Das Märchen vom psychisch kranken Jihadisten

Französischer Psychiater vernichtet die Wahnsinn-Rechtfertigung

Stephen Brown, FrontPageMag, 21. Mail 2019

Heutzutage wird nur allzu oft nach einem islamischen Terroranschlag der Täter praktisch sofort für psychisch krank erklärt. Oft wird das erklärt, bevor irgendeine psychische Untersuchung des Jihadisten vorgenommen oder andere Beweise offeriert werden. Diese Schlussfolgerung wird dann der Welt als Fakt und außerhalb jeglicher Diskussion präsentiert.

Zum Beispiel wurde der Jihadist/Mörder, der in Frankreich Sarah Halimi, eine 65-jährige jüdische Ärztin, 2017 bei einem antisemitischen Anschlag aus einem Fenster warf, nachdem er sie verprügelte, von den Behörden sofort „in eine psychiatrische Einrichtung, ohne dass er eine Gefängniszelle gesehen hatte“.

In Frankreich sind psychiatrische Einrichtungen für Jihadisten aufgebaut worden, die von den Kämpfen für den Islamischen Staat in Syrien zurückkehren. Den Franzosen wird zu verstehen gegeben, dass ihr Anschluss an und Kampf für eine solche völkermörderische Organisation schlicht eine psychische Abweichung sei, die medizinisch behandelt werden muss. (Wer ist hier irre?)

Und er französische Innenminister Gerard Collomb wollte „die psychiatrischen Krankenhäuser mobilisieren, um die radikalisierten Individuen zu identifizieren … um all diejenigen Profile zu finden, die morgen dazu übergehen könnten einen Anschlag zu verüben.“

Der französische Psychiater Yann Andretuan, Leiter des psychologischen Dienstes der französischen Marine, der mehr als ein Jahrzehnt in verschiedenen französischen Krankenhäusern gearbeitet hat, bestreitet diese psychiatrische Interpretation islamischer Terroranschläge; er betrachtet sie als falsch.

„Ich bin Psychiater und ich glaube nicht, dass Terrorismus Wahnsinn im psychopathologischen Sinne des Begriffs ist“, schreibt Andretuan in einem Artikel in Le Figaro,  einer französischen Zeitung.

Zuerst verficht Andretuan, dass Psychiatrie und Psychologie „nichts sagen, um diesen Wahn zu erklären und zu heilen“; er deutet an, dass es keine medizinischen Wurzeln gibt und eine medizinische Heilung daher unmöglich ist.

Andretuan fährt dann mit seiner eigenen Erfahrung als Psychiater fort. In seinen 12 Jahren Praxis in verschiedenen französischen Krankenhäusern erklärt er, er musste erst einmal einen Patienten physisch ruhig gestellt und wurde, ebenfalls erst einmal, von einem Demenzpatienten angegriffe, der über neunzig Jahre alt war.

„Geschlossenen Abteilungen können laut sein, es ist aber selten gewalttätig“, erklärt der erfahrene Psychiater.

Der französische Arzt führt dann eine Studie aus den 1990-ern an, die zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit „von einer Einzelperson angegriffen zu werden, die einen Psychiater konsultierte, zehnmal geringer ist als durch jemanden, bei dem das nicht der Fall ist“.

Manche haben argumentiert, dass die psychische Erkrankung der Jihadisten infolge der Tatsache offensichtlich ist, dass sie, manchmal leicht, für eine so mörderische Sache wie islamischem Terrorismus rekrutiert werden.

„Manche Individuen werden einen Grund finden, der ihnen in ihrem Delirium einen Sinn gibt … aber wie viele?“, fragt er. „Man muss keine Epidemie in geschlossenen Psychiatrien befürchten.“

Andretuan führt dann als Beispiel für die Schwierigkeit und Untauglichkeit des Anwerbens von Geisteskranken Kommandoeinheiten an, die die Engländer im Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben.

„Die Engländer glaubten, dass sie Soziopaten wegen deren fehlenden Hemmungen zu Töten anwerben könnten“, erklärte er. „Das war ein Fehlschlag. Also suchten sie nach Männern, gebildet und oft Produkt der englischen guten Gesellschaft, die keinerlei psychische Probleme aufwiesen…“

Außerdem, sagte Andretuan, haben Armeen instabile Rekruten immer ausgemustert, weil sie sie für zu schwierig unter Kontrolle zu halten betrachteten.

Indem sie die Terroristen als Verrückte bezeichnen, sagt Andretuan, suchen Politiker wie Collomb nicht nach einer Erklärung für die Terrorakte der Terroristen, sondern sie suchen nach „Konsequenzen dieser Schlussfolgerungen“, im Glauben sie könnten geheilt werden wie die Mitglieder einer Sekte.

„Alles in allem: Wenn man ein Opfer einer Sekte überzeugen kann diese zu verlassen, dann ist das mit einem Terroristen genauso möglich“, schreibt Andretuan über diese falsche Vorstellung. „Man kann Terrorkandidaten daher mit psychologischen Techniken ‚entradikalisieren‘, auf eine gewisse Art und Weise den Prozess der Konditionierung umkehren und sie damit in gute Bürger aus ihnen machen.“

Mit anderen Worten: „Die Wissenschaft darf nicht nur erklären … sie muss auch handeln“, was, wie Andretuan behauptet, „die Funktion von Ingenieuren ist“.

Andretuan glaubt, dass Frankreich mit seinem Missbrauch der Psychiatrie so langsam die ehemalige Sowjetunion übernimmt. Die Sowjetunion sperrte diese Störern der Gesellschaft, die Dissidenten, in psychiatrische Krankenhäuser, während Frankreich dasselbe mit Unruhstiftern n seiner Gesellschaft, den Jihadisten, macht. Und wie die Sowjets mit ihren Dissidenten scheinen die französischen Behörden die Gründe der Jihadisten für deren mörderisches Verhalten mit ähnlicher Gleichgültigkeit zu behandeln, wie ein Ärgernis, das irgendwann verschwinden wird, „wie Mücken im Sommer“, obwohl die Jihadisten, anders als die sowjetischen Dissidenten, „ohne Ansehen der Person töten.“

Andretuan stellt mit der Psychiatrisierung der Jihadisten „einen Trend“ seitens der französischen Regierung fest, nämlich ihr Verhalten zu „naturalisieren“, in ihnen „eine biologische oder wissenschaftliche Wahrheit“ zu finden. In unserer Zeit, erklärt er, gibt diese Naturalisierung eine Art „Legitimität“.

„Durch die Naturalisierung des Problems des Terrorismus“, erklärt Andretuan jedoch, „entleert man dessen politische Dimension. Man kann sich ja nicht mit Verrückten im Krieg befinden.“

Und sehr wichtig: Mit der Räumung der politischen Dimension müssen die französischen Politiker, in Angst vor ihrer großen muslimischen Minderheit, die Wurzeln der Terroranschläge nicht untersuchen, die im Islam selbst zu finden sind.

Der französische Autor Gilles William Goldnadel glaubt, dass diese „gedankenlose und unverantwortliche Verpflichtung“ islamische Terroristen als geistesgestört zu betrachten „an sich ein soziale5, politische5 und psychologischer Wahn“ ist. Goldnadel glaubt zurecht, dass islamische Terroristen nicht in psychiatrische Betreuung gehören, sondern ins Gefängnis.

Der französische Pychiatrieprofessor Raphael Gaillard glaubt auch, dass „die große Mehrzahl der Terroristen keine Verbindung zu Psychiatrie haben“, während der französische Terrorismusexperte Romain Caillet dabei bleibt, dass die „Mehrheit der Psychiater und Terrorismusexperten „nichts tun, um die Radikalisierung psychiatrisch zu erklären“.

