Der Erste, der das Land Israel aus der Luft fotografierte

Fritz Groll war ein deutscher Offizier, der auf der Höhe des Ersten Weltkriegs ins osmanische Palästina geschickt wurde, um die osmanischen Streitkräfte zu unterstützen. Nebenbei fotografierte er die Landschaften, Städte und Stätten am Boden und aus der Luft.

Amit Naor, the Librarians, 26. Februar 2017

Luftbild von Jaffa. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels

1916 sah die Situation der osmanischen Streitkräfte im Nahen Osten recht trostlos aus. Sie fanden es immer schwieriger die Angriffe der Briten aus verschiedenen Richtungen zurückzuschlagen. Die Große Arabische Revolte begann im Sommer, angeführt von den Emiren Abdallah und Faisal, unterstützt von Großbritannien, das Lawrence von Arabien in die Region geschickt hatte. Schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs war das osmanische Reich als „der kranke Mann vom Bosporus“ bekannt. An diesem Punkt, zwei Jahre nach Beginn der Kämpfe, lag der kranke Mann auf dem Sterbebett.

Die deutschen Verbündeten des osmanischen Reiches konnten nicht länger nur zusehen. Sie brauchten die Türken, um die Briten zu beschäftigen, damit diese von den entscheidenden Schlachten an der Westfront abgelenkt wurden. Tatsächlich wurden nach Druck ranghoher Militärvertreter im Frühjahr und Sommer 1916 schließlich deutsche Einheiten in den Nahen Osten entsandt, um an der Seite der bröckelnden osmanischen Armee zu kämpfen.

Deutsche Soldaten mit Flugzeugen im Hintergrund. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels

Diese Einheiten, zu denen eine Fliegerstaffel gehörte, kamen in Vorbereitung der letzten türkisch-deutschen Offensive gegen britische Streitkräfte im Sinai an. Die deutsche Armee zeichnete sich beim Einsatz von Flugzeugen aus, damals ein neues und nicht sehr zuverlässiges Transportmittel, das zum allerersten Mal im Krieg eingesetzt wurde. Die Staffel wurde von Fritz Groll begleitet, einem 40-jährigen deutschen Offizier, der auch der Kommandeur einer neuen Einheit war, die zur Luftfotografie bestimmt war. Es war Grolls erster Besuch im osmanischen Palästina – dem Land Israel.

Fritz Groll. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels.

Grolls Hauptaufgabe war die Fotografie der Gegend zu militärischen Zwecken aus der Luft. So entstanden die ersten militärischen Luftbilder des Landes Israel. Groll fotografierte Jaffa, Galiläa und Bereiche in der Wüste Sinai zum ersten Mal von oben. Man kann auf den Fotografien sogar landwirtschaftliche Felder und Eisenbahngleise ausmachen.

Die Region Aschkelon. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Luftansicht von Caesarea. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Luftansicht der antiken Stadt Shivta (Subeita). Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Luftansicht von Be’er Scheva. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Luftansicht der Siedlung der Sarona-Templer. Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels

Aber Groll samt seiner Kameraden in der Staffel und anderen deutschen Einheiten behandelten das Land Israel nicht nur als militärisches Ziel. Wie jeder begeisterte Tourist – oder Pilger – dokumentierte Groll seine Reise von Europas Küsten durch die Türkei, Syrien und den Libanon ins Land Israel. Er fotografierte den Bosporus, dokumentierte die Straßen von Damaskus, seine diversen Reisen und die Menschen, die er entlang des Weges traf, sowie seine Waffenbrüder. Die Uniformen der deutschen Soldaten deuten ein wenig die kolonialistische Haltung des Militärs gegenüber dem Heiligen Land und dem Nahen Osten an (beachten Sie die Tropenhelme). Auf der anderen Seite füllte Groll die Seiten seines Albums mit Fotografien des Tempelbergs und anderer heiliger Stätten in Jerusalem mit engen, handschriftlichen und enthusiastischen Beschreibungen. Trotz der überholten fotografischen Ausrüstung scheint es so, dass Groll nonstop dokumentierte: Haifa und Jaffa, Be’er Scheva, wo die Truppen stationiert waren und sogar zwei Seiten mit Fotos aus der Stadt Ramle.

Staffelmitglieder in Stillgestanden. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Istanbul. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Menschen vor Ort in Syrien. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Ein „arabischer Bettler”. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Beduinenfrauen in Be’er Scheva. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Fotografie von RAmle. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels
Eine Seite aus dem Album dokumentiert den Tempelberg und andere heilige Stätten in Jerusalem. Groll fügte handschriftliche Beschreibungen auf Deutsch hinzu. Aus dem Fotoalbum Fritz Groll, Sammlungen der Nationalbibliothek Israels

Es lohnt sich einen genaueren Blick auf dieses großartige Album zu werfen, das der Nationalbibliothek Israels von Frau Ruth Schell aus London über Prof. Benjamin Zeev Kedar gespendet wurde, der Grolls Fotografien erforschte. Die Dutzende Bilder gewähren einen authentischen Blick auf das damalige Land Israel am Ende von 400 Jahren osmanischer Herrschaft. Das komplette Album ist zur Ansicht hier verfügbar.

