Der nächste Libanon-Krieg

Er wird ohne Warnung beginnen. Und die Folgen werden wahrscheinlich gewaltig sein.

Matti Friedman, Tablet, 10. September 2021

Die Regeln für die Beobachtung der Grenze zwischen Israel und dem Libanon lautet: Obwohl nichts zu passieren scheint, passiert immer etwas. Zum Beispiel schien an einem Nachmittag nichts zu passieren, den ich vor kurzem entlang des elektrifizierten Zauns in dem Versuch verbrachte, ein Gefühl für den Verlauf der Ereignisse dieses angespannten Sommers zu bekommen und auf einen grünen Gebüsch-Teppich starrte, der sich bis zu einer Gruppe libanesischer Häuser in der Nähe erstreckte. In der Spätsommerhitze war alles ruhig.

Ein Busch direkt hinter dem Zaun raschelte und ein grauer Sonnenhut erschien, gefolgt von einem bärtigen Gesicht und dann von dem zielgerichteten Körper eines jungen Mannes in schwarzem Adidas-Fußballtrikot – Hisbollah, aber bewaffnet nur mit einer Kamera. Jeder, der jemals Zeit in einem Hinterhalt oder im Wachdienst verbracht hat, weiß, wie spannend es ist nach Stunden der Langweile etwas zu tun zu haben und der Mann hatte etwas Federndes im Schritt, als er auf uns zukam. Er hob sein Teleobjektiv an einer Stelle etwa 50m von der Stelle entfernt, von der aus ich mit einem israelischen Offizier und zwei Soldaten zusah. Die Guerillas agieren nicht alleine, aber die Kameraden des Fotografen, vermutlich mit mehr als Kameras ausgerüstet, blieben ungesehen in den Büschen.

Die Hisbollah-Ausgucke, die in den Fenstern des nahegelegenen friedlichen Orts Ayta asch-Schab und im Unterholz verteilt waren, hatten vermutlich den israelischen Geländewagen gesehen, der die Zubringerstraße zur Grenzstellung erklomm und wussten, dass seine vielen Antennen bedeuteten, dass er zu einem Kommandeur gehörte. Sie warteten. Der Offizier war nicht überrascht den Fotografen zu sehen, der ein paar Dutzend Bilder von uns schoss. Wir machten mit den Handys ein paar Aufnahmen von ihm. Die Hisbollah beobachtet die Armee, die die Hisbollah dabei beobachtet, wie sie die Armee beobachtet. „Dieser Sektor ist ein Schachspiel“, sagte der Offizier.

Die Libanon-Front ist selten die größte Sorge der Israelis oder internationaler Zuschauer. Es gibt in der Regel etwas Dringenderes. Aber weise Beobachter lassen diese Grenze nie lange aus den Augen. Wenn man zum Beispiel von dem Punkt, an dem ich dem Hisbollah-Fotografen begegnete, entlang des Höhenzugs nach Westen sieht, ist es möglich die Stelle nahe einer Straßenbiegung zu sehen, wo wie üblich an einem Tag 2019 nichts im Gang zu sein schien, an dem die Armee einen Angriffstunnel der Hisbollah freilegte, der 80m unter die Erde ging und Treppenstufen zu einem Ausgang hatte, der 250m innerhalb des israelischen Territoriums lag. Ein Schild in dem Tunnel lautete: „Nach Jerusalem“. Die Guerillas hatten ihn Jahre lang gegraben. Die Armee zerstörte ihn zusammen mit fünf anderen, die an anderen Stellen entlang des Zauns offengelegt wurden. Die Wahrnehmung der Grenze ebbte ab, wie das so läuft, aber jeder, der aufpasst, weiß, dass die Hisbollah hart am Werk ist und hart daran arbeitet das zu verbergen. Hier und da werden flüchtige Einblicke möglich. Letztes Jahr explodierte, was ein ziviles Haus im Ort Ain Qana zu sein schien, als ein Waffenlager der Hisbollah detonierte. Und vor ein paar Monaten veröffentlichte die Armee im Versuch, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was unter der zivilen Landschaft des Libanon zu sein schien, Fotos dessen, was als weiteres Waffenversteck identifiziert wurde. Dieses, im Dorf Ebba, wurde in einem zivilen Gebäude direkt neben einer Schule verborgen.

