Das Ende des Erinnerns an den Holocaust

Jeff Jacoby, The Boston Globe, 1. Mai 2016

Lange bevor der Holocaust seinen Lauf nahm gab es bereits verzweifeltes Drängen ihn nicht vergessen zu lassen. In Verstecken und auf der Flucht, im Schatten der Gaskammern und dem Rauch der Krematorien versuchten Juden verzweifelt Zeugnis von den Ungeheuerlichkeiten der Nazis festzuhalten. Umgeben von Grauen, in Erwartung des eigenen Todes appellierten sie an die Zukunft: Erinnert euch.

In seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises erinnerte sich Elie Wiesel 1986 an den angesehenen Historiker Simon Dubnow, der immer und immer wieder sein Mitbewohner des Ghettos von Riga beschwor: „Yidden schreibt und farschreibt“ – „Juden, schreibt alles auf.“

Viele empfanden ein überwältigendes Bedürfnis die Wahrheit zu bewahren. „Zahllose Opfer wurden zu Chronisten und Historikern in den Ghettos, selbst in den Todeslagern“, sagte Wiesel. „Sie hinterließen außergewöhnliche Dokumente. Zeugnis abzulegen wurde zu einer Obsession. Sie hinterließen uns Gedichte und Briefe, Tagebücher und Fragmente für Romane, von denen einige weltweit Berühmtheit erlangten, andere immer noch unveröffentlicht sind.“ Und als der Krieg aus war und man das wahnsinnige Ausmaß der Endlösung voll begriff – die deutschen und ihre Kollaborateure hatten 6 Millionen Juden aus allen Ecken Europas ausgelöscht und mehr als ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung vernichtet – wurde der moralische Imperativ sich zu erinnern nur noch stärker.

Das Judentum hat mit Erinnerung immer eine intensive Bedeutung beigegeben; in zahlreichen Versen der hebräischen Bibel macht diese sie sogar zu einer ausdrücklichen religiösen Verpflichtung. Es überrascht nicht, dass Israels Parlament dem jüdischen Kalender für jeden Frühling den Yom HaSchoah – oder Holocaust-Gedenktag – hinzugefügt hat. (Er beginnt dieses Jahr Mittwochabend.) Für viele Holocaust-Überlebende und ihre Kinder wurde „Never Forget“ (Niemals vergessen) verständlicherweise fast zum 11. Gebot.

Aber eine Hingabe an Erinnerung ging weit über die Gemeinschaft dieser am stärksten von der industriellen Nazi-Kampagne zur Ausrottung der Juden hinaus. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Holocaust-Gedenken, besonders im Westen, zu einem weit verbreiteten Kulturphänomen. Zahllose Bücher, Vorträge und Dokumentationen sind dem Thema gewidmet worden. Die akademische Welt ist reichlich mit Programmen für Holocaust-Studien ausgestattet. Auf kleinen wie großen Bildschirmen sind Filme und Miniserien zum Thema Holocaust sind zu überragenden Erfolgen geworden. Online-Quellen zum Lernen über den Holocaust sind fast zu zahlreich, als dass man sie zählen kann. Und Holocaust-Gedenkstätten und -Museen sind in großen und kleinen Städten auf jedem Kontinent außer der Antarktis gebaut worden.

Die Auslöschung des europäischen Judentums durch die Nazis, ein Übel, das so ohnegleichen ist, dass das Wort „Genozid“ zu seiner Beschreibung geprägt werden musste, gehört zu den am vollständigsten erforschten, dokumentierten und mit Gedenkstätten versehenen Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Der mächtige Naziführer Heinrich Himmler, der 1943 den bereits gut in Gang gekommenen Massenmord an den von Juden 1943 als „eine ruhmvolle Seite in unserer Geschichte, die niemals geschrieben werden darf“ bezeichnete, lag falsch. Die Geschichte wurde geschrieben. Die Erinnerung daran wird von einem Ozean an Forschung, Zeugenaussagen, Literatur und Bildung aufrechterhalten. Die letzten lebenden Überlebenden des Holocaust sind heute zumeist in ihren 80-er und 90-er Jahren; in ein paar Jahren wird fast niemand mehr übrig sein, um von den persönlichen Erfahrungen dessen zu erzählen, was es bedeutet in den einzigartigen Horror der Schoah eingehüllt zu sein.

Doch die Überlebenden haben zumindest diese Zusicherung: Was ihnen geschah wird nicht vergessen werden.

Oder etwa doch?

Die Ereignisse des Holocaust haben mich verfolgt, sei ich mich erinnern kann. Mein Vater, der 1925 in einem winzigen Dorf an der Grenzen zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn geboren wurde, ist ein Überlebender von Hitlers Vernichtungsprogramm. Mit seinen Eltern und vier seiner Brüder und Schwestern wurde er von den Nazis im Frühjahr 1944 verhaftet, in einem überfüllten Ghetto eingesperrt und dann nach sechs Wochen in einen Viehwaggon getrieben, um nach Auschwitz abtransportiert zu werden. Von den sieben unmittelbaren Familienangehörigen, die im Todeslager ankamen, wurden sechs ermordet; einzig mein Vater entkam dem Tod.

Für mich ist der Holocaust immer immens persönlich gewesen. Er mag zwar vor eineinhalb Jahrzehnte vor meiner Geburt geendet haben, aber ich haben immer verstanden, dass auch ich zur Vernichtung ausgewählt war. In einer öffentlichen Rede hatte Hitler 1939 gelobt „die Vernichtung der jüdischen Rassen in Europa“ zu verwirklichen. Der Kern der Endlösung besteht darin endgültig zu sein. Keine Juden sollten überleben – vor allem keine jüdischen Kinder, über die 3.000 Jahre jüdischer Existenz fortzusetzen. Das war das Ziel, für das Deutschland eine solche, auf dem ganzen Kontinent durchgeführte Operation aufbaute und solch immense finanzielle Ressourcen einsetzte: Um auch den letzten Juden in Europa ausfindig zu machen und zu ermorden.

Niemals zuvor hatte eine Weltmacht, von Antisemitismus wahnsinnig gemacht, die Ausrottung eines gesamten Volks zu ihrem zentralen Ziel gemacht oder es derart zum Äußerten getrieben es zu erreichen. Das ist es, was den Holocaust so grotesk, entsetzlich einzigartig macht. Die beispiellose Bosheit des Antisemitismus, eines Hasses, der älter und anders ist als jeder andere der Menschheitsgeschichte, ist der Kern, um den es beim Holocaust geht – dies und die Rolle der Juden als der Kanarienvogel im Bergwerk der Zivilisation. Wenn eine Gesellschaft sich mit giftigen moralischen Dämpfen vollstopft, werden Juden zum Ziel von Fanatismus und Terror. Aber es endet selten bei ihnen. Hitler macht sich daran die Juden zu verbrennen; am Ende stand ganz Europa in Flammen.

