Blinder Glaube

Annika Hernroth-Rothstein, Israel HaYom, 12. September 2016

„Provokativ und unchristlich“: So entschied sich Gunnar Sjoberg, Kommunikationsleiter der schwedischen Kirche, die Medienkampagen #MittKors (Mein Kreuz) vom August zu kommentieren, mit dem Christen angehalten werden in Unterstützung der verfolgten Christen der Welt ein Kreuz zu tragen.

Die Kampagne war eine Reaktion darauf, dass Christen von der Gruppe Islamischer Staat, den Terroristen, die im gesamten Nahen Osten Dorf um Dorf brandschatzen, ermordet oder entführt und versklavt werden; man sollte glauben, dass dieser Kampagne einhellige Unterstützung zuteil würde.

Aber damit läge man falsch.

Der Nahe Osten war der Ort, wo die ersten Kirchen der Welt standen und wo erstmals Klöster gebaut wurden. Heute ist er die Szenerie endlosen Abschlachtens, während der Islamische Staat sich über das Land bewegt wie ein teuflischer Sandsturm. Hunderttausende Christen fliehen zu Fuß, während aus ihren Gebetsstätten Bordelle und Gefängnisse gemacht und tausende Jahre Geschichte zerstört und niedergebrannt werden, so dass man sie nie wieder sehen wird.

Dieses Blutbad ist nicht auf den Nahen Osten beschränkt, sondern ist über die Gewässer gezogen, wie man an der Enthauptung eines französischen katholischen Priesters vor kurzem und der Belästigung von Christen in Flüchtlingslagern überall in Europa sehen kann. Die Verfolgung von Christen durch Muslime ist eine Plage, die keine Grenzen kennt und verdient unsere ungeteilt Aufmerksamkeit und unsere Solidarität, sei es durch Symbole, Worten oder Krieg.

Doch zu all dem sagt Sjoberg: „Das Kreuz Christi könnte damit enden als Waffe gegen einen anderen Glauben benutzt zu werden und nicht als Symbol der Unterstützung für Christen“, womit er sich entschied sich mit der Sache nicht weiter zu beschäftigen. Das ist feige ungerecht, obwohl es mit dem dokumentierten fehlenden moralischen Kompass der schwedischen Kirche auf einer Linie liegt. Schwedens größte Tageszeitung, Aftonbladet, hat eine ähnlich und gleichermaßen anrüchige Reaktion gezeigt, indem sie das Kreuz mit dem Hakenkreuz und die Kampagne #MeinKreuz mit der Nazipropaganda auf eine Stufe stellte, womit sie schamlos den Extremisten in die Hände spielen, die aus Christen die am stärksten verfolgte Gruppe der Welt gemacht haben.

Vor zwei Wochen fand in Stockholm die jährliche Kairos-Palästina-Konferenz statt und einer ihrer Koordinatoren war die bekannte schwedische Priesterin Anna Karin Hammar, die für ihren anhaltenden Kampf gegen Israel bekannt ist. Die Konferenz ist ein gemeinsames Unternehmen der internationalen Christlichen Allianz, den Schwedischen Freunden von Sabeel und dem Palästinensischen Ökumenischen Zentrum. Das ursprüngliche Kairos-Dokument, nach dem Konferenz benannt ist, soll vom südafrikanischen Kairos-Dokument von 1985 gegen Apartheid inspiriert worden sein. Kairos-Palästina erklärt, dass das jüdische Volk Israel als Preis zur Kolonisierung verliehen bekommen hat; Grund war, was als „europäisches Verbrechen an den Juden“ bezeichnet wird. Es erkennt weder die jüdische Geschichte im Land Israel noch irgendwelche Rechte am Land an, die dem Zweiten Weltkrieg vorausgingen. Das offizielle Ziel der Kairos-Palästina-Konferenz von 2016 bestand darin einen „gerechten Frieden“ zwischen Israel und Palästina zu erzielen; am Ende des Beisammenseins von 35 Personen wurde eine Erklärung veröffentlicht, die aus dem Manuskript der palästinensischen Public Relations hätte genommen worden sein können.

Als sie aus der Konferenz kam, sagte Hamamr, der Weg nach vorne bestehe für die schwedische Kirche darin Boykott, De-Investition und Sanktionen gegen Israel zu verfügen, um „Druck von außen“ der Art einzusetzen, wie er in Südafrika eingesetzt wurde, um die Apartheid zu beenden; sie stellt zurecht heraus, dass die schwedische Kirche bereits auf ihrer nationalen Kirchensynode 2012 dafür stimmte. Hammar soll gesagt haben, sie sei von Robert Herbst „sehr inspiriert“ worden, dem Sprecher von Jewish Voice for Pease [jüdische Stimme für Frieden] und einer der Sprecher auf der Kairos-Palästina-Konferenz, sowie von der Tatsache, dass er die „Besatzung“ als jüdisches Problem unserer Zeit und eine Frage großer Dringlichkeit und des Gewissens geschrieben hat.

Die schwedische Kirche findet also, dass ein Kreuz zu tragen „provokativ und unchristlich“ ist – aber ein demokratisches Land anzugreifen und es der Apartheid zu beschuldigen ist im Geist Jesu. Obwohl ich ihren Glauben nicht teile, weiß ich genug, um zu wissen, dass da im Staat der schwedischen Christenheit etwas faul ist.

Dadurch, dass sie eine Haltung gegen die Kampagne in den sozialen Medien einnimmt und offen erklärt, dass sie Angst davor haben Muslime anzugreifen, kehren sie sich von ihren Mitchristen ab, die wegen ihres Glaubens um ihr Leben laufen. Stattdessen entscheiden sie sich ihre Zeit und Energie damit zu verbringen das einzige Land im Nahen Osten zu schikanieren, in dem Christen vor Enthauptungen, Menschenhandel und Versklavung sicher sind.

Ich würde angesichts dieser Absurdität lachen, aber leider ist diese Farce nicht witzig. Die Kirche könnte etwas bewirken. Durch Solidarität in Wort und Tat könnte sie abertausende Leben retten. Doch statt zu ihrem Glauben zu stehen, entscheidet sie sich für Gleichgültigkeit. Die Geschichte wir sie streng dafür beurteilen, dass die Politik predigte statt die Schrift.