In diesem Sommer ist anders, dass manche der wichtigen Veränderungen auf der libanesischen Seite jetzt leichter zu sehen sind. Der Libanon ist lange eine Hülse von Land gewesen, ein Sammelsurium konkurrierender Sekten und Lager, aber heute bedroht eine Wirtschaftskrise die Überreste des Staates in einen wahren Zusammenbruch zu drücken. Die jungen Israelis im Ausguck können es mit bloßem Auge sehen. Nehmen wir zum Beispiel den Ausguck Nurit, eine von den Grenzstellungen, die ich mit dem Offizier besuchte. (Nurit bedeutet „Butterblume“, ein merkwürdiger Name für einen militärischen Posten, aber die Armee hat ihren Stellungen hier immer schon ländlich-idyllische Namen gegeben. Ich verbachte einen Teil meines eigenen Militärdienstes Ende 1990 im Libanon an einem Ort namens Kürbis.) Die Soldaten des Vorpostens schauten jede Nacht auf die Lichter des nahe gelegenen Ayta Asch-Schab. Aber jetzt ist das Dorf größtenteils dunkel, weil es selten Strom gibt. Der Preis für Treibstoff hat sich erst letzten Monat fast verdoppelt und ein paar Tage vor meiner Begegnung mit dem Fotografen wurden zwei libanesische Zivilisten bei einer Schießerei an einer Tankstelle getötet. Ein paar Tage später starben mehr als zwei Dutzend, als ein Tanklastwagen unter weiterhin unklaren Umständen explodierte. Bäckereien strampeln sich ab um die Öfen in Gang zu halten, Supermärkte werfen das Fleisch weg, weil sie den Strom für die Kühlung nicht haben und die Hälfte der Leute im Land – rund 3 Millionen – leben unter der Armutsgrenze und sinkt weiter.

Das Rinnsal verzweifelter Zivilisten, die versuchen über die Grenze nach Israel zu kommen – einige sudanesische Migranten und andere Ausländer, aber auch libanesische Bürger – hat zugenommen. Sie werden in der Regel von jungen Soldatinnen erspäht, die in Räumen voller Bildschirme sitzen und die Kameras und Sensoren verfolgten und dann von den Patrouillen der Pionierbrigade abgefangen werden, die im Moment für den Zaun in diesem Sektor verantwortlich sind. Ich traf ein paar der sonnenverbrannten 20-Jährigen der Brigade, die am Tor zur Basis direkt westlich von Butterblume, dem Außenposten Livneh („Birke“), an ihrem Humvee herumlungerten, unter hoch aufragenden Betonsperren, die errichtet wurden, um die Blicklinie und Kugeln aus dem nur ein paar Meter entfernten Libanon zu blockieren.

Aus dem westlichen Galiläa die Zickzack-Straße zum Grenzgrat hinaufzufahren bringt einen aus Israel hinaus in eine hoch gelegene Welt, die das Gefühl gibt irgendwo anders zu sein – eine Art Zwischenland, das fast mehr libanesisch als israelisch erscheint. Unten im Tiefland gibt es Strände und Restaurants, in denen man den Libanon und die Hisbollah vergessen kann, aber nicht hier oben. Israelische Zivilisten leben so nah am Zaun wie die Soldaten, aber anders als Soldaten werden sie nie abgelöst. An Orten wie dem Kibbuz Adamit haben Leute, die Hühner und Äpfel ziehen, ein halbes Jahrhundert Gewalt durchlebt, die in beide Richtungen über die Grenze ging. Es gab in den 1970-ern und 1980-ern Infiltrationen durch palästinensische Terroristen wie den Angriff auf einen zivilen Bus bei Avivim, bei dem 12 Zivilisten, darunter 9 Kinder, getötet wurden; oder den auf den Kindergarten des Kibbuz Misgav Am oder den auf die Schule in Ma’alot. Es gab Dutzende.