Dank an Dr. Gil Wessblei für seine Hilfe bei der Vorbereitung dieses Artikels.

Seltenes Album: Der Maschinengewehr-Schütze, der die Eroberung des Landes Israel dokumentiert

Wir verfügen über eine Originalausgabe des Journals eines Soldaten der 20th Machine Gun Squadron aus dem Ersten Weltkrieg

Chen Malul, the Librarians, 5. November 2017

Als die 20th Machine Gun Squadron am 4. Juli 1917 aufgestellt wurde, sahen sich die Kommandeure einem unerwarteten Hindernis gegenüber: Nur 30 der 121 Soldaten der Einheit waren in der Bedienung der neuesten Waffen ausgebildet. Die anderen Soldaten waren nie in einer solchen Einheit eingesetzt worden.

Die bevorstehende Schlacht zur Eroberung des Landes Israel ließ keine Zeit für unnötige Verzögerungen und ein neuer, mehrere Tage zuvor erhaltener Befehl gab den Soldaten der neuen Squadron einen kleinen Einblick in die enorme Herausforderung, die vor ihnen lag. Am 12. August, einen Monat nach ihrer Gründung, machte die Squadron sich auf an die neue militärische Front: das Land Israel.

Die Geschichte der Squadron wurde in dem Buch „Through Palestine with the 20th Machine Gun Squadron“ dokumentiert, das den Mitgliedern der Einheit nach dem Krieg ausgehändigt wurde. Einer der Soldaten beschloss Fotos einzukleben, die er während des Trecks der Squadron durch das Land Israel aufnahm.

Höchstwahrscheinlich der Fotograf und ursprüngliche Besitzer des Buchs. Seine Identität ist nicht bekannt.

Die faszinierende Geschichte der Squadron, dokumentiert durch die Augen eines ihrer Soldaten, ist in der Nationalbibliothek erhalten. (Das ganze Buch können Sie sich hier ansehen.)

Der Original-Einband von „Through Palestine with the 20th Machine Gun Squadron“

Unter der brennenden Sonne, mit schmerzenden Schultern und ständiger Angst vor dem Schwund der täglichen Wasser-Ration verbrachten die Kämpfer der Squadron 18 Tage mit der Durchquerung der Wüste Sinai. Sie nutzten ihren Aufenthalt im britischen Lager zur Fortsetzung der Ausbildung – sie verbrachten einen halben Tag mit Übungen zur Bedienung der Waffen, die für die meisten neu waren und die zweite Hälfte des Tages mit Reiten.

Mitglieder der Squadron. Neben den Zeichnungen im Buch enthielt die Ausgabe der Bibliothek in den ersten Seiten Fotos.

Die Frauen Jerusalems an der Westmauer.

Damaskus

Einige der Zeichungen des Buchs.

Die Soldaten gerieten sieben Meilen südlich der Stadt Be‘er Sheba in ihre erste Schlacht als Squadron. Mit Verstärkungen zu ihrer Linken und den australischen Einheiten zu ihrer Rechten griffen die Soldaten der Maschinengewehr-Einheit die furchteinflößenden Gräben an, die die Osmanen in die zur Stadt führenden Straße gegraben hatten: Angreifer und Verteidiger kämpften den gesamten Vor- und Nachmittag gegeneinander.

Der in alle Richtungen fliegende Staub hinderte beide Seiten daran mehr als ein paar Meter weit sehen zu können. Nach mehreren Stunden Kampf entdeckten die Soldaten zu ihrer Bestürzung, dass die Osmanen sich in die Stadt zurückgezogen hatten. Der Befehl kam um vier Uhr nachmittags: Greift Be‘er Sheba an, das sich ebenfalls als von feindlichen Truppen verlassen erwies.

Die Straße nach Jericho

Die Zeichnung eines der Mitglieder der Squadron.

Ein Soldat fotografiert „einheimische Frauen“.

Be‘er Sheba“, schrieben die Soldaten in das Buch der Squadron, „war extrem enttäuschend. Es ist kaum ein Dorf in der Art, wie Europäer sie verstehen – ein Ort um Zigaretten und etwas zu essen zu kaufen; es war nichts zu finden und die einzigen Gebäude dort, die keine Holzhütten waren, waren verlassen.“ Als die Soldaten sich die Gegend ansahen, waren sie von der sie umgebenden trockenen Wüste und den passierbaren Straßen unbeeindruckt.

Die Soldaten erreichten auch Gaza, nachdem die Osmanen sich aus der Stadt zurückzogen. Das wird in dem Buch nirgendwo erwähnt, aber es ist wahrscheinlich, dass die Soldaten an den schweren Schlachten zur Eroberung von Gaza nicht teilnahmen. Trotz der kurzen Strecke von Be‘er Sheba trafen sie auf eine andere Art Siedlung – Dörfer am Wegesrand, bevölkert von Bauern, die ihr Land bearbeiteten. Als sie näher kamen, entdeckten sie etwas schlimm Anzusehendes: Schmutz und Abfall, sich ausruhende Männer, während die Frauen die schwere Arbeit erledigten. Auch zu dieser Stadt fanden die Männer nichts Positives, das sie sagen konnten.

