Foto der Woche – ein Ort gelebten Antisemitismus

Bundestag

Es gibt im Bundestag ein Programm „Internationale Parlamentsstipendium“ (IPS), mit dem junge Hochschulabsolventen aus 41 Staaten jeweils 5 Monate lang in einem Abgeordnetenbüro arbeiten und Erfahrungen in parlamentarischer Arbeit sammeln können. Dieses Jahr wurden die Teilnehmer erstmals entsprechend ihrer Herkunftsregionen zusammengefasst. Damit landeten die israelischen Teilnehmer bei den zentralen Veranstaltungen in einer Gruppe mit Libanesen und Palästinensern. Die waren alles andere als erfreut. Sie lehnten es ab, neben Israelis auf einer Bühne zu erscheinen. Das änderte sich auch nicht, als beschlossen wurde, dass die Vertreter dieser drei Staaten von solchen aus sieben weiteren Nationen begleitet würden. Die Boykotteure verlangten, dass die Israelis zuerst ein Dokument unterzeichnen, mit dem die „Illegalität“ der Besatzung, angebliche Kriegsverbrechen an Palästinensern und weiteres anerkannt wird.

Die IPS-Führung drohte anfangs damit, die Araber würden aus dem Programm geworfen, knickten dann aber ein, so dass die Araber mit anderen Arabern zusammen gingen, die Israelis isoliert und allein auftreten mussten.

Einer der israelischen Delegierten äußerte gegenüber dem Fernsehsender Kanal 10, dass er sich im Namen seiner Großeltern schämte, die den Holocaust überlebten und sie nur geblieben seien, weil bestimmte Parlamentsmitglieder ihren Ekel angesichts dieser Entscheidung ausgedrückt hätten.

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Gerd Buurmann hat sich sehr treffend dazu geäußert.

Ist ein an Juden armes Europa nicht länger Europa?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Im Verlauf der letzten Monate haben eine Reihe führender europäischer Politiker erklärt, wie wichtig es ist, dass die Juden weiter in ihren verschiedenen Ländern wohnen bleiben. Führende Regierungsmitglieder behaupten zudem, dass sie ihr Äußerstes tun werden, um ihre jüdischen Gemeinschaften vor der steigenden Flut antisemitischer Angriffe zu schützen.

Der Grund für diese Äußerungen entstammt einer Reihe von Faktoren. Der Hauptsächliche ist der Anstieg der tödlichen Anschläge auf Juden durch muslimische Europäer. Die jüngsten davon sind Morde, die in Brüssel, Paris und Kopenhagen stattfanden. Diesen kann man andere Akte antisemitischer Gewalt hinzufügen, die zum größten Teil durch Muslime verübt wurden, so die Anschläge auf Synagogen und Geschäfte in Frankreich während des letzten Sommers.

Ein weiterer Faktor ist die Zunahme der tatsächlichen Auswanderung europäischer Juden, hauptsächlich aus Frankreich, verbunden mit einem größeren Interesse an Treffen mit israelischen Aliyah-Funktionären.1 Noch ein Einfluss ist die vorherrschende Diskussion darüber, ob Juden in Europa eine Zukunft haben oder nicht. Schließlich gibt es Aufrufe verschiedener Israelis, einschließlich des Premierministers Benjamin Netanyahu, dass Israel das natürliche Zuhause der europäischen Juden ist.2

Der französische Premierminister Manuel Valls ist der freimütigste der europäischen Führungspolitiker, die glauben, dass Juden in Europa bleiben sollten. Der jüdische Filmemacher Claude Lanzmann schrieb in einem Artikel mit dem Titel „Frankreich ohne Juden wäre nicht Frankreich“3, auf den sich Valls am nächsten Tag in einer wichtigen Rede in der französischen Nationalversammlung bezog. Valls sagte: „Claude Lanzmann schrieb einen wunderbaren Artikel in Le Monde: Ja, sagt es dem Angesicht der Welt: Ein Frankreich ohne Juden ist nicht Frankreich.“4 In seiner Rede verwies Valls auch auf die Aussagen der französischen Ministerin Ségolène Royale. Sie hatte dasselbe Empfindung zum Ausdruck gebracht, als sie in Jerusalem der Beerdigung der vier im koscheren Pariser Supermarkt ermordeten Juden beiwohnte.5 Der französische Präsident François Hollande sagte: „Juden haben ihren Ort in Europa und besonders in Frankreich. Es liegt an uns, für alle Juden Frankreichs, weiter gefasst für alle Bürger Frankreichs Sicherheit, Respekt, Anerkennung und Würde sicherstellen“.6

