Robert Wistrich sel.A. – ein leidenschaftlicher Verteidiger des jüdischen Volks

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Robert_WistrichProfessor Robert Wistrich war der führende Historiker in Sachen Antisemitismus und veröffentlichte auch in anderen Feldern der Geschichte wichtige Bücher. Die Kombination aus seiner intellektuellen Tiefe und fruchtbaren Autorenschaft spiegelten sein Expertentum zu vielen Aspekten im Bereich des Antisemitismus. Seine Präsenz war am wichtigsten in einem Bereich, in dem die Zahl der Forscher leider nicht mit der jüngsten Explosion des Hasses und seiner Mutationen mitgehalten hat; das reicht von der Verachtung der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes bis zur Verleumdung des jüdischen Staates.

Robert war ein Sprecher und Repräsentant des jüdischen Volkes – Rollen, denen er vollkommen verpflichtet blieb. Zu den vielen von ihm geführten Projekten gehörte die gemeinsam vom Simon Wiesenthal Center und der UNESCO erstellte Ausstellung „Buch, Volk, Land – die 3.500-jährige Beziehung des jüdischen Volks zum Heiligen Land“. Etwas ganz Anderes war seine Mitgliedschaft in der 1999 gegründeten Internationalen Katholisch-Jüdischen Historischen Kommission, die die Rolle von Papst Pius XII. während des Zweiten Weltkriegs neu beurteilte. Robert ließ seine Integrität nicht durch Druck aus Kirchenquellen beeinträchtigen, was schließlich zur verfrühten Einstellung der Arbeit der Kommission beitrug.

Wenn man den Nachruf für einen derart herausragenden Intellektuellen schreibt, zeigen seine Biographie und seine vielen menschlichen Qualitäten einige Aspekte seiner Persönlichkeit; wichtige weitere kann man sehen, wenn man sich auf einiges aus seinem großartigen analytischen Werk konzentriert.

Vor Jahrzehnten las ich eine Veröffentlichung der World Union of Jewish Students. Unter den vielen von Studenten geschriebenen Artikeln gab es einen, der weit aus dem Rest hinausragte. Auf diese Weise begegnete mir Roberts Name zum ersten Mal.

Antisemitismus-Studien wurden dank des französischen Wissenschaftlers Léon Poliakov (1910 – 1997) zum Forschungsfeld; Poliakov schrieb einen Großteil der fundamentalen Arbeit in diesem Bereich. Es war jedoch die Entwicklung eines Instituts auf hohem Niveau nötig, um das Feld in größerem Umfang abzudecken und Robert war bei diesem Unterfangen entscheidend. Er war Neuburger-Professor für Europäische Geschichte und Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Als Robert 2002 zum Leiter des Vidal Sassoon International Center wurde, verwandelte er dieses in einen Ort, der ein breites Spektrum an Antisemitismus-Forschung veröffentlichte, das viele Länder und Themen abdeckte.

Robert war nicht nur ein sehr geschickter Autor, sondern auch ein durchdachter Redner. Als Kind polnisch-jüdischer Eltern in der Sowjetunion geboren, war Englisch nicht seine Muttersprache, sondern eine der Sprachen, die er beherrschte. Dies und sein enzyklopädisches Wissen erlaubten es ihm tiefe Einsicht in verschiedene Kulturen zu gewinnen.

Es ist unmöglich Roberts gesamte Arbeiten zu besprechen, ohne einen überlangen Aufsatz zu schreiben – also werde ich mich auf einige seiner jüngeren Veröffentlichungen konzentrieren. Sein magnum opus, „A Lethal Obsession“ (Tödliche Besessenheit), trägt den Untertitel „Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad“ (Antisemitismus von der Antike bis zum weltweiten Jihad) und kam im Jahr 2010 heraus. Seine einzelnen Kapitel können als eigenständige Aufsätze gelesen werden.

In seinem Buch widmete Robert ein ganzes Kapitel den „Juden gegen Zion“. Er behandelte die Geschichte der selbsthassenden Juden ab den Apostaten im christlichen Spanien nach den Massakern an den Juden im Jahr 1391. Er verwies zu einer Äußerung, die bereits zur Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert vom Wiener Dramatiker Arthur Schnitzler zitiert wurde: „Antisemitismus hatte keinen Erfolg, bis die Juden anfingen ihn zu fördern.“ Extrem masochistische Tendenzen, einschließlich psychologischer Selbstgeißelung, die bei Juden regelmäßig vorkommt, gehen wahrscheinlich über die in anderen Kulturen hinaus. Ein Beispiel war Roberts tödliche Analyse des österreichischen, jüdischen Nachkriegskanzlers Bruno Kreisky, einem sozialistischen Reinwäscher ehemaliger Nazis.

