„Das Historische Palästina“ – ein irreführender Anachronismus

Aslo Aizenberg, HonestReporting, 29. März 2021

Das „historische Palästina“ ist ein landläufig verwendter Begriff, wenn der arabisch-israelische Konflikt diskutiert wird. Die Wendung suggeriert, dass in der Vergangenheit eine als Palästina bekannte Nation existierte, wobei das Wort „historisch“ den Eindruck vermittelt, dass diese Nation in der Region tief verwurzelt ist und damit einen natürlichen Anspruch hat in Form eines modernen Staats namens Palästina wiederbelebt zu werden. Indem auf das Land so ohne Erwähnung jüdischer Geschichte verwiesen wird, wird auch subtil angedeutet, dass jüdische Präsenz in der Region fremd ist.

Dieser Artikel diskutiert die Herkunft und Evolution der Verwendung von „Palästina“ als Ortsname und dass aktuelle Vorstellungen des „historischen Palästina“ allesamt auf einem falschen Verständnis der geografischen und politischen Historie der Region beruhen.

Das historische Palästina im heutigen Gebrauch bezieht sich auf das Territorium, das jetzt Israel, die Westbank und den Gazastreifen umfasst. Hier sind mehrere markante Beispiele der Verwendung des Begriffs.

  • Saeb Erekat, Chefunterhändler der palästinensischen Autonomiebehörde, erkärte in einem im Mai 2019 in der New York Times veröffentlichten Kommentarartikel, die Palästinenser würden Israel in den „Grenzen von 1967, gleichbedeutend mit 78 Prozent des historischen Palästina“ anerkennen.[i] Auf welches „historische Palästina“ bezog sich Erekat und umfasst Israel wirklich 78% dieses „historischen“ Territoriums?
  • Die Columbia Journalism Review veröffentlichte im Januar 2019 einen Artikel mit der Überschrift „Palstinensische Bürger Israels kämpfen darum ihre Geschichte zu erzählen“, in der der Autor behauptete: „Das historische Palästina unter osmanischer und britischer Kontrolle hatte eine blühende arabische Presse.“[ii] War Palästina jemals ein Territorium unter osmansicher Kontrolle?
  • Ein Artikel im The Washington Report vom Juni 2019 zu Nahost-Angelegenheiten über Trumps „Deal des Jahrhunderts“ für den Frieden im Nahen Osten erklärt, dass der Deal dem „neue Palästina“ die Verantwortung „über 12 Prozent des historischen Palästina“ überlassen könnte.[iii] Welches Gebiet des Landes wurde verwendet, um bei dieser Zahl anzugelangen?
  • Präsident Abbas stellte im November 2012 in seiner Rede vor den Vereinten Nationen Folgendes fest: „Die Zweistaatenlösung, d.h. der an der Seite des Staates Israel koexistierende Staat Palästina, repräsentiert den Geist und das Wesen des historischen Kompromisses, der in der Prinzipienerklärung von Oslo verkörpert wird, der vor 19 Jahren zwischen der Palästinenesischen Befreiungsorganisation (PLO) und der Regierung Israels unter der Schirmherrschaft der USA auf dem Rasen des Weißen Hauses unterschriebenen Vereinbarung, ein Kompromiss, bei dem das palästinensische Volk um des Friedensschlusses willen akzeptierte seinen Staat auf nur 22% des Territoriums des historischen Palästina zu gründen.“[iv] Ist diese Zahl von 22% akkurat?

Geografische Geschichte des Heiligen Landes

Palästina, oder offiziell „Provinica Syria Palaestina“, war ein von den Römern 135 n.Chr. erfundener Name als Ersatz für „Judäa“, im Versuch, nach der Niederlage Bar Kohbas bei der jüdischen Rebellion gegen das römische Reich alle Bezeichnungen des Judentums in der Region zu verdrängen. Ebenso wurde Jerusalem offiziell in Aelia Capitolina umbenannt. Im vierten Jahrhundert wurde die Provinz in drei kleinere Einheiten aufgeteilt: Palaestina Prima, Palaestina Secunda und Palaestina Tertia (s. Karte A). Beachten Sie, dass die neuen Provinzen horizontal organisiert waren und Gebiete auf beiden Seiten des Jordan umfassten.

Karte A. Das römische Palästina

Im frühen siebten Jahrhundert kam in Arabien der Islam auf und muslimische Armeen begannen große Teile des Nahen Ostens zu erobern, darunter im Jahr 640 n.Chr. die drei „Palaestinas“. Die muslimischen Eroberer behielten die römisch-byzantinische Teilung der Region weitgehend bei: Paleastina Prima wurde in „Jund Filastin“ (Militärdistrikt Filastin) umbenannt und Palaestina Secunda wurde nach dem Jordan in „Jund Al-Urdunn“ umbenannt. Palaestina Tertia hörte auf ein eigener Distrikt zu sein und wurde Teil des Wüstenterritoriums im Süden. Jund Filastin und Jund Al-Urdunn umfassten zwei von fünf Provinzen (dazu gab es Jund Dimaschk, Jund Hims und Jund Kinnasrin), die eine größere geografische Region bildeten, die auf Arabisch als „Esch-Scham“ oder „Bilad al-Scham“ bekannt war. Bilad al-Scham bedeutete „Land der linken Hand“, im Gegensatz zu „Bilad al-Yaman“, was „Land der rechten Hand“ bedeutete. Wenn man in Mekka oder Medina stand und nach Osten schaute, lag Bilad al-Scham zur Linken oder im Norden, während Bilad al-Yaman rechts oder im Süden lag. „Esch-Scham“ bezog sich auch auf die Stadt Damaskus und seine weitere Bedeutung war, dass die gesamte Region von Damaskus aus regiert wurde. Esch-Scham wurde später mit „Syrien“ und dem Konzept von „Großsyrien“ assoziiert, was weiter unten diskutiert wird.

Esch-Scham und die Jud-Distrikte bleiben bis zur Eroberung durch die christlichen Kreuzritter 1099 in Kraft. Das neu geformte Lateinische Königreich Jerusalem begann als kleines Territorium, weitete sich dann allmählich aus, um ein Gebiet zu umfassen, das sich in seiner größten Ausdehnung von einem Punkt nördlich von Beirut bis zur Wüste Sinai und auf beiden Seiten des Jordan erstreckte, wie Karte B zeigt. Die christlichen Herrscher nannten keine Provinz oder Bezirk Palästina. Im Verlauf der nächsten zwei Jahrhunderte führte eine Serie von miltärischen Aktionen mit einem Hin und Her zwischen Muslimen und Christen zu fließenden Grenzen, aber am Ende des dreizehnten Jahrhunderts wurden die Kreuzritter von den Mameluken komplett vertrieben. Die Kreuzritter-Periode und die Gründung des Lateinischen Königreichs Jerusalem flößten innerhalb der christlichen Welt ein Bewusstsein des heiligen Landes als einer geografischen Einheit ein und verstärkten religiöse Zuordnungen mit der Region, die bis ins 19. und 20. Jahrhundert weitergetragen wurden.


Karte B: das Lateinische Königreich Jerusalem

Die Mameluken blieben die nächsten Jahrhunderte in Kontorolle und führten neue geografische Einteilungen ein; sie benannten Provinzen entsprechend ihrer Hauptstädte. Die meiste Zeit dieser Periode war das Land beiderseits des Jordan in sechs Distrikte eingeteilt, deren Hauptstädte in Gaza, Hebron, Jerusalem, Ludd, Nablus und Qaqun (eine Stadt nördlich von Jaffa) waren. Wie bei früheren muslimischen Reichen wurden diese Distrikte als Teil eines größeren Territoriums Esch-Scham/Bilad al-Scham betrachtet, deren Zentrum Damaskus war. Die Mameluken nannten keinerlei Territorium Palästina/Filastin, das inzwischen wenig andere Bedeutung hatte als der frührere Name einer Provinz des lange untergegangenen christlichen, römisch-byzantinischen Imperiums zu sein.

1516 wurden die Mamluken von einem weiteren muslimischen Imperium abgelöst, dem der osmanischen Türken, die aus Kleinasien kamen. Die Türken führten neue gegrafische Bezeichnungen für ihre Eroberungen ein; sie teilten das Territorium in Verwaltungsprovinzen ein, die als Eyalets bekannt waren. Anfangs wurde der größte Teil des Territoriums, das heute Syrien, den Libanon, Jordanien, Israel, die Westbank und den Gazastreifen ausmacht (die als die „modernen Staaten“ bezeichnet werden können) in das einzelne Eyalet Sam eingegliedert, das allgemein der armen Region entsprach, die man als „Esch-Scham“ kannte. Einmal mehr war es so, dass die Osmanen keinerlei Territorium als Palästina/Filastin bezeichneten, obwohl die Osmanen natürlich die Geschichte der Region und ihre alten Namen kannten. Palästina war zudem für Juden ein irrelevanter Name geworden, sie zogen “Eretz Israel” (Land of Israel) vor; gleiches gilt für die Araber und Muslime, die weiterhin von Esch-Scham sprachen. Selbst bei Christen war Palsätina ein verlorener Name für den Großteil des osmanischen Gebiets, da sie es vorzogen die Region das „Heilige Land“ oder „Judäa“ zu nennen.

