Nie wieder? Wirklich?

Naomi Ragen, 24. Mai 2021

Es passiert nicht jeden Tag, dass eine Frau aufwacht, um festzustellen, dass ihre Kinder und Enkel die Nacht in einem Luftschutzbunker verbracht haben, bombardiert von Raketen, die von einer bösartigen, antisemitischen Terrororganisation geschossen werden, die sich verpflichtet jeden einzelnen Juden auf der Erde zu ermorden; Raketen, die wahllos auf dicht besiedelte Wohngebiete im Herzen des Landes geschossen werden. Ich denke an meine Schwiegereltern, beides Überlebende, eine von Auschwitz, der andere von Sklavenarbeit in Ungarn, dessen Ehefrau und zwei Kinder von den Nazis vergast wurden. Und hier sind wir im Jahr 2021 und ihre kostbaren Nachkommen sind auch wieder Gegenstand intensiver Versuche der Auslöschung, während die sogenannte zivilisierte Welt unisono in Unterstützung der Hamas kreischt – den spirituellen Erben der Nazis.

Bedenkt man die extreme Empfindsamkeit und fast fanatische Beachtung von Menschenrechten, die diese Generation begeistert aufgenommen hat, die vom Gebrauch falscher Pronomen, die Forderung nach „sicheren Orten“, an dem ihre empfindlichen Ohren nicht durch sich von ihren eigenen unterscheidenden Meinungen angegriffen sein könnten, so finde ich das erstaunlich. Doch die Tatsache, dass die Kinder und Enkel der Überlebenden sowie die dahinschwindenden, aber kostbaren und eindeutig lebenden Entkommenen von Hitlers Endlösung auf obszöne Weise der Angst und den Schrecken existenzieller Angriffe auf ihr Existenz unterzogen werden, scheint niemanden zu kümmern, ganz zu schweigen davon sie zu der Art von fieberhaften Aktivitäten zu bewegen, die – sagen wir – ein Transgender-Geschichtenerzähler auslösen würde, dem Zugang zu kleinen Kindern in einer Bibliothek verweigert wird. Fakt ist: Wenn sie beschließen überhaupt involviert zu sein, dann um sich in Solidarität mit Hamasterroristen und ihren Anhängern unterzuhaken, aufgebracht, erklären sie, durch Israels „barbarischen“ Umgang mit den Palästinensern im „besetzten“ Gazastreifen. Oder weil Israelis auf den Tempelberg gingen, Israels heiligsten Ort, für den Bau der Al-Aqsa-Moschee überpflastert. Lassen Sie uns diese Argumentation untersuchen und einige Fakten anbringen.

Gaza, eine uralte Stadt, erobert und zurückerobert, wurde von Juden bereits 96 v.Chr. unter Herodes regiert. Erst sieben Jahrhunderte später, 637 n.Chr., tauchten Muslime auf. In modernen Zeiten gab es sogar eine jüdische Gemeinde in Gaza, bis ihre Mitglieder 1929 vor muslimischen Krawallen flohen. Ägypten herrschte über die Gegend, bis sie den Sechstage-Krieg anfingen. Jüdische Siedlungen im Gusch Katif hatten, ermutigt von der israelischen Regierung, Israels Grenzen zu sichern, Erfolg darin Raketen-Schießer von der Grenze weiter entfernt zu halten. Mit Israels einseitigem Abzug 2005 nach den Oslo-Vereinbarungen, wurde dieser Puffer komplett zerstört, Juden aus ihren Häusern geworfen, ihre Synagogen und jedes einzelne Grab entfernt und ihre lukrativen Gewächshäuser zurückgelassen, alles im Namen des Friedens.

Was folgte, war das komplette Gegenteil. Zuerst gab es die internen Kämpfe zwischen PLO und Hamas, beides Organisationen, die sich dem Terror gegen Israel verschrieben haben, bis die Hamas erfolgreich die Herzen der Gazaner gewann, die sie in die Regierung wählten.

Die Gewächshäuser, den Gazanern von einem großzügigen Amerikaner gespendet, wurden zerstört. Milliarden an Hilfen aus aller Welt wurden zum Bau von Tunneln und der Aufrüstung mit Raketen verwendet. Die Gazaner wurden von gewalttätigen Hamas-Banden in Schweigen und Armut terrorisiert; die einzige Agenda der Hamas besteht darin, sie als Schutz für Offensiven gegen die Zionisten zu benutzen. Bald folgte Chaos, was Israel bewies, dass seine Hoffnungen dumm und naiv gewesen waren.

2007 wurden Langstreckenraketen auf Aschkelon geschossen. 2008 landete eine Grad-Rakete zweihundert Meter vor der Neugeborenen-Station des Barzilai-Krankenhauses. 2009 wurden 571 Raketen geschossen. 2010 waren es 250 Raketen. 2011 680. Ein auf einen Schulbus geschossener Mörser tötete den 16-jährigen Daniel. Im selben Jahr stationierte Israel das Raketenabwehrsystem Eiserne Kuppel und das gerade rechtzeitig, denn 2012 wurden 360 mit weißem Phosphor vergiftete Raketen geschossen. Diese ganze Zeit über war die israelische Marine damit beschäftigt russische und iranische Langstrecken-Raketen abzufangen, die dem Gazastreifen geschenkt wurden. 2014 errichtete die Hamas in Gaza Stadt ein liebevolles Monument für die Rakete M-75 und prahlte: „Mit ihrer Hilfe schafften sie es den Kampf ins Herz des zionistischen Gebildes Israel zu tragen.“ 2014 wurden 3.000 Raketen auf dicht bevölkerte Wohngebiete in Israel geschossen, Raketen, die nicht gezielt werden können. Selbst Human Rights Watch, dieses israelfeindliche Sprachrohr, fühlte sich verpflichtet Protest einzureichen.

Die Hamas sorgt sich nicht um Zivilisten. Tatsächlich stellt sie ihre Raketenabschussrampen zwischen Wohngebäude, in Moscheen, Schulen und Krankenhäuser, Terroristen feuern und rennen dann in der Hoffnung weg, dass die IDF, die humanste Armee der Welt, nicht zurückschlagen wird, weil sie zivile Opfer befürchtet oder – noch besser – dass sie es tut und damit ausgezeichnete Propagandafotos für die von Hass getriebene Agenda der Hamas schafft.

Dieses Szenario ist ohne Unterbrechung weiter gelaufen, hat sich in Brandballons ausgeweitet, die friedlichen israelischen Bauern entlang der Gaza-Grenze Millionen Schekel an Schäden zufügten. Israel hat sich alles in allem entschlossen (meiner Meinung nach eine Katastrophe) das Raketenfeuer der Hamas zu ignorieren, außer im Fall, dass tatsächlich menschliches Leben verloren geht.

Das ist der giftige Terrorsumpf, in den ihr eure empfindlichen Jahrtausender-Zehen getaucht habt, Pronomen-Umarmer. Um Israel für diesen Konflikt verantwortlich zu machen, muss man wahrlich wie die Hamas sein, ein Verehrer und Altardiener von den Nazis inspirierten Hasses gegen das jüdische Volk.

Wie der Gründer der Palästinenser, der Großmufti von Jerusalem Haddsch Amin al-Husseini, müsst ihr wahre Bewunderer von Mein Kampf und Hitler sein, was Husseini war. Während des Zweiten Weltkriegs sagte er: „Deutschland ist das einzige Land der Welt, das die Juden nicht nur Zuhause bekämpft hat, sondern auch dem gesamten Weltjudentum den Krieg erklärt hat; in diesem Krieg gegen das Weltjudentum fühlen sich die Araber Deutschland tief verbunden.“ Husseini besuchte mit  Himmler Auschwitz und bettelte die Deutschen an sich zu beeilen, damit die halbe Million Juden in Israel auf ähnliche Weise abgefertigt werden können. 1944 begann Husseini einen Fallschirmspringer-Angriff, um die Wasserversorgung von Tel Aviv zu vergiften. Als Kriegsverbrecher wurde ihm von der Muslimbruderschaft in Ägypten Unterschlupf gewährt. Er ist der Gründungsvater der palästinensischen Bestrebungen. Zu seinen Anhängern gehört Yassir Arafat – der Mein Kampf ins Arabische übersetzen und en gros an seine Anhänger verteilen ließ; und Mahmud Abbas, der „Moderate“, der eine Doktorarbeit schrieb, in der er den Holocaust zu einem „zionistischen Hirngespinst“ erklärte.

