Israels Moral und die Kurzsichtigkeit der Welt

Daniel Gordis, AJC 7. Dezember 2004

Jedes Diskussion um die Art und Weise, wie Israel den bewaffneten Konflikt mit den Palästinensern in den letzten Jahren geführt hat, verlangt zu allererst Klarheit über die Natur des Konflikts und was auf dem Spiel steht. Israel befindet sich im Krieg – nicht gegen „Militante“ oder gegen solche, die das palästinensische Volk „befreien“ wollen. Israel befindet sich in einem Krieg um sein Überleben, gegen gut bewaffnete und zunehmend gut ausgebildete, hoch disziplinierte Gruppen von Terroristen, die ihre Ziele offen verkünden. Ihr Plan ist nicht die Befreiung der „Gebiete“, die im Juni 1967 in einem Krieg erobert wurden, den Israel nicht wollte. Ihr Ziel, wie Hamas und Hisbollah (und andere) frei verkündetn, ist die Auslöschung des „zionistischen Gebildes“ von da, wo ihrer Vorstellung nach ein ausschließlich muslimischer Naher Osten sein sollte.

Das sind nicht die Tschtschenen gegen Russland. Alles, was die Tschetschenen wollen, ist Unabhängigkeit. Würde ihnen die gewährt, gibt es allen Grund zu erwarten, dass der tschetschenische Terror gegen Wladimir Putins Russland aufhören würde. Dasselbe gilt für die Basken in Spanien. Aber nicht so im Fall von Israel. Die einzige Möglichkeit, dass Israel dem Versuch der Terroristen, jeglichen Anschein von Normalität für das israelische Leben zu zerstören, aufhört, wäre, dass es aufhört zu existieren. Die Israelis begreifen das und willen sehr gut, dass jedes andere Land, das um seine pure Existenz kämpft, darüber erbost sein würde, wenn man es so beurteilt wie Israel, insbesondere von Europa, in den letzten vier Jahren beurteilt wird.

Wie dieser Krieg begann

Die Israelis erinnern sich auch daran, wann dieser Krieg begann – unmittelbar, nachdem Ehud Barak Yassir Arafat aufforderte Farbe zu bekennen. Barak bot dem palästinensischen Volk den Staat und die Unabhängigkeit an, von der sie immer sagten, dass ihre Jahrzehnte dauernde Terror-Kampagne sie ihnen bringen sollte. Aber bei Baraks Vereinbarung hätte Israel weiterhin existiert. Und das konnte Arafat letztlich nicht ertragen. Also versuchten er und eine Vielzahl lose dazu gehörende Terror-Organisationen, zu denen nicht nur Hamas, Islamischer Jihad, Hisbollah, Fatah, Force 17 und die Al Aksa-Märtyrerbrigaden gehören, Israel in die Knie zu zwingen, indem sie die gesamte Bevölkerung in die Unterwerfung ängstigen.

Es wird absurderweise immer noch gesagt, dass Arafat das Paket von Camp David nicht unterschreiben konnte, weil Baraks Angebot nicht gut genug war. Die Westbank, so einige, wäre in drei Kantone geteilt worden, zwischen denen Israel die Kontrolle des Verkehr weiter behalten hätte. Vielleicht. Das Bild ist nicht klar. Aber lassen Sie uns annehmen, dass die Behauptung stimmt und dass Arafat ehrlich eine Vereinbarung gewollt hätte. Das effektivste, das er hätte machen können, wäre gewesen, den Zehntausenden von Palästinensern, die damals das Recht hatten nach Israel einzureisen, zu sagen, sie sollten sich auf die Autobahnen Jerusalem – Tel Aviv und Tel Aviv – Haifa setzen. Er hätte CNN einladen können, deren Anwesenheit es der IDF unmöglich gemacht hätte, die Menge mit Gewalt auseinander zu treiben. Und Arafat hätte die Landkarte von Baraks Vorschlag auf die zweite Seite der New York Times bringen könnten, um der Welt zu zeigen, dass er nicht unterschreiben konnte. Israel wäre gezwungen gewesen nachzugeben und die Karte wäre geändert worden.

Wir werden den Frieden nicht mehr erleben

Aber das stand nicht in Arafats Planung. Daher verstehen die meisten Israelis heute, dass es keinen Frieden geben wird. Nicht zu unseren Lebzeiten und wahrscheinlich nicht zu Lebzeiten unserer Kinder. Es mag eine Einstellung der Feindseligkeiten geben – einige Jahre mit mehr, andere mit weniger Gewalt – aber wir wissen nun, dass hier zu leben bedeutet, dass wir in einem Zustand des dauerhaften Krieges leben und unsere Kinder in diesem aufziehen. Dieser Satz, dieses „Schicksal“ hat Schmerz, Verzweiflung, Traurigkeit und sogar Hass in der israelischen Gesellschaft geschaffen. Und angesichts dieser Verzweiflung und dem zurückgewiesenen Angebot ist es bemerkenswert, welche Zurückhaltung Israel geübt hat. Wer sonst würde, angesichts des Wissens, dass, egal, was wir tun, wir uns immer im Krieg befinden werden, solche Zurückhaltung üben?

Die Welt ignoriert die israelische Zurückhaltung

Die Welt ignorierte natürlich diese Zurückhaltung. Sie richtet sich nicht auf amerikanische Takitik in Afghanistan oder dem Irak oder den Krieg der Russen in Tschetschenien oder die Gräueltaten im Sudan. Statt dessen konzentriert sie sich auf die Fehler, die zugegebenermaßen von Israel gemacht worden sind. Das Verhalten einer kleinen Minderheit unter den Soldaten an Straßensperren ist verurteilenswert gewesen (und juristische Schritte gegen viele von ihnen sind eingeleitet). Die Beschlagnahmung arabischer Häuser durch Truppen ist fraglos abscheulich, wenn auch manchmal unvermeidbar. Unschuldige Palästinenser, darunter Kinder, sind ins Kreuzfeuer geraten und israelische Truppen sind manchmal unvorsichtig und gelegentlich gehässig gewesen. Die Israelis wissen das und die meisten sind davon peinlich berührt.

Aber dass die Terroristen sich entschlossen haben zivile Stadtviertel zu ihren Operationsbasen zu machen, wird selten erwähnt. Niemand hat es gewagt, den Israelis „Auge-in-Auge“-Taktiken zu benutzen, bei denen Busse oder Hochzeitsgesellschaften oder Restaurants gesprengt werden, denn solche Vorwürfe wären lächerlich. Als Terroristen in die Geburtskirche in Bethlehem flogen, umringten israelische Truppen die Kirche, stürmten sie aber nicht. Vergleichen Sie das mit dem Umgang der Amerikaner mit Moscheen in Nadschaf oder Falludscha, als ihre Geduld mit Moqtada Al-Sadr zu Ende ging, oder was gemacht worden wäre, hätten Juden sich in einer Kirche oder Synagoge versteckt und die Palästinenser hätten sie verfolgt. All das entgeht dem kritischen Auge des wachsamen Westens.

Ebenso ist es mit der ständigen Entschlossenheit der IDF es besser zu machen. Der erfolglose Versuch vom September 2002 den Hamaschef Ahmed Yassin zu töten, den Yossi Klein-Halevi in seinem Teil dieser Serie diskutierte, hat eine Geschichte. Israel verwendete eine 500kg-Bomber, weil es anerkannte, dass es bei der Tötung von Hamas-Chef Saleh Schehadeh zwei Monate früher einen Fehler gemacht hatte. Damals benutzte die IDF eine 1000kg-Bombe, die Schehadeh tötete, aber auch vierzehn andere Personen in der Nähe, darunter Kinder. Die Reaktion Israels erfolgte prompt und emotional. Die Israelis waren beschämt und entsetzt. Als Yassin zwei Monate später überlebte, wurde jegliche Enttäuschung darüber, dass überlebte, bei Weitem von einem gewissen Stolz übertroffen, dass wir gelernt hatten, dass wir denselben Fehler nicht noch einmal begingen und dass wir trotz unseres Wunsches Yassin zu töten, den Wert unschuldigen Lebens an die erste Stelle setzten. Wir haben aber auch gemerkt, dass die Welt von dieser geänderten Taktik keine Notiz nahm.

Im April 2002, als Israel Terroristen in die Kasbah von Jenin verfolgte, machten wir das am Boden, in Kämpfen von Haus zu Haus, um zu vermeiden, dass unnötige Opfer auf palästinensischer Seite entstanden. An einem Tag wurden vierzehn unserer Soldaten getötet. Aber die Welt – statt auf die Unterschiede zwischen Israels Umgang mit der Schlacht und dem, was andernorts geschehen wäre aufzuzeigen – beschuldigte Israel ein Massaker angerichtet zu haben. Europäische Zeitungen berichteten das Massaker als Tatsache, nicht als Vorwurf. Kofi Annan, wegen Israels Dementis befragt, antwortete: „Kann Israel Recht haben und die ganze Welt Unrecht?“ Aber als eine UNO-Untersuchung belegte, dass es kein Massaker gegeben hatte und dass Israel Recht hatte, entschuldigte Annan sich? Nicht mit einem einzigen Wort. Druckten die europäischen Zeitungen Gegendarstellungen? Im Großen und Ganzen machten sie das nicht.

Kurzsichtigkeit beim Trennzaun

Die Kurzsichtigkeit der Urteile der Welt zu Israels Moralität wird am offensichtlichsten beim derzeit im Bau befindlichen Trennzaun. Wie die israelische Rechte es richtig begreift, ist der Zaun eine faktische Möglichkeit Land abzugeben. Wenn der Zaun gebaut würde und funktionierte, dann gäbe es keine Notwendigkeit, dass die israelischen Streitkräfte hinüber gehen und im täglichen Leben der Palästinenser präsent sind. Er würde natürlich auch den Terror dramatisch verringern. Aber die Welt, die komplett die palästinensische Desinformationskampagne kauft, die den Bau des Zauns unmöglich machen soll, spricht vom „Apartheid-Zaun“, statt von den Anschlägen, die zu seinem Bau führten oder von der Verringerung israelischer Militär-Präsenz, die er einläutet.

