Taten, die zählen!

Jonathan S. Tobin, Jewish World Review, 3. August 2005

Unter dem, was wir lachend „normale“ Umstände nennen, ist Israel mit Auslandskorrespondenten überschwemmt. Aber in diesem und dem nächsten Monat werden sogar noch mehr Reporter als gewöhnlich ins Land geworfen. Und man kann wetten, dass die meisten von ihnen noch ignoranter gegenüber den Zusammenhängen der Ereignisse sind, als die normale Truppe.

Der Grund dafür ist Israels geplante „Abkoppelung“ vom Gazastreifen, was den Hinauswurf tausender Juden mit sich bringt, die nicht bereits von selbst gegangen sind.

Der israelische Premierminister Ariel Sharon – der sich immer mehr auf Taktik als auf die große Strategie konzentriert – hat sich gut darauf vorbereitet Massenproteste abzuwehren, die bereits gesprengt oder weit gehend unterdrückt wurden.

Das ist das Drama, dem nicht nur eine neugierige Welt genau folgen wird, sondern auch von einer internationalen jüdischen Gemeinschaft.

Die Mehrheit der Israelis wie der Diaspora-Juden stehen hinter Scharon, weil sie das als eine sinnvolle Neu-Verschanzung ansehen, die Israel mehr als eine Million feindseliger Araber loswerden lässt, obwohl sie sich wegen der Gefahren innerer Auseinandersetzung sorgen.

Die beträchtliche Minderheit, die gegen diesen Zug ist, ist entschlossen Trauer und Wut wegen der Zerstörung der Siedlungen in Gaza zu demonstrieren und so ihr bestes zu tun werden, um die selbstherrliche und allgemein undemokratische Art zu illustrieren, mit der Sharon seinen Plan ausführt. Sie wollen auch herausstellen, dass Israel im Gegenzug von den Palästinensern und ihren Führern nichts bekommen wird.

Aber all das wird ebenfalls schnell irrelevant.

Man kann sich über Sharons Methoden beschweren, so viel man will, aber die Wahrheit ist, dass die Mehrheit der Israelis immer noch keinen Wert darin sehen wegen ein paar tausend Siedlern an Gaza und seinen Palästinensern festzuhalten. So lange Sharon eine Mehrheit der Knesset anführt, kann die stimmkräftige Mehrheit (die sich richtigerweise über seine Verhöhnung demokratischer Normen beschweren kann, auch über die Art, wie die Opposition in der israelischen und Auslands-Presse dämonisiert worden ist) nichts dagegen tun. Die Abkoppelung ist eine Tatsache, die nicht ungeschehen gemacht werden kann.

So bitter die Kritiker auch sein mögen, es wäre ein großer Fehler der Freunde Israels, sich zu sehr in diese Sache zu verstricken. Warum?

Denn ob man an den Abzug wegen der demographischen Herausforderung glaubt, die Gaza darstellt, oder einfach entsetzt darüber ist, wie Israel den Palästinensern einen Grund zu geben scheint zu glauben, dass der Terror funktioniert: Es wird bald Schlimmeres folgen.

Obwohl Sharon seinen Plan vorgeschlagen haben könnte, weil er einen einseitigen Rückzug auf verteidigungsfähige Linien als Möglichkeit ansah, der Scharade von Gesprächen mit einem Partner vorzubeugen, der klar an Frieden nicht interessiert ist, wird der Abzug weder ihm noch dem Land irgendeine Pause von den Prüfungen der Zeit geben.

Als der Erzterrorist und Führer der palästinensischen Autonomie Yassir Arafat noch in seinem Lager in Ramallah lebte, konnte sich Sharon auf die Administration von Präsident George W. Bush verlassen, dass sie ihm den Rücken stärkte. Aber Arafats Tod verwandelte einen sehr vernünftigen Plan in einen, der fehl schlagen könnte, wenn Washington seine Meinung ändert.

Obwohl Bush weiterhin meistens die richtigen Dinge sagt, haben die letzten Monate auch gezeigt, dass die Regierung bereit ist, eine Ausnahme von der Regel zu machen, dass Demokratie und Gegnerschaft zum Terror die Schlüssel für ihren guten Willen sind. Der jetzige PA-Präsident Mahmud Abbas scheint einen dauerhaften „du kommst nicht ins Gefängnis“-Pass von Bush und Außenministerin Condoleezza Rice erhalten zu haben.

Obwohl Abbas Wahlen abgesagt hat (um eine Niederlage durch die Hamas zu vermeiden) und nichts getan hat, um die Terroranschläge gegen Israelis zu stoppen, die trotz eines so genannten Waffenstillstands nie wirklich aufhörten, scheint Washington das nicht zu kümmern. Selbst nach einer Woche Schießens, Bombens und Raketenangriffen, die einige Israelis das Leben kosteten (und von denen einige von Abbas’ eigener Fatah-Bewegung, nicht von der Hamas und dem Islamischen Jihad ausgeführt wurden), sah sich Rice dazu veranlasst den Mann zu loben. Mit diesen falschen Äußerungen folgt die Sekretärin demselben Drehbuch, das das Verhalten der Clinton-Administration charakterisierte, als Arafat die Ereignisse in Bewegung brachte, die den Oslo-Friedensprozess dem Untergang weihten.