Viele Wissenschaftler sehen weg, wenn es um den von muslimischen Staaten und Teilen der muslimischen Bevölkerung in westlichen Ländern ausgehenden, weit verbreiteten Antisemitismus geht. Trotz der Gegenreaktionen blieb Robert freimütig, als sein nach dem 9/11 ursprünglich in Englisch veröffentlichten Aufsatz über muslimischen Antisemitismus auf Deutsch aktualisiert und wieder aufgelegt wurde. Darin machte Robert geltend, dass der Hardcore-Antisemitismus in der arabischen und muslimischen Welt nur mit dem von Nazideutschland vergleichbar ist. Eine solche Meinung zu äußern war weit mehr als eine akademische Beurteilung. Es war eine mutige Tat. Weniger scharfe Kritik am extrem üblen Phänomen muslimischer Gesellschaften wurde bereits als Islamophobie bezeichnet. Solche Kritik wird ständig nicht nur von Muslimen, sondern auch von vielen „politisch korrekten“ Westlern abgewürgt. Robert erklärte ausdrücklich, dass muslimischer Hass auf Israel und Juden „ein eliminierenatorischer Antisemitismus mit Völkermord-Dimension“ ist.

2012 wurde From Ambivalence to Betrayal: The Left, the Jews, and Israel“ (Von Ambivalenz zu Verrat: Die Linke, die Juden und Israel) veröffentlicht. Das Buch enthält das Kapitel Great Britain: A Suitable Case for Treatment? (Großbritannien: Ein passender Fall für Therapie?) Robert hat in Großbritannien studiert, wo der Unterricht zu klassischer britischer Literatur im Lehrplan der Schule fast immer von antisemitischer Natur war. Roberts Analyse begann mit Chaucers Canterbury Tales (Die Canterbury-Erzählungen) aus dem späten 14. Jahrhundert und Christopher Marlowes The Jew of Malta (Der Jude aus Malta) vom Ende des 16. Jahrhunderts. Er sprach sich unmissverständlich gegen die Weißwaschung des Antisemitismus in Shakespeares Kaufmann von Venedig aus.

Vielleicht mehr als jeder andere hat Robert bewiesen, dass Antisemitismus nicht nur in der Geschichte Europas tief verwurzelt, sondern dass er ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist. Ich überzeugte ihn einmal am Jerusalem Center for Public Affairs einen Vortrag über die lange Tradition des intellektuellen Antisemitismus zu halten. Er illustrierte, wie jede Veränderung im sozialen Umfeld eine Mutation des Antisemitismus mit sich bringt. In Europa legte der katholische Antisemitismus die ideologische Infrastruktur, von der aus sich ein Großteil der Dämonisierung der Juden, des Judentums und des jüdischen Volks entwickelte. Von Martin Luther und dem Protestantismus zur Aufklärung, Voltaire eingeschlossen, von den großen deutschen, idealistischen Philosophen über frühe französische Sozialisten bis zu Karl Marx – viele Intellektuelle und innovative Bewegungen gaben ihren eigenen „Beitrag“ zum Antisemitismus.

Robert war ein leidenschaftlicher und unermüdlicher Kämpfer für seine Ideen. Ich hatte das Privileg zum letzten Mal mit diesem Kampfgenossen gegen die vielen üblen Feinde des jüdischen Volkes und Mann der Prinzipien während des jüngsten Weltforum zur Bekämpfung von Antisemitismus, ein paar Tage vor seinem Tod zu sprechen – ein ausführliches Gespräch, wie immer anregend und angenehm. Seine Zielstrebigkeit blieb bis zum letzten Moment ungebrochen. Wie alle großen Intellektuellen wird er durch das Vermächtnis seiner umfassenden Arbeiten und seines originellen Denkens weiterleben.

