Europa 2018: Problemfälle für Israel und die Juden

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Um 2018 den Entwicklungen zu folgen, ist es hilfreich eine Teilinventur zu einer Reihe wichtiger Probleme für Israel und die Juden in westeuropäischen Ländern und der Europäischen Union vorzunehmen.

Ein entscheidendes Problem bleibt die weit verbreitete Dämonisierung Israels. Meinungsumfragen in neun Ländern sagen uns etwas zu dem hohen Prozentsatz ihrer Bevölkerung, der mit Äußerungen wie „Was der Staat Israel heute den Palästinensern antut, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden machten“ und „Israel führt eine Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“. Statistiken zeigen, dass in diesen Ländern mindestens 38% der Bevölkerung solchen Aussagen zustimmt. In Polen ist der Anteil mit 63% am höchsten.[1]

Diese „Gefühle“ europäischer Bürger sagt uns nichts über Israel und sein Handeln. Sie deuten jedoch extrem antiisraelische Einseitigkeit in einer Reihe Länder an. Bezüglich Deutschlands gibt es sieben Umfragen zu diesen Einstellungen, die von 2004 bis 2015 durchgeführt wurden. Die letzte, von 2015, stellte fest, dass 41% der Deutschen von Israel meinen, dass es sich wie die Nazis verhält.[2]

Auf einem Kontinent, auf dem Nazideutschland so viele Kollaborateure in den von ihm besetzten Ländern hatte, hat die israelische Regierung alles Recht die Regierungen zur Rede zu stellen, weil das Land dämonisiert wird.

Der Antisemitismus scheint sich in mehreren EU-Ländern auszuweiten. Viele im europäischen Establishment haben Bemühungen unternommen Informationen zu unterdrücken oder es zu vermeiden die wichtige Rolle der Muslime bei Aggression und dem Schüren von Hass gegen Juden und Israel zu erwähnen. Das hat verzögert, dass dieser wichtige Aspekt des Antisemitismus energisch in die Öffentlichkeit gebracht wurde.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl detaillierter Studien, die zeigen, dass Antisemitismus bei muslimischen Immigranten und ihren Nachkommen bei weitem über den der Ursprungsbevölkerung hinausgehen. Alle in Westeuropa in diesem Jahrhundert getöteten Juden wurden von Muslimen ermordet.

Eine im September 2017 in Großbritannien veröffentlichte Studie stellte fest, dass 12,6% der Muslime stark antisemitische Einstellungen hegen. Dagegen vertreten nur 3,6% der Allgemeinbevölkerung solche Ansichten. Dieselbe Studie fand heraus, dass 34,7% der Muslime in Großbritannien stark antiisraelische Gesinnungen haben; in der allgemeinen Bevölkerung sind es 9%.[3]

Recherche bei neuesten Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak in Deutschland weisen auf weit stärkere antisemitische und antiisraelische Gefühle hin als in der lokalen Bevölkerung.[4] Der zusätzliche, ungefilterte Zustrom von Muslimen nach Europa bedeutet, dass weitere Antisemiten importiert werden.

Die Europäische Union hat einige antiisraelische Maßnahmen getroffen, die gemäß der Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz antisemitisch sind.[5] Darüber hinaus drücken Äußerungen der EU zu Ereignissen im palästinensisch-israelischen Konflikt oft antiisraelische Einseitigkeit aus. Man könnte zu dem Schluss kommen, je schwächer die EU ist, desto besser ist das für Israel.

Die gesellschaftliche Gesamtsituation in Deutschland hat sich im Verlauf zweier Jahre infolge von Kanzlerin Angela Merkels unverantwortlicher Willkommenspolitik für Flüchtlinge stark verschlechtert. Bei den Wahlen im September 2017 fuhren die beiden großen Parteien – die Christdemokraten (CDU) und die Sozialdemokraten (SPD) – ihre jeweils schlechtesten Wahlergebnisse seit 1949 ein.

Bei diesen Wahlen ist die rechtsgerichtete Antiislampartei AfD zur drittgrößten Partei in Deutschland geworden. Sie hat kein konstruktives Programm und ihre Führung bewegt sich zunehmend in Richtung Rechtsextremismus. Sowohl für Israel als auch Juden gibt es in Sachen Deutschland viel, worüber sie sich zu Deutschland 2018 mehr Sorgen machen müssen, als es 2015 der Fall war.

In der britischen Labour Party hat es eine Explosion antisemitischer Äußerungen gegeben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die konservative Regierung des Landes 2018 aufgrund von Problemen mit den Brexit-Verhandlungen stürzen wird. Labour-Führer Jeremy Corbyn, der Antisemitismus erleichtert und die Hisbollah und die Hamas seine Freunde nannte, könnte die nächste Wahl durchaus gewinnen.[6]

Die Lage der Juden in Frankreich könnte als „negativ stabil“ bezeichnet werden. Zwei Kandidaten der Präsidentschaftswahlen von 2017, die rechtsextreme Marine Le Pen und der Linksextremist Jean-Luc Melenchon, erhielten zusammen 40% der Stimmen. Beide bestreiten, dass Frankreich für die extrem antisemitischen Verbrechen Verantwortung trägt, die von der Vichy-Regierung in deren Zeit beging.[7] Das ist ein großer Schritt zurück, da der aktuelle französische Präsident Emmanuel Macron und seine drei Vorgänger diese Verantwortung eingestanden haben.

Rechtsextreme Parteien haben im neuen Jahrhundert in einer ganzen Reihe europäischer Länder mehr Bedeutung erlangt. Muslimischer Terrorismus stärkt sie. Diejenigen in diesen Parteien, die sich an Regierungen beteiligen wollen, sind gewöhnlich etwas moderater als die wirklichen Positionen der Partei. Eine solche Einstellung hat Ende 2017 den Eintritt der rechten FPÖ in die österreichische Regierung ermöglicht.

Schweden bleibt ein Problemland, sowohl für seine Juden als auch für Israel. Einer der wichtigsten antisemitischen Vorfälle in Europa des Jahres 2017 fand in Göteborg, der zweitgrößten Stadt des Landes, statt. Auf ihre Synagoge gab es einen Bombenanschlag, während darin eine Jugendveranstaltung stattfand. Andere Bombenanschläge gab es in Malmö, der drittgrößten Stadt des Lands. Diese wird oft als Hauptstadt des europäischen Antisemitismus bezeichnet. Die meisten Täter sind Muslime. Nach dem Anschlag in Göteborg war der schwedische Premierminister Stefan Löfven durch die Umstände gezwungen Antisemitismus zu verurteilen. Er deutete sogar an, dass Immigranten eine Rolle dabei spielen.[8]

Die Lage in den Niederlanden ist, was Israel und Antisemitismus angeht, in der Regel weniger schlimm als in den meisten oben erwähnten Ländern. Doch 2017 ist noch klarer geworden als in der Vergangenheit, dass die Polizei und die Justiz im Umgang mit antisemitischen Vorfällen in Teilen funktionsgestört sind.

In der Schweiz sehen sich die jüdischen Gemeinden einem besonderen Problem gegenüber. Die Behörden haben festgestellt, dass jüdische Institutionen Ziele von Terror sind. Dennoch lehnen sie es ab für die Sicherheit von Synagogen und jüdischen Institutionen zu bezahlen. Da die Behörden solche Sicherheit für verschiedene nichtjüdische Ziele zur Verfügung stellen, spiegelt dies eine diskriminierende Politik.[9]

Die unvollständige Liste oben dürfte ein nützliches Mittel für Israels Obrigkeit und internationale jüdische Organisationen sein, um die Agenda ihres Handelns im Jahr 2018 zu definieren.