Warum sind die Palästinenser überhaupt gegen den Zaun? Weil der Zaun den Konflikt ziemlich beenden würde (obwohl die Qassam-Raketenangriffe andeuten, dass der Zaun keine vollständige Lösung sein wird). Und wie wir wissen ist das Ende des Konflikts das Letzte, was die Palästinenser wollen.

Der Zaun hat bei den Palästinensern unzweifelhaft Belastungen verursacht. Einige davon sind unvermeidbar angesichts der Art und Weise, in der die zwei Bevölkerungen in der Westbank und um Ostjerusalem ineinander verwoben sind. Und einige Teile des Verlaufs waren schlecht geplant. Aber vergleichen sie die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag mit dem des israelischen Obersten Gerichts. Der ICJ verlangte, dass Israel die Mauer als Ganzes entfernt. Israels Oberstes Gericht entschied, dass der Zaun prinzipiell rechtens ist und stimmte mit der Armee überein, dass sein Sinn die Sicherheit ist, kein Versuch palästinensisches Land zu stehlen. Aber trotzdem verlangte das Gericht, dass Teile des Zauns verlegt würden, um den Belastungen für die palästinensische Bevölkerung entgegen zu kommen.

Der Gerichtshof der internationalen Meinung jedoch scheint das außergewöhnliche Phänomen nicht bemerkt zu haben, dass der Gerichtshof eines Landes, das sich im Krieg befindet, zu Gunsten der Bevölkerung urteilte, die dieses Land vernichten will. Außen stehende Beobachter schrieben, dass „selbst das israelische Oberste Gericht sagt, dass der Zaun unmoralisch ist“. Dabei war genau das Gegenteil der Fall. Selbst unter Kriegsbedingungen, Bedingungen, die sich wohl nicht so bald ändern werden, funktioniert Israels demokratischer Apparat weiter, bis hin zum Schutz der Interessen derer, die gegen das Land Krieg führen, in dem das Gericht seinen Sitz hat. Auch hier stellt Israel die Interessen von unschuldigen (oder auch nicht so unschuldigen) Zivilisten über die eigenen Sicherheitsinteressen. Und auch das wurde von der Welt ignoriert.

Israels intensive Diskussion um die Führung des Krieges

Dieser demokratische Ethos der israelischen Gesellschaft deutet auf noch eine weitere einzigartige Dimension des Konflikts. Es könnte keinen radikaleren Unterschied zwischen Israel und der radikaleren Unterschied zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde geben, die gegen den jüdischen Staat Krieg führt: Israel ist ein Land, in dem eine intensive und offene Debatte darüber geführt wird, wie die Bedürfnisse nach Sicherheit mit jüdischen Werten weiter geführt wird. Trotz meiner eigenen Ansicht, dass alles in allem unsere Kriegsführung zurückhaltend gewesen ist, stimmt nicht jeder Israeli dem zu. Einige junge israelische Männer haben sich geweigert, jenseits der Grünen Linie zu dienen und vor Kurzem wurde ihre Militärdienst abgebrochen, ohne weitere ernsthafte Folgen. Eine Gruppe Piloten, über die viel publiziert wurde, verkündete, sie würde nicht länger gewissen Missionen fliegen, die sie als moralisch problematisch ansahen. Wenn man die Autobahnen Israels entlang fährt, kann man oft Demonstranten sehen, die Zeichen hochhalten, auf denen „hayalim amitzim lo maftzitzim“ steht („mutige Piloten, werft keine Bomben“). Ob man ihre Meinung teilt oder nicht, wir haben ein Recht stolz auf eine Demokratie zu sein, in der solche Fragen offen diskutiert werden, wo die Pressefreiheit regiert, wo die talmudische Tradition praktisch unbegrenzter Debatten über moralische Fragen weiter geht.

Wo sind die Palästinenser, die in ihren Straßen wegen der Beendigung der Bombenanschläge diskutieren, über die Qassam-Raketen, die Schießereien, damit ihr Leben zur Normalität zurückgeführt werden kann? Wegen des Sicherheitszauns sieht man hunderte von Graffitis, die Israel einer Apartheids-Politik beschuldigen, verlangen, dass der Zaun entfernt wird. Aber wo sind die Graffitis, die ein Ende des Terrors fordern, der den Zaun erst hat entstehen lassen? Oder die Graffitis, die anmerken, dass, wenn nur Arafat weiter verhandelt hätte, nichts davon passiert wäre? Diese Stimme ist leider nicht zu hören.

Während ich das schreibe führt Ariel Scharon einen Versuch an, dass Israel sich aus dem Gazastreifen und einer Hand voll Siedlungen in der Westbank zurückzieht. Und was war die Reaktion aus Gaza? Ein Hagel von Qassam-Raketen, der israelische Kinder töteten und ganze israelische Städte in Angst versetzte, alles dazu gedacht den Rückzug unmöglich zu machen. Denn der Rückzug aus Gaza würde der Welt zeigen, dass Israel nicht daran interessiert ist, für immer an diesen Gebieten festzuhalten; die Palästinenser sind verzweifelt daran interessiert, dass die Welt das nicht zu sehen bekommt. Denn der Rückzug aus Gaza würde Israel eine besser zu verteidigende Front verschaffen, was die Palästinenser nicht wollen. Und weil ein Rückzug aus Gaza die Menschen in Gaza zwingen würde anzuerkennen, dass ihre Armut und ihr Leid nicht das Ergebnis israelischer Politik sind, sondern der israelischen Eroberung des Landes von 1967 voraus gingen und ihr ebenso folgen werden.

Wie antwortete Israel auf den Qassam-Hagel? Mit der Operation „Tage der Reue“ im Oktober 2004 – wieder am Boden, wieder mit Gefallenen – und nicht aus der Luft, was sicherer gewesen wäre, was aber unzweifelhaft mehr Kollateralschäden verursacht hätte.

Trotz der großen Komplexität des israelisch-arabischen Konflikts im Allgemeinen und der derzeitigen Konflikts mit den Palästinensern im Besonderen, sind einige Grundfakten klar: Israel versuchte einen palästinensischen Staat zu schaffen. Als diesem Angebot mit einem Terrorkrieg begegnet wurde, versuchte Israel einen Zaun zu bauen, der die Terroristen auf der einen Seite und die Soldaten auf der anderen Seite hielt. Als der Zaun als „Apartheidzaun“ behandelt wurde, versuchte Israel sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen, was die Palästinenser unmöglich zu machen versuchen. Die Welt nennt Israel rassistisch, aber die einzige Bevölkerung, die Scharon umzusiedeln versucht, ist die jüdische Bevölkerung von Gaza, nicht die Dörfer, die offen Terroristen beherbergen und unsere Kinder umzubringen versuchen. Und all das ereignet sich im Kontext einer demokratischen Gesellschaft, die – in Fortsetzung tausender Jahre jüdischer Tradition – leidenschaftlich darüber streitet, ob unsere Antworten zu drakonisch gewesen sind oder zu unzureichend die Palästinenser bedacht haben (einige davon ja, andere nicht), die traurigerweise im Kreuzfeuer einer Tragödie gefangen wurden, die von ihren eigenen Führern losgetreten wurde.

Israels moralischer Kampf gegen den Terror

Yossi Klein Halevi argumentiert, dass Israels Sieg in diesem Krieg gegen den Terror eines Tages als einer der größten Siege der jüdischen Geschichte angesehen werden könnte. Das mag durchaus stimmen. Aber Israels Führung dieses Krieges wird, den Verdacht habe ich, ebenfalls als eine der moralischsten Kämpfe gegen den Terror angesehen werden, einem krank machenden Phänomen, das durchaus die westliche Welt über die nächsten Jahre in immer größerem Ausmaß ergreifen könnte.

Unglücklicherweise ist Israel oft ein Barometer dessen, wem sich die westliche Welt demnächst gegenüber sehen wird. Als Israel 1981 den irakischen Atomreaktor zerstörte, war die Verurteilung praktisch universal. Heute weiß die westliche Welt, dass Israel sie vor einem Desaster bewahrt haben dürfte. Dasselbe gilt für den Kampf gegen den islamischen Terror. So wie der Kampf sich ausweitet und Westler in Großbritannien, Frankreich, Spanien und den USA mehr und mehr Terror aus erster Hand erleben, wird die Welt dazu kommen, die Zurückhaltung und innere Stärke zu bewundern, mit der Israel um sein Leben gekämpft hat. Letztendlich, glaube ich, wird Israels Führung dieses Krieges – mit all ihren Fehlern und Schwächen – ein Modell sein, nach dem große Teile der derzeit kritischen Welt eines Tages vorzugehen versuchen wird.

Yitzhak Rabin und sein Platz in der Geschichte

Dr. Joel Fishman, Editorial in Makor Rishon, 29. Oktober 2004 (direkt vom Autor)

Der vergangene Mittwoch, 27. Oktober – oder nach dem hebräischen Kalender der 12. Heschwan – war der Jahrestag des Todes von Premierminister Yitzhak Rabin. Dieses Tages wurde mit einer ganzen Reihe von Zeremonien in Schulen, der Knesset, sowie im Regierungsradio und Fernsehen gedacht. Neun Jahre sind seit der Ermordung vergangen und es besteht weiter ein nationales Bedürfnis sich des Premierministers zu erinnern, der einen gewaltsamen Tod starb. Wir müssen uns an das Geschehene in der Hoffnung erinnern, dass das Verbrechen des politischen Mordes und einer nationalen Tragödie dieser Art sich nie wiederholt. Mit dem Lauf der Jahre ergibt sich aber eine weitere Ebene des Verständnisses und des Bewusstseins, die unsere Aufmerksamkeit benötigt, nämlich den Platz Yitzhak Rabins in unserer nationalen Geschichte. Kerzen anzünden, Lieder, Nostalgie, Anekdoten, Reden und sorgfältig ausgearbeitete Fernseh-Dokumentationen sind kein Ersatz für kritische Geschichtsschreibung.