Werber für Völkermord, die existenzielle Bedrohung Israels und die Lobby falscher Paranoia

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der Rahmen der jüngsten Vereinbarung zwischen den sechs wichtigsten Staaten und dem Iran zu dessen Atomprogramm hat den israelischen Premierminister Benjamin Netanyahu dazu gebracht zu sagen, dass diese Vereinbarung Israels Existenz gefährden könnte, wenn sie erst einmal abgeschlossen ist.[1] Es geschieht selten, dass Führungskräfte anderer Staaten geltend machen, es gäbe die Möglichkeit, dass ihr Land nicht überleben könnte. Einige Kommentatoren behaupten daher, Israel agiere paranoid.[2]

Diese Angst wegen seiner Vernichtung in der Zukunft ist jedoch weit davon entfernt eine irreführende israelische Behauptung zu sein. Palästinensische und andere arabische Führer haben ellenlange Bilanzen der Werbung für und Verkündung von Völkermord an den Juden in Israel und im britischen Mandat Palästina. Viele Jahre lang war der Jerusalemer Bürgermeister Ragheb Bey al-Nashashibi der Führer der palästinensischen sogenannten „Moderaten“. Nach den Krawallen von 1929 fragte der nichtjüdische französische Schriftsteller Albert Londres den Bürgermeister, warum die Araber die frommen, alten Juden von Hebron und Safed ermordet hatten, mit denen sie keinerlei Streit hatten. Der Bürgermeister antwortete: „Auf gewisse Weise muss man sich verhalten wie in einem Krieg. Du tötest nicht die, die du töten willst. Du tötest, was du findest. Nächstes Mal werden alle getötet werden, Junge wie Alte.“ Später sprach Londres noch einmal mit dem Bürgermeister und testete ihn mit der ironischen Aussage: „Ihr könnt nicht alle Juden töten. Es gibt 150.000 von ihnen.“ Nashashibi antwortete „mit sanfter Stimme: ‚Oh nein, das wird nur zwei Tage brauchen.‘“[3] Der eine harte Linie verfolgende Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, entwickelte während des Zweiten Weltkriegs Pläne für ein palästinensisches Krematorium wie in Auschwitz bei Nablus, um Juden zu töten.[4]

Solche Äußerungen und Ereignisse spiegeln eine viel breitere arabische Denkweise. Azzam Pascha, Generalsekretär der Arabischen Liga, sagte prägnant während des arabisch-israelischen Kriegs 1948: „Dies wird ein Krieg der Ausrottung und ein bedeutsames Massaker sein, von dem wie von den mongolischen Massakern und den Kreuzzügen gesprochen werden wird.“[5]

Heutzutage ragen die Führer des Iran unter denen stark heraus, die einen neuen Holocaust verkünden. Der erste Oberste Revolutionsführer, Ayatollah Khomeini, sagte über Israel: „Dieses Regime, das Al-Quds besetzt hält, muss aus den Seiten der Geschichte eliminiert werden.“[6] Der aktuelle Oberste Revolutionsführer, Ayatollah Khamenei, hat gesagt: „Israel ist ein Krebsgeschwür, das aus der Region ausgemerzt werden muss.“[7]

Der ehemalige iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad sagte 2008 in einer Rede: „Im Nahen Osten haben sie [die Weltmächte] eine schwarze und dreckige Mikrobe namens Zionistisches Gebilde geschaffen, damit sie sie dazu nutzen können die Völker der Region anzugreifen und mit dieser Rechtfertigung wollen sie ihre Pläne für den Nahen Osten voranbringen.“[8]

2005 sagte Ahmadinedschad: „Wir sind dabei einen historischen Krieg zwischen der Welt der Arroganz [d.h. dem Westen] und der islamischen Welt zu führen.“ Er fügte an: „Eine Welt ohne Amerika und den Zionismus“ ist „erreichbar“.[9]

Der ehemalige iranische Präsident Akbar Haschemi Rafsanjani sagte 2002: „Wenn eines Tages … die Welt des Islam den Besitz der Waffen erlangen wird, die derzeit in Israels Besitz sind [gemeint sind Atomwaffen] – an dem Tag würde diese Art globaler Arroganz sich in einer Sackgasse befinden. Dies ist so, weil die Anwendung einer Atombombe in Israel nichts am Boden übrig lassen würde, während sie die Welt des Islam nur etwas schädigt.“[10]

Die Hamas hat all ihren Hass weitergeführt, indem sie in ihrer Charta die Auslöschung aller Juden propagiert.[11]

Im Oktober 2012 zeigte ein Video den damaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Morsi von der Muslimbruderschaft, wie er mit „Amen“ auf einen Imam antwortete, der eine völkermörderische Bitte im Gebet äußerte: „Oh Allah, vernichte die Juden und ihre Helfer.“[12]