70 Jahre nach dem Münchener Abkommen

Dr. Joel Fishman, FrontPageMag.com, 26. September 2008

Fotografien und Wochenschaufilme haben den Augenblick unsterblich gemacht, in dem Premierminister Neville Chamberlain aus München zurückkam und am Flughafen Heston triumphierend das unterzeichnete Abkommen schwenkte. Der britische Premierminister proklamierte er gebracht habe „Frieden in unserer Zeit … Frieden in Ehre“ gebracht und die Massen empfingen ihn als Helden, denn er antwortete damit auf ihre höchsten Hoffnungen. Unglücklicherweise hielt die Vereinbarung nicht. Statt dessen half sie den Weg in den Zweiten Weltkrieg zu ebnen. Der zeitgenössische Historiker und Zionist Sir Louis Namier beschrieb diese Szene, die uns eines der zu Ikonen gewordenen Bilder des zwanzigsten Jahrhunderts gebracht hat:

Als Chamberlain in Heston die Stufen des Flugzeugs verließ und seinen „Vertrag“ mit Hitler schwenkte wie ein glücklicher Autogrammjäger – „hier ist ein Papier, das seinen Namen trägt – staunte Europa. Konnte Chamberlains Vertrauen, Freude und Triumph echt sein? … Er war gerissen, ignorant und von sich eingenommen und hatte die Fähigkeit sich selbst so weit zu täuschen, wie es seine tief sitzenden Instinkte und der Zweck es verlangten und auch die zu täuschen, die sich täuschen lassen wollten.

Dieses Jahr fällt Rosh Hashanah auf Dienstag, den 30. September – den siebzigsten Jahrestag des Münchener Abkommens. Kurz nach Mitternacht am Sonntag, 30. September 1938 unterzeichneten ihn Neville Chamberlain, Adolf Hitler, Eduard Daladier und Benito Mussolini. Das Abkommen übergab die befestigte Grenzregion an Deutschland, das Sudetenland, das von einer Deutsch sprechenden Minderheit bewohnt war (und einer erklecklichen Zahl von Tschechen), die die Nazis in einen Zustand der Revolte gegen die tschechoslowakische Regierung aufgehetzt hatten. Die Versammlung fand unter der Drohung mit Krieg statt und kein Vertreter der Tschechoslowakei war anwesend. Was die Sache noch schlimmer machte: Frankreich, das einen Bündnisvertrag mit der Tschechoslowakei hatte, verriet seinen kleineren Partner.

München war eine Transaktion, bei der die größeren demokratischen Mächte Europas – Großbritannien und Frankreich – im Namen des Friedens einem kleineren Staat tödliche Opfer auferlegten. Sie zwangen die Tschechoslowakei „territoriale Zugeständnisse“ zu machen, um einen Aggressor zu beschwichtigen; aber der Aggressor – Nazi-Deutschland – hielt das Abkommen bald nicht mehr ein und verschlang im März 1939 den ganzen Staat der Tschechoslowakei. Nachdem er sich die Opfer gegriffen hatte, die England und Frankreich anderen aufgezwungen hatten, ging Hitler hin und stellte weitere Forderungen. Diese Episode zeigt den hohen Preis, den eine Politik ohne Moral sowohl für die großen Staaten hat, die sie betreiben, als auch für die kleinen, denen sie die selbstmörderischen Opfer aufgezwungen hatten.

Frank McDonough, Historiker der Universität Manchester, veröffentlichte ein Zitat aus einem Dokument von 1926 neu, das aufzeigt, wie die die Politik entscheidende Elite im Außenministerium den Platz Großbritanniens in der Welt sah: „Wir haben alles, was wir wollen – vielleicht auch mehr. Unser einziges Ziel ist es zu behalten, was wir wollen und in Frieden zu leben… Tatsache ist, dass Krieg und Kriegsgerüchte, Streit und Reibereien in jeder Ecke der Welt Verluste und Schäden für britische kommerzielle Interessen bedeuten… wie immer der Ausgang einer Störung des Friedens aussehen mag, wir werden die Verlierer sein.“ Großbritannien war nach Darstellung dieser Sichtweise eine „satte“ Macht und hätte eine Weltführungsrolle nur zögerlich übernommen. Angesichts dieser vorsichtigen Sicht und der auf dem Spiel stehenden großen Interessen übte das Prinzip des Appeasement eine deutliche Anziehungskraft aus. Nicht zuletzt hofften diejenigen, die den Status quo beizubehalten wünschten, ein politisches Ziel über das zu erreichen, was im Endeffekt eine kommerzielle Transaktion war, indem sie das Territorium anderer nutzten, um Frieden und Ruhe zu erkaufen.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte Sir Orme Sargent (1884-1962), hochrangiger Mitarbeiter des Außenministeriums und Gegner des Appeasement, dass dieses unter gewissen Umständen gerechtfertigt sein könne, denn „[Appeasement] wird als Verhandlungsmethode nur dann fragwürdig, wenn gezeigt werden kann, dass es unmoralisch ist, d.h. wenn der Appeaser die Rechte und Interessen einer dritten Partei opfert und nicht seine eigenen, wenn er Zugeständnisse macht; oder wenn es klar gefährlich ist, d.h. wenn das gemachte Zugeständnis die Stärke des Appeasers absichtlich oder unabsichtlich ernsthaft untergräbt; das ist besonders dann der Fall, wenn das Zugeständnis wiederholt werden muss, denn Appeasement wird dann nichts anderes als Erpressung; und schließlich, wenn der gesamte Prozess des Appeasement einfach ineffektiv ist, d.h., wenn der Appeaser, der sein Zugeständnis macht, im Gegenzug kein quid pro quo erhält.“

Martin Gilbert, Historiker und Churchill-Biograf, schrieb in den 1960-er Jahren erklärend: „Appeasement wurzelte tief in dem Glauben, dass die menschliche Natur nicht völlig vom Bösen überwältigt werden kann, dass selbst die am gefährlichsten aussehende Lage verbessert werden kann und das der reizbarste Politiker besänftigt werden kann, wenn man ihn mit Respekt behandelt.“

Als Geschäftsmann mit großem Selbstbewusstsein kannte Chamberlain die europäische Geschichte und die Charakteristika seiner verschiedenen Völker nicht. Er übernahm entschlossen die Kontrolle über die britische Außenpolitik und regulierte die Informationen, die in die Öffentlichkeit gingen. Das war besonders gefährlich, denn er überschätzte seine eigenen Fähigkeiten und versäumte es sowohl die Gefahr der Methoden Hitlers zu erkennen als auch die moralischen Kosten der Unterwerfung unter Erpressung. Wie so oft fanden persönliche Ignoranz und Selbstgefälligkeit ihren Ausdruck in übertriebenem Optimismus.