Eine der charakteristischen Eigenschaften jüdischer Tradition ist, dass sogar Könige wie David, Salomo und die Hasmonäer-Herrscher den Gesetzen unterworfen sind und entsprechend beurteilt werden. Als Volk haben wir ein realistisches historisches Verständnis der Stärken und Schwächen unserer Führer und Könige. Wir haben eine reiche geschichtliche Tradition und es wäre ein Rückfall auf eine niedrigere kulturelle Ebene, würden wir aufhören gute historische Aufzeichnungen zu machen und jeden politischen Führer über Kritik zu stellen und ihm damit eine Art Heiligkeit gewährten.

Eine gesunde Gesellschaft braucht die Schriften kritischer Geschichtsschreibung, weil ein akkurates Verständnis der Vergangenheit notwendig ist für das Verständnis der Gegenwart. Es sollt auch vermerkt werden, dass einig europäische Staaten die Notwendigkeit erfahren haben, mit ihrer jeweiligen nationalen Geschichte während des Zweiten Weltkriegs umzugehen. Obwohl ihre Wirklichkeit anders aussah, können ihre Bemühungen als Beispiel für andere dienen. Die Deutschen haben den Begriff der „Vergangenheitsbewältigung“, der sich besonders auf Deutschlands Nazi-Vergangenheit bezieht. Ähnlich ist es in den Niederlanden, das bereits bei seiner Befreiung ein staatliches Institut für Kriegsdokumentation einrichtete, das Informationen in Form offizieller Dokumente und mündlicher Zeugnisse über die Zeit sammelte. Der Direktor des Instituts, Prof. L. de Jong – mein Freund und Lehrer – schrieb die offizielle Geschichte des Königreichs der Niederlande im Zweiten Weltkrieg in einer großen Arbeit, die die schmerzhafte Wahrheit erzählte und eine gründliche und schockierende Untersuchung holländischer Kollaboration mit der deutschen Besatzungsarmee auf allen Ebenen von Regierung und Gesellschaft bietet. Bei jeder Erscheinung eines Bandes war die Presse empört, aber nach dem ersten Schock stimmten die meisten Holländer überein, dass de Jong die Wahrheit sagte. Die Wahrheit zu sagen, selbst wenn sie schmerzt, ist eine wichtige öffentliche Notwendigkeit. Es ist von großer Wichtigkeit, dass israelische Historiker ebenfalls beginnen mit der Vergangenheit klar zu kommen, insbesondere in Bezug auf den Mann Yitzhak Rabin, den Oslo-Prozess und sein Erbe.

Es gibt eine nationale Notwendigkeit die Diskussion um Yitzhak Rabin auf eine höhere Ebene zu bringen. Ein sorgfältiger Blick auf die historischen Fakten würde es schwieriger machen Verallgemeinerungen zu verbreiten wie: „Die Rechte hat den Friedensprozess getötet“ (Amnon Lipkin-Shahak) oder: „Wir hätten Frieden, wenn Yitzhak weiter gelebt hätte“ (Itamar Rabinowitsch). Behauptungen wie diese zeugen weder von kritischem Denken, noch erweitern sie unser Wissen. Die erste, die dem Vorwurf gleicht, dass die Juden Jesus töteten, ist ungenau und die zweite heuchlerisch.

Ein erster Schritt zum kritischen historischen Verständnis der Sache sollte die Überprüfung der Terminologie sein, mit der Meinungsströmungen in Israel beschrieben werden. Man sollte lieber Golan Lahats Vorschlag anwenden, dass die israelische Gesellschaft nicht als entlang der traditionellen europäischen Linien von „links“ und „rechts“ geteilt betrachtet werden sollte, sondern eher anhand ihrer Ansichten zur Sicherheit. So könnte man Israelis danach einordnen, wer Oslo anfangs unterstützte und dann ablehnte. (Das würde auch auf den theoretischen Fall von Israelis anwendbar sein, die erst dagegen waren und dann dafür – wofür es aber anscheinend keine vermerkten Beispiele zu geben scheint.)

Der Sinn dieses Aufsatzes ist nicht die Debatte der historischen Fragen, sondern einige der Fragen festzustellen, denen man sich stellen muss. Nur wenige würden leugnen, dass Oslo keinen Frieden brachte, aber es ist wichtig, dass man erfährt warum. In diesem Zusammenhang ist eine der wichtigsten Fragen, die ehrliche Historiker untersuchen müssen, die nach Yitzhak Rabins Verantwortung für die nicht da gewesene Zahl an zivilen Opfern, die dadurch entstanden, dass man die PLO aus Tunis hierher holte und sie mit Waffen versorgte.

Nach dem Mord an Ofra Feliks im Januar 1995 führte Rabin den Ausdruck Korbanoth Ha-Shalom ein, wörtlich: Opfer für den Frieden. Damit wurde die Tatsache geleugnet, dass sie Terroropfer waren. Rabin imitierte Ben Gurions Erklärung vom September 1939 („Wir werden den Krieg führen, als gäbe es kein Weißbuch und das Weißbuch bekämpfen als gäbe es keinen Krieg“) und erklärte wiederholt, dass Israel den Terror bekämpfen würde als gäbe es keine Verhandlungen und Verhandeln als gäbe keinen Terror. Diese Stellungnahme diente als vernünftige Erklärung für Rabins Entscheidung das Leben von Zivilisten zu opfern. Heute müssen wir fragen, ob es verantwortlich war, diese Opfer als „Preis für den Frieden“ zu akzeptieren und rationale Diskussion durch Leugnung der Wahrheit und den Gebrauch von Schlagworten und Werbeliedern zu unterdrücken.

Ähnlich müssen sich Historiker der unterschwelligen Annahme von Oslo stellen, dass die PLO den Willen wie die Möglichkeit haben würde die Extremisten von Hamas und Islamischen Jihad zu bekämpfen und so Israel vor Terror zu schützen. David Makovsky hat diese Prämisse als „eine der großen Fehleinschätzungen von Oslo“ bezeichnet. Das Ergebnis davon war eine Reihe problematischer politischer Entscheidungen, so die Einsetzung einer Diktatur in der Palästinensischen Autonomie. Weiter beschreibt Natan Sharansky Rabins Glaube, dass die undemokratische Natur des Regimes Arafats den Interessen Israels dienen würde. Er schildert ausführlich, dass eine Woche nach Unterzeichnung der Oslo-Vereinbarungen 1993 „Premierminister Rabin den Satz prägte, der den gesamten Ansatz der Regierung eisig so zusammenfasste: ‚Arafat wird sich um die Terroristen kümmern’, sagte er, ‚ohne Obersten Gerichtshof, ohne B’Tselem und ohne alle möglichen blutenden liberalen Herzen.’“

David Makovsky wie Dore Gold haben die Frage nach der launenhaften Natur der Entscheidungsfindung der Regierung Rabin aufgeworfen; Entscheidungen wurden oft ohne die Hilfe des Einholens von professionellem Rat getroffen. Wie war es möglich, dass Rabin den wichtigen Schritt des Eintritts in Verhandlungen mit der PLO unternahm, ohne professionellen militärischen und juristischen Rat einzuholen? Man könnte sich fragen, ob es im größeren Zusammenhang eine zu große Konzentration auf die Macht auf der obersten Ebene gab und ob die Entscheidungsfindungsprozess , wie er in Sachen nationale Sicherheit statt fand, nicht richtig funktionierte. Gleichermaßen muss Rabins Entscheidung bewertet werden, die Palästinenser zu bewaffnen. Viele Israelis erinnern sich der Worte der Erklärung Yitzhak Rabins im Radio aus dem Dezember 1993:

Hört auf Angst zu haben. Es gibt die Gefahr nicht, dass diese Gewehre gegen uns benutzt werden. Der Sinn dieser Waffen für die palästinensische Polizei ist, dass sie in ihrem umsichtigen Kampf gegen die Hamas benutzt werden. Sie werden nicht einmal davon träumen sie gegen uns einzusetzen, denn sie wissen sehr wohl, dass, sollten diese Gewehre auch nur einmal gegen uns benutzt werden, der Oslo-Vertrag annulliert werden wird und die IDF an alle Orte zurückkehrt, die ihnen übergeben wurden. Der Oslo-Vertrag ist, trotz allem, was die Opposition behauptet, nicht unwiderrufbar.

Über die Frage des Inhalts dieser Stellungnahme [für die es derzeit anscheinend keine bestätigte Verschriftlichung zu geben scheint] hinaus geht die Art und Weise, in der Rabin seine neue Politik der israelischen Öffentlichkeit präsentierte und der Grad an Verantwortung, die er gegenüber seinem Volk empfand. Während des Winters 1993/94 erklärte Rabin (wie andere Olso-Vertreter auch), dass, wenn Oslo nicht funktionieren würde, er seine Politik umkehren und alles zurücknehmen würde – eine Idee, die ursprünglich von Shimon Peres stammte. Als aber klar wurde, dass das Glücksspiel um den Frieden nicht klappte, verhandelte Rabin weiter, statt die Verluste zu mindern. Für Neal Kozodoy, den früheren Redakteur von „Commentary“, der eine Sammlung von Aufsätzen zum Friedensprozess veröffentlichte, war die zentrale Frage: „Warum, nachdem die Täuschungen und Selbsttäuschungen von Oslo schließlich demaskiert waren und die Wirklichkeit nicht länger geleugnet werden konnte, warum waren immer noch Stimmen zu hören, die darauf bestehen, dass ‚der Nahost-Friedensprozess, nur weil er fehl geschlagen ist, nicht aufgegeben werden darf?’“

Das bringt uns zurück zu verschiedenen Grundproblemen. War Rabins Politik realistisch? Stellten seine Versprechen eine Art Verpflichtung dar, ob sie nun erfüllt wurden oder nicht? In welchem Ausmaß betrachtete Rabin sich selbst an sein Wort gebunden, wenn überhaupt? Sicher, wir können nicht erwarten, das Wahlkampf-Versprechen einen juristischen Vertrag darstellen oder dass sie bis auf den letzten Buchstaben erfüllt werden. Im wirklichen Leben könnten sie auch völlig ignoriert werden. Trotzdem stellen sie eine Art moralischer Verpflichtung dar. Zwischen Ideal und Wirklichkeit mag es eine Lücke geben, aber trotzdem würde man von einem Führer nicht erwarten, dass er solche Dinge mit der Absicht unternimmt sie zu erfüllen oder genau das Gegenteil dieser Plattform zu tun. Es handelt sich hier um schwer wiegende Versprechen und wenn sie nicht wenigstens zu einem gewissen Maß erfüllt werden, dann gibt es ein echtes Problem.

