Die Geschichte des Davidsterns

Der sechszackige Stern steht im Buddhismus für Frieden und Harmonie, während Alchemisten glaubten, er symbolisiere die Natur – wie kam der Davidstern im Judentum zu seiner Bedeutung?

Sharon Cohen, the Librarians, 19. Mai 2021

„in diese Symbole geht etwas vom Geheimnis der Menschen ein.“ (Gerschom Scholem)

Der Davidstern entstand lange bevor er vom jüdischen Glauben und der zionistischen Bewegung übernommen wurde; er tauchte vor tausenden von Jahren in den Kulturen des Ostens auf, Kulturen, die ihn bis heute verwenden. In der Vergangenheit war, das wissen wir heute, der Davidstern ein beliebtes Symbol in heidnischen Traditionen wie auch als dekoratives Mittel, das in Kirchen des ersten Jahrhunderts und sogar in der muslimischen Kultur verwendet wurde.

Aber wie ist der Davidstern mit dem Schicksal des jüdischen Volks verbunden?

Im hebräischen Kontext wird der Davidstern eigentlich „Schild Davids“(magen David) genannt, ein Ausdruck, der erstmals im Babylonischen Talmud erwähnt wird, aber nicht als Symbol, sondern als Beiname Gottes [Pesachim 117b]. Eine weitere Verbindung zum Schild-Konzept ist eine jüdische Legende, gemäß der das Emblem den Schild der Armee König Davids zierte; darüber hinaus wählte sogar Rabbi Akiva den Davidstern als Symbol für Bar Kochbas Revolte gegen den römischen Kaiser Hadrian (Bar-Kochbas Name bedeutet „Sohn des Sterns“).

Der Davidstern wurde erst Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem eindeutig jüdischen Symbol, als der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Karl IV. den Juden von Prag das Recht gewährte eine Flagge zu tragen; sie wählten den sechszackigen Stern. Von Prag aus verbreitete sich die Verwendung des Davidsterns als offiziellem Symbol des Judentums und so begann die Bewegung jüdische Quellen zu finden, die das Symbol bis zum Haus Davids zurückverfolgten.

Der Davidstern an der Alten Synagoge in Prag.

Andererseits behauptete der berühmte Kabbalah-Gelehrte Gerschom Scholem, dass der Davidstern keinesfalls aus dem Judentum stammt. Obwohl er festhielt, dass das Symbol auf einem in Sidon gefundenen jüdischen Siegel aus dem 7. Jahrhundert v.Chr. identifiziert wurde, ebenso in Synagogen-Verzierungen aus dem 3. und 4. Jahrhundert, wurde der Stern neben anderen Symbolen gefunden, die als nicht jüdischer Herkunft bekannt sind.

Wo können wir also Darstellungen des Hexagramms (ein sechszackiger Stern) in anderen Kulturen finden?

Das Hexagramm ist tausende Jahre lang auch in Indien in Gebrauch gewesen und es ist auf antiken Tempeln sowie im alltäglichen Gebrauch zu finden; im Buddhismus wird er als Meditationshilfe verwendet, um ein Gefühl des Friedens und der Harmonie zu erreichen und im Hinduismus ist er ein Symbol der Göttin Lakschmi – der Göttin des Glücks und des materiellen Überflusses.

Hexagramme sind in der Alchemie zuhauf vorhanden, in der Theorie und dem Studium von Materialien, aus dem sich die moderne Wissenschaft der Chemie entwickelte; Alchemisten nahmen den sechszackigen Stern für ihre graphische Sprache der Zeichen und Symbole: ein aufrechtes Dreieck symbolisierte Wasser, ein umgekehrtes Dreieck symbolisierte Feuer und zusammen beschrieben sie die Harmonie zwischen gegensätzlichen Elementen. In alchemistischer Literatur repräsentiert das Hexagramm zudem die „vier Elemente“ – die Theorie, dass alle Materie der Welt sich aus den vier Elementen zusammensetzt: Luft, Wasser, Erde und Feuer – praktisch alles, was existiert. Man könnte sagen, dass der Stern das ultimative alchemistische Symbol ist.

Die Alchemie borgte sich aus der klassischen griechischen Tradition die Idee, dass Maskulinität Weisheit bedeutet, während Feminität die Natur symbolisiert; der Mann ist Philosophie und die Frau ist die physische Welt. Die folgende Illustration, die in einem alchemistischen Text des 18. Jahrhunderts erschient, zeigt einen Mann, der eine Laterne hält und einer Frau folgt, die ein Hexagramm hält –  Weisheit ist der Schlüssel, der die Geheimnisse der Daseins offenbart.

„Der Philosoph bei der Untersuchung der Natur“ – eine Illustration, die in einem alchemistischen Text von 1749 erscheint (Sidney Edelstein Collectioni in der Nationalbibliothek Israels)

Im Islam wird das Hexagramm als „Siegel Salomons“ bezeichnet und es schmückt viele Moscheen rund um die Welt. Bis 1945 war das Emblem auch auf der marokkanischen Flagge zu finden. Es wurde zum fünfzackigen Stern (Pentagramm) geändert, als der sechszackige Stern zum Emblem der zionistischen Bewegung wurde. In der islamischen Welt hat die Verwendung dieses Symbols aus demselben Grund nachgelassen. Das Hexagramm ist zudem in mittelalterlichen und frühmodernen Kirchen zu finden – wenn auch nicht als christliches Symbol, sondern als dekoratives Motiv.

Das Hexagramm im Islam

Trotz der Verwendung in anderen Kulturen schmückt der Davidstern die israelische Flagge und wird folglich als unumstrittenes Symbol des Staates Israel betrachtet, ungeachtet seiner Herkunft. Die Kraft eines Symbols liegt immerhin in der Bedeutung, die wir ihm geben.

[Quellen für diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung durch Chaya Meier Herr, Direktorin der Edelstein Collection for History and Science, sowie Dr. Ziv Leschem, Direktor der Gerschom Scholem Collection in der Nationalbibliothek Israels.]