Eine Landkarte der Route, die die Squadron ins Land Israel nahm.

Die Soldaten zogen von Gaza weiter nach Ramallah, von Ramallah zum arabischen Dorf Qezaze, von wo sie den Eisenbahnschienen nach Jerusalem folgten. Die Feindsoldaten sahen voraus, dass sie auf diesem Weg vorrücken würden und hoben entlang des Weges Gräben aus. Die erbitterten Kämpfe führen zu einer Reihe von Verlusten. Der Kommandeur der Squadron beschloss sich nach Jaffa zurückzuziehen und dort neu zu organisieren. Auf ihrem Weg nach Jaffa trafen die Soldaten zum ersten Mal auf Rehovot.

Rehovot erinnerte die Soldaten an das Leben, das sie in Britannien zurückgelassen hatten. Die Soldaten trafen die zionistischen Siedler und kauften ihnen Säcke voller saftiger Jaffa-Orangen ab. Jeder, der nicht genug Geld dabei hatte, tauschte gegen die Fleischkonserven, die sie von der Squadron erhielten. Das Treffen mit den jüdischen Siedlern stimulierte die Soldaten, die sie als den Beginn des Wiederaufbaus der jüdischen Nation betrachteten.

Höhlen nahe des Toten Meeres

Nach einer kurzen Rast rückten die Soldaten wieder auf Jerusalem vor. Die osmanischen Verteidiger waren sich der Bedeutung der heiligen Stadt bewusst: Sie schickten die meisten im Land Israel stationierten Kräfte zur Verteidigung der Straße nach Jerusalem. Mit jedem weiteren Meter, den die Soldaten der Machine Gun Squad vom Feind erobern konnten, konzentrierten sich die Krieger darauf die Furcht einflößenden Artillerie-Maschinen an der höchsten Stelle der Kampfzone zu stationieren. Sie nutzten den Vorteil jedes Geländegewinns, den sie erzielten, um andere Einheiten zu decken, Scharfschützen einzusetzen, in der Nacht leise vorzurücken oder – wenn es keine andere Möglichkeit gab – brennendes Feuer auf die Feinde zu schießen, um sie zu zwingen aus den Stellungen zu fliehen, in die sie eingerückt waren.

So schafften es die Soldaten der Machine Gun Squadron zusammen mit Allenbys übrigen Streitkräften am 8. Dezember 1917 trotz der kaputten Straßen, dem ständigen Wassermangel und osmanischem und deutschem Widerstand die Straße nach Jerusalem zu öffnen.

Jaffa-Tor

Damaskus-Tor

Beduinische Reiter

Mehr als vierhundert Jahre osmanischer Herrschaft im Heiligen Land gingen einen Tag später mit der Kapitulation der Stadt Jerusalem zu Ende. Das Datum war nur symbolisch, da der größte Teil des Nordens Israels immer noch unter osmanischer Herrschaft stand, die in den folgenden Monaten auseinanderbrach.

Wie erstaunlich“, erklärten die gerührten Soldaten, die endlich die Stadt Jerusalem erblickten. Die heilige Stadt wurde am Vorabend des Hanukkah-Festes befreit und während die Osmanen aus Jerusalem flohen, feierten die Juden den historischen Sieg der Makkabäer über die antiken griechischen Eroberer.“

Die Squadron verlor während der Eroberung des Landes Israel 3 Kommandeure und 67 Soldaten.

 

Wie der Exodus aus Ägypten hinter den Linien des Ersten Weltkriegs gefeiert wurde

Abraham Adolf Fränkel, ein promovierte Mathematiker, diente während des Großen Krieges in der deutschen Armee und organisiert ein Pessah-Seder für jüdischen Soldaten.

the Librarians, 8. April 2019

Während des Großen Krieges im frühen 20. Jahrhundert schlossen sich junge Juden in ganz Europa ihren Altersgenossen an und traten ins Militär ein, um ihren Ländern zu dienen; allein in der deutschen Armee dienten etwa 100.000 Juden. Zu den Reihen dieser mutigen Männer gehörte der bayrische Soldat Abraham Adolf Fränkel, ein Doktor der Mathematik, der später seine Erfahrungen als Jude im Ersten Weltkrieg in seinen Memoiren „Erinnerungen eines jüdischen Mathematikers in Deutschland“ erzählte.

In seinen Memoiren beschreibt Fränkel die Probleme, die er als traditioneller Jude im Militär hatte, „besonders bezüglich des Essens aber auch in Sachen Gebet, Gebetsriemen, sich nicht zu rasieren und vielem anderen“. Obwohl er es schaffte weiter koscher zu essen, stellte er fest, dass er selten in der Lage war die Schabbat-Traditionen einzuhalten.

„Erinnerungen eines jüdischen Mathematikers in Deutschland“ von Abraham A. Fraänkel. Herausgegeben von Jiska Cohen-Mansfield und übersetzt von Allison Brown. Springer International Publishing, Schweiz 1916.