Die Weigerung der französischen Regierung auf die Worte ihrer Terrorismus- und Psychiatrie-Experten zu hören, führt jedoch zu verstörenden Schlüssen. Mit der „Räumung der politischen Dimension“ und dem Versuch die Terroranschläge psychiatrisch zu erklären, konstatiert Caillet, wird „das Stellen beunruhigender Fragen vermieden“. So, wie bereits erwähnt, die islamischen Wurzeln der Anschläge.

Als genauso wichtig betrachtet Goldnadel in der Psychiatrisierung islamischer Terroranschläge den Versuch der Regierung die Terroristen von aller persönlichen Verantwortung für ihr Tun freizusprechen. Immerhin: Wenn man keinen Krieg gegen Verrückte führt, wie Adretuan behauptet, dann macht man Verrückte auch nicht für ihr Tun verantwortlich.

Aber Goldnadel sieht etwas Gefährlicheres, sogar Perverses in der Psychiatrie-Verteidigung islamischer Terroristen.

„Ich bestätige… dass diese Tendenz zur psychiatrischen Ausrede auch eine Unentschlossenheit sich selbst physisch und mit tödlichen Waffen zu verteidigen versteckt und stattdessen Entradikalisierung vorziehen….“

Andretuan gibt aber zurecht an: „Widerstand zu leisten heißt weiterzuleben.“ Und das französische Volk sollte sich nicht erlauben „von der Angst erschüttert zu werden, die die Terroristen erzeugen wollen.“

Es ist aber diese Weigerung die Jihadisten zu bekämpfen, sie mit psychiatrischen Glacéhandschuhen anzufassen und dem französischen Volk die Sicherheit zu verweigern, die es verdient und für die zu sorgen es ihre Pflicht ist, die das größte Verbrechen der französischen Politiker darstellt. Der französische Autor Shmuel Trigano fasst das treffend so zusammen: „Sie opfern die Opfer, um die Schlacht nicht an die Henker abgeben zu müssen.“

Andretuan stellt allerdings richtigerweise heraus: „Es ist nicht nötig eine Suche nach den Hauptursachen des Wahnsinns durchzuführen… um zu bestätigen, dass es Monster gibt und dass es notwendig ist sie zu bekämpfen.“

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Die fast perfekte Manipulation: Israel zukünftiger Verbrechen beschuldigen

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor; auf Englisch veröffentlicht bei BESA)

Der aus dem Amt scheidende französische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Gérard Araud, ist ein längjähriger Hetzer gegen Israel und gerissener Anwender antisemitischer Anschuldigungen. In einem Abschiedsinterview mit dem Atlantic sagte er, Israel werde die Palästinenser entweder komplett staatenlos oder zu israelischen Staatsbürgern machen müssen. Er fügte an: „Sie werden sie nicht zu israelischen Bürgern machen. Also werden sie es amtlich machen müssen, was heißt, dass wir die Lage kennen und die ist eine Apartheid. Es wird offiziell zum Apartheidstaat werden. Faktisch ist es das schon.“[1]

Dass das semantisch armselig ist, ist eine Randerscheinung. Arauds clevere Manipulation nutzt eine Anschuldigung über das, was in der Zukunft geschehen könnte. Das ist extrem schwierig zu widerlegen. Beschuldigt man jemanden, indem man sagt: „Du bist ein Vergewaltiger“, dann mag ein Beweis erforderlich sein. Sagt man jedoch: „Du wirst ein Vergewaltiger sein“, muss nichts bewiesen werden. Nur mit dem Tod des Beschuldigten wird voll klar werden, dass die hasserfüllte Anschuldigung falsch war. Indem er in seiner Anschuldigung betont, dass Israel in der Zukunft zum Apartheidstaat werden wird, konnte Araud nebenbei als Bemerkung einwerfen, dass Israel aktuell bereits ein solcher Staat sei.

Eine der wenigen Optionen, um Anschuldigungen über das Begehen von Verbrechen in der Zukunft gegenzusteuern, besteht darin die Person zu untersuchen, die die Manipulation betreibt. Ein französischer Botschafter sollte zu den letzten gehören, die Israel Apartheid vorwerfen. Nach Frankreichs Niederlage gegen die Deutschen 1940 und dem folgenden Waffenstillstand beendete das gewählte Parlament der französischen Dritten Republik deren Bestehen, indem sie Philippe Pétain zum Staatschef ernannten, der Allgewalt bekam. Die folgenden Regierungen machten aus Frankreich ein Land, das weit schlimmer als ein Apartheidstaat war. Vichy-Frankreich, noch autonom, verbannte Juden aus vielen Berufen, darunter im öffentlichen Dienst. Danach beschlagnahmte es jüdische Unternehmen. Es hielt zehntausende jüdischer Flüchtlinge in Konzentrationslagern. Das Vichy-Regime übergab viele zehntausende Juden den Deutschen, die sie dann in den Tod deportierten.

Es gab im Krieg massive Kollaboration zwischen den Franzosen und den Deutschen. Nach dem Krieg wollten französische Regierungen keine Verantwortung für das Tun Vichys übernehmen. Das war so, obwohl Pétain legal an die Macht gekommen war. Der sozialistische Präsident François Mitterand, 1981 bis 1995 im Amt, war ursprünglich ein Vichy-Mitarbeiter. Er wechselte die Seiten und schloss sich 1942 der Résistance an. Damit war Mitterand sich der Verbrechen Vichys durchaus bewusst. Er lehnte es trotzdem ab Frankreichs Verantwortung dafür anzuerkennen.

Erst 1995 unter Jacques Chirac, Mitterands Mitte-Rechts-Nachfolger als Präsident der Fünften Französischen Republik, änderte sich die Politik des Landes plötzlich. Am 16 Juli 1995 gestand Chirac Frankreichs Rolle bei der Ermordung der Juden ein, die es nicht beschützt und stattdessen ihren Henkern ausgeliefert hatte. Bei einer Gedenkfeier sagte er, dass Frankreich den Nazis Hilfe bei der Verhaftung von Juden als Schritt auf dem Weg zu ihrer Ermordung gab. Er fügte hinzu: „Wir haben ihnen gegenüber eine untilgbare Schuld.“[2]

Die jüngste Hetze Arauds gegen Israel kommt viele Jahre nach der ersten. Freddy Eytan, ein ehemaliger israelischer Botschafter, der derzeit beim Jerusalem Center for Public Affairs aktiv ist, erinnerte an früheres Fehlverhalten Arauds. Dieser war 2003 bereits als Botschafter in Israel bestellt, hatte aber seine Referenzen noch nicht vorgelegt, als er sagte: „Sharon ist ein Verbrecher und Israel ist paranoid.“ Das kostete ihn beinahe den Job.[3]

Yassir Arafat starb 2004 in einem französischen Krankenhaus. Frankreich erwies ihm militärische Ehren. Damals war bereits bekannt, dass Arafat – nachdem er Nobelpreisgewinner wurde – persönlich die Dokumente unterschrieb, wie viel Geld einzelne palästinensische Mörder von Israelis erhalten sollten. Diese Dokumente wurden gefunden, nachdem das Orienthaus, der ehemalige Sitz der PLO in Jerusalem, 2001 von Israel besetzt wurde.[4]

Araud war damals Botschafter in Israel. Er äußerte, dass es in Israel eine antifranzösische Neurose gebe.[5] Neurose ist eine Art Geistesgestörtheit, aber tatsächlich hatten diese Israelis, die das extreme Fehlverhalten einer französischen Regierung offenlegten, die einem Massenmörder an Israelis Ehren erwiesen, sehr viel gesunden Menschenverstand.

Nach heftiger Kritik an seinen Äußerungen im Atlantic erklärte Araud in Tweets, dass er sich auf die Westbank bezog, nicht auf Israel, das kein Apartheidstaat sei. Vergleicht man jedoch diese Tweets mit seinen Äußerungen in dem Interview, dann passen sie nicht zusammen. Seine Erklärung macht einfach keinen Sinn.

