Palästinensischer Aufruf gegen Selbstmordattentate (1/3)

Am 19. und am 21. Juni 2002 erschien in der palästinensischen Tageszeitung „Al-Quds“ eine Anzeige mit einem Aufruf von palästinensischen Intellektuellen, der weltweit – auch in unseren Medien – große Beachtung fand.

Aufruf – Aufgrund unserer nationalen Verantwortung und wegen der bedenklichen Lage, in der das palästinensische Volk sich befindet, hoffen wir, die Unterzeichner, dass diejenigen, die hinter den Militäraktionen stehen, die auf die Schädigung von Zivilisten in Israel zielen, ihre Vorgehensweise überdenken und damit aufhören, unsere Jugend dazu anzutreiben diese Operationen auszuführen, denn wir sehen nicht, dass sie zu anderen Ergebnissen führen als zunehmendem Hass, Feindseligkeit und Feindschaft zwischen zwei Völkern, die die Kluft zwischen ihnen vertiefen und die Möglichkeit zerstören, dass beide Völker nebeneinander in Frieden in benachbarten Staaten leben.

Wir denken, dass diese Operationen keine Fortschritte in der Realisierung unseres [nationalen] Plans bringen, der zur Freiheit und Unabhängigkeit aufruft. Im Gegenteil: Sie verstärken die Einigkeit unter den Feinden des Friedens auf der anderen Seite [Israel] und liefern der aggressiven Regierung, an deren Spitze Sharon steht, Rechtfertigungen den grausamen und aggressiven Krieg, den er gegen unser Volk führt, fortzusetzen – einen Krieg, der sich gegen unsere Dörfer, unsere Städte, unsere Alten und unsere Kinder, wie auch gegen unsere Errungenschaften, unsere Hoffnungen und unser nationales Projekt richtet.

Militärische Operationen können positiv wie negativ nur nach dem Maß beurteilt werden, in dem sie politische Ziele erreichen. Daher gibt es eine Notwendigkeit diese Aktionen zu überdenken; wir wissen, dass wir glauben[1], die Ermutigung zu wechselseitigen existentiellen Kämpfen zwischen den beiden Völkern im Heiligen Land würde zu etwas anderem führen als der Zerstörung und dem Ruin für alle Menschen in dieser Region. Wir wüssten keine logische, menschliche oder politische Rechtfertigung für dieses Ergebnis.

Wir rufen jedermann auf, der diesen Aufruf unterstützt, seine Unterschrift per Fax an die Nummer 02-62277166 zu schicken.
Dieses Kommunique wird bald ein weiteres Mal veröffentlicht.
Dieses Kommunique wurde mit finanzieller Unterstützung der EU für die Friedenskampagne veröffentlicht.(1)

Zu den 55 Unterzeichnern gehörten u.a. Sari Nusseibeh und Hanan Ashrawi

1an dieser Stelle steht in MEMRIs Original: „wissen, dass wir nicht glauben, …“, was aber zu einem Widerspruch innerhalb des Absatzes führen würde.

Zwei Tage später wurde das Kommunique erneut veröffentlicht, diesmal modifiziert und mit weiteren Unterzeichnern. Zusätzlich wurde eine englische Übersetzung in der Jerusalem Times (Palästinensische Autonomie) am 20. Juni veröffentlicht.
Diese zweite Version hatte 315 Unterzeichner, darunter die 10-jährige Maiys Ouda, den ehemaligen PA-Minister Ziyad Abu Ziyad und das PLC-Mitglied und Leiter des politischen Komitees Ziyad Abu Amru. Die Information bezüglich der Finanzierung durch die EU war nicht mehr enthalten, statt dessen gab es eine Bemerkung, dass die Namen der Unterzeichner in der Reihenfolge ihrer Abgabe erschienen. Es wurde außerdem die folgende Erklärung hinzu gefügt:

Es ist überflüssig darauf hinzuweisen, dass alle Unterzeichner dieses Kommuniques alle Maßnahmen schärfstens verurteilen, die von der Israelischen Unterdrückung gegen unser Volk durchgeführt wurden, darunter die Politik der militärischen Vorstöße, Ermordungen und Belagerung. Wir betonen, dass die Besatzung der Grund der Tragödie ist, der unser Volk ausgesetzt ist und dass Widerstand ein Recht und eine Verpflichtung sind.(2)

Diese beiden Änderungen spiegeln die unten beschriebene Kritik an den Unterzeichnern wider.