Die Geschichte ist angefüllt mit furchtbaren Illustrationen der menschlichen Fähigkeit zu Grausamkeit, Hass und Gewalt; in jedem Zeitalter hat es skrupellose Tyrannen gegeben, die bereit waren zum Erhalt von Macht und Wohlstand zu foltern und zu töten. Dass unkontrollierte Intoleranz und Rassismus zu barbarischen Verbrechen führen können, ist eine unverzichtbare Lektion. Aber wenn „Nie wieder“ mehr als das ist, dann muss die Holocaust-Erinnerung als Fehlschlag gewertet werden.

Es war immer unausweichlich, dass die Ungeheuerlichkeit im öffentlichen Bewusstsein schwinden würde. Der menschliche Verstand ist zum Vergessen gemacht; weder Einzelne noch Gesellschaften können verhindern, dass das Ausmaß der quälenden Erinnerungen im Lauf der Zeit abnimmt. IN seinem neuen Buch In Praise of Forgetting denkt David Rieff über König Philips Krieg nach, einen mörderischen Konflikt zwischen englischen Siedlern und Indianern im Neuengland des 17. Jahrhunderts. Auf einer Pro-Kopf-Basis war es der blutigste Krieg der amerikanischen Geschichte und diejenigen, die das Gemetzel überlebten, müssen leidenschaftlich überzeugt gewesen sein, dass es niemals vergessen werden wird.

„Und doch“, schreibt Rieff, „redet abgesehen von professionellen Historikern der Krieg von König Philip fast niemand mehr darüber… Die historische Bedeutung eines Ereignisses in seiner eigenen Zeit und in den Jahrzehnten danach bietet keine Garantie, dass man sich im nächsten Jahrhundert noch daran erinnern wird, ganz zu schweigen von den vielen danach.“

Früher oder später – ich fürchte: früher als später – wird dem Holocaust dasselbe Schicksal zuteil werden.

Wie andere furchtbare Ausbrüche an Grausamkeit und Gemetzel wird der Holocaust gewissermaßen „gewöhnliche“ Geschichte werden. Inzwischen gibt es reichlich Belege, dass das, was Europas Juden während des Zweiten Weltkriegs widerfuhr, aus dem Allgemeinwissen verschwindet. 2013 stellte eine Umfrage bei 53.000 Befragten in 101 Ländern fest, dass lediglich 54 Prozent der Erwachsenen der Welt vom Holocaust überhaupt gehört hatten – und von diesen glaubt ein Drittel, dass er entweder ein Mythos ist oder enorm übertrieben worden ist.

So entmutigend diese Zahlen auch sind, sie werden sich zwangsläufig verschlechtern. Da die Generation der Holocaust-Überlebenden stirbt, da Holocaust-Leugner ihr Gift verbreiten, da Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte ihren unvermeidlichen Tribut fordert, wird die Erinnerung an den Völkermord der Nazis an den Juden sich verflüchtigen.

Mehr und mehr werden die Holocaustterminologie und seine Bilder banalisiert werden. Tatsächlich sind die Worte und Bilder seit Jahren furchtbar missbraucht worden. In ihrer Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ hat die Tierschutzorganisation PETA Hitlers Millionen menschliche Opfer mit Hühnern gleich gesetzt, die als Lebensmittel geschlachtet werden. In Taiwan wurden riesige Hitler-Bilder mit zum Nazigruß erhobenen Arm genutzt, um für Heizgeräte zu werben. In einer Fernsehsendung bestand der evangelikale Prediger Pat Robertson darauf, dass „was Nazideutschland den Juden antat, hat tut das liberale Amerika heute den evangelikalen Christen an … Das ist nichts anderes, das ist dasselbe.“

Holocaust-Erinnerung hat das Einsetzen der Holocaust-Amnesie nicht verhindert.

Während ein paar Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg machte seine schiere Monstrosität den Holocausts als Thema für Witze es undenkbar. Aber auch das ist über Bord gegangen, zusammen mit dem kurzfristigen Nachkriegs-Tabu, das widerlichen Antisemitismus aus der höflichen Gesellschaft verbannte. Heute wuchern Holocaust-Witze. „Geschmacklos und in üblem Geist sind einige davon Teil des Repertoires populärer Stand-up-Comedians geworden“, schreibt Alvin Rosenfeld, ein Forscher an der Indiana University. „Indem man jüdisches Leiden bespöttelt und verhöhnt versuchen Komiker wie Frankreichs Dieudonné, Norwegens Otto Jespersen, Irlands Tommy Tiernan und ihre Pendants in anderen Ländern Hitlers jüdische Opfer mit einem Lachen abzutun, indem sie sie über sie lustig machen.“

Das Gewissen der Welt war – hinterher – schockiert vom Ausmaß und der Grausamkeit des Holocaust. Angesichts solch monumental Bösenkönnte „Niemals vergessen“, wie „Nie wieder“ die einzig mögliche anständige Antwort gewesen sein. „Nach dem Krieg“, sagte Elie Wiesel, „beruhigten wir uns selbst damit, dass es ausreichen würde von einer einzigen Nacht in Treblinka zu erzählen … um die Menschheit aus ihrer Gleichgültigkeit zu rütteln und die Folterer davon abzuhalten jemals wieder zu foltern.“

Aber das reichte nicht. Berichte von dem, was in Treblinka getan wurde, verhinderte den Massenmord in Kamboscha oder Bosnien oder Ruanda nicht. Holocaust-Erinnerung hat die Menschen nicht gegen brutale Behandlung anderer Menschen geimpft. Museen und Filme und College-Kurse über die Schoah haben Völkermord nicht undenkbar gemacht – nicht einmal einen weiteren an Juden, wie die Regime im Iran und dem Gazastreifen regelmäßig deutlich machen.

Holocaust-Erinnerung hat Ausbruch der Holocaust-Vergesslichkeit nicht verhindert.