Über die Jahrzehnte hinweg haben revisionistische Historiker geschrieben, Chamberlain habe einen „starken Willen, Kompetenz und klare Sicht“ besessen. Nach ihrer Ansicht ist die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg in Wirklichkeit auf die harten Bedingungen des Versailler Vertrags zurückzudatieren, den die siegreichen Alliierten Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auferlegten. Trotz dieser Einsicht und neuer Erkenntnisse wird die Gegenwart noch immer von den großen historischen Fragen zu diesem Fehlschlags verfolgt. Wie konnte Chamberlain darin versagen die Absichten seiner Feinde zu begreifen? Wie konnte er die Gefahr, die ihm vor Augen stand, nicht spüren? Und warum setzte er sein Vertrauen in Hitler?

Chamberlains Zeitgenossen versuchten diese Frage zu beantworten. Einer davon war der Erste Lord der Admiralität, Duff Cooper, der schrieb, dass Chamberlains größter Unzulänglichkeit seine fehlende Fantasie war. Cooper, Mitglied des Kabinetts Chamberlain und nach dem Münchener Abkommen zurückgetreten, schrieb: „Chamberlain… fehlte die Erfahrung in der Welt und ihm fehlte auch das Vorstellungsvermögen, das Lücken in der Erfahrung füllen kann. Er hatte sich nie in der großen Welt der Politik oder der Finanzen bewegt und Kontinental-Europa war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Er war ein erfolgreicher Oberbürgermeister von Birmingham gewesen und für ihn waren die Diktatoren Deutschlands und Italiens wie die Oberbürgermeister von Liverpool und Manchester, die zu anderen politischen Parteien gehören mochten und andere Interessen hatten, die aber das Wohlergehen der Menschheit verfolgen und im Grunde anständige Männer wie er selbst sein mussten. Diese tiefgreifende Fehlvorstellung ist die Wurzel seiner Politik und erklärt seine Fehler.“

Chamberlain betrachtete die Welt mit seinem eigenen Bild und glaubte tatsächlich, dass Hitler in sich so anständig war wie er selbst. Daher hoffte er, ihm in die Augen zu sehen, von Mann zu Mann mit ihm reden und sein persönliches Wort zu erhalten zu können. Chamberlain, der das Problem in seinen eigenen Begrifflichkeiten betrachtete, kümmerte sich nicht um die Botschaft der Schwäche, die er Hitler vermittelte. Seine Anstrengungen stärkten Hitler in Deutschland zu einer Zeit, als dessen eigene Generäle sich gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei aussprachen. Hitler seinerseits bezeichnete Chamberlain als „Arschloch“.1

Winston Churchill erklärte in seiner Ansprache vor dem Unterhaus am 5. Oktober 1938, was Chamberlain nicht wirklich greifen konnte – was wirklich auf dem Spiel stand, war eine Frage von Moral und Gerechtigkeit: „Viele Menschen glauben zweifellos ehrlich, dass sie nur die Interessen der Tschechoslowakei aufgeben, während ich befürchte, dass wir die Sicherheit und sogar die Unabhängigkeit Großbritanniens und Frankreichs enorm gefährdet haben, vielleicht tödlich gefährdet haben… Wir haben ohne Krieg eine Niederlage erlitten…“

Eine Parallele zur gegenwärtigen Lage dürfte nicht politisch korrekt sein, ist aber einiger Aufmerksamkeit wert. In seiner Rede auf der Kundgebung vom 12. September 1938 in Nürnberg verglich Hitler ausdrücklich die Sudetendeutschen mit den palästinensischen Arabern: „Ich bin keineswegs bereit zuzulassen, dass hier im Herzen Deutschlands ein zweiter Palästina entsteht. Die armen Araber sind wehrlos und allein gelassen. Die Deutschen in der Tschechoslowakei sind weder wehrlos noch allein gelassen und man sollte das zur Kenntnis nehmen.“2 Daher ist es legitimer Teil des Diskurses, wenn man in der heutigen Diskussion das Schicksal der Sudetendeutschen mit dem der Araber Palästinas vergleicht. Hitler hat diesen Vergleich gemacht. Heute leben viele Sudetendeutsche im Bundesland Bayern und als Ergebnis harter Arbeit haben sie sich weit gehend ihr Leben wieder aufgebaut und finanzielle Behaglichkeit erreicht. Diese Gruppe ist in der deutschen Politik gut repräsentiert und vernehmbar in ihren Ansprüchen auf Rückkehr. Nichtsdestotrotz scheint es stillschweigende internationale Anerkennung für die Gründe zu geben, dass die Nachfolger der Tschechoslowakei dieser Minderheit standhaft die Erlaubnis verweigert haben unter ihnen zu leben.

In jüngerer Zeit weist der als „Land für Frieden“ bekannte Vorschlag einige Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Appeasement-Transaktion auf. Die führenden Mächte des Westens z.B. haben in ihrem Wunsch, Gunst in der arabischen Welt zu gewinnen, Israel dazu gezwungen allerhand Opfer zu bringen ohne dafür Gegenleistungen zu erhalten. Die Methode gleicht der des Appeasements der 1930-er Jahre, wie auch ein Kreislauf der Zugeständnisse, denen mit neuen Forderungen begegnet wird. Wenn aber ein solcher Prozess in Zeitlupe stattfindet und keine direkte Bedrohung wie die von 1938 besteht, dann ist es möglich zu verbergen, was wirklich geschieht. Als Premierminister Sharon am 4. Oktober 2001 mit seiner berühmten Tschechoslowakei-Rede gegen diese Art von Appeasement protestierte, rügte ihn die Regierung Bush öffentlich und heftig.