Die Verwaltungsgrenzen und Namen der Eyalets veränderten sich im Verlauf der Jahrhunderte mehrmals und im frühen 19. Jahrhundert wurde das Eyalet Sam in drei neue Eyalets aufgeteilt: Aleppo, Sidon und Damaskus. Die Gegend, die üblicherweise mit dem Heiligen Land assoziiert wird, bestand im Großen und Ganzen aus den Eyalets Sidon und Damaskus, also wurde die Verwaltung vom heutigen Libanon und Syrien aus gehandhabt. 1864 verfügten die Osmanen eine weitere Neuorganisation der Verwaltung, die die alten Eyalets zugunsten neuer Provinzen abschaffte, die Vilayets hießen, die dann weiter in Unterbezirke aufgeteilt wurden, die Sanjaks hießen. Jedes Vilayet wurde von einem Vali oder Generalgouverneur und jeder Sanjak wurde von einem Mutesarrif regiert. Die Neuorganisation schuf ein neues Vilayet Suriya (die arabische Form von Syrien), das im Wesentlichen eine Union der früheren Eyalts Sidon und Damaskus war, wobei der Vali in Damaskus saß, das den Großteil des Territoriums dser modernen Staaten umfasste. Die Gründung dieser Provinz war das erste Mal, dass der Name „Syrien“ von den Osmanen offiziell verwendet wurde, um ein Gebiet zu benennen.

Weniger als ein Jahrzehnt später, 1873, führten die Osmanen eine weiterte Verwaltungsänderung bei den Bezirken ein, indem ein Teil des Vilalyet Suriya genommen wurde, um daraus eine Provinz namens „Mutasarrifiya Jerusalem“ zu machen. Eine Mutasarrifiya (oder Mutessariflik) war eine Provinz ähnlich einem Vilayet mit einem Gouverneur, der direkt dem Sultan unterstand. Der Sultan schuf diese Provinz mit Hauptquartier in Jerusalem, das ihm direkt unterstand, weil die heilige Stadt in der Weltpolitik immer wichtiger wurde, hauptsächlich infolge des zunehmenden europäischen Interesses an der Region. 1888 wurde das Vilayet Suriya mit der Schaffung eines neuen Vilayets Beirut weiter verkleinert; das Vilayet Beirut enthielt fünf Sanjaks: Latakia, Tripoli, Beirut, Akko und Nablus. Diese Verwaltungstrukturt, wie Karte C sie zeigt, blieb bis zum Ersten Weltkrieg allgemein stabil.[v] Der lila Bereich zeigt das verkleinerte VIlayet Syrien, die neue Mutasarrifiya Jerusalem ist rosa. Das neue Vilayet Beirut liegt nördlich der Mutasarrifiya Jerualem in orange. Mit dieser Organisation waren Bereiche, die normalerweise als Teil Palästinas gelten – z.B. Nablus, Haifa und Akko – Teil der Provinz Beirut, was nicht ungewöhnlich ist, weil die Osmanen zwischen Bereichen im heutigen Norden Israels und dem Süden des Libanon keinen Unterschied machten. Die einzige Gemeinsamkeit durch die ganzen Verwaltungsänderungen unter osmanischer Kontrolle hindurch besteht darin, dass Palästina als Ortsname niemals in Betracht kam, nicht einmal für eine kleinere Verwaltungseinheit wie einen Sanjak. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war „Palästina“ als Ort fast ein Jahrtausend lang nicht mehr existent, ein Überbleibsel antiker römischer Herrschaft.[vi]

Karte C: Osmanische Verwaltungseinheiten (Vilayets) 1903

Karte C (2)

Palästina: Pflege eines antiken Namens

Selbst unter den osmanischen Türken, die die Region Jahrunderte lang kontrollierten und ihre eigenen politischen Grenzen unterhielten, die den lange ausgestorbenen Ort namens „Palästina“ nicht enthielten, und obwohl niemand in der Region sich als „Palästinenser” betrachtet hätte, kam der Begriff im 19. Jahrhundert wieder in Gebrauch – aber nicht durch die Araber oder jüdische Einwohner der Region oder die herrschenden Osmanen, sondern durch Christen aus dem Ausland. Irgendwann in der europäischen Renaissance mit ihrem erneuerten Interesse an der klassischen Welt, kam wieder christliches Interesse an dem römischen Namen „Palaestina“ auf, später gestärkt durch Napoleons Vorstoß in den Nahen Osten im Jahr 1799. Obwohl er von den Osmanen, Juden, Muslimen, Arabern und sogar den meisten Christen lange schon ausrangiert wurde, wurde der Jahrhunderte alte Name für das alte römische Land Jesu und der Bibel wieder aktuell.[vii]

Der erste Versuch ein eingenes Gebiet namens „Palästina“ präzise zu kartieren und abzugrenzen wird normalerweise Pierre Jacotin, einem Mitglied der Entourage Napoleons, zugeschrieben und kurz nach der Expedition veröffentlicht. Im 19. Jahrhundert wurden viele weitere Landkarten produziert, aber die Version mit der höchsten Qualität wurde 1878 vom Palestine Exploration Fund veröffentlicht. Diese Landkarten hatten wenig mit der Wirklickeit der tatsächlichen politischen Grenzen gemein, die von der türkischen Obrigkeit etabliert wurden und gründeten stattdessen auf Vorstellungen eines Gebiets, das in der Bibel umrissen war. Ein Gelehrter der Geografie der Region  des 19. Jahrhunderts erklärte: „… diese Kartographen waren vielleicht mehr damit beschäftigt das Buch Josua zu illustrieren als daran, zukünftigen Historikern des osmanischen Reiches zu helfen…“[viii] Wie man erwarten konnte, varriierten die Karten zudem beträchtlich, da die Kartografen unsicher waren, wie das Territorium auf Grundlage von nur verbalen Beschreibungen in antiken Texten gezeigt werden sollte. Ein Beispiel findet sich in Karte D, die 1892 in Deutschland veröffenlicht wurde. Sie zeigt Palästina sowie eingeklinkt die antiken Stämme Israels und das Hochland von Judäa.[ix] Die Encyclopedia Britannica von 1911 beschreibt die Unklarheit dieses schwammigen Ortes namens Palästina:

PALÄSTINA, ein geografischer Name, der eher lose verwendet wird. Etymologische Genauigkeit würde erfordern nur den schmalen Küstenstreifen so zu bezeichnen, der einst von den Philistern besetzt war, von denen der Name abgeleitet ist. Er wird jedoch herkömmlicherweise als Name für ein Territorium verwendet, das im Alten Testament als Erbteil der Hebräer vor dem Exil angegeben wird; somit könnte allgemein gesagt werden, dass es sich um das südliche Drittel der Provinz Syrien handelte. Außer im Westen, wo das Land ans Mittelmeer grenzt, kann die Grenze des Landes auf der Karte nicht als definitive Linie festgelegt werden. Die modernen Unterteiliungen unter der Zuständigkeit des osmanischen Reichs sind keineswegs deckungsgleich mit denen der Antike und bieten daher keine Grenze, nach der Palästina genau vom Rest Syriens im Norden oder von der Sinai bzw. der Arabischen Wüste im Süden und Osten getrennt werden kann; es gibt auch keine Aufzeichnungn antiker Grenzen, die ausreichen, um die vollen und eindeutigen Grenzen angeben, um die komplette Grenzziehung für das Land möglich macht… Nimmt man als Anhaltspunkt die natürlichen Gegebenheiten, die diesen Gegebenheiten am besten entsprechen, dann können wir Palästina als den Streifen Land beschreiben, der sich entlang des Ostufers des Mittelmeers von der Mündung des Flusses Litani oder Kasimiya (33° 20‘ N) nach Süden bis zur Mündung des Wadi Ghuzza erstreckt; Letzteres stößt bei 31° 28‘ N, etwas südlich von Gaza, ans Meer und verläuft dann in südöstlicher Richtung, so dass es an seiner nörldichen Seite den Ort Beersheba einschließt. Nach Osten gibt es eine solche Grenze nicht. Es stimmt, dass der Jordan eine Abgrenzungslinie zwischen dem westlichen und dem östlichen Palästina bildet; aber es praktisch nicht zu sagen, wo letzteres endet und die Arabische Wüste beginnt. Vielleicht ist die Linie der PIlgerstraße von Damaskus nach Mekka die geeignetste mögliche Grenze.

Wie in dieser maßgeblichen, in Großbritannien veröffentlichten Enzyklopädie veröffentlicht, gehörten zu Palästina Teile des heutigen Südliblllanon und Territorium östlich des Jordan, aber wenig von der Wüste Negev.

Karte D: In Deutschlanad veröffentlichte Landkarte Palästinas, 1892

Das historische Palästina: ein Anachronismus

Die tatsächliche politische Geografie der Region wurde in den meisten Weltatlanten akkurat dargestellt, korrekt in Karten des osmanischen Reichs der Türkei einbezogen oder genauer der „asiatischen Türkei“ (wie schon in Karte C gezeigt), gegenüber der „europäischen Türkei“. Diese Landkarten zeigen korrekt die osmanischen Einteilungen, ohne dass Palästina zu finden war, weil es nicht existierte. Seltsamerweise, aber entsprechend dem biblischen Interesse am Heiligen Land seitens Christen in Europa und Amerika, beinhalteten dieselben modernen Weltatlanten neben der der osmanischen Türkei zusätzlich eine Karte von „Palästina“, wie man an disem Beispiel von Rand, McNallys „Geschäftsatlas“ sehen kann, der 1892 veröffentlicht wurde (s. Karte E, ähnlich dem deutschen Beispiel in Karte D).[x] Diese kuriose Entscheidung wäre ähnlich einem Weltaltas von 2019, der zum Beispiele eine Landkarte des modernen Irak wiedergibt und dann auf einer anderen Seite eine Landkarte des antiken Sumer zeigt – ohne dass eine andere antike Landkarte oder untergeganger Geograife irgendeines anderen Landes angeboten wird. Warum gaben diese zeitgenössischen Atlas-Verlage eine Karte Palästinas an, die auf die Römerzeit zurückging? Wegen des Glaubens, dass das Land Jesu ein Lese-Muss war, selbst in einem Atlas, der sich der Darstellung der modernen Welt widmete.