Für Überlebende wie meinen Vater und für die von ihnen aufgezogenen Söhne und Töchter ist es selbstverständlich, dass „Niemals vergessen“ ein unauslöschbarer moralischer Imperativ bleibt. Ich habe den Holocaust immer persönlich genommen und werde es immer tun. Aber die Welt, das weiß ich, wird es nicht tun. Irgendwann wird alles vergessen. Selbst die schlimmsten Verbrechen der Geschichte.

Europa hat den Terror Jahre lang vernachlässigt

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Amerikas Behörden erwarten weitere Terroranschläge in Europa. Das Außenministerium hat US-Bürger auf potenzielle Risiken für Reisen auf dem gesamten Kontinent aufmerksam gemacht; es schreibt: „Terrorgruppen planen weiter zeitnah Anschläge in ganz Europa. Ziele sind Sportveranstaltungen, Touristenziele, Restaurants und Verkehrsmittel. Diese Reisewarnung läuft am 20. Juni 2016 aus.“[1]

Viele europäische Länder nehmen jedoch die Risiken willkürlicher Terror-Massenanschläge weiterhin nicht ernst. Diese Art des Terrorismus feierte bei den Anschlägen von Paris im November 2015 und in Brüssel im März 2016 wieder Urständ. Nach den Morden von Brüssel kam eine Menge Informationen zum Versagen der belgischen Geheimdienste ans Licht, dazu die Versäumnisse seiner Sicherheits-Infrastruktur. Die kraftlose Struktur und unzureichende Ausrüstung der belgischen Exekutivorgane trug beträchtlich zu Belgiens Versagen in diesem Fall bei. Nach den Anschlägen von Paris bestehende Terror-Datenbanken wurden in Bezug auf lokale Terroristen nicht auf den neuesten Stand gebracht.[2]

Europas Antiterror-Apparat benötigt immer noch wichtige Verbesserungen. Viele im politischen System schienen zu glauben, dass bessere Geheimdienste und mehr angemessen ausgebildete Polizeikräfte den Terrorismus weithin lösen können. Es stimmt in der Tat, dass einige europäische Länder in diese Bereichen schwere Mängel aufweisen. In den Niederlanden zum Beispiel sind die Sondereinsatzkräfte der Polizei, die das Land vor Terrorismus und schweren Verbrechen schützen sollen, unterbesetzt und liegen in einem Konflikt mit dem Top-Management der niederländischen Polizei.[3]

Im Verlauf der letzten fünfzig Jahre richteten sich Terroranschläge in Europa hauptsächlich gegen spezifische Ziele. Anschläge waren zum Beispiel gegen Israel oder mit Israel in Beziehung stehende Ziele gerichtet. Diese „gezielte“ Form des Terrorismus trat auch bei der Ermordung von Prominenten durch die deutsche Baader-Meinhof-Bande, die italienischen Roten Brigaden und die französische Action Directe auf. Gezielter Terrorismus wurde auch von den muslimischen Mördern an den Mitarbeitern des Magazins Charlie Hebdo in Paris und Juden in Toulouse, Paris, Brüssel und Kopenhagen betrieben.

Besonders der gezielte Terrorismus von Europäern war es, der während der letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts die Reaktionen der europäischen Regierungen weckte. Überlebende Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande, der Roten Brigaden und von Action Directe wurden größtenteils verhaftet. Der Superterrorist Carlos „der Schakal“ verbüßt in Frankreich eine lebenslange Freiheitsstrafe. Anders Breivik, der 2011 ein Treffen der Jugendbewegung AUF der Arbeitspartei auf der Insel Utøya in Norwegen angriff und 69 Menschen ermordete, wurde zu den in Norwegen maximal möglichen 21 Jahren Haft verurteilt. Breivik tötete zudem acht Zufallsopfer mit einer Bombe, die er in Oslo in einem Lieferwagen deponierte, bevor er auf die Insel fuhr.[4]

Solche Taten waren alles andere als offensichtlich, was die palästinensischen Terrororganisationen betrifft, die in Europa in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts Israelis angriffen. Mehrere europäische Regierungen strebten Vereinbarungen mit Terrorgruppen an, die dafür versprechen sollten keine Ziele in ihren Ländern anzugreifen. Diese Vereinbarungen bedeuteten, dass man palästinensische Mörder frei ließ und Terroristen operationelle Freiheit in Teilen Europas erlaubt wurde. Es ist Ironie des Schicksals, dass der italienische Premierminister Aldo Moro, der eine solche Vereinbarung seines Landes mit der PLO genehmigt hatte, später von den Roten Brigaden entführt und ermordet wurde.[5]

Einige der willkürlichen Terroranschläge in Europa brachten viele Opfer, aber sie wurden von sehr unterschiedlichen Tätern verübt. Die Bombenanschläge beim Massaker im Bahnhof von Bologna 1980 wurden vermutlich von Neofaschisten begangen Sie töteten 85 Menschen und verletzten 200.[6] Der Bombenanschlag von Omagh in Nordirland durch die Irisch-Republikanische Armee von 1998 tötete 31 und verletzte 220 Menschen.[7] Die Explosion eines Pan Am-Flugzeugs über Lockerbie 1988 wurde von Libyens damaligem Herrscher Muammar Gaddafi befohlen und forderte das Leben von 243 Passagieren und Besatzung, dazu weitere 11 am Boden.[8]

Der erste willkürliche Massenmord in Westeuropa durch Muslime fand im September 2004 im Bahnhof Atocha in Madrid statt. 191 Menschen wurden getötet und mehr als 1.800 verletzt.[9] Dem folgten im Juni 2005 die Bombenanschläge auf die U-Bahn und einen Bus in London mit mehr als 50 Toten und hunderten Verletzten.[10]

Da bis zu den Massakern in Paris im November 2015 keine weiteren willkürlichen Anschläge folgten, unternahmen die europäischen Regierungen wenig und vermieden besonders den nächsten, unmittelbaren Schritt – systematisches Profiling. Ein Blick auf das Bild der drei Terroristen am Flughafen von Brüssel deutet an, dass, wenn professionelle Profiling-Spezialisten vor dem Flughafen postiert worden, die Mörder hätten gestoppt und ihr Gepäck gründlich durchsucht werden können. Es gibt aber in Europa aufgrund seiner ethnischen Aspekte einen starken Widerstrand gegen Profiling, auch wenn nicht alle Profile derer, die besonders überprüft werden müssen, ethnisch bestimmt werden können.

