Der Umgang mit Kirchenschändung in Israel und in den (deutschen) Medien

Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 18. Juni 2015 (direkt vom Autor)

In der Nacht zum Donnerstag haben Unbekannte einen Brand in der berühmten Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth gelegt und hebräische Graffiti hinterlassen: „Götzendiener werden ausgerottet“. Ein 75 Jahre alter Priester und eine 19-jährige Volontärin erlitten leichte Rauchverletzungen. Fünf Teams der Feuerwehr von Tiberias waren schnell zur Stelle und konnten den Brand unter Kontrolle bringen, ehe er auf das Kirchengebäude übergegriffen war. Der Empfangsraum, ein Andenken-Laden und ein Büro der deutschen Benediktiner war durch die Flammen zerstört worden.

Am Donnerstag beherrschte der Überfall die Nachrichten in den israelischen Medien.

Innerhalb von Stunden hatte die Polizei eine Gruppe von 16 Talmudschülern aus dem Zentrum Israels verhört und wieder freigelassen, weil sich kein Zusammenhang zu der Tat herstellen ließ. Der Polizeiminister wies die Polizei an, der Aufklärung dieser Kirchenschändung höchste Priorität einzuräumen. Premierminister Benjamin Netanjahu verurteilte die Schändung mit scharfen Worten und wies seinen Geheimdienstchef Josef Pardo an, mit dem Inlandsgeheimdienst Schin Beth die Täter ausfindig zu machen. Politiker aller Fraktionen, der Regierungskoalition wie der Opposition verurteilten die Tat und beklagten den schweren Schaden für Israels ansehen.

Im Rundfunk und Fernsehen kamen der Prior der Kirche in Tabgha und der hebräische sprechende stellvertretende Vize-Patriarch David Neumann zu Wort. Sie riefen die Christen auf, gerade jetzt das Heilige Land zu besuchen. Es bestehe keine Gefahr. Beide riefen die Religionsführer der drei monotheistischen Religionen auf, Toleranz, Respekt und gegenseitiges Verständnis vor allem jungen Menschen zu predigen. Einfache Israelis seien aus Tiberias gekommen, um vor der Kirche zu weinen.

Tabgha zieht Pilger an und gilt neben Kapernaum als einer der wichtigsten Wallfahrtsorte im Norden Israels.

Der deutsche Botschafter Andreas Michaelis fuhr sofort nach Tabgha, um dort seine Abscheu zu äußern. Seine Worte wurden in allen israelischen Medien zitiert. Zuvor hatte die deutsche Botschaft in Tel Aviv eine Verurteilung veröffentlicht: “Es muss sichergestellt werden, dass diese Einrichtungen in Israel, ebenso in Deutschland und Europa, geschützt sind und bleiben.” Da Diplomaten bekanntlich ihre Worte gut auswählen, klingt es, als wäre der Schutz “dieser Einrichtungen” in anderen Ländern weniger bedeutsam.

Dieser Ansicht scheinen sich auch die deutschen Medien angeschlossen zu haben. Dem Anschlag im israelischen Tabgha, mutmaßlich durch jüdische Extremisten, haben sie große Schlagzeilen gewidmet. Sie sind sogar über die Täter besser informiert, als die israelische Polizei. Die Täter seien „Siedler“, obgleich es Extremisten mit Hass auf Christen und andere Nicht-Juden durchaus auch in Israel gibt und nicht nur unter den „Siedlern“ in den besetzten Gebieten.

In deutschen Medienberichten fällt auf, dass der Anschlag in Israel eine überproportionale Beachtung findet. In der gleichen Woche gab es jedoch auch Anschläge auf christliche Kirchen in anderen Ländern, mit ungleich schlimmeren Folgen. Die Identität der mutmaßlichen Täter scheint in Deutschland größere Bedeutung zu haben, als die Folgen des Anschlags, zumal es in Israel keine Toten und nur Sachschaden gegeben hat.