Was das heißt ist, dass, sobald die Israelis aufhören sich wegen Gaza gegenseitig zu prügeln, die Palästinenser die Agitation beginnen werden, um mehr Zugeständnisse zu bekommen ohne den Preis dafür in Einstellung des Terrors oder echte Friedensgespräche zahlen zu müssen. Was folgen wird, sind die Eröffnungsakte eines weiteren Krieges, dessen Ziel ein israelischer Rückzug aus Städten und Dörfern sein wird, in denen fast eine halbe Million Juden in der Westbank und Teilen von Jerusalem leben. Angesichts der Ergebnisse der letzten wenigen Jahre, in denen israelische Friedensvorschläge seine Feinde nur ermutigte, gibt es keinen Grund zu glauben, dass Abbas und seine Verbündeten sich nicht auf mehr Gewalt vorbereiten.

Inzwischen fangen einige Elemente der amerikanischen Presse bereits an die Ereignisse rund um den Abzug aus Gaza so zu interpretieren, dass die Verantwortung für zukünftige Gewalt den israelischen Opfern in die Schuhe zu schieben, statt den palästinensischen Tätern.

Die Kommentarseiten von Zeitungen wie der New York Times betrachten den Fluss palästinensischer Terroraktivitäten als nicht verbunden mit palästinensischer Politik und sind immer noch schnell dabei, jede israelische Verteidigungsmaßnahme gegen diese Anschläge als tadelnswert. Die Weltpresse und ein großer Teil der europäischen Meinung glauben, dass Israelis es verdienen von Terroristen ermordet zu werden.

Eine solche Stimme – Trudy Rubin, Auslands-Kolumnistin des „Philadelphia Inquirer“ – brandmarkte sogar Sharons Rückzug, weil der der Hamas helfen und Abbas beschädigen würde. Dass jüdische Gegner von Sharons Plan diese Äußerung als Beleg für Sharons Torheit hervorhoben – wie es die Zionist Organization of America tat – war an sich ein Akt unverständlicher Dummheit. Rubin und ihresgleichen wollen weitere israelische Rückzüge, nicht weniger; sie wollen mehr Zugeständnisse an den Terror, nicht dessen Ende.

Anstoß mit aller Macht

Israelische Geheimdienstquellen werden bereits weithin mit der Ansicht zitiert, dass die kommenden Monate eine Eskalation des Terrors bringen werden. Die Hoffnung der Palästinenser ist es, dass – anders als in der Situation des Jahres 2002, als Bush Sharon grünes Licht für die Gegenoffensive gegen Terrorbasen gab, die Amerikaner diesmal verlangen werden, dass Israel Abbas mehr gibt.

Und das ist es, wo die amerikanischen Juden und die große Zahl von Nichtjuden, die den jüdischen Staat unterstützen, ins Spiel kommen. Was in der unmittelbaren Zukunft gebraucht wird, ist ein Anstoß mit aller Macht, um die Administration dazu zu bringen, dass sie bezüglich Abbas und seinen Gangstern ihren Verstand wieder gewinnt.

Nichts wird der Sache der Mörder mehr helfen, als wenn sie es schaffen, dass die amerikanischen Juden sich wegen Gaza selbst zerreißen und sich so außer Stande setzen den politischen Willen aufzubringen sich zu Wort zu melden, wenn es wirklich zählt. Genauso sollten Sharons rechts gerichteten Feinde und die aus der Mitte nicht die Zeit der evangelikalen Verbündeten Zions und die pro-israelische Mehrheit des Kongresses damit verschwenden, dass sie sie auffordern gegen Sharon einzuschreiten, wie es die Kritiker des Gaza-Plan so töricht getan haben. Sie müssen sich dem Willen der israelischen Mehrheit beugen und vorbereitet sein aktiv zu werden, wenn der wirkliche Kampf losgeht. Es sieht so aus, als müssten sie darauf nicht lange warten.

Jetzt ist die Zeit für die Freunde Israels ihr Pulver trocken zu halten und nicht politisches Kapital für eine verlorene Sache zu vergeuden

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Feiern wäre verfrüht

Der Krieg gegen Israel ist nicht vorbei

Jonathan S. Tobin, Jewish World Review, 1. März 2005

Dass das israelische Kabinett letzte Woche abstimmte, dass mit dem Rückzug aus dem Gazastreifen und vier Siedlungen in der Westbank weiter gemacht werden soll, festigt einen Trend, der unsere größten Hoffnungen zu bestätigen schien. Zusammen mit der Entscheidung palästinensischer Terrorgruppen eine Waffenruhe zu beachten, schienen Fortschritte in Richtung Frieden im Nahen Osten plötzlich wahr zu werden.

Aber im Nahen Osten sterben solche Hoffnungen schnell. Der Terroranschlag in Tel Aviv von Freitag, der vier Israelis das Leben nahm, setzte die Vorstellung einer dauerhaften Waffenruhe in eine andere Perspektive.