Obwohl zu diesem Thema viel geschrieben worden ist und neue Quellen weiter aufkommen werden, können wir einige menschliche Unzulänglichkeiten feststellen, die vor siebzig Jahren zu dem desaströsen Versuch führten in München den Frieden mit „Zugeständnissen der Schwachen“ zu erkaufen. Einige davon sind: Fehlende Fantasie, Selbsttäuschung, Leugnung der Gefahr, Ignorierung der Geschichte und übertriebener Optimismus.

Die antisemitischen Verunglimpfungen des George Galloway

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld und Leah Hagelberg (direkt vom Autor)

Die Annahme der Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) im Mai 2016 hat viele wichtige Aspekte.[1] Dazu gehört, dass sie das Lehren von Antisemitismus stark vereinfacht. Eine Art das zu tun kann über Fallstudien von Menschen erfolgen, die antisemitische Verunglimpfungen äußern. Eine solche auf der IHRA-Definition basierende Analyse wurde bereits über Lady Tonge veröffentlicht, eine ehemals liberale MP und heute unabhängiges Mitglied des britischen Oberhauses.[2]

Ein zweiter naturgegebener Kandidat aus dem Vereinten Königreich für eine solche Analyse ist der ehemalige Parlamentarier George Galloway. Er saß von 1987 bis 2005 für die Labour Party für zwei Glasgower Wahlbezirke im Parlament. 2003 warf ihn die Partei hinaus. 2004 wurde die Partei Respect gegründet, deren Parteichef er wurde. Er wurde 2005 für Respect in Bethnal Green and Bow und 2012 für Bradford West ins Parlament gewählt.

Das IHRA-Dokument zur Definition beinhaltet als ein Beispiel für Antisemitismus die Äußerung dämonisierender Beschuldigungen bezüglich des Mythos einer jüdischen Weltverschwörung oder dass Juden die Medien, die Wirtschaft, die Regierung oder andere gesellschaftlichen Institutionen kontrollieren. Galloway äußert solche Beschuldigungen regelmäßig. In einer Sendung von Al-Jazira über eine Rede, die er 2008 in Amman hielt, sagte er: „Es gibt in dieser Region eine Verschwörung, richtig – aber es ist eine amerikanisch-israelische Verschwörung.“[3]

In einem Internetvideo aus dem Jahr 2013 über gegen syrische Zivilisten eingesetzte Chemiewaffen sagte Galloway ohne Beweise zu haben: „Wenn Chemiewaffen eingesetzt worden sind, dann war es Al-Qaida, die sie benutzt hat. Wer gab Al-Qaida die Chemiewaffen? Meine Theorie lautet: Israel gab ihnen die Chemiewaffen.“[4]

Einige der antisemitischen Verleumdungen fallen in mehr als eines der Beispiele, die die IHRA-Definition begleiten. Die folgenden zwei falschen Anschuldigungen der Verschwörung entsprechen ebenfalls dem IHRA-Beispiel „Juden als Volk zu beschuldigen für reale oder eingebildete Verbrechen verantwortlich zu sein, die ein einzelner Jude oder eine einzelne jüdische Gruppe oder gar Taten, die von Nichtjuden begingen wurden, verantwortlich zu sein“.

Das erste geschah, als Galloway in einer Fernsehsendung sagte: „Die Zionisten schickten Bewaffnete auf den Maidan in Kiew, um eine Revolution zu unterstützen… die von unverblümten Nazi-Antisemiten gemacht war… wenn diese Nazis in Kiew an die Macht kommen und sie hassen die Juden derart, dann werden die übrig gebliebenen ukrainischen Juden das Gefühl haben, sie müssten das Land verlassen und in Palästina siedeln.“[5]

Das zweite Beispiel involviert Baroness Oona King of Bow, die 1997 bis 2005 die Labour-Abgeordnete für Bethnal Green and Bow war. Galloway besiegte sie 2005. Sie sagte während des Wahlkampfs: „Galloway ist wie ein Ausschlag überall auf mir. Die Respekt-Typen gehen hin und deuten meiner muslimischen Gemeinschaft an, ich würde muslimische Babys zwischen die Augen schießen. Sie haben sogar meinen Kopf in ein Foto auf einem Panzerfahrer eingearbeitet. Das ist in alle Briefkästen gesteckt worden. Und sie deuten an, dass ich jüdisch bin, es eine jüdische Weltverschwörung gibt und ich Teil davon sein muss. Ständig brüllen sie ‚Mörder! Mörder!‘“[6] King selbst machte antisemitische Behauptungen, als sie den Gazastreifen mit dem Warschauer Ghetto gleichsetzte, nachdem sie 2003 mit Lady Tonge dorthin reiste.[7]

Das IHRA-Dokument erwähnt als antisemitisch ebenfalls „das Ziehen von Vergleichen gegenwärtiger israelischer Politik zu der der Nazis“. In einem Artikel mit dem Titel „Dunkle Echos des Holocaust“ schreibt Galloway, dass die israelische Regierung es abgelehnt hat irgendjemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen, „dass Mini-Mengele mit palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen zu spielen“.[8] Auf einer Demonstration zum Protest gegen den Gaza-Krieg von 2009 sagte er: „Heute sind die palästinensischen Menschen im Gazastreifen das neue Warschauer Ghetto und die, die sie ermorden, sind das Äquivalent derer, die 1943 Juden in Warschau ermordeten.“[9]

Es gibt mehr: Das IHRA-Dokument beinhaltet als weiteres Beispiel von Antisemitismus: „Dem jüdischen Volk sein Recht auf Selbstbestimmung abzustreiten, z.B. durch die Behauptung, dass die Existenz des Staates Israel ein rassistisches Unterfangen ist.“ Galloway sagte bei einer Kundgebung gegen den Gaza-Krieg im August 2014: „Der gesamte Staat Israel ist ein völlig illegitimes Unternehmen.“[10] In einem Fernsehinterview auf Al-Jazira sagte er einem israelischen General 2014: „Der Gangster-Terrorstaat Israel … seine Tage sind gezählt.“[11] Dass Galloway den Begriff „Gangster-Terrorstaat“ verwendet, ist ebenfalls ein Beispiel für „bösartige Stereotype und negative Charakterzüge“ für Israel und Israelis. Das wird in der IHRA-Definition erwähnt, wo diese sich auf Juden als Zielobjekte bezieht.