Und doch ist die Hamas noch schlimmer als die PLO. Ihre Gründungscharta verkündet eindeutig ihre Ergebenheit alle Juden zu töten. Ihr Verbündeter, die von Hassan Nasrallah geführte Hisbollah, erklärte 2002, dass es gut sei, wenn die Juden sich in Israel sammeln, denn „das wird uns ersparen sie in der ganzen Welt zu jagen zu müssen.“

Alle da draußen, die über Anne Franks Tagebuch geweint haben, die mit entsetzter Empörung „Der Pianist“ gesehen haben und die Holocaust-Museen und -Mahnmale besucht haben und sich fragten, wie so etwas in der modernen Welt passieren konnte, müssen sich nicht länger wundern. Wenn Sie „Nie wieder“ wirklich ernst nehmen, dann ist jetzt die Zeit etwas deswegen zu unternehmen. Macht euren Mund auf, geht online, macht Gegendemonstrationen, sagt euren Politikern, sie sollen keine Hilfe für Israel zurückhalten, das versucht sich zu verteidigen. Bewaffnet euch und eure Gemeinschaften gegen die neuen Braunhemden, die Juden verprügeln und in euren Städten Synagogen niederbrennen. Betrügt euch nicht selbst, dass ihr damit, euch dem Mob anzuschließen irgendwie von dem ausgenommen werdet, was sie für jeden einzelnen Juden der Welt planen, nicht nur für Israelis. Ihr alle habt jetzt einen Platz in der ersten Reihe für die Neuauflage des Holocaust. Wenn ihr euch entschließt euch zurückzulehnen und zuzusehen, werden wir in Israel, isoliert durch eure Gleichgültigkeit, eure Politik und eure Feigheit, eben ohne euch weiter machen. „Nie wieder“ ist heute. Sagt das nicht, wenn ihr es nicht meint.

Wie man Israel NICHT verteidigt

Elder of Ziyon, 19. März 2021

In einer Reaktion auf die Ereignisse am Middlebury College, über die ich berichtete,[1] schrieb Max Shulman-Litwin, ein Mitglied des Millebury Hillel, ein Op-ed für die College-Zeitung, in dem er erklärte, warum Juden bei den Students for Justice in Palestine unbehaglich ist.

Shulman-Litwin tappt in eine Falle, in die viele Juden geraten, wenn sie über den Nahen Osten reden – seine Argumente sind wischiwaschi und er stimmt zu, dass Israels Kritiker in gewissem Grad recht haben. Dann erwartet er, dass die Leser seinem nuancierten Denkansatz folgen eine gewundene Linie zwischen dem ziehen, von dem sie sagen, dass er es (fälschlich) für wahr hält und wo sie zu weit gehen.

Max’ Einleitung des Artikels zeigt, wie armselig sein gesamtes Op-ed ist:

Die Ortsgruppe Middlebury der Students for Justice in Palestine (SJP) hat eine Internetseite erstellt, die uns hilft das Ausmaß des Leides des palästinensischen Volks in der Gegenwart und in der Vergangenheit zu verstehen. In diesem Op-ed bestreite ich nicht den Verdienst ihrer Argumente für die Rechte des palästinensischen Volks, aber ich lenke die Aufmerksamkeit auf eine schädliche blinde Stelle ihres Aktivismus.

Er verlinkt die SJP-Internetseite, die Israel als Aparteidstaat bezeichnet! Noch bevor er anfängt Israel oder die Juden zu verteidigen, räumt er praktisch das gesamte Argument derer ein, die Israel vernichten wollen!

Max’ gesamter Artikel folgt derselben Apologetik:

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die Regierung des Staates Israel (an dem ich erschreckende Mängel finde) nicht kritisieren … Der Staat Israel sollte eine sichere Zuflucht bieten, in der der Juden frei von ethnischer Säuberung gedeihen können. Ich ringe jedoch damit die Worte zu finden, um meine Klagen wegen der Art und Weise auszudrücken, in der dies ausgeführt wurde; statt ein Land der Emanzipation und Chancengleichheit zu schaffen, bekämpften die, die die Juden beschützen wollten, Feuer mit Feuer, schützten das Wohlergehen der Juden auf Kosten dessen der palästinensischen Araber, die davor in der Region gelebt hatten. Die Rechte dieser nicht geflohenen palästinensischen Araber wurden auf viele Arten beeinträchtigt und diese Menschen haben Jahrzehnte lang unter unterschiedlichen israelischen Regierungen unsägliche Ungleichheit und Misshandlungen erlitten.

Palästinensischer Terrorismus, Verweigerung, Antisemitismus – sie sollen in einem Artikel nicht erwähnt werden, der den jüdischen Standpunkt des Konflikts zeigt. Nur angebliche jüdische Verbrechen.

Meine Güte, danke für deine Objektivität.

Und selbst diese Kritik an SJP wird von der Idee verringert, dass sie bestimmt nicht wirklich die Absicht hatten antisemitisch zu sein, wenn sie Israel judenrein haben wollen:

SJP behauptet, dass der Zionismus nichts weiter ist als eine kolonialistische Ideologie; dabei gehen sie so weit den Vorschlag zu erwägen, dass jüdische Staatsbürger in die Länder Osteuropas zurückkehren, deren Völker ihre jüdischen Bevölkerungen so grauenhaft abschlachteten. Ein Ergebnis dieser Selbstgefälligkeit und fehlenden Überlegung der Folgen ihrer eigenen Forderungen, selbst wenn das nicht ihre Absicht ist, reiht sich SJP schädlich bei denen ein, die hoffen weitere Unterdrückung von Juden zu verursachen.

Seine Verwässerung des SJP-Wunschs Israel zu vernichten ist unglaublich:

Wenn palästinensische Araber das das Land Israel/Palästina vor 1948 bewohnten und alle palästinensischen Araber und ihre Nachkommen in ihre ursprünglichen Heime zurückkehren sollen, wohin sollen die Juden gehen, da der Kreislauf judenfeindlicher Gewalt und Antisemitismus fortbesteht? … SJP versucht gar nicht erst diese Frage anzusprechen; ihre Absicht mag rechtschaffen und anständig sein, aber das Ergebnis der von ihnen propagierten Politik ist tolerant (oder darf ich es wagen zu sagen: ermutigend) gegenüber dem Hass, der das jüdische Volk allgemein heimgesucht hat.

Nein, Max, sie haben keine gerechten und anständigen Absichten. Der gesamte Sinn der „Rückkehr“ besteht nicht darin für Palästinenserrechte einzutreten, sondern Israel zu vernichten. Lesen Sie dises Buch oder sehen Sie sich dieses Interview an, bevor sie beschließen eine Hassgruppe wie SJP zu verteidigen.

Viele der besten Verteidiger Israels – wie Einat Wilf oder die verstorbene Petra Marquardt-Bigman – sind entschieden linksliberal. Viele von ihnen sind gegen Siedlungen. Aber sie wissen, dass diejenigen, die Israel attackieren, ihren Argumenten keine Vorbehalte und Ausreden und Unbehagen hinzufügen – sie greifen volle Pulle an. Wenn Juden und Zionisten nicht entsprechend reagieren, werden die Schaulustigen – in diesem Fall auf dem Campus von Middlesbury – natürlich zu dem Schluss kommen, dass die Antisemiten recht haben, weil die „proisraelische“ Seite der Hälfte ihrer Prämissen zustimmt.

Dieser Artikel schadet mehr, als er nutzt.

Der Campus von Middlebury sollte jemanden finden, der die Dinge wirklich begreift, um eine Antwort zu schreiben, dass SJP eine Hassgruppe ist und dass Israel ein moderner, liberaler, erstaunlicher jüdischer Staat ist, der bereitwillig Frieden anstrebt.

Israel ist nicht nur ein „Schutzort“ für Juden. Es ist die ewige jüdische Heimat. Und wenn Sie das nicht begreifen, dann spielen Sie nicht als Sprecher auf, der Israel und die Juden verteidigen kann.

[1] Drei Studentengruppen und ein Dozent missbrauchten ein Online-Netzwerk der Universität für die Weitergabe von Informationen, die dort nicht hingehörten; eine war die eines jüdischen Studenten auf die Verleumdung Israels; bestraft wurde einzig der Jude.

Die treibende Kraft hinter dem Verbot des koscheren Schlachtens

Dieses unterdrückerische Manöver soll von Sorge um das Wohlergehen der Tiere motiviert sein, es entlarvt aber nur das die fehlende Konsequenz und Logik des Gerichts. Op-ed.

Melanie Phillips, Israel National News, 28. Dezember 2020

Koschere Schechita (die jüdische Gemeinschaft Dubai)

Die Europäische Gemeinschaft posiert gerne als Inkarnation der Toleranz, Freiheit und aller zivilisierten Werte. Jetzt hat sie ihre Tarnung heruntergerissen, um etwas Hässlicheres zu enthüllen.

Ihre höchste juristische Instanz, der Europäische Gerichtshof, hat ein Urteil ausgegeben, das das Verbot von rituellem koscherem und Halal-Schlachten in zwei Regionen Belgiens bestätigt. Das Urteil unterstützt die Forderung, dass Tiere, die geschlachtet werden, zuerst betäubt werden müssen, was sowohl im Judentum als auch im Islam verboten ist.