[1] an dieser Stelle steht in MEMRIs Original: „wissen, dass wir nicht glauben, …“, was aber zu einem Widerspruch innerhalb des Absatzes führen würde.

Die Verlogenheit in der Diskussion um den Nahen Osten oder: Wie man für mehr Gewalt sorgt

Charles Krauthammer, Jewish World Review, 20. Juni 2002

Wann immer in Israel ein Massaker stattfindet, beeilen sich die palästinensischen Sprecher zu sagen: „Ja, das ist schrecklich, aber das kommt davon, wenn man ein Volk ohne Hoffnung auf ein Ende der Besatzung hält.“ Verteidiger im Westen beten diese Rechtfertigung/Erklärung unverändert nach.

Von allen verlogenen Dingen, die die Gespräche über den Nahen Osten verschmutzen, ist dieses das Schlimmste. Es wird voraus gesetzt, dass der Hörer nicht nur dumm ist, sondern auch noch unter Gedächtnisverlust leidet. Auf dem Gipfel von Camp David vor zwei Jahren wurde den Palästinensern in Anwesenheit des Präsidenten der Vereinigten Staaten ein Ende der Besatzung angeboten – ein vollständiges Ende, ein endgültiges Ende – und zwar vom Premierminister Israels. Sie sagten dazu „Nein“. Sie sagten „Nein“, weil sie im Gegenzug aufgefordert worden wären Frieden zu machen.

Erinnern Sie sich? Das Mantra, das den Israelis Jahrzehnte lang vorgebetet wurde, war: „Land für Frieden“. Es stellt sich heraus, dass Arafat das Land wollte, es aber in Camp David wie immer ablehnte Frieden zu machen. Der Grund dafür, dass heute jeden Tag Unschuldige sterben, ist nicht die Besatzung, sondern dass die Palästinenser glauben, sie könnten (wie die Hisbollah im Libanon) Land ohne Frieden bekommen.

Und warum sollten sie das nicht glauben? Das [US-] Außenministerium will ihnen genau das geben. Der Weg aus dem nahöstlichen Sumpf, so hat Colin Powell den Präsidenten gedrängt, ist, den Palästinensern „ein Licht am Ende des Tunnels“ zu geben, indem man ihnen einen eigenen „Interim-„ oder „provisorischen“ palästinensischen Staat gibt – während die Massaker weiter gehen, z.B. die 26 in Stücke gerissenen Jerusalemer der zwei kurz nacheinander erfolgten Selbstmord-Bomben dieser Woche.

Diese Belohnung des Terrorismus ist nicht nur ein moralischer Skandal. Sie ist katastrophale Diplomatie. Was sagt dieser provisorische Staat den Palästinensern? Man kann einen vor zwei Jahren angebotenen Staat ablehnen, einen Krieg beginnen, täglich Morde begehen und dann wieder einen Staat angeboten bekommen – diesmal, ohne dass jemand verlangt, dass man Frieden schließt.

Einer amerikanischen Außenpolitik, deren Hauptziel Stabilität und Gewaltlosigkeit ist (und wenn vielleicht auch nur um uns Handlungsfreiheit an anderen Orten in der Region im Kampf gegen den Terrorismus zu verschaffen), könnte man keine schlimmere Politik empfehlen. Wenn zwei Jahre des Blutvergießens den Palästinensern einen Interimstaat verschafft – sogar ohne eine einfache Feuerpause, geschweige denn einen wirklichen Frieden -, wie sollten sie dann von einer Fortsetzung der Gewalt entmutigt werden?