Weiterhin gibt es die Frage, wie ein Führer in einer Demokratie mit der Opposition umgehen sollte. Es war nie ein Geheimnis, dass es Teil der Regierungspolitik war, ihre Gegner systematisch anzugreifen, um sie zu diskreditieren und dass sie dabei eine hetzerische und gewalttätige Sprache benutzte. Hillel Halkin berichtte, dass die Schlagseite der Titelseite von Ha’aretz am 26. März 1995 lautete: „Rabin: Likud, Kollaborateur der Hamas“. Nach Halkin wurde in dem Artikel berichtet, dass Rabin den Likud angriff und erklärte, „die Terrororganisationen haben Erfolg, weil der Likud ein Kollaborateur des Islamischen Jihad und der Hamasgeworden ist“.Dieser Artikel beschreibt die Entscheidung in der (Arbeits-)Partei, die Angriffe gegen die politische Rechte zu verstärken, weil Netanyahu in den Umfragen vorne lag. Die Tatsache, die nicht herunter gespielt oder geleugnet werden sollte, ist, dass es heftige Hetze auch seitens derjenigen gab, die gegen Oslo waren. Aber der Historiker muss fragen, ob es in einer Demokratie korrekt war, dass die Regierung ihre Gegner delegitimisierte, die zumeist aus gesetzestreuen Bürgern bestanden. In diesem Zusammenhang muss man die Atmosphäre der moralischen Drangsalierung vermerken, die die Regierung Rabin damals schürte und die Tatsache, dass auch der geringste Zweifel oder Fragen höhnisch oder mit Schweigen abgetan wurden.

Wenn wir an Rabin denken, dann denken wir meistens an Oslo und die Palästinenser, aber seine Verhandlungsführung mit Syrien sollte nicht vergessen werden. Am Tag vor den Wahlen von 1992 z.B. erklärte er in deutlicher Sprache, dass jeder, der die Golan-Höhen aufgibt, sich der Aufgabe der Sicherheit Israels schuldig macht. Dann, nach der Erreichung der Macht, geißelte er die, die ihn an seine Versprechen erinnerten. Uri Dan berichtet, dass Rabin am 8. Juni 1993 erklärte: „Sobald konkrete Vorschläge da sind, können sich die Siedler auf dem Golan in ihren Demonstrationen drehen wie Propeller. Es wird ihnen nichts einbringen.“ Später verglich Rabin einige von ihnen verächtlich mit der Hamas und, so wird berichtet, bezeichnete sie als „Feinde des Friedens“. Über seine öffentlichen Statements hinaus fügte er Israels zukünftiger Verhandlungsposition durch die im Alleingang geführten indirekten Verhandlungen mit Syrien Schaden zu. Erst bat er die Amerikaner den Syrern die hypothetische Frage zu stellen, welchen Art von Frieden sie Israel im Tausch für einen kompletten Rückzug von den Golan-Höhen anbieten würden. Innerhalb von vier Monaten und mit der Einmischung der Amerikaner wurde dieser diplomatische Schritt bald als israelischer Versuch interpretiert von den gesamten Golan-Höhen abzuziehen. (Das erinnert an den Gefangenen-Austausch mit der Terrorgruppe Ahmed Jibril, der im Mai 1985 vorgenommen wurde, als Rabin Verteidigungsminister war. Damals entließ Israel im Tausch für sechs israelische Soldaten 1.100 verurteilte PLO-Terroristen, die lebenslange Freiheitsstrafen wegen Mord verbüßten, darunter Kozo Okamoto. Das Ergebnis dieser Transaktion war, dass Rabin ähnlich erfolgreich Israels zukünftige Position bei Geisel-Verhandlungen schwächte.)

Rabin hatte keine deutliche Mehrheit in der Knesset, aber er erzählte Besuchern gewöhnlich, dass er selbst mit einer Mehrheit von nur einer Stimme machen würde. Daher kaufte er, um das Oslo II-Abkommen Ende 1995 ratifiziert zu bekommen, die entscheidende Unterstützung von Gonen Segev und Alex Goldfarb (Segev war Infrastruktur-Minister und wurde später wegen Kreditkarten-Betruges verurteilt; er erhielt eine Bewährungsstrafe. Derzeit wartet er auf den Beginn eines Verfahrens wegen Drogenschmuggel). Amotz Asa-El von der „Jerusalem Post“ schrieb, dass der Fall Segev „historisch ist, weil er den Mann betrifft, der die entscheidende Stimme für die sensibelste und kontroverseste politische Entscheidung abgab, die hier je getroffen wurde, in einer Zeit, als die israelische Gesellschaft bereits entzweit war von der Debatte um die Oslo-Verträge und den Terror, der ihrer Genehmigung folgte.“ Was sagt uns diese Tatsache über den Mann Rabin und sein Erbe?

Es gibt auch ein Thema in Bezug auf das Studium des Führers eines Landes, das in Israel weit gehend ignoriert wurde, aber überall sonst als legitim gilt: persönliche Vorzüge, Gewohnheiten, Schwächen und Gesundheit, insbesondere vor dem Hintergrund, wie diese das politische Verhalten beeinflussen. Doris Kearns Goodwin hat z.B. detailliert über Franklin D. Roosevelt, seine Geliebte und seine gesundheitlichen Probleme geschrieben, die oft vernachlässigt werden. Was Israel angeht, so kennen wir die Auswirkungen von Entmutigung und Depression bei Menachem Begin.

Im Fall von Yitzhak Rabin gibt es mehrere Fragen, die Historiker in aller Fairness stellen müssen. Hatte Rabin seine Alkohol-Abhängigkeit hinter sich gelassen, als er 1992 sein Amt antrat? Wenn ja, wann? Litt er unter einer Krankheit, die seine Stimmung und sein Verhalten beeinflusst haben könnte und nahm er Medikamente? War er in der Lage Druck auszuhalten, wie z.B. im Fall des Austauschs der Gefangenen von Jibril oder die Entscheidung die Hamas-Männer wieder zu repatriieren, die im Dezember 1992 ins Exil in den Libanon geschickt wurden? Manche Beobachter, so auch Yigal Carmon, haben großzügig erklärt, dass Rabins letzte Jahre im Amt nicht seine besten waren. Andere, wie Itamar Rabinovitch, haben geschrieben, dass Rabin in genau diesen Jahren seinen Höhepunkt als ausgereifter Staatsmann erreicht hatte. Wer hat recht? Wie auch immer, wir müssen nach der Wahrheit suchen.

Einen Tag im Jahr muss man seiner gedenken. Die übrigen 364 Tage müssen wir unsere Geschichte so schreiben, „wie sie wirklich war“. Wir sollten uns nicht das Gehirn vernebeln lassen, sondern die harten Fragen stellen und unser Bestes tun, eine ehrliche und kritische Geschichte des Mannes Rabin und seines Erbes ohne ideologische Einseitigkeit und ohne Rechtfertigungen schreiben.

1976 urteilte ein israelisches Gericht, dass jüdisches Gebet auf dem Tempelberg in Ordnung ist

Elder of Ziyon, 8. Februar 2017

Die Internetseite der PLO bringt einen täglichen Artikel, der das Jahr hindurch Jahrestage wichtiger Ereignisse in der palästinensischen Geschichte heraushebt.

Mit sehr wenigen Ausnahmen stammen fast alle der etwa 240 Ereignisse in ihrer Timeline aus den letzten 100 Jahren. (Sie beinhaltet für 1099 ein Datum für die Kreuzzüge und ein paar für die Zeit Napoleons 1799, dazu den ersten Zionistischen Kongress im Jahr 1897.)

Für den 8. Februar heißt es, dass 1976 „ein zionistisches Gericht entschied den Juden zu erlauben im Haram al-Scharif zu beten“.

Was geschah 1976?

JTA schreibt:

… eine winzige nationalistische Gruppe hat in regelmäßigen Abständen versucht auf dem Tempelberg zu beten. Am 8. Mai 1975 begannen acht junge Mitglieder dieser Gruppe, die vordergründig eine Tour auf dem Ort machten, zu beten. Die waren mit ihrem Gebet fast fertig, als ein alter Muslim sie bemerkte und seine Freunde herbeirief. Schon bald versammelte sich eine Menge Muslime und eine Auseinandersetzung brach aus. Die Dienst habenden Polizisten des Polizeipostens auf dem Tempelberg (zumeist Araber) wurden gerufen, um den Zusammenstoß zu beenden. Sie nahmen die jungen Juden fest, die in der Folge vor Gericht gestellt wurden.

Richterin Ruth Or entschied in ihrem Urteil vom 28. Januar, dass die den Polizisten gegebenen Anweisungen – die Juden davon abzuhalten auf dem Berg zu beten – illegal waren, da das Gesetz das Grundrecht aller Gläubigen an ihren heiligen Orten zu beten feststellt. Die Richterin kritisierte den Minister für religiöse Angelegenheiten dafür, dass er keine Verfahren für Gebete sowohl für Juden als auch Muslime auf dem Tempelberg eingeführt hatte.