Ein aufmerksamer Beobachter könnte anmerken, dass es in all diesen Äußerungen ein entscheidendes Eingeständnis nicht gab: „Frankreich ist nicht länger Frankreich, da es ohne Auswahl Millionen Muslime aus Ländern herein ließ, in denen Antisemitismus grassiert.“ Dazu gehören Einwanderer aus Algerien, wo 87% der durch die ADL Befragten antisemitische Ansichten zum Ausdruck brachten; aus Tunesien, wo 86% der Befragten antisemitische Ansichten haben; und Marokko, wo 80% der Befragten antisemitisch waren.7 Eine Reaktion auf diese muslimische Masseneinwanderung besteht darin, dass die rechtsextreme Front National nach Angaben vieler aktueller Meinungsumfragen Frankreichs führende Partei ist.8 Bei den Provinzwahlen vom März wurde sie die zweitstärkste Partei.

Es gibt einen zweiten Punkt, den ein solcher Beobachter aufbringen könnte. Hypothetisch kann man fragen: Selbst wenn die gesamte jüdische Gemeinschaft Frankreich verlassen sollte, wie viel Einfluss würde das tatsächlich auf die französische Gesellschaft haben? Die Positionen der auswandernden Anwälte, Ärzte, Journalisten, Politiker, Philosophen, Geschäftsinhaber, Künstler usw. würden recht schnell durch andere aufgefüllt. Wir haben in Europa extreme Präzedenzfälle für ein solches Phänomen während der deutschen Besatzung erlebt, als viele Juden zunächst aus ihren Berufen verbannt wurden.

Ein derart massiver Abgang von Juden hätte jedoch einen großen symbolischen Einfluss auf das Image Frankreichs. Im Januar sagte Valls gegenüber Journalisten, dass Frankreich ein Staat ist, in dem es „territoriale, soziale und ethnische Apartheid“ gibt.9 Der Weggang vieler Juden würde Frankreichs Merkmal als scheiternde Demokratie eine zusätzliche Dimension geben.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich ebenfalls zum Thema und sagte: „Wir sind froh und dankbar, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt… Wir möchten gerne mit Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben.“10 Die psychologische Bedeutung der jüdischen Präsenz in Deutschland – die hauptsächlich aus Immigranten aus Russland besteht – ist in diesem Land weit größer als in Frankreich, obwohl sie einen weit kleineren Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmacht. Angesichts der deutschen Nazi-Vergangenheit dient die Anwesenheit von Juden als wichtige Image-Verbesserung, dass das Deutschland von heute nicht nur ein ganz anderes ist, sondern auch eine gesunde Demokratie.

Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte, die jüdische Gemeinschaft in Österreich solle wachsen. Wir „…müssen hart daran arbeiten, für Sicherheit zu sorgen, damit Menschen jüdischen Glaubens nicht gezwungen sind, auszuwandern. Aber Europa ohne Juden wäre nicht Europa.“11

Die dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt sagte nach den tödlichen Terroranschlägen in einer Kopenhagener Synagoge im Februar: „Die jüdische Gemeinde ist seit Jahrhunderten in diesem Land gewesen. Sie gehören zu Dänemark, sie sind Teil der dänischen Gemeinschaft und wir würden ohne die jüdische Gemeinde in Dänemark nicht dieselben sein.“12

Der britische Premierminister David Cameron beschränkte sich auf die Aussage, dass Briten „unvorstellbar wachsam“ sein sollten und merkte etwas zur Umsetzung erhöhter Sicherheitsmaßnahmen an: „Diese Schritte werden wegen dem unternommen, was in Paris geschah und wegen der Situation, der wir uns allgemein gegenüber sehen.“13

Mehrere dieser Äußerungen europäischer Führungspolitiker waren direkte Reaktionen auf Netanyahus Aufrufe an europäische Juden nach Israel einzuwandern – seine Reaktion auf die Flut an antisemitischen Anschlägen in Frankreich. Netanyahu hatte gesagt: „Man kann erwarten, dass diese Welle an Terroranschlägen weiter geht, einschließlich antisemitischer und mörderischer Anschläge. Wir sagen den Juden, unseren Brüdern und Schwestern: Israel ist euer Zuhause und das eines jeden Juden. Israel wartet mit offenen Armen auf euch.“14

Man mag sich fragen, ob es weise war, dass der israelische Premierminister eine solche Erklärung abgab. Einige Israelis und Juden glauben, dass Juden aus Liebe zum Land nach Israel kommen sollten, statt aus Angst dort zu bleiben, wo sie derzeit leben. Das klingt wie eine sehr politisch korrekte Reaktion, aber in Wirklichkeit ist gehört die große Mehrheit der jüdischen Einwanderer durch die gesamte Geschichte Israels hindurch in die zweite Kategorie. Vor diesem Hintergrund sollte Israel nicht zum Unbehagen der vielen in Europa wohnenden Juden beitragen. Es würde ausreichen zu sagen, dass Juden, die nach Israel kommen möchten, willkommen sind.