1915 fand sich Abraham als Krankenpfleger der Armee wieder, wozu solche Aufgaben gehörten wie Autopsie-Berichte vom Diktat abzuschreiben und bei kleineren chirurgischen Eingriffen zu assistieren. Während seiner zwei Dienstjahre in Feldhospitälern war Fränkel auch vom bayrischen Kultusministerium autorisiert als jüdischer Seelsorger für seine Kameraden im Militär zu dienen. Diese Position reduzierte nicht die Verantwortlichkeiten, die er in seinem Alltagsdienst hatte, aber das bot ihm eine Chance mit seiner Religion verbunden zu bleiben und auch anderen zu helfen ihre Traditionen beizubehalten.

1915 war Fränkel im Militärkrankenhaus in der französischen Stadt Cambrai stationiert. Fränkel erklärt in seinem Buch, dass er für die religiösen Angelegenheiten der jüdischen Soldaten zuständig war. Er füllte die Lücke zwischen ihren religiösen Bedürfnissen und der Verfügbarkeit von Armee-Rabbinern, die nicht immer da sein konnten, wo die gebraucht wurden. Fränkel nahm seine Position ernst, sorgte für Gebetsdienste im Feld und stellte sicher, dass die religiösen Soldaten ihre Feiertage soweit möglich entsprechend der Tradition begehen konnten.

Abraham A. Fränkel, aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels

Ende März 1915 bereitete Fränkel die Feier des jüdischen Pessah vor und erstellte dafür eine Liste lokaler Soldaten, die Interesse hatten das Seder mitzufeiern, das traditionelle Mahl, bei dem der Exodus der Juden aus der Sklaverei in Ägypten erzählt wird; es sollte am 29. und 30. März stattfinden.

„Die Teilnehmer wurden gebeten anzugeben, ob sie an beiden Abendessen oder nur am ersten teilnehmen wollten“, hieß es im Registrierungsformular. Den Teilnehmern wurde geraten Urlaub aus religiösen Gründen einzureichen, damit ihnen eine Genehmigung zur Teilnahme an den Festivitäten erteilt werden würde. Die eingeschriebenen Teilnehmer wurden angewiesen, dass sie nur Urlaub für den Tag des Feiertags erhalten würden und es wurde geraten, wenn sie am Feiertags-Gebetsgottesdienst teilnehmen wollten, sollten sie ihre eigenen Gebetsbücher mitbringen – natürlich nur, wenn sie solche hatten.

Liste der Teilnehmer am Seder. Aus der Sammlung der Nationalbibliothek Israels.

Insgesamt neun Soldaten meldeten sich für die zwei Pessah-Seder, darunter Männer, die als Sanitäter, Logistikoffiziere, Pioniere dienten und einer in der neu gebildeten deutschen Luftwaffe, der nicht festlegte, an welchem Seder er teilnehmen wollte, vielleicht weil wusste, dass er eventuell in letzter Minute abberufen würde.

Während der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs wurde Fränkel zu einer Einheit zur Wettervorhersage versetzt, eine Aufgabe, die besser zu seinen herausragenden Talenten als Mathematiker passte. Am Ende des Krieges kehrte Abraham Fränkel an die Universität Marburg zurück und arbeitete später als Professor für Mathematik in Kiel. 1926 besuchte der Mathematiker zusammen mit seiner Familie das Land Israel und drei Jahre später zog er in das Land und wurde zum Mathematik-Professor an der Hebräischen Universität ernannt. 1938 wurde er als Rektor der Universität ausgewählt. In Israel veröffentlichte er mathematische Arbeiten und entwickelte viele mathematische Begriffe für Konzepte, die es bis in die damalige Zeit in der hebräischen Sprache nicht gab.

Abraham Adolf Fränkel; aus der Abraham Schawdron Porträt-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels.

Fränkel behielt die Liste der Teilnehmer des Seder von 1915 in seinem persönlichen Besitz und bewahrte sie viele Jahrzehnte lang auf. Die Liste der Seder-Teilnehmer kam zusammen mit dem Rest seines persönlichen Archivs in die israelische Nationalbibliothek.

Die bayerische Fliegerabteilung 304 b dokumentiert das Land Israel Ende des Ersten Weltkriegs

Ein kurzer Blick in das Buch eines deutschen Theologen, der 100 Luftbilder des Landes Israel sammelte

Chen Malul, the Librarians, 26. November 2017

„Der Tempelhof“ in den Worten des deutschen Forschers und Theologen Gustaf Dalman. Ein Luftbild des Tempelbergs.

Es kommt häufig vor, dass die brutalsten und blutigsten Kriege als Katalysator technologischen Fortschritts dienen; der Erste Weltkrieg war keine Ausnahme: Die Entwicklung moderner Bombardierung, der erste muslimische Einsatz von Panzern (noch nur als Transportmittel, nicht als Waffe), der erste militärische Flammenwerfer und mehr. Kein Ort blieb unverändert: Die Artilleriegeschosse entstellten die Schlachtfelder, die Gräben veränderten die Beschaffenheit des Gelälndes und die Mehrheit der alten Imperien, die in ihm kämpften, brachen während oder nach ihm zusammen, um sich nie wieder zu erholen.