Karte E: In den USA veröffentlichte Lankarte Palästinas, 1892

Viele moderne Historiker haben diesen Anachronismus übernommen, beschreiben oder zeigen manchmal Palästina, wie es angeblich während der Zeit der Osmanen erschien.[xi] All diese Darstellungen sind allerings fehlerhaft, da die Osmanen kein einziges Gebiet als Palästina bezeichneten oder den Namen in irgendeiner offiziellen Funktion verwendeten.[xii] Leider ist es Brauch geworden die heutige typische Definition des „historischen Palästina“ (d.h. des Gebiets, das das heutige Israel, die Westbank und dne Gazastreifen umfasst) über die Landkarten des osmanischen Reichs zu legen, womit der falsche Eindruck vermittelt wird, die Definition von heute gründe auf irgendeine Weise auf osmanischer Geografie.

Die Briten und Franzosen sollten später das osmanische Vilayet-System ebenfalls ignorieren; stattdessen zerstückelten sie die Region einzig auf Grundlage der Bedürfnisse der beiden Mächte. Bemerkenswert ist: Als die Briten nach dem Ersten Weltkrieg mit den Franzosen über die Grenzen des neuen Mandats Palästina verhandelten, gründete die ursprüngliche britische Haltung auf der vagen biblischen Benennung des Landes Israels als „von Dan bis Beersheva“ (1. Samuel 24,2) liegend. Gideon Berger, ein bekannter Erforscher der Geografie der Region, erklärt: „Diese biblische Formel, die von den die Bibel kennenden Briten vorgetragen wurde, ist schnell zur zentralen Formel bei der Festlegung der zukünftigen Grenzen Palästinas geworden.“[xiii]

Diese in der heutigen Diskussion über den Konflikt beschworenen, von oden Europäern des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffenen Grenzen werden heute als langjährig und heilig behandelt, während die osmanischen Benennungen eine lange zurückliegende Erinnerung. Ein weiterer Kernfehler in der heutigen Verwendung von „historisches Palästina“ ist, dass die gebräuchliche Definition Gebiete östlich des Jordan ausschließt, obwohl die ganze Geschichte hindurch, von der römisch-byzantinischen Zeit bis ins 19. Jahrhundert, Landkarten bis zur ursprünglichen Bildung des britischen Mandats Palästina, Teile des modernen Jordanien IMMER als Teil Palästinas betrachtet wurden.

Es ist in Wirklichkeit „das historische Syrien“

Während sich die Begrifflichkeiten des heiligen Landes oft auf Palästina konzentirerten, ist es für das Verständnis der geografischen Geschichte der Region wichtig die Verwendung und Geografie von Syrien zu verstehen. Genau genommen übernahmen die Osmanen „Syrien“ als den Namen für eines ihrer Vilayets, das die Jahrhunderte alte Bezeichnung der Region als „Esch-Scham“ ersetzte. Über den Einfluss der christlich-arabischen Literatur und westeuropäischer Verwendung während des 19. Jahrhunderts kam es dazu, dass die moderne arabische Form von Syrien (oder „Suriya“) in regelmäßigen Gebrauch kam und Ende des Jahrhunderts ersetzte er selbst im muslimisch-arabischen allgemeinen Gebrauch Esch-Sham oder Bilad al-Scham. Die modernen Staaten, einschließlich Israls, waren eigentlich alle Teil dessen, was besser als das „historische Syrien“ oder seinem früheren Gegenstück Esch-Scham beschrieben würde, nicht als „historisches Palästina“, eine Tatsache, die in der heutigen Diskussion über den Nahen Osten komplett verloren gegangen ist. Eine ausgezeichnete Darstellung davon, wie die Region allgemein als Syrien bekannt war, findet sich in Karte F, veröffentlicht vom französischen Geografen Vital Cuinet im Jahr 1896, die das Vilayet Syrien und die osmanischen Verwaltungseinheiten zeigt.

Karte F: Das osmanischei Syrien

Die damalige lokale arabische Bevölkerung hätte ebenfalls allgemein die gesamte Region als Syrien und sich selbst als „Syrer“ (oder nach dem früheren Namen Esch-Scham/Bilad al-Scham) bezeichnet, wie sie es in den aufeinander folgenden muslimischen Reichen viele Jahrhunderte lang gemacht hatten. Diese präzise Erinnerung an „Groß-Syrien“ dauerte Jahrzehne lang, wie es Faiz El-Khouri, Minister der syrischen Gesandtschaft in Washington in seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 14. Mai 1947 zur Palästina-Frage ausdrückte:

… Ich möchte der Vollversammlung gerne erklären, wie die Position Syriens in Bezug auf Palästina aussieht. Ich denke, die meisten von Ihnen, wenn nicht alle, wissen, dass Palästina eine syrische Provinz war. Es gibt dort geografische, historische, rassische und religiöse Verbindungen. Es gibt nicht einen einzigen Unterschied zwischen den Palästinensern und den Syrern und ohne die Balfour-Erklärung und die Bestimmungen des Mandats wäre  Palästina heute eine syrische Provinz, wie sie das früher immer war.[xiv]

Ein früheres Beispiel der Verbindungen zu Syrien ist in einer Resolution des Ersten Kongresses der Muslimisch-Christlichen Gesellschaft zu finden, der im Januar 1918 in Jerusalem stattfand. Er wurde zusammengerufen, um arabische Delegierte für die erste Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg auszuwählen. In der Resolution hieß es: „Wir betrachten Palästina als Teil des arabischen Syrien, da es von diesem zu keiner Zeit getrennt war. Wir sind mit ihm durch nationale, religiöse, sprachliche, natürliche, wirtschaftliche und geografische Bande verbunden.“[xv] Es gab eine deutliche Anerkenntnis, dass Palästina eine künstliche Schöpfung des christlichen Europa war und der Kongress es vorzog sich auf die lange bestehende Benennung der Region als Syrien zu konzentrieren.

Natürlich sind all diese Fakten im heutigen Diskurs verloren gegangen, mit einer Verschleierung der historischen Wirklichkeit, es habe ein eigenständiges sowohl ethnisches als auch geografisches palästinensisches Bewusstsein gegeben, das aber erst im 20. Jahrhundert aufkam. Syrien ist der bei weitem genauere Begriff, der auf die Menschen und die Geografie der Region angewendet werden sollte, wenn das Wort „historisch“ verwendet wird.

Die Bildung des modernen Palästina

Palästina als formell-politische Einheit entstand als Ergebnis von Handeln, das von den wichtigsten Alliierten Mächte nach dem Ersten Weltkrieg auf der im April 1920 abgehaltenen Konferenz von San Remo unternommen wurde. Die Resolution von San Remo mit Datum vom 25. April 1920 war das Dokument, das offiziell ein Mandat für Palästina schuf und den Briten die Kontrolle über das Gebiet übertrug. Die Resolution wies die „Mandatsmacht“, also die Briten, an, eine nationale Heimstatt für das jüdische Volk in der neuen Entität einzurichten; die Grundlage dafür war die zuvor ausgegebene Balfour-Erklärung.

Am 1. Juli 1920 setzten die Briten die in der Resolution von San Remo umrissenen Vereinbarungen um und beendeten die Militärverwaltung des Territoriums, das offiziell „Occupied Enemy Territory Administration“ (OETA) hieß. Palästina war geboren. Die ursprünglichen Grenzen des Mandats Palästina, wie sie von den Hauptmächten in der Region – Großbritannien und Frankreich – vereinbart waren, einschließlich des gesamten Territoriums, das heute Israel, Jordanien, die Westbank und den Gazastreifen beinhaltet. Die Briten wählten den Namen „Palästina“ in Übereinstimmung mit christlich-europäischer Tradition, wobei sie wiederum lokale Terminologie und osmanische Benennungen ignorierten. Als Zugeständnis an die jüdische Bevölkerung und in Bestätigung der Balfour-Erklärung fügten sie der hebärischen Form des Namens Palästina die Initialen „aleph“ und „yud“ (die für Eretz Israel standen, das „Land Israel“) hinzu. Im Verlauf der nächsten drei Jahre sollten ständige Verhandlungen mit den Franzosen und andere regionale Ereignisse zu beträchtlichen Veränderungen der Grenzen des Mandats Palästina führen. Diese modifizierten Grenzen sollten schließlich die Grenzlinien für die Staaten des heutigen Nahen Ostens und wiederum als scheinbar heilige historische Grenzen kanonisiert werden.

Während dieser Diskussionen zwischen den Mächten beschlossen die Briten aus Gründen, die über den Umfang dieses Artikels hinausgehen, einseitig 77% des den Briten in San Remo bewilligten Mandats Palästina herauszunehmen und unter die Kontrolle Abdallahs zu stellen, den sie den neuen Emir von Transjordanien nannten (siehe Karte G). Diese neue arbische Gebilde, das in Wirklichkeit Teil des „historischen Palästina“ war, wurde offiziell am 11. April 1921 aus der Taufe gehoben. Wie so oft wird dieses entscheidende Ereignis in der geografischen Geschichte der Region heute normalerweise ignoriert. Die meisten Diskussionen über den Konflikt erkennen nicht an, dass das moderne Jordanien ethnisch und geografisch immer das gleiche Gebiet gewesen ist wie Bereiche westlich des Jordan.