Gegenwärtig verbieten europäische Vorschriften Tiere ohne vorherige Betäubung zu schlachten, obwohl für religiöse Schlachtungen Ausnahmen hierzu erlaubt worden sind.

Einige europäische Länder haben allerdings solche Ausnahmen verboten und damit die Praxis koscherern und Halal-Schlachtens untersagt. Zu diesen Ländern gehören Schweden, Norwegen, Island, Dänemark und Slowenien.

Die beiden Regionen in Belgien – Flandern und Wallonien – verhängten 2017 ein ähnliches Verbot. Belgische Juden und Muslime klagten dagegen und das Urteil des europäischen Gerichts hat jetzt eine widerwärtige Reaktion geliefert.

Schlimm genug, dass einzelne Länder diesen Weg eingeschlagen haben. Ein solches Urteil des höchsten Gerichts der EU ist jedoch weit schlimmer. Es könnte nicht nur weitere Länder veranlassen gleichzuziehen, sondern es sendet auch ein verheerendes kulturelles Signal.

Das bedeutet, dass das Kernprinzip westlicher Moderne, mit dem Minderheitsgruppen ihre religiösen Vorschriften privat frei ausüben können, wo sie für die Mehrheit keine Bedrohung darstellen, in Europa jetzt verworfen worden ist.

Diese Gefahr wurde selbst von Generalanwalt Gerard Hogan erkannt, der seine Meinung zu diesem Fall gab. Im September riet Hogan, dass EU-Mitgliedstaaten „verpflichtet sind die tief verwurzelten Überzeugungen des muslimischen und des jüdischen Glaubens zu respektieren, indem das rituelle Schlachten von Tieren erlaubt wird“, und dass die Forderung des Betäubens im Schlachtvorgang „das Wesen der religiösen Garantien gefährden, die die EU bietet.

Aber das Gericht hat die Warnung des Generalanwalts beiseite gewischt und stattdessen behauptet, es habe „einen fairen Ausgleich“ zwischen Tierwohl und Religionsfreiheit gefunden.

Das Urteil tut nichts dergleichen. Es ist autoritär und repressiv; es stützt weder Tierwohl noch freie Religionsausübung; und seine Argumente sind nicht nur trügerisch, sondern versagen sogar nach der eigenen, internen Logik.

Zuerst erkennt es an, dass Betäubung vor dem Schlachten „eine Beschränkung“ der Rechte von Juden und Muslimen mit sich bringt, ihre Religion frei zu leben.

Dann sagt es aber, dass das Gesetz die Beeinträchtigung dieser Freiheit gestattet. Wie? Über etwas sprachliches Geschwafel, das das religiöse Gebot selbst falsch darstellt.

Damit erklärt es, dass Betäubung „auf einen Aspekt des spezifischen Rituals des Schlachtens begrenzt ist und dass der Akt des Schlachtens an sich hingegen nicht verboten ist“.

Das bringt die Spitzfindigkeit in der Tat auf ein hohes Niveau. Judentum wie Islam fordern, dass die Tiere „zum Zeitpunkt des Schlachtens intakt und gesund“ sein müssen, damit das Fleisch koscher bzw. halal ist.

Ein Tier zu betäuben, indem man ihm einen Bolzen in seinen Kopf schießt oder durch einen Elektroschock, schadet seinem Gehirn. Das Tier könnte damit geschädigt werden, wodurch es verboten ist es zu essen. Das Verbot der Betäubung ist daher ein entscheidendes Element in den religiösen Ritualen des koscheren und Halal-Schlachtens.

Die Art, wie das Gericht behauptet die freie Religionsausübung zu respektieren, besteht also darin, dass es auf sich nimmt diese Praxis auf eine Art umzudefinieren, die diese Religionen ablehnen. Es versucht ein religiöses Kern-Gebot zu verbieten, indem es von Juden und Muslimen verlangt stattdessen eine Praxis zu übernehmen, die ihnen gemäß des religiösen Gesetzes verboten ist. Dann versucht es diesen intoleranten Zug reinzuwaschen, indem es behauptet, das sei Juden und Muslimen nicht verboten, weil das Gericht das Gesetz umdefiniert hat.

Dieses Unterdrücker-Manöver ist angeblich von Sorge um das Tierwohl motiviert. Doch das Gericht entwirrt auch das, durch seine fehlende Beständigkeit und Logik.

Warum bestand es nicht auf gleichwertigem vorherigem Betäuben von Tieren, die gejagt, gefangen oder als Sport oder aus anderen angeblichem Nutzen der Gemeinschaft geschossen werden?

Die Antwort des Gerichts darauf war lächerlich. Bei diesen Aktivitäten, sagte es, „wäre das Einhalten von Tierwohl-Anforderungen eine nachteilige Beeinflussung des Wesens des betreffenden Ereignisses“.

Die Tatsache, dass die Forderung Tiere vor der Schlachtung zu betäuben für Juden und Muslime „nachteilige Beeinflussung des Wesens des betreffenden Ereignisses“ wäre, spielt offensichtlich keine Rolle – denn das Gericht hat auf orwellsche Weise das Wesen des Ereignisses umdefiniert.

Jagen, Fischen oder andere kulturelle und sportliche Veranstaltungen, die das Töten von Tieren beinhalten, „haben höchstens eine marginale Fleischproduktion zum Ergebnis, die wirtschaftlich nicht von Bedeutung ist“, sagte das Gericht. „Folglich können solche Veranstaltungen vernünftigerweise nicht als Aktivität der Lebensmittelproduktion angesehen werden, was rechtfertigt, dass sie anders behandelt werden als das Schlachten.“

Warum? Welchen Unterschied macht eine „marginale Produktion“, wenn das Hauptanliegen das Wohl des Tieres ist? Ganz offensichtlich überhaupt keinen.

„Diese Aktivitäten“, hieß es in dem Urteil, „finden in einem Kontext statt, in dem die Bedingungen für das Töten sich sehr von denen für Nutztiere unterscheiden.“

Richtig, aber nicht auf die Weise, wie das Gericht es meinte. Der Hirsch, der durch eine Schusswunde Schmerz erleidet, der Nerz, der an seinen Verletzungen in einer Falle stirbt oder der Fuchs, der von einem Rudel Hunde in Stücke gerissen wird, finden alle einen weit grausameren Tod als es das gemäß den Riten des Kaschrut- und des Halal-Schlachtens der Fall ist.

Es ist für diese Riten grundlegend, dass das Tier möglichst human getötet wird. Im Ergebnis wird ihm mit einem scharfen Messer die Kehle durchgeschnitten, was praktisch sofortige Bewusstlosigkeit und den Tod zur Folge hat.

Die Idee, dass Betäubung human ist, ist lächerlich. Oft ist es ineffektiv, weil es das Tier diesem Angriff mehr als einmal unterwirft, bevor es schließlich das Bewusstsein verliert. Und selbst vor der Betäubung sind Fleisch verarbeitende Betriebe in Europa oft unmenschliche Orte, in denen Nutztiere fabrikartig bewirtschaftet, mit Chemikalien vollgepumpt und industriell getötet werden.

Wenn also die Forderung nach Betäubung wenig mit Tiefwohl zu tun hat, was ist die wirkliche treibende Kraft dahinter?

Dieser Streit um das rituelle Schlachten ist in Europa seit vielen Jahren im Gang. Im Grunde spiegelt es die Priorität über den Menschen, die Tieren heute mit entsprechendem Anstieg an Ignoranz, Sentimentalität und Heuchelei gegenüber ihrem Wohlergehen eingeräumt wird.

Diese moralische Verwirrung ist eines der Ergebnisse des vorherrschenden Dogmas des Universalismus, der dafür gesorgt hat, dass ein Großteil Europas zunehmend die Gebote der hebräischen Bibel ablehnt. Das wiederum ist für die Säkularisierung und die Religionsfeindschaft verantwortlich, auf die die EU sich stützt.

Die EU ist stolz auf die Aufklärungs-Kernwerte des Liberalismus und der Toleranz. Diese Werte kamen allerdings von britischen Denkern, deren Werte durch die Bibel formuliert waren.

In Kontinentaleuropa wurde das Denken der Aufklärung hingegen angetrieben von einem bösartigen Hass auf Religion und der Überzeugung, dass Vernunft nur vorangebracht werden kann, wenn die Religion unterdrückt wird.

Es ist dieser europäische Strang des universalistischen Denkens der Aufklärung, das die Werte der Europäischen Union formt. Es hat der vorherrschenden Ideologie des moralischen und kulturellen Relativismus des Westens zum Aufstieg verholfen, der den Aufstieg des Neuheidentums und die Verehrung der Tiere und der Natur auf Kosten der Menschheit angetrieben hat. Und die hat jetzt die jüdischen und muslimischen religiösen Bräuche direkt ins Visier genommen.