Bis zu diesem Augenblick schien der vier Jahre alte Abnutzungskrieg gegen Israel trotz all der ernsten Gründe, die ultimativen Absichten der Palästinenser und ihres Präsidenten Mahmud Abbas anzuzweifeln, beendet zu sein. Und, so erklärte der israelische Premier Scharon, in einem solchen Kontext war Dialog wieder möglich und Hoffnung auf eine friedliche Regelung war nicht mehr nur Luftschloss.

Es wird diejenigen geben, die sagen werden, dass der Anschlag in Tel Aviv nichts bedeutet; dass, solange Abbas weiter sagt, er sei ein Partner für den Frieden, dass Israel und seine Freunde im Ausland ihm vertrauen und den Prozess weiter unterstützen müssen. Insbesondere die Regierung Bush, die viel in Abbas investierte, könnte das Gefühl haben, sie haben keine andre Wahl als diese Haltung einzunehmen.

Wenn wir aber nur mit Abbas mitfühlen und zugestehen, dass er gegen den Islamischen Jihad und die Hamas trotz der beträchtlichen militärischen Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen, nicht vorgehen kann, dann wird sich gegenüber dem Regime von Yassir Arafat nichts geändert haben.

Und selbst wenn wir die dubiose These akzeptieren würden, dass man Abbas zutrauen kann den Terrorismus zu stoppen, dürfen Israels Unterstützer, bevor wir anfangen zu feiern, eines nicht vergessen: Der Krieg gegen Israels Existenz ist noch nicht vorbei.

Mit der vollen Unterstützung der Bush-Administration hat Scharon klar gemacht, dass eine Rückkehr zum Status quo von vor der Intifada, als die Palästinenser die Kontrolle über ihre Städte selbst hatten, möglich sein wird, wenn sie Frieden halten. Von da aus, könnte man meinen, sollte die Waffenruhe halten, ist es nur ein kleiner Schritt zum Rückzug aus Gaza und Verhandlungen über einen Endstatus-Vertrag. Aber solche Verhandlungen würden Fragen einschließen, zu denen es wenig Anzeichen gibt, dass eine der beiden Seiten nachgeben wird.

Diese schließen die Zukunft Jerusalems ein, von dem Scharon versprochen hat, dass er es nicht teilen wird, um Teile von Israels Hauptstadt den Palästinensern zu übergeben. Während Zyniker glauben, dass er nach der Aufgabe Gazas bei Jerusalem einknicken wird, genauso bei der Zukunft der großen israelischen Siedlungsblöcke in der Westbank (zu denen Präsident Bush letztes Jahr andeutete, dass Israel erlaubt sein sollte sie bei einem Friedensvertrag zu behalten), erscheint das doch unwahrscheinlich. Scharon hat klar gemacht, dass er in Gaza Zugeständnisse machte, um Israels Zugriff auf Jerusalem zu stärken, nicht zu schwächen.

Scharon hat die palästinensische Eigenstaatlichkeit schon lange als unvermeidlich zugestanden. Er hat Recht, das er das tut. Aber er ist, mit Unterstützung der überwältigenden Mehrheit der Israelis und Amerikaner, bereit, das nur im Tausch für Frieden und sichere israelische Grenzen zu tun.

Es gibt weitere Faktoren, die die Unterstützer veranlassen sollten, in ihrer Wachsamkeit nicht nachzulassen. Der Grund dafür ist, dass die internationale Kampagne der Delegitimierung Israels und des Zionismus nicht nachgelassen hat.

Die Agenda der Kritiker Israels in den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und dem Rest der arabischen und muslimischen Welt bleibt unverändert, trotz der politischen Verschiebungen, die Scharon und Abbas vorgenommen haben. Und selbst, wenn die palästinensischen Terrorgruppen die Waffenruhe einhalten, werden das die Killer der vom Iran gestützten Hisbollah mit größter Wahrscheinlichkeit nicht tun.

Scharons Zugeständnisse werden auch diejenigen Amerikaner nicht überzeugen, die mit De-Investitionsplänen Wirtschaftskrieg gegen Israel führen wollen, um ihre Aufhetzung zu halten. Erst letzte Woche empfahl der Weltkirchenrat, eine Gruppierung von 347 protestantischen und orthodoxen Denominationen mit Sitz in Genf, seinen Mitgliedern, sie sollten „ernsthaft darüber nachdenken“ ihre Investitionen aus Firmen abzuziehen, die Israel in den besetzen palästinensischen Gebieten helfen. Die Presbyterianische Kirche traf letzten Sommer eine ähnliche Entscheidung.

Dass diese Kirchen Israel ausgerechnet in der Zeit attackieren, in der Fortschritt in Richtung Frieden gemacht wird, zeigt nur, wie tief der Hass auf den jüdischen Staat sitzt. Was das für Amerikaner bedeutet, ist, dass, weit davon entfernt in unserem pro-israelischen Eintreten nachzulassen, die jüngsten Ereignisse uns als Ansporn dienen sollten härter zu arbeiten und noch deutlicher Stellung zu beziehen.