Ein weiteres Beispiel für Antisemitismus aus dem IHRA-Dokument besteht darin „das Töten oder schädigen von Juden im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremistischen religiösen Sicht zu fordern, Hilfe zu leisten oder zu rechtfertigen“. Galloway twitterte 2015: „In Palästina könnte eine neue Intifada begonnen haben. Oder wird nicht lange auf sich warten lassen. Wann immer sie kommt, werde ich sie mit jedem Atemzug unterstützen, den Gott mir gibt.“[12] In der schon erwähnten Rede in Amman sagte Galloway: „Dieser Terrorstaat Israel paradiert als legitime Regierung um die Welt… während Hamas, vom Volk Palästinas gewählt, Terroristen genannt wird… Mein ganzes Leben glaubte ich, dass Palästina allein von der Kalaschnikow und dem bewaffneten Kampf befreit wird… wir brauchen den bewaffneten Kampf, das ist der Hammer. Der Hammer ist nötig, um sich zu verteidigen, den Feind zu schlagen; man darf nie davon ablassen.“[13] Er äußerte sich auch rühmend über Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah[14] und in Unterstützung der Terrororganisationen Hamas und Hisbollah.[15]

Viele weitere Äußerungen Galloways bewegen sich in der Peripherie der Antisemitismus-Definition. Eine von Galloways Techniken besteht darin Zionisten und Leute über einen Kamm zu scheren, die allgemein als bösartig wahrgenommen werden. Nach dem Verlust seines Parlamentssitzes für Bradford West an Labour-MP Naz Shah sagte er in der Rede, mit der er seine Niederlage eingestand: „Es wird andere geben, die bereits feiern: die Korrupten, die Widerwärtigen, die Rassisten und die Zionisten werden alle feiern. Die Hyäne kann ausgelassen auf dem Grab des Löwen umher springen, aber sie kann nie ein Löwe sein und überhaupt liege ich nicht in meinem Grab. Tatsächlich ist es sogar so, dass mich ich daran mache meinen nächsten Wahlkampf zu planen.“[16]

Eine der Arten Israel zu dämonisieren besteht darin es als Apartheidstaat zu bezeichnen, was Galloway machte, als er es ablehnte in Oxford mit einem israelischen Studenten zu diskutieren.[17] Diese Verleumdung hätte wahrhaftig in die IHRA-Definition antisemitischer Verleumdungen gehört. Die Lüge, dass Israel ein Apartheidstaat sei, ist bis ins Kleinste vom ehemaligen israelischen außenpolitischen juristischen Berater Robbie Sabel[18] sowie auch anderen demontiert worden. Ebenfalls in der Peripherie der Antisemitismus-Definition liegt Galloways Inschutznahme von Ken Livingstone, der sagte, Hitler habe „den Zionismus unterstützt.“[19]

Die IHRA-Definition sagt: „Antisemitische Diskriminierung ist die Weigerung Juden die Möglichkeiten oder Dienste zu geben, die anderen zur Verfügung stehen.“ Galloway machte genau dies mit den Israelis, als er erklärte, dass Israelis in Bradford kein Zutritt gewährt werden sollte; er sagte: „Wir erklären Bradford zur israelfreien Zone. Wir wollen keine israelischen Waren, wir wollen keine israelischen Dienstleistungen, wir wollen, dass keinerlei israelische Akademiker an die Universität oder das College kommen, wir wollen nicht einmal, dass israelische Touristen nach Bradford kommen, selbst wenn irgendeiner von ihnen daran gedacht haben sollte, das zu tun. Wir lehnen diesen illegalen, barbarischen, unzivilisierten Staat ab, der sich Israel nennt. Und ihr müsst genau dasselbe tun.“[20]

Man sollte glauben, dass Galloway sich am äußersten Rand der Gesellschaft befindet, allerdings hat er die Unterstützung der Wähler zweier Wahlkreise mit beträchtlicher muslimischer Bevölkerung – in Bradford West besiegte er Labour mit mehr als 10.000 Stimmen Vorsprung[21] und er gewann Bethnal Green and Bow, als er gewählt wurde, mit 15.801 Stimmen.[22] Bei den Londoner Bürgermeisterwahlen erreichte er 37.007 Stimmen.[23] Seine Twitterseite hat 256.000 Follower.[24] Das zeigt, dass selbst ein solch extremer Erzeuger antisemitischer Verleumdungen immer noch Unterstützung in Großbritannien hat, die weit davon entfernt ist unbedeutend zu sein.

Wenn Antisemitismus gelehrt wird, dann ist es wünschenswert mit der Analyse extremer Beispiele derer zu beginnen, die antisemitische Verleumdungen in Umlauf bringen – mit Leuten wie Tonge und Galloway. Von diesen können diejenigen, die Antisemitismus bekämpfen wollen, am einfachsten lernen, indem sie diese Methodologie auf andere anwenden, die solche Verleumdungen generieren.

[1] http://www.holocaustremembrance.com/sites/default/files/press_release_document_antisemitism.pdf

[2] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19290

[3] http://www.youtube.com/watch?v=ooXE6EKfgzY

[4] http://www.jpost.com/International/Galloway-Israel-gave-chemical-arms-to-al-Qaida-in-Syria-attack-323986

[5] http://www.youtube.com/watch?v=1ecTkBDwDKg

[6] http://www.dailymail.co.uk/femail/article-480810/Former-MP-Oona-King-tells-brutal-battle-bloodbath-Galloway.html

[7] http://www.theguardian.com/politics/2003/jun/12/world.comment

[8] http://www.dailyrecord.co.uk/news/politics/dark-echoes-of-holocaust-1046012

[9] http://www.youtube.com/watch?v=RFzPm2GWtLA

[10] http://www.youtube.com/watch?v=Di78NDVoXG8

[11] http://www.youtube.com/watch?v=9eYVhQxcxhw

[12] https://twitter.com/georgegalloway/status/650609523800018948

[13] https://www.youtube.com/watch?v=ooXE6EKfgzY

[14] https://www.youtube.com/watch?v=fQW3K-2CwCQ

[15] https://www.youtube.com/watch?v=Z-NZ3otZzWw

[16] http://www.independent.co.uk/news/people/george-galloway-blames-racists-and-zionists-for-defeat-to-naz-shah-in-bradford-west-10234791.html

[17] http://www.theguardian.com/politics/2013/feb/21/george-galloway-debate-israeli-oxford