Anfang 2020 schlossen sich die Europäer anderen Staaten der Welt an den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu begehen und „nie wieder“ zu geloben.

Am Ende dieses furchtbaren Jahres haben die Hüter des europäischen jüdischen Friedhofs stattdessen nur allzu düster demonstriert, was dies ihrer Meinung nach für die Werte Freiheit und Toleranz bedeutet, für deren Verteidigung so viele ihr Leben gegeben haben.

Der ignorante Antisemitismus der obersten Richter Europas

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Dass der Europäische Gerichtshofs in Luxemburg es auf die Liste der Top Ten der schlimmsten antisemitischen Vorfälle 2020 des Simon Wiesenthal Center (SWC) geschafft hat, ist eine höchst negative Leistung. Das ist umso bemerkenswerter, als sich die Auflistung des Gerichts auf ein fehlerhaftes Urteil stützte, das eine bedeutende Lüge beinhaltet.

Das höchste Gericht der EU entschied, dass ein Beschluss der flämischen Regierung, das rituelle Schlachten von Tieren nur nach einer Betäubung zu erlauben, einen „fairen Ausgleich zwischen dem Wohlergehen der Tiere und der freien Religionsausübung“ ermögliche.[1] Warum ist das eine Lüge? Weil für religiöse Vorschriften einhaltende Juden – wie auch für viele Muslime[2] – das Fleisch von vor der Schlachtung betäubten Tieren zu essen verboten ist. Daher kann es keinen „fairen Ausgleich“ zwischen Tierwohl und dem Verbot des Gebots einer Religion geben, wie das Gericht fälschlich behauptet.[3]

Das Urteil des Gerichts widersprach damit auch einer Empfehlung seines Generalanwalts, der das flämische Gesetz annullieren wollte. Er sagte, strengere Tierwohl-Gesetze könnten zugelassen werden, wenn der „Kern“ des religiösen Brauchs nicht beeinträchtigt wird. Das Urteil des Gerichts tastete allerdings diesen „Kern des religiösen Brauchs“ an.

Es gibt viele Aspekte im Hintergrund, wenn man diese juristische Entscheidung betrachtet. Nachdem Hitler 1933 an die Macht kam, führte die Nazi-Regierung in Deutschland ähnliche Maßnahmen ein. Das passte in ihre antisemitische Politik. Obwohl sie für ihre Entscheidung einen anderen Grund angaben, stellten sich die Richter des Europäischen Gerichtshof hinter Hitlers Ansatz.[4] Das SWC erwähnt in seinem Dokument ausdrücklich die Verbindung zwischen den Entscheidungen des Gerichts und Hitlers. Die Europa-Richter haben den antisemitischen Charakter und die Geschichte ihrer aktuellen Entscheidung möglicherweise nicht erkannt. Antisemitismus aus Unwissen ist nur einer der vielen Stränge des Hasses.

Die Richter in Luxemburg sind in ein antisemitisches Thema mit langer Geschichte gewatet. Das am wenigsten Negative, das angenommen werden kann, ist, dass sie zu diesem Thema keinerlei Grundkenntnisse über die Vergangenheit hatten, ansonsten wäre es ein noch schlimmeres Fehlurteil, als es das ohnehin schon ist.

In der Vergangenheit erfolgte ein Großteil der Gesetzgebung gegen rituelles Schlachten in Europa auf selbstherrlich-antisemitischer Grundlage. In der Schweiz wurde das rituelle Schlachten ohne Betäubung 1893 über einen Verfassungszusatz verboten.[5] Damit sollte den Juden signalisiert werden, dass sie im Land nicht sonderlich willkommen waren.[6] Außer während des Zweiten Weltkriegs, als es in der Schweiz zahlreiche jüdische Flüchtlinge gab, war die jüdische Gemeinschaft immer klein geblieben. Nach dem Krieg unternahm die schweizerische Regierung beträchtliche Anstrengungen die jüdischen Flüchtlinge dazu zu bringen das Land zu verlassen.[7]

Norwegen, ein Land mit kleiner Bevölkerung und einer langen antisemitischen Tradition, verabschiedete 1929 ein Gesetz, das das Töten von Tieren ohne Betäubung verbot, also noch bevor Deutschland das unter der Naziherrschaft machte. Es ist bis heute in gültig. Demgegenüber haben Norweger seitdem weiter Wale auf eine grausame Weise getötet, bei der das Tier auf viele Weisen leidet.[8]

Neben Deutschland war auch in den während des Zweiten Weltkriegs deutsch besetzten Ländern wie den Niederlanden jüdisches Schlachten ohne Betäubung verboten. Das wurde nach Deutschlands Niederlage zurückgenommen. Seit einigen Jahren ist im niederländischen Parlament eine kleine Partei vertreten, die Partei für Tiere. Tierrechte und -Wohlergehen sind zentraler Teil ihres Programms. Sie brachte 2011 ein Gesetz ins niederländische Abgeordnetenhaus ein, das religiöse Schlachten ohne Betäubung zu verbieten.

Dieses Gesetz war nicht hauptsächlich durch Antisemitismus motiviert – allerdings weiß man das in Europa nie – sondern durch die selektiven emotionalen Elemente eines zum Teil irrationalen Umfelds. Es gab dafür viel Unterstützung aus der Bevölkerung, was andeutet, dass viele Niederländer sich einfacher in das eingebildete Gemüt einer Kuh versetzen können als in das eines religiösen Juden. Das Gesetz wurde der Zweiten Kammer des Parlaments, verabschiedet, schaffte es aber in der ersten Kammer nicht.

Zu den Parteien, die das Gesetz unterstützten, gehörte die populistische, islamfeindliche Partei PVV. Diese war von den Problemen motiviert, die damit Teilen der religiösen Muslime bereitet würden. Dennoch sagte einer ihrer Abgeordneten, Dion Graus, in der zweiten Kammer, er könne jeden widerlegen, der behauptet seine Partei sei nur gegen Muslime: „Wir sorgen uns um die Tiere. Wir sind auch gegen jüdisches rituelles Schlachten.“[9]

Halal-Schlachten durch Muslime macht nicht mehr als 1 bis 2 Prozent der massiven Gesamt-Tierschlachtung in den Niederlanden aus. Ein Teil der Muslime isst kein Halal-Fleisch, wenn das Tier vor der Schlachtung betäubt wurde. Die Gesamtzahl der gemäß jüdischen Ritualen in den Niederlanden geschlachteten Kühe beläuft sich auf etwa 3.000, eine für die Gesamtbranche marginale Anzahl.

In der allgemeinen Schlachtindustrie in den Niederlanden gibt es enorme Verstöße gegen das Tierwohl. Viele Fälle fallen auch beim Transport der Tiere zum Schlachthof an. Es ist jedoch eine recht bekannte politische Taktik, seine Attacken gegen die Bräuche relativ kleiner Minderheiten zu richten.

Derweil erhalten gewaltige Skandale in Sachen Tierwohl in Europa nicht gerade massive internationale Öffentlichkeit. 2014 trat in Dänemark ein Verbot rituellen Schlachtens ohne Betäubung in Kraft.[10][11] Im November 2020 waren Tiere in einen dänischen Nerz-Framen mit dem Covid-Virus infiziert.[12] Daraufhin wurden auf Anweisung der Regierung mehr als zehn Millionen Nerze gekeult.

Die dänische Regierung gab hinterher zu, dass ihr der rechtliche Rahmen für eine landesweite Verfügung fehlte und sie nur die Zuständigkeit hatte infizierte Nerze oder Herden innerhalb eines Sicherheitsradius zu keulen. „Das ist ein Fehler. Es ist ein bedauerlicher Fehler“, sagte die sozialdemokratische Premierministerin Mette Frederiksen im Parlament. „Selbst wenn wir in Eile sind, hätte uns völlig klar sein müssen, dass neue Gesetze erforderlich sind und das war uns nicht klar. Ich entschuldige mich dafür.“

Auch die Beerdigung der Nerze führte zu einem riesigen Umweltskandal. In eine paar Monaten – wenn es kein Covid-Risiko mehr gibt – wird man vier Millionen Nerz-Leichen wieder ausgraben und neu beerdigen müssen.[13] Ein Teil der Tiere in einem Massengrab auf einem Militärgelände im Westen des Landes sind wegen durch ihre Verwesung produzierten Stickstoff- und Phosphorgasen wieder an die Oberfläche gekommen. Zwei Grabstätten sind höchst umstritten, weil eine sich in der Nähe eines Badesees befindet, die andere nicht weit entfernt von einer Trinkwasser-Quelle. Anwohner haben sich über die potenzielle Kontaminationsgefahr beschwert.