Sollten willkürliche Terroranschläge in Europa regelmäßiger werden, wie die amerikanischen Behörden vermuten, dann werden beträchtlich mehr persönliche Daten zusammengestellt, in Datenbanken abgelegt und mit Behörden in anderen Ländern geteilt werden müssen. Darüber hinaus wird man eine Reihe derzeitiger demokratischer Recht schrittweise zu einem gewissen Grad einschränken müssen. Einer davon ist die Privatsphäre, weil mehr Überwachung von Kommunikation erforderlich würde. Auch wenn vorhersagbar ist, dass Bürger solchen Einschränkungen demokratischer Rechte Widerstand entgegensetzen werden, macht auch die zunehmende Bedrohung mit Cyberterror solche Maßnahmen notwendig. Allerdings ist ein solcher Polizeistaat, obwohl mancher bereits solche Sorgen äußert, angesichts der aktuell kritisierten Ineffizienz der Polizei in westlichen Ländern noch Lichtjahre entfernt.

Viele Europäer finden es schwer zuzugeben, dass die Lage besser gewesen wäre, hätten die europäischen Regierungen nicht vor Jahrzehnten versucht Abkommen mit den palästinensischen Terrororganisationen zu verhandeln. Sie verstießen durch das Eingehen solcher Abkommen nicht nur gegen die Gesetze ihres eigenen Landes, sondern sie lernten auch nichts aus dem „Erfolg“ des palästinensischen Terrorismus. Dasselbe gilt für die willkürlichen Bombenanschläge in Madrid und London, aus denen die Europäer offensichtlich erneut wenig lernten.

Israel ist das Ziel von weit mehr Terroranschlägen gewesen als jedes der Länder Europas, aber kein Anschlag hatte auch nur annähernd die Anzahl der Toten in Madrid, London und Paris. Es gibt keine Garantie, dass dies in der Zukunft auch nicht passieren wird. Israel zeigt jedoch, dass willkürliche Terroranschläge effektiv eingeschränkt werden können: mit Wachsamkeit, bestens ausgebildeten Terrorbekämpfungseinheiten und einer demokratischen Gesellschaft mit der kulturellen Fähigkeit und ausreichendem Gespür dafür, bei klarer und gegenwärtiger Gefahr gewisse Einschränkungen demokratischer Freiheiten zu akzeptieren.

Solches Vorbereitet sein wird in Europa erst als Folge weiterer Anschläge zustande kommen. Dieser Zeitraum könnte abgekürzt und Leben gerettet werden, wenn die Europäer anfingen das Nachdenken über das Aufkommen der aktuellen israelischen Realität in ihren eigenen Ländern zu begreifen. Wie oben angedeutet muss sich bislang, um die durch Israels Erfahrung gelernten Lektionen umzusetzen, Europas Kultur im Umgang mit Terrorismus auf grundlegende Weise ändern.

[1] https://travel.state.gov/content/passports/en/alertswarnings/europe-travel-alert.html

[2] http://www.theatlantic.com/international/archive/2016/03/belgium-terror-attack-intelligence/475464/

[3] http://www.telegraaf.nl/binnenland/25515613/__Terreurpolitie_kraakt__.html

[4] http://www.dailymail.co.uk/news/article-2238952/The-moment-Anders-Breivik-planted-bomb-Never-seen-CCTV-footage-shows-mass-murderer-parking-van-killed-Oslo.html

[5] http://www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/127247

[6] http://www.independent.co.uk/news/world/the-terror-trail-that-wont-grow-cold-dark-forces-bombed-bologna-station-in-1980-killing-85-at-a-1509705.html

[7] http://www.theguardian.com/uk-news/2016/mar/01/omagh-northern-ireland-bombing-case-against-remaining-suspect-collapses

[8] http://www.pbs.org/wgbh/frontline/article/u-s-and-scotland-eye-two-new-suspects-in-lockerbie-bombing/

[9] http://www.bbc.com/news/world-europe-26526704

[10] http://www.ibtimes.co.uk/lockerbie-london-bombings-nine-worst-terrorist-attacks-europe-since-1970-1551605

Nicht wegen der „Besatzung“

Boaz Bismuth, Israel HaYom, 23. März 2016

Am 14. November, einen Tag nach den entsetzlichen Terroranschlägen von Paris, erklärte der französische Präsident François Hollande, Frankreich befinde sich im Krieg. Es war echt das Letzte, das die Bürger Frankreichs in Besonderen und die Europas im Allgemeinen hören wollten. Hollande verkündete nach den Anschlägen, die vermutlich in Terrorstaaten wie Syrien, dem Irak und Belgien geplant wurden, zudem einen Ausnahmezustand im Land.

Noch bevor man versucht zu verstehen warum, wollten die Menschen Frankreichs, zusammen mit ihren europäischen Landsleuten, wissen, wie lange ihr Alltagsleben gestört sein würde. Ein Krieg gegen den Terror, sagt ihr? Kommt schon, wir leben in Europa, nicht im Nahen Osten. „Wenn Europa den Mund aufmacht“, witzelte der frühere französische Präsident François Mitterand einmal bekanntlich, „dann nur um zu gähnen.“ Lebt man in einem Zustand des Leugnens, dann ist sicher, dass das Folgen hat. Willkommen in „Brüsselistan“!

Wie symbolisch, dass die zwei fürchterlichen Bombenanschläge in Brüssel, die das Leben von mindestens 30 Menschen forderten, am Flughafen und der U-Bahn-Station „Europa“ gegenüber dem EU-Hauptsitz stattfanden. Das waren keine Zufallsziele, die die Gruppe Islamischer Staat sich aussuchte, die uns vielleicht zeigen will, dass die Hauptstadt Europas jetzt eine Hauptstadt des Terrors ist. Das ist der beste Ort, von dem aus man eine drohende Botschaft an die „ungläubigen Kreuzzügler“ schicken kann, „denen weitere dunkle Zeiten bevorstehen“. Und in einer Art krankem Wettbewerb ist es auch eine Botschaft an Al-Qaida: Auch wir wissen, wie man koordinierte Anschläge verübt.

Für alle, die es vergessen haben: Letzten Freitag [18.03.2016 – heplev] atmeten die Belgier kollektiv erleichtert auf. Salah Abdeslam, einer der Terroristen von Paris, wurde in Molenbeek festgenommen, einem Vorort von Brüssel, der sich vor den Augen der blegischen Behörden eine „made-in-Belgium“-Jihadistenbrutstätte verwandelt hat. Einwohner von Moldenbeek sind in Belgien geboren und zur Schule gegangen; sie erhalten Sozialleistungen; und im Nachhinein betrachtet – natürlich inoffiziell – gehen sie auch davon aus, dass sie eine Lizenz zum Töten anderer Belgier haben. Der Grund? Jihad. Keine Besatzung, kein Gefühl der Verzweiflung, kein George W. Bush – Jihad. Nach dem Irak und Syrien denken sie sich selbst gegenüber wie ISIS: Warum nicht das Kalifat auch auf Belgien ausdehnen?