Karte G: das britische Mandat Palästina

Schlussfolgerung

Es ist schwer die alte Realität von unserer modernen Terminologie zu trennen und die sich ständig ändernden Ortsnamen zu organisieren. Zur Verwirrung trägt die Tatsache bei, dass christliche Fremde im 19. und frühen 20. Jahrhundert beschlossen antike Gebiete und Ortsnamen mit Grenzen wiederzubeleben und aufrechtzuerhalten, obwohl weder die aktuellen politischen Herrscher des Territoriums noch die örtlichen Einwohner für diese Ortsnamen eine Verwendung hatten. Hier sind die Schlüsselfolgerungen, die Teil des Diskurses zur Geschichte der Region werden sollten:

  • Palästina war ein Provinzname, der von den Römern im Jahr 135 n.Chr. eingeführt wrude, um „Judäa“ zu ersetzen und nach der Niederwerfung der jüdischen Rebellion alle anderen Spuren jüdischen Lebens in der Region zu ersetzen. Die muslimischen Eroberer im 7. Jahrhundert behielten den Namen „Filastin“, um eine Provinz zu bezeichnen, aber ab der christlichen Eroberung wurde der Name nicht mehr verwendet.
  • Die muslimischen Mameluken, die die Christen besiegten, bezeichneten keinerlei Territorium als Palästina/Filastin und genauso wenig machten es die osmanischen Türken, die die Region ab dem frühen 16. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg kontrollierten. Fast ein Jahrtausend lang wurde der Ortsname „Palästina“ nicht verwendet, ein lange vergessenes Überbleibsel römischer Herrschaft in der Antike.
  • Der Begriff „Palästina“ wurde von christlichen Europäern im 19. Jahrhundert wieder aufgrund seiner Verbindung zur Bibel und zum Land Jesu wieder regelmäßig verwendet. Weder die osmanischen Türken noch die örtlichen Bewohner verwendeten zu dieser Zeit den Begriff „Palästina“.
  • Europäer zeichneten im 19. und frühen 20. Jahrhundert Landkarten von „Palästina“auf Grundlage antiker biblischer Vorstellungen von dieser Region und steckten sie anachronistisch in moderne Atlanten des Gebiets, obwohl ein solches Gebilde nicht existierte. Die tatsächlichen Ortsnamen und Grenzen der Region waren in denselben Atlanten unter dem korrekten Titel „asiatische Türkei“ zu finden. Das wäre so, als würden Westler heute darauf bestehen den irak als historisches Sumer zu bezeichnen und Landkarten des antiken Sumer in zeitgenössischen Atlanten einbinden, ohne uralte Karten für irgendeinen anderen Staat.
  • Das Palästina während der Römerzeit, wie sie in von Europäern im 19. Jahrhundert erstlelten Landkarten und der Bildung des Mandats Palästina 1920 gezeigt wurden, schlossen immer Gebiet östlich und westlich des Jordan ein. Auch der südliche Libanon gehörte dazu, der sich historisch nicht von Bereichen in Nordisrael unterschied. Das wird von zahlreichen geografischen Studien der Region bestätigt, die im 19. Jahrhundert, von britischen Geografen geleitet durchgeführt wurden (z.B. veröffentlichte der Palestine Exploration Fund 1881 „An Introduction to the Survey of Western Palestine“, wo Westpalästina am Jordan endet und Ostpalästina auf der anderen Seite).
  • Das nach dem Ersten Weltkrieg unter britische Kontrolle gestellte Mandat Palästina entsprach der Tatsache, dass Palästina in all seinen Verkörperungen immer Territorium auf beiden Seiten des Jordan beinhaltete.
  • Als die Briten 1921 eigenmächtig beschlossen auf 77% des Territoriums des Originalmandats Transjordanien zu schaffen, behielten sie nur 23%, den Teil westlich des Jordan, unter dem Namen „Palästina“. Irgendwie wurde in den Jahrzehnten nach dieser Trennung die Vorstellung von „Palästina“ und dem „historischen Palästina“ nur auf Teile westlich des Jordan eingeschränkt.
  • Der Teilungsplan von 1947, der die Aufteilung des Mandats Palästina in einen jüdischen Staat und einen arabischen Staat empfahl, gewährte dem jüdischen Staat etwa 56% des Territoriums – aber das waren nur 13% des ursprünglichen Mandats Palästina. Fakt ist, dass der Teilungsplan den Arabern pratisch zwei Staaten auf dem Mandat Palästina einräumte, die 87% des Originalmandats umfassten.
  • Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 weitete der neue Staat Israel sein Territorium auf etwa 78% des reduzierten Mandats Palästina aus, während die Westbank und der Gazastreifen sich auf 22% des Gebiets beliefen.
  • Als Abbas sagte, das palästinensische Volk werde um des Friedens willen einen Staat auf nur 22% des Territoriums des „historischen Palästina“ akzeptieren, lag er grob falsch. Da das historische Palästina notwendigerweise Gebiete östlich und westlich des Jordan einschließt, wie das ursprüngliche Mandat Palästina es akkurat widerspiegelte, beläuft sich das Land, das Jordanien, die Westbank und den Gazastreifen umfasst, heute 82% des Gesamtgebiets. Israel ist ein Staat, der am Ende einen Anteil von weniger als 15% des Mandats Palästina hatte.
  • Die meisten Leute verwenden heute die Grenzen des Mandats Palästina nach 1921 als ihre Definition des „historischen Palästina“, obwohl diese künstlich geschaffenen Grenzen in Wirklichkeit ahistorisch, neuer und künstlich geschaffen sind. „Mandat Palästina“ wäre ein genauerer Begriff gewesen und sollte von den Medien anstelle von „historisches Palästina“ verwendet werden.
  • In den heutigen Diskussionen wird vergessen, dass es weit genauer wäre die Region „historisches Syrien“ zu nennen, da die allgemeine Region des heutigen Israel, der Westbank, des Gazastreifens, Jordaniens, Syriens und des Libanon geografisch und ethnisch Teil einer politischen Einheit waren, die als Esch-Scham und später Syrien bekannt waren. Die lokale Bevölkerung hätte sich zudem nicht als Teil dieses Territoriums betrachtet. Ohne die Wiederbelebung des Namens Palästina durch das christliche Europa irgendwann im 19. Jahrhundert hätte sich sicher Syrien als Name der Region durchgesetzt, so wie es Jahrhunderte lang gewesen war. Das oben angeführte Zitat durch den Minister der syrischen Gesandtschaft in Washington von 1947 macht das deutlich.


Quellen:

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[i] Erekat, Saeb: Trump Doesn’t Want Peace. He Wants Palestinian Surrender. New York Times, 22. Mai 2019. https://www.nytimes.com/2019/05/22/opinion/trump-israel-palestinian-peace-plan.html

[ii] Berger, Miriam: Palestinian citizens of Israel struggle to tell their stories. Columbia Journalism Review, 11. Januar  2019. https://www.cjr.org/analysis/palestinian-citizens-of-israel-musawa.php

[iii] Cook, Jonathan: The ‘Deal of the Century’ Would Force Palestinians to Swallow a Bitter Pill. Washington Report on Middle East Affairs. Juni/Juli 2019, S. 8-10. https://www.wrmea.org/2019-june-july/the-deal-of-the-century-would-force-palestinians-to-swallow-a-bitter-pill.html

[iv] (29. November 2012) Erklärung von Präsident Abbas vor der Verabschiedung der Resolution 67/19 zum Status Palästinas bei den Vereinten Nationen. http://palestineun.org/29-november-2012-statement-of-president-abbas-before-the-adoption-of-resolution-6719-on-the-status-of-palestine-in-the-united-nations/

[v] Dodd, Mead & Company, 1903

[vi] Zu den Quellen für diesen Teil gehröt Kark (Biger-Artikel); s. 15-18; Parkes, S. 87-88; Le Strange (S. 5 und 27), MacCoun, S. 107-109; Pitcher, S. 128 und 141; Zachs, S. 95-102;  Lewis, S. 158.

[vii] Biger (Kark), p. 19.

[viii] Hopkins, p. 30, 36.

[ix] F.A. Brockhaus, Leipzig, 1892.

[x] Rand, McNally & Cos Enlarged Business Atlas, Chicago, 1892.

[xi] siehe z.B. Dowty, S. 19.

[xii] Doumani, S. 261.

[xiii] Biger, S. 68

[xiv] Achte Plenarsitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen (A/2/PV.78) in der Vollversammlungshalle in Flushing Meadow, New York, 14. Mail 1947 um 15 Uhr.

[xv] Porath, S. 82.

Angebliche palästinensisch-arabische Kontinuität

Forschung zeigt, dass die meisten Araber im 19. und 20. Jahrhundert in die Palästina genannte Region kamen, Arbeit suchten. Op-Ed.

Yoram Ettinger, MiDA, 28. August 2020

Das Rahelgrab Anfang des 20. Jahrhunderts – Palestine in Connection with Their History, New York 1895, S. 184-186).

Sind Araber seit undenkbaren Zeiten in dem Bereich westlich des Jordan gewesen?