[18] http://www.jcpa.org/text/apartheid.pdf

[19] http://www.independent.co.uk/news/uk/politics/labour-antisemitism-row-george-galloway-ken-livingstone-hitler-comments-historical-fact-a7006321.html

[20] http://www.dailymail.co.uk/news/article-2724181/George-Galloway-investigated-police-declares-Bradford-constituency-Israel-free-zone.html

[21] http://www.bbc.com/news/uk-politics-17558159

[22] http://www.theguardian.com/politics/election2005blog/2005/may/06/gallowaywinsi

[23] http://www.telegraph.co.uk/news/2016/05/06/london-mayoral-election-results-what-time-will-the-votes-be-coun/

[24] https://twitter.com/georgegalloway?ref_src=twsrc%5Egoogle%7Ctwcamp%5Eserp%7Ctwgr%5Eauthor

Ein kleiner Überblick über antiisraelische Hetze in den Niederlanden

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Diese Woche wird Premierminister Benjamin Netanyahu die Niederlande besuchen. Eine prägnante Zusammenfassung der antiisraelischen Hetze dort könnte ihm und seinen Mitarbeitern helfen besser zu verstehen, wie die aktuelle niederländische Realität sich von dem verzerrt positiven Bild unterscheidet, das viele Menschen immer noch haben: dem, das auf der häufig publizierten Geschichte von Anne Frank und ihrem Tagebuch beruht.

Die Geschichte von Anne Frank hat eine weit wichtigere völlig in den Schatten gestellt: das totale Desinteresse der niederländischen Regierung in London während des Zweiten Weltkriegs am Schicksal ihrer jüdischen Bürger unter der deutschen Besatzung. Drei Viertel der 140.000 Juden in den Niederlanden wurden in den deutschen Todeslagern in Polen ermordet. Die Niederlande sind heute das einzige westeuropäische Land, das niemals das Versagen seiner Regierung und ihrer Haltung gegenüber den Juden eingestanden hat. Selbst Luxemburg und Monaco haben das vor kurzem getan.[1] Darüber hinaus ist, obwohl Archive die Information seit Jahrzehnten enthielten, erst vor kurzem veröffentlicht worden, dass niederländische SS-Freiwillige an den Massentötungen von Juden in Osteuropa beteiligt waren.[2]

Um die Jahrtausendwende hat sich die bedeutende antiisraelische Haltung in vielen niederländischen Kreisen verstärkt. Die fortgesetzte Aufstachelung vieler niederländischer – hauptsächlich linksextreme und mitte-linker – Politiker, führender Medien, pseudo-humanitären NGOs und so weiter gegen den jüdischen Staat hat die Bürger der Niederlande enorm beeinflusst. Eine Eurobarometer-Studie fragte 2003, welche Länder den Weltfrieden am stärksten gefährden. Israel landete nach dem Iran auf Platz 2 – 59% der Europäer vertraten diese Ansicht. Von allen befragten Ländern hatten die Niederlande mit 74% den höchsten Prozentsatz. Diese Meinung kann weitgehend mit der weit verbreiteten niederländischen Hetze gegen Israel erklärt werden.[3] Eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass mehr als 38% der niederländischen Bevölkerung der Äußerung zustimmen, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt.[4]

Die heute für Israel gefährlichste politische Partei ist die Arbeitspartei, Juniorpartner in der aktuellen, vom liberalen Premierminister Mark Rutte geführten Regierung. Die Arbeitspartei hetzt auf vielerlei Weise gegen Israel. Während ihrer ersten Nahost-Konferenz im Jahr 2013 griff sich Parteichef Diederik Samsom den israelisch-palästinensischen Konflikt als den einzigen heraus, bei dem die Geduld verloren wird. Er wies die gesamte Verantwortung für die Lösung des Konflikts Israel zu.[5]

Die Arbeitspartei, die D66-Demokraten und die Christdemokraten haben auch einen Antrag im Parlament eingebracht, der zu Sanktionen gegen Israel führen könnte.[6] Früher dieses Jahr versuchte Außenminister Bert Koenders von der Arbeitspartei seine israelischen Gegenüber zum Narren zu halten, indem er sagte, es gebe in den Niederlanden Meinungsfreiheit, aber die niederländische Regierung sei gegen BDS.[7] Er erwähnte jedoch nicht, dass die niederländische Regierung Cordaid, eine für BDS werbende katholische Entwicklungshilfe-Organisation, von 2007 bis 2011 mit einer halben Milliarde Euro subventionierte und das seitdem mit weniger hohen Summen tut. Cordaids Unterstützung der extremen Hetze gegen Israel reicht mindestens 15 Jahre zurück.

2002 entwickelte sich ein bedeutender Skandal, als bekannt wurde, dass die Ford-Stiftung die antiisraelischen Hassprediger der palästinensischen Organisation LAW zum Teil finanzierte, die wegen weit verbreiteter Korruption aufgelöst werden musste. Der Tatsache, dass Cordaid sogar noch mehr Geld an LAW gespendet hatte, wurde nicht beachtet. Die aktuelle Ministerin für Handel und Entwicklung, Liliane Ploumen von der Arbeitspartei, hatte von 2001 bis 2007 höchste Posten bei Cordaid inne. Weitere niederländische Pro-BDS-Organisationen erhielten von der Regierung ebenfalls große Geldmengen.[8] Koenders ist außerdem in der europäischen Kampagne zur Kennzeichnung von Produkten aus der Westbank aktiv gewesen.[9]

Die Liste der jüdischen Gäste für das von König Willem Alexander zum Besuch des israelischen Präsidenten Shimon Peres veranstalteten Diners ist nie veröffentlicht worden. Die Leiter der beiden größten jüdischen Gemeinden, der aschkenasisch-orthodoxen und der liberalen, wurden nicht eingeladen. Der Leiter der winzigen, extremen, antiisraelischen jüdischen Gruppe EAJG sehr wohl.