Nicht wegen der „Besatzung“

Die Fahndung nach Abdeslam dauerte vier Monate. Ein Kleinkrimineller, der im Namen des Islam zu einer Erzterroristen wurde. Es war jedem klar, dass seine Genossen – diejenigen, die ihm halfen seinen Anschlag auszuführen, zu entkommen und sich zu verstecken – immer noch frei herumliefen. Es war nur logisch von weiteren Anschlägen auszugehen. Wir können sogar annehmen, dass sie nach der Festnahme Abdeslams die Notwendigkeit erkannten ihre bereits geplanten Anschläge rasch auszuführen, da er wahrscheinlich während seiner Verhöre Informationen ausplaudern würde. Offenbar waren die belgischen Sicherheitskräfte kräftig aber damit beschäftigt sich selbst auf die Schulter zu klopfen, statt ihn angemessen zu verhören.

Und während die Rechtsanwälte und das Gericht damit beschäftigt waren die Bedingungen der Auslieferung Abdeslams an Frankreich zu diskutieren, setzten seine Kumpel die Räder für ihre koordinierten Bombenanschläge in Bewegung.

Ich habe viele Jahre in Europa gelebt. Und seit vielen Jahren wollten die Europäer nicht ein einziges Wort zum Terror hören. Es gab immer einen Grund: Entweder war es Terror gegen Juden oder Amerika oder gegen die Imperialisten. Ein anderes Mal war es wegen des Kriegs in Algerien oder wegen des Kriegs im Irak. Die Kurden waren bereits misslich vergessen.

Die Europäer fanden immer eine Ausrede für die Terroranschläge auf ihrem Boden. Aus welchem Grund auch immer fühlten sie sich damit sicherer. Und wenn die Ausreden ausgingen, gibt es immer die ultimative Zuflucht, die für alle Terroranschläge auf dem Kontinent verantwortlich ist: Die zionistische Besetzung und Unterdrückung der Palästinenser. Immerhin weiß jeder, dass Abdeslam wegen des „bitteren Schicksals“ seiner Brüder in Gaza nachts nicht schlafen konnte. Wirklich, es reicht jetzt! Würden die Experten in Israel bitte aufhören auf Schritt und Tritt diesen Unsinn hinzurotzen?

Der Feind befindet sich bereits im Inneren

Aber bitte, meine Damen und Herren, strapazieren Sie die Europäer bitte nicht mit Gerede vom Krieg. Stressen Sie sie nicht mit islamischem Terror. Stressen Sie übrigens auch US-Präsident Obama damit nicht. Es ist zu romantisch und angenehm in Verleugnung zu leben, in einer Welt, in er jeder jeden lieb hat und in der es keine Kriege gibt; und wo muslimische Immigranten aus dem Irak und Syrien sich nahtlos integrieren, ohne dass gefährliche, jihadistische Infiltratoren sich unter ihnen befinden.

Vielleicht können trotz allem die Bombenexplosionen in Brüssel von Dienstag den Kontinent aus seinem Tagtraum holen. Die Brüssel zugefügten Schrecken waren die Folge der Laxheit der belgischen Sicherheitskräfte und der Blindheit der Regierung. Und ihr Versagen hatte einen hohen Preis. Wie viele weitere Anschläge sind nötig, wie viele weitere Opfer, damit der andere Fuß aufkommt und erkannt wird, dass wir uns nicht nur im Krieg befinden, sondern ein dritter Weltkrieg zwischen der aufgeklärten Welt und den Mächten der Dunkelheit stattfindet? Mit denen, die uns zurück ins siebte Jahrhundert ziehen wollen oder – schlimmer – das siebte Jahrhundert an unsere Türschwelle bringen wollen?

Wir sollten den Bürger Europas nichts vorwerfen. Das von seinen Mächtigen gelenkte Europa ist nicht länger aufgestellt um Kriege führen zu können. Seine Regierungen haben ihre Militär- und Geheimdienst-Budgets beträchtlich verkleinert. Was Europas große, sensible muslimische Bevölkerung angeht, dürfen ihre Sensibilitäten um jeden Preis nicht beleidigt werden, selbst wenn es dadurch nötig wird wegzusehen. Wie schmerzlich ist es dann in der Tat, wenn die Illusion eines gesamten Kontinents ihm um die Ohren fliegt. Vielleicht wäre es für Europa besser die Augen weiter geschlossen zu halten oder – als Alternative – einmal mehr zu dem Schluss zu kommen, dass der „Grund“ für die Probleme nichts anderes ist als das „Palästinenserproblem“.

Europa wollte glauben, dass diese Einschnitte der Jahre 732, 1529 und 1638 – als die Eroberung des Kontinents durch die Muslime drohte – der Vergangenheit angehörten. Europa begreift nicht, dass die Lage heute viel schlimmer ist. Damals wurde, wie wir wissen, der muslimischer Eindringling von Mauern aufgehalten. Heute muss der Feind nicht einmal eindringen. Er ist bereits hier, Zuhause; er muss nur eine selbst gebaute Bombe vorbereiten und sich auf die Straße begeben. ER sieht auch keine Armee, die ihm im Weg steht.

Sollten wir in der Zeit zum 25. März 1957 zurückreisen – als die Römischen Verträge unterzeichnet und die EU praktische geschaffen wurde – und den Europäern erzählen, dass Großbritannien 59 Jahre später eine Reisewarnung für Belgien ausgeben wird, dann können wir davon ausgehen, dass wir in eine Anstalt eingewiesen würden. Aber „Belgistan“ ist bereits etwas ganz anderes. Es ist wirklich gefährlich dort. Wenn der Schlummer fortgesetzt wird und Europa diesen Kampf verliert, werden unsere Enkel lernen, dass die Kontinente Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und „Europastan“ heißen. Und ich kann bereits einige Experten sehen, die den Zuschauern erklären, dass die Juden dafür verantwortlich sind. Was, das wussten Sie nicht? Das alles geschieht, weil die Palästinenser unterdrückt werden. Alles in Ordnung, solange es einen Grund gibt nicht in den Krieg zu ziehen.