Dann kam 1978 Israels erster größerer Vorstoß gegen palästinensische Kämpfer im Libanon, als die Libanesen sich in einem 15-jährigen Bürgerkrieg zerfleischten; dann die große, verbockte israelische Invasion von ’82, den Ersten Libanonkrieg; dann die 18 Jahre niedrigschwelliger Kämpfe in Israels „Sicherheitszone“ im Südlibanon, die den Untergang der Palästinensergruppen und den Aufstieg der schiitischen Armee Hisbollah und ihrer Geldgeber aus dem Iran erlebten. Diese Periode, die die israelische Regierung schließlich erst dieses Jahr offiziell als Krieg anerkannte, endete im Jahr 2000 mit einem ungeregelten Abzug über Nacht und der Preisgabe von Israels lokalen libanesischen Verbündeten, gefolgt von einer Übernahme durch die Hisbollah noch am selben Tag. Vom Sommer 2021 aus betrachtet handelte es sich um ein Ereignis, das in seiner Natur, wenn auch natürlich nicht im Umfang, an den US-Abzug aus Afghanistan erinnert. Dem Abzug im Jahr 2000 folgten kleine Angriffe und Infiltrationen – drei auf einer Patrouille getötete Soldaten, ein in Westgaliläa ermordeter Hirte, der seine Herde hütete, zwei Armee-Techniker, die am Außenposten Butterblume von einer Antenne heruntergeschossen wurden – und dann im Sommer 2006 der zweite Libanonkrieg.

Direkt unterhalb des Postens Birke, ein paar Schritte vom Elektrozaun entfernt, hielt ich das Auto an der Stelle der Straße an, wo ein Hisbollah-Team die Grenze im Sommer 2006 überquerte und eine Routine-Patrouille Reservisten überraschte, von denen sie zwei Leichen als Druckmittel für Verhandlungen in den Libanon verschleppte. Ein israelischer Panzer eilte beim Posten Butterblume in Position, was die Hisbollah antizipierte, weil sie ein genaues Auge auf Manöver der Armee gehabt hatte: Ein Sprengsatz zerstörte den Panzer und tötete die gesamte Besatzung.

Im folgenden Monat wurde Nordisrael von tausenden Raketen getroffen und Teile des Libanon wurden von der israelischen Luftwaffe verheert. Ich berichtete über diesen Krieg, lebte im armierten „Schutzraum“ meiner Eltern direkt südlich der Grenze in Nahariya, das zur Geisterstadt wurde, weil die Einwohner nach Süden flohen. Seitdem hat jeder hier auf den „nächsten Krieg“ gewartet, der als von vorneherein feststehend betrachtet und allgemein im Vorhinein als weit schlimmer als der letzte beschrieben wird. Das Raketenarsenal der Hisbollah ist heute größer und tödlicher als vor 15 Sommern und im nächsten Krieg wird es nicht nur Nordisrael sein, das in ihrer Reichweite liegt. Die Schirmherren der Hisbollah im Iran sind heute stärker ermutigt als 2006, während unsere Schirmherren, die Amerikaner, durcheinander und angeschlagen sind. Wir sind stark und mächtig und die Hisbollah hat das Überraschungselement. Es wird wahrscheinlich kein Vorspiel geben. Der nächste Krieg wird wie der letzte beginnen, plötzlich, wenn nichts zu passieren scheint.

Dan Kohn lebt seit 50 Jahren im Kibbuz Adamit. Im letzten Krieg, als die meisten Leute aus der Grenzregion in den Süden evakuiert wurden, bleiben er und die anderen Einwohner vor Ort. Sie befinden sich so nahe am Zaun, dass die Geschosse der Hisbollah über ihre Köpfe hinweg flogen. Nichts traf den Kibbuz, bis zum letzten Tag, als eine Katjuscha-Rakete den Daewoo Super Racer von Kohns Sohn zerstörte, den dieser ein paar Minuten zuvor geparkt hatte. Wie die meisten Israelis hat Kohn beträchtliche Achtung vor der Hisbollah. „Wenn sie über den Zaun kommen, dann wird das nicht nur mit zwei oder drei Leuten sein wie bei den Palästinensergruppen früher“, sagte er. Es werden mehrere Dutzend sein. Die Armee hat gewarnt, dass der nächste Krieg einen Versuch der Hisbollah beinhalten wird eine ganze israelische Gemeinde zu besetzen und zu halten, wenn auch nur für ein paar Stunden oder einen Tag. Dieser Kibbuz wäre ein offensichtliches Ziel. Das wäre nicht so schwer. Die Armee zerstörte sechs Tunnel unter der Grenze. „Aber manchmal frage ich mich, ob sie den siebten fanden“, sagte Kohn.