[1] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf; „Kritik an Israel nicht deckungsgleich mit antisemitischen Haltungen.“ gfs.bern, 28. Mäz 2007; www.hlsenteret.no/publikasjoner/antisemittisme-i-norge.

[2] www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LW_Germany_and_Israel_today_2015.pdf, S. 35

[3] http://www.jpr.org.uk/publication?id=9993

[4] AJC Berlin Ramer Institute: Attitudes of refugees from Syria and Iraq towards integration, identity, Jews and the Shoah Research Report: December 14, 2017

[5] http://www.holocaustremembrance.com/sites/default/files/press_release_document_antisemitism.pdf

[6] http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/aug/13/jeremy-corbyn-labour-leadership-foreign-policy-antisemitism

[6] http://www.jpost.com/Opinion/France-Extreme-Right-and-Left-leaders-distort-Holocaust-history-507785

[8] http://www.government.se/speeches/2017/12/speech-by-prime-minister-stefan-lofven-at-demonstration-against-antisemitism/

[9] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Author.aspx/908

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International bemerkter Antisemitismus lässt Regierungen reagieren

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

International aufgefallene antisemitische Vorfälle sorgen in dem Land, in dem sie sich ereignen, für mehr Verurteilungen als andere, schwerere dortige Hassverbrechen gegen Juden. Jüngste Beispiele aus Deutschland, Schweden und den Niederlanden illustrieren dies.

Den klarsten Fall gab es in Deutschland.[1] In Berlin[2] und Stuttgart[3] wurden israelische Flaggen – zum Teil selbstgemachte Imitationen – verbrannt. Das deutsche Recht verbietet anscheinend das Verbrennen israelischer Flaggen nicht. Niemand wurde bei diesem Vorfall verletzt, aber die Bilder verbreiteten sich virusartig. Sie riefen negative Assoziationen zu den weit schwerwiegenderen Buchverbrennungen des Nazi-Regimes wach.

Die deutsche Regierung verurteilte diese Flaggenverbrennungen und Antisemitismus im Allgemeinen. Ihr Sprecher Steffen Seibert sagte: „Man muss sich schämen, wenn auf den Straßen deutscher Städte so offen Judenhass zur Schau gestellt wird.“[4] Kanzlerin Angela Merkel und der Vorstand ihrer Christlich-Demokratischen Union (CDU) sprachen sich gegen die Flaggenverbrennung aus. Jens Spahn, ein Vorstandsmitglied der CDU und regelmäßig als möglicher Merkel-Nachfolger gehandelt, merkte an, dass die Zuwanderung aus muslimischen Ländern der Grund für die jüngsten Demonstrationen in Deutschland ist.[5]

Der deutsche Staatspräsident Frank-Walter Steinmeier, ein Sozialdemokrat, erklärte, das Verbrennen der israelischen Flagge in deutschen Städten „erschreckt mich und beschämt mich“. Er sagte auch, die Verantwortung Deutschlands für seine Geschichte „kennt keine Schlussstriche für Nachgeborene und keine Ausnahmen für Zuwanderer.“ Steinmeier fügte hinzu: „Sie ist nicht verhandelbar – für alle, die in Deutschland leben und hier leben wollen.“ Dann fuhr er fort: „Die deutsche Bundesrepublik ist nur dann funktionsfähig, wenn die Juden sich in ihr voll Zuhause fühlen.“[6] Justizminister Heiko Maas, ebenfalls Sozialdemokrat, sagte: „Wer israelische Flaggen verbrennt, verbrennt die Werte unserer Verfassung.“[7]

Die CDU-Fraktion im Parlament verkündete, sie werde sich für die Schaffung eines Antisemitismus-Beauftragten einsetzen.[8] Innenminister Thomas de Maizière kommentierte, er unterstütze Aufrufe einen solchen Posten zu schaffen.[9] Das war ein indirektes Eingeständnis, dass Hassverbrechen gegen Juden im Land ein beträchtliches Problem darstellen. Das bedeutet – ohne es ausdrücklich gesagt wird – dass das „neue Deutschland“ nur zum Teil neu ist.

Schweden ist ein weiteres Land, in dem die Ernennung eines Antisemitismus-Beauftragten lange überfällig ist. Eine maskierte Bande warf während einer Aktion einer Jugendbewegung Molotowcocktails auf die Synagoge der zweitgrößten Stadt des Landes, Göteborg. Einen Tag zuvor brüllten Demonstranten in Malmö, der drittgrößten Stadt des Landes, Slogans darüber auf Juden schießen und sie töten zu wollen. Die New York Times widmete dem schwedischen Antisemitismus eine Reihe von Artikeln,[10] ebenso viele andere Medien im Ausland.

Bei einer Demonstration gegen Antisemitismus am 20. Dezember sagte der sozialdemokratische schwedische Premierminister Stefan Löfven: „Diejenigen, die versuchen Gewalt und Hass zu legitimieren, um ihre Ziele zu erreichen, seien sie Nazis, religiöse Extremisten oder Linksextreme, werden unerbittlich verurteilt werden … wir verstärken die Sicherheit um Synagogen, Schulen und andere Anwesen. Die Polizei hat zusätzliche Ressourcen erhalten und ist angewiesen, dass Anstrengungen zur Bekämpfung von Hassreden und Hetze Priorität bekommen müssen.“ Er fügte hinzu: „Es sind größere Anstrengungen nötig, um Intoleranz zu bekämpfen, in Schulen und in der Gesellschaft und nicht zuletzt bei Immigrantengruppen aus Ländern, in denen der Antisemitismus stark ist.“[11]

Aufeinander folgende schwedische Regierungen hätten schon vor vielen Jahren auf Antisemitismus reagieren müssen. Malmö wird oft als Antisemitismus-Hauptstadt Europas gehalten. Extreme Vorfälle gegen Juden werden hauptsächlich von Muslimen verübt.

Etwas früher im Dezember wurde im Ausland weithin das Video eines antisemitischen Vorfalls in Amsterdam angesehen. Es zeigte einen Mann, der eine Palästinenserflagge schwenkte und die Fenster eines koscheren Restaurants einschlug. Zwei Polizisten sahen ihm dabei zu, bevor sie ihn neutralisierten. Das Bild hat Macht. Ob die Polizisten gute Gründe hatten ihn nicht sofort festzunehmen oder das nicht zu tun, ist für die irrelevant, die das Video ansehen.[12]

Der syrisch-palästinensische Kriminelle, ein Asylsuchender, wurde nach zwei Tagen freigelassen und bis zum Gerichtsverfahren nach Hause geschickt. Ihm wurden Vandalismus und Diebstahl vorgeworfen, statt ihn eines Hassverbrechens anzuklagen. Beim Verfahren entschieden die Richter ihn unter psychiatrische Beobachtung zu stellen. Das könnte ein paar Monate dauern. Inzwischen bleibt der Angreifer – mit unwesentlich einschränkenden Auflagen – auf freiem Fuß.[13]

Im Sommer dieses Jahres wurde Michael Jacobs, ein niederländischer Jude, von der Polizei eine Woche lang festgehalten, weil er in der Nähe von antiisraelischen Demonstranten stand und eine israelische Flagge trug. Es gibt keine Gesetze, die das verbieten. Es war ein absurdes Beispiel der Prioritäten der niederländischen Polizei. Inzwischen hat die niederländische Polizei nach Angaben eines internen Polizeiberichts nicht die Personalstärke die manchmal mörderischen niederländisch-türkischen Heroin-Dealer anzufassen, die den Markt mit dieser Droge fluten.[14]

Das Antisemitismus-Problem der Niederlande kann nicht mit der Ernennung eines Sonderbeauftragten angegangen werden. Ein erster Schritt damit umzugehen muss die Änderung des niederländischen Rechts und seine Anwendung durch die Justiz und die Polizei zum Ergebnis haben. Das Böse zu tolerieren ist kein Zeichen von Toleranz.