Der Terror und die Demokratien Europas früher und heute

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Europa wird nach den tödlichen Anschlägen von Brüssel einmal mehr von muslimischem Terrorismus in Geiselhaft genommen. Politiker und Personen der Öffentlichkeit haben die üblichen nebulösen Kommentare abgegeben. Um einen herauszupicken: Der schwedische Premierminister Stefan Löfven sagte: „Das ist ein Anschlag auf unser demokratisches Europa. Wir werden niemals akzeptieren, dass Terroristen unsere offenen Gesellschaften angreifen.“[1]

Israelis bringen die Anschläge in Europa eine Zeit vor mehreren Jahrzehnten ins Erinnerung, als Israel und diejenigen, die auf irgendeine Weise mit ihm in Verbindung standen, von weltweitem palästinensischem Terrorismus heimgesucht wurden. Mehrere europäische Demokratien versuchten damals zu einer Übereinkunft mit den Terrororganisationen zu kommen: Sie würden die Mörder von Israelis – oder auch der eigenen Staatsbürger – strafrechtlich nicht verfolgen. Im Gegenzug sollten ihre Länder nicht angegriffen werden.

Ein Geheimabkommen zwischen der schweizerischen Regierung und den Terroristen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) vor 45 Jahren wurde vor kurzem in einem Buch des Schweizer Journalisten Marcel Gyr aufgedeckt.[2] Die Schweiz war das Opfer dreier palästinensischer Terroranschläge geworden. 1969 schoss am Flughafen Zürich ein palästinensischer Terrorist auf ein Flugzeug der El Al und tötete dessen israelischen Pilot. Die Schweiz verhaftete die Terroristen. 1970 explodierte bei Zürich eine Bombe an Bord eines Swissair-Flugs nach Tel Aviv; alle 47 Passagiere und die Besatzung wurden getötet. Später im selben Jahr wurde ein Swissair-Flug nach New York entführt. Er wurde zusammen mit zwei weiteren Flugzeugen – einem britischen und einem amerikanischen – auf ein Flugfeld in Jordanien umgeleitet, wo alle drei Flugzeuge zerstört wurden.[3]

Aus Gyrs Buch erfahren wir, dass der damalige Schweizer Außenminister Pierre Graber, der 2003 verstarb, kurz nach der Entführung 1970 ein Geheimabkommen mit der PLO traf. Vermittler dafür war Jean Ziegler, ein berüchtigter antiisraelischer Aufwiegler und selbsterklärter Menschenrechtsaktivist. Er war damals Parlamentarier in der Schweiz und ist heute immer noch als Mitglied des Beraterkomitees für den UNO-Menschenrechtsrat tätig. Ziegler hat vor kurzem seine Rolle bei dieser Strafvereitelung eingestanden und sich bei den Familienmitgliedern der Opfer entschuldigt.[4]

Als Folge der Vereinbarung wurden die Mörder des israelischen Piloten freigelassen und die Ermittlungen zu dem Anschlag auf den Swissair-Flug wurden gestoppt. Das ist ein Paradebeispiel dafür, wie eine Demokratie bewusst dem Verrat an der Gerechtigkeit für die eigenen Staatsbürger zustimmt. Im März zeigte Gyr auf, dass Europas internationaler Top-Terrorist Carlos, der heute lebenslänglich in Frankreich einsitzt, seinem Rechtsanwalt sagte, er habe sich immer sehr sicher gefühlt, wenn er in der Schweiz war.[5]

Die Schweizer waren anderen europäischen Ländern voraus, die Vereinbarungen mit palästinensischen Terroristen erzielten oder das versuchten. Die deutsche Regierung war die nächste, die eine solche Übereinkunft anstrebte. Bei den Olympischen Spielen in München wurden 1972 elf israelische Athleten und ein deutscher Polizist von der Organisation Schwarzer September ermordet. Es brauchte vierzig Jahre, bis bekannt wurde, dass Walter Nowak, ein Deutscher Regierungsvertreter, ein paar Monate nach den Morden versuchte ein Übereinkommen mit dem Schwarzen September zu erreichen.

Nowak war damals deutscher Botschafter im Libanon. Er traf sich mit Abu Youssef, einem Gründer des Schwarzen September, zu einem zweistündigen Gespräch. Nowak bot Abu Youssef und seiner Terrororganisation die Möglichkeit „einer neuen Vertrauensbasis“ bei der deutschen Regierung an. Darüber hinaus wurde ein mögliches Geheimtreffen in Kairo diskutiert, das zwischen Abu Youssef und dem damaligen deutschen Außenminister Walter Scheel stattfinden sollte. Dieses ehemalige NSDAP-Mitglied erfand sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Leiter der FDP neu und wurde 1974 Präsident der Bundesrepublik.

Eine Woche nach diesem Treffen tötete Israel Abu Youssef zusammen mit weiteren palästinensischen Terroristen, die für die Morde von München verantwortlich waren. Nowak wurde zitiert, die toten Palästinenser gerhörten zu den „rationalsten und verantwortlichsten“ Mitgliedern der PLO. Er schrieb in einem Brief an die deutschen Machthaber, dass die Israelis Abu Youssef und die anderen getötet haben könnten, um den Friedensprozess im Nahen Osten zu verhindern. Der Artikel, der 2012 dies sowie weiteres Katzbuckeln der deutschen Regierung gegenüber den Palästinensern nach den Morden von München in DER SPIEGEL beschrieb, ist eine vernichtende Anklage des damaligen sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brand und seiner Regierung.[6]

Die Franzosen und Italiener hatten ebenfalls ihren Anteil an den Händeln mit den palästinensischen Terroristen. Abu Daoud, der Führer der Münchener Morde durch die Palästinenser, wurde im Januar 1977 von Frankreich verhaftet. Deutschland und Israel forderten seine Auslieferung. Die französischen Behörden lehnten ab und führten Gründe an, die weithin undurchsichtig waren.[7] Sie gestatteten Abu Daoud nach Algerien auszureisen.

1985 entführte die Terrororganisation Palästinensische Befreiungsfront das italienische Kreuzfahrtschiff Achille Lauro. Die Palästinenser töteten den an den Rollstuhl gefesselten jüdischen Amerikaner Leon Klinghoffer und das Schiff fuhr nach Ägyptern. Obwohl die Ägypter den Entführern freies Geleit nach Tunesien gaben, zwang ein amerikanisches Militärflugzeug das ägyptische Flugzeug zur Landung auf italienischem Boden.