1881 berichtete Arthur Penrhyn Stanley, ein führender britischer Kartograph und Dekan der Westminster Abbey, dass „es in Judäa kaum übertrieben ist zusagen, es habe den Anschein von keinem Leben oder Behausung“. (Sinai and

Die Zuwanderung aus Ägypten

Nach Angaben von Arie Avneri, einem wegweisenden Historiker arabischer und jüdischer Migration nach Palästina (The Claim of Dispossession, 1980), gab es während der ägyptischen Eroberung (1831 – 1840), „einen begrenzten Zustrom tausender [ägyptischer] Immigranten, die Ibrahim Pascha [der Herrscher Ägyptens] ins Land brachte, um die leeren Landstriche zu besiedeln. Vor ihnen war eine beträchtliche Zahl Ägypter aus Ägypten geflohen, weil sie versuchten der Wehrpflicht zu entgehen. … Sie suchten Zuflucht beim Gouverneur von Akko, der sie bereitwillig gewährte.“

Der französisch-ägyptische Forscher Mohammed Sabry [The Egyptian Empire under Mohammed Ali and the question of the Orient, 1930] bestätigte, dass „der Gouverneur von Akko die Migration der Fellachen [Bauern] aus Ägypten ermutigte und ihnen Unterschlupf gab … 1831 überquerten mehr als 6.000 Fellachen die ägyptische Grenze … Nachdem er Palästina eroberte, verzichtete Mohammed Ali [Ibrahim Paschas Vater] darauf die Wehrpflicht-Flüchtlinge zurück nach Ägypten zu schicken, er schickte auch neue Siedler, um seine Herrschaft zu festigen. … Der ägyptische Herrscher brachte zudem den beduinischen Sklaven-Stamm der Arab ed-Damair ins Land…“

Avneri hebt (ebenda) viele Dokumente heraus, die vom British Palestine Exploration Fund veröffentlicht wurden, zum Beispiel:

Der größte Teil Jaffas bestand aus von Ägyptern bevölkerten Distrikten… Philip Baldensperger [ein angesehener Anthropologe] erklärte, dass 1893 die Einwohner vieler Dörfer im südlichen Teil des Landes [zwischen Gaza und Tulkarm] ägyptischer Herkunft waren… Die Bewohner einiger Teile des Südens wurden ursprünglich aus Libyen nach Palästina gebracht … Hunderte Familien ägyptischer Herkunft begleiteten die erobernden Streitkräfte Ibrahim Paschas … Gleichermaßen gibt es in den Städten von Samaria und Judäa hunderte Familien, die bis heute Masri [der Ägypter] heißen … Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten ägyptische Arbeiter in der Fruchtbarmachung der Sumpfgebiete … Ägypter waren am Legen der Eisenbahngleise von Jerusalem nach Jaffa beteiligt und blieben danach im Land…

Nach Angaben von Baldensperger gab es in der bestehenden Bevölkerung von Jaffa mindestens 25 unterschiedliche Nationalitäten [zumeist Ägypter, aber auch Syrer, Jemeniten, Perser, Afghanen, Hindus und Belutschen]…

Weitere arabische/muslimische Migranten

Avneri ergänzt (ebenda), dass „die französischen Eroberer Algeriens 1856 Abd al-Qadir al-Husseini [der Führer der antifranzösischen Rebellion] erlaubten Algerien zusammen mit einigen Anhängern zu verlassen. Einige gingen nach Syrien und andere nach Palästina … Diese Immigranten wurden Mughrabis genannt [aus dem Maghreb, Nordafrika kommend]. Sie gründeten vier Dörfer in Niedergaliläa… Eine ganze Reihe Mughrabis siedelte in Safed und wahrscheinlich in Tiberias…

1914 beschrieb Masterman [vom British Palestine Exploration Fund] die muslimische Bevölkerung von Safed als gemischter Herkunft. Eines der Viertel wurde Hareth el-Karad genannt, was eine Bevölkerung kurdischer Herkunft anzeigt … Die Hälfte der muslimischen Bevölkerung von Safed waren Mughrabis… andere muslimische Araber waren Zuwanderer aus Damaskus und Beduinen aus dem Jordantal … 1893 schrieb Baldensperger [British Exploration Fund Quarterly] über die Mughrabis von Jaffa … Die Perser, Afghanen, Hindus und Belutschis betrieben Handel…

1878 nahm der osmanische Sultan Abd el-Hamid tscherkessische Flüchtlinge unter seinen Schutz, die vor der Herrschaft des christlichen Russland im Kaukasus geflohen waren. Viele siedelten in Jordanien. Andere ließen sich westlich des Jordan in Kafer Kamma, Sarona und Reihaniya nieder. Auch einige Muslime aus Bosnien fanden in Palästina Zuflucht und siedelten bei Caesarea … Laurence Oliphant [ein britischer Reisender, Schriftsteller und Diplomat] schrieb über einen der turkmenischen Stämme, die ihre schwarzen Zelte nahe eines tscherkessischen Dorfs aufgeschlagen hatten und aus den Bergen des Irak kamen … 1908 kam eine Gruppe Araber aus dem Jemen in Jaffa an und ließ sich dort nieder…

1878 berichtete Claude Reignier Conder [British Exploration Fund], dass das große Jesreel-Tal die Zuflucht von Beduinen war, wann immer Krieg oder Hungersnot ihre Existenz in Jordanien bedrohte… 1870 war nur ein Sechstel des Landes dort gepflügt, weil das Tal von Beduinen besetzt war… Dasselbe Phänomen gab es im südlichen Teil des Landes [d.h. vom Raum Hebron an südwärts]…“

Infrastruktur-Projekte lockte arabische Zuwanderer an

Avneri fügt an (ebenda): „Der Bau der Eisenbahnlinie Jerusalem – Jaffa [1892 eingeweiht] beschäftigte viele lokale und externe Arbeitskräfte. Die belgische Firma, die die Eisenbahn baute, importierte ägyptische Tagelöhner, von denen viele im Land blieben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Arbeit an den Gleisen zwischen Haifa und Dera’a [im südwestlichen Syrien]. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Eisenbahn von Haifa nach Nablus begonnen… Viele Arbeiter wurden aus benachbarten Staaten geholt…

1880 war Haifa eine kleine Stadt mit 6.000 Seelen. 1910 verdreifachte sie ihre Einwohner auf 18.000, von denen 15.000 muslimische und christliche Araber waren. Viele der Neuankömmlinge kamen aus dem Libanon und Syrien… Jaffa entwickelte sich als Hafenstadt… durch die Pilger kamen… Einige davon blieben in Jaffa. Jaffas Bevölkerung verdoppelte sich von 1890 bis 1910 auf 43.000, von denen 30.000 muslimisch und arabisch waren. Zudem ließ sich eine große Anzahl Pilger aus Nordafrika in Jerusalem unter ihren Landsleuten nieder, die früher gekommen waren…

Das rasche Bevölkerungswachstum in Jaffa und Haifa (nach dem britischen Sieg im Ersten Weltkrieg) war größtenteils die Folge des Zustroms vieler ägyptischer Arbeiter, Polizisten, Bauunternehmer, Vorarbeiter und Geschäftsleute, die das Vordringen der britischen Armee begleiteten… Der Bau der Eisenbahn von Qantara an der ägyptischen Grenze beschäftigte tausende Ägypter, von denen viele es vorzogen sich in Haifa niederzulassen…

Die britische Obrigkeit zog Ägypter, Syrer und andere externe arabische Ungelernte [z.B. aus dem Sudan] jüdischen Immigranten vor, wenn es um den Bau von Militärbasen, den Betrieb von Steinbrüchen, Straßenbau und den Bau des Hafens von Haifa ging … Von 1919 bis 1922 nahm die arabisch-muslimische Bevölkerung von 515.000 auf 590.000 zu, zumeist durch arabische Zuwanderung…

Die Jahre 1932 bis 1936 waren geprägt von nie da gewesenem wirtschaftlichen Wohlstand … und einem beträchtlichen Zustrom arabischer Zuwanderer…

Der Ausbruch der Gewalt, der von Zeit zu Zeit auftrat [gegen Juden und bei den Arabern untereinander], besonders von 1936 bis 1938, zog tausende arabische Söldner aus den Nachbarländern an… Viele Söldner blieben im Land…“

1942, während des Zweiten Weltkriegs, gab es in Palästina einen ernsten Arbeitermangel… Das britische Mandat gab Notfall-Regularien aus, die der britischen Armee erlaubte Arbeiter aus arabischen Ländern zu holen…“

Schlussfolgerung

Prof. Efraim Karsh von der Bar Ilan Universität und dem Londoner King’s College zeigt einen Bericht der britischen Peel-Kommission (Palestine Betrayed, 2010): „Von 1922 bis 1931 betrug die Zunahme der arabischen Bevölkerung in Haifa, Jaffa und Jerusalem 86%, 62% bzw. 37%.“

Als Ergebnis der Wellen arabischer Zuwanderung von 1880 bis 1947 sind arabische Einwohner westlich des Jordan (Judäa, Samaria und das Israel von vor 1967) keine Nachkommen der Kanaaniter, sondern vor kurzem zugewanderter Migranten.

Darüber hinaus ist Palästina trotz eines von der palästinensischen Autonomiebehörde vorangetriebenen Märchens nicht seit undenkbaren Zeiten arabisch/muslimisch gewesen.

Fakt ist: Seit der Zeit des griechischen Imperiums (5. Jahrhundert v.Chr.) bezieht sich der Begriff Palästina (Palaistine) auf das Land Israel, in direkter Verbindung zum Volk Israel.

Die Lüge „Palästina ist eine islamische Schenkung“

Elder of Ziyon, 16. Juni 2020

Eine Schlagziele in einer palästinensischen Nachichten-Internetsete besagt: „Das historische Palästina ist eine islamische Schenkung (waqf).“

Eine waqf ist ein Konzept im islamischen Recht, bei dem jemand Land, ein Gebäude oder andere Aktivposten auf ewig einer muslimischen Stiftung schenken kann. Es ist in etwa analog dem jüdischen Konzept des Hekdesch. Für Land, das zu einer waqf erklärt wurde, ist es praktisch unmöglich diesen Status jemals wieder zu verlassen.

Wenn Muslime sagen, dass Israel eine Waqf ist, dann gegen sie eine islamische Rechtserklärung ab, dass es auf ewig verboten ist, dass das Land jemand anderem gehört als Muslimen.

Das Konzept, dass Palästina eine islamische Waqf ist, ist allerdings recht neu. Es wurde 1988 von der Hamas in ihrer Charta erfunden. Die Vorstellung gab es davor nicht.