In Lahore in Pakistan sprengte ein Selbstmordattentäter in einer gefüllten Kirche eine Bombe und tötete 17 Menschen. Er verletzte 80, während vor der Kirche ein Kumpan mit dem Maschinengewehr schoss. In der Schlagzeilen wurde erwähnt, dass zwei Helfer der Terroristen zu Tode gelyncht worden seien.
In Charleston in den USA erschoss ein Weißer 9 Menschen in der schwarzen Emanuel AME Church.
Ein Report beschuldigte Syriens Assad-Regierung, 40 Attacken auf Kirchen durchgeführt zu haben, darunter auf das Mar Elias Kloster, dessen Prior entführt worden sei. In Homs sei die römisch-katholische “Lady of Peace” Kirche sechsmal mit Mörsern und Raketen angegriffen worden. Eine Mine in der Kirche habe einen Mann getötet. Am Donnerstag seien nach Angaben der Nachrichtenagentur Aina ein assyrischer Priester und ein Dekan aus dem Mar Ilyan al-Sharqi Kloster entführt worden, darunter der Prior des Klosters, Fr. Jacques Murad. Von den 2013 in der Gegend von Aleppo entführten assyrischen und griechischen Bischöfen fehlt bis heute jede Spur. Ebenso seien der syrisch-orthodoxe und der griechisch orthodoxe Erzbischof, Paul Yazigi und Yohanna Ibrahim, während “humanitärer Hilfe” aus dem Dorf Dael von “terroristischen Gruppen” entführt worden.

Die nigerianische Terror-Gruppe Boko Haram habe zwei Dörfer im benachbarten Niger angegriffen, darunter Kirchen, und 40 Menschen getötet. Insgesamt habe Boko Haram 13.000 Menschen getötet und 1,5 Millionen in die Flucht getrieben.

Während deutschsprachige Medien und sogar der Vatikan weitgehend schweigen, findet man in englischsprachigen Medien noch unzählige weitere Attacken auf Christen und ihre Gotteshäuser. In der zentralafrikanischen Republik seien bei Attacken schwerbewaffneter muslimischer Fulami Hirten 8 Kirchen, Missionszentren und eine unbekannte Zahl christlicher Heime in der Provinz Nana Grebizi niedergebrannt worden. In Ägypten wurden zahlreiche koptische Kirchen verbrannt und angegriffen, was zu einem Exodus einer der ältesten christlichen Gemeinschaften geführt hat. Im Irak haben Islamisten von IS nicht nur chaldäische Kirchen aus dem 10. Jahrhundert, sondern auch Heiligtümer aus den letzten 3000 Jahren zerstört. Die meisten Christen im Irak flohen, wenn sie vorher nicht ermordet worden sind.

In den deutschen Medien macht sich niemand die Mühe, die Massaker, Vertreibungen und Zerstörungen christlicher Kulturgüter einzeln zu verfolgen. Diese Liste lässt sich noch beliebig ausweiten auf Kenia, Libanon, Libyen, wo 21 koptische Christen von dem IS am Strand geköpft worden sind, Uganda, und andere Länder.

Es ist schwer in Israel ein „christlicher Araber“ zu sein, aber nicht aus Grund den Sie annehmen

Nur in Israel können Christen des Nahen Ostens ihren Glauben voll praktizieren und produktive Mitglieder der Gesellschaft sein

Vater Gabriel Naddaf, The Observer, 26. März 2015

Ich habe das Vorrecht griechisch-orthodoxer Priester aus Nazareth in Galiläa zu sein. Mein Volk ist irrigerweise „christliche Araber“ genannt worden, doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass wir Aramäer sind, die Nachkommen des Volks, das seit der Zeit der Bibel hier in Israel lebte.

Nach einer langgezogenen öffentlichen Kampagne hat Israels Innenministerium uns gerade als die „aramäische Nation“ anerkannt. Partner bei diesen Bemühungen waren eine Reihe israelischer zionistischer Organisationen.

Im Verlauf der letzten drei Jahre bin ich in Israel zu einer kontroversen Person geworden, aus dem einfachen Grund, dass ich den Zionismus begrüße, die jüdische Souveränität in Israel und die Toleranz, den Respekt und die Chancen für alles, was aus dieser Souveränität gewachsen ist. Ich glaube, dass unsere Jugend – die christliche Jugend – sich voll in die israelische Gesellschaft integrieren sollte. Fester Bestandteil dieser Integration ist der Dienst in den Israelischen Verteidigungskräften (IDF), der israelischen Armee, oder eine andere Form nationalen Dienstes zu tun, den Israel routinemäßig seinen Teenagern anbietet.