Die Italiener verhafteten die palästinensischen Entführer, aber ihr Anführer Abu Abbas ging straffrei aus. Sie behaupteten, dass die in Washington gegen ihn angehäuften Beweise nicht ausreichten und er im Besitz eines irakischen Diplomatenpasses war, was ihm Immunität verlieh. Innerhalb von zwei Tagen war Abu Abbas aus Italien entkommen, entging der Gefangennahme, bis er von amerikanischen Streitkräften 2003 im Irak verhaftet wurde.[8] Die anderen Entführer wurden vom italienischen Justizsystem zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Francesco Cossiga, von 1985 bis 1992 Italiens Premierminister, gab zu, dass sein Vorgänger Aldo Moro, ebenfalls Christdemokrat, einen „geheimen Nichtangriffspakt zwischen dem italienischen Staat und palästinensischen Widerstandsorganisationen, einschließlich Terrorgruppen“ abschloss. Der Pakt erlaubte den palästinensischen Terrorgruppen – mit Ausnahme der von Abu Nidal – Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes im Austausch für Immunität vor Anschlägen in Italien.[9]

Wir wissen heute, dass Terroristen entgegenzukommen europäischen Staaten langfristig nicht half. Im Gegenteil, es hat sie davon abgehalten rigorose Politik zu definieren, wem sie nicht gestatten wollen ins Land zu kommen. Dazu kommen inadäquate Geheimdienstinformationen und schwache Überwachungstechniken.[10] Man muss sich nur kurz die Bilder der Mordverdächtigen am Brüsseler Flughafen ansehen. Jeder minimal in Profiling Ausgebildete hätte sich auf sie konzentriert, noch bevor sie den Flughafen betraten und sie für weitere Sicherheitsüberprüfungen vorgemerkt.

Es wird wahrscheinlich viele weitere Jahre dauern, bis die Führer Europas unter Kosten weiterer Todesopfer auch nur anfangen akzeptieren, dass der erste einfache Schritt zur Reduzierung von Terroranschlägen über das Profiling von Verdächtigen führt und dass dies weit davon entfernt ist aus Demokratien Polizeistaaten zu machen. Weiteres Vermeiden von Profiling wird nur zusätzliche Terroranschläge auf europäische Demokratien fördern. Es wird auch zu weiteren nichtssagenden Beileidsbekundungen für die Toten und Verstümmelten seitens europäischer Politiker gegenüber den Opfern und ihren Familien führen, die hätten verhindert werden können.

[1] http://www.government.se/statements/2016/03/statement-by-prime-minister-stefan-lofven-on-the-terrorist-attacks-in-brussels/

[2] Marcel Gyr: Schweizer Terrorjahre. Das geheime Abkommen mit der PLO. Zúrich (NZZ) 2016)

[3] http://www.bbc.com/news/world-europe-35384354

[4] http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/jean-ziegler-entschuldigt-sich-wegen-plodeal/story/11639007

[5] http://www.nzz.ch/schweiz/aktuelle-themen/carlos-fuehlte-sich-von-bern-protegiert-1.18707612

[6] http://www.spiegel.de/international/world/germany-maintained-contacts-with-palestinians-after-munich-massacre-a-852322-2.html

[7] Noemi Gal-Or: International Cooperation to Suppress Terrorism. Routledge, 2015); http://www.washingtonpost.com/archive/politics/1977/01/15/us-reportedly-alerted-france-on-abu-daoud/23591e3d-b350-4d98-b820-9cca0897a128/.

[8] Palestinian Terrorist Abu Abbas Arrested. Fox News, 16. April 2003.

[9] Nissan Ratzlav-Katz: Fmr. Italian Pres.: We Signed Pact With Terrorists. Israel National News, 18. August 2008.

[10] www.telegraaf.nl/reportage/25466459/___Politici_keken_weg___.html; http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/belgium/12202477/Belgium-needs-its-own-Special-Branch-or-else-it-is-fighting-terrorists-blind.html

Mehr von Purim 2016

gefunden auf Facebook:

Purim-Schneewittchen

Schneewittchen geht in ihrer Kaserne kein Risiko ein…

—–

Purim-Party abgesagt, hareidische Rocker geben belgischen Juden Privatkonzert

Nach Terroranschlägen spielten die Brüder Gat nicht vor 1.000 Zuschauern, sondern gaben ein inniges Konzert im Wohnzimmer einer jüdischen Familie

Cnaan Lipshiz, The Times of Israel, 25. März 2016

Die Brüder Gat bei einem Konzert (JTA/mit freundlicher Genehmigung von Arie Gat)

JTA – Als sie am Montag ein Flugzeug nach Belgien bestiegen, befanden sich die hareidischen Popstars Gil und Arie Gat auf der Mission eines der fröhlichsten Ereignisse des jüdischen Kalenders aufzuheitern: Purim in Antwerpen.

Die Brüder aus Eilat, die in jüdischen Kreisen weltweit unwahrscheinliche Berühmtheit erlangten, nachdem sie 2013 in der israelischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“ auftraten, sollten in einem Konzert auftreten, das die berühmten Purim-Straßenfeiern in Antwerpen eröffnet hätte, die Nichtjuden als den jüdischen Karneval bezeichnen.

Doch als die Gats zu einer ausverkauften Show in Antwerpen – Heimat für 12.000 hareidische Juden – ankamen, töteten Terroristen mindestens 31 Menschen bei einer Serie von Bombenanschläge am Flughafen von Brüssel und in einer U-Bahn-Station. Die Anschläge stürzten ein trauerndes Land und seine jüdische Gemeinschaft in eine Abriegelung. Alle Zusammenkünfte wurden abgesagt, die Behörden wiesen die Einwohner an Zuhause zu bleiben.

Das hielt Arie (51) und seinen jüngeren Bruder Gil (41) nicht davon ab ihren Auftrag auszuführen.

Statt ein Repertoire fröhlicher Rocksongs für 1.000 Zuschauer zu spielen, richteten sie ein intimes Konzert im Wohnzimmer einer jüdischen Familie aus. Dort spielten sie vor einer Handvoll Gäste eine Auswahl gefühlvoller Balladen, darunter Paul Simons „Sounds of Silence“, Neil Youngs „Heart of Gold“ und „Mi Ha’Isch“ – ein Lied aus den Psalmen.