Und es hat auch historisch keine Grundlage, wie der Wissenschaftler Yitzhak Reiter zeigt.

Es gibt zwar einen Strang im islamischen Recht, dass alles von Muslimen eroberte Land auf ewig muslimisch bleibt, aber historisch wurden diese nicht als Waqf behandelt. Der „Großmufti“ von Jerusalem, al-Husseini, der kein Rechtsgelehrter war, argumentierte, dass von Muslimen eroberte Ländereien auf immer muslimisch bleiben, aber er verwendete nicht die Sprache der Waqf. Tatsächlich appellierte er an die Araber, ihre Ländereien als Waqfs zu spenden, um sie davor zu bewahren an Juden verkauft zu werden (und ihm selbst das Recht zu geben das Land zu kontrollieren). Das ziegt, dass selbst der Mufti ganz Palästina nicht als Waqf betrachtete und begriff, dass es in  Palästina ein Konzept des Privateigentums gab.

Innerhalb von ein paar Jahren nachdem die Hamas das Konzept von Palästina als Waqf schuf, übernahm die palästinensische Autonomiebehörde dieses Konzept jedoch ebenso. Der PA-eigene Mufti Ikrama Sabri schrieb im Jahr 2000 ein Rechtsgutachten, das die Idee der Hamas nahm u nd versuchte es zu nutzen, um Arafat politisch gegen die Behauptung der Hamas zu helfen, Arafat sei bereit das Rückkehrrecht aufzugeben.

Historisch wurde das Land in Palästina als „fay“ betrachtet, nicht als Waqf – Land, das gekauft und verkauft werden konnte, wie es natürlich auch während der Besatzung durch das Osmanische Reich der Fall war.

Der Waqf-Mythos zeigt, wie sowohl die Hamas als auch die PA bereit sind islamisches Recht für ihre eignen politischen Zwecke zu verdrehen.

Arabische/muslimische Einwanderung ins Heilige Land

American Zionism, Elder of Ziyon, 24. Juni 2019

Arabische/muslimische Immigration ins Heilige Land

Teil 1 – Bosnien, Algerien, Marokko und Ägypten

Wir wissen eine Menge über jüdische Immigration ins Heilige Land, weil die Osmanen und dann die Briten derart gute Arbeit leisteten Juden draußen zu halten, dass das weltweit in den Nachrichten stand. Aber was ist mit der arabischen/muslimischen Immigration ins Heilige Land in derselben Zeit? Das übliche Narrativ, das sie online lesen, lautet, dass die Juden Ende des 19. und im frühen 20. Jahrhundert ankamen, aber dass die „Palästinenser“ von Anbeginn der Zeiten dort waren. Stimmt das?

Wenn sie je Zeit in den sozialen Medien mit Gesprächen über Israel verbracht haben, ist Ihnen vielleicht dieses Zitat von Robert Kennedy begegnet:

„Die Juden zeigen mit Stolz auf die Tatsache, dass mehr als 500.000 Araber in den 12 Jahren zwischen 1932 und 1944 nach Palästina kamen, um von den Lebensbedingungen zu profitieren, die es in keinem anderen arabischen Staat gab…“

Briten von beiden Seiten gehasst. Robert Kennedy, Sonderautor  für die Post, betroffen von der Antipathie, die von Arabern und Juden gezeigt wird.

Kennedy, ein junger Mann, der gerade erst das College abgeschlossen hatte und weiser war, als ein Alter vermuten ließ, machte die Bemerkung nach einer Reise ins Heilige Land im März 1948 – nach dem UNO-Teilungsplan für das Mandat Palästina und vor dem Abgrund des den israelischen Unabhängigkeitskriegs, der im Mai begann. Das Zitat erschien in der Boston Post in einer Artikelreihe über seine Erfahrungen auf der Reise. Kennedy unterstützte den noch nicht gebildeten Staat Israel und das jüdische Volk und das ist das, was schließlich zu seiner Ermordung 1968 führte.

Ich habe oft über dieses Zitat nachgedacht. Ich bin sogar in den sozialen Medien darauf verwiesen worden. Aber ich habe wenig an Unterstützung für diese Äußerung gesehen. Sind Araber wirklich nach Palästina eingewandert, um von den verbesserten Lebensbedingungen dank der zionistischen Unternehmen zu profitieren? Immigrierten sie überhaupt nach Palästina? Könnte ich irgendwelche Beweise arabischer/muslimischer Zuwanderung ins Heilige Land im 19. und frühen 20. Jahrhundert finden? Ich begann historische Dokumente zu studieren, um zu sehen, ob Juden das einzige Volk waren, das ins Land Israel einwanderte oder schlossen sich Araber an? Als sich die Umstände im Heiligen Land verbesserten, kamen in der Tat Araber/Muslime aus dem gesamten Mittelmeerraum, anderen Teilen der Levante, Ägypten und sogar aus Europa in derselben Zeit wie die Juden. Sie immigrierten, bauten Kolonien und wurden schließlich eine Komponente des Volks, das sich schließlich Palästinenser nannte. Hier sind ein paar dieser Geschichten. Dieser Artikel ist Teil eins dessen, was ich entdeckte.

Eine bosnische Mulim-Kolonie in Caesarea

Murray’s Handbooks for Travellers (Murray Handbücher für Reisende) gehörten zu den ältesten und am meisten respektierten Reiseführern in Europa. Ihre Führer waren gut recherchiert und wenn nötig überarbeitet. Ihr erster Führer zu Syrien und Palästina erschien 1858. In der Ausgabe von 1903 berichten sie, dass sich 1883 eine Kolonie bosnischer Muslime in der antiken Küstenstadt Caesarea niederließ (S. 202). Später erklärt er, dass die bosnischen Kolonisten Bautätigkeiten betrieben (S. 205).

… Eine Kolonie bosnischer Muslime siedelte hier 1888, die  aus ihrem Heimatland flohen, als es von Österreich annektiert wurde; …

Es klingt gewiss nicht so, als hätten sie geplant irgendwohin zu gehen. Sie bauten als Gesellschaft. Eine Frage bleibt aus dem Absatz. Murrays Führer erwähnt, dass die Kolonie von Malaria verheert wurde und dass sie vielleicht untergegangen wäre. Ist sie wegen Malaria ausgestorben?

Wenn Sie je in Europa eine Reise unternommen oder sich eine Reise aus Europa angesehen haben, dann stehen die Chancen gut, dass Sie mit Thomas Cook zu tun hatten. Als eine der bekanntesten Reiseagenturen der Welt, die fast 200 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht, ist Thomas Cook ein Name, dem die Leute vertrauen. Auch sie produzierten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Reiseführer. 1907, vier Jahre nach dem Führer von Murray, veröffentlichten sie Cook’s Tourists‘ Handbook to Palestine and Syria (Cooks Touristenhandbuch für Palästina und Syrien). Im Abschnitt für Caesarea erwähnten sie ebenfalls, dass bosnische Immigranten in Caesarea lebten und „Häuser zwischen Ruinen haben“, den Ruinen der antiken Stadt (S. 169).

… Ein paar bosnische Exilanten haben Häuser inmitten der Ruinen…

Baedeker ist in der ganzen Welt für seine Reiseführer bekannt. Sie sind in der internationalen Reisewelt derart allgegenwärtig, dass der Name Baedeker in Wörterbüchern die Bedeutung „Reiseführer“ erhielt. In der Ausgabe von 1912 des Baedeker-Handbuch für Reisende Palästina und Syrien wird im Abschnitt über Caesarea erwähnt: „Bosnier haben hier seit 1884 gesiedelt und können raue Nachtlager anbieten, sollte Bedarf bestehen.“ (S. 237) Das war neun Jahre, nachdem Murray sie erwähnte, fünf Jahre nach Cook.

Der Exkurs nach Caesarea kann nur bei trockenem Wetter mit einem Wagen gemacht werden. Von der Brücke über den Nahr ez-Zerky (s. oben) erreichen wir die Ruinen in eineinhalb Stunden. Bosnier haben hier seit 1884 gesiedelt und können raue Nachtlager anbieten, sollte Bedarf bestehen.

Sie waren nicht nur immer noch in Caesarea, sondern sie waren die einzige Gruppe, von der erwähnt wird, dass sie in der Stadt Schlafgelegenheiten zur Verfügung stellten. Offensichtlich erlosch die bosnische Kolonie nicht und höchstwahrscheinlich wuchs sie, wurde schließlich in die Gemeinschaft absorbiert, die sich dann später Palästinenser nennen sollte.

Kolonien aus Nordafrika

Die Maghrebiner Jerusalems

In der Ausgabe des Baedeker Handbuchs für Reisende Palästina und Syrien von 1876 heißt es bezüglich der Bevölkerung der Stadt Jerusalem: „Zu den muslimischen Arabern gehört eine Kolonie Afrikaner (Moghrebiner).“ (S. 162) Die Maghrebiner sind Muslime aus Nordafrika, zumeist Marokko, Tunesien und Algerien; sie sind entweder Araber oder Berber. Von den Europäern wurden sie zuvor als Mauren bezeichnet. In der Baedeker-Ausgabe von 1894, achtzehn Jahre später, wird dieselbe Aussage über die Maghrebiner-Kolonie wiederholt und erwähnt, dass von 40.000 Einwohnern Jerusalems 7.560 Muslime sind, darunter diese Gemeinschaft.