In der Vergangenheit hatte größere öffentliche Aufmerksamkeit zu antisemitischen Verbrechen oft Nachahmungseffekt. Ein solches Beispiel fand statt, nachdem Mohammed Merah – Sohn extrem antisemitischer Einwanderereltern aus Algerien – 2012 in Toulouse einen jüdischen Lehrer und drei Kinder ermordete. Nach diesen Morden stieg die Zahl antisemitischer Verbrechen in Frankreich stark an.[15]

Heutzutage, wo es weit mehr Aufmerksamkeit für Terror und andere Kriminalität gibt, die von Teilen der muslimischen Bevölkerung in westeuropäischen Ländern ausgeht, hat beträchtlicher Antisemitismus auch eine andere Wirkung. Regierungen begreifen, dass sie reagieren müssen, Solidarität mit den Juden zeigen und etwas unternehmen – oder zumindest die Bereitschaft zeigen müssen dies zu tun.

[1] http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/11904654/Attacks-on-Jews-rise-to-five-year-high-in-Germany-more-than-any-country-in-Europe.html

[2] http://www.youtube.com/watch?v=Ly6_C9TB_24

[3] http://www.youtube.com/watch?v=AMIOARJJdcA

[4] www.welt.de/politik/article171478315/Wir-wenden-uns-gegen-alle-Formen-von-Antisemitismus.html

[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jens-spahn-warnt-vor-importiertem-antisemitismus-a-1183490.html

[6] www.faz.net/aktuell/politik/inland/steinmeier-antisemitismus-ist-nicht-ueberwunden-15342133.html

[7] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/heiko-maas-will-holocaust-in-integrationskursen-abfragen-lassen-a-1183363.html

[8] http://www.all-in.de/nachrichten/deutschland_welt/politik/Streit-um-richtige-Reaktion-auf-Flaggenverbrennung;art15808,2546218

[9] www.sueddeutsche.de/politik/bundespolitik-de-maizire-fordert-antisemitismus-beauftragten-1.3795882

[10] https://mobile.nytimes.com/2017/12/10/world/europe/sweden-synagogue-molotov-cocktail.htm; https://www.nytimes.com/2017/12/10/world/europe/sweden-synagogue-molotov-cocktail.html

[11] http://www.government.se/speeches/2017/12/speech-by-prime-minister-stefan-lofven-at-demonstration-against-antisemitism/

[12] http://www.youtube.com/watch?v=e1khvPplcRI

[13] www.jta.org/2017/12/20/news-opinion/world/why-dutch-jews-are-up-in-arms-over-the-handling-of-a-kosher-restaurant-attack

[14] http://www.ad.nl/binnenland/politie-vrijwel-geen-capaciteit-voor-onderzoek-heroinehandel~a1c74ea4/

[15] http://www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-News/58-percent-rise-in-anti-Semitic-attacks-in-France-in-2012

Henryk Broder und die ewigen Antisemiten

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Malmö, die drittgrößte schwedische Stadt, wird von vielen Experten als Hauptstadt des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus betrachtet. Ein paar wenige der vielen Aspekte, die diese Charakterisierung rechtfertigen, werden teilweise in einer neuen deutschen Dokumentation mit dem Titel „Der ewige Antisemit – Geschichte einer unerwiderten Liebe“ entlarvt. Sie wurde anlässlich des Jahrestages der Kristallnacht am späten Abend des 8. November im Bayrischen Fernsehen ausgestrahlt.[1]

Der Film folgt dem deutsch-jüdischen Autor Henryk Broder bei seiner Reise durch Deutschland, Frankreich und Schweden. Er wird oft von Hamad Abdel Samed begleitet, einem in Deutschland lebenden ägyptischen Publizisten (mit deutscher Staatsangehörigkeit). Mehrere Theologen der ägyptischen Muslimbruderschaft haben eine Fatwa ausgegeben, dass er wegen Ketzerei getötet werden muss. Im Film ist er mit Personenschützern der Polizei zu sehen.[2]

Bevor Broder und Abdel Samad nach Malmö kamen, hatten sie Termine mit dem Polizeichef und der Bürgermeisterin vereinbart, die in letzter Minute abgesagt wurden. Sie trafen den amerikanischen Rabbiner der jüdischen Gemeinde Stadt, Shneur Kesselman. Er erzählt ihnen, dass die schrumpfende Gemeinde in der Synagoge schusssichere Fenster installieren musste. Selbst das half nicht. Eine Bombe explodierte vor der Synagoge und eine weitere Bombe wurde in die Kapelle des jüdischen Friedhofs geworfen, die komplett zerstört wurde.

Der der Chabat-Bewegung angehörende Rabbiner sagt, er werde regelmäßig schikaniert, wenn er auf die Straße geht. Aus vorbeifahrenden Autos werden ihm Beleidigungen wie „Tod den Juden“ zugerufen. Er wird mit Gegenständen beworfen, darunter befanden sich schon ein Apfel, ein Feuerzeug, ein Glas und eine Flasche. Kesselman kam vor zwölf Jahren nach Malmö. Er sagt, hätte er die Realität der Juden in der Stadt gekannt, wäre er nicht gekommen, aber heute will er aus Loyalität gegenüber der schrumpfenden jüdischen Gemeinde nicht fortgehen.

Kesselman erwartet, das viele Kinder der Gemeindemitglieder Malmö verlassen werden. Vor ein paar Wochen, der Film war schon fertiggestellt, zerschmetterten Steine einmal mehr die Fenster der Synagoge. Bei dieser Gelegenheit sagte der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde gegenüber der Presse, dass die meisten Vorfälle von Muslimen oder Arabern verübt werden.[3]

Ein jüdischer Lehrer an einer öffentlichen Grundschule in einem problematischen Viertel Malmös wird ebenfalls interviewt. Er spricht von Schießereien im Viertel, manchmal mit tödlichen Folgen. Kinder aus anderen Klassen öffnen manchmal die Klassentüren und rufen ihm antisemitische Beleidigungen zu. Ein Elfjähriger schrie „Heil Hitler“. Die Schulleitung mag die antisemitischen Vorfälle nicht öffentlich machen; sie sagt: „Das sind nur Kinder.“

Bevor sie durch ein Viertel Malmös mit einer großen Zahl an Migranten fahren, warnt die Polizei die Filmemacher, dass sie das Auto nicht verlassen, nicht einmal anhalten sollten. Auf gut Deutsch übersetzt heißt das: „Das ist ein muslimisches Ghetto, in dem die Polizei die Kontrolle verloren hat.“ Die Filmemacher verwenden durchweg das Wort „Migranten“, während der Zuschauer selbst begreifen muss, dass sie Muslime meinen. Dieser Teil der Dokumentation ist ein direkte Anklage der progressiven Behörden in Malmö und vielen anderen schwedischen Städten.