Einer der inhaltlichen Schlüsselpunkte unter vielen Hindernissen, die letztlich den Friedenszug entgleisen lassen können, bleibt Israels Sicherheitszaun. Mit der Ratifizierung von Kompensationszahlungen für die Siedler, die aus ihren Häusern geworfen werden, stimmte das Kabinett diese Woche auch dafür die Barriere zu vollenden. Der Zaun ist entscheidend für die Debatte der kommenden Monate – nicht nur, weil seine Existenz weiterhin als Vorwand für das fortgesetzte Sperrfeuer unfairer Beschimpfungen Israels und seiner Regierung dient, sondern weil sein Erfolg der Schlüssel zur palästinensischen Entscheidung war, ihre Niederlage zuzugeben und ihre Terroroffensive zu stoppen. Aber das bedeutet Israels Gegnern nichts, die den Zaun benutzen werden um auf den jüdischen Staat als „Unterdrücker“ einzudreschen. Das ist kein unwichtiger Punkt, denn Israels Existenz anzuerkennen ist bedeutungslos, wenn das nicht durch eine gleiche Hinnahme ihres Rechts auf Selbstverteidigung begleitet wird, was keiner anderen Nation verwehrt wird.

Wie wir zu unserem Leid nach der Euphorie der Oslo-Vereinbarungen von 1993 erfuhren – und nach der palästinensischen Entscheidung den Frieden abzulehnen und im Herbst 2000 einen Krieg anzufangen – bedeutet, dass Israel im Recht ist, nicht gleich, dass es nicht unfair an den Pranger gestellt wird. In der Tat ist es so, dass Israel, je mehr es gibt, es diejenigen um so mehr ermutigt, die Juden und ihr Recht auf Selbstbestimmung in ihrem eigenen Land hassen.

Der Tod von Yassir Arafat – verbunden mit Israels militärischem Sieg über den Terrorismus und Scharons und Abbas’ Bewegungen in Richtung Frieden – waren wahrlich Meilensteine. Aber der jüngste Anschlag, verbunden mit all den Gründen, warum Verhandlungen immer noch fehl schlagen können, sollten uns zeigen, das dies keine Zeit zum Entspannen ist. Das Eintreten für Israel muss unvermindert weiter gehen.

Aufwachen fällt schwer

Daniel Gordis, 25. Juni 2004 (online nicht mehr gefunden)

Vor langer Zeit hatte ich eine Freundin, deren Mutter nach langer Krankheit starb. Kurz nach dem Tod ihrer Mutter unterhielten diese Frau und ich uns darüber, wie es ihr ging. Ich erinnere mich immer noch, was sie sagte. „Weißt du, was für die liebste Tageszeit ist?“, fragte sie. „Die ersten Sekunden, wo ich wach bin. Die Sekunden, bevor ich mich erinnere.“

Ich war von diesem Bild beeindruckt, sowie sie das sagte, aber erst Jahre später verstand ich es vollständig, als die Intifada (oder, richtiger gesagt, der Krieg) sich auf ihrem Höhepunkt befand. Vermutlich 2002 und Anfang 2003. Wir wachten morgens auf und ich diesen ersten Sekunden zwischen dem Zeitpunkt als der Radiowecker und weckte und dem, als wir wirklich hörten, was gesagt wurde, konnten wir vergessen. Dass der Tag mit Beerdigungen gefüllt sein würde. Dass die Morgenzeitung Fotos der neuesten Opfer auf der Titelseite, oberhalb der Falz, zeigen würde. Dass die Nachrichten gelegentlich über den nationalen Verbrauch an Antidepressiva berichtete und fast immer verkündete, wo die „heißesten“ Warnungen vor Anschlägen dieses Tages vorlagen. In den ersten Sekunden des Tages, wenn der blass-blaue Himmel und der Jerusalemer Stein vor dem Fenster noch vor den Nachrichten registriert werden, war das Leben in Ordnung. Sehr in Ordnung. Diese wenigen ersten Sekunden lang.

Aber dann gewöhnten wir uns an das Leben im Krieg. Die Angst brauchte nicht mehr die wenigen Sekunden, um einzusetzen. Wie viele Israelis, gingen wir schlafen und dachten darüber nach und träumten davon. Und wachten damit auf. Sofort. Ohne jegliche Sekunden vor der Erinnerung. Sie war so allumfassend und dauerte so lange, dass es diese fließenden Sekunden am Morgen nicht länger gab.

Sie sind jetzt wieder zurückgekehrt, diese Sekunden, die es braucht um etwas zu begreifen, aber auf eine andere Weise. Seltsamerweise, so habe ich gemerkt, wache ich manchmal immer noch mit dem Gefühl der Angst auf und erkenne dann nach ein paar Sekunden – es ist inzwischen anders. Nicht vorbei, aber besser. Viel besser. Wenn es damals ein paar Sekunden dauerte, bis ich bemerkte, in welchem Chaos wir uns befanden, ist es nun umgekehrt. Jetzt brauchen wir diese Sekunden, um uns selbst daran zu erinnern, dass es viel weniger zu fürchten ist als es früher der Fall war. Ich ertappe mich dabei, dass ich mit einem instinktiven Gefühl einer düsteren Vorahnung aufwache, aber beim Aufwachen und Nachrichten hören sickert es plötzlich durch, dass das Schlimmste hinter uns liegen könnte.