Jüdische Organisationen könnten gegen das Urteil des Europäischen Gerichtshofs beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Berufung einlegen. Wie dem auch sei: Dieser Akt des Gerichts dürfte weitere Länder anspornen ähnliche antisemitische Gesetze zu beschließen. Der Französisch sprechende Teil Belgiens, die Wallonie, hat das 2017 bereits getan.[14]

Es gibt bei diesem Thema einen weiteren wichtigen Aspekt. Die Europäische Union hat angekündigt, dass sie in ihrem Arbeitsprogramm 2021 der Bekämpfung des Antisemitismus viel Zeit widmen wird. Als Einleitung dazu hat der Europäische Gerichtshof es geschafft ein antisemitisches Urteil zu fällen, das gut in die mehr als tausend Jahre alte europäische Tradition des Judenhasses passt. Die EU wird eine überzeugende Antwort darauf finden müssen, wenn sie irgendeine Glaubwürdigkeit in ihrem Kampf gegen den Antisemitismus haben will.

[1] www.bbc.com/news/world-europe-55344971

[2] ebenda

[3] ebenda

[4] http://www.loc.gov/law/help/religious-slaughter/europe.php

[5] http://www.swissjews.ch/en/religion/kosher-meat/the-ban-on-shechita-in-switzerland/

[6] https://jcpa.org/article/muslims-and-jews-in-switzerland/

[7] jcpa.org/phas/phas-erlanger-s06.htm

[8] www.jpost.com/Opinion/Op-Ed-Contributors/Norway-a-paradigm-for-anti-Semitism

[9] Parlamentarische Debatte, Tweede Kamer, 17. Februar 2011 [Niederländisch].

[10] http://www.foodnavigator.com/Article/2014/02/20/Denmark-bans-halal-and-kosher-slaughter

[11] http://www.theguardian.com/commentisfree/andrewbrown/2014/feb/20/denmark-halal-kosha-slaughter-hypocrisy-animal-welfare

[12] http://www.bbc.com/news/world-europe-54890229

[13] http://www.bbc.com/news/world-europe-55391272

[14] http://www.neweurope.eu/article/as-ramadan-starts-wallonia-bans-ritual-slaughter/

„Man wusste nie, wann es ein Pogrom geben würde“

Warum mein Großvater Europa verließ

Sharon Taylor, the Librarians, July 15, 2020

Opfer des Pogroms von Khorkov 1919. Aus der  Pritzker Family national Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Als ich sechs Jahre alt war, hörte ich fasziniert, wie mein ältester Bruder meinen Großvater mütterlicherseits, Isidore Weisner, ausfragte. Als Jüngste in der Familie saß ich mit überschlagenen Beinen nahe des Küchentischs, dem einzigen Platz in unserer engen Küche, der frei war.

„Opa, warum hast du Europa verlassen?“, fragte mein Bruder.

„Die Pogrome; die Pogrome waren furchtbar und man wusste nie, wann es ein Pogrom geben würde. So wollte ich nicht leben, also ging ich fort.“

Opa starb, als ich elf war und in dem halben Jahrhundert seitdem haben die Fragen, die ich ihm gerne gestellt hätte, exponentiell zugenommen. Mit dem Studium des Lebens in Galizien, insbesondere junger Männer an der Wende zum 20. Jahrhundert, habe ich angefangen die Gründe besser zu verstehen, warum mein Großvater, wie so viele andere, seine Familie und das Land seiner Geburt verließ.

Mein Großvater wurde 1889 als Sohn von Abraham Wiesner und Rose Fleisig geboren. Er lebte in Kulikow (heute Kuljkiw in der Ukraine), nördlich von Lemberg, der Provinzhauptstadt von Galizien. Abraham arbeitete als Getreidehändler, ein Beruf, den viele galizische Juden ausübten. Damals waren rund 35% der Einwohner Kulikows Juden. Mein Großvater war der Jüngste in einer großen Familie. Bis auf einen Neffen kamen alle seine Geschwister mit ihren Ehepartnern und Kindern im Holocaust um.

Isidore Weisners Mutter Rose in Kulikow 1926. Auf der Rückeite steht auf Deutsch: „Zur Erinnerung von deiner Mutter.“ (Zur Verfügung gestellt von Sharon Taylor)

Aber im Dezember 1908, lange vor der Katastrophe, verließ mein Großvater seine Heimat und ging auf die lange Reise nach Rotterdam, wo er ein Schiff nach Ellis Island bestieg. Auf dem Schiff, als sein Geld dahinschwand, freundete er sich mit einer gut situierten Familie an, die ihn dafür bezahlte nach ihren kleinen Kindern zu sehen. Er verbrachte die zwölftägige Überfahrt damit den Kinder Schach spielen beizubringen, eine Fähigkeit, die in meiner Familie seit Generationen weitergegeben worden ist. Er kann am 5.Januar 1909 in New York an, wo Einwanderungsbeamte seinen Namen als Asryel Wiesner eintrugen. Irgendwann nach seiner Ankunft wollte er amerikanischer klingen und änderte seinen Vornamen in Isidore und ließ seinen Nachnamen Weisner buchstabieren.

Während die meisten Juden Galizien Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts verließen, um bessere wirtschaftliche Chancen zu suchen, war die Auswanderung meines Großvaters durch judenfeindliche Gewalt motiviert. In seiner Kindheit war der Antisemitismus im gesamten Kronland im Steigen begriffen. Im Frühling 1898, als mein Großvater neun war, berichtete der Standard of London von „Brotaufständen“ in Lemberg, die rasch niedergeschlagen wurden. Obwohl dort Hunger das Motiv war, verbreiteten die Unruhen sich westwärts und richteten sich gegen Juden. Nur 130km weiter in Przemysl drangen Aufrührer in den jüdischen Teil der Stadt ein, plünderten jüdische Häuser und Geschäfte. Trotz Eingreifens des österreichischen Militärs wurden die Angriffe in Przemysl so gewalttätig, dass der Londoner Observer berichtete, „die gesamte jüdische Bevölkerung ist geflohen“.

Juden und  Uniformierte Beamte in Przemysl, ca. 1900. Au sdem Folklore Research Cnter, Hebräische Universität Jerusalem; Teil der digitalen Sammlung der Nationalbibliothek Israels.

Den ganzen Frühling und Sommer des Jahres hindurch gingen die judenfeindlichen Krawalle weiter, zumeist in Westgalizien. Jüdische Häuser wurden geplündert und dann in Brand gesetzt. Christen stellten Kruzifixe, Kerzen und Heiligenstatuetten in ihre Fenster, um so ihre Häuser zu retten. Das Militär wurde gerufen, um die Gewalt zu kontrollieren, aber die Ausschreitungen ließen erst Ende Juni nach, als in mehreren betroffenen Bezirken das Pendant zum Kriegsrecht ausgerufen wurde.

Anders als die Pogrome von 1898 waren die meisten galizischen Pogrome lokale Ereignisse, über die die in englischsprachigen Zeitungen nie berichtet wurde. In seinem Buch Shtetl Memoirs gibt der Autor Joachim Schönfeld mehrere Berichte wieder, dass lokalisierte Gewalt eine tägliche Bedrohung jüdischen Lebens in Galizien um die Jahrhundertwende war. In seiner Heimatstadt Sniaty (heute Snyatyn in der Ukraine) trauten sich jüdische Jungen selten aus den jüdischen Teilen der Stadt hinaus und jüdische Frachtkutscher bildeten für den Warentransport Gruppen, um nicht zum Ziel von Gewalt zu werden.

Opfer des Pogroms von Bialystok, 1905. Aus der Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Ein ungünstiger Handel auf dem Marktplatz oder bei einer Hochzeit zu viel getrunken zu haben konnte sich in ein Pogrom wenden, bei dem Bauern durch die jüdischen Straßen der Stadt marschierten und „Tötet die Juden!“ brüllten. Juden wurden verprügelt, Fenster wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert. Oft war alles vorbei, bevor die Behörden eintreffen konnten. Nach Angaben von Schönfeld verbrachten die Juden von Sniatyn die folgenden Tage damit die Fenster zu ersetzen und die Schrammen und gebrochenen Knochen zu versorgen, aber es dauerte nicht lange, bis dieselben Bauern wieder auf dem Markt waren und mit jüdischen Händlern Geschäfte machten, als sei nichts geschehen.

Eine Frau verschafft sich einen Überblick über ihr zerstörtes und geplülndertes Haus nach dem Pogrom von Kischinew 1903. Während des Pogroms von Kischinew weltweit einen Aufschrei auslöste, waren Pogrome in ganz Osteuropa eine alltägliche Erscheinung, die oft wenige Aufmerksamkeit außerhalb der unmittelbar betroffenen Gemeinde erlagte. Aus der Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Wahrscheinlich trat diese Gewalt in Kulikow auf, insbesondere um die Zeit der umstrittenen Wahl von 1907, in der die Nationaldemokratische Partei mit ihrer antisemitischen Rhetorik eine Reihe von Sitzen Reichsrat des kaiserlichen Wien gewann.