Die Regierung hat solche Arrangements für die gemeinsame Nutzung der Machpela-Höhle in Hebron durch Muslime und Juden eingeführt, stellte die Richterin fest; sie hatte es aber unterlassen das auch für den Tempelberg zu tun.

Der Staatsanwalt hat gegen die Entscheidung des Bezirksgerichts Berufung eingelegt – was durchaus die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1970 wieder einsetzen könnte. Derweil ist das Urteil der Richterin weiterhin Ursache für Spannungen in Ostjerusalem und er Westbank. Die Polizei sperrt weiter vermeintliche jüdische Beter vom Berg, aber muslimische Wut wird offenbar beschwichtigt werden, wenn die Entscheidung der Richterin verworfen werden wird.

Anscheinend wurde dieses Urteil aufgehoben.

Der Präsident des Obersten Gerichtshof, Aharon Barak, schrieb 1976 in Reaktion auf die Berufung:

Das Grundprinzip lautet, dass jeder Jude das Recht hat den Tempelberg zu betreten, dort zu beten und Gemeinschaft mit seinem Schöpfer zu haben. Das ist Teil der religiösen Freiheit zu beten, es ist Teil der freien Meinungsäußerung. Aber es ist, wie bei jedem Menschenrecht, nicht absolut, sonder ein relatives Recht… Tatsächlich ist es in einem Fall, in dem es so gut wie sicher ist, dass das öffentliche Interesse beeinträchtigt werden könnte, wenn das Recht einer Person auf religiöse Anbetung und freie religiöse Betätigung umgesetzt wird, möglich die Rechte der Person einzuschränken, um das öffentliche Interesse aufrechtzuerhalten.

Das ist erstaunlich, denn es sind nicht die Betenden, die Verletzungen verursachen, sondern die Frömmler, die es ablehnen dieses grundlegende Menschenrecht zuzulassen, das um das sich zu sorgen Barak behauptet. Es bedeutet, dass muslimische Extremisten Vetorecht über jüdische Menschenrechte besitzen, solange sie Gewalt einsetzen, was genau das Gegenteil von Menschenrechten ist.

Obwohl das Urteil der Richterin jüdisches Gebet gestattete, wurde das nie durchgesetzt und die israelische Polizei verbietet weiter jüdisches Gebet, die Palästinenser begehen den Tag immer noch (übrigens den falschen Tag) als weiteres Beispiel dafür, dass sie von Juden unterdrückt werden.

Der Irrglaube an die „Zweistaatenlösung“

Die Welt glaubt immer noch, dass die „Zweistaatenlösung“ der Weg ist den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen. Aber wenn die Palästinenser diese Idee beschwören, dann meinen sie damit etwas ganz anderes, das nichts mit Frieden zu tun hat.

Dr. Joel Fishman, MIDA, 12. Februar 2017

Nur eine Phase auf dem Weg zur Vernichtung Israels; Salah Khala mit Yassir Arafat

Einige Zeit lang ist die Parole der sogenannten „Zweistaatenlösung“ in den Medien ständig als wünschenswertes Ziel präsentiert worden – ein Ziel, das Israel und die Palästinenser im Interesse des Friedens umsetzen sollten. Wann immer man diese Idee aufbringt, wird impliziert, dass Israel große Opfer im Austausch für unklaren Nutzen bringen sollte. Während der Zeit der Obama-Administration beschuldigte Außenminister John Kerry die Regierung Israels bitter, sie sei nicht auf die „Zweistaatenlösung“ festgelegt und erst noch letzte Woche in London erklärte Premierministerin Theresa May sie ziehe die „Zweistaatenlösung“ vor. Sie fragte Premierminister Netanyahu, ob er sich an diese Formel gebunden fühle. Der Premierminister seinerseits antwortete nicht direkt, sondern erklärte, dass Israel dem Frieden verpflichtet sei.

Dieser Parole fehlt jeglicher Wert. Die PLO führte ihn anfangs als List ein und ihr wahrer Zweck bestand darin ihre wahren Ziele und die ihres Nachfolgers, der Palästinensischen Autonomiebehörde zu kaschieren. Die Absicht derer, die die Idee der „Zweistaatenlösung“ in die Welt setzten, war, dass sie von den Israelis – ihren potenziellen Opfern – und anderen gutmeinenden Außenstehenden, die scheinbar eine faire Lösung dieses Krieges wollten, ganz anders verstanden wird.

Während des Krieges in Vietnam führten die Nordvietnamesen ursprünglich die „Zwei Staaten“-Formel ein, um ihr strategisches Ziel zu verstecken. Sie übernahmen eine Phasen-Strategie, die, weil die Aufmerksamkeit den Zwischenschritten ihres Kampfes gewidmet wurde, in die Lage versetzte ihr Ziel in kleinen Schritten zu erreichen. Ihre wahre Absicht war die Eroberung von Südvietnam und 1975 flohen die letzten Amerikaner per Hubschrauber vom Dach ihrer Botschaft in Saigon. Das war sowohl für die Südvietnamesen als für auch die Vereinigten Staaten von Amerika eine große Niederlage.

Während der frühen 1970-er Jahre führte Salah Khalaf, der als Abu Iyad bekannt war, eine PLO-Delegation nach Hanoi, um von den Nordvietnamesen zu lernen. Sie trafen dort den legendären General Vo Nguyen Giap und politische Berater, die sie anleiteten, wie sie ihre Sache präsentieren und ihr Terroristen-Image in der öffentlichen Meinung der Welt ändern können. Abu Iyad beschrieb diesen wichtigen Besuch in seinem Buch „Meine Heimat, mein Land“ (das er mit Eric Rouleau 1978 veröffentlichte). Abu Iyad erzählte, dass die Nordvietnamesen den Palästinensern rieten die Aufmerksamkeit den Zwischenschritten ihres Krieges zu widmen und die Notwendigkeit von „provisorischen Opfern“ zu akzeptieren.

„Ohne jemals ausdrücklich auf die Fatah und die PLO zu verweisen gaben die Mitglieder des Politbüros ein langes Exposé der verschiedenen Phasen im Kampf des vietnamesischen Volks aus, wobei erklärt wurde, warum sie sich mit verschiedenen Zugeständnissen abfinden mussten, manchmal so wichtigen wie der Teilung des Landes in zwei separate, unabhängige Staaten.“ Unabhängig davon veröffentlichte der Geheimdienstanalyst Yossef Bodansky 1997 mehr Informationen zu diesem Treffen. „Die Vietnamesen schlugen vor, dass das scheinbare Akzeptieren der Teilung des Landes in zwei unabhängige Staaten‘, ohne zu betonen, dass dies nur ein Zwischenschritt sei, die Gegner der PLO im Westen neutralisieren würde.“

Wir leben in einer Kultur der Hochtechnologie der kurzen, prägnanten Zitate und Textbotschaften, der schnellen und einfachen Kommunikation, der Online-Botschaften; solche Gewohnheiten halten die Öffentlichkeit davon ab die Erfahrungen der Vergangenheit sorgfältig zu studieren. Um zu verstehen, was hier falsch ist, müssen wir uns an die Geschichte dieser Parole erinnern, die von Anbeginn an als Schwindel konzipiert war. Sie begann als Mittel der politischen Kriegsführung und ihre Zielsetzung wurde nie geändert. Ihr Potenzial ist geblieben, weil Menschen die Vergangenheit nicht kennen oder eingelullt wurden.

Infolge der Verfolgung und Dokumentation des Ursprungs des Begriffs können wir mit Sicherheit wissen, dass er Betrug ist und dass diejenigen, die ihn fördern, Israel nicht Gutes wünschen können. Aus demselben Grund sollte kein Israeli, der seinem Land Gutes wünscht, jemals für die „Zweistaatenlösung“ eintreten. Ihr Programm bedeutet nichts weniger als den Politizid Israels. Die Idee mag während der Oslo-Ära in Mode gewesen sein, aber es ist immer noch nötig dem genau zuzuhören, was der Feind sagt und was er meint.

Das Rückkehrrecht ist eine Super-Idee

Beth Goodtree, jewishinternetassociation.org, 27. Mai 2004 (Link: Arutz-7)

Der muslimisch-arabische Schrei nach einem “Rückkehrrecht” geht an die Herzen der Liberalen und der Medien. Unglücklicherweise scheint niemand zu begreifen, dass dieses von den muslimischen Arabern verlangte „Rückkehrrecht“ kein wirkliches Rückkehrrecht ist; außerdem wollen sie es nicht universell angewendet sehen. Also wollen wir die ganze Vorstellung des „Rückkehrrechts“ im harten Licht der Fairness untersuchen und sehen, wer wohin zurückkehren kann.

Nach den muslimischen Arabern gibt es für das „Rückkehrrecht“ keine zeitliche Begrenzung. Es ist so, dass ich dem zustimme. Jedem, der aus seinem Haus vertrieben ist (vertrieben – nicht, wer es freiwillig verließ), sollte die Rückkehr erlaubt werden. Ebenfalls, den muslimischen Arabern zufolge, erben die Nachkommen das Rückkehrrecht. Ich stimme dem von ganzem Herzen zu.

Daher wollen wir die muslimisch-arabische Version des „Rückkehrrechts“ im Licht des jüngsten arabischen Gipfels untersuchen, der kürzlich in Tunis abgehalten wurde. Zurückhaltend, vielleicht zu zurückhaltend, versucht die Präambel der „Tunis-Erklärung“ die Welt einzulullen, dass sie glaubt sie [die Araber] seien ein Haufen friedliebender, gesetzestreuer, nicht faschistischer, nicht aggressiver, nicht diktatorischer und Nicht-Tyrannen, deren einziges Ziel die Nettigkeit und Leichtigkeit seien und nicht Dominierung der Welt und Unterordnung unter den Islam.(1) Und während die tatsächlich aufgeführten Punkte der Erklärung eine entschieden einseitige Agenda puschen, die der Präambel entgegen läuft, ist die Präambel selbst Teil dieser Erklärung; also wollen wir sie in der ausgewogenen Art anwenden, in der sie der zivilisierten Welt Glauben machen wollen, dass sie ihr Ziel sei. (Mit anderen Worten: Lassen wir sie beim Wort nehmen.)