Nach Angaben der üblichen Schätzung zählt die Bevölkerung 40.000 Seelen (gemäß Liévin 1887 rund 43.000). Von diesen sind 7.560 Muslime, 28.000 Juden, 2.000 Lateiner, 150 Vereinte Griechen, 50 Vereinte Armenier, 4.000 orthodoxe Griechen, 510 Armenier, 100 Kopten, 75 Äthiopier, 15 Syrer, 300 Protestanten. Zu den Arabern gehört auch eine Kolonie Afrikaner (Moghrebiner). Die unterschiedlichen Nationalitäten sind durch ihre Kleidung unterscheidbar. (vgl. S. lxxxv)

Die Ausgabe von Cook’s Tourists‘ Handbook to Palestine and Syria von 1907 führt die Bevölkerung von Jerusalem mit 50.000 an, darunter 12.000 Muslime und unter diesen „eine Kolonie Afrikaner aus Marokko“ (S. 65).

Die Baedeker-Ausgabe von 1912 erwähnt ebenfalls nordafrikanische Maghrebiner nahe der Westmauer in Jerusalem, nur diesmal sind sie von einer Kolonie zu Einwohnern der Stadt aufgestiegen.


Wenn die Kolonie mindestens 36 Jahre lang existierte und die Mitglieder in die Gesamtbevölkerung absorbiert wurden, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie schließlich Teil des zukünftigen palästinensischen Volks wurden.

Die Algerier Palästinas

Emir Abdelkader war ein erstaunlicher Mann. Er war ein religiöser und militärischer Führer aus Algerien, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rebellion gegen die französische Besatzung Algeriens in Szene setzte. Er scheiterte schließlich und war gezwungen mit seinen Anhängern in die Türkei zu fliehen; schließlich ließ er sich in Damaskus in Syrien nieder, wo er den Rest seiner Tage lebte. In der Ausgabe des Cook’s Tourists‘ Handbook to Palestine and Syria von 1907 wird auf Seite 286 erwähnt, dass ein Teil der Bevölkerung von Safed in Nordgaliläa, einer der vier heiligen Städte des Judentums in Israel, eine große Zahl Muslime waren, darunter Algerier, die Abdelkader nach der fehlgeschlagenen  Rebellion ins Exil folgten. Diese Episode ist aus zwei Gründen interessant. Der erste lautet, dass wir schriftliche Beweise haben, dass es Nordafrikaner gab, die eine Gemeinschaft in Safed hatten. Der zweite lautet: Wenn Abdelkader von Algerien in die Türkei und dann nach Syrien ging, wäre es logisch zu folgern, dass diejenigen, die sich in Safed niederließen, aus Syrien kamen. Wir wissen aus Geschichtsbüchern und anderen Reisejournalen, dass die osmanischen Besatzer des Heiligen Landes die Zahl der Juden einschränkten, die ins Heilige Land immigrieren und dort leben konnten, währen dieselben Einschränkungen auf andere Bevölkerungen nicht angewandt wurden und diesen die Grenzen offen standen. Dieser Eintrag unterstützt diese Behauptung.

… Sie ist einer der Hauptsitze des modernen Judentums und hat eine jüdische Bevölkerung – Aschenasim und Sephardim – von rund 7.000; der Rest der Einwohner – alle zusammen 21.000 – sind hauptsächlich Muslime, darunter Algerier, die Abd el Kader ins Exil folgten und sich dort niederließen. …

Das Handbuch von Cook von 1907 listet zwei weitere algerische Kolonien in Galiläa. Die erste war das Dof Kafr Sabt, das als „algerische Kolonie“ beschrieben wird (S. 274). Kafr Sabt wird im Internet oft als palästinensisches Dorf angeführt, aber 1907 war es eindeutig eine strikt algerische Kolonie.

Der dritte Verweis auf Algerier im Cook-Führer von 1907 ist auf Seite 287 zu finden und erwähnt eine algerische Siedlung nahe des Dorfes Ain ez Zeitun.

… Hier wird der Dragoman den Reisenden auf eine algerische Ansiedlung hinweisen…

Bislang finden sich die einzigen Verweise auf algerische Immigranten in Cooks Reiseführer von 1907. Gibt es irgendwelche weiteren Hinweise? In Baedekers Handbuch für Reisende Palästina und Syrien von 1912 wird auf das Dorf Kafr Sabt als „ein von algerischen Bauern bewohntes“ Dorf verwiesen (S. 251), was den Bericht in Cooks Reiseführer bestätigt.

Das sind mindestens drei separate algerische Kolonien in Galiläa, die aus mindestens zwei unterschiedlichen Bereichen des Nahen Ostens kamen (Nordafrika und Syrien) und im späten 19. Jahrhundert zur gleichen Zeit gegründet wurde, als Juden sich in der Gegend niederließen. Wir können einige Schlüsse ziehen. Der erste lautet, dass die algerischen Gemeinden nicht nach Algerien zurückkehrten. Es gibt keine Berichte, die das nahelegen. Sie wurden unzweifelhaft Bestandteil des palästinensischen Volks. Sie waren keine Gruppe Menschen, die aus dem Heiligen Land stammten und deren Vorfahren dort tausende von Jahren lebten, sondern kürzlich aus Nordafrika Immigrierte. Die zweite lautet: Wenn es stimmt, dass es arabische/muslimische Kolonien gab, die von Algeriern zur gleichen Zeit gegründet wurden, in der Juden Kolonien gründeten, und man die Juden „Kolonisten“ nennt, dann muss man auch die Palästinenser Kolonisten nennen, weil ein Teil des palästinensischen Kollektivs sich aus kürzlich eingetroffenen Immigranten zusammensetzt, die Kolonien und Siedlungen bauten. Wie wir sehen werden, waren das nicht die einzigen arabischen/muslimischen Kolonien.

Gazas ägyptischer Merkmale und die ägyptische Kolonie in Galiläa

2012 erklärte der Hamas-Minister für Inneres und nationale Sicherheit Fathi Hammad bei einer Rede im Gazastreifen auf Video: „Die Hälfte der Palästinenser sind Ägypter und die andere Hälfte Saudis.“ Versuchte er nur Geld von der ägyptischen Regierung zu bekommen, als er das sagte? Oder wanderten tatsächlich einige Palästinenser aus Ägypten ein? Der Gazastreifen liegt an der Grenze zu Ägyptens Sinai-Halbinsel und die Verbindung zwischen Ägypten und Gaza geht tausende Jahre in die Vergangenheit zurück, einschließlich der ägyptisch-mamelukkischen Besetzung Gazas im14. Jahrhundert und die Besatzung des Gazastreifens durch das moderne Ägypten von 1948 bis 1967. Gaza hat als wichtiger Stopp auf der Handelsroute von Syrien nach Ägypten gedient, also würde es Sinn machen, dass im Verlauf der langen Geschichte der beiden sich Ägypter in Gaza niederließen. Aber haben wir einen historischen Beleg, der das stützt?

Die Ausgabe von Baedekers Handbuch für Reisende Palästina und Syrien von 1894 (S. 156) beschreibt Gaza als „halb-ägyptischen Charakter“ habend, dass der Schleier der muslimischen Frauen „dem der Ägypterinnen stark ähnelt“ und dass der auch der Basar „ein ägyptisches Erscheinungsbild hat“.

Die Stadt hat halb ägyptischen Charakter; der Schleier der muslimischen Frauen zum Beispiel erinnert stark an die der Ägpyterinnen… Auch der Basar hat ein ägyptisches Erscheinungsbild. …

Alle drei dieser Beschreibungen deuten auf ein Gebiet, das von Menschen bewohnt wird, die aus Ägypten herüber kamen. Die Baedeker-Ausgabe von 1906 wiederholt die Beschreibung, dass Gaza einen halb ägyptischen Charakter hat.

Im Reisejournal Travels Along the Mediterranean, Band 2 von Robert Richardson, einem schottischen Arzt und Reiseautor, aus dem Jahr 1822 schreibt dieser, dass die südliche Hälfte des Gazastreifens ab der Stadt Deir al-Balah (Dair) einschließlich Khan Junis ( Hanoonis) Tribut nicht an den Pascha von Akko oder Jerusalem entrichtet, sondern an den Pascha von Ägypten (S. 195-196). Es scheint nicht nur so, dass Gaza dem Gefühl nach eine ausgeprägt ägyptische Gegend war, sondern Teil davon könnte tatsächlich Teil des osmanischen Ägypten gewesen sein.

Alles schön und gut, aber es könnte argumentiert werden, dass die Gazaner das Aussehen und die Bräuche der ägyptischen Händler übernommen haben und dass, wohin sie ihren Tribut zahlen, nicht das spiegelt, wer sie waren. Selbst wenn sie Ägypter waren, wer sagt denn, dass sie nicht während der Eroberung durch die Mameluken 500 Jahre zuvor kamen und blieben? Gibt es irgendeinen Beweis, dass Ägypter während der Zeit, als Zionisten das Land kultivierten, als Immigranten kamen? Gibt es sehr wohl und sie siedelten nicht nur im Gazastreifen.

In der Ausgabe von 1903 von Murray’s Handbook for Travellers heißt es, dass Ibrahim Pascha im Jahr 1840 in der uralten Stadt Bethschan, die heute Beisan heißt, eine Kolonie ägyptischer Bauern gründete (S. 213). Es wird sogar erklärt, dass das Dorf fast ausschließlich aus der ägyptischen Kolonie besteht. Interessant an diesem Bericht ist die Verortung von Beisan. Es liegt nicht im Gazastreifen oder auch nur entlang der Küste. Beisan liegt im Jordantal im Norden, nahe der jordanischen Grenze.