Zum ersten Mal in der Geschichte der unabhängigen Niederlande – ausgenommen die Zeit der deutschen Besetzung – musste ein Reihe jüdischer Geschäftsleute 2014 private Personenschützer beschäftigen, ein Ergebnis von Drohungen.[10] Der heftigste antisemitische Vorfall in den Niederlanden fand letztes Jahr (durch Kriminelle, die marokkanisch-arabischer Herkunft zu sein schienen) in Amsterdam statt; dabei wurde ein altes Paar Holocaust-Überlebende beraubt. Die Frau hatte Auschwitz überlebt. Die Räuber nannten sie dreckige Juden und prügelten sie schwer.[11]

Der jüngste Skandal ist eine Behauptung in der Tageszeitung NRC, dass der Mossad einen Menschenrechtsaktivisten in den Niederlande bedrohe.[12]

Hin und wieder besucht Premierminister Rutte Israel mit einer Delegation niederländischer Geschäftsleute. Er wird von zwei Ministern der Arbeitspartei begleitet, die die Palästinensergebiete besuchen. Vielleicht lädt Premierminister Netanyahu Rutte und seine Minister zu einem Gedenktreffen am Ort des Terroranschlags in der Sbarro-Pizza in Jerusalem ein, wo sich 2001 ein palästinensischer Selbstmord-Bomber sprengte. Zu den fünfzehn Getöteten gehörten fünf Mitglieder der Familie Schijveschuurder. Die beiden Eltern und drei ihrer Kinder wurden ermordet, drei weitere verletzt.[13] Sie waren Kinder und Enkel niederländischer Holocaust-Überlebender.

Das Obige ist eine kleine Stichprobe der weit verbreiteten Hetze gegen Israel in den Niederlanden. Dieses Thema ist ohne weiteres zu einem dicken Buch erweiterbar.

[1] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/17483

[2] http://www.historischnieuwsblad.nl/tweedewereldoorlog/artikelen/nederlandse-ss-ers-en-de-holocaust/index.html

[3] European Commission: Iraq and Peace in the World. Eurobarometer Survey, Flash Eurobarometer 151, November 2003, S. 81. http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf

[4] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[5] http://www.dagelijksestandaard.nl/2014/12/mini-erdogan-diederik-samsom-hitst-op-tegen-israel/

[6] file:///D:/Users/user/Downloads/kst-23432-434.pdf

[7] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19105

[8] ebenda

[9] ebenda

[10] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/15481

[11] http://www.niw.nl/wrede-beroving-heemstedestraat-566/

[12] http://www.nrc.nl/nieuws/2016/08/10/ze-dacht-dat-nederland-veilig-was-3652144-a1515668

[13] http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4106884,00.html

Jenseits der Definition: Die riesige Peripherie des Antisemitismus

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Annahme einer Arbeitsdefinition für Antisemitismus durch die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) [1] im Mai 2016 war ein wichtiges Ereignis für die Entlarvung dieses uralten Judenhasses. Um akzeptiert zu werden, brauchte die IHRA die Zustimmung der 31 Mitgliedsstaaten der Organisation, von denen 24 der EU angehören. Man kann jetzt Äußerungen und Veröffentlichungen einer Person oder Organisation auf Antisemitismus hin analysieren, indem man sie mit der Definition und den Bespielen für Antisemitismus vergleicht, die in dem IHRA-Dokument angeführt werden.[2]

Man kann die Definition zum Beispiel auf die regelmäßigen antisemitischen Verunglimpfungen der Lady Jenny Tonge anwenden. Tonge ist ein parteiloses Mitglied des britischen Oberhauses und war davor Unterhaus-Abgeordnete der Liberalen Partei. Im Verlauf der Jahre hat sie die Israel-Lobby der Verschwörungen bezichtigt,[3] Israel für Selbstmord-Bombenanschläge im Irak verantwortlich gemacht[4] sowie den Umgang mit Palästinensern durch Israel als die Wurzel des weltweiten Terrorismus“ bezeichnet.[5] Tonge hat zudem gesagt: „Israel wird nicht auf ewig hier bleiben.“[6] Weitere ihrer Äußerungen schließen ein, dass die Juden „sich ihrer selbst schämen sollten“, weil sie Israel nicht aufhalten.[7] All dies sind antisemitische Verleumdungen, die in den Beispielen für Antisemitismus enthalten sind, die die IHRA-Definition begleiten.

Analysiert man Tonges Äußerungen, so erkennt man allerdings, dass die Antisemitismus-Definition wie jede andere auch ihre Grenzen hat. Das hat zwei wichtige Aspekte. Der erste besteht darin, dass die Definition nicht alle Beispiele für Antisemitismus anführen kann. Die Definition sagt zum Beispiel, dass es antisemitisch ist „Vergleiche zwischen der gegenwärtigen israelischen Politik und der der Nazis“ zu ziehen. Sie erwähnt aber beispielsweise nicht die Gleichsetzung von Israel mit ISIS. Diese islamische Terrororganisation ist aktuell ein Modell des absolut Bösen.

Jeremy Corbyn, der extremistische linke Parteichef der britischen Labour Party, hat während der offiziellen Präsentation des Chakrabarti-Berichts zu Antisemitismus, Islamophobie und Rassismus in der Labour Party indirekt einen solchen Vergleich gezogen.[8] Es ist nicht klar, ob Corbyns Ausführungen der Antisemitismus-Definition entsprechen. Allerdings bezeichnete Lord Jonathan Sacks, der ehemalige Oberrabbiner Großbritanniens, Corbyns Äußerung zurecht als „Dämonisierung ersten Ranges“.[9]

Der zweite Aspekt außerhalb der IHRA-Definition betrifft eine große Zahl weiterer Handlungen und Äußerungen an ihrer Peripherie. Zum Beispiel bracht Lady Tonge den palästinensisch-muslimischen Kleriker Raed Saleh ins britische Parlament. Dieser hat die Ritualmordlüge propagiert, dass Juden das Blut von Nichtjuden benutzen, um ihr Sabbat-Brot zu backen.[10]

Will man wichtige organisatorische Brutstätten peripher antisemitischen Handelns finden, die die in der IHRA-Definition enthaltenen Kernelemente ergänzen, dann ist die britische Labour Party hervorragend dafür geeignet. Das gilt besonders unter Corbyn, auch wenn es sie bereits vor seiner Wahl gab. Ken Livingstone hieß, als er Bürgermeister von London war, 2005 den in Ägypten geborenen und in Qatar lebenden Yusuf Al-Qaradawi willkommen. Dieser führende sunnitische Kleriker billigt Selbstmord-Bombenanschläge und hat sowohl antisemitische als auch homophobe Ansichten.[11] Antisemiten zu Vorträgen einzuladen gehört nicht zur Antisemitismus-Definition der IHRA oder anderer, ist aber ein regelmäßig auftretendes Phänomen. Als Alex Chalmers im Februar wegen des dort weit verbreiteten Antisemitismus vom Posten des Vorsitzenden des Oxford Union Labour Club (OULC) zurücktrat, führte er unter anderem solche Einladungen als Grund für seine Rücktritt an.[12]

Es ist schwierig Taten und Äußerungen Corbyns zu finden, die eindeutig in der IHRA-Definition für Antisemitismus erwähnt werden. Dennoch ist er ein prominenter Legitimierer von Antisemiten. Der ausufernde Skandal wegen Antisemitismus in der Labour Party ist zu einem beträchtlichen Maß mit seinen Aktivitäten im Umfeld des Antisemitismus verbunden.