2012 gründeten ein paar wenige christliche IDF-Offiziere und ich das I.C.R.F. – das Israeli Christians Recruitment Forum. Meine Bemühungen hatten gemischte Ergebnisse. Auf der positiven Seite sind Hunderte arabischer oder aramäischer christlicher Jugendlicher meinem Aufruf gefolgt und haben ihrem Land ausgezeichnet gedient. Sie sind von ihren Soldatenkameraden bereitwillig akzeptiert worden, von denen sie als Waffenbrüder betrachtet werden, nicht als Fremde in ihrer Mitte.

Die Kehrseite der Medaille sind die intensiven Nackenschläge auf meine Bemühungen seitens sich verweigernden Elementen in den christlichen und muslimisch-arabischen Gemeinschaften. Christliche Soldaten wurden von ihren Nachbarn und in vielen Fällen von ihren Familien schikaniert. Diese Soldaten sind gezwungen ihre Uniformen auszuziehen, bevor sie in ihre Heimatstädte zurückkehren, denn sie müssen befürchten, dass man sich auf dem Weg nach Hause drangsaliert.

Ein weiteres Beispiel gab es 2012, als in Nazareth eine Konferenz von Unterstützern christlicher Rekrutierung in die IDF stattfand. Ein örtlicher Leiter, der Anwalt Abir Kopty aus dem Mossawa Center, griff die Teilnehmer an und beschuldigte sie Palästinenser zu verfolgen. Herr Kopty suggerierte zudem, dass die Integration von Christen in die Armee ein Versuch sei die arabische Gesellschaft in ihrem nationalen Kampf gegen Israel zu spalten.

Nach der Konferenz begann eine Schikanierungskampange gegen ihre Organisatoren. Teilnehmende Studenten wurden bedroht, isoliert und erlitten Demütigungen über soziale Netzwerke und in den arabischen Medien. Eine israelische Organisation, die uns unterstützt, ist Im Tirtzu; sie veröffentlichten hinterher einen Bericht, der die gegen Äußerungen detailliert aufführte, die sich gegen Christen richteten, die zum Eintritt von Christen in die IDF ermutigen.

Für mich persönlich haben meine Überzeugung und mein Handeln zu zahlreichen Morddrohungen geführt, zu meiner Exkommunikation durch den orthodoxen Kirchenrat und dass ich die Verkündigungskirche nicht betreten darf.

Nichts davon hat mit der israelischen Regierung oder der jüdischen Gemeinschaft zu tun. Die Behauptung Israel sei ein sogenannter Apartheidstaat, ist völliger Unsinn. Meine Erfolge und Herausforderungen sprechen laut aus, wo für meine Mitchristen das wahre Problem liegt.

Es bereitet mir Schmerzen das zu sagen, aber es muss gesagt werden. Die gegen mich, meine Kampagne und all die Christen, die sich in die israelische Gesellschaft integrieren wollen gerichtete Hetze ist von arabischen Führern aus Israel und dem Ausland angeführt worden und sogar von einigen arabischen Abgeordneten im israelischen Parlament, der Knesset.

MK Hanin Zoabi schrieb mir mit offiziellem Knesset-Briefkopf und beschuldigte mich „dem Feind des palästinensischen Volks zu helfen“, „mit den Besatzungskräften zu kooperieren“ und setzte mich unter Druck, ich solle „gegen die Loyalisten des Regimes kämpfen“.- Natürlich schafft all das eine Atmosphäre der Aufstachelung gegen jeden, der an der Integration der christlichen Minderheit in die nationalen Dienste in Israel interessiert ist.

Es wurde eine schwarze Liste an Priestern und christlichen Leitern zusammengestellt, die Integration und Kooperation mit dem Staat Israel unterstützen; Bilder der Leiter und Jugendlichen, die an Begebenheiten mit der IDF teilnahmen, haben ihren Weg in die arabische Presse gefunden, gefährden ihr Leben und ermutigen zu Gewalt gegen sie.

Mossawa ist nicht allein darin den christlichen Arabern das Recht auf Integration in die israelische Gesellschaft zu verweigern. Eine koordiniert Kampagne gegen den Eintritt israelischer Araber in die IDF wurde auch von anderen Organisationen geführt.

Zu dieser Kampagne gehörte massiver Druck auf die israelische und arabische Presse, einschließlich einer Reihe von Artikeln, die 2012 auf der Internetseite des Magazin +972 veröffentlicht wurden und die arabischen Einschreibungen in den militärischen oder nationalen Dienst brandmarkte; Schulaktivitäten, die Kinder dazu anhalten dem Land nicht zu dienen; oder die Anstrengungen der Baladna, einer NGO, die seit vielen Jahren unter arabischen Jugendlichen in Israel arbeitet und sie die „Bedrohungen“ lehrt, die im Dienst im Nationaldienst oder der IDF inbegriffen sind. Adalah arbeitet daran zu verhindern, dass Militärveteranen Wohnbeihilfe in arabischen Städten bekommen.