In diesen Tagen drehen sich die Nachrichten, nun, nicht um Frieden, aber einige Schritte in Richtung Abkoppelung. Von dem, was wir hier erleben werden, das, was Frieden am nächsten kommt. Sharon, den die Welt als blutrünstigen, kompromisslosen Ideologen beschreibt, führt ein verletztes und verärgertes Land langsam und rührig aus dem Gazastreifen. Und Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Israelis zufrieden damit sind. Wäre damals, 2002, kaum zu glauben gewesen.

Nicht, dass das Zuhören bei den Nachrichten sonderlich Spaß macht. Ein perfektes Beispiel von Anfang der Woche: Sie begannen mit Sharons (hoch kontroversem) Zeitplan für den (hoch kontroversen) einseitigen Rückzug. Dann ein Bericht, dass Bibi Netanyahus früherer Stabschef (damals, als Bibi Premier war) gesagt habe, die Siedler sollten legitim tödliche Gewalt gegen Soldaten benutzen könnten, wenn die kämen um sie abzutransportieren. Jetzt, berichten die Nachrichten, wird gegen ihn wegen Aufhetzung ermittelt (ein ernstes Verbrechen hier, seit Rabin ermordet wurde). Dann ein Bericht, dass die Armee im Geheimen (obwohl das offensichtlich nicht so geheim sein kann, wenn es in den Nachrichten kommt) Spezialeinheiten trainiert, die mit den Siedlern klar kommen und sie notfalls gewaltsam evakuieren können sollen.

Dann ein kurzer Überblick über die Kommentare von Peres vom Vorabend. „Wer braucht Sondereinheiten?“, wollte er wissen. „Sie wollen da nicht weg, dann lasst sie das. Lasst die Palästinenser sie bearbeiten. Warum sollten unsere Kinder Gefahr laufen Menschen da wegzuholen, wenn sie nicht kommen wollen? Wir ziehen einfach die Armee zurück und sie bleiben auf sich gestellt.“ Ja, klar. Aber ich habe das in letzter Zeit viele Leute sagen hören.

Dann gehen die Nachrichten zu „leichten“ Themen über. Ein zu früh geborenes Baby in Lebensgefahr, weil eine junge Kinderschwester versehentlich einen Ernährungsschlauch in die Vene des Babys eingeführt hatte, statt in seinen Bauch. Die Schwester wurde suspendiert und die Ärzte arbeiten daran, das Leben des Babys zu retten. Es wird erwartet, dass es ohne langfristige Schäden überleben wrid.

Der Streik der Bademeister geht weiter und bisher sind sechs Leute ertrunken, die an unbewachten Stränden schwammen. Da aber das Schuljahr zu Ende geht, wird erwartet, dass die Gerichte die Bademeister zurück zur Arbeit befehlen werden.

Ein Fußballfan wurde verurteilt, weil er 2001 bei einem Spiel „Tod den Arabern“ geschrieen hatte. Der Richter wies seine Behauptung zurück, dass das nur ein Gerede im Eifer des Gefechts gewesen sei. Ein weiteres Urteil wegen Hetze.

Und dann die nationale Hundegeschichte. Ein Pitbull, ein Kampfhund, der von einer Familie Zuhause gehalten wurde, griff die zweijährige Tochter an und tötete sie; der erste solche Vorfall in der Geschichte des Landes. Der Hund wurde vom Veterinäramt in Tel Aviv eingezogen und sollte am nächsten Tag eingeschläfert werden. Aber dann griff die Verteidigung ein. „Ein Hund, der Menschen frisst?“, fragten sie. „Wir könnten das brauchen.“ Auch die IDF wollte, dass die Hund ihnen übergeben würde, statt ihn einzuschläfern.

Was als furchtbar Tragödie begonnen hatte, wurde dann zu einer nationalen Komödie. Nur in Israel, sagen die Leute, konnte der Amtstierarzt von Tel Aviv einen gefährlichen Hund nicht töten, weil er möglicherweise im Kampf gegen den Terror genutzt werden könnte. Die Leute wussten nicht, ob sie lachen oder weinen sollten. (Heute ist wenigstens diese Geschichte vorbei – der Hund wurde gestern eingeschläfert.)

Es gibt mit den Morgennachrichten viel aufzunehmen. So viel, dass man den wichtigsten Teil vergessen könnte: dass dies die Nachrichten sind, die „normale“ Länder haben. Keine Nachverfolgung des Konsums von Antidepressiva mehr. Stimmt, es hat wieder einige Terrorwarnungen gegeben, aber sie sind vorbei und ich kenne niemanden, der seine Pläne ändert. Seit Februar, mit dem letzten gesprengten Bus, hat es in Jerusalem keine Anschläge gegeben. Seit März und dem Anschlag auf den Hafen von Aschdod keine größeren Anschläge in wichtigen zivilen Zentren. 2002 verging kaum eine Woche, manchmal nicht einmal zwei Tage, ohne schwere Verluste. Und jetzt sind Monate vergangen. Monate der Ruhe.