Zu den bekanntesten antisemitischen Handlungen Corbyns gehört, dass er Hamas und Hisbollah als seine „Freunde“ bezeichnete. Monate lang wurde von vielen starker Druck auf ihn ausgeübt, bevor er schließlich eingestand, dass dies ein Fehler war.[13] Er hat zudem Hetzer wie Livingstone und Seamus Milne auf ranghohe Posten in der Partei befördert. Solche Taten sind weitere Beispiele für Aktivitäten, die zur Peripherie der Definition gehören.

Als MP Paul Flynn eine doppelte Loyalität eines früheren jüdischen englischen Botschafters in Israel andeutete,[14] befand sich seine Äußerung eindeutig innerhalb der IHRA-Definition für Antisemitismus. Dies ist im Beispiel enthalten, „jüdische Staatsbürger zu beschuldigen Israel gegenüber loyaler zu sein oder den vermeintlichen Vorrang von Juden weltweit gegenüber den Interessen ihrer eigenen Staaten“. Als aber Corbyn Flynn vor kurzem in sein Schattenkabinett berief,[15] was das ein Akt in der Peripherie des Antisemitismus.

Zu schweigen, wenn eine wichtige antisemitische Verleumdung geäußert wird, ist eine weitere Handlung in der Peripherie des Antisemitismus. Corbyn machte dies, als er die jüdische Abgeordnete Ruth Smeeth nicht in Schutz nahm, die von einem Labour-Mitglied bei der Präsentation des Chakrabarti-Berichts beschuldigt wurde Teil einer Verschwörung zu sein. Ein klassischer Fall ereignete sich 2003, als der griechische Linksextreme Mikis Theodorakis, ein bekannter Komponist, auf einer Pressekonferenz sagte, die Juden seien die Wurzel des Bösen der Welt. Zwei griechische Minister waren anwesend und schwiegen dazu.[16]

Juden zu beschuldigen Antisemitismus zu verursachen, eine typische Stereotypisierungstaktik, ist ebenfalls nicht Teil der IHRA-Definition. Gemäß einer Studie von Fondapol antworteten siebzehn Prozent der französischen Öffentlichkeit, dass die Juden in erheblichem Maß für Antisemitismus verantwortlich sind. Bei den französischen Muslimen lag dieser Anteil mit 31 Prozent weit höher.[17]

Noch eine weitere Aktivität in der Peripherie des Antisemitismus ist die Veröffentlichung von Berichten, die große Teile antisemitischen Verhaltens beschönigen. Ein Beispiel ist der gerade veröffentlichte Chakrabarti-Bericht. Noch schlimmer ist die Unterdrückung solcher Berichte. Solche Unterdrückung gab es durch die Labour National Executive Community beim kompletten Text des Royall-Berichts zu Antisemitismus in der OULC. Dieser Bericht konnte erst Monate später durchsickern.[18] Dasselbe geschah mit einem Bericht zu antisemitischer Gewalt und Ansichten in Europa, den das Center for Research and Anti-Semitism (CRA) erstellte. Damals wurde er vom Europäischen Beobachtungszentrum zu Rassismus und Ausländerfeindlichkeit (EUMC) unterdrückt, das ihn bestellt hatte. Auch dieser sickerte später durch.[19]

Man wird weitere internationale Organisationen drängen müssen der IHRA-Definition zuzustimmen. Gleichzeitig muss man erkennen, dass es viele weitere Phänomene außerhalb der direkten Grenzen der Definition gibt, die tiefgehende Untersuchungen verdienen.

[1] Internationale Holocaust-Erinnerungsallianz

[2] http://www.holocaustremembrance.com/sites/default/files/press_release_document_antisemitism.pdf

[3] http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/politics/5366870.stm

[4] http://www.independent.co.uk/voices/letters/letters-big-bens-fatigue-481463.html

[5] http://www.jpost.com/International/British-politician-Israel-is-the-root-cause-of-terrorism

[6] http://www.bbc.com/news/uk-politics-17218291

[7] http://www.thejc.com/news/uk-news/25560/hundreds-rally-attack-israel-over-gaza-operation

[8] http://www.bbc.com/news/uk-politics-36672022

[9] http://jewishnews.timesofisrael.com/lord-sacks-corbyns-israel-demonisation-of-the-highest-order

[10] https://ukmediawatch.org/2013/10/09/guardian-publishes-letter-by-jenny-tonge-on-the-issue-of-antisemitism/

[11] news.bbc.co.uk/2/hi/4165691.stm

[12] http://www.thejc.com/images/Report_OUC_Final.pdf

[13] http://theguardian.com/politics/2016/jul/04/jeremy-corbyn-says-he-regrets-calling-hamas-and-hezbollah-friends

[14] http://www.bbc.com/news/uk-politics-15991739

[15] http://www.telegraph.co.uk/news/2016/07/01/labour-veteran-paul-flynn-81-becomes-oldest-mp-to-serve-on-the-f/

[16] Herb Keinon: Greece repudiates Theodorakis’ anti-Semitism. The Jerusalem Post, 14. November, 2003.

[17] Brice Teinturier/Etienne Mercier: Perceptions et attentes de la population juive. Fondation de Judaïsme Français, IPSOS Public Affairs, 2015. [frz.] 2834.

[18] http://www.thejc.com/news/uk-news/161468/baroness-royall-report-reveals-oxford-labour-students-engaged-antisemitism

[19] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/15697