Arauds Äußerungen in dem Interview schließen sich verschiedenen anderen Paradigmen verbaler Dämonisierung an, die auf Anschuldigungen zu zukünftigem kriminellen Handeln gründen.[6] Eine davon lautet, dass Israel vor hat die Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg zu zerstören.[7] Nadav Shragai, ein israelischer Journalist, der auf die Geschichte des palästinensisch-israelischen Konflikts mit Blick auf Jerusalem spezialisiert ist, sagt: „Diese Falschmeldung wird von führenden palästinensischen, arabischen und muslimischen Gruppen und Einzelpersonen verbreitet. Haddsch Amin al-Husseini, vor dem Krieg Großmufti von Jerusalem, war der erste, der in den 1920-er Jahren diese Verleumdung propagierte. Es war Teil der enormen antisemitischen Aktivitäten dieses Verbündeten Hitlers.“

Shragai fügte an: „Die Lüge ‚Al-Aqsa ist in Gefahr‘ ist 1967 massiv ausgebaut worden. Sie wird von offiziellen iranischen Quellen propagiert – Al-Qaida, Hama, Hisbollah usw. Ikrama Sabri, ehemaliger Mufti von Jerusalem, ernannt von der palästinensischen Autonomiebehörde, ist ein weiterer führender Verbreiter der Al-Aqsa-Verleumdung.“[8]

Eine weitere Anschuldigung zu zukünftigen Taten, die Israel begehen wird, wurde vom deutschen Literatur-Nobelpreisträger Günther Grass erhoben. Er behauptete in einem Hass-Gedicht – ohne irgendwelche Beweise vorzulegen – Israel wolle mit Atombomben Völkermord am iranischen Volk begehen. Dieser linke Dichter, in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS, muss gewusst haben, dass die Führer des Iran Israel mit Völkermord drohen. Trotzdem suggeriert er das Umgekehrte.

Grass‘ Gedicht wurde von großen europäischen Tageszeitungen veröffentlicht, darunter der deutschen Süddeutsche Zeitung,[9] der italienischen La Republicca,[10], dem britischen Guardian,[11], der spanischen El País,[12], der dänischen Politiken[13] und der norwegischen Aftenposten.[14] Derart ausgedehnte Veröffentlichung ist für ein Gedicht so außergewöhnlich, dass das nur mit den antiisraelischen Einstellungen der Herausgeber der Zeitungen erklärt werden kann.[15]

Vom rechten ehemaligen Premierminister François Fillon wurde ein weiterer haltloser Vorwurf erhoben. 2014 behauptete er, dass Israel eine Bedrohung des Weltfriedens sei. Er formulierte diese Lügengeschichte mit der Aussage, Israel stelle eine solche Bedrohung dar, weil es nicht half einen Palästinenserstaat zu schaffen.[16]

Alle oben angeführten Anschuldigungen sind weit schwieriger zu bekämpfen als Lügen über zeitgenössische Dinge. Das bedeutet aber nicht, dass man es nicht versuchen sollte.

[1] www.theatlantic.com/politics/archive/2019/04/conversation-outgoing-french-ambassador-gerard-araud/587458/

[2] Discours du President de la Republique, M. Jacques Chirac, lors des ceremonies commemorant la grande rafle des 16 et 17 juillet 1942 (Rafle du Vel’d’hiv). Paris, 16. Juli 1995, http://www.ambafrance-us.org/news/statmnts/1998/wchea/vel2.asp.

[3] http://jcpa-lecape.org/la-diplomatie-francaise-deraille-aveuglee-par-la-nostalgie-du-levant/

[4] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/15297

[5] http://www.worldjewishcongress.org/en/news/french-ambassador-to-israel-criticizes-quot-anti-french-neurosis-quot

[6] https://www.jpost.com/Israel-News/French-envoy-summoned-after-ambassador-to-US-calls-Israel-apartheid-state-588263

[7] Nadav Shragai: The “Al-Aksa is in Danger” Libel: The History of a Lie. Jerusalem (Jerusalem Center for Public Affairs) 2012.

[8] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nadav Shragai: Libel: Israel Intends to Destroy the Al-Aksa Mosque, Israel National News, 16. Oktober 2013.

[9] Günther Grass: Was gesagt werden muss. Sueddeutsche.de, 10. April 2012.

[10] Günter Grass: Quello che deve essere detto. La Repubblica, 4. April 2012; Ugo Volli: Poesia dedicata a Günter Grass; Andrea Tarquini: Una poesia contro Israele, l’ultima provocazione di Grass Le sue atomiche una minaccia; Adriano Prosperi: Se la storia viene capovolta in un brusio di responsabilità, Informazione Corretta, 4. April 2012.

[11] Günter Grass: What Must Be Said. The Guardian, 5. April 2012.

[12] Günter Grass: Lo que hay que decir. El Pais, 4. April 2012.

[13] Dokumentation: Læs Günter Grass’ digt. Politiken, 7. April 2012.

[14] Günter Grass: Det som må sies. Aftenposten, 8. April 2012.

[15] Manfred Gerstenfeld: Part-Time Anti-Semites. Israel National News, 23. April 2012.

[16] Vote sur la “Palestine Fillon: ‘Israël menace la paix mondiale.’” Le Monde Juif, 16. November 2014.

Notre Dame: Die Christenheit wird in Europa entweiht

Exklusiv: Hanne Nabintu Herland berichtet über zunehmende Vorfälle an Anschlägen auf französische Kirchen.

Hanne Nabintu Herland, WND, 8. Mai 2019

Geheimnisse umgeben den Brand der Kathedrale Notre Dame in Paris, dem Symbol schlechthin für Frankreichs christliches Erbe. Noch bevor das Feuer gelöscht war, erklärten die französischen Behörden, dass das Feuer von Notre Dame „ein Fehler infolge der Renovierungen“ war. Wir konnten sie das da schon wissen? Nur ein paar Tage davor brannte am Sonntag, 17. März die Pariser Kirche St. Sulpice, durch Brandstiftung – wie es vielen Kirchen im letzten Jahr in Frankreich geschah. Trotzdem schlossen die französischen Behörden bei Notre Dame Brandstiftung aus, noch bevor die Sache untersucht wurde, was manche als politische Entscheidung beschreiben.

Die von Flammen verzehrte Notre Dame wurde sofort von den gesamten Mainstreammedien als isoliertes Ereignis beschrieben. Warum? Mehr als 1.000 Kirchen sind allein in Frankreich in Brand gesetzt, mutwillig beschädigt und Diebstahl unterworfen worden. Mehr als 80 Prozent der geschändeten Gotteshäuser in Frankreich sind nach Angaben der Polizeiberichte christliche Kirchen. Das ist ein massiver Skandal.

Die Lage ist erschreckend: Im selben Zeitraum wie der Brand von Notre Dame wurde die Basilika Saint-Denis außerhalb von Paris verwüstet und in Notre-Dame-des-Enfants in Nime wurde menschliche Kacke in Form eines Kreuzes auf eine Wand geschmiert, die Hostien im Müll aufgefunden. Menschliche Exkremente werden regelmäßig auf und in französische Kirchen geschmiert, eine durchaus bekannte Methode Hass gegen das zu demonstrieren, was heilig ist.

Jeden Tag werden jetzt zwei Kirchen geschändet, doch französische Politiker und auch Geistliche bleiben hinter einem Schweigecode weggeschlossen. Es wird sehr wenig getan, um das aufzuhalten, obwohl Gerüchte besagten, dass die Priesterschaft und Kirchenführer die Regierung verzweifelt anflehen zu reagieren. Das ist ein Skandal gigantischen Ausmaßes und ein unverhohlener Angriff auf die traditionellen Werte Frankreichs. Was, wenn Notre Dame eine Moschee oder eine Synagoge gewesen wäre? Der Aufruhr hätte ein Allzeithoch erreicht. Dennoch erwähnen die Medien die Angriffe auf die Kirchen kaum, obwohl die Wahrheit über das langesame Töten der Christenheit in Frankreich zum Schweigen gebracht wird.