Sicher, das ist nicht perfekt. Es wird hier und da geschossen. Tali Hatuel und ihre vier Töchter, die am Tag der Likud-Abstimmung aus nächster Nähe im Gazastreifen in ihrem Auto erschossen wurden. Und andere. Aber es ist nicht zu leugnen, dass sich etwas entscheidend geändert hat. Elisheva und ich waren vor ein paar Tagen in der Emek Refa’im-Straße, dem Hauptanziehungspunkt in unserem Viertel. Die Straßen waren gedrängt voll und die meisten Sicherheitsleute schliefen mehr oder weniger. (Obwohl in diesem Land immer noch mehr Wachleute als Lehrer beschäftigt werden.) Wir gingen in ein Restaurant und der Wachmann schaut uns kaum an. Die Kellnerin wies uns einen Tisch bei der Tür an, was uns vor ein paar Monaten noch nervös gemacht hätte. Wir nahmen den Tisch ohne darüber nachzudenken. Mitten im Essen ging die Alarmanlage eines Ladens in der Nähe los. Der Wachmann ging los, um nachzusehen und verschwand. Niemand schien beunruhigt. Könnte es sein, dass etwas neues aufkommt?

Einige Leute haben ein starkes persönliches Interesse daran zu leugnen, das sich etwas geändert hat; sie wollen nicht aufwachen und den Unterschied sehen. Sie haben natürlich recht, dass, wenn alles ruhig ist, das nicht am mangelnden Bemühen der Terrororganisationen liegt. Erst gestern fanden die Sicherheitskräfte bei ihrer Suche in der Westbank zwei Gürtel, einen mit 10kg und einen mit 20kg [Sprengstoff]. Und gestern verhafteten sei auch drei Palästinenser auf dem Weg zu einem Anschlag in Jerusalem. Alltägliches. Wir fallen über sie her und wir haben viel bessere Informationen. Der Unterschied heutzutage ist, dass wir sie aufhalten.

Die israelische Linke will nicht zugeben, wie sehr sich die Lage gebessert hat, denn dann müssten sie zugeben, dass unsere Strategie wirkt. Der Sicherheitszaun, ein hässlicher Schatten auf den Hügeln der Westbank, und eine noch hässlichere Beton-Monstrosität bei Jerusalem und einigen anderen Orten funktionieren. Schlicht und einfach. Wenn sie nicht durchkommen, können sie nicht viel machen. Und mehr und mehr können sie nicht herein kommen.

Und wenn man beständig die Führung einer Organisation tötet, wird man irgendwann ihre Effektivität herabsetzen. Der Welt und der israelischen Linken und einer Hand voll IAF-Piloten mögen die „gezielten Tötungen“ (oder außergerichtlichen Exekutionen, wie die europäische Presse das nennt) nicht gefallen, aber sie wirken. (Man darf annehmen, dass, sollten amerikanische Soldaten bin Laden finden, er es auch nicht bis zur Gerichtsverhandlung schaffen könnte.) Die Hamas ist eine geschwächte Organisation. Genauso der Jihad. Sogar die Fatah. Sie sind schwer beschädigt – und nervös. Es mag keine populäre Vorgehensweise sein, außerhalb Israels wie auch im Inland, aber sie funktioniert. Man muss nur abends ausgehen, um den Unterschied zu spüren, den sie macht.

Die Rechte ist natürlich gleichermaßen besorgt, dass die Leute anfangen könnten zu glauben, dass der Krieg abebbt. Wie die Belagerungs-Mentalität entscheidend dafür ist, die Leute hier zu überzeugen, dass die Armee die Siedler nicht aus ihren Häusern holen sollte. (Nebenbei gesagt: Selbst die, die die Abtrennung unterstützen, müssen zugeben, dass der Schmerz, Familien aus ihren Häusern zu holen, nachdem Regierungen von Arbeitspartei und Likud sie gleichermaßen über Jahrzehnte ermutigten dorthin zu ziehen, herzzerreißend sein wird. Und dass es wahrscheinlich zu Gewalt kommen wird. Wir laufen einer anderen Art von Turbulenzen entgegen.) Anzudeuten, dass es „vorbei“ oder „fast vorbei“ ist, würde das Land also in Oslo-artige Zuversicht zurückwerfen und damit, die Angst haben sie, in alle Übereinkünfte, die damals nicht hätten getroffen werden sollen und sicher jetzt nicht wieder getroffen werden sollten.

Einige Palästinenser, mit denen ich mich neulich unterhielt, mögen ebenfalls den Gedanken nicht, dass alles vorbei ist. Sie sagen das nicht, aber wenn harsche Maßnahmen und einseitiger Abzug seitens Israel zu einer dramatischen Verringerung der Kämpfe – und der Toten – führen kann, dann wissen sie, dass es keine Verhandlungen geben wird. Sie werden nichts als Bauern im Schachspiel sein. Israel wird entscheiden und Israel wird handeln, fürchten sie. Genau. Hätten sich diese Gedanken im Oktober 2000 machen sollen, oder? Man sollte aber vermuten, dass sie daran gewöhnt sind, dass ihre Führer sehr, sehr krasse strategische Fehler machen. Immerhin haben sie mehr als ein paar nutzlose Kriege begonnen – 1946, 1947, 1967, 1973, um nur ein paar zu nennen. Warum glaubten sie, diesmal würde es anders sein? Was? Wir werden abhauen? Wohin denn?