In Deutschland besuchen Broder und Abdel-Samad einen jüdischen Restaurant-Besitzer – einen irakischen Juden – in München. Dieser erzählt ihnen, dass er vor kurzem sein zweites Restaurant schließen musste. Er sieht sich oft antisemitischen Beleidigungen und Schikanen ausgesetzt, die von Deutschen ausgehen. Die Filmemacher besuchen Naumburg in Sachsen-Anhalt. Dort treffen sie einen Holocaust-Leugner, der ihnen erzählt, dass es in Auschwitz keine Gaskammern gab.

Der Interviewpartner ist sozialdemokratischer Bürgermeister eines Dorfes gewesen. Er wechselte später zur Neonazi-Partei NPD. Nachdem er erklärte, der Holocaust sei ein Mythos, wurde er in zwei Instanzen vor Gericht wegen Holocaustleugnung verurteilt. Das Oberlandesgericht Naumburg sprach ihn dann frei.

In Hildesheim wird eine Diskussion über extrem antisemitisches Material gegen Israel gezeigt, das in ein Seminar an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) eingefügt wurde. Von einem Podiumsmitglied werden ein paar Beispielbilder gezeigt, die Israel mit den Nazis gleichsetzen. Die Hochschulrektorin sagt, sie sei nicht überzeugt, dass das Seminar Antisemitisches beinhaltete. Broder kommentiert, dass die Nazis wussten, wie sie einen Juden definieren, aber heute Deutsche Probleme haben Antisemitismus zu definieren. In Köln wird eine Kunstmesse besucht, auf der ein Bild je nach Blickwinkel ein Hakenkreuz oder einen Davidstern zeigt. Die Messe findet in einem Gebäude statt, aus dem Juden und andere während des Krieges in Vernichtungslager geschickt wurden.

In Frankreich wird das alte Pariser Viertel um die Rue des Rosiers besucht. Die Gedenktafel des früheren Restaurants Goldenberg wird an einer Wand gezeigt. 1982 töteten Palästinenser sechs Gäste und verletzten 22 weitere. Schwer bewaffnete Soldaten patrouillieren das Viertel.

Der Film wurde von Broder und Joachim Schneider gemacht. Ein anderer von Letzterem erstellter Film, „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“, wurde im Frühjahr diesen Jahres vom deutsch-französischen Fernsehsender Arte zensiert, der ihn in Auftrag gegeben hatte. Später wurde er vom WDR gezeigt, der den Film verstümmelte, indem viele kritischen Anmerkungen in ihn eingearbeitet wurden.

Schließlich versucht Broder zu analysieren, was in Europa geschieht. Er diskutiert dies mit einem Freund, dem niederländisch-jüdischen Schriftsteller Leon de Winter. Da sie den Antisemitismus nicht erklären können, kommt de Winter zu dem Schluss, dass in der Vergangenheit niemand mehr Liebe für Europa hatte als die Juden. Diese Liebe wurde nicht erwidert. Er glaubt, dass jetzt die letzte Phase der Existenz der Juden in Europa angebrochen ist. De Winter prognostiziert, dass das europäische Judentum in 40 bis 50 Jahren verschwunden sein wird. Ob es so kommt, bleibt abzuwarten.

Derzeit gibt es Broders und Schröders Film nur auf Deutsch. Englische und französische Untertitel würden ihn einem weit größeren Publikum zugänglich machen.

[1] http://www.br.de/mediathek/video/dox-der-dokumentarfilm-der-ewige-antisemit-av:59cb7a607460e90012ceaeb7?t=1m7s

[2] http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/28/hamed-abdel-samad-rettung

[3] http://jewishnews.timesofisrael.com/stones-shatter-window-of-synagogue-in-sweden/

Europa gegen Amerika

Daniel Pipes, New York Post, 14. Januar 2003

Die Dinge sahen so klar aus, direkt nach dem 11.9., als die Kräfte der Zivilisation auf der einen Seite standen und die Barbaren auf der anderen.

Nach dem Anschlag, noch am selben Abend, verkündete Präsident Bush, dass „Amerika und unsere Freunde und Verbündeten sich mit all denen zusammen schließen, die Frieden und Sicherheit in der Welt haben wollen. Wir stehen zu einander, um den Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen.“ Am nächsten Tag beriefen sich – zum ersten Mal in ihrer 52-jährigen Geschichte – die Mitglieder des Nordatlantischen Paktes (NATO) auf die Klausel für gegenseitigen Beistand und erklärten den Angriff auf die USA zu einem „Angriff auf alle“.

Das war damals. Sechzehn Monate später findet sich die Bush-Regierung im Streit mit vielen dieser „Freunde und Verbündeten“, sogar mit einer beträchtlichen Anzahl von Amerikanern. Am ersten Jahrestag des 11.9., als Außenminister Colin Powell dem Publikum bei der UNO sagte, dass „wir alle im selben Boot sitzen“, da klangen seine Worte schon ziemlich hohl.

Bis zu einem gewissen Maß ist diese fehlende Einigkeit Ergebnis der unvermeidlichen Lockerung der Wachsamkeit, wenn mehr als ein Jahr vergeht, ohne einen wesentlichen Erfolg gegen den Terrorismus oder terroristische Mega-Vorfälle zu bringen (obwohl es verschiedene Beinahe-Vorfälle in New Delhi und Tel Aviv gab und Anschläge in Bali und Moskau, die zu jeweils mehr als 100 Toten führten).

Aber die Uneinigkeit stammt auch aus tiefer gehenden Unterschieden in Ansichten. Umfragen zeigen eindeutig einen substanziellen Anstieg des Antiamerikanismus. Eine groß angelegte Meinungsumfrage von Pew Global Attitudes, die letzten Monat veröffentlicht wurde, fand z.B. negative Ansichten über die USA bei mehr als zwei Drittel der 27 Länder, in denen die Befragungen durchgeführt wurden. Es ist ein ermüdender Allgemeinplatz geworden zu hören, dass die Amerikaner „verdienten, was sie am 11.9. bekamen“.

In Europa sind die Zeichen der Abneigung manchmal erschreckend: Ein Buch, in dem behauptet wird, dass Osama bin Laden das World Trade Center als Teil einer Verschwörung der US-Regierung angriff, schoss an die Spitze der Bestsellerlisten Frankreichs. In Florenz, schreibt Benny Irdi Nirenstein in der National Review, „marschierten 300.000 Europäer – v iele von ihnen palästinensische Fahnen schwenkend und mit Bildern von Che Guevara, Stalin und Mao Tse Dong auf den T-Shirts – um die mögliche Befreiung des irakischen Volks durch die USA anzuprangern“.

Palästinensische Flaggen und Bilder von Stalin? Was soll das?

Eine Erklärung für diese Feindseligkeit steht in einem viel Einsicht gebenden Artikel des amerikanischen Analysten Ken Sanes in Hong Kongs Asia Times Online. Sanes argumentiert, dass es nicht zwei, sondern drei „Super-Systeme“ mit globalen Zielen gibt; Systeme, die einen Großteil der Politik auf dem Planeten formen. Eines ist natürlich der militante Islam mit seiner bitteren Botschaft von Extremismus, Intoleranz, Groll, Grausamkeit, Aggression und totalitärer Kontrolle. Dann gibt es das amerikanische Modell des (wie ich es nenne) individualistischen Liberalismus – mit der Betonung des Individualistischen, bis zum hedonistischen „Verfolgen des Glücks“, mit seiner Betonung freier Märkte und beschränktem Einfluss der Regierung. Diese beiden bestimmen die Debatte.