Es scheint Beispiele ohne Ende zu geben. Der Islamwissenschaftler Raymond Ibrahim schreibt: Die katholische Kirche St. Nicholas in Houilles wurde im Februar bei drei verschiedenen Gelegenheiten vandalisiert, eine als unersetzlich eingeschätzte Statue der Jungfrau Maria wurde komplett pulverisiert und ein aufgehängtes Kreuz wurde auf den Boden geworfen. Die Kathedrale Saint-Alain in Lavaur wurde geschändet und Kreuze zerschlagen, das Altartuch verbrannt und die Arme eines gekreuzigten Christus auf verhöhnende Weise verstümmelt. Ibrahim fügt hinzu, dass eine Studie aus dem Januar 2017 enthüllte, dass islamistische Extremisten Angriffe auf Christen in Frankreich um 38 Prozent zunahmen; sie stiegen von 273 Anschlägen im Jahr 2015 auf 376 im Jahr 2016. Da die französischen Medien die ethnische Herkunft der Täter nicht erwähnen, kann man kaum wissen, in welchem Ausmaß die Verwüstungen mit Muslimen oder säkularen Extremisten in Verbindung stehen, aber Kacke auf Kirchen zu schmieren und Exkremente auf Altären ist kaum eine typische europäische Art Verachtung zu demonstrieren.

Es gibt weitere treibende Kräfte. Notre Dame ist Staatsland und war nicht versichert. Das Gebäude befand sich in schlechter Verfassung; die Regierung hatte Jahren lang das Drängen der Geistlichen auf Renovierung blockiert. Das Holzdach, wo das Feuer „begann“, wurde angeblich nicht renoviert, es gab dort keine Arbeiter und die französische Regierung entfernte vor kurzem die wertvollen Kunstgegenstände.

Eines ist sicher: Die Flut an Anschlägen auf Kirchen in Frankreich wird von den radikal-säkularen Eliten nicht als wichtig betrachtet, die seit Jahrzehnten danach streben Frankreichs christlich-traditionelle Werte als überholt zu untergraben. Würde es sie kümmern, hätten sie etwas deswegen unternommen.

Seit der Französischen Revolution ist die Verspottung der Religion und Verachtung für Priester ein nationaler Charakterzug gewesen. Als das Magazin Charlie Hebdo sich entschied ein Jahr nach dem Terroranschlag von 2015 ein blasphemisches Bild abzudrucken, das Gott mit Blut auf der Kleidung darstellte und sagte, er sei der wahre Täter, erklärte der Vatikan, das Titelbild sei frevelhaft: „Hinter der irreführenden Flagge eines kompromisslosen Säkularismus vergisst die französische Wochenzeitschrift einmal mehr worauf religiöse Leiter eines jeden Glaubens seit Ewigkeiten drängen – Gewalt im Namen der Religion abzulehnen und das Gott zu nutzen um Hass zu rechtfertigen waschechte Blasphemie ist.“ Es wurde hinzugefügt, dass Charlie Hebdo den Glauben der Gläubigen an Gott nicht respektieren will.

Nach dem Brand in Notre Dame haben französische Offizielle sich weitgehend auf ihren kulturellen Wert konzentriert; Milliardäre retten jetzt den französischen Staat vor den Restaurationskosten, konzentrieren sich jedoch auf das spirituelle Erbe der Kirche als wertvollstes Element. War Religion in Frankreich – und mit ihr die traditionelle europäische Kultur – tot, lange bevor Notre Dame brannte?

Kann ein Europa ohne Juden Europa sein?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz erklärte vor kurzem: „Europa ohne Juden kann nicht Europa ein.“[1] Sein Land ist derzeit bis Ende diesen Jahres Inhaber der Vorsitzes des Rats der Europäischen Union. Österreich organisiert für den 20.-21. November mit dem European Jewish Congress eine Konferenz zu Antisemitismus in Wien.[2]

Kurz‘ Äußerung sollte etwas detaillierter betrachtet werden. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben Juden wieder sehr hochrangige Positionen in einer ganzen Reihe westeuropäischer Länder inne gehabt. Frankreich, Österreich und die Schweiz haben jüdische Premierminister gehabt. Belgien hatte einen jüdischen stellvertretenden Premierminister gehabt. In Großbritannien, Frankreich, Irland, Italien, Dänemark und den Niederlanden hat es jüdische Minister gegeben. Das Vereinte Königreich und Frankreich haben aktuell jüdische Minister. In Großbritannien haben sowohl die Konservative als auch die Labour Party jüdische Parteichefs gehabt, als ihre Parteien in der Opposition waren. Gibt es aber irgendetwas besonders Jüdisches zur Art, wie diese Leute ihre Pflichten wahrnahmen?

Man kann mit Modellen spielen. Nimmt man theoretisch an, dass alle Juden Europa verlassen, was könnte es Wichtiges geben, das dem Kontinent widerfährt? Die von Juden gehaltenen Jobs würden von anderen übernommen. Gleichermaßen können andere einen Teil der Geschäfte der Juden weiterführen. Neue Einwohner würden in den Häusern und Wohnungen leben, die bis dahin von Juden bewohnt wurden. Die Abwesenheit von einigen Juden würde vielleicht ein paar Jahre zu fühlen sein. Die deutsche Besetzung vieler europäischer Länder während des Zweiten Weltkriegs hat gezeigt, dass Gesellschaften ohne Juden fast schmerzfrei weiter funktionieren können. Damals wurden Juden schnell vertrieben. Heutzutage würde ihr Verschwinden, das kaum total wäre, sukzessive erfolgen.

Will man analysieren, ob Europa ohne Juden in der Tat noch Europa ist oder nicht, muss man in anderen Richtungen forschen. Eine wichtige symbolische Rolle der Juden ist für europäische Gesellschaften die des Sündenbocks gewesen. Das wird jetzt von Migranten geteilt. Würden Juden weggehen, müssten radikale Muslime und Rechtsextreme ihrer Gewalt anderen gegenüber Ausdruck geben.

Dass Juden in europäischer Gesellschaft leben, macht es leichter verbal antisemitisch anzugreifen. Es gibt aber Belege, dass es keine anwesenden Juden braucht, um antisemitisch zu sein. Darüber hinaus richten viele antisemitische Stereotype und Lügen sich jetzt gegen Israel. Namen und Bedeutung von Shylock und Rothschild sind nachhaltig in die europäische Kultur eingebettet und das wird auch lange nach dem hypothetischen Weggang der letzten Juden Europas so bleiben.

Eine weitere symbolische Rolle, die Juden in Europa spielen, ist die des Indikators der demokratischen Gesundheit eines Landes. Das ist am stärksten in Deutschland der Fall. Sollten alle Juden das Land verlassen, dann würde das bedeuten, dass Deutschlands Gesellschaft und seine Kultur in großen Schwierigkeiten stecken. Die Anwesenheit von mehr als hunderttausend Juden legitimiert die deutsche Demokratie. 2015 wie 2016 sagte der französische Premierminister Emanuel Valls, damals noch Sozialist: „Ohne die französischen Juden wird Frankreich nicht Frankreich sein.“ Seine erste Äußerung kam nach dem Mord eines Muslims an vier Juden in einem Pariser Supermarkt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zehntausende Juden aus dem Land ausgewandert.[3] Das ist ein Teilindikator des unlösbaren Antisemitismusproblems Frankreichs.

Eine Meinungsumfrage des Jewish Chronicle stellte fest, dass vierzig Prozent der britischen Juden ernsthaft überlegen würden das Königreich zu verlassen, wollte Labour-Chef und Terroristen-Sympathisant Jeremy Corbyn Premierminister werden.[4] Selbst wenn das geschehen sollte, wird es kaum einen Massenexodus britischer Juden geben. Aber über den Weggang nachzudenken ist bereits ein Indikator für Unbehagen.