Einen Staat zu haben, bevor Frieden geschlossen wird, ist eine Garantie für die Steigerung der Gewalt. Was bedeutet überhaupt „provisorischer Staat“? Es hat nie einen „provisorischen Staat“ gegeben. Powell wird das Konzept während seiner Umsetzung entwickeln müssen. Wenn aber „Staat“ etwas bedeutet, dann dreierlei:

  1. Territoriale Unverletzbarkeit– Heute ist der Terrorismus reduziert (Israel verhindert 90 Prozent der geplanten Anschläge), weil die israelische Armee in die Palästinensergebiete vorstößt und Terroristen gefangen nimmt und aufhält. Nach einer Staatsgründung wird daraus die Invasion eines anderen Landes. Die Terroristen werden dann eine Zufluchtsstätte haben. Jedes Mal, wenn Israel sie verfolgt, wird der UN-Sicherheitsrat zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen werden und Amerika wird kritisiert werden, bis es diese israelische „Invasion“ verurteilt. Als Folge wird mehr Terrorismus stattfinden und mehr Unmut über die amerikanische Diplomatie entstehen.
  2. Waffen– Die grundlegende Voraussetzung amerikanischer Politik der letzten 25 Jahre ist gewesen, dass es der einzige Weg ist den Frieden zu sichern, indem ein entmilitarisiertes palästinensisches Gemeinwesen geschaffen wird. Natürlich werden die USA bei ihrem Angebot eines „provisorischen Staates“ auf einer Begrenzung der Bewaffnung der Palästinenser bestehen. Diese Grenzen werden genauso sicher überschritten, wie die zur palästinensischen „Polizei“ aus den Oslo-Vereinbarungen. Aber es wird schlimmer werden. Wenn sie erst einmal einen Staat haben, werden die Palästinenser sagen, dass jeder Staat mit etwas Selbstachtung das Recht hat sich so zu bewaffnen, wie er es für richtig hält. Warum nicht Palästina? Die Westbank wird nicht nur vor Waffen des Guerillakriegs wimmeln (Maschinengewehre und Autobomben), sondern vor Waffen für einen regionalen Krieg – Katjuscha-Raketen und Luftabwehr-Flugkörper. Was, glauben Sie, wird passieren, wenn zivile Flugzeug beim Landeanflug auf den Ben Gurion-Flughafen von einem bewaffneten palästinensischen Staat aus beschossen werden?
  3. Bündnisse– Ein Grundmerkmal von Eigenstaatlichkeit ist das Recht Bündnisse abzuschließen. Schon vor der Eigenstaatlichkeit hat Arafat sich heimlich mit dem Iran und Hisbollah verbündet. Mit einem Staat wird er in die Lage gebracht, das offen zu tun. Und was werden wir tun, wenn er ein Bündnis mit Syrien und dem Irak schließt und ihre Panzerarmeen in die Westbank kommen lässt um Palästina vor israelischer „Aggression“ zu schützen?

Provisorische Eigenstaatlichkeit ist Unsinn. Dass die USA sie anbieten, stellt einen moralischen und strategischen Zusammenbruch dar. Sie lässt die Palästinenser ihre Ziele erreichen – ohne die Voraussetzung einer Forderung die Waffen niederzulegen.

Eigenstaatlichkeit der Palästinenser ist eine Selbstverständlichkeit [geworden]. Heute ist die einzige Frage, ob sie sie bekommen, während sie die Massaker an den Juden fortsetzten oder erst nachdem sie den Massakern abgeschworen haben. Erinnern Sie sich? Land für Frieden!

Unbegreiflich? Nein, logisch!

«Es ist unbegreiflich, dass jemand ein fröhliches Popkonzert ausnutzt, um so vielen Menschen den Tod zu bringen oder ihnen schwere Verletzungen zuzufügen. (…) Dieser mutmaßliche terroristische Anschlag wird nur unsere Entschlossenheit stärken, weiter gemeinsam mit unseren britischen Freunden gegen diejenigen vorzugehen, die solche menschenverachtenden Taten planen und ausführen. Den Menschen in Großbritannien versichere ich: Deutschland steht an Ihrer Seite.» (Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU))

Das schreibt DIE WELT in den Politiker-Reaktionen auf den Terroranschlag am Dienstagabend in Manchester.