Dann – und das ist der Punkt, an dem Sanes Analyse interessant wird – ist da noch Europas Angebot des bürokratischen Linkstums (wieder ein Begriff von mir), der irgendwo dazwischen liegt. Sanes führt an, wie das europäische Modell einige Dinge mit dem amerikanischen teilt (dass es sich auf freie Märkte verlässt, um Wohlstand zu schaffen) und einige mit dem militanten Islam (dass es sich auf starke Regierungen verlässt, um seine Ziele zu erreichen).

Die geographische Aufteilung ist natürlich nicht perfekt, da es reichlich statische Linke in den USA gibt und zumindest einige des individualistisch-liberalen Typs in Europa. (Dazu Islamisten bei beiden.)

Sanes Originalität liegt darin, dass er die euro-amerikanischen Unterschiede nimmt und sie nicht als zwei Variationen desselben Systems darstellt, sondern als zwei unterschiedliche Systeme – nicht zwei Dialekte einer Sprache, sondern zwei getrennte Sprachen.

Wenn diese Interpretation korrekt ist, dann sind euro-amerikanische Spannungen wegen Dingen wie bestrahlter Lebensmittel, der Todesstrafe, dem Internationalen Strafgerichtshof, dem Irak und dem arabisch-israelischen Konflikt Zeichen einer deutlichen Trennung, nicht nur vorübergehende Zankereien. Der Streit zwischen der Bush-Regierung und, sagen wir, Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder geht tiefer und ist düsterer als gewöhnlich angenommen wird.

Sanes‘ Sichtweise hat außerdem zwei wichtige Konsequenzen, über die es lohnt nachzudenken: Die 1990-er sollten als nichts weiter als ein Zwischenspiel zwischen Zeitaltern kosmischen Wettstreits angesehen werden. Und Amerikas Verbündete der letzten Runde (gegen die Sowjetunion) formieren sich als Gegner der nächsten.

Frankreich: Rechtsextreme und linksextreme Führungspolitiker entstellen die Geschichte des Holocaust

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die französischen Eingeständnisse der Holocaustschuld, die Jahrzehnte zu spät kamen, werden derzeit von wichtigen französischen Politikern angezweifelt. Dieses Jahr wurde die Wahrheit des zeitgenössischen Frankreich als legalem Nachfolger des Vichy-Regimes von zwei extremistischen Kandidaten bei den Präsidentschaftswahlen bestritten – von Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon. Während des Wahlkampfs erzielte die rechtsgerichtete Le Pen 21,3% der Stimmen der ersten Runde und 33% der Stimmen in der Stichwahl. Nach den Wahlen bemühte der linksextreme Kandidat Jean-Luc Mélenchon noch stärker verzerrt Äußerungen. Er erzielt 19,6% der Stimmen in der ersten Runde der Wahl.

Erst 1995 gestand der französische rechts der Mitte stehende Präsident Jacques Chirac ein, dass das Vichy-Regime – das mit den Deutschen kollaborierte – auf legitime Weise an die Macht kam. Chirac sagte das auf einer Gedenkveranstaltung an der Stelle des ehemaligen Pariser Radfahrstadions Vélodrome d’Hiver, wo die Festgenommenen bei der ersten großen Zusammentreibung von Juden in Frankeich festgehalten wurden.

Chirac erwähnte die Hilfe, die Frankreich den Nazis bei der Verhaftung der Juden geleistet hatte, als Schritt auf dem Weg zu ihrer Ermordung: „Frankreich, die Heimat des Lichts und der Menschenrechte, Land des Willkommens und des Asyls, Frankreich beging an diesem Tag das nicht mehr Gutzumachende. Es brach sein Wort und lieferte die, die von ihm beschützt werden sollten, ihren Henkern aus.“ Er fügte hinzu: „Wir behalten ihnen gegenüber eine unverzeihliche Schuld.“[1]

Sein Eingeständnis machte klar, dass das gegenwärtige Frankreich Verantwortung für die extrem antisemitischen Maßnahmen des Vichy-Regimes übernehmen muss, das manchmal sogar Deutschlands Tun vorauseilte. Chiracs Worte waren noch wichtiger, weil sein sozialistischer Vorgänger François Mitterand es abgelehnt hatte diese Wahrheit einzugestehen. Mitterand war Staatsbeamter im Vichy-Frankreich gewesen, bis er sich 1942 der Résistance anschloss.

In späteren Jahren wurde Frankreichs Verantwortung für die Verbrechen Vichys vom sozialistischen Premierminister Lionel Jospin[2] und dem rechten Premierminister Dominique de Villepin[3] eingeräumt. Ähnliche Erklärungen wurden von Chiracs Nachfolger, Präsident Nicholas Sarkozy[4] und danach vom sozialistischen Präsidenten François Hollande[5] abgegeben.

Im April 2017 sagte Marine Le Pen: „Ich glaube nicht, dass Frankreich für das Vél d’Hiver verantwortlich war. Ich denke, allgemein gesprochen, wenn es verantwortliche Personen gibt, dann diejenigen, die damals an der Macht waren. Es ist nicht Frankreich.“ Sie fügte an: „Kinder in Frankreich waren Gründe gelehrt worden das Land zu kritisieren und nur die vielleicht dunkelsten Aspekte unserer Geschichte zu sehen… ich will deshalb, dass sie wieder stolz auf Frankreich sind.“[6]

Um Le Pens Äußerung zusammenzufassen: Damit französische Kinder stolz auf ihr Land sein können, muss man über Frankreichs antisemitische Vergangenheit und die sich daraus ergebende Verantwortung des Landes lügen. Der Mitte-Rechts-Kandidat bei den Präsidentenwahlen, der ehemalige Premierminister François Fillon reagierte: „Die Wahrheit lautet, dass das, was im Vél d’Hiver geschah, ein vom französischen Staat verübtes Verbrechen ist.“ Er fügte hinzu: „Der Front National hat immer noch viele Mitglieder, die wehmütig auf die Vichy-Regierung zurückblicken.“ Fillon machte seine Ansichten noch klarer, indem er sagte: „Vichy war das offizielle Frankreich, obwohl es ein anderes Frankreich gab, das von De Gaulle in London.“[7]

Dieses Jahr lud der französische Präsident Emmanuel Macron den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu zur Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Razzia des Vél d’hiv ein. Der allgemeine Trend von Macrons Rede lag auf einer Linie mit der seiner Vorgänger.[8]

Mélenchon, heute Parteichef der linksextremen französischen Partei Unbeugsames Frankreich, war in seiner Jugend Trotzkist. Später schloss er sich der Sozialistischen Partei an und wurde Minister.[9] Mélenchon hatte auf Le Pens entstellende Ausführungen mit der Aussage reagiert, dass die französische Polizei die Verhaftung der Juden organisiert hatte. Er fügte hinzu: „Nicht die französische Republik ist schuldig, sondern Frankreich ist es.“

Nach Macrons Rede änderte Mélenchen seine Haltung radikal. Er schrieb: „Frankreich ist nichts außer seiner Republik, die am 10. Juli 1940 beseitigt wurde.“ Er fügte an: „Die französische Republik ist mit General de Gaulle nach London verpflanzt worden, um den Widerstand zu organisieren.“ Er merkte weiter an, dass Vichy nicht Frankreich war.[10]

Diese Äußerung war eine extreme Entstellung der Geschichte. Die Vereinigten Staaten, die damals neutral waren, erkannten Vichy als die offizielle französische Regierung an und schickten einen Botschafter dorthin. Bei seiner Gründung wurde Vichy auch von vielen anderen Ländern anerkannt, darunter der Sowjetunion, Kanada und Australien. Es war Vichy, das die Beziehungen zu Großbritannien abbrach und nicht umgekehrt.