Juden stellen weniger als 0,2% der Bevölkerung von Schweden, dennoch sind sie ein wichtiger Indikator des heiklen Zustands in diesem ultraliberalen Land. Schweden ist das einzige Land in Europa, in der eine jüdische Gemeinde, die in der Stadt Umea, den Beschluss fasste sich infolge von Neonazi-Drohungen aufzulösen.[5] Man kann eine ganze Reihe weiterer Beispiele von Antisemitismus als Indikatoren für den schlimmen Zustand des schwedischen Rechtsstaats anführen.

In der gedachten Annahme, dass keine lebenden Juden in Europa übrig bleiben, werden aber viele tote Juden verbleiben. Diese sind oft beliebter als die lebenden. Jüdische Friedhöfe werden bleiben. Allein in Polen gibt es mehr als tausend.[6] In bestimmten Regionen ist die Asche verbrannter Juden nicht aus dem Boden zu holen.

Nach dem Holocaust wurden viele Synagogengebäude vernichteter Gemeinden anderer Nutzung zugeführt. Dasselbe dürfte mit vielen der bestehenden jüdischen Gebäude geschehen. Die meisten nach Juden benannten Straßen werden wohl nicht umbenannt werden. Holocaust-Mahnmale werden nicht unbedingt abgeschafft. Besuche in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern können weitergehen. Man braucht keine Juden, um jedes Jahr der Kristallnacht zu gedenken oder den internationalen Holocaust-Gedenktag zu begehen.

Es gibt europäische Führungspolitiker neben Kanzler Kurz, die starke Worte gegen Antisemitismus in den Mund nehmen. Das mag manchen Juden ein gutes Gefühl geben. Ob diese Äußerungen in der Praxis irgendetwas bedeuten, bleibt abzuwarten und benötigt detaillierte Recherche.

Weit wichtiger sind die Ergebnisse der anstehenden Konferenz in Wien. Eine Reihe notwendiger Empfehlungen ist einfach zu definieren. Dazu gehört die Zuwanderung weiterer Antisemiten nach Europa zu stoppen, die Gründung eines einheitlichen Systems für die Meldung antisemitischer Vorfälle in allen EU-Ländern und die Durchführung einer verlässlichen Studie zu antisemitischen Erfahrungen von Juden. Die aktuell von der FRA, der Europäischen Agentur für Fundamentale Rechte, durchgeführten Studie kann nicht genau sein. Darüber hinaus sollten in allen EU-Ländern Antisemitismus-Beauftragte ernannt werden, die dem deutschen Beispiel folgen. Zusätzlich sollte die Zahl der Mitarbeiter, die für den EU-Kommissar für Antisemitismus arbeiten, stark erhöht werden. Man könnte viele weitere Empfehlungen geben.

Die Äußerung von Kanzler Kurz war zweifellos gut gemeint. Doch wenn der letzte Jude Europa verlassen haben oder sterben sollte, würde eine wichtige und bequeme Veränderung erfolgen: Europas nicht lösbarer Kampf gegen Antisemitismus könnte aufgegeben werden.

[1] https://kurier.at/politik/inland/kurz-europa-ohne-juden-ist-nicht-mehr-europa/400310580

[2] ebenda

[3] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2016/01/10/97001-20160110FILWWW00025-valls-sans-les-juifs-de-france-la-france-ne-serait-pas-la-france.php

[4] http://www.thejc.com/news/uk-news/nearly-40-per-cent-of-british-jews-would-seriously-consider-emigrating-if-corbyn-became-pm-1.469270

[5] http://www.jta.org/2018/07/10/news-opinion/caught-between-jihadists-and-neo-nazis-swedish-jews-fear-for-their-future

[6] http://jewish-heritage-europe.eu/2017/11/01/the-state-of-jewish-cemeteries-in-poland-2017/

Kann das organisierte Judentum in Deutschland sich „normal“ verhalten?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Juden füllen in europäischen Gesellschaften viele Funktionen und Rollen aus. Viele Jahrhunderte lang dienten sie Mehrheitsbevölkerungen als Sündenböcke. Das hat dazu geführt, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur geworden ist. Die symbolische Rolle der Juden als Inbegriff des Fremden hat jedoch seit dem massiven Zustrom von Arabern und Afrikanern abgenommen. Dasselbe gilt für Juden als charakteristisch exotische Gestalten.

Juden sind auch oft frühe Gradmesser für soziale Probleme. Regelmäßige verbale und physische Angriffe auf Juden durch einige Muslime haben geholfen die Aufmerksamkeit auf verschiedene der vielen Probleme zu lenken, die durch beträchtliche Segmente dieser Migrantengruppen nach Europa gebracht wurden. Infolge des Holocaust sind neue Rollen entstanden. Dazu gehören in einigen Fällen der Jude als typisches Opfer und Juden als Maßstab der Moral in der Gesellschaft.

Der Ermordung von Juden durch einen Muslim in einem Pariser Supermarkt im Januar 2015 ließ mehr französische Juden über die Idee nachdenken ihr Land zu verlassen. Der damalige französische Premierminister Manuel Valls sagte: „Frankreich wird ohne die Juden nicht mehr Frankreich sein.“[1] Die tieferliegende Botschaft war klar: Wenn Juden zunehmend Frankreich verlassen, weil sie bedroht sind, dann verschwindet ein legitimierender Faktor der französischen Demokratie.

Präsident Emmanuel Macron erklärte zudem, dass manche Erfahrungen der Juden Indikatoren des Wohlergehens des Landes sind. Auf dem jährlichen Dinner der CRIF, der Dachorganisation der französischen Juden, sagte er im März 2018: Antisemitismus ist das „Gegenteil der Republik“ und „die Entehrung Frankreichs“.[2]

Am wichtigsten ist diese legitimierende Rolle der Juden in Deutschland. Seit den 1990-er Jahren haben deutsche Regierungen Juden aus Russland ins Land einwandern lassen, obwohl diese Immigranten keine historische Verbindung zu ihm hatten. Dieser Zustrom betrug etwa 200.000, was sie bei weitem zur größten Herkunftsgruppe des Judentums in Deutschland machte.

Die symbolisch legitimierende Bedeutung von in Deutschland lebenden Juden ist offenkundig. Wenn Juden trotz der grauenhaften Vergangenheit unter dem Nazi-Regime im Land zunehmend präsent sind, sollte das so interpretiert werden: Deutschland ist eine „normale“ Demokratie geworden. Manchmal hat das zu stolzen Äußerungen geführt, dass Deutschland das einzige europäische Land mit einer wachsenden jüdischen Bevölkerung ist. In den letzten Jahren sinkt die Zahl der Mitglieder des organisierten Judentums in Deutschland; es zählt heute weniger als 100.000.

Heutzutage werden im „normalen“ Deutschland durchschnittlich vier antisemitische Vorfälle pro Tag zur Anzeige gebracht. Es gibt starke Hinweise darauf, dass die tatsächliche Zahl beträchtlich höher liegt. Offizielle Statistiken schreiben fast alle Angriffe fälschlicherweise rechten Tätern zu. Diese Fehlrechnung wurde zum Beispiel vom Antisemitismusbeauftragten des Landes, Felix Klein offengelegt. Er erklärte, dass die physischen Angriffe auf Juden durch Muslime weit zahlreicher sind als berichtet wird.[3] Doch diese verfälschten Statistiken werden weiter veröffentlicht.