Zu den Organisationen, die sich bei der Kampagne zu Stopp der Integration der aramäischen Gemeinden in die israelische Gesellschaft über den Zivildienst oder der Armee mitmachen, gehören Adalah, Mosswa, Baladna, +972 und weitere. Sie sind israelische gemeinnützige Organisationen – einige davon setzen sich aus israelischen Arabern zusammen, andere gehören zur extremen Linken und den Antizionisten. Diese NGOs lehnen Israel als nationale Heimat des jüdischen Volks ab. Sie würden gerne das Rückkehrrecht aufheben und den jüdischen Charakter Israels beseitigen.

Sie lehnen den Sonderstatus der hebräischen Sprache ab, modifizieren die Nationalflagge und die Nationalhymne und machen aus Israel einen binationalen Staat. Diese Organisationen rufen die Araber Judäas und Samarias und die in Israel lebenden Araber auf sich zusammenzutun, um den Zionismus zu bekämpfen. Deshalb ist für sie die Vorstellung, dass eine Gruppe sich von diesem Kampf abgesetzt hat und sich als Aramäer identifiziert, ein Gräuel.

All diese Organisationen nehmen für sich in Anspruch für die Schwachen zu kämpfen, für die Minderheiten, die nicht für sich selbst einzustehen in der Lage sind und ihre eigenen Rechte fordern. Doch letztlich werfen diese NGOs die Frage auf, für welche Rechte sie wirklich kämpfen, wessen Interessen sie schützen und wie ihre wirkliche Agenda aussieht.

Diese NGOs haben ganz klar kein Interesse daran zu sehen, dass christliche Araber Teil der israelischen Gesellschaft werden. Ganz ähnlich der Art, wie arabische Länder die Palästinenser in diversen Flüchtlingslagern als Bauern im Kampf gegen den Staat Israel benutzt haben, sind diese NGOs zufrieden damit meine Gemeinschaft in Kanonenfutter für ihre Bemühungen zur Delegitimierung Israels zu reduzieren.

Meiner Gemeinschaft wird also praktisch gesagt, sie solle für ihre fortgesetzte Ausgrenzung durch die israelische Gesellschaft kämpfen, obwohl die israelische Regierung das Ziel hat sie stärker in den Mainstream einzubringen. Hat die christliche Gemeinschaft nicht das Recht verdient ihrem eigenen Willen zu folgen und sich, wenn sie das möchte, in die israelische Gesellschaft zu integrieren? Nicht, wenn man den meisten NGOs folgt, die sagen, dass sie unserer Gemeinschaft helfen.

Als Priester bin ich von diesem Widerwillen das Wohlergehen der Einzelnen im Namen einer monolithischen Gruppenidentität bekümmert, deren Ziele und Programmatik von denen festgelegt wird, die mit der Gemeinschaft, die sie angeblich repräsentieren, sehr wenig gemeinsam haben.

Sowie Christen in Israel die Lage unserer Brüder im weiteren Nahen Osten begutachten, sind wir von der Verfolgung erschüttert, die so viele in – unter anderem – Ägypten, Syrien und dem Irak erlebt haben. Es ist wahrlich nur in Israel so, dass wir Christen unseren Glauben voll leben und produktive Mitglieder der Gesellschaft sein können.

Wir sind nicht an fehlgeleiteter Politik interessiert, die uns nur Schaden und Durcheinander bringt. Stattdessen sehen und schätzen wir die Chancen ein erfülltes Christenleben im jüdischen Staat zu führen.

Es ist wichtig, dass Christen rund um die Welt begreifen, dass das jüdische Israel ein verantwortlicher Interessenwahrer seiner Christen gewesen ist. Wir sollten für unsere Bemühungen, sich dieser gutwilligen Gesellschaft zu vereinigen, unterstützt, nicht dämonisiert werden.

Vater Gabriel Naddaf ist der geistliche Leiter und einer der Gründer des Forums zur Rekrutierung Arabisch sprechender Christen in die Israelischen Verteidigungskräfte. Er ist der geistliche Leiter des I.C.R.F und des Rat zur Stärkung der Christen.