Diese Entstellungen der Rolle Frankreichs im Holocaust kann nicht als marginal betrachtet werden, da Le Pen und Mélenchon zusammen mehr als 40% der Stimmen der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen holten. Der linksextreme Führer missbrauchte die Geschichte des Holocaust sogar noch vehementer als die Führerin der Rechten.

Um das Bild zu vervollständigen: Mélenchon ist auch ein glühender Feind der Regierung Israels, eine Meinung, die er zu verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck brachte.[11] Einige davon haben überhaupt nichts mit Israel zu tun. Das war zum Beispiel der Fall, als seine Partei sich diesen Monat aus der Parlamentskommission zurückzog, die die institutionelle Zukunft von Neukaledonien, einem französischen Territorium im Pazifik, untersucht. Mélenchon motivierte dies mit dem polarisierenden Charakter des Vorsitzenden der Kommission, dem ehemaligen Premierminister Manuel Valls. Er erwähnte einen weiteren Grund: Valls‘ angebliche Nähe zu den Führern der extremen Rechten Israels.

[1] http://archive.wikiwix.com/cache/?url=http://elysee.fr/elysee/elysee.fr/francais/interventions/discours_et_declarations/1995/juillet/allocution_de_m_jacques_chirac_president_de_la_republique_prononcee_lors_des_ceremonies_commemorant_la_grande_rafle_des_16_et_17_juillet_1942-paris.2503.html

[2] http://discours.vie-publique.fr/notices/973144898.html

[3] www.lemonde.fr/societe/article/2005/07/17/commemoration-de-la-rafle-du-vel-d-hiv-villepin-appelle-au-devoir-de-memoire_673294_3224.html

[4] www.lexpress.fr/actualite/politique/sarkozy-au-vel-d-hiv-nous-ne-devons-pas-oublier_465649.html

[5] www.theguardian.com/world/2012/jul/22/francois-hollande-wartime-roundup-jews

[6] www.independent.co.uk/news/world/europe/marine-le-pen-france-jews-nazis-not-responsible-second-world-war-concentration-camps-death-francois-a7675791.html

[7] http://www.europe1.fr/politique/le-vel-dhiv-un-crime-de-letat-francais-affirme-francois-fillon-3290555

[8] www.franceinter.fr/histoire/les-presidents-francais-au-vel-d-hiv

[9] http://www.telegraph.co.uk/news/0/left-wing-firebrand-jean-lucmelenchon-policies/

[10] http://www.lefigaro.fr/politique/le-scan/2017/07/18/25001-20170718ARTFIG00260-sur-la-rafle-du-vel-d-hiv-les-contradictions-de-jean-luc-melenchon.php

[11] http://melenchon.fr/2017/10/06/lettre-de-demission-de-mission-dinformation-lavenir-institutionnel-de-nouvelle-caledonie/

Wird der Terror Europa einen? Aber sicher.

David Frankfurter, 5. August 2005 (The Sprout, Juli/August 2005)

Können wir jetzt, wo London brutal in die Spirale der Gewalt geschoben wurde, von Europa einen anderen und besseren Umgang mit dem Terrorismus? Verdammt unwahrscheinlich, wenn die Erfahrung auf der iberischen Halbinsel ein Hinweis darauf sein sollte.

Jeder Kommentator, der sein Geld wert ist, nannte die Gräueltaten vom 7. Juli einen Terrorakt – und zwar zurecht! Der Terror will Leben und Existenzen zerstören, mit wenig Respekt vor irgendetwas oder irgendjemandem. 24 Stunden lang hörte London auf zu funktionieren. Die Zahl der Toten ging in die Dutzende. Hunderte wurden verstümmelt; zahllose weitere Menschen wurden traumatisiert und viele werden lange Zeit in Behandlung sein. Gewöhnliche Leute, die jetzt zweimal überlegen werden, ob sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen, haben sich in die anschwellenden Reihen der Terroropfer eingereiht.

Tony Blairs ständige Forderungen nach einem globalen Krieg gegen den Terror gründeten und gründen weiter auf dem, was jedermann jetzt als wahr ansieht: Die den Nahen Osten infizierende Krankheit ist nur allzu leicht von den Winden des Handels an die Strände Europas getragen worden. Die britischen Median sind im Gegensatz dazu derart beschäftigt gewesen, die Anstrengungen der Streitkräfte in Afghanistan und im Irak in Verruf zu bringen, dass sie vorgaben, den Terrorismus würde nicht einmal geben. Als die Züge in Madrid in die Luft flogen, machte die Presse in England „Separatisten“ dafür verantwortlich. Aber diesmal nicht: Ganz untypisch bezeichnete die BBC die Londoner Bomber ganz schnell als echte Terroristen. Tage später, als der schreckliche Bruch bewusst wurde, korrigierte die BBC im Nachhinein ihre einflussreiche Internetseite und entfernte das wertende „T“-Wort, das durch „Bomber“ ersetzt wurde.

Ob es in Bali, Madrid, dem Irak, dem Libanon, Bosnien oder Beslan ist, die aktuelle semantische Politik lautet: alles außer Terrorismus. So gewinnen die Sähenden der Angst, der Gemetzel und des Terrors, die Mörder unschuldiger Zivilisten, Frauen und Kinder ein zustimmendes Mediensiegel als „Militante“, „Eindringlinge“, „Separatisten“, „Hardliner“ oder andere euphemistischer Ehrentitel.

Schlaue Spielchen zu treiben ist nicht alles, was die Experten zu tun wissen. Sie geben auch Rat: diesen Terror zu besiegen, zu identifizieren und ihm entgegenzutreten. Gute Informationen, punktgenaue Angriffe auf Finanzquellen, harte Einigkeit und stählernes Durchhalten. Und vor allem muss man im Hinterkopf behalten, dass die Terroristen kein Interesse an unserer Sichtweise einer demokratischen Gesellschaft haben. Das ist der Grund, dass sie sich – buchstäblich – in Stücke reißen.