Es gibt zudem viele Beispiele solchen aus dem Westen ausgehenden Hasses. Ein Vorfall ereignete sich 2009, als antiisraelische Demonstranten in Amsterdam riefen: „Hamas, Hamas, Juden ins Gas.“ Zwei niederländische Politiker der linksgerichteten sozialistischen Partei, die an der Demonstration teilnahmen, behaupteten, sie hätten diese Parolen nicht gehört. Sie gaben aber zu, dass sie gebrüllt hatten: „Intifada, Intifada, Palästina muss frei sein.“[13]

Vor einem solchen Hintergrund, der nur eine kleine Auswahl der existenziellen Drohungen gegen Israel bietet, überrascht es nicht, dass viele Israelis Israels Zukunft immer als gefährdet betrachtet haben. Diese Reaktion ist von mehreren seiner Führungskräfte ausdrücklich geäußert haben. Nahum Goldmann, der lange Jahre Präsident des World Jewish Congress war, erzählt in seiner Biographie, wie Israels erster Premierminister David Ben-Gurion ihm 1955 kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag sagte:

Wenn du, Nahum, mich fragst, ob ich in einem jüdischen Staat leben und darin begraben sein werde, daran glaube ich. Wie lange kann ich leben? Zehn oder zwölf Jahre – bis dahin wird es natürlich einen jüdischen Staat geben. Wenn du mich fragst, ob mein Sohn Amos … die Chance haben wird in einem jüdischen Staat zu sterben und dort begraben zu werden, würde ich sagen, sie liegt bestenfalls bei 50 Prozent.[14]

Der 2008 verstorbene Amos Ben-Gurion wurde tatsächlich in Israel begraben.

Der verstorbene Premierminister Yitzhak Rabin sagte dem israelischen Botschafter Yehuda Avner, der ein enger Mitarbeiter war, warum er für die Oslo-Vereinbarungen war. Rabin sagte, ohne eine Art Frieden gäbe es keine Garantie für Israels Fortbestehen. Rabin wies auch darauf hin, dass Israel das einzige Land ist, dessen Existenz immer noch öffentlich diskutiert wird.[15]

Der aktuelle Premierminister Benjamin Netanyahu hat mehrere Jahre lang Besorgnis zum Überleben des Landes zum Ausdruck gebracht. Schon 2011 sagte er: „Der Iran entwickelt Atomwaffen und stellt die größte Gefahr unserer Existenz seit dem Unabhängigkeitskrieg dar. Die Terrorzweige des Iran umgeben uns vom Norden bis zu Süden.“[16]

Existenzielle Bedrohungen Israels sind integraler Bestandteil der Ideologie wichtiger Lager des Islam. Diejenigen, die diese Bedrohungen beschönigen wollen und israelische Reaktionen als „paranoid“ bezeichnen, sind indirekte Verbündete und Helfer dieser Völkermord-Propagandisten.

[1] Peter Beaumont: Israel will not accept Iran nuclear deal, says Binyamin Netanyahu. The Guardian, 3. April 2015.
[2] Gidi Weitz: Netanyahu is cheap, petty, paranoid – but coated in Teflon. Ha’aretz, 18. Februar 2015.
[3] Albert Londres: Le Juif Errant Est Arrivé. Paris (Arléa) 1997, S. 209 (frz.).
[4] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nadav Shragai: Kapitale Verleumdung – Israel will die Al-Aqsa-Moschee zerstören. abseits vom mainstream, 9. September 2013.
[5] Howard M.Sachar: A History of Israel. New York (Alfred A. Knopf) 1979, S. 333.
[6] Iranian President at Teheran Conference: ‘Very Soon, This Stain of Disgrace [Israel] Will Be Purged from the Center of the Islamic World – and This is Attainable,. Middle East Media Research Institute (MEMRI), Special Dispatch Series, Nr. 1013, 28. Oktober 2005
[7] Greg Tepper: Israel is a cancerous tumor and Middle East’s biggest problem, Iranian supreme leader says. Times of Israel, 19. August 2012.
[8] Joshua Teitelbaum: What Iranian Leaders Really Say about Doing Away with Israel. Jerusalem Center for Public Affairs, 2008.
[9] A World Without America. MEMRI Report, 2. November 2005.
[10] Iranian President Rafsanjani on Using a Nuclear Bomb Against Israel. MEMRI Special Dispatch Series, Nr. 325, 3. Januar 2002.
[11] Hamas Covenant 1988. Yale Law School, 18. August 1988.
[12] Morsi answers amen to imam’s prayers for destruction of Jews. JTA, 22. Oktober 2012.
[13] Manfred Gerstenfeld: Dutch Islamo-Nazism, Where Did It Come From? Israel National News, 18. September 2014.
[14] Nahum Goldmann: Mein Leben. USA, Europa, Israel. Frankfurt (Ullstein) 1984, S. 213.
[15] Yehuda Yaetz: Ish HaTzlalim. Mishpacha, 24. März 2011 (hebräisch).
[16] James Hider: Binyamin Netanyahu warns of Iranian nuclear threat. The Times, 21. Februar 2011.