Vor kurzem schien ein recht bedeutendes Ereignis die angebliche „Normalität“ des jüdischen Lebens in Deutschland zu stören.[4] Rund zwanzig Juden bildeten eine jüdische Gruppe in der rechtspopulistischen und antiislamischen Partei AfD.[5] Keine dieser Personen hatte eine Position in einer der großen jüdischen Organisationen, aber die jüdische Gemeinschaft zeigte eine starke Überreaktion. Siebzehn jüdische Organisationen sprachen sich gegen diese jüdische AfD-Gruppe aus.[6] Das ist fast eine jüdische Organisation pro Mitglied. Die Dachorganisation, der Zentralrat der Juden in Deutschland, bezeichnete die AfD als „rassistisch“ und „antisemitisch“. Das mag für einige ihrer Führungskräfte gelten, aber nicht für alle und gewiss nicht für beträchtliche Teile ihrer Wähler.

Zum Teil wegen der Überreaktion des organisierten Judentums erlangte das Gründungstreffen der kleinen jüdischen AfD-Gruppe großes landesweites Interesse.[7] Es wäre wohl weit angemessener gewesen, hätte die Dachorganisation eine Erklärung abgegeben, in der es hauptsächlich hieß, dass ein paar einzelne Juden nicht für die Gesamtgemeinschaft stehen.

Seit den Wahlen im September 2017 ist die AfD die drittstärkste Partei im deutschen Parlament und damit die größte Opposition. Derzeit gewinnt sie in Umfragen etwa 15% der Wähler. Die AfD wird von allen anderen Parteien gemieden; diese beschuldigen sie Rassisten und Neonazis in ihrer Mitte zu haben. Etwas übertrieben wird die AfD als stockfinster dargestellt, woraus fälschlich verstanden werden soll, dass alle anderen Parteien blütenrein sind.

Doch es gibt bereits die ersten kleinen Anzeichen dafür, dass einige christdemokratische Politiker mit der AfD zusammenarbeiten wollen. Im sächsischen  Meißen gab es im September 2018 Bürgermeisterwahlen. In der zweiten Runde zog sich der AfD-Kandidat zugunsten des Christdemokraten zurück, der dann gewählt wurde.[8]

Die CDU hat bei den Bundestagswahlen 2018 stark verloren und ihre Unterstützung in den Umfragen ist seitdem beträchtlich zurückgegangen. Daher können weitere Brüche im Boykott gegen die AfD erwartet werden, damit man in einigen Orten an der Macht bleiben kann. Dasselbe ist bereits einige Jahre lang mit der SPD geschehen, die Koalitionen mit der linksextremen Partei Die Linke eingegangen ist, der früheren Herrscherpartei der DDR

Die Initiatoren der jüdischen AfD-Gruppe luden Beatrix von Storch, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion der Partei, zu ihrem Gründungstreffen ein. Sie sagte, dass für viele Juden, der muslimische Antisemitismus ein großes Thema ist. Von Storch fügte hinzu: Für diese Menschen ist die AfD eine natürliche Heimat. Sie sagte auch, dass die AfD Muslimen offen stünde.[9]

Analysiert man die deutsche Wirklichkeit, dann ist es nicht die AfD, die die größte Bedrohung für die Zukunft der Juden im Land kreiert hat. Dieser riesige Schatten über Deutschland ist von den etablierten Parteien, der CDU und der SPD verursacht worden. Ihre Regierungen haben in den letzten Jahrzehnten Millionen Migranten ohne sonderliche Auswahl ins Land gelassen, die Mehrheit davon Muslime.

Bei diesen Neuankömmlingen ist Antisemitismus prozentual weit stärker vorhanden als bei der einheimischen Bevölkerung. Er ist zudem extremer. Eine aktuelle Studie zu Antisemitismus in Bayern führte an, dass ein Muslim seinem jüdischen Nachbarn sagte, er habe seine Kinder aus der Koranschule genommen, weil diese lehrt Juden sollten getötet werden.[10] Welche normale Schule in Deutschland lehrt irgendetwas, das dem auch nur nahe kommt?

Dennoch waren die jüdischen Organisationen, die sich so heftig gegen die kleine Gruppe Juden in der AfD aussprachen, weit weniger lautstark, als dieser große Zustrom stattfand, der eine gewaltige Bedrohung der Zukunft ihrer Mitglieder darstellt.

Es gibt durch diese nicht-selektive Zuwanderung und die von einigen Migranten begangenen Verbrechen eine indirekte weitere, negative Auswirkung auf die Juden: Die Rechtsextremen, die beständigste Bedrohung der Juden, hat einen starken neuen Impuls erhalten.

Juden werden weiterhin Gradmesser wichtiger Entwicklungen in Deutschland bleiben. Die gegenwärtige deutsche Gesellschaft ist immer noch weit davon entfernt „normal“ zu sein. Die Auswirkungen des großen Migranten-Zustroms hat das Fortbestehen dieser „Anomalie“ um viele Jahre verlängert.

[1] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2016/01/10/97001-20160110FILWWW00025-valls-sans-les-juifs-de-france-la-france-ne-serait-pas-la-france.php

[2] http://www.rtl.fr/actu/politique/diner-du-crif-macron-denonce-l-antisemitisme-le-deshonneur-de-la-france-7792537547

[3] http://www.welt.de/politik/deutschland/plus179337122/Extremismus-Antisemitismus-ist-unislamisch.html

[4] http://www.echo-online.de/politik/deutschland/judische-afd-mitglieder-grunden-umstrittene-vereinigung_19105757#

[5] http://www.freiewelt.net/interview/die-stimmung-in-den-juedischen-gemeinden-ist-in-richtung-afd-gekippt-10075836/

[6] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/32895

[7] http://www.sueddeutsche.de/politik/neue-gruppierung-alibi-juden-in-der-afd-1.4160330

[8] http://www.welt.de/politik/deutschland/article181642662/Wahl-in-Meissen-Frank-Richter-sorgt-sich-wegen-Tabubruch.html

[9] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/muslime-in-der-afd-beatrix-von-storch-zeigt-sich-offen-15825604.html

[10] https://report-antisemitism.de/media/RIAS_BK_Problembeschreibung_Antisemitismus_in_Bayern.pdf, S. 20

Israel wird weiterhin von Frankreich diffamiert

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Beziehungen zwischen Frankreich und Israel sind seit Jahrzehnten ambivalent und komplex gewesen. Zu den bekanntesten gehören die, bei denen die französische Regierung Israel schlecht machte. Präsident Emanuel Macron scheint ein neuer Typ Franzose zu sein. Er erreichte den Präsidentenposten ohne durch die Ränge einer bestehenden politischen Partei marschiert zu sein. Er ist ein charmanter, intelligenter Politiker mit einer ausgezeichneten Ausbildung, einer internationalen Einstellung und guter Öffentlichkeitsarbeit.

Eine Analyse muss sich allerdings auf Fakten konzentrieren, nicht auf Verpackungen. Ein guter Ausgangspunkt sind die französischen Reaktionen auf die jüngste Gewalt an der Grenze zum Gazastreifen. Als der israelische Premierminister Netanyahu sich im April in Paris mit Macron traf, sagte ihm der französische Präsident, der Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem „führte dazu, dass Menschen sterben und brachte den Frieden nicht voran“.[1] Mit dieser durchsichtig manipulativen Äußerung zeigte Macron sein Können darin die Wahrheit mit wenigen Worten zu entstellen. Die Gewalt war durch die Initiative der Terrororganisation Hamas provoziert worden, die Zivilisten an die Grenze schickte und Terroristen unter sie mischte. Von den mehr als 115 von Israel getöteten Gaza-Arabern waren etwa die Hälfte bestätigte Terroristen.[2] Die Hamas selbst bestätigte, dass viele der Getöteten Terroristen waren.[3]