Und selbst einige amerikanische Juden würden lieber das Gefühl der Krise beibehalten. Selbst, als die Lage sich hier beruhigte und sehr, sehr still sind, befand sich auf dem Israel-Umzug einer großen Stadt an der Ostküste Ende März das ausgebrannte Gerippe eines der Busse, in dem Menschen in einer israelischen Stadt eingeäschert wurden. Es gibt Orte für diese Busse, denke ich, denn die Geschichte des Terrors muss erzählt werden. In Den Haag. Bei der nächsten UNO-Konferenz zu Menschenrechten. Aber nicht bei einem Umzug zum Israel-Tag. Wollen wir, dass Tausende junge Amerikaner das als Erinnerung an Israel mitnehmen? Ausgebrannte Busse? Geschwärztes Metall? Wollen wir, dass die Kids denken, diese Freak-Show sei es, worum es mit dem jüdischen Staat geht?

Als eine Freundin letzte Woche Elisheva und mir separat schrieb und fragte, ob sie mit ihren Kindern zu dem Umzug gehen sollte, schrieben wir jeder einzeln zurück und fanden später heraus, dass wir beide dasselbe gesagt hatten: Geht hin. Habt Spaß und lasst euch zählen. Aber wenn ihr kurz vor dem Ende seid, dann geht raus. Nimm deine Kinder (die bisher noch nie in Israel waren) nicht mit in die Nähe des Busses. Es ist das Letzte, was sie bei einer solchen Parade sehen sollten.

Denn der Bus ist nicht das, was ihre Kinder sich in Israel verlieben lassen wird. Und so effektiv der Terror als Mittel zur Mobilisation gewesen ist, er ist nicht das, weswegen wir hier sind. Diejenigen von uns, die an diesem Ort leben, lieben ihn aus dem gleichen Grund, aus dem wir Menschen lieben. Denn mit ihnen sind wir vollständiger als wir je ohne sie sein können. Wenn die Stadt mit Plakaten gepflastert ist, die verkünden, dass der 26. Band der talmudischen Enzyklopädie jetzt gekauft werden kann, dann staune ich. Ich habe nie gesehen, dass in Los Angeles Plakate in der ganzen Stadt angeklebt wären, die das Erscheinen eines Buches ankündigen. Neue Filme, ja. Aber ein Buch? Nie. Nicht einmal Harry Potter.

Micha rief mich letzte Woche auf der Arbeit an um zu sagen, er brauche etwas Geld für das Treffen seiner Bnai Akiva-Jugendgruppe. Warum, wollte ich wissen. Weil sie ins Israel-Museum gingen, zur jährlichen Festwoche des hebräischen Buchs. Ein Haufen Fünftklässler, die absolut glücklich sind, auf eine Buchmesse zu gehen. Und er bestand darauf, Geld mitzunehmen – er hätte keinen Spaß, wenn er kein Buch kaufen könnte. Und dann zögerte er. „Ima ist nicht in der Stadt, Papa.“ Ich weiß, sagte ich ihm. (Ich weiß normalerweise, wenn meine Frau nicht da ist.) „Kann ich mit dem Bus zum Museum fahren?“ Ich zögerte einen Moment und wusste dann, dass es nur eine Antwort möglich war. Entweder hast du Vertrauen zu diesem Ort oder nicht. „Sicher, nimm den Bus“, sagte ich ihm. Er war erleichtert. Er wollte seinen Freunden nicht erzählen müssen, dass seine Eltern ihn nicht mit dem Bus fahren ließen. Diese Kinder denken nicht an ausgebrannte Busse, wenn sie an ihr Zuhause denken. Sie denken an Buchmessen im Museum. Amerikanische Juden könnten sich das merken.

Wenn ich Avi am Handy auf Hebräisch plappern höre und ihn dann so ganz nebenbei frage, mit wem er spricht, dann bin ich perplex, dass er den Namen von jemandem in Atlanta erwähnt. Zwei Kinder, deren Muttersprache Englisch ist und die rasend schnell in Hebräisch lachen und reden? In einer Sprache, die vor hundert Jahren praktisch niemand sprach? Und wenn ich ihn frage, warum sie Hebräisch sprechen, dann sieht er mich an als ob die Frage dumm ist. „Wir leben hier, oder?“ Bei Israel geht es für die von uns, die sich entschieden haben hierher zu kommen, um Wiedergeburt. Darum, ein verletztes Volk zu heilen. Um die Zukunft. Nicht um ausgebrannte Busse.