Die Verbindung zu Jerusalem begreifen

Dror Eydar, Israel HaYom, 15. Mai 2015

1. Es ist faszinierend, dass alle erwähnenswerten Erinnerungs- und Danktage Israels in den jüdischen Monat Iyar fallen. Iyar wird traditionell als Monat der Stärke und des Mutes betrachtet. Der Staat Israel wurde zu Beginn des Iyar ausgerufen und Jerusalem wurde am Ende von Iyar befreit. Dazwischen begehen wir den Bar Kochba-Aufstand – 1.813 Jahre sind seit der Zeit vergangen, in der wir unsere Unabhängigkeit 135 unserer Zeitrechung verloren und der Zeit, als wir sie 1948 wiedergewannen. Neunzehn Jahre vergingen zwischen der Zeit, als der Staat Israel gegründet wurde und der Zeit, als wir durch die Tore der Altstadt Jerusalems marschieren konnten.

Die Israeliten durchliefen als frischgebackenes Volk einen ähnlichen Prozess: Die israelitischen Stämme, die Kanaan am Ende des 13. Jahrhunderts vor der Zeitrechnung betraten, warteten Hunderte Jahre, bevor König David Jerusalem eroberte und König Salomo den ersten Tempel errichtete. Unsere lang andauernde historische Reise ist zwiespältig und beinhaltet zwei Aspekte: die nationale Keimzelle und die spirituelle Keimzelle; Schicksal und Bestimmung; Körper und Seele; Israel und Jerusalem.

Die Araber begreifen, dass die Schlacht um dieses Land und die jüdische Präsenz darin mit Jerusalem beginnt und endet. Die palästinensische Autonomie und die muslimische Welt investieren enorme Anstrengungen im lebendig halten eines falschen Narrativs, das suggeriert Jerusalem sei immer muslimisch gewesen und dass der Mann, der vor 4.000 Jahren die Al-Aqsa-Moschee baute, niemand anderes als Abraham war. Dieses Narrativ ist nicht nur bei Islamisten weit verbreitet. Während eines Gesprächs mit dem israelisch-arabischen MK Jamal Zahalka, einem selbsterklärten Atheisten, lehnte dieser es vor kurzem ab die historische Tatsache zuzugeben, dass es einmal einen jüdischen Tempel auf dem Tempelberg gab. Nachdem ich Druck auf ihn ausübte, gestand er ein, dass diese Tatsache zuzugeben „der Besatzung“ oder „Kolonialismus“ dienen würde, wie er es formulierte. Arabische Führer fügen immer das Adjektiv „al-mazoum“ – das bedeutet „angeblich“ oder „falsch“ – hinzu, wenn sie die Existenz eines jüdischen Tempels erwähnen.

Jedes Mal, wenn Sie dieses Argument hören, sagt, wer immer es macht, dass der Oberste Muslimrat (geführt von Hadsch Amin al-Husseini, der später mit Hitler gegen die Juden kollaborierte) 1924 einen englischsprachigen Reiseführer für den Tempelberg veröffentlichte. In diesem Führer hieß es: „Der Ort ist einer der ältesten der Welt. Seine Heiligkeit stammt aus den frühesten Zeiten. Dass er mit dem Ort des Tempels Salomo identifiziert wird, ist unumstritten. Auch ist er nach allgemeinem Glauben die Stelle, an der ‚David einen Altar für den Herrn baute und Brand- und Heilssopfer brachte‘“ (2. Samuel 24,25).