Die Einwohner von Adamit treffen sich regelmäßig mit Offizieren der Armee, die ihnen versichert haben, dass Soldaten sie im Fall eines Eindringens der Hisbollah innerhalb von Minuten erreichen werden. „Ich glaube ihnen kein Wort“, sagte Kohn mir, aber er schien nicht allzu besorgt. Der Libanon mit seiner bezaubernden Landschaft und der Tendenz unangenehme Überraschungen zu liefern, ist einfach Teil seines Lebens. Er unternahm mit mir eine Fahrt entlang des Zauns, am benachbarten Beduinendorf Aramscheh vorbei, dessen israelische Einwohner Verwandte auf der libanesischen Seite haben. Wir sahen die blauen, mit den Buchstaben „UN“ bemalten Metallfässer, die die internationale Grenze markieren. Ein weißer UNO-Hubschrauber flog über uns hinweg, Teil der zahnlosen internationalen Streitkraft, die den Frieden entlang der Grenze aufrecht erhalten soll, aber nichts gegen die Hisbollah unternehmen kann. An diesem Nachmittag würde der Pilot zweifellos berichten, dass nichts im Gang war.

Als ich am 4. August zum Treffen mit Kohn in Adamit fuhr, berichtete das Radio von einem Angriff mit drei im Libanon gestarteten Raketen, die einer Palästinensergruppe zugeschrieben wurde. Israel reagierte mit Luftangriffen, die auch niemanden verletzte und dann schoss die Hisbollah eine Salve von 19 Raketen über die Grenze, das erste Mal seit dem Krieg von 2006, dass sie die Verantwortung für einen solchen Angriff übernahm. Es war ein einzigartiger Schritt. Als Zeichen des zunehmenden Stresses innerhalb des Libanon wurde die Hisbollah-Mannschaft, die die Raketen geschossen hatte, von wütenden drusischen Dorfbewohnern festgehalten und aufgemischt, die begriffen, dass ihr Leben in Gefahr war, wenn die Israelis zurückschießen. Einer der Drusen filmte das und stellte das Video online. Auch das war einzigartig.

Die Ereignisse demonstrieren die gewaltige Kluft zwischen den Sorgen der Israelis und dem, was westliche Beobachter beschäftigt. Israel hat jetzt Stellvertreter des Iran und seiner Verbündeten an seinen Grenzen mit dem Libanon, Syrien und dem Gazastreifen und wird regelmäßig mit Raketen aus den Gebieten beschossen, die es im Jahr 2000 im Südlibanon und 2005 im Gazastreifen verlassen hat. Seit dem Krieg mit der Hisbollah 2006 und mehrere Runde der Kämpfe mit der Hamas hindurch hat die Propaganda dieser Gruppen in westlichen Gesellschaften und Hauptstädten Fuß gefasst. Die Hisbollah scheinen, wie die Hamas und wie die Iranier, die beide unterstützen, ein genaues Verständnis des wirren intellektuellen Moments in den USA und von dem ideologischen Trubel zu haben, was von der westlichen Presse übrig ist.