Verschiedene jüdische Leiter haben erklärt, dass ihre Gemeindeglieder nicht die Absicht haben auszuwandern und dass ihr natürlicher Wohnort dort ist, wo sie derzeit leben. Das ist bis in dem Maß weitgehend richtig, dass dies, welche Art Auswanderung es geben und wie sie zahlenmäßig aussehen wird, nur für einen kleinen Prozentsatz der örtlichen jüdischen Bevölkerungen gilt.15

Das heutige Europa ist weit vom Deutschland der Kristallnacht von 1938 entfernt. Damals steckte die Regierung hinter der antisemitischen Gewalt. Derzeitige europäische Regierungen wollen antisemitische Gewalt verhindern, könnten aber vielleicht nur mäßig dazu in der Lage sein. Wenn diese Aggressionen – und besonders die Tötungen – zunehmen sollten, würde die Abwanderung von Juden aus Europa weiterhin weit von einem vollständigen Exodus entfernt sein, selbst wenn die Zahlen der Gehenden wahrscheinlich weit größer wären als die derzeitigen. In der Zwischenzeit sind die Bemerkungen willkommen, auch wenn sie zumeist nur rhetorische Übungen sind.

 

1 Sam Sokol/Herb Keinon: Sharansky to „Post“: 50,000 French Jews inquired about aliya in 2014. The Jerusalem Post, 6. Januar 2015.
2 Peter Beaumont: Leaders reject Netanyahu calls for Jewish mass migration to Israel. The Guardian, 16. Februar 2015.
3 Claude Lanzmann: Oui, la France sans les juifs n’est pas la France. Le Monde, 12. Januar 2015.
4 Discours de Manuel Valls à l’Assemblée nationale en hommage aux victimes des attentats. Gouvernement.fr, 13. Januar 2015.
5 Ségolène Royal: La France sans les juifs de France n’est pas la France. LCP: Assemblée Nationale, 12. Januar 2015.
6 Face aux propos de Nétanyahou, les chefs d’Etat européens rassurent la communauté juive. Le Monde, 16. Februar 2015.
7 ADL Global 100, Anti-Defamation League, 2014.
8 Zachary Davies Boren: France’s National Front: Marine Le Pen’s far-right party is leading in the polls ahead of next month’s local elections. The Independent, 23. Februar 2015.
9 Manuel Valls évoque ‘un apartheid territorial, social, ethnique’ en France. Le Monde, 20. Januar 2015.
10 DIE WELT: Merkel verspricht Juden Sicherheit in Deutschland. 16. Februar 2015
11 ORF, 16. Februar 2015.
12 Shyrin Ghermezian: Prime Minister Thorning-Schmidt Says Danish Jews „Belong to Denmark“. The Algemeiner, 16. Februar 2015.
13 AFP: Security for UK Jews to be tightened says Cameron. YNet, 17. Januar 2015.
14 Peter Beaumont: Leaders reject Netanyahu calls for Jewish mass migration to Israel. The Guardian, 16. Februar 2015.
15 Danish Jews: ‚It won’t be terror that makes us go to Israel‘. The Jerusalem Post, 16. Februar 2015.

Die antisemitischen Erfahrungen eines religiösen Juden in den Niederlanden

Manfred Gerstenfeld interviewt Chaim Shmuel Nisan (direkt vom Autor)

2008 studierte ich in Amsterdam Hebräisch. Um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete ich in einem Supermarkt nah des Dam, dem Hauptplatz der Stadt. Das Geschäft war Teil der großen Kette Albert Heijn, eines sehr guten Arbeitgebers. Ich füllte in der Gemüseabteilung Regale auf. Ich trug eine Jarmulke, aber keine ultraorthodoxe Kleidung, wie ich es später machte. Wenn ich an die Niederlande zurückdenke, wurde ich dort sehr oft verbal angegriffen und manchmal gab es sogar Morddrohungen. Ich wurde aber nie körperlich verletzt.