Im 9. Jahrhundert wurde Jerusalem „Bayt al-Maqdis“ genannt, Arabisch für „Beit Hamikdasch“ oder „der Tempel“. Erst im 11. Jahrhundert wurde der Name „Al-Quds“ („das Geweihte Heiligtum“) eingeführt, der vom biblischen „heilige Stadt“ genommen wurde. Jerusalem ist sogar in muslimischen Texten oft „Zion“ genannt worden.

Seit dem Sechstagekrieg von 1967 hat der Wert Jerusalems in den Augen der muslimischen Welt stetig zugenommen. Bis dahin wurde es Hunderte Jahre vernachlässigt. Der Felsendom beherbergt eine 240 m lange Inschrift, die einige der frühesten überlebenden Beispiele an Versen aus dem Koran enthält. Professor Menasche Harel merkte einmal an, dass in all diesen Versen nicht ein einziges Mal das Wort „Jerusalem“ vorkommt und dass die Stadt im Koran völlig fehlt. Und warum sollte sie auftauchen? Wer hat in der Zeit Mohammeds schon von Jerusalem gehört? Im Gegensatz dazu werden Mekka und Medina im Koran hunderte Male erwähnt. Fakt ist: Wenn Muslime in Jerusalem sind, auf dem Tempelberg, dann wenden sie das Gesicht Mekka zu, wenn sie beten.

In der Tat hat Jerusalem in der Geschichte des Islam oder der muslimischen Welt niemals eine politische, kulturelle oder spirituelle Rolle gespielt. Es gewann nur an Wert, wenn es den Muslimen weggenommen wurde, sei es durch die Kreuzzüge oder während des Kriegs mit uns.

Kotel1910
Kotel 1910 (Quelle: Wikipedia)

2. Und was ist mit uns? Kann irgendjemand sich ein jüdisches Dasein im Exil ohne die Sehnsucht nach Jerusalem vorstellen? Juden erwähnen Jerusalem in jedem Gebet, jedem Segen, bei Hochzeitszeremonien und wenn man trauert und bei jedem Feiertag. Die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Jerusalem und es wieder aufzubauen durchdringt die jüdische Erfahrung. Jerusalem wird Millionen Male in der Bibel und anderen wichtigen reigiösen Texten erwähnt – den Apokryphen, Büchern über jüdische Bräuche und jüdisches Recht, Fragen und Antworten, jüdischer Philosophie, Dichtung, Liturgie und Prosa. „Zion, du wirst sicher nach dem Schicksal deiner Gefangenen fragen“, fragte im der Dichter Yehuda Halevi im 12. Jahrhundert. Wir waren alle Gefangene Zions, während wir im Exil waren, die sich nach dem Schicksal einer einzigen Stadt erkundigten. Die ganze Geschichte hindurch gab es kein anderes Volk, das sich nach einer Stadt sehnte und sie als Quelle des Lebens betrachtete, nur um aus der Geschichte wieder hervorzutreten und seine angestammte Heimat nach einer lange andauernden und mühsamen Reise wieder zu erneuern.

Kotel_Fotocommunity.deWährend des Unabhängigkeitskriegs 1948, inmitten endloser Bemühungen auf Kosten anderer Fronten für Jerusalem zu kämpfen, sagte David Ben-Gurion: „Der Wert Jerusalems ist nicht messbar; er kann nicht gewogen oder gezählt werden. Denn wenn Land eine Seele haben kann, dann ist Jerusalem die Seele des Landes Israel und der Krieg um Jerusalem ist unendlich wichtig, nicht nur militärisch. Jerusalem fordert und verdient, dass wir dafür aufstehen. Der Eid ‚an den Flüssen Babylons‘ ist heute so wichtig wie er damals war. Andernfalls werden wir den Namen Israel nicht verdienen“, erklärte er.

Der Kampf zur Rechtfertigung unserer Existenz in diesem Land beginnt damit, dass wir unsere Geschichte lernen. Es gibt unter uns Zeichen der Erschöpfung und heute werden verschiedene diplomatische Lösungen in Umlauf gebracht, die die Teilung Jerusalems „natürlich“ zu beinhalten scheinen. Die Wahrheit ist: Jeder Führungspolitiker, der an die Teilung der Altstadt und die Übergabe unserer heiligen Stätten glaubt, wird niemals wahre Führung in unserem Volk erreichen. Die tiefe Verbindung zu Jerusalem nicht zu begreifen ist ein großes Versagen die Tiefe der Seelen unseres Volks zu begreifen. Ein Volk, das 2.500 Jahre lang schwor: „Wenn ich dich vergesse, o Jerusalem, lass meine rechte Hand ihre Schläue vergessen“, wird niemals einen Führungspolitiker akzeptieren, der glaubt, er können einen Körper ohne Seele leiten.