Europa bekommt gute Noten dafür, dass es diese Art von Vorgehen gut macht. Bonn und Rom überwanden örtliche Gruppen von Eindringlingen in den 70-er und 80-er Jahren und Madrid und Paris haben später solide Mauern aus Polizei auf die Straßen gebracht, wenn das notwendig war. Blair, der nach den Explosionen ungewöhnlich erschüttert aussah, drückte das gut aus: „Diese Art des Terrorismus hat sehr tiefe Wurzeln. So, wie man mit den Folgen davon umgehen muss – dem Versuch uns so gut zu schützen, wie das eine Zivilgesellschaft tun kann – so muss man auch versuchen, ihn mit seinen Wurzeln auszureißen.“

Die Jahrzehnte dauernde Schlacht mit baskischen Separatisten hat Madrid mit einem soliden Wunsch ausgestattet, dem internationalen Terror entgegenzutreten. Eine Möglichkeit ist es, Antiterror-Konferenzen abzuhalten. Weniger als zwei Monate vor den Bomben vom 11. März war Spanien Gastgeber eines internationalen Kongresses von Terroropfern. Da die Spanier Spanier sind, wurden Einladungen zu ihrem exklusiven „Terroropfer“-Clubs sehr ausgewählt vergeben. Verstümmelt zu sein oder ein Familienmitglied bei einem Terroranschlag verloren zu haben, reichte nicht aus. Die Opfer mussten einen politisch korrekten Pass besitzen. So wurden Eingeladene aus Spanien, den USA, Frankreich, Algerien, Nordirland, Kolumbien und einer Hand voll anderer Staaten angekarrt. Vertreter der Millionen vom Terror betroffenen Familien im Sudan, Bosnien, dem Senegal, Tschetschenien und dem Irak schafften es nicht auf Spaniens Liste. Es kann israelischen und kurdischen Terroropfern nicht viel Freude gemacht haben festzustellen, dass an ihrer Stelle die Botschafter Palästinas und Syriens auf der offiziellen Madrider VIP-Teilnehmerliste standen. Die Organisatoren gaben sich große Mühe sicherzustellen, dass die vier israelischen Terroropfer, die kamen, wussten, dass sie nicht eingeladene und nicht willkommene Eindringlinge waren.

Das politische Ansehen deines Landes in gewissen Kreisen scheint den Grad der Solidarität, Unterstützung und grundlegenden menschlichen Sympathie zu bestimmen, auf die man zählen kann. Die kürzlich getroffene Entscheidung der EU-Präsidentschaft, „diplomatische Kontakte auf niederer Ebene“ mit der Hamas zu erlauben, hebt das hervor. Eine Buchung als Star auf der EU-Liste der verbotenen Terrororganisationen darf den Spaß nicht verderben. Es muss einfach Zufall sein, dass forensische Analysen des Sprengstoffs, der von den Londoner Bombern benutzt wurde, diese mit den in England geborenen Bombern in Verbindung bringt, die sich selbst (zusammen mit einigen unschuldigen Stammgästen) in der Gaststätte Mike‘s Place in Tel Aviv in die Luft jagten. Uups… schon wieder die Hamas.

Überrascht es wirklich, dass im März 2005, drei Monate vor den Anschlägen in London, Al-Qaida öffentlich Spaniens internationale Terrorkonferenz verspottete? „Ihr Ungläubigen, was immer ihr vorbereitet, ihr werden besiegt werden und niemals siegreich sein, denn Allah hat uns den Sieg versprochen. Ihr müsst also nur warten … und wir werden auch warten.“

Ken Livingstone, der clevere Oberbürgermeister von London, muss mit sich selbst sehr zufrieden gewesen sein, weil er den ultimativen Antiterror-Schild erdacht hat. Seine öffentliche Gastgeberrolle, übertriebenes Lob und regelmäßige Verteidigung des qatarischen Scheik Yussef al-Qaradawi war ein Meisterstück. Zu den Morden an Frauen und Kindern im Irak und Israel nutzte al-Qaradawi seine religiöse Autorität für das Urteil: „Das ist nicht Selbstmord, es Märtyrertum im Namen Gottes.“ Der Rote Ken, nie um Verdrehungen verlegen, erklärt das so: „Sehr oft werden die, die unangenehme Wahrheiten aufbringen, verunglimpft.“

Natürlich wird die Unterstützung des Roten Ken für die Sache wirklich geschätzt. Palestinian Media Watch berichtet, dass das offizielle, von der palästinensischen Autonomie kontrollierte Fernsehen, seine regelmäßige Freitagspredigt den Bombenanschlägen des Vortags widmete und für Großbritannien und die noch um ihr Leben Kämpfenden betete. Die freundlichen Worte des Imam Suleiman Al-Satari waren inspirierend. „Vernichtet die Ungläubigen… Allah, zähle sie und töte sie bis zum letzen Mann und lass nicht einen übrig.“ Ein netter Zug, wenn man bedenkt, dass das Budget der PA-Sendungen und die Gehälter der Fernseh-Mitarbeiter so großzügig von der EU und dem Entwicklungsministerium des Vereinigten Königreichs finanziert werden.

Für die unter uns, die noch in die Position des Oberbürgermeisters aufsteigen müssen, bleibt nur übrig uns über einige ziemlich beunruhigende Aspekte des Terrors nachzugrübeln. Einfach gesagt, ist das … nun… gefährlich. Ein geheimer MI5-Bericht, der Sunday Times zugespielt, besagt, dass Großbritannien für bis zu 16.000 potenziellen Terroristen Heimat ist, die alle nur darauf warten losgeschickt zu werden. Londons Pendler-Klassen lernten auf die harte Tour, dass der Terrorismus britisch-innenpolitische Ziele hat, als die Bomber erklärten: „Es ist an der Zeit für Vergeltung an der einen Kreuzzug führenden zionistischen Nation von Großbritannien.“

Fast präzise mit der Ausführung dieser Vergeltung zusammen fiel eine Entscheidung, die von den G8 in Schottland getroffen wurde: Eine zusätzliche 3 Milliarden Dollar-Hilfe an die Palästinenser wurde begrüßt. Da das unmittelbar nach dem Massaker von London kam, kann argumentiert werden, dass Terrorismus so gesehen wird, dass er greifbare Belohnungen bringt. Während die Leichen im den Wracks in der „Tube“ noch warm waren, hatten ausgerechnet die Leute, die die Welt Flugzeugentführungen und Selbstmord-Bomber beibrachten, wieder einmal Zahltag.

Der Krieg gegen den Terror ist eine dieser alles-oder-nichts-Projekte. Es gibt viele Lehren und wenn man nicht gerade ein hochrangiger Politiker oder Oberbürgermeister ist, kann man ziemlich beunruhigt darüber sein, welchen Sinn das alles macht. Außer einem: Bei der Art, wie Europa das Spiel spielt, sind die nächsten Gräueltaten sichergestellt.

Niederlande: Das Wiederaufblühen der Entstellung „Tier-Holocaust“

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Zahl der Vorfälle von Verdrehung des Holocaust hat in den letzen Jahren rapide zugenommen. Das wird kaum erkannt, denn diese Entwicklung wird von keiner Organisation nachverfolgt. Eines von vielen Motiven, das Jahrzehnte lang immer wieder auftauchte, ist die Behauptung eines „Tier-Holocaust“. Das ist der Vergleich bzw. die Gleichsetzung der Massenschlachtung von Tieren für den Verzehr mit den Massentötungen von Juden durch Deutsche und ihre Partner in der Schoah. Vieles der Kritik an industrieller Landwirtschaft und Schlachten ist gerechtfertigt. Tiere zu vermenschlichen öffnet aber die Tür für einen höchst fehlerhaften Diskurs. Was Tieren geschieht mit der Geschichte von Holocaustopfern gleichzusetzen, spiegelt eine deformierte Gesinnung.