Lior Ashkenazi, der Manager der Gats, sagte, er und die Brüder wussten nicht, wohin sie in der gelähmten Stadt gehen sollten und waren dankbar für die Einladung der Familie. Er betonte, dass der Auftritt spontan erfolgte. „Wir sind tief gläubig und dasselbe gilt für unser Publikum in Antwerpen“, sagte Arie Gat gegenüber JTA am Mittwoch nach der vorzeitigen Rückkehr des Duos nach Antwerpen. „Also arbeiteten wir mit dem, was wir hatten, wie das Judentum es uns lehrt. Es war kein Purim-Hochruf, aber es war spirituell erhebend, stärkend und ja, es war tröstend.“

Arie, der der Sekte der Breslower Chassiden angehört, lebte heute in Beit Schemesch bei Jerusalem. Ursprünglich Schlagzeuge, begann er im Alter von 4 Jahren in der Heimatstadt seiner Eltern – Eilat am Südende Israels – Musikinstrumente zu spielen. Er fing vor mehreren Jahren an zusammen mit seinem Bruder, einem Berufsgitarristen, in Jazz- und Blues-Clubs aufzutreten; nachdem sie von einer Industrie, „in der Musiker Clubbesitzer bezahlen müssen, um aufzutreten“, wie Arie sagte, enttäuscht waren, gingen sie dazu über auf der Straße zu musizieren.

Die Produzenten von „Der nächste Star“, Israels Version von „Deutschland sucht den Superstar“, machten sie zu Berühmtheiten, nachdem sie Videos der Brüder auf YouTube gesehen hatten.l Seitdem sind sie in New York, Toronto, überall in Europa und sogar in Panama aufgetreten, immer auf Anfrage jüdischer Gruppen und wohlhabender Fans.

Es war der Besuch der Gats in Antwerpen und folgte einem erfolgreichen Gig vor zwei Jahren. Sie sollten außerdem am Donnerstag in Brüssel spielen, dem wohl heißesten jüdischen Veranstaltungspunkt des Kontinents: der Großen Synagoge von Europa. Doch auch diese Veranstaltung wurde abgesagt.

Ein Konzert der Brüder Gat ist für Antwerpen ein passender Akt; dort gibt es viele hareidische Juden und die Stadt ist in sichereren Zeiten für ihre Straßenfeste zu Purim bekannt. In Brüssel lässt sich das schwerer verkaufen; das ist eine Stadt ohne auch nur ein koscheres Geschäft und die Mehrheit der 18.000 jüdischen Einwohner sind nicht praktizierende Juden. „Jüdischsein befindet in Brüssel jetzt seit Jahren im Stillstand“, sagte Arie, der in einer traditionellen Familie aufwuchs, aber mit seinem Bruder vor 20 Jahren hareidisch wurde.

„Die Organisatoren arbeiteten hart, um Hunderte Menschen, die der jüdischen Tradition nicht so nahe stehen, dazu zu bewegen zu diesem Konzert in die Synagoge zu kommen. Das Ziel wurde nicht erreicht und das ist enttäuschend“, sagte Arie Gat. Die Organisatoren versuchen das Konzert nächsten Monat nachzuholen.

Die Gats waren in Antwerpen, als die Anschläge stattfanden; ihr Schlagzeuger war kurz davor in Brüssel zu landen. Der Flug wurde nach Lüttich im Osten Belgiens umgeleitet – wo die Passagiere strandeten, nachdem der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel aus Angst vor weiteren Anschlägen eingestellt wurde. Die zwei Musiker taten sich mit anderen festsitzenden Passagieren zusammen und fuhren mit einem Leihwagen über Brüssel nach Antwerpen.

An der Ausfahrt in die Hauptstadt fuhren die Musiker an 16km Stau vorbei – Tausende flohen nach den Anschlägen aus ihrem Zentrum – und trafen die Gats in Antwerpen gerade rechtzeitig, im Wohnzimmer im Haus des örtlichen Geschäftsmannes aufzutreten, der die Gats nach Antwerpen geholt hatte.

„Wir glauben, dass alles für das Beste in Gottes Plan geschieht und ich weiß, dass das nicht richtig klingt, wenn wir vom Mord an Dutzenden Unschuldiger reden“, sagte Arie Gat. „Aber ich muss glauben, dass auch dies Teil eines größeren Ganzen ist.“

Nicht nur in Nahost – unsere Medien in Aktion

Diesmal können wir die Merkelei der Medien am Beispiel der taz und dem Flüchltingsstrom bzw. dessen Stau an der griechisch-mazedonischen Grenzen demonstrieren. Die taz bebilderte einen Beitrag zum versuchten Durchbruch von Flüchtlingen durch den Grenzzaun mit diesem Bild (Screenshot, 02.03.16, 16.50 Uhr):

taz-2016-02-29

Sehen wir einmal davon, dass es sich bei den stürmenden Massen NICHT um Kinder handelte – andere Medien zeigten Bilder wie diese (CNN, 01.03.16, Screenshot):

CNN-2016-03-01

Die BBC stellte auf ihrer Internetseite auch ein Video ein; die Daily Mail ebenso. Andere brachten weitere Fotos, die den improvisierten Rammbock zeigten, die von AP, Reuters usw. aufgenommen waren:

Auf diesen Bildern sind keine Kinder zu sehen. Die Akteure sind junge (muslimische) Männer, die koordiniert handeln. Das Bild der taz ist von daher schon irreführend und tendenziös, reine Propaganda.

Aber es kommt noch besser. Das von der taz gewählte Bild hat absolut NICHTS mit dem versuchten Durchbruch am Montag und seiner Verhinderung zu tun. Es wurde nämlich gar nicht dort und nicht an diesem Tag aufgenommen. Es handelt sich um ein längst bekanntes und preisgekröntes Bild – das UNICEF-Foto des Jahres 2015! Aufgenommen am 21. August 2015. An der griechisch-mazedonischen Grenze, aber das ist das Einzige, was hier übereinstimmt.

UNICEF-Foto-des-Jahres-2015

Die taz lügt also, wenn sie dieses Foto bringt. Sie will nicht berichten, sondern Stimmung machen. Und im Michelland weiß kaum einer, dass es so ist – oder will es nicht wissen.

Aber warum auch? Es ist ja gängige Praxis, auch bei politischen Parteien – hier kann man ein Beispiel der Grünen finden. Die wurden entlarvt, löschten und irgendwann kam sogar eine Entschuldigung. Aber die mit der Veranstaltung in Zusammenhang stehende tatsächliche Gewalt ist keine Erwähnung wert – waren ja Linke, nicht Nazis. Linke Gewalt ist in Ordnung…