Kotel_Iraelogie.de3. Als Jerusalem nach dem Sechstagekrieg wiedervereinigt und die Westmauer für die Massen zugänglich wurde, strömten alle möglichen Juden an die Stätte, einschließlich der assimilierten Juden und „Teilzeit“-Juden. Die erste Begegnung mit dem Ort ist eine Art Schocktherapie. Man hat oft das Gefühl einer tiefen emotionalen Verbindung ohne jede rationale Erklärung oder klare Begründung.

Im Januar 1961 führte der israelische Botschafter in Kanada, Dr. Yaacov Herzog, eine berühmte Diskussion mit dem Historiker Arnold Toynbee, der behauptete, das jüdische Volk sei eine „versteinerte“ Zivilisation, die irgendwo ausgerissen und in die Geschichte fallen gelassen wurde (zufällig nutzte Zahalka eine ähnliche Methapher, als er sagte, dass die Juden von oben, „aus einem Buch“, auf den Arabern landeten).

In dieser Diskussion zitierte Herzog Toynbee damit, dass er sagte, die Juden seien nicht tot, aber auch nicht wirklich am Leben. Dass es keine Kontinuität in Begriffen von kreativem Leben und kreativem Denken gibt und dass die Juden irgendwie aus dem kulturellen Mainstream auf eine säkulare Insel rutschten und dort stecken blieben. Von Zeit zu Zeit waren ihre Stimmen zu hören, wenn sie den vorbeifahrenden Schiffen etwas zuriefen.

Toynbee wurde aus gutem Grund Antisemitismus vorgeworfen. Man hätte völlig vor Hass blind sein müssen und die enormen kulturellen, philosophischen und religiösen Schätze gar nicht bemerken dürfen, die von Juden im Exil erbracht wurden, um die Juden auf eine solch wüst unangebracht Art zu beschreiben.

Kotel_Juni1967Acht Jahre nach der berühmten Diskussion traf Herzog Toynbee wieder, aber diesmal war dieser versöhnlicher gestimmt. „Was sagen Sie jetzt?“, fragte Herzog und Toynbee antwortete: „Als ich im Funk hörte, dass eure Soldaten [während des Sechstagekriegs] an der Westmauer sind, habe ich angefangen das Wesen eurer Verbindung zu dieser Stadt, Jerusalem, und zu diesem Land zu begreifen.“

Herzog frage sich, was seinen Widersacher zu dieser Erkenntnis gebracht hatte, da er nur hörte, wie die Soldaten im Funk auf Hebräisch sprachen, aber Toynbee erklärte: „Es gibt eine historische Antenne dafür. Ich hörte die Stimmen und habe verstanden.“

(Fotos über Google Images)

Foto der Woche – Kriegsende

Gestern und heute wurde des Endes des Zweiten Weltkriegs (in Europa) gedacht. Hier mit Nachdenklichkeit, dort mit Pomp und Täterätä. Jeder eben so, wie es ihm gefällt und es gut findet. Es gibt wunderbare Traditionen (so in Russland die Ehrung der Veteranen durch die ganz normalen Staatsbürger). Es gibt Bilder, die nachdenklich machen, es gibt Bilder, die die schiere Freude ausdrücken; Bilder, die Verzweiflung zeigen, Bilder die Erleichterung zeigen – bei den Besiegten Deutschen, wie auch bei den Alliierten. Die Wehrmacht war geschlagen, die Sieger wachten über die Besiegten.

Und es gibt auch satirisch-amüsante Vergleiche  wie den unten – soll man so ewtas zeigen? Vielleicht nicht, vielleicht ja. Ich denke, diesen Wahnsinn satirisch/humoristisch/zynisch zu kommentieren, ist auch eine legitime Verarbeitung und vielleicht sogar Warnung. Auf jeden Fall eine Erinnerung daran, wer sich letztlich lächerlich gemacht hat, obwohl es so furchtbar ernst war. Es gibt böse Witzfiguren; wir sollten sie erkennen, um sie rechtzeitig bloßzustellen.

WKII_Scissors-beat-PaperSchnick-schnack-schnuck:
Schere besiegt Papier!