Mein Großvater begann seine Reise nach Amerika im Jahr darauf. Ich werde nie die Einzelheiten des Progroms erfahren, das ihn veranlasste Galizien zu verlassen, aber wenn ich zu diesem Gespräch vor langer Zeit zurückgehen könnte, würde das eine der ersten Fragen sein, die ich ihm stellen würde.

Zwei-Pistolen-Cohen: Aus einem geschickten Drückeberger wurde eine chinesische Legende und Held Israels

„Er war wie eine Figur aus einem Buch. Er war wie etwas, das jemand schrieb.“

Daniel S. Levy, the Librarians, 20. Dezember 2020

Morris „Zwei Pistolen“ Cohen – auf Chinesisch bekannt als „Ma Kun“ – umgeben von Soldaten, Juli 1926. Originalbild aus der Sammlung von Josef L. Rich OBE

„Es stellte sich heraus, dass General Zwei-Pistolen-Cohen keine Scherze machte, als er sagte, er habe bei den Chinesen Einfluss“, erinnerte sich Saul Hayes, Vorsitzende des Canadian Jewish Congress. Er kannte nicht nur die chinesischen Mitglieder, sondern „er besorgte uns die verdammtesten Dokumente. Ich habe nie gefragt wie oder warum.“

Als Hayes eines Tages mit Cohen die Straße entlang ging, trafen sie auf Wellington Koo, den chinesischen Botschafter in den USA, Vizepremier H. H. Kung und Premierminister T.V. Soong.

„Und bei Gott, das erste, was ich sah, war, dass sie den Mann umarmten.“

Es war April 1945, unmittelbar vor der Kapitulation Nazideutschlands und das tausendjährige Reich starb. Vier Dutzend Nationen waren in San Francisco zusammengekommen, um die Vereinten Nationen zu gründen. Großbritannien hatte Palästina beherrscht, seit es nach dem Ersten Weltkrieg seine Verwaltung übernommen hatte und viele Juden waren in Sorge wegen der Zukunft des britischen Mandats für das Gebiet.

T.V. Soong, Leiter der chinesischen Delegation, spricht vor der ersten Plenarsitzung der Konferenz in San Francisco, 26. April 1945 (UNO-Foto/Rosenberg; CC BY-NC-ND 2.0)

Repräsentanten von Gruppen wie die American Jewish Conference und die Jewish Agency of Palestine – zusammen mit prominenten Leitern wie den Rabbinern Stephen Wise und Abba Hillel Silver – schwärmten in die Bay City, um für ihre Sache zu werben.

Jüdische Organisationen machten sich besonders Sorgen, dass Britannien sein Engagement zur Gründung einer jüdischen Heimstatt aufgeben könnte. Sie wollen sicherstellen, dass die UNO die jüdischen Rechte in Palästina gemäß der Balfour-Erklärung von 1917 – die erklärte, dass Britannien „die Gründung einer nationalen Heimstatt für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen betrachtet“ – oder das vom Völkerbund 1922 genehmigte Mandat über Palästina nicht mindert oder gar abschafft. Daher hofften sie, dass eine Klausel in die UNO-Charta aufgenommen wird, die die Rechte von Minderheitengruppen wie der in Palästina lebenden Juden schützt.

Sie waren dort allerdings nicht die einzigen Lobbyisten. Eine arabische Delegation hoffte, dass der Rat nur die Rechte der einen größten Gruppe in jedem Treuhandgebiet anerkennen werde. In Palästina bildeten die Araber die Mehrheit.

Die jüdischen Delegierten veranstalteten Planungstreffen und bereiteten sich auf die formellen Sitzungen vor, hatten jedoch Mühe Zugang zu einigen der Delegationen zu bekommen. Eine Gruppe, die die Zionisten nicht kontaktieren konnten, war die chinesische. Dann erinnerte sich Rabbi Israel Goldstein, der Leiter der Zionist Organization of America, daran, dass Morris „Zwei Pistolen“ Cohen sich während des Krieges in Montreal niedergelassen hatte.

Rabbi Israel Goldstein beim Besuch neu gegründeter Siedlungen im Negev 1969. (Foto: Dan Hadani) Aus dem Dan Hadani-Archiv, Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels.

Goldstein hatte den Abenteurer kurz zuvor getroffen, der auf so unwahrscheinliche Weise zum General der chinesischen Armee geworden war. Der Rabbiner telegrafierte ihm und „drängte ihn nach San Francisco zu fliegen und uns zu helfen mit ihnen bekannt zu werden“.

Cohen kam dem gerne nach.

Cohen, der zwei Jahrzehnte in China verbracht hatte, kannte viele der Führer des Landes und bot an seinen Freunden in der chinesischen Delegation Eliahu Elath, den Leiter der Jewish Agency, und andere vorzustellen.

Die Lobbyarbeit bei allen nationalen Delegierten zahlte sich aus. Palästina blieb Mandatsgebiet und Artikel 80 – Spitzname „Palästinaklausel“ der  UNO-Charta – schützte die Rechte „eines jeden Staates oder eines jeden Volks“ innerhalb des Treuhandgebiets.

Saul Hayes formulierte das später so:

Ich behaupte nicht, wenn wir keinen Erfolg gehabt hätten, würde es keinen Staat Israel geben… Ich sage, es hätte viele Jahre weitere Plackerei gedauert, wenn es jemals in die Treuhandschaftsabteilung gegangen wäre.“

Von Londons East End in die kanadische Prärie

Morris Abraham Cohen war eine Anomalie.

Niemand hätte geahnt, dass ein Mann, der als jugendlicher Straftäter begann, sich so gut herausmachen würde. Am 3. August 1887 in Polen in eine orthodoxe Familie geboren, kam er als junges Kind nach London und wuchs dort im East End auf. Er war mehr eine Art geschickter Drückeberger als ein Jeschiwa-bucher und wurde als Teenager wegen Taschendiebstahls verhaftet. Die Behörden schickten ihn in eine Arbeitsschule für missratene jüdische Kinder.

Karte von Ostlondon, farblich gekennzeichnet mit dem Anteil jüdischer Einwohner, 1900. Schwarz bedeutet, dass der Bereich 95 – 100% jüdisch ist. Aus der Eran Laor Cartographic Collection, Nationalbibliothek Israels.

Wie viele derer, die die Briten loswerden wollten, machte sich Cohen 1905 davon, ins westliche Kanada. Auf einer Farm außerhalb von Whitewood in Sasketchewan baute er Feldfrüchte an, kümmerte sich um die Tiere und half bei den Hausarbeiten. Und als jemand, der eines Tages als „Zwei Pistolen“ bekannt werden sollte, lernte er auch, wie man mit einer Pistole umgeht. Aber ein Jahr auf dem Land zu arbeiten reichte Cohen und er begann von Moose Jaw (Saketchewan) nach Winnipeg (Manitoba) zu wandern.

Er war Ansager in einem Reisezirkus, hausierte mit fragwürdigen Waren und schlug sich als Falschspieler durch. Es überrascht nicht, dass er regelmäßig verhaftet und für alles von Glücksspiel und Taschendiebstahl bis zu Geschlechtsverkehr mit einer unter 16-jährigen, deren Zuhälter er war, inhaftiert wurde.

Robsart (Sasketchwan) ca. 1915 (Foto: John Asplund)

Ein chinesische Legende

Hätte es nicht einen Zufall gegeben, wäre Cohen von der Geschichte ignoriert worden. Cohen war ein dicker Mann, der chinesisches Essen fast so sehr genoss wie eine zwielichtige Kartenhand. Eines Abends betrat er ein chinesisches Restaurant in Saskatoon (Sasketchewan), in dem spät abends Glückspiel stattfand. Dort stolperte er mitten in einen bewaffneten Raubüberfall.

„Es war ein Raubüberfall“, erinnerte er sich später, „aber ich war nicht bewaffnet und ich musste vorsichtig sein. Ich näherte mich ihm, bis ich zu nahe stand, als dass er seine Stange benutzen konnte und schlug ihm aufs Kinn. Der Typ war ausgezählt.“

So etwas hatte man noch nie gehört. Wenige Weiße kamen im Kanada des frühen 20. Jahrhunderts einem Chinesen zu Hilfe. Als Jude hatte Cohen jedoch ein Gefühl der Verbundenheit zu dem chinesischen Underdog. Er wusste, wie es war ein Außenseiter zu sein, jemand, den die Gesellschaft mied.

Cohens selbstlose Tat brachte ihm sofort den Respekt der chinesischen Gemeinschaft ein. Seine neuen chinesischen Freunde sahen ihn mit Geld wetten und baten ihn bald sich der Tongmenghui anzuschließen, der politischen Organisation des Revolutionsführers Dr. Sun Yat-sen, die sich ein paar Jahre später in die Guomindang entwickelte. Cohen wurde ein treues Mitglied, lernte Suns Lehren, nahm regelmäßig an Haustreffen teil, begann bei einigen der Versammlungen zu reden und spendete großzügig aus seinem Glückspiel-Verdienst an verschiedene Fonds.