… Der Ort ist heute ein verwahrlostes Dorf, bewohnt hauptsächlich von einer Kolonie ägyptischer Fellachen, die 1840 von Ibrahim Pascha hierhergebracht wurden…

Der seltsame Fall des Stammes der Al-Simalni

Die faszinierendste Geschichte der Zuwanderung aus Ägypten könnte die des Beduinenstammes der Al-Simalni in Galiläa sein. 1924 verkündete der Muktar des Stammes, sie seien heimliche Juden und wollten offiziell zum Judentum konvertieren. Die Briten waren skeptisch und entschieden, dass das wahrscheinlich nicht stimmte und höchstwahrscheinlich von wirtschaftlichen Erwägungen motiviert war. Ob sie den Übertritt nun vollzogen oder nicht, ist derzeit nicht bekannt. Was bekannt und in dem Kontext dieses Artikels wichtiger ist, ist der Hintergrund der Al-Simalni.

Am 30. August 1924 brachte die Jewish Telegraphic Agency (JTA) eine Story über den Stamm der Al-Simalni, darin ein Interview mit ihrem Muktar Scheik Mustapha. Gefragt, warum sie zum Judentum konvertieren wollten, erklärte er, dass der Gründer des Stammes, Simlon, jüdischer Herkunft war und vor 80 Jahren aus Ägypten nach Palästina kam. Er heiratete eine Frau aus Transjordanien (heute Jordanien) und hatte sechs Kinder. Der Stamm entstammt dieser Vereinigung. Nicht klar ist, ober er zusammen mit anderen Beduinen oder allein aus Ägypten kam.

… Was die historische Seite angeht, so war es vor achtzig Jahren, sagte er, dass ein Beduine aus Ägypten nach Palästina kam…

Klar ist hingegen, dass es sich um einen Beduinenstamm im Heiligen Land handelte, der nicht seit „den Zeiten Abrahams“ hier war, wie es oft in Büchern und Artikeln über die Geschichte der Region sensationalisiert wird, sondern einer, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Ägypten und Jordanien kam! Es ist immer möglich, dass sie Nachfahren von Juden waren. Das werden wir nie wissen. Was wir aber wissen, ist, dass sie arabische Muslime waren, die aus Ägypten und Jordanien kamen und zu einem Teil dessen wurden, was wir als die Palästinenser kennen.

Beduinen behaupten jüdische Abstammung Stamm arabischer el-Simalni bittet um Rückkehr zu uraltem Glauben des Judentums

Die Geschichte der Al-Simalni erschien auch in der Ausgabe des Lousiville Courier-Journal vom 31. August 1924

Das ist mitnichten eine erschöpfende Liste arabischer/muslimischer Zuwanderung ins Heilige Land während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Es handelt sich nur um ein paar wenige Beispiele von Arabern/Muslimen, die im Heiligen Land zur gleichen Zeit wie die Juden siedelten und die Teil des Volks wurden, das wir heute als Palästinenser kennen. Es handelte sich nicht um Menschen, die vom Anbeginn der Zeit oder seit biblischen Zeiten im Land lebten und sich zum Islam bekehrten, wie so viele behaupten. Es handelte sich um Immigranten, die genau wie die Juden Kolonien gründeten und Gemeinden aufbauten, ob aus wirtschaftlichen Gründen, um von den Fortschritten und Technologien zu profitieren, die die Zionisten mitbrachten oder aus anderen Gründen. Sie wussten vermutlich nichts über diese Welle arabischer/muslimischer Zuwanderung, denn während die jüdische Zuwanderung eingeschränkt wurde, war die arabische/muslimische das nicht, also war es nicht erwähnenswert und wurde selten berichtet. Nicht alles ist in den Nachrichten und sozialen Medien so, wie es scheint. Es ist wichtig tiefer zu suchen.

„Palästina gibt es nicht“

gefunden auf Facebook:

Ahmed Shukeiri, der zukünftige Vorsitzende der PLO, damals Botschafter der Arabischen Liga bei der UNO, 1956 auf einer Konferenz:
„Eine Schöpfung wie Palästina gibt es überhaupt nicht. Das Land ist nichts weiter als der südliche Teil von Großsyrien.“

 

„Palästinensische“ Autonomie im 19. Jahrhundert

Elder of Ziyon, 17. Dezember 2018

Nach Angaben des Buchs „Egypt, Palestine, and Phoenicia: A Visit zu Sacred Lands“ von Félix Bouvet aus dem Jahr 1883 war Palästina das 19. Jahrhundert hindurch nicht wirklich unter der Kontrolle des Osmanischen Reichs, sondern die Städte agierten mit einigen Ausnahmen unabhängig.

Wie handelten dann die palästinensischen Araber, als sie ein ordentliches Maß an Autonomie hatten?

Überhaupt nicht wie ein Volk. Fakt ist, dass sie genau das Gegenteil dessen taten, wie ein Volk handeln würde – sie bekämpften nur einander und identifizierten sich mit ihren Stämmen und Städten, ganz und gar nicht als Palästinenser.

Die türkische Regierung ist in Palästina nicht völlig machtlos, aber sie hat keine Autorität. Ihre Macht erstreckt sich auf die Reichweite eines Pistolenschusses oder die eines Bajonetts. Sie hat nicht die Überlegenheit, die überall sonst und selbst in anderen osmanischen Provinzen zur wirklichen Macht einer Regierung beiträgt und sie sogar in Abwesenheit ihrer Vertreter respektiert oder gefürchtet sein lässt. Dem Pascha wird gehorcht, wenn er präsent ist; um während der Osterfeierlichkeiten anwesend zu sein, schicken sie eine Verstärkung von 800 Soldaten, damit er die Pilger schützen kann und um ihn vor den Anschuldigungen der Konsuln aus Frankreich und Russland zu retten. Während er seine Truppen hält, herrscht in Jerusalem Ordnung und sogar zu einem gewissen Grad in der unmittelbaren Nachbarschaft der Stadt; aber wenn die 800 Soldaten nach Damaskus zurückgekehrt sind, kann der Pascha nicht länger für irgendetwas verantwortlich sein.

Mit einem Wort: Obwohl die Türken, das stimmt, eine der Mächte sind, die in Palästina herrschen, gibt es daneben viele andere. Jeder Stamm behält eine Art Unabhängigkeit und betreibt seine eigenen Angelegenheiten auf eigene Rechnung; es gibt ganze Dörfer, die Steuern zahlen – nicht an den Pascha, sondern an einen Beduinen-Emir; und es gibt viele Bezirke in Palästina, in denen der Repräsentant der Pforte sich selbst hinbegeben könnte, ohne ausgeraubt zu werden wie jeder zufällig Vorbeikommende. Während meines Aufenthalts in Palästina, bekämpften ungeachtet der Anwesenheit türkischer Soldaten arabische Stämme einander in Hebron und so manche nach Jaffa zurückkehrende Pilger-Karawane wurde ein paar Stunden vor Jerusalem ausgeraubt…

Wir mit unseren Bräuchen können uns einen solchen Zustand der Dinge kaum vorstellen. Es scheint uns, als ob eine Gesellschaft in einem Zustand völliger Anarchie nicht existieren könnte und dass die Einwohner Palästinas in kurzer Zeit entweder einander vernichtet hätten oder sich auf andere Weise einem Tyrannen unterworfen hätten, der mächtiger als der Rest ist. Dieser Schluss wäre logisch, wenn wir von einem Land redeten, das so dicht bewohnt ist wie die europäischen Staaten und in dem die Notwendigkeiten der Existenz von weniger einfacherer Natur wären, als sie es im Osten sind. Aber dieser Zustand der Dinge, der sich übrigens leicht von dem unterscheidet, der in fast ganz Europa in Teilen des Mittelalters vorherrschte, ist in Palästina nicht neu. Dieses Land findet sich selbst einmal mehr in so ziemlich dem gleichen Zustand wieder wie in der Zeit Abrahams. Wir sehen dort, in dieser frühen Zeit, keinen sonderlichen Staat, sondern nur Städte, die von einander absolut unabhängig sind, jede mit ihrem König oder Scheik, die Allianzen eingehen oder gegen einander Krieg führen, wie immer die Umstände es im Moment ergeben. Damals wie heute schlugen zwischen den den verschiedenen Stämmen gehörenden Städten andere Nomadenstämme ihre Zelte auf den Ebenen oder den Hängen der Hügel auf, von Nord nach Süd wandernd, mit ihren riesigen Herden und keinem anderen Besitz unter der Sonne als ein paar Brunnen, die von ihren Vätern gegraben wurden und ein paar Höhlen, in denen sie Häuptlinge beerdigen – oft angegriffenen Besitztümern, gelegentlichen Auseinandersetzungen, gegenseitigen Gefälligkeiten und Kriegen … Der Osten wird nie alt; Institutionen und Imperien kommen und fallen auseinander, aber die Verhaltensweisen und Sitten sind unveränderbar. Die Rasse Abrahams besteht aus einer kraftvollen Faser: Israel, das ist bekannt, beugte seinen steifen Nacken nie; das eiserne Zepter Roms brach, ohne es zu bezwingen; zerstreut unter die Nationen, wie ein Ball, in die Ferne getrieben vom Wind, mischte es sich unter sie ohne je seine Unterschiedlichkeit zu verlieren. Was Ismael angeht, so bezweifle ich, dass diejenigne, die sein Rasse beobachtet haben, sie besser definieren könnten, als es bereits im Buch Genesis getan wurde: der ungelehrige und trotzige Charakter, den er selbst bis in unsere Tage beibehalten hat und dem er in der Tat die Beharrlichkeit seiner Nationalität verdankt. „Ismael wird ein wilder Mann sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn.“ (1. Mose 16,12)

Zumindest 1883 gab es eindeutig kein „palästinensisches Volk“. Es handelte sich nur um einen Haufen Städte und Dörfer, die einander bekämpften oder miteinander Bündnisse eingingen, wie es gerade passte, ohne jeglichen Sinn für nationale Einheit oder nationalen Stolz. Und natürlich identifizierte sich niemand von diesen Leuten als „Palästinenser“.