Sie verstehen, dass der Raketenstart aus dem zivilen Hinterhof im Gazastreifen oder dem Libanon nicht gefilmt werden wird; die beim israelischen Gegenschlag getöteten Unschuldigen werden von Dutzenden Filmteams festgehalten, dann wie Supermodels und ein paar Kongressmitgliedern unter #IsraeliGenocide (israelischer Völkermord) getwittert. Ein Waffenlager der Hisbollah direkt neben einer Schule löst ein Schulterzucken aus; seine Zerstörung durch einen israelischen Jet wird Thema einer „Untersuchung“ durch Human Rights Watch und eines Foto-Essays in der New York Times sein, in dem ein einzelner leerer Schultisch unbeschädigt und pittoresk im Schutt steht. Das Drehbuch ist bereits geschrieben. Javad Zarif, bis vor kurzem iranischer Außenminister, hat gelernt Israel nicht als Affront für die Sorte des fundamentalistischen Islam des Regimes zu verurteilen, sondern als solchen für die Menschenrechte, das humanitäre Völkerrecht und das Internationale Recht“ und immer mehr Westler glauben, das mache Sinn. All das war von Israels Feinden im letzten Krieg im Gazastreifen im Mai effektiv eingesetzt – und alles wird im nächsten Libanonkrieg mit größerer Kraft eingesetzt, wann immer der stattfindet.

Ich verbrachte Zeit an der Grenze mit Oberstleutnant Yitzhak Huri, der stellvertretender Kommanfeur der Armeebrigade in diesem Sektor ist. Ich fragte ihn, ob er denkt, dass der Zerfall des Libanon und die Verzweiflung seiner Bürger Krieg mehr oder weniger wahrscheinlich macht. Wird die Krise die Libanesen zu Rückziehern bewegen, um weiteres Chaos zu vermeiden oder alles aufs Spiel zu setzen? „Wenn jemand nichts zu verlieren hat, dann weißt du nicht, wozu er in der Lage ist“, sagte Huri. „Dasselbe gilt für Länder.“

Dieselbe Frage stellte ich dem Libanon-Beobachter David Daoud, der in eine jüdische Familie in Beirut geboren wurde und in Washington DC lebt, wo er mit dem Atlantic Council und der Lobbygruppe United Against a Nuclear Iran arbeitet. Die Hisbollah hat nie gewollt, dass der Libanon ein erfolgreicher Staat „wie Isarel oder Sinagpur“ ist, sagte Daoud, denn das würde ihre Autonomie einschränken. Aber gleichzeitig, sagte er, würde den Interessen der Organisation nicht mit einem weiteren Bürgerkrieg oder der Art von staatlichem Zusammenbruch gedient sein, der durch einen Krieg mit Israel zu diesem Zeitpunkt beschleunigt herbeigeführt würde. Die Gruppe, denkt Daoud, würde vermutlich eher versuchen die aktuelle Krise zu nutzen, um sich stärker in den Mittelpunkt des Lebens ihrer Anhänger zu stellen, indem sie tut, was sie immer getan hat: Dienste bieten, die vom Staat angeboten werden sollten, aber nicht werden. Die Hisbollah verteilt bereits Brot und Sprit und sie spielt ihre Karten gut, wird gestärkt daraus hervorgehen. „Die Krise hat die Hisbollah nicht geschwächt, aber sie hat sie in einem Ausmaß eingeschränkt, dass sie an der Grenze verantwortungsvoll handeln muss“, sagte Daoud.

Das ist z.B. der Grund, dass Hisbollahführer Hassan Nasrallah schnell verkündete, dass die Salve von 19 Raketen vor kurzem gewollt in offenes Gelände geschossen worden sei, nicht auf israelische Zivilisten oder gar Soldaten. Er versucht seinen Anhängern Stärke zu projizieren, besteht darauf, dass er keine Angst vor Krieg hat, während er sein Handeln so justiert, dass keine Explosion eintritt, die er nicht zu handhaben in der Lage sein wird. Aber es ist ein riskantes Spiel. Beide Seiten mögen keinen Krieg wollen, aber das bedeutet nicht, dass es keinen geben wird. Die Dinge könnten leicht außer Kontrolle geraten, egal wie eng jede Seite die andere beobachtet.