Ich war vor ein paar Tagen einen Abend in Ma’aleh Ha-Chamishah, einem Kibbutz rund 20 Minuten vor Jerusalem. Auf dem Weg ins Hotel zu dem Treffen bemerkte ich, dass es keinen Wachmann gab. Zum ersten Mal seit Jahren ging ich also in ein Hotel ohne durchsucht zu werden. Ein paar Stunden später, auf dem Weg zum Auto, kam ich an einer Lounge des Hotels vorbei, wo eine Gruppe älterer Leute saß und Karten spielte. Sie sprachen zwar Hebräisch, aber die auf ihre Unterarme tätowierten bläulich-lila Zahlen waren ein deutliches Zeichen, dass sie keine hier geborenen Israelis waren. Zwanzig Meter weiter checkte eine lange Schlange amerikanischer College-Schüler auf einer Geburtstagsreise ins Hotel ein und machten ziemlichen Radau. Die Karten spielenden Leute schien diese plötzliche Invasion nicht zu stören. Ich denke, dass wenn man da herkommt, wo sie her kommen, dann ist ein Trupp jüdischer Kids, selbst laute, selbst eine Busladung von Jugendlichen, die dringend eine Dusche brauchen, eine gute Nachricht.

Die Ruhe wird nicht anhalten, nicht so ganz. Wir wissen das. Es gab vor der ersten Intifada Terror und vor der zweiten auch. Es wird wieder Terror geben. Wir wissen das. Aber der nächste Anschlag, die nächsten Tragödien, werden nicht unbedingt das bedeuten, was wir wieder mittendrin in dem Ganzen sind. Er wird nur bedeuten, dass wir immer noch im Nahen Osten leben. Wir werden uns daran erinnern müssen.

Vor ein paar Monaten schrieb ich von unseren Taxifahrern und wie sie ihre Arbeit tun – ihrer Tochter bzw. Schwester, die im Café Moment vor zwei Jahren getötet wurde. Am Montagnachmittag wurde ein Aussichtspunkt nach ihr benannt, in Gilo, dem Viertel, indem sie aufwuchs und in dem ihre Familie immer noch wohnt.

Es war einer dieser prächtigen Tage in Jerusalem. Klarer, blauer Himmel, nicht zu heiß. Und ein völlig normaler Jerusalemer Nachmittag. Busse fuhren die Straßen rauf und runter. Leute in Autos auf ihrem Weg von der Arbeit nach Hause. Schulkinder, die herum hingen. Mütter, die die Kinderwagen direkt unter uns durch den Park schoben. Jungs, die mit ihren Fahrrädern durch den Park fuhren und die Zeremonie beobachteten. Und eine große Zuschauermenge bei der Einweihung des Denkmals.

Der Leiter der Zeremonie las die Zahlen vor. Seit September 2000 ist Jerusalem 591-mal angegriffen worden. Gilo, das Viertel, in dem wir sitzen, ist 180-mal angegriffen worden. Und 209 Einwohner Jerusalems sind getötet worden. Eine von Limors Freundinnen sprach darüber, wie die Tage und das Leben weiter gehen, aber sie und Limors Familie nicht mehr die Menschen sind, die sie einmal waren.

Aber das allgemeine Gefühl ist anders. Es gab bei der Feier Sicherheitsmaßnahmen, aber hauptsächlich, weil erwartet wurde, dass der Bürgermeister kam. (Er tauchte nicht auf – er hatte einen Termin mit einem chinesischen Geschäftsmann.) Und die Polizisten unterhielten sich mehr, als dass sie beobachteten. Erstaunlich, selbst mit ihrem Bild in der ersten Reihe und dem Schmerz ihrer Eltern immer noch so offenkundig, dass man manchmal nur schwer atmen konnte, sprach ein Familienmitglied von Limor von der Suche nach Frieden, der Hoffnung auf den Tag, an dem wir unsere Waffen weglegen können. Angesichts dieses Schmerzes und der Zahlen – immer noch der Traum von etwas anderem.

Und wenn man sich umdrehte und die Aussicht betrachtete, konnte man das breite Panorama der judäischen Berge sehen. Sandige, sanfte Hügel, die genau so aussehen, wie sie vor Jahrhunderten ausgesehen haben müssen. Eine Stadt aus der Antike, aber eine moderne Stadt. Eine verwundete Stadt, aber eine heilende. Eine Stadt, die sich einst hinter Barrikaden und Wachleuten duckte, wo aber die Kinder wieder auf ihren Fahrrädern fahren und Kinderwagen wieder durch die Parks geschoben werden. Eine Stadt, wo wir unsere Kinder in die Schule schicken und eigentlich nicht mehr daran zweifeln, dass wir sie am Ende des Tages wieder sehen.

Das sind dieselben Berge, die die Propheten gesehen haben müssen, oder? Könnten sie vielleicht dieselben Berge gewesen sein, die Zephania sah, als er ausrief (Zeph. 3,14-15):

Juble, Tochter Zion…
Freue dich und frohlocke von ganzem Herzen.
Der Herr hat … deinen Feind weggefegt…
du wirst kein Unglück mehr sehen.

Könnte das sein? Könnte es sein, dass auch dieser Traum langsam wahr wird? Könnte es sein, dass fast vier Jahre nach dem Beginn all dieser Dinge das Aufwachen wieder sicher ist? Könnte es sein, nur vielleicht, dass wir auch diesen Krieg gewonnen haben?