Chaim Nisan
Chaim Nisan

Im Supermarkt wurden die meisten antisemitischen Vorfälle durch unsere marokkanischen Kunden verursacht. Sie gaben beleidigenden Bemerkungen von sich oder beschimpften mich. Manchmal waren sie körperlich einschüchternd. Sie riefen eine Vielzahl von Flüchen wie „Krebsgeschwür Jude“ und „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“. Einige Marokkaner gaben mir den Hitlergruß. Andere sagten nichts, verfolgten mich aber auf störende Weise. Im Durchschnitt gab es in der Woche zwei oder drei solcher Vorfälle. Während des weniger als einen Jahres, das ich in dem Geschäft arbeitete, gab es mindestens einhundert Mal solche Vorfälle. Ich dachte jedoch nicht dran mich bei der Antisemitismus-Beobachterorganisation CIDI oder einer anderen externen Gruppe zu beschweren.

Die Zahl der Vorfälle nahm stark zu, besonders während des Zuckerfestes (Id al-Fitr). Da kamen die Marokkaner in festlicher Kleidung ins Geschäft. Ich wurde ständig beleidigt und beschwerte mich einer Reihe von Malen bei meinem Vorgesetzten. Er war immer freundlich und zuvorkommend und hatte mich im Wissen eingestellt, dass ich eine Jarmulke trage. Als die Lage bedrohlich wurde, setzte er jemand anderes in demselben Gang ein, in dem ich arbeitete. Es kam aber nie zu physischen Konfrontationen, denn es gibt Sicherheitsleute, die sofort eingreifen, wenn etwas geschieht und die, die mich angriffen, wussten das.

Ich hatte auch marokkanische Kollegen. Sie sprachen nie mit mir, schauten mich auch nie an. Sie konnten nicht mehr tun, weil ich mich dann beim Vorgesetzten beschwert hätte, was für sie Konsequenzen gehabt hätte. In diesem Supermarkt gab es rund 20 Beschäftigte mit Migrationshintergrund. Es gab keine Probleme mit Türken, Leuten von den Antillen, Spaniern oder Portugiesen. Ich hatte nur mit den Marokkanern Probleme.

Zum Sabbat ging ich oft nach Rotterdam. Um zur Synagoge zu kommen, mussten wir durch ein Viertel, in dem viele Marokkaner lebten. Jeden Sabbat wurden wir mindestens zwei- oder dreimal mit Flüchen bedacht. All diese Erfahrungen hatten wir mit Marokkanern.

Wir hatten eine positive Begegnung mit Jugendlichen von den Antillen. Sie sahen unsere Jarmulkes und fragten: „Seid ihr Israelis?“ Wir erklärten, dass wir keine Israelis, sondern Juden waren. Sie sagten: „Das ist klasse.“ Sie sahen, dass wir hebräische Gebetsbücher dabei hatten und fragten, ob wir sie lesen könnten. Das fanden sie sehr interessant.

In Amsterdam war ich einige Male Sabbat-Gast bei jemandem, der im westlichen Viertel nahe der Synagoge wohnte. Auch dort wurden wir regelmäßig beleidigt. Die Angreifer gestikulierten oder riefen, sie würden uns töten. Ich lebte auch ein halbes Jahr in Antwerpen und wurde dort nie beleidigt.

Seit 2010 lebe ich dauerhaft in Israel; 2012 habe ich geheiratet. Ich trage keine ultraorthodoxe Kleidung mehr, aber ich bin weiter religiös. Ich studiere, um Rabbiner und Lehrer zu werden und habe bereits eine Lizenz für rituelles Schlachten.

In den letzten Jahren habe ich die Niederlande einige Male besucht. Ich trage eine Kappe, wann immer ich dorthin reise und verstecke damit meine Jarmulke zum Teil. Ich trage aber die rituellen Fransen (Tzitzit) außerhalb meiner Hosen. Das macht mich insbesondere für andere Juden erkennbar, für Außenstehende weniger.

Ich habe keine Kraft mehr für die angespannten Verhältnisse, die ich in den Niederlanden durchlitt. Ich möchte auch nicht, dass meine Frau mich in Konfliktsituationen sieht. Wenn ich eine Jarmulke trage, dann eine gehäkelte, die auch als muslimische Kopfbedeckung angesehen werden kann. Jugendliche verbinden oft nur kleine Jarmulkes mit Juden.

Einmal jedoch spuckte mir ein Marokkaner im Zug nach Den Haag ins Gesicht. Eine Niederländerin sah das und war überrascht. Sie fragte: „Warum hat der Junge das gemacht?“ Ich zeigte auf meine Jarmulke und antwortete, dass es damit zu tun habe, dass ich erkennbar Jude sei. Sie fragte: „Glauben Sie, das war der Grund?“ Ich antwortete, dass ich nicht nur denke, sondern wisse, dass es so sei. Es erstaunt mich, dass es immer noch Niederländer gibt, die von dieser Art Vorfälle überrascht sind.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.