Das Land Israel war nicht die tödlichste Front, aber auch hier veränderte der Krieg das Leben komplett und brachte einige europäische technologische Entwicklungen mit sich. Ein Beispiel solcher Entwicklung ist an einer unerwarteten Stelle zu finden: ein Buch namens „Hundert Luftbild-Fotografien von Palästina“, veröffentlicht vom deutschen Theologen Gustaf Dalman.

Gustaf Dalman in der Uniform der deutschen Armee

Luftbilder im Dienst christlicher Theologie

Dalmans enormes Interesse am Land der Bibel und allem damit Verbundenen brachte ihn in viele unterschiedliche Forschungsfelder: Während seines langen Lebens erforschte der deutsche Theologe jüdische Geschichte, Archäologie der Zeit der Bibel und die Sprache der Einwohner des Landes und seiner Nachbarn. Dalman tauchte tief in die Bibel und das Neue Testament ein, war aber auch in jüdischer Literatur aus der Periode des Zweiten Tempels und später bewandert. 1902 war der Theologe einer der Gründer des „Deutschen evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem“ – ein Institut, dem er bis 1917 vorstand und das es bis heute gibt.

Dalman war nicht nur an der Kultur der Zeit der Bibel interessiert, sondern er erforschte auch die Landschaften, Tiere und Pflanzen des Landes. Er glaubt von ganzem Herzen, dass nur ein möglichst umfassendes Verständnis der Natur und der im Heiligen Land lebenden Menschen Theologen in die Lage versetzen wird das heilige Tun Gottes richtig zu verstehen und zu interpretieren, das Gott seinen Geschöpfen gewährte. Daher schrieb Dalman über das Land Israel und dokumentierte es in tausenden Bildern und Worten.

1925 sammelte Dalman einhundert Luftbild-Fotografien in seinem Buch, die die bayerische Fliegerabteilung 304 b der deutschen Armee aufgenommen hatte. Alle gesammelten Fotos waren 1917/18 aufgenommen worden, mit anderen Worten: gegen Ende des Ersten Weltkriegs – einige, nachdem die Briten das Land Israel erobert hatten. Diese scheinen die ersten Luftbilder des Landes Israel zu sein oder zumindest zu den ersten jemals in Israel aufgenommenen zu gehören.

Ein Luftbild Jerusalems von Südost.

Diese Fotografie zeigt eine Folie, die auf eine alten Landkarte gelegt wrude, um zu zeigen, was man aus der Luft über Orte aus der Zeit der Bibel erfahren kann.

Bethlehem von Süden.

Safed aus der Vogelperspektive

Selbst als er als Bewahrer und Herausgeber agierte – eine Arbeit, die in dem Buch voll zum Ausdruck kam, das er 1925 veröffentlichte – war der Fingerabdruck des Erforschers des Landes der Bibel in dem Buch klar erkennbar. Dalman nutzte die hundert Fotografien, die in dem Buch erschienen, als Spiegel in die Vergangenheit und dachte darüber nach, was die Landschaften uns über die Welt Jesu und der Propheten sagt. Diese Tatsache führt Daman zu interessanten redaktionellen Entscheidungen; so vermerkt Professor Binyamin Zev Kedar in seinem Buch „Looking Twice at the Land of Israel“: „Dalman, der das Land Israel erforschte … hatte nicht das Gefühl Fotografien der neuen jüdischen Siedlungen einzubringen.“

Haifa und der Carmel, aber nicht Tel Aviv und andere neue Siedlungen

Nicht alle Fotografien in dem Buch wurden aus der Luft aufgenommen, so diese von Tiberias

Es wäre naiv Dalman als unpolitischen Forscher zu betrachten, der einzig an der Vergangenheit interessiert war. Als erster Direktor des von ihm gegründeten Instituts half Dalman dem Deutschen Reich unter religiös-christlicher Tarnung tiefer in den Nahen Osten einzudringen. Es ist möglich, dass Dalman (wie viele seiner deutschen Zeitgenossen), als er 1925 sein Buch veröffentlichte, fast ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des osmanischen und des deutschen Reichs, seine imperialistischen Sehnsüchte bezüglich des Nahen Ostens aufgegeben hatte. Aber Dalmans Neugier und Liebe zum Land der Bibel blieben bis zu seinem Tod im Jahr 1941 stark.

Leben unter Beschuss: Der Arzt, der die Zerstörung des Ersten Weltkriegs fotografierte

Felix A. Theilhaber diente im Großen Krieg als Arzt und machte Fotos der von deutscem Bombardment verursachten Schäden und Zerstörung.