Mitglieder der Guomindang (Chinesische Nationale Liga) und geladene Gäste 1918. Aus dem Galt Museum an dArchives, Lethbridge (Alberta) in Kanada.

Doch selbst mit seinem politischen Erwachen trieb Cohen weiter dahin. Er verbrachte Zeit im Gefängnis in Prince Albert (Sasketchewan) und verpasste Dr. Suns Spendensammel-Besuch in Kanada. Cohen wanderte nach Edmonton (Alberta), verdiente Geld mit Immobilien und kümmerte sich als Sprecher der örtlichen Auslandsgemeinschaft um die Bedürfnisse der Chinesen.

Erster Weltkrieg und dann nach China

Als die ruhmeichten Tage der Immobilienblase kurz vor dem Ersten Weltkrieg platzte, machte Cohen, was viele neu arbeitslose Männer machte – er verpflichtete sich beim Militär.

In Belgien bauten er und seine Kameraden im 8. Bataillon der Kanadischen Eisenbahntruppen Gleise, mit denen Soldalten und Nachschub an die Front geschickt wurden und er hatte die Aufsicht über einige der Chinesischen Arbeitskorps. Dort erlebte er in der Schlacht von Passchendaele schmerzhaft eine der schlimmsten Schlachten des Krieges.

Sergeant in Stellvertretung Morris Cohen (Mitte) ca. 1916. Au sder Sammlung von Victor D. Cooper

Nach dem Waffenstillstand engagierte sich Cohen stark in der Great War Veterans Association in Edmonton und agierte als politischer Vertreter seiner chinesischen Brüder.

Das Leben war allerdings nach dem Krieg nicht mehr dasselbe. Der kanadische Immobilienmarkt hatte sich nicht erholt. Cohen fühlte sich verunsichert und wollte sich verändern. 1922 machte er sich daher nach Schanghai auf.

Einmal dort nutzte er seine Guomindang-Verbindungen und seine polierten Methoden als Verkäufer, um sich ein Einstellungsgespräch bei Dr. Sun und einen Job als Personenschützer für den Führer und seine Frau Soong Qingling zu verschaffen.

Als Adjutant Suns wurde Cohen schnell einer der Hauptschützer des Führers und lebte in Suns Militärgelände, als der chinesische Führer nach Kanton zurückkehrte.

Cohens Visitenkarte, frühe 1920-er Jahre (Public Record Office, Kew)

Währen dieser Zeit in den 1920-er Jahren hatten Warlords das Land aufgeteilt. Während Sun Yat-sen in ganz China bekannt und respektiert war, kontrollierte er wenig und versuchte verzweifelt seine Position im Süden Chinas zu konsolidieren. Er war ein Träumer, der glaubte, er könne die Nation erobern und eine demokratische Gesellschaft etablieren. In bescheidenem Umfang versuchte Cohen seinem Boss bei der Verwirklichung dieses Traums zu unterstützen. Er half die anderen Personenschützer zu beaufsichtigen, bildete die Männer im Boxen aus, lehrte sie schießen  und das alles, während er Anschläge auf Suns Leben vereitelte.

Cohen in weißem Anzug bei der Einweihung der Militärakademie Whampoa (Auf der Bühne von links: Lioao Zhongkai, Chian Kei-Schek, Sun Yat-sen, Soong Qingling), Juni 1924. Aus der Sammlung von Josef L. Rich

General Zwei Pistolen

Während eines Anschlags auf Sun verletzte ein Kugel Cohen am Arm. Die Verletzung ließ Cohen innehalten:

„Die Kugel traf mich am linken Arm und brachte mich ins Nachdenken. Angenommen, es wäre mein rechter Arm gewesen und ich trage meine Waffe auf dieser Seite, wäre ich nicht in der Lage gewesen sie zu benutzen. Sobald wir zurück in Kanton waren, besorgte ich mir eine zweite Waffe, einen weiteren Smith and Wesson-Revolver, und steckte ihn griffbereit für meine linke Hand ein. Ich übte ihn zu ziehen und stellte fest, dass ich recht beidhändig war – die eine Waffe kam genauso schnell heraus wie die andere.“

Seine modischen Accessoires für zwei Pistolen zogen di Aufmerksamkeit der westlichen Gemeinschaft auf sich, die bereits von diesem jüdischen Engländer fasziniert war, der mit den Chinesen herumtollte. Sie begannen ihn „Zwei Pistolen“-Cohen zu nennen. Ein Spitzname war geboren.

Leider starb Sun 1925 ohne seinen Traum der Einigung Chinas verwirklicht  zu haben. Cohen arbeitete dann für eine Reihe Führer in Kanton und Schanghai, von Sun Yat-sens Sohn, dem Politiker Sun Fo, bis zu Sun Yat-sens Schwager T.V.Soong. Er schloss sich auch verschiedenen südchinesische Warlords an.

Cohenmit den Soldaten, Juli 1926. Au sder Sammlung von Josef L. Rich OBE

Einer von Cohens Hauptjobs für seine Bosse war der Kauf von Waffen. Er war überall, besuchte Nordamerika, Südamerika, Südafrika und Südostasien, kaufte von England Lewis-Gewehre, von Deutschland Mausers, Zephy-Maschinengewehr von der Tschechoslowakei und in Hongkong Kanonenboote.

1935 wurde er zum Generalmajor beförderte und war bis dahin zu einem festen Bestandteil des Nachtlebens von Schanghai und Hongkong geworden, veranstaltete Bankette und verschwendete einen Großteil seines Einkommens.

„Seine Eltern glaubten, er sei der währe Präsident des Landes.“ Dieses  Zitat und Foto von Cohen erschien in einer Dokumentation über ihn, die im B’nai B‘rith Messenger vom 6. Mai 1932 veröffentlicht wurde. Verfügbar über die NLI Digital Collection

Salonlöwe und Spion

Cohen verbrachte auch Zeit im Hong Kong Jewish Club, wo er die Zeit mit Freunden beim Pokern verbrachte und Kindern Zaubertricks zeigte. Die New Yorker-Autorin Emily Hahn hatte sich mit Cohen angefreundet und erinnerte sich besonders daran:

„Er war wie eine Figur aus einem Buch. Er war wie etwas, das jemand schrieb.“

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war Cohen in Waffenkäufe und Beobachtungsarbeit zur Bekämpfung der eindringenden japanischen Armee involviert und arbeitete für die Special Operations Executive des britischen Geheimdienstes.

Als der Krieg sich in Europa ausbreitete, strömten jüdische Flüchtlinge nach Schanghai, einem der wenigen Orte, die kein Einreisevisum verlangten. Weil die Japaner das umgebende Territorium kontrollierten, war die internationale Siedlung der Stadt zu einer Flüchtlingsgemeinde geworden und die japanischen Streitkräfte warteten unruhig darauf dort einzumarschieren.

Deutsche, österreichische und polnische Juden überfluteten die Stadt. Im Februar 1939 kamen 2.500 neue jüdische Flüchtlinge in Schanghai an. Bis Ende des Jahres war ihre Zahl auf 17.000 angestiegen. Die meisten benötigten Hilfe. Schanghais bescheidene jüdische Hilfsorganisationen konnten den Zustrom so vieler Menschen nicht versorgen und das US-Außenministerium wollte die abfertigen, die in die USA unterwegs waren.

Eine in Schanghai gedruckte und verwendete Haggadah, 1943. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

In der Hoffnung die Abläufe zu glätten, setzte das Außenministerium das American Jewish Joint Distribution Committee unter Druck zur Entlastung Geld zu schicken. Das J.D.C. schickte auch die amerikanische Sozialarbeiterin Laura Margolis, um die Hilfsmaßnahmen zu untersuchen und neu zu organisieren.

Margolis landete im Mai 1941 in Hongkong. Sie verbrachte eine Woche in der Kolonie, während sie versuchte auf einem niederländischen Schiff nach Norden einen Platz zu bekommen. Weil sie Zeit hatte, besuchte sie die Büros der Fast East Rice Bowl Dinner Campaign.

„Als ich zurück ins Hotel kam, fand ich eine Einladung zum Abendessen vor – im Haus von Frau Sun Yat-sen. Ich sollte am Abend von einem General Cohen abgeholt werden“, sagte sie zu den unerwarteten Vorbereitungen. „Er sammelte mich auf und wir kamen in ihrem Haus zum Abendessen an. Es war ein entzückender Abend mit Ausländern und Chinesen.“

Margolis sollte Soong und Cohen öfter sehen:

„General Cohen und ich wurden sehr gute Freunde. Er nahm mich überall hin mit und wurde meine Eskorte für Hongkong.“

Genauso führte Cohen Ernest Hemingway und seine Frau, die Korrespondentin Martha Gellhorn, herum, als sie nach China kamen, um über den heftiger werdenden Krieg zu berichten.