Was sehen Israelis, wenn wir in den Libanon blicken? Einen Ort mit wunderschönen Wäldern und Stränden, wo unterschiedliche Leute sich einen Streifen der levantinischen Küste teilen, einen, der so erfolgreich hätte sein können wie Israel, wenn nicht erfolgreicher – die „Schweiz des Ostens“, wie die Leute in den 1950-er und 1960-er Jahren sagten. Manche von uns sehen ein Land, das eine Arena für fehlgeleitete israelische Politik oder der Hintergrund eines starken Kapitels unseres Lebens als junge Soldaten. Viele sehen eine ständige Bedrohung.

Es gibt aber eine andere Geschichte, die wir diesen Sommer jenseits des Zauns sehen könnten, während wir uns abstrampeln aus einer nie da gewesenen Zeit der politischen Funktionsstörung bei uns selbst, mit vier Wahlen in zwei Jahren und keinem Staatshaushalt, mit politischen Führungskräften, die versucht haben uns zu überzeugen einander als Feinde zu betrachten und mit internen Spaltungen, die sich als weniger überbrückbar anfühlen als jemals zuvor. Der Libanon ist ein Land, das sich erlaubte ausgehöhlt zu werden. Seine unterschiedlichen Religionsgemeinschaften versäumten es eine nationale Geschichte um Staatsbürgerschaft zu schaffen, die andere Loyalitäten verdrängt und der Staat war gelähmt, bis das zerbrechliche Gefüge sich zersetzte, bis die Kräfte des Fortschritts nachließen oder auswanderten und durch religiöse und Stammesmächte ersetzt wurden, die der Moderne nicht nur gleichgültig gegenüber waren, sondern offen verachten. Es handelt sich um den Zusammenbruch eines Staates, der eines der Themen dieser Region in unserer Zeit ist. Die Auflösungskräfte sind in Israel schwächer als im Libanon, aber sie sind vorhanden und werden siegen, wenn wir sie lassen. Der Nachbar auf der anderen Seite des Zauns ist nicht nur ein Problem oder eine Bedrohung. Der Libanon ist eine eventuelle Zukunft.

Israel führt immer noch einen Dreifronten-Krieg

Nachdenken: Die Hamas baut eifrig Tunnel aus dem Gazastreifen, die Hisbollah hat 150.000 Raketen an der Grenze angehäuft und die PA-Araber steinigen immer noch Juden. Op-Ed.

Stephen M. Flatow, Israel National News, 27. Oktober 2020

Gaza-Terrortunnel (Foto: IDF-Sprecher)

Von der Sicht von meinem Balkon in Jerusalem scheint es so, als befinde sich Israel im Frieden. Aber sieht man etwas genauer hin, dann erkennt man, dass das nicht der Fall ist. Die Entwicklungen an allen dreien der Fronten Israels in den letzten Tagen erinnert uns an die Kriegsführung auf niedrigem Niveau, den arabische Kräfte weiter führen – und an die Gefahren der Zugeständnisse, die zu machen die Kritiker Israels immer fordern.

Im Süden entdeckte die israelische Armee wieder einmal einen „Terrortunnel“, der von der Stadt Khan Junis im Gazastreifen aus in israelisches Territorium reichte. Nur weil die Tunnel nicht mehr in den Schlagzeilen sind, heißt das nicht, dass sie nicht dort sind. Israel hat im Lauf der Jahre Dutzende davon zerstört oder versiegelt; aber die Hamas baut weitere.

Wann immer ich an die Tunnel denke, werde ich an das unglaubliche „mea culpa“ erinnert, von dem der frühere Friedensvermittler des US-Außenministeriums Dennis Ross vor ein paar Jahren in der Washington Post schrieb. Er erinnerte daran, dass die Israelis, als die Hamas sich in der Frühphase des Tunnelbaus befand, die Einfuhr von Baumaterial in den Gazastreifen einzuschränken begann, das für diesen Zweck verwendet werden konnte. Also schickte die Administration Obama Ross in die Region – um Israel unter Druck zu setzen.