Nationalbibliothek Israels, the Librarians, 3. Februar 2019

Bild des Felix Theilhaber in der Nationalbibliothek Israels

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im August 1914 brachte die Einberufung von hunderttausenden jungen Männer in die deutsche Armee mit sich. Die Einberufung galt für alle qualifizierten jungen Männer, einschließlich der jüdischen Bürger Deutschlands, die ihren Militärdienst mehrheitlich mit derselben Begeisterung aufnahmen wie der Rest der Bevölkerung. Auch jüdische Ärzte im geeigneten Alter wurden für das Sanitätswesen dienstverpflichtet. Sie arbeiteten als Militärärzte in den vielen Krankenhäusern, die eingerichtet wurden, um die ständig zunehmende Zahl verletzter Soldaten aufzufangen, die nach den schweren Schlachten des Großen  Krieges Behandlung und Versorgung benötigten.

Aus der Sammlung Felix Theilhaber in der Nationalbibliothek Israels

Felix A. Theilhaber (1887 – 1956) war ein junger jüdischer Arzt, der in Berlin und München Medizin studiert hatte. Als Student begann Theilhaber sich für den Zionismus zu interessieren und überlegte sogar ins Land Israel zu emigrieren. Der Ausbruch des Krieges verhinderte allerdings, dass er das auch machte. Stattdessen folgte er dem Ruf zum Dienst und diente seinem Land in einer Reihe Militärkrankenhäuser als Arzt. Felix war hauptsächlich in Polen stationiert, aber es scheint so, dass er auch an der Westfront in Belgien diente. Vor seinem Dienst im deutschen Militär hatte er in einer ähnlichen Rolle in der türkischen Armee auf dem Balkan gedient.

Aus der Sammlung Felix Theilhaber in der Nationalbibliothek Israels.

Im Ersten Weltkrieg erlebte Felix die volle, brutale Intensität eines totalen Krieges. Das war die Folge der schieren Zahl verletzter Soldaten, die von in seine Obhut kamen, obwohl ein zusätzlicher Aspekt der Grausamkeiten des Krieges ihm über die Verbreitung antisemitischer Anschuldigungen innerhalb der deutschen Armee offenbar wurde. Getrieben von seiner tiefen Überzeugung, dass die Juden gleichberechtigte Bürger Deutschlands seien, schrieb Theilhaber ein Buch über die Erfahrungen jüdischer Kampfpiloten in der neu gebildeten deutschen Luftwaffe.

Der Buchdeckel von „Jüdische Flieger im Weltkrieg“ von Felix A. Theilhaber

Theilhaber glaubte, dass der Beitrag der Juden zu einer solchen Eliteeinheit ein überzeugendes Argument für die Hingabe jüdischer Kämpfer an Deutschland bieten würde. Bei seinen Bemühungen Daten zu sammeln, suchte Theilhaber nach Piloten und Kämpfern, die in den Jahren 1914 bis 1918 Kampfflugzeuge bemannt hatten. Die Piloten korrespondierten brieflich mit Felix; in diesen Briefen schreiben sie von ihren Kriegserfahrungen, darunter Fotografien zur Illustration ihrer Geschichten. Einen Brief bekam er von Fritz Beckhardt, der nicht nur ein herausragender Kampfpilot war, sondern auch die höchste Auszeichnung der deutschen Armee erhalten hatte, den Königlichen Hausorden von Hohenzollern. Zufällig hatte Beckhardt in derselben Staffel gedient wie Herman Göring, der ein führender Nazi und Oberkommandierender der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg werden sollte. Das Staffelabzeichen war das Hakenkreuz und Beckhardts Flugzeug war mit diesem Symbol geschmückt. Dieses Foto erschent auf dem Buchdeckel von Felix Theilhabers Buch über jüdische Kampfpiloten, das während der 1920-er Jahre in zwei Ausgaben veröffentlicht wurde.

Aus der Sammlung Felix Theilhaber in der Nationalbibliothek Israels (vergrößertes Bild)

Als persönliche Erinnerung an die Kriegstage sammelte Theilhaber Fotografien, von denen er einige selbst aufgenommen haben könnte. Diese Bilder dokumentieren das Alltagsleben in den Militärkrankenhäusern, in denen er arbeitete, aber Felix wählte auch Landschaftsbilder von der Ostfront in Polen und Russland sowie von der Westfront in Belgien aus. Die Bilder der Stadt Leuven dokumentieren die vom deutschen Artilleriebeschuss verursachten starken Zerstörungen, der später von vielen internationalen Organisationen als unverhältnismäßiger Einsatz von Gewalt gegen ein Land verurteilt wurde, das sich für neutral erklärt hatte.

Aus der Sammlung Felix Theilhaber in der Nationalbibliothek Israels. (größeres Bild)

Sein Album ausgewählter Fotografien war im Besitz von Felix Theilhabers Sohn Adin Theilhaber-Talbar, der den Besitz seines Vaters 2013/14 der Nationalbibliothek spendete, ein paar Monate bevor er verstarb.

Felix Theilhaber schrieb zudem mehrere medizinische Lehrbücher und demografische Studien. Seine Forschung konzentrierte sich auf Deutschlands jüdische Bevölkerung und sah sogar ihren Untergang infolge der niedrigen Geburtenrate, von Mischehen und Assimilation voraus. Die von Theilhaber befürwortete Lösung war die Gründung eines jüdischen Staates.