Frankreich unterstützte zudem eine Resolution des UNO-Sicherheitsrats, die Schutzmaßnahmen für Palästinenser forderte, aber die Hamas nicht erwähnte. Der stellvertretende israelische Minister Michael Oren fasste seine Antwort in einem Tweet zusammen: „Schande über Frankreich, dass es sie unterstützt. Die französische Regierung kann nicht sagen sie sei gegen Antisemitismus und für diese antisemitische Resolution stimmen.“ Frankreichs Botschafterin in Israel, Hélène Le Gal, beschuldigte Oren die Resolution nicht einmal gelesen zu haben und „Frankreich zu beleidigen“.[4]

Es gibt viele weitere Beispiele für die wahren Aussagen, die französische Diplomaten beleidigend finden könnten. Das macht sie nicht weniger korrekt. Der französische Präsident François Mitterand zum Beispiel war Teilzeit-Antisemit. Er setzte Israel einmal dem Nazistaat gleich. Er hatte eine dubiose Vergangenheit und arbeitete während des Krieges für die kollaborierende Vichy-Regierung, schloss sich aber später der Résistance an.[5]

Während der Gewalt vom April drängte Frankreich Israel „Zurückhaltung zu zeigen“ und sagte Israel, es sei „seine Pflicht Zivilisten zu schützen“.[6][7] Sein Sprecher wusste genau, dass die Hamas Terroristen losschickte, um sich unter die Zivilisten zu mischen und dass viele zivile Demonstranten keine friedlichen Absichten hatten. Dieses französische Verhalten war angesichts der vielen tödlichen Terroranschläge durch Araber im eigenen Land besonders scheinheilig. Der tödlichste davon fand 2015 in Paris statt und hatte 130 Tote zur Folge. 2016 wurden in Nizza 86 Menschen getötet.

Als der IDF-Sprecher, Brigadegeneral Ronen Manelis, im Juli mit französischen Parlamentariern sprach, erinnerte er sie daran, dass französische Spenden zusammen mit denen anderer Länder der Hamas geholfen haben ihre Terrorressourcen aufzubauen.[8]

Französische Reaktionen auf die Gewalt am Gazastreifen sind tief in der Geschichte verwurzelt. 2008 veröffentlichte David Pryce-Jones sein Buch Betrayal: France, the Arabs and the Jews.[9] Er hatte Zugang zu den Archiven des französischen Außenministeriums, das besser als Quay d’Orsay bekannt ist. Seine Schlüsse können so zusammengefasst werden: Frankreich hat die moderne Geschichte hindurch im Nahen Osten mehr Schaden angerichtet als jedes andere Land.

Gegen Ende der Präsidentschaft Sarkozy kam ein ehemaliges Mitglied seiner engsten Mitarbeiter zu mir und sagte, es sei für sie extrem schwierig die Beamten des Außenministeriums zu kontrollieren. Und das trotz der Tatsache, dass der Präsident für die Außenpolitik zuständig ist.

Frankreichs Reaktion auf die Gewalt am Gazastreifen erinnerte mich an den Besuch einer Konferenz in Paris im Herbst 1961, ein paar Wochen, nachdem Polizisten am 17. Oktober in der Hauptstadt geschätzte 150 bis 200 nicht gewalttätige algerische Demonstranten ermordet hatten. Einige der Leichen wurden in der Seine gefunden. Historiker haben dies die gewalttätigste Unterdrückung einer Demonstration durch einen westeuropäischen Staat in der aktuellen Geschichte bezeichnet.[10] Nach mehr als fünfzig Jahren Regierungsschweigen gestand 2012 der damalige Präsident François Hollande endlich die Morde ein.[11]

Der Mann, der das Massaker befahl, war der Polizeichef von Paris, Maurice Papon. Er wurde 1998 der Verbrechen gegen die Menschheit für schuldig befunden, aber nicht wegen dieses speziellen Massakers. Papon wurde für schuldig befunden im Zweiten Weltkrieg am Transfer von mehr als 1.600 Juden in Konzentrationslager mitgewirkt zu haben. Damals war er für die kollaborierende Vichy-Regierung Generalsekretär der Polizei von Bordeaux. Gegen ihn wurde eine zehnjährige Gefängnisstrafe verhängt, von der er nur drei Jahre absaß.[12]

Die öffentliche Aufmerksamkeit zu diesem Massaker war beträchtlich. Macron und diejenigen, die die Verurteilungen Israels ausgeben, müssen viele Details dieses Massenmordes durch die Pariser Polizei gekannt haben.

Es gibt weitere Aspekte, die beachtet werden sollten, wenn man die französischen Diffamierungsäußerungen zu Israel bewertet. Frankreich ist das für Juden gefährlichste Land Europas. In erster Linie liegt das an der starken Einwanderung aus muslimischen Ländern in der Vergangenheit; in denen der Anteil an Antisemiten zu den höchsten der Welt gehört. Von den fünfzehn aus ideologischen Gründen in Europa getöteten Juden – bei denen die Täter, allesamt Muslime, bekannt sind – wurden zwölf bei sechs Anschlägen in Frankreich ermordet.[13] Die beiden Massenattacken  gewalttätiger Muslime auf Synagogen in der EU wurden beide in Frankreich begangen, in Paris und Sarcelles.[14][15] Viele weitere Verbrechen mit antisemitischen Motiven sind von Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft verübt worden.[16]

Als Folge davaon haben jüdische Leiter kein Gesamtkonzept für die Zukunft ihrer Gemeinschaft. In absoluten Begriffen, aber auch prozentual ist Frankreich das europäische Land mit der größten Zahl an im aktuellen Jahrhundert auswandernden Juden.

Die regelmäßige Bloßstellung der fortgesetzten, scheinheiligen Verleumdung Israels und des zweierlei Maßes seitens Frankreich wird das wahrscheinlich nicht aufhalten können, aber es könnte es für die Verleumder weniger lohnenswert machen.

[1] www.haaretz.com/israel-news/watch-netanyahu-and-macron-give-statements-after-meeting-in-paris-1.6153497

[2] http://www.timesofisrael.com/idf-spokesman-to-french-mps-hamas-is-spending-your-money-on-terror

[3] http://www.timesofisrael.com/hamas-official-50-of-the-people-killed-in-gaza-riots-were-members/

[4] http://www.timesofisrael.com/michael-oren-french-envoy-in-twitter-spat-over-un-gaza-vote/

[5] Pierre Péan: Une Jeunesse Française: François Mitterrand. (Paris: Fayard, 1994).

[6] http://www.haaretz.com/world-news/europe/.premium-france-urges-israel-after-gaza-border-deaths-to-show-restraint-1.5973351

[7] http://www.reuters.com/article/us-israel-usa-diplomacy-france/france-tells-israel-to-show-restraint-disapproves-of-u-s-embassy-move-idUSKCN1IF1ZG

[8] http://www.timesofisrael.com/idf-spokesman-to-french-mps-hamas-is-spending-your-money-on-terror/

[9] Verrat: Frankreich, die Araber und die Juden. – David Pryce-Jones: Betrayal: France, the Arabs and the Jews. (New York: Encounter Books 2006.)

[10] www.lemonde.fr/cinema/article/2011/10/14/octobre-a-paris-et-ici-on-noie-les-algeriens-le-17-octobre-1961-la-justice-se-noya-dans-la-seine_1587857_3476.html; http://www.lemonde.fr/societe/article/2011/10/17/17-octobre-1961-ce-massacre-a-ete-occulte-de-la-memoire-collective_1586418_3224.html

[11] http://www.reuters.com/article/us-france-algeria/frances-hollande-acknowledges-1961-massacre-of-algerians-idUSBRE89G1NB20121017

[12] http://www.nytimes.com/2007/02/18/world/europe/18papon.html

[13] Manfred Gerstenfeld: War of a Million Cuts The Struggle Against the Delegitimization of Israel and the Jews, and the Growth of New Anti-Semitism. Jerusalem (JCPA) 2015, S. 163.