Frau Merkel findet es also unbegreiflich? Wieso eigentlich? Was glaubt unsere Bundeskanzlerin denn, was für Leute das sind, die Terroranschläge verüben? Irgendwelche Pussies mit schlechtem Gewissen, wenn sie irgendeinem Menschen einen Kratzer zufügen?

Hat Frau Merkel noch nicht mitbekommen, was diese Leute in Syrien, dem Irak, in Nigeria, Ägypten, Somalia, auf den Philippinen, in Afghanistan und wer weiß wo noch überall anrichten?

Wie dumm, verblendet, ignorant oder einfach nur bescheuert muss man eigentlich sein, um eine solche Aussage von sich geben zu können?

Nein, Frau Merkel (und all die anderen Führungspolitiker, Staatslenker, Superjournalisten und „Experten“, die es so gibt: Dieser Anschlag ist nicht unbegreiflich. Er ist nur logisch. Diese Leute, die solche Anschläge verüben, tun das ganz gezielt und ihrem Glauben entsprechend.

Was sonst ist denn der „Sinn“ von Terror? Terror soll Schrecken und Angst verbreiten. Terror soll die Leute vor Angst in die Knie zwingen. Wo kann das besser geschehen als mit jungen Menschen, Kindern? Eltern würden sich für ihre Kinder opfern; sie werden sich erniedrigen und sich Terroristen beugen, wenn sie glauben, dass das ihre Kinder retten kann. Und so schätzen die Terroristen uns ein.

Diese Aussage von Frau Merkel ist einfach Schwachsinn. Sie müsste doch eigentlich die Ideologie begreifen, die dahinter steckt. Dass diese Terroristen ihrem Gott folgen, seine Anweisungen in Reinkultur umsetzen. Aber nein, hier macht (nicht nur) sie sich immer noch vor, dass man mit diesen Typen rational reden, an ihre Menschlichkeit appellieren kann. Und dann kommt der nächste Anschlag und sie wundert sich, dass das alles nichts nutzt?

Welche Folgen wird dieser Anschlag haben? Ich wette: eigentlich keine. Die Schwüre, dass es keinen Generalverdacht geben darf, dass der Islam eine Religion des Friedens ist, dass die Terroristen irregeleitet sind werden alle wieder heruntergebetet werden. Und dann geht man zur Tagesordnung über, betreibt ineffektiven Aktionismus und steht beim nächsten Massenmord wieder wie der Ochs vorm Berge und ist ratlos ohne Ende. Warum?

Weil man die Augen vor Fakten verschließt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Weil die politisch korrekten Einstellungen alles bestimmen, nicht das, was tatsächlich ist. Lasst bloß keine Wirklichkeit dem Wunschdenken in die Quere kommen!

Es ist unbegreiflich? Eins ist unbegreiflich: Wie die Welt heute auf den Kopf gestellt wird, um nur ja nichts akzeptieren zu müssen, was man nicht sehen will. Wie mit der Wirklichkeit umgegangen wird, um nur ja nicht zugeben zu müssen, dass die eigene Ideologie die Welt schlichtweg nicht erklären kann, dass sie falsch ist, dass sie aufgegeben werden muss. Dass eine neue Herangehensweise nötig ist, die unbequem ist, die gefährlich ist, die Opfer erfordert – die aber das Problem angeht, statt diejenigen, die das Problem aufzeigen und damit anecken.

Ob wir das je erleben werden? Was ist dafür nötig? Müssen wirklich erst Tausende, Zehntausende ermordet werden, bis es bei unseren fehlgeleiteten „Eliten“ Klick macht?

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– lesenswert dazu: Ahnungslosigkeit? Unfähigkeit? Verantwortungslosigkeit? Weltfremdheit? (Die Achse des guten, 24.05.2017)