Martha Gellhorn und Ernest Hemingway in Chongqing, China, 1941. Aus der Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum in Boston

Cohen war im Dezember 1941 in Hongkong, als die Japaner angriffen und eskortierte Madame Soong zusammen mit ihrer Schwester Ailing – der Frau von H.H. Kung – in eines der letzten Flugzeuge, die die Kolonie verließen.

„Ich brachte die beiden Schwestern aufs Festland und verabschiedete mich von ihnen“, sagte Cohen über diesen langen Abend.

„Es war ein ziemlich betrüblicher Abschied. Wir alle wussten, dass es wahrscheinlich unser letzter war. Diesmal war ich absolut sprachlos. Ich konnte schlicht nichts sagen. Wir gaben uns die Hand und ich platzte einfach heraus: ‚Wir werden jedenfalls bis zum bitteren Ende kämpfen.‘“

Madame Soong hielt auf der Flugzeugtreppe an und starrte auf ihn hinunter. „Wir werden auch kämpfen, Morris“, sagte sie zu ihm, „aber nicht bis zum bitteren Ende. Wenn das Ende kommt, wird es süß sein.“

Cohen mit Soong Qingling, 1950-er Jahre. Aus der Sammlung von Victor D. Cooper

Die Japaner nahem die Stadt rasch ein und internierten tausende in Gefangenenlager. Cohen wurde ins Stanley-Gefängislager auf einer Landenge am Südende der Insel gesteckt. Dort wurde er von seinen Wärtern schlimm geprügelt und er verbrachte seine Zeit damit sich unauffällig zu verhalten.

Falscher Bericht über Cohens Ende, veröffentlich im The Sentinel, 19. März 1942. Verfügbar in der Digital Collection der Nationalbiliothek Israels: Japan hat General Ma Ma – Zwei-Pistolen-Cohen gefangen genommen und erschossen. Bericht erklärte, dass sie  ihn mit anderen chinesischen Soldaten aufstellten und ihnen ein Ende bereiteten…

 

Zwischen Kanada und China

Cohen war kanadischer Staatsbürger und Ende 1943 wurde er Teil eines Gefangenenaustauschs der Japanern mit den Alliierten. Er kam im Dezember in Montreal an. Im folgenden Sommer heiratete er Judith Clark – die Inhaberin eines Geschäfts für hochwertige Kleidung – im Tempel Emanu-El.

Morris und Judith Cohen am ihrem Hochzeitstag, 18. Juni 1944. Aus der Sammlung von Josef L. Rich OBE

Damit endete Cohens aktive chinesische Karriere, aber es war auch der Beginn seiner Mythenbildung, weil er seine Position in China aufbauschte und verzweifelt versuchte seine Position im Land wiederherzustellen.

Das war schwierig.

Mao Tse-tung und Chiang Kai-schek kämpften um die Seele Chinas und es gab für Cohen keinen Platz in dem neuen politischen Topf. Trotzdem garantierten seine Zeit mit Sun und die Verehrung für den Namen des Führers, dass man sich an ihn immer als loyalen Assistenten des Vaters des modernen China erinnerte.

Cohen und Chiang Kai-schek 1950. Aus der Sammlung von Victor D.Cooper

Cohens Verbindung zu Sun gab ihm zudem einen seltenen, wenn auch begrenzten Zugang zu beiden Lagern.

Er verbrachte jedes Jahr mehr als vier Monate in China, in denen er sich zumeist in Schanghai und Hongkong aufhielt, alte Freunde besuchte und mit jedem sprach, der seinen Geschichten zuzuhören bereit war.

Es gab viele Geschichten.

Das Buch „Two Gun Cohen“ half die Mathen um Cohens Leben und Heldentaten zu pflegen. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Zionistischer und jüdischer Aktivismus

Neben seiner Arbeit für die Zionisten bei der UNO-Konferenz in San Francisco 1945, half Cohen einer zionistischen Gruppe aus Schanghai Pläne auszuarbeiten, um britische Standorte zu bombardieren, sollten die Briten nicht aus Palästina abziehen und Ende der 1940-er Jahre half er einer Reihe jüdischer Schanghaier ihre Freiheit zu gewinnen, nachdem sie von schwer kontrollierbaren chinesischen Truppen entführt worden waren.

1947 bestätigten die Vereinten Nationen die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina.

Die Araber waren gegen den Plan und zwischen den Arabern und den Juden brachen weitere Kämpfe aus. Aus Angst, dass die umgebenden arabischen Staaten angreifen würden, sobald die Briten 1948 abzogen, kauften viele kanadische Juden Gewehre, Maschinengewehre, Mörser, Flugzeuge und anderes Überschuss-Material [aus dem Zweiten Weltkrieg] zur Lieferung ins jüdische Palästina

Sie packten die Frachtkisten mit der Aufschrift „Maschinenteile“ und schickten sie über Fassendorganisationen in den Nahen Osten.

Sydney Shulemson, der am höchsten ausgezeichnete kanadische Jude, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte, arbeitete aktiv, um Soldaten und Waffen für Palästina zusammenzutrommeln. Im November hörte er, dass China Kanada 200 Bomber vom Typ De Havilland Mosquito abgekauft hatte. Der legendäre Sperrholz- und Balsa-„Mozzie“ hat einen robusten Rumpf und Rolls Royce-Motoren, die ic nso schnell und wendig machten, dass das Flugzeug sich bei seinen Einsätzen gegen Schiffe und fliegende Bomben (V1) auszeichnete.

De Havilland Mosquitos

Shulemson gibt an:

„Die kanadische Regierung hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs eine große Anzahl davon… Ich erinnere mich gelesen zu  haben, dass alle testgeflogen, aufgearbeitet und dann auseinandergenommen, in Kisten gepackt und nach China geschickt worden waren. Mir fiel ein, dass ich nie gehört hatte, dass China sie jemals einsetzte. Ich fragte mich, ob es möglich sein könnte sie für Israel zu erwerben. Das wäre die gesamte Luftwaffe gewesen.“

Shulemson traf sich mit Cohen, der den chinesischen Botschafter in Ottawa anrief. Als Cohen auflegte, fragte er Shulemson: „Mögen Sie chinesisches Essen?“ Shulemson bestätigte und Cohen sagte ihm daraufhin: „Nun, wir essen morgen mit den chinesischen Botschafter in Ottawa zu Mittag.“

Trotz ihrer Bemühungen wurde aus dem Flugzeugdeal nichts. Die chinesische Regierung war zu korrupt um sich darum zu kümmern.

„Irgendwann sagte General Cohen mir, ich solle das nicht weiter verfolgen. Die Flugzeuge wurden nie ausgepackt, aber sie konnten nicht verkauft werden. Offenbar waren die Leute, die den Tausch arrangierten, mehr daran interessiert chinesische Währung in kanadische zu tauschen.“

Zurück nach England

Leider forderten Cohens lange Abwesenheiten von Montreal einen Tribut in seiner Ehe mit Judith. Als er 1956 geschieden wurde, war er schon zu einer seiner Schwestern in Manchester gezogen.

Cohen in Manchester (England) 1966. Aus der Sammlung der Familie Cohen

Cohens letzter Besuch in China fand 1966 als Gast von Premierminister Zhou En-lai zum 100. Jahrestag der Geburt von Dr. Sun statt.

Seine Kämpfe endeten schließlich an einem Herbsttag 1970. Der Mann, der zu seinen Lebzeigen oft als getötet gemeldet wurde, starb friedlich in England, umgeben von zwei seiner Schwestern, aber weit entfernt von seiner angenommenen Heimat und seinen chinesischen Kameraden. Verwandte, Bekannte und die Presse nahmen am nächsten Tag an der jüdischen Beerdigung teil.

Die Beerdigung war einer der wenigen öffentlichen Anlässe, bei denen offizielle Vertreter der kommunistischen Chinesen und der nationalistischen Taiwanesen gemeinsam in der Öffentlichkeit auftraten.

Selbst wenn diese Landsleute es ablehnten die Existenz des jeweils anderen zu akzeptieren: Als sie Seite an Seite an Cohens Grab standen, konnten seine alten Verbündeten ihren westlichen Bruder nie ignorieren.

Auch Dr. Suns Frau, Soong Qingling, konnte Cohen nicht vergessen. Als sie von seiner Familie kontaktiert wurde, schickte sie eine chinesische Inschrift, die neben der englischen und der hebräischen Schriftauf seinem Grabstein aus schwarzem Granit eingraviert wurde. Eine letzte Anerkennung für ihren treuen Beschützer und Freund.

Morris „Zwei Pistolen“ Cohens Grabstein, Manchester, England (Foto: Daniel S. Levy)