Ross schrieb später: „Ich stritt mit israelischen Führern und Sicherheitsvertretern, sagte ihnen, sie müssten mehr Baumaterial, darunter Zement, in den Gazastreifen lassen, damit Häuser, Schulen und grundlegende Infrastruktur gebaut werden könnte. Sie entgegneten, dass die Hamas es missbrauchen würde und sie hatten recht.“

Weil die Administration Obama darauf bestand, dass der Zement nicht für militärische Zwecke verwendet werden würde, erlaubte Israel seinen Import. Das Ergebnis? Die Hamas baute „ein Labyrinth an Untergrundtunneln, Bunkern, Kommandoposten und Schutzräumen für ihre Führer, Kämpfer und Raketen“, gestand Ross ein. Sie bauten sie mit „geschätzten 600.000 Tonnen Zement“, von dem einiger „von dem in den Gazastreifen erlaubte Baumaterial abgezweigt wurde“.

Ich frage mich, ob der gerade entdeckte Tunnel von Khan Junis mit Teilen der Tonnen an Beton gebaut wurde, der Dank Ross‘ Druck in den Gazastreifen kam. Ross mag glauben, wenn er einen Artikel schreibt, in dem er einen Fehler zugibt, sei alles vergeben – aber die Israelis, die sich in der Schusslinie der Hamas befinden, müssen noch auf Jahre hinaus mit den Folgen dieses Fehlers leben.

Inzwischen endete an Israels östlicher Front ein palästinensischer Araber, der versuchte Juden zu Tode zu steinigen, selbst als Toter. Wie üblich verbreitet die palästinensische Autonomiebehörde absonderliche Behauptungen, beschuldigt israelische Soldaten den Steinewerfer zu Tode geknüppelt zu haben.

Was wir wissen: Der Terrorist, dessen Name Amer Snobar war, verließ seine Heimatstadt Yatma und fuhr mit einem Freund an eine Stelle nahe des Dorfes Turmus Aya, wo sie Felsbrocken auf vorbeifahrende israelische Autos warfen – in der Hoffnung sie würden eines der Autos dazu bringen außer Kontrolle zu geraten und einen Unfall zu haben. Da die PA das Werfen von Felsbrocken als legitim und gewaltfrei betrachtet, wird jedes israelische Vorgehen gegen arabische Steinewerfer von der PA als Mord angesehen.

Interessant ist es festzustellen, dass Yatma und Turmus Aya beide von der PA regiert werden. Israels Kritiker behaupten, arabische Steinewerfer würden verständlicherweise gegen die „Besatzung“ „Widerstand leisten“. Aber Israel hörte schon 1995 auf Yatma und Turmus Aya besetzt zu halten. Es gibt dort keine israelischen „Besatzer“. Also mussten Snobar und sein Terrorfreund PA-Gebiet verlassen, um ihr tödliches Ziel zu verfolgen.

Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn die PA-Gebiete zu einem souveränen Staat gemacht worden wären, wie es so viele Leute fordern. Snobar und sein Kumpel hätten einige Juden steinigen und dann zum Schutz nach „Palästina“ zurückfliehen können. Die israelische Armee wäre dann hilflos gewesen, sie nicht über eine international anerkannte Grenze verfolgen können.

An Israels nördlicher Front hat die Armee letzte Woche ein großes Militärmanöver durchgeführt, mit dem Krieg simuliert wurde. Der erwartete Feind war nicht Syrien oder der Libanon, sondern die Hisbollah, die sich in den letzten Jahren von einer buntgemischten Terrorgruppe in eine komplette Armee verwandelt hat.

Gestützt vom Iran hat die Hisbollah entlang der israelisch-libanesischen Grenze geschätzte 150.000 Raketen angehäuft. Die Israelis nehmen die Bedrohung ernst. Zu dem Manöver gehörten sowohl reguläre Truppen als auch Reservisten, „aus Luftwaffe, Marine und Bodentruppen sowie den Abteilungen des Geheimdienstes, aus Technologie und Logistik, Datenfernverarbeitung und Cyberverteidigung“, sagte ein Armeesprecher.

Israel stoppte 2006 sein Vorgehen gegen die Hisbollah als Reaktion auf internationale Kritik und Versprechen des UNO-Sicherheitsrats den südlichen Libanon nicht unter die Kontrolle der Terroristen kommen zu lassen. Natürlich wurden diese Versprechen nie