Wie viele andere emigrierte Felix nicht vor 1935 ins Land Israel, nachdem er in Deutschland wegen seines jüdischen Erbes seine Zulassung als Arzt verloren hatte. Nach der Ankunft im Land Israel gründete Theilhaber mit weiteren Ärzten deutscher Herkunft den Maccabi-Krankenfond (bis heute eine der größten israelischen kassenärztlichen Vereinigungen Israels) und förderte das Bewusstsein zur Bedeutung körperlicher Aktivitäten.

Independent Arabia stellt österreichisch-ungarische Soldaten des Ersten Weltkriegs als nach Palästina einwandernde Juden dar

UK Media Watch, 16. Dezember 2019

Ein Artikel des Analysten und Redakterus (mit Sitz in Kairo) Ahmad ’Abd al-Hakeem im Independent Arabia (ein Joint Venture des britischen Independent und der saudischen Mediengruppe SRMG – vom 30. November beinhaltete das folgende Foto und die Bildbeschreibung:

Die Bildbeschreibung unter dem Foto mit Uniform tragenden Männern, die in perfekter Aufstellung marschieren, wobei sie Gewehre tragen, behauptet, sie seien in Wirklichkeit „Juden bei ihrer Einwanderung in den Staat Palästina“.

Das Foto (das aus der Sammlung der Library of Congress stammt) zeigt in Wahrheit österreichisch-ungarische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg an den Mauern Jerusalems vorbeimarschieren.

Abgesehen von dem abwegigen Foto kommen hier zwei Dinge auf (das erste empörender als das zweite):

  • Zivile jüdische Einwanderung nach Israel und Jerusalem wird arabischen Lesern des Independent als die einer gut organisierten und stark bewaffneten professionellen Armee präsentiert. Ob das gewollt passiert oder nicht, diese falsche Darstellung zeichnet eine heftig verzerrte Geschichte der Zeit.
  • Entgegen den Worten der Bildbeschreibung hat es einen „Staat Palästina“ zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegeben. Zusätzlich stellt selbst der Artikel in seinen ersten Worten fest, dass ein palästinensischer Staat derzeit nicht existiert.

„Seit der Resolution 181, auch als ‚Teilungsplan-Resolution‘ des ‚historischen Palästina‘ bekannt, wurde am 29. November 1947 verabschiedet, suchen die Palästinenser die Landkarten nach dem ab, was von ihrem ‚erhofften‘ Staat übrig geblieben ist.“

Recherche und Text von CAMERA Arabic. Bearbeitet von UK Media Watch.

Das [zum damaligen Zeitpunkt] „gigantischste Verbrechen aller Zeiten“

Raymond Ibrahim, 31. Oktober 2019 (FrontPage Magazine)

Eine üble Wahrheit der Geschichte ist gerade bestätigt worden. Am 29. Oktober stimmte das US-Repräsentantenhaus mit überwältigender Mehrheit (405 zu 11) zugunsten von Resolution 296, die offiziell anerkennt, dass osmanische Türken im Ersten Weltkrieg an den Armeniern Völkermord verübten. (Nicht überraschend gehörte Ilhan Omar zu den sehr wenigen, die sich enthielten; ihre unaufrichtige Logik wird später angesprochen.)

Um offizielle Politik zu werden, muss die Resolution allerdings von beiden Häusern des Kongresses genehmigt und dann vom Präsidenten unterschrieben werden. Der Senat hat derzeit keinen Termin, um über die Maßnahme abzustimmen.

Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Nach Angaben des Buches Remembrance and Denial: The Case of the Armenian Genocide

gab es zu Beginn des Jahres 1915 rund zwei Millionen Armenier in der Türkei; heute sind es weniger als 60.000 … Trotz der gewaltigen Menge an Beweisen, die die historische Realität des Völkermords an den Armeniern aufzeigen – Augenzeugenberichte, offizielle Archive, fotografische Belege, die Berichte von Diplomaten und die Zeugenaussagen von Überlebenden – wird die Leugnung des Völkermords an den Armeniern von aufeinander folgenden Regimen der Türkei von 1915 bis heute betrieben.

Tatsächlich empört sich die Türkei derzeit wegen dieser Resolution; ihr Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete sie als „wertlos“ und die „größte Beleidigung“ für das türkische Volk.

Derartige sture Leugnung grenzt ans Surreale, bedenkt man, wie gut dokumentiert der Völkermord an den Armeniern ist. So sagt die International Association of Genocide Scholars (Internationale Vereinigung der Völkermordforscher): „Der Völkermord an den Armeniern ist nicht umstritten, sondern wird einzig von der türkischen Regierung und ihren Apologeten bestritten“.