[14] http://www.france24.com/fr/20140716-emeutes-rue-roquette-synagogue-paris-antisemitisme-conflit-isra%C3%A9lo-palestinien

[15] http://www.huffingtonpost.co.uk/2014/07/22/france-jewish-shops-riot_n_5608612.html

[16] http://www.timesofisrael.com/topic/anti-semitism-in-france/

Fünfzehn Jahre zu spät: Französisches Manifest gegen muslimischen Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld und Irene Kuruc (direkt von den Autoren)

Rund fünfzehn Jahre zu spät haben mehr als 250 namhafte französische Persönlichkeiten, Juden wie Nichtjuden, ein überzeugendes Manifest gegen muslimischen Antisemitismus unterschrieben. Dieses Dokument fasst die Hauptelemente der Gewalt und Hetze gegen Juden zusammen, die aus Teilen der Immigrantengemeinschaft kommen.

Das Manifest beginnt mit der Erklärung, dass Antisemitismus kein Problem der Juden, sondern eines des französischen Volks ist. Es lobt die Franzosen für ihr Durchhaltevermögen nach jedem islamistischen Terroranschlag. Hier sollte festgehalten werden, dass „islamistisch“ ein politisch korrekter Ausdruck ist, der statt „muslimisch“ verwendet wird. Allerdings sind Anhänger des Islam ein Kontinuum zwischen zwei Extremen. An dem einen Extrem gibt es radikal gewalttätige Muslime, die zu Mord aufrufen. Auf der anderen Seite gibt es Einzelne, die nur dem Namen nach Muslime sind, weil sie als solche geboren wurden.

Das Dokument besagt weiter, dass Frankreich zu einem Schauplatz mörderischen Antisemitismus geworden ist. Es wird hinzugefügt, dass der Terror expandiert, von der Öffentlichkeit verurteilt wird, während die Medien Schweigen praktizieren. Das Manifest verweist dann auf die Rhetorik des ehemaligen Premierministers Manuel Valls, der damals noch Sozialist war. Er sagte im Parlament: „Frankreich ohne Juden wäre nicht länger Frankreich.“[1] Das klingt bedeutungsvoll, aber was ist Frankreich tatsächlich?

Im Vichy-Frankreich wurden Juden ausgegrenzt und verfolgt. Dennoch war die Regierung dieses Gebildes ohne Juden ein völlig legitimer Ausdruck Frankreichs, wie von den letzten vier französischen Präsidenten Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy, François Hollande und Emanuel Macron erklärt wurde. Das Frankreich von heute mit geschätzten 6 Millionen Muslimen, unterscheidet sich stark von dem Land, das es vor dem Zuzug dieser Immigranten war.

Das Dokument verweist dann darauf, dass radikale Islamisten elf Juden ermordeten und andere folterten, weil sie Juden waren. Die Namen der meisten der Ermordeten werden nicht angeführt. Die tatsächliche Zahl beträgt zwölf. Das Manifest zählt wahrscheinlich den Mord an Sebastien Selam durch Adel Amastaibou im Jahr 2003 nicht mit.[2]

Der nächste Absatz des Manifests erklärt, dass die gesellschaftliche Betonung der Islamophobie die Tatsache verbirgt, dass französische Juden 25-mal stärker der Gefahr eines Angriffs ausgesetzt sind als französische Muslime. Es fügt hinzu, dass 10% der jüdischen Einwohner der Zentralregion Frankreichs umziehen mussten, weil sie in ihren Vierteln nicht länger sicher waren; sie konnten auch ihre Kinder nicht auf öffentliche Schulen schicken. Das wird als „stille ethnische Säuberung“ bezeichnet.

Es folgt ein weiterer hart zuschlagender Absatz. Nach der Frage, warum all das geschieht, lautet die gegebene Antwort: Aufgrund von islamistischer Radikalisierung und des von ihr geförderten Antisemitismus. Das Dokument entlarvt zudem einen Teil der französischen Eliten, die das als Ausdruck einer sozialen Revolution betrachten, aber dasselbe Phänomen ist in so unterschiedlichen Gesellschaften wie Dänemark, Afghanistan, Mali und Deutschland zu finden.

Der Schluss der Unterzeichner lautet, dass zusätzlich zum klassischen Antisemitismus der extremen Rechten auch ein Antisemitismus der radikalen Linken existiert. Im Antizionismus hat er sein Alibi für die Verwandlung von Judenmördern in Opfer der Gesellschaft gefunden. Das ist infolge der Wahlwirklichkeit so: Die französischen Muslime stellen zehnmal so viele Wähler wie die jüdischen.

Der letzte Teil des Manifests behandelt das, was vom Islam in Frankreich erwartet wird. Sein erster Absatz erinnert an die Demonstration nach der Ermordung von Mireille Knoll durch einen Muslim im März diesen Jahres.[3] Erwähnt wird, dass es unter den Demonstranten auch Imame gab. Es wird erklärt, dass diese Imame sich bewusst sind, dass muslimischer Antisemitismus die größte Gefahr für den Islam wie auch für die Welt des Friedens und der Freiheit ist, in der zu leben sie sich entschieden haben. Dennoch brauchen die meisten dieser Imame Polizeischutz. Das spiegelt den Terror, den Islamisten gegen französische Muslime ausüben.

Leider verdirbt der nächste, wenig durchdachte Absatz das, was eine makellose Beschreibung und Anklage der bedeutenden antisemitischen Kriminalität und des Hasses wäre, der aus Teilen der französisch-muslimischen Gemeinschaft kommt. Das Dokument bittet muslimische Theologen die Texte des Koran für obsolet zu erklären, die zur Ermordung und Bestrafung von Juden, Christen und anderen Nichtgläubigen aufrufen. Diese Veränderung wird als notwendig erachtet, damit muslimische Gläubige ihr Handeln nicht länger auf einen heiligen Text stützen können, wenn sie Verbrechen begehen.

Nichtmuslime sollten sich aber nicht in islamische theologische Fragen einmischen. Die Unterzeichnern hätte eine weit überzeugendere Erklärung abgeben können, hätten sie gesagt: „Alle muslimischen religiösen und Laien-Leiter in Frankreich haben die Pflicht sich entschlossen gegen von Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft an Juden und anderen verübten Terror und Kriminalität zu stellen.“ Das Dokument schließt mit der Forderung, dass der Kampf gegen Antisemitismus zu einer nationalen Sache wird, bevor es zu spät ist.

Das Manifest wurde von einem Nichtjuden geschrieben, Philippe Val, dem ehemaligen Direktor der Wochenzeitung Charlie Hebdo. Im Januar 2015 ermordeten Muslime 12 der Mitarbeiter der Zeitung und verletzten 11 weitere.[4] Zu den Unterzeichnern des Manifests gehören der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy, der ehemalige Premierminister Manuel Valls sowie Lauren Wauquiez, Parteichef der Republikaner, der zweitgrößten Partei des Landes. Weitere sind der ehemalige republikanische Premierminister Jean-Pierre Raffarin und der frühere Pariser Bürgermeister Betrand Delanoe, ein Sozialist. Die französische Justizministerin Nicole Beloubet sagte, sie wäre bereit gewesen das Dokument ebenfalls zu unterschreiben.[5]

Auch wenn man seine Mängel bedauern muss, ist das Manifest doch eines der eindrucksvolleren Dokumente gegen den weit verbreiteten Antisemitismus unter Muslimen und ihren nichtmuslimischen Verbündeten.

[1] http://www.youtube.com/watch?v=k9M1Cq9nQoI

[2] http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3829946,00.html

[3] http://www.liberation.fr/france/2018/03/29/hommage-a-mireille-knoll-une-marche-blanche-mouvementee_1639751

[4] https://edition.cnn.com/2015/01/21/europe/2015-paris-terror-attacks-fast-facts/index.html

[5] https://fr.timesofisrael.com/belloubet-aurait-pu-signer-le-manifeste-contre-le-nouvel-antisemitisme/