Der in Südafrika geborene Nobelpreisträger J. M. Coetzee schrieb über den Holocaust und erklärte, es sei ein „‚fürchterliches Verbrechen menschliche Wesen wie Bestandteile eines industriellen Prozess zu behandeln‘. Und dieser Schrei hätte einen Nachsatz verdient: ‚Was für ein furchtbares Verbrechen – wenn ich es mir recht überlege – ein lebendes Wesen wie einen Bestandteil eines Industrieprozess zu behandeln.“[1]

Die Tierrechte-Organisation People for the Ethical Treatment of Animals (PETA – Menschen für den ethischen Umgang mit Tieren) hat die Tier-Holocaust-Deformation seit Jahrzehnten propagiert. 1983 behauptete PETA-Gründerin und Direktorin Ingrid Newkirk, dass Tiere Menschen ähnlich seien. Sie erklärte: „Eine Ratte ist ein Schwein, ist ein Junge und 6 Millionen Menschen starben in Konzentrationslagern, aber dieses Jahr werden 6 Milliarden Masthähnchen in Schlachthöfen sterben.“[2]

2003 organisierte PETA eine Ausstellung mit dem Titel „Der Holocaust auf unserem Teller“. Die britische Tageszeitung Guardian schrieb: „Sie stellt grauenvolle Bilder von Menschen in Konzentrationslagern neben verstörende Bilder von Tieren auf Bauernhöfen. Ein Foto zeigt einen ausgemergelten Mann direkt neben dem einer verhungernden Kuh. Ein weiteres zeigt einen Stapel nackter menschlicher Wesen direkt neben das Bild eines Haufens Schweinekadaver… Andere Bilder vergleichen Kinder hinter Stacheldraht mit Bildern von Schweinen, die sich hinter Gittern befinden; Menschenmengen mit Vieh, das in Transporter getrieben wird; und dicht in Schlafkojen gepackte Menschen mit Hühner in einer Legebatterie.“[3] Nach massiver Kritik entschuldigte sich Newkirk.

Im August 2017 wurde die Tier-Holocaust-Verfälschung in den Niederlanden wiederbelebt. Roos Vonk, Professorin der Sozialpsychologie an der ehrbaren Universität Radboud in Nijmegen, schrieb einen Artikel mit dem Titel „Die Bio-Industrie mit dem Holocaust zu vergleichen ist gar nicht so eigenartig.“ Sie behauptete, dass man inmitten „eines groß angelegten industriellen Holocaust“ an Tieren lebe. Vonk schrieb zudem: „Man läuft Gefahr fälschlich antisemitisch oder rassistisch genannt zu werden, wenn man mit tausenden Schweinen zwischen Metall- und Beton gefüllten Industriehallen mit Konzentrationslagern vergleicht.“[4]

Die landesweit publizierte Tageszeitung NRC Handelsblad hatte keine Einwände zur Veröffentlichung dieses Artikels samt seines den Holocaust verzerrenden Titels und Inhalts. Vonk kam allerdings mit ihrem Missbrauch nicht einfach davon. Der Journalist Fritz Barend reagierte in der Zeitung Parool; er erklärte: „Es war einfach die Böswilligkeit Vonks aufzuzeigen… jedes Kind kann den Unterschied zwischen Menschen und Tieren begreifen. Tiere verhalten sich immer noch wie ihre Vorfahren vor Tausenden von Jahren.“

Barend fügte hinzu: „Professorin Vonk betrachtet es hoffnungsvoll als ein Zeichen der menschlichen Zivilisation, dass sie während ihres Eisprungs nicht gleich vom ersten Passanten angefallen wird.“ Er schloss, dass Vonk implizit wie explizit seine von den Nazis ermordeten Großeltern mit gemästeten Schweinen gleichsetzt und schreibt: „Vonk macht aus meinen Großeltern im Schutz der Universität Radboud ohne Skrupel Schweine.“[5]

Vonk twitterte darauf, Barend habe „sich in seine Opferrolle verzogen“. Das war eine klassische Bekundung zur Abwehr von Kritik, die unter anderem von Holocaust-Verzerrern genutzt wird. Nachdem die Universität eine Presseerklärung ausgab, mit der sie Vonks Vergleich als „unnötig und verletzend“ befand und „bedauerte, dass so viele Menschen davon verletzt worden waren“. Sie sagte auch, dass das Management der Universität mit Vonk gesprochen hatte und sie ihnen zustimmte.

In einer weiteren landesweiten gelesenen Tageszeitung, De Volkskrant, erinnerte die Journalistin Elma Drayer an Vonks heftige Fehltritte der Vergangenheit. 2011 war diese Radboud-Professorin Mitautorin eines Forschungspapiers, das zu dem Schluss kam: „Menschen, die Fleisch essen, sind wissenschaftlich nachgewiesenermaßen asozialer, egoistischer, werden weniger geliebt und sind einsamer als Vegetarier.“ Nach der Veröffentlichung wurde entdeckt, dass einer ihre Mitautoren, Diederik Stapel, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Tilburg, sämtliche experimentellen Daten gefälscht hatte, auf denen die Abhandlung gründete.

Während Stapel seine Professur entzogen wurde, kam Vonk mit einem Tadel der Universität Radboud wegen Leichtfertigkeit davon. Zwei Jahre später war Vonk von der Haltung des niederländischen Wirtschaftsministers Henk Kamp zur Schiefergas-Förderung irritiert. Vonk twitterte, sie „würde ihm am liebsten auf die Schnauze hauen“. Das führte zu einem weiteren Gespräch mit den Leitern ihrer Universität. Das Ergebnis war ein von Vonk geschriebener Entschuldigungsbrief an Minister Kamp. Drayer schrieb, dass diejenigen, die die Universität Radboud leiten, nicht begriffen hätten, dass jemand, der ihrer Institution dreimal in sechs Jahren Schande bringt, nicht Forscher ist, sondern Aktivist.[6]

Es ist kein Zufall, dass sich in den Niederlanden ein Skandal entwickelte und dass Vonks Artikel in einer landesweit publizierten Zeitung veröffentlicht wurde. Die Werbung für Tierrechte hat im Land ein absurdes Niveau erreicht.[7] In Reaktionen an die Zeitung fand Vonk eine Reihe von Befürwortern.[8] Während der nationalen Debatte vor ein paar Jahren darüber, ob rituelles Schlachten ohne Betäubung verboten werden sollte, wurde klar, dass die Mehrheit der Niederländer sich leichter mit dem eingebildeten Gedankengut einer Kuh identifizieren kann als mit einem Juden, der nur Koscheres isst.

Im niederländischen Parlament hat die Partei für die Tiere fünf der 150 Sitze. Selbst der britische Schriftsteller George Orwell, der die Satire Animal Farm (Farm der Tiere) schrieb, hätte eine solche Entwicklung nicht vorhersagen können. Wir werden niemals wissen, ob er sich darüber in seinem Grab angesichts dieser grotesken Realität kaputt lacht.

[1] http://www.smh.com.au/news/opinion/exposing-the-beast-factory-farming-must-be-called-to-theslaughterhouse/2007/02/21/1171733846249.html

[2] James M. Jasper and Dorothy Nelkin, The Animal Rights Crusade (New York: Free

Press, 1992), 47.

[3] http://www.theguardian.com/media/2003/mar/03/advertising.marketingandpr

[4] www.nrc.nl/nieuws/2017/08/21/bioindustrie-vergelijken-met-de-holocaust-is-niet-zo-raar-12616148-a1570596

[5] www.parool.nl/opinie/-mijn-grootouders-zijn-geen-varkens~a4515725/

[6] www.volkskrant.nl/opinie/elma-drayer-hoogleraar-roos-vonk-is-geen-wetenschapper-maar-een-activist~a4516664/

[7] http://www.volkskrant.nl/opinie/dieren-in-opmars-joden-op-terugweg-in-nederland~a2447684/

[8] http://www.gelderlander.nl/nijmegen-e-o/radboud-universiteit-neemt-alweer-afstand-van-roos-vonk-om-vergelijking-bio-industrie-met-holocaust~a2e5ed5b/