegenüber die Haltung zu Israel ein weit wichtigerer Hinweis auf den moralischen Zerfall der niederländischen Gesellschaft. Die Entwicklung im Verlauf der letzten Jahre ist ein klarer Indikator dafür. Man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass sowohl das Umfeld für Juden als auch die antiisraelische Aufstachelung in den Niederlanden sich verschlimmern werden.

[1] Geen korting AOW holocaustverlevende.de Telegraaf, 27.Mai 2015.

[2] Mike Durand: Vraagtekens bij SGP en CU na beantwoording AOW-vragen. CIDI,29. Mai 2015.

[3] Ophef in Israël over Nederlands schoolbook. Reformatorisch Dagblad, 27. Mai 2015

[4] Elise Friedman: Schoolboekje onevenwichtig over Israel. CIDI, 27. Mai 2015.

[5] Herb Keinon: Netherlands to publish new policy on pension payments to citizens living in settlements. The Jerusalem Post, 11. Mai 2015.

[6] Caspar Veldkamp: The Dutch Care about Their Holocaust Survivors. The Jerusalem Post, 21. Mai 2015.

[7] Koenders zet etikettering weer op agenda. Telegraaf, 20. Novembe 2014.

[8] Eugene Kontorovich: How the EU directly funds settlements in occupied territory. The Jerusalem Post, 28. Dezember 2013.

[9] Herb Keinon: Dutch FM: Europe judges Israel by a different standard than other Middle East countries. The Jerusalem Post, 12. Dezember 2013.

[10] Manfred Gerstenfeld: Double Standards for Israel. Journal for the Study of Antisemitism, 7. Januar 2013.

[11] www.un.org/en/documents/udhr/, article 1.

[12] Manfred Gerstenfeld: de PvdA: Nederlands grootste wegkijkerspartij van genocideplannen. Dagelijkse Standaard, 19. November 2014.

[13] Naama Lansky: Sakana Berura Umijadit. Israel HaYom, 22. August 2014

[14] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[15] Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (Van Praag) 2010, S. 164-173.

[16] Manfred Gerstenfeld: Het Verval, Joden in een Stuurloos Nederland. Amsterdam (Van Praag) 2010, S. 109

[17] Felle kritiek op joden-uitspraak Bolkestein. Trouw, 6. Dezember 2010.