Das ist auch nichts Neues. Der ehrenwerte Henry Morgenthau, von 1913 bis 1916 US-Botschafter in der Türkei, schrieb in seinen Memoiren Folgendes:

Als die türkische Obrigkeit den Befehl für diese Deportationen gab, wurde lediglich das Todesurteil für eine gesamte Rasse ausgegeben; sie verstanden das durchaus und in ihren Gesprächen mit mir machten sie keinen sonderlichen Versuch diese Tatsache zu verbergen… Ich bin überzeugt, dass die gesamte Geschichte der menschlichen Rasse keinen so furchtbaren Abschnitt wie diesen gab. Die großen Massaker und Verfolgungen der Vergangenheit scheinen fast unbedeutend, vergleicht man das mit dem Leiden der armenischen Rasse 1915.

1920 hörte der US-Senat für Resolution 359 Zeugenaussagen zu „Verstümmelung, Verletzung, Folter und Tod“ zahlloser Armenier; der amerikanische Oberstleutnant James Harbord bezeichnete den Völkermord als „das gigantischste Verbrechen aller Zeiten“.

In ihren Memoiren, Ravished Armenia, beschrieb Aurora Mardiganian, wie sie vergewaltigt und in einen Harem geworfen wurde (was mit den Kriegsregeln des Islam überein stimmt). Anders als tausende anderer armenischer Mädchen, die nach ihrer Schändung entsorgt wurden, schaffte sie es zu entkommen. In der Stadt Malatia sah sie 16 junge christliche Frauen, die gekreuzigt worden waren: „Jedes der Mädchen war lebend an ihr Kreuz genagelt worden“, schrieb sie, „Nägel durch ihre Füße und Hände, nur ihr Haar wehte im Wind, bedeckte ihre Körper.“ Solche Szenen wurden 1919 im Dokumentarfilm Auction of Souls dargestellt, einschließlich des oben gezeigten Bildes gekreuzigter junger Frauen.

Während der Völkermord im Westen weithin anerkannt ist – lange vor dieser neuen Resolution hatten mehr als 40 amerikanische Bundesstaaten ihn formell anerkannt – wird eine seiner Haupt- wenn nicht die Grundursache ständig übersehen: die Religion (muslimische Türken gegen christliche Armenier).

Der Völkermord wird leider über ein einzigartig säkulares Paradigma zum Ausdruck gebracht, das sich fast ausschließlich auf Nationalismus, Identität, territoriale Auseinandersetzungen usw. konzentriert – womit moderne, säkulare Sensibilitäten des Westens auf enorm unterschiedliche Charaktere und Zeiten projiziert werden.

Krieg ist natürlich ein weiterer Faktor, der den wahren Kern des Völkermords verschleiert. Weil diese Gräueltaten zumeist während des Ersten Weltkriegs geschahen, so wird argumentiert, waren sie letztlich ein Spiegel genau von diesem – Krieg, in all seinem Chaos und Zerstörung und nichts sonst. Aber wie Winston Churchill, der die Massaker als einen „administrativen Holocaust“ beschrieb, richtigerweise feststellte: „Die Gelegenheit [Erster Weltkrieg] bot sich für die Räumung einer christlichen Rasse von türkischem Bodens an.“ Selbst Adolf Hitler hatte darauf hingewiesen: „Die Türkei nutzt den Vorteil des Krieges, um seine internen Feinde gründlich zu liquidieren, d.h. die indigenen Christen, ohne dabei durch Intervention aus dem Ausland gestört zu werden.“

Selbst der am häufigsten angeführte Faktor für den Völkermord an den Armeniern, „ethnischer Identitäts-Konflikt“, ist zwar legitim, muss aber im Licht der Tatsache betrachtet werden, dass Religion historisch oft mehr für die Identität einer Person entscheidend ist als Sprache oder Erbe. Das wird heute in der muslimischen Welt tagtäglich demonstriert, in der muslimische Regierungen und muslimische Mobs christliche Minderheiten verfolgen, die dieselbe Rasse, Sprache und Kultur haben; Minderheiten, die von der Mehrheit nicht zu unterschieden sind – außer natürlich dadurch, dass sie nicht muslimische, also „Ungläubige“ sind.

So fragt ein Professor für Armenien-Studien: „Wenn er [der Völkermord an den Armeniern] eine Fehde zwischen Türken und Armeniern war, was erklärt dann den von der Türkei an christlichen Assyrern zur gleichen Zeit verübte Völkermord?“ Dasselbe kann über die Griechen gesagt werden (von denen während des Ersten Weltkriegs rund 750.000 liquidiert wurden). Aus türkischer Sicht war das, was die Armenier, Assyrer und Griechen gemein hatten, dass sie alle Christen waren – „Ungläubige“.

Und dasselbe kann von all den Christen und anderen nichtmuslimischen Minderheiten gesagt werden, gegen die sich richtete, was die USA als von ISIS begangenem Völkermord anerkennen – ein weiterer Völkermord, der ebenfalls während des Chaos eines Krieges verübt wurde und zwar gegen diejenigen, deren einziges Verbrechen darin bestand „Ungläubige“ zu sein.

Anmerkung: Kapitel 4 des aktuellen Buches des Autors, Sword and Scimitar: Fourteen Centuries of War between Islam and the West, dokumentiert, dass der erste „Völkermord“ an den Armeniern durch die Türken schon genau vor einem Jahrtausend begann, im Jahr 1019.