In der Präambel wird folgendes erklärt: „In Bestätigung unserer Verbundenheit zu den Gründungsprinzipien der Arabischen Liga und der Zielsetzungen ihrer Charta, wie auch der noblen, humanitären Werte, die von der Charta der Vereinten Nationen und allen Vorkehrungen des internationalen Rechts geweiht wurden.“

Wie unbekümmert sie das von sich geben. Vielleicht dachten sie sich, dass niemand in der Charta der Arabischen Liga nachsieht. Ich aber habe das gemacht und erfahren, dass sie auf einer früheren Vereinbarung gründet, einer von 1944, die „Das Protokoll von Alexandria“ heißt.(2)

Das Protokoll von Alexandria ist nun ein sehr interessantes Dokument, das das Image zu widerlegen scheint, dass die Arabische Liga auf ihrem Pow-wow im Mai 2004 zu vermitteln versuchte. In diesem Protokoll von Alexandria wird Kapitel 5 „Besondere Resolution betreffs Palästina“ aufgeführt, das folgendes erklärt: „… für die Beendigung jüdischer Einwanderung zu sorgen, der Erhaltung arabischen Landes und der Erzielung der Unabhängigkeit für Palästina.“ (Wie kommt es dann, dass kein Araber sich lauthals über die Besatzung und Erniedrigung beschwerte und vor den 1960-er Jahren einen eigenen Staat Palästina forderte, als Ägypten den Gazastreifen regierte und Jordanien Judäa und Samaria kontrollierte?)

Beachten Sie, dass das Datum dieses Protokolls von Alexandria, auf dem die Arabische Liga basiert und auf das sich die Erklärung von Tunis 2004 als Grundlage bezieht (wenn auch indirekt), vor dem UN-Mandat entstand, das Israel schuf. Das bedeutet, dass das UN-Mandat den oben zitierten Abschnitt für nichtig erklärt, die ach so diplomatisch die Verhinderung eines Staates Israel und der Rückkehr der Juden in ihre angestammte Heimat forderte.

Man kann sehen, dass die Präambel von Tunis im Jahr 2004 dazu gedacht ist zu verwirren, denn sie befürwortet einen judenreinen Nahen Osten, indem sie sich auf ein lange vergessenes Dokument bezieht (lange vergessen im westlichen Gedächtnis, natürlich nicht im arabischen) und trotzdem eine Forderung nach „humanitären Werten, die von den Vereinten Nationen und allen Vorkehrungen des internationalen Rechts geweiht wurden“ fordert.

Also werfen wir einen Blick auf diese „humanitären Werte“, die in der Präambel von Tunis 2004 zitiert werden, die sich auf UN-Mandate und internationales Recht beziehen. Da sie nichts weiter gesondert spezifizieren, entscheide ich mich einen Blick auf „UN Fact Sheet No. 9 (Rev.1) [UN Faktenblatt Nr. 9], The Rights of Indigenous Peoples“ [Die Rechte einheimischer Völker] zu werfen.(3)

Man muss noch nicht einmal die substanziellen Dinge lesen; der erste Satz der Einleitung reicht völlig. Er besagt: „Ein Ziel… ist die Förderung und der Schutz der Rechte der einheimischen Bevölkerung.“

Und während die Araber israelisches Land in Gaza, Judäa und Samaria besetzen und lauthals „Besatzung“ brüllen und Völkermord-Anschläge begehen, um zu beweisen, dass sie das einheimische Volk sind (trotz ihrer eigenen, gegenteiligen Statements; 4) bewies letztes Jahr einer ihrer am meisten Respektierten, dass das jüdische Volk die eingeborenen Bewohner sind. (Und die Erklärung von Tunis 2004 erklärt ihre Unterstützung für die Recht der eingeborenen Bevölkerung durch ihre Unterstützung der UNO und des internationalen Rechts.)

Zur Auffrischung des Gedächtnisses: Dieser hoch respektierte Araber ist Dr. Nabil Hilmi, Dekan der juristischen Fakultät an der Universität von al-Zaqaziq. Er gab seine Stellungnahme in der Ausgabe der ägyptischen Wochenzeitung al-Ahram al-Arabi vom 9. August 2003 ab. Deswegen schlug er vor, jeden Juden dieses Planeten wegen des Auszugs aus Ägypten auf ich weiß nicht wie viele Milliarden Dollar zu verklagen. Die Klage, sagte er, „gründe auf das, was in der Torah geschrieben steht. Es kann im Exodus (2. Buch Mose), Kapitel 12, Verse 35 und 36 gefunden werden…“(5)

Das bedeutet, dass einer der führenden Gelehrten der arabischen Welt die hebräische Bibel als Tatsache ansieht und sie als unbestreitbaren Beweis vor Gericht vorzulegen bereit ist. Das bedeutet, dass er auch der Hauptzeuge für die heutigen Juden sein kann, die die Nachfahren des eingeborenen Volks (wie in dem unbestreitbaren Buch der historischen Fakten bewiesen – der Bibel) nicht in dem sind, was heute Israel genannt wird, sondern auch in Jordanien, Teilen Syriens, des Libanon und anderer Orte.

Sollte die Arabische Liga wirklich glauben, was sie sagt, sollte sie daher sofort alles Land evakuieren, das sie dem hebräischen Volk gestohlen hat und unsere heiligen Stätten zurückgeben und wiederherstellen, wozu in den umstrittenen Gebieten und Israel auch folgende gehören: der gesamte Tempelberg in Jerusalem, die 38.000 Grabsteine auf dem Ölberg, die von den Jordaniern zur Benutzung als Pflastersteine und Urinale entfernt wurden, das Josephgrab, die Höhle der Patriarchen und das Rachelgrab.(6) Und wenn sie schon dabei sind: Lasst sie den Juden Medina zurückgeben!(7)
Anmerkungen:

 

 

 

Drei Mädchen, drei Gräber und eine Torah

Daniel Gordis, 14. Mai 2004 (Link existiert nicht mehr)

Am letzten Sonntagabend, der nun schon wie ein Jahrhundert zurückzuliegen scheint, war so gut, wie er hier sein kann. Gemeinsam mit anderen Eltern von Zwölftklässlern an Talis Schule waren wir zu einem „Hachnasat Sefer Torah“, einem „Einführen einer Torahrolle in einer Synagoge“ eingeladen. Ein „Hachnasat Sefer Torah“ ist in Jerualem nicht ungewöhnlich, nicht einmal in Israel. Das findet ziemlich häufig statt. Aber dieses war einmalig.

Vor 14 Jahren, etwa 1990, führte eine Gruppe Mädchen aus dem zwölften Schuljahr aus Pelech, Talis Oberschule, das durch, was heute die jährliche Fahrt der Schule nach Polen ist. Eines Tages in Krakau bemerkten sie einen jungen Mann, der Puppen verkaufte. Es waren „Judenpuppen“, die so hergestellt wurden, dass sie wie traditionelle Juden aussahen. Vielleicht etwas seltsam in Polen, aber nicht sonderlich bemerkenswert, bis einige der Mädchen sahen, dass die „Bücher“, die diese Puppen festhielten, bemerkenswert authentisch aussahen. Sie sahen näher hin und überzeugten sich, dass diese „Bücher“ aus einer echten Torah-Rolle geschnitten worden waren.

Sie fragten den Puppenmacher, woher er das beschriebene Pergament hatte; er sagte ihnen, dass sein Onkel eine große Rolle davon habe, in der nahe gelegenen Stadt Luminova. Gefragt, woher sein Onkel die Rolle habe, sagt er ihnen, dass sie während des Krieges im Haus eines Juden gewesen sei und sein Onkel sie genommen habe, nachdem der Jude verschwunden war. Ob sie sie sehen könnten, wollten sie wissen. Er willigte ein sie am nächsten Tag mitzubringen.

Er hielt Wort, taucht am nächsten Tag wieder auf und zeigte ihnen, was übrig war. Er hatte mehr oder weniger die Bücher Genesis, Exodus und Leviticus. Die anderen beiden Bücher waren offensichtlich für die Puppen aufgebraucht worden. Die Mädchen wussten instinktiv, was sie zu tun hatten. Sie warfen ihr relativ begrenztes Taschengeld zusammen und kauften dem Mann die Torah für alles ab, was sie zusammenkratzen konnten.

Sie schleppten die zerstörte und unbrauchbare Torah den Rest der Reise mit. Als der Abflug aus Polen näher kam, standen sie allerdings vor einem Dilemma. Alles jüdische Eigentum von vor dem Krieg gehörte nun dem Staat. Der Puppenmacher hatte kein Recht gehabt die Torah zu verkaufen, sie hatten kein Recht gehabt sie zu kaufen und sie hatten mit Sicherheit kein Recht, sie außer Landes zu schaffen. Falls die israelischen Jugendlichen beim Schmuggeln von polnischem Eigentum erwischt würden, wären die Dinge, gelinde gesagt, äußerst unangenehm werden.

Sie sprachen das durch und nach einer Weile, wie ihr Lehrer des damaligen Sommers uns diese Woche berichtete, „ha-lev gavar al ha-sechel“ – „das Herz stach die Vernunft aus“. Sie entschieden sich, die Torah aus Polen herauszuschmuggeln und nach Jerusalem nach Hause zu bringen.

Am Flughafen musste allerdings jede von ihnen alle Taschen durchleuchten lassen. Das erste Mädchen in der Reihe legte ihre Taschen auf das Laufband, wie ihr gesagt wurde, und gab die Torah an die nächste hinter ihr weiter. Als diesem Mädchen gesagt wurde, sie solle dasselbe machen, gab sie sie heimlich dem Mädchen hinter ihr. Und so weiter. Die nächsten Minuten ging die Torah heimlich in der Reihe nach hinten, bis es schien, dass sie sie nicht herausschaffen konnten.

Dann ging das Laufband kaputt. Die Maschine funktionierte einfach nicht mehr. Die polnischen Beamten, zu beschäftigt mit der Reparatur des Laufbands, um alle mitgebrachten Taschen zu kontrollieren, winkten die verbliebenen Mädchen einfach durch und die Torah fand ihren Weg hinaus. Sie brachten die Torah an einen Ort in Jerusalem, wo solche Rollen repariert werden; aber diese Arbeit ist wahnsinnig teuer und braucht viel Zeit und für die Mädchen ging das Leben weiter. In die Armee oder [anderen] nationalen Dienst, an die Universität. Sie heirateten, bekamen Kinder und machten Karriere. Die Torah wurde nicht repariert.

Vierzehn Jahre später fuhr eine andere Abiturklasse nach Polen. Zu dieser Gruppe gehörte Talia. Die Mädchen machten eine außergewöhnlich starke Erfahrung; und auf ihrer Reise hörten sie die Geschichte der Torah, die ihre Vorgängerinnen – jetzt zwischen 30 und 40 – aus Europa geschmuggelt hatten. Die aktuelle Klasse entschloss sich das Geld aufzubringen, um die Torah reparieren zu lassen; bei ihrer Rückkehr übernahmen einige von ihnen die Führung und gingen ans Werk. Eine beträchtliche Summe wurde gesammelt, die Torah wurde über einen Zeitraum von vielen Monaten repariert und am letzten Sonntagabend wurde sie tanzend in ihr neues Zuhause in die Synagoge gebracht, wo sie, statt für Puppen zerschnitten zu werden, regelmäßig genutzt wird, gelesen von jungen Frauen, die sie tatsächlich verstehen und nach dem leben, was sie zu sagen hat.

Die Zeremonie selbst war eine religiöse, also waren nur Frauen anwesend. Elisheva und Talia gingen zuerst und ich kam später während des „Reden-Teils“ dazu, der auch für Männer offen war. Trotz der Hitze und dem überfüllten Raum, wo Menschen im Gang und auf dem Flur saßen, an den Seiten standen und vor der Türe, war es unglaublich bewegend. Und als ich zuhörte, wie Lehrer, Schüler und ein Rabbi, wie einige Abiturienten und andere die Geschichte dieser Torah und der beiden Klassen erzählten, die sie gerettet hatten, erwähnten ein paar, dass diese Mädchen „dor schelischi la-schoah“ sind, die dritte Generation seit dem Holocaust. Das stimmt nur allzu sehr.

Während ich darüber nachdachte, fragte ich mich, was es war, das diese Mädchen dazu brachte, das zu tun. Wie kam dieser Sinn der Dringlichkeit, das Gefühl, dass nicht erlaubt werden konnte, dass diese Torah in Leminova verkümmerte und aufgeschnitten wurde, bis nichts mehr übrig blieb, Stück für Stück und in alle Winde verstreut – wie konnte das für diese Mädchen so mächtig werden? Wie konnten sie wissen, dass diese Torah einfach nach Hause kommen musste? In einer Welt, in der die Nachrichten vom letzten Jahr weit zurückliegende Geschichte ist, warum wussten sie, dass die Geschichte der Juden von Leminova, wer immer sie gewesen waren, auch ihre Geschichte ist?

Ich sah zu, wie Tali die Redner beobachtete. Ich konnte keinen Stuhl in ihrer Nähe bekommen, aber ich konnte sie sehen. Sie hörte intensiv zu; ihre Augen füllten sich in manchen Augenblicken mit Tränen. Später, in der Halle der Schule, direkt vor dem Auditorium, sprachen Elisheva und ich darüber, welche Auswirkungen die letzten sechs Monate auf unsere Kinder gehabt haben. Wie sehr auf dem Boden der Tatsachen sie waren. Dass sie wissen, wofür sie stehen. Dass trotz allem, was sie durchgemacht haben, sie sehr wenig (zumindest oberflächlich) sie Angst zu haben scheinen. Und ein Abend wie dieser, sagten wir uns, die Gelegenheit für sie Teil einer solchen Sache zu sein, erinnerte uns daran, weshalb wir herkamen, warum wir blieben, warum es keinen anderen Ort gibt, wo wir unsere Kinder lieber groß ziehen wollten.

Beim Nachdenken darüber wurde ich an eine Unterhaltung erinnert, die ich mit Talie nur ein paar Wochen früher hatte, am Ende von Yom ZaZikaron, dem Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten. Yom HaZikaron ist in Israel ein stiller Tag. Ein sehr stiller Tag. Die Geschäfte sind geschlossen, die Restaurants zugesperrt. Die Musik im Radio überträgt das Gefühl, dass dies kein Tag wie jeder andere ist und im 3. Fernseh-Kanal werden die Namen aller 21.781 Soldaten, die bei der Verteidigung des Landes gefallen sind, über 24 Stunden hinweg auf dem Bildschirm gezeigt, in der Reihenfolge, wie sie gefallen sind.

Am Ende des Nachmittags, nur Stunden bevor die Feierlichkeiten zu Yom HaAtzma’ut (dem Unabhängigkeitstag) beginnen sollten, saßen Tali und ich draußen auf der Terrasse und unterhielten uns. Ich fragte sie nach der Zeremonie ihrer Klasse am Morgen auf dem Herzl-Berg.

„Sie war richtig schön. Shira (ihre Schulleiterin) sagte uns, wir sollten uns auf dem Friedhof verteilen und nach einem Grab suchen, an dem wir die Psalmen sprechen wollten. Ich entschied mich, in dem Bereich von 1948 zu gehen?“
„Warum?“
„Nun, ich dachte, sie gehören zu den ältesten Gräbern und bei ihnen sei es am unwahrscheinlichsten, dass Familienmitglieder kommen und sie später am Tag besuchen würden.
Ich ging mit zwei anderen los. Ich ging zu einem Grab aus dem Unabhängigkeitskrieg und las einige Tehillim (Psalmen). Dann sagte mir eine meiner Freundinnen, die an einem Grab in der Nähe war, dass der Grabstein, an dem sie stand, eine Inschrift trug, dass dort jemand lag, der in einer Schlacht um Jenin getötet wurde. Und weißt du, Papa“, sagte sie, „es ist schon erstaunlich, nicht wahr, dass wir heute, nach all diesen Jahren, immer noch an denselben Orten kämpfen und nicht aufgegeben haben.“

„Dann kam meine andere Freundin zurück; sie schluchzte. Sie hatte das Grab von jemandem gefunden, der in einer Schlacht um einen der Orte getötet wurde, die wahrscheinlich abgegeben werden sollen [nach Scharons Plan, der dann im Likud-Referendum abgeschlagen wurde]; sie weinte und sagte: „Es ist eine solche Verschwendung. Diese Menschen starben, damit wir diese Orte bekamen und jetzt geben wir sie einfach zurück, ohne etwas dafür zu bekommen? Das ist einfach zu viel.“ Tali war eine Minute still und ich sagte nichts. Dann, nach einer Pause, sagte sie: „Ich hoffe, wir müssen nächstes Jahr nicht wieder hin.“
„Warum?“
„Weil ich Abiturientin bin, Papa. Nächstes Jahr wird es keine Schulausflüge geben. Alle meine Freunde gehen jetzt zur Armee. Wenn ich nächstes Jahr dort hin gehe, dann wird es wegen einer Beerdigung sein. Die von jemandem, den ich kenne.“

Sie hat natürlich recht. Sie ist in dem Alter, wo alle ihre Freunde eingezogen werden, so wie auch sie. Und sie hat recht, dass sie dort enden könnte, wie uns diese Woche elfmal aufgezeigt wurde. Und sie hat recht, dass, wenn sie dort hin gehen würde, der Schmerz unerträglich sein würde, mehr, als eine 18-jährige es wissen sollte.

Was also hält diese Mädchen in der Bahn? Warum wissen sie, dass die Torah einfach nach Hause kommen muss? Warum weinen sie immer noch an Gräbern von Leuten, die sie nie kannten? Warum sind die Geschichten auf diesem Berg für sie so wirklich wie die Geschichten der Leute ihrer eigenen Familie?

Das ist, wenn man alles Überflüssige weg nimmt, die Magie dieses Ortes. Es ist die Magie des Lebens in einem Haus, wo die Kinder und ihre Eltern mit jedem Atemzug Geschichte atmen und zur Geschichte gehören. Die Diskussion dieser drei Mädchen, was der angemessene Preis sei, was uns stolz machen sollte, was uns verzweifelt machen sollte, wie wir die Ereignisse verstehen sollten, die sich um uns herum abspielen, sind das, worum es in diesem Land überhaupt geht.

Diese miteinander konkurrierenden Sichtweisen „kämpfen“ selbst in unserem Kalender miteinander. Wir befinden uns gerade mitten in Omer, dem nächtlichen Zählen der 49 Tage zwischen Passah und Schavuot. Es ist ein Übergang von der Sklaverei und der körperlichen Freiheit (Passah) zum Zählen (Omer), während wir uns auf dem Weg zur geistigen Freiheit (Schavuot) befinden.

Und in die Mitte dieses traditionellen Rahmes fügte die Knesset drei Tage ein. Yom Ha-Shoah (den Holocaust-Gedenktag), eine Art moderner Tag der Versklavung (oder viel schlimmer). Dann, eine Woche später, Yom Ha-Zikaron, den Gedenktag für die gefallenen Soldaten, an dem das Zählen (wie im Omer) sehr real wird. Nur dass wir dieses Jahr nicht, wie im Omer, bis 49 zählten, sondern bis 21.781 (eine Zahl, die seitdem um fast 15 gestiegen ist).

Dieser Kalender selbst scheint einen Dialog zu propagieren, ja eine Debatte, zwischen den zugrunde liegenden Sichtweisen im Herzen dieses Landes. Was sollte der „Fortschritt“ sein, über den wir uns definieren? Die biblische Geschichte, der Übergang von Passah zum Omer und zu Schavuot? Oder das moderne Israel, der Übergang von der Verwüstung in Europa über den enormen Preis, der für den Ort bezahlt wurde, den wir jetzt Zuhause nennen, hin zur Feier, dass wir dieses Zuhause haben?

Viel von der Mythologie des frühen Zionismus beinhaltete eine Ablehnung dieser biblischen Tradition. Gedichte wie Altermans „Die Silberplatte“ und viele, viele andere waren der fast biblische Anspruch, dass die biblischen Traditionen uns im Stich gelassen hatten. Bialik sagt genau dasselbe. Die Juden Europas, davon ließ er sich nicht abbringen, hatten ausgemergelt, wehrlos, erbärmlich geendet (seine Sicht, nicht meine). Wir brauchten nicht einfach nur einen neuen Staat – wir brauchten eine neue Art Juden. Israel sollte ein Ort nicht nur für jüdische Souveränität sein, sondern eine Ort, wohin die kranken und wehrlosen europäischen Juden nach Hause gebracht und dann repariert, in Ordnung gebracht und wiedergeboren werden konnten.

Vielleicht verstanden diese Mädchen in Polen das vor vierzehn Jahren. Vielleicht begriffen sie, dass die Geschichte dieser Torah nicht nur die Geschichte einer Schriftrolle, sondern ihre Volkes ist. Und wer würde einen Juden an einem Ort wie Polen zurücklassen, damit er zerschnippelt und in alle Winde zerstreut wird? Das wäre undenkbar.

Das ist der Grund, dass die so stark zersplitterte Gesellschaft namens Israel mich nicht depressiv macht. Und es ist der Grund, warum die theatralischen Schlagzeilen, die jeden Morgen auf den Titelseiten der Zeitungen prangen, mich nicht zur Verzweiflung bringen. Denn diese Entzweitheit und die inneren Kämpfe, so erschöpfend sie auch sein können, drehen sich oft, so scheint mir, um ein verwundetes, aber sich erholendes Volk, das immer noch dabei ist herauszufinden, was es sein will, wenn es sich eines Tages von den Wunden erholt hat. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Heilung schneller erfolgen könnte, als sie geschieht. Und es wäre schwer für mich mir etwas anderes vorzustellen, über das zu streiten wichtiger wäre.

Wenn 17-jährige Mädchen wissen, dass eine Torah nicht in Polen zurückgelassen werden kann oder dass sie nicht unrepariert in einem Lager bleiben kann, weil das nach Hause kommen und Wiederherstellung das ist, weshalb es diesen Ort überhaupt gibt, dann weiß ich, dass trotz allem dieser Ort funktioniert. Wenn meine Tochter vom Militärfriedhof auf dem Herzl-Berg kommt und mir von dem Gespräch mit ihren beiden Freundinnen erzählt, nachdem sie diese Gräber besuchten, dann fühle ich, dass dieses Land funktioniert und gut funktioniert, trotz des Übermaßes an Problemen. Und wenn ich Radio höre, in einer schrecklichen Woche wie der gerade hinter uns liegenden, höre ich trotz all dem Schmerz nicht wirklich eine Debatte über Politik, sondern über Geschichte, Identität, Überleben. Genau das, worum es in diesem Zuhause gehen sollte.

Wie anders können wir die Tatsache begreifen, dass plötzlich, diese Woche, Halakha-Experten (Experten für jüdisches Gesetz) für eine Radiosendung nach der anderen gesucht werden? Die Frage: „Ist es erlaubt Soldaten nach Zeitoun zu schicken und in den Philadelphi-Korridor, auf Haus-zu-Haus-Durchsuchungen und von Dach zu Dach, um sie nach Fragmenten der Leichen ihrer beiden Kameraden suchen zu lassen, die am Tag davor in tausend Stücke gesprengt wurden?“ Wie wägt man ab zwischen dem Gebot, dass einerseits Leben nicht riskiert werden soll, außer um Leben zuretten, und andererseits dem Gebot, dass alles Machbare getan werden soll um sicherzustellen, dass jeder Jude ein jüdisches Begräbnis bekommen soll? Können wir Soldaten einem Minimum von Gefahr aussetzen, damit die Eltern ihrer Freunde etwas haben, wenigstens etwas, das bei der Beerdigung in die Erde gelassen werden kann? Können wir Soldaten Gefahren aussetzen, damit sie und alle ihre Freunde wissen, dass – was der Himmel verhüten möge – wenn ihnen etwas passieren sollte, wir sie nach Hause holen werden?

Das Rabbinat erlaubte die Suche, aber das Land litt. Viele von uns wussten, dass die gegebene Antwort nicht die einzige war. Das Rabbinat sagte im Grunde, dass aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass Körperteile gefunden werden konnten, und der Auswertung des Risikos, ja, „einiges“ Risiko akzeptabel sein könne, um diese Jungs oder alles, was man von ihnen finden konnte, nach Hause zu bringen.

Aber was ist „einiges“ Risiko? Was, wenn bei der Aktion mehr der Jungs getötet worden wären, von Heckenschützen oder eine Bombe am Straßenrand? Was hätten wir dann gesagt? Nun, man hätte fragen können, warum überhaupt Risiken eingehen? Warum hat das Rabbinat schließlich so geurteilt? Und warum sollte irgendein Soldat sein Leben riskieren, um nach kleinen Stückchen Fleisch auf einem Dach in Gaza zu suchen? Aus welchem möglichen Grund?

Ich denke, weil es im Innersten dieser Gesellschaft eine nicht ausdrückbare Verpflichtung zur „inneren Sammelung“ gibt. Die Torah musste nach Hause gebracht werden. Die drei toten Soldaten wurden vor ein paar Monaten getauscht, um nach Hause zu kommen. Und Dutzende über Dutzende junger Leute riskierten Leben und Gesundheit um zu finden, was immer zu finden war.

Die Menschen stritten darüber. Mein Taxifahrer sagte: „Auf keinen Fall.“ Das ist es nicht wert. Elisheva dachte das Gegenteil. Ich war nicht ganz sicher. „Wenn, was Gott verhüten möge, es unser Kind gewesen wäre, das dort starb“, fragte ich sie, „würdest du wollen, das einer seiner Freunde [und ich erwähnte die Namen einer Reihe von jungen Leuten, die sich zur Zeit bei uns Zuhause aufhalten, Hausaufgaben machen und ihre Musik viel zu laut abspielen, aber relativ bald von der Armee gezogen werden] sein Leben riskiert, um seine Überbleibsel zu finden?“ Sie sah mich an, sagte nichts, drehte sich um und ging. Zurecht, denn diese Wahl ist nicht ertragbar. Es gibt nichts zu sagen.

Die Entscheidungen sind zu unmöglich. Es gibt ein Richtig, es gibt kein Falsch. Es scheint keinen Ausweg zu geben.

Die heutige Titelseite von HaAretz hat eine Schlagzeile: „Edrons Schwester hofft sein Tod wird zum Rückzug führen; Aviads Vater: Gaza gehört uns“ Das fasst es ziemlich gut zusammen. Selbst die trauernden Familien können sich nicht einigen, was aus all dem entstehen soll. Und er Rest des Landes? Selbst diejenigen, die raus wollen und jetzt raus wollen, haben keine Ahnung, wie sie die Frage beantworten sollen, über die jeder nachdenkt: „Wenn wir raus gehen und sie machen aus ganz Gaza ein Hamas-Disneyland und fangen an ihre Kassam-Raketen auf Aschkelon und Asachdod zu schießen, müssen wir dann nicht wieder rein gehen und es übernehmen? Und wird das nicht noch gefährlicher sein?“

Das reicht um es dir schummerig werden zu lassen – oder noch schlimmer, um einfach aufzugeben. Aber das geschieht hier nicht. Nur wenige Leute geben hier auf, denn dies ist das Zuhause. Wenn man Menschen sieht, wie sie diese Woche dem Radio zuhören – mit einer Intensität, die ich nirgendwo anders gesehen habe – dann weiß man, dass man Zuhause ist. Wenn man die leeren Gesichter sieht, wie sie zuhören, und die Person neben sich mit Schrecken fragt: „Was meinen Sie, da sind keine Leichen“, als wäre es ihr eigenes Kind gewesen, dann weiß man, dass man Zuhause ist.

Man ist Zuhause, denn man weiß, dass dies der einzige Ort der Welt ist, wo ein ganzes Land von der Frage beschäftigt wird, wie Juden beerdigt werden sollten. Weil dies der einzige Ort ist, wo die nationale Feiertage Mädchen lehren, subtil aber mächtig, dass man sogar eine Torah nach Hause bringen muss.

Am Ende der Zeremonie in Talis Schule wollten einige von uns, die beim Gottesdienst nicht anwesend waren, das Innere des Bogens sehen. Es war schön; auf dem Parochet (dem Tuch, das die Vorderseite bedeckt) gab es einige aufgestickte Verse. Die Menschenmenge stand eine Minute oder zwei so dicht, dass ich keinen Blick auf das Geschriebene werfen konnte. Aber als die Menschen nachgesehen hatten und gingen, konnte ich auch endlich etwas sehen. In schöner Schrift, gestickt mit spürbarer Liebe, standen dort die berühmten Verse aus Jeremia 31,16-17, die ausgewählt worden waren, um die Torah Zuhause zu begrüßen:

Ki yesh sachar li-fe’ulateikh,
Ve-yesh tikvah la-acharitekh
Ve-shavu vanim li-gvulam

Denn es gibt noch einen Lohn für deine Mühe…
Ja, es gibt Hoffnung für deine Zukunft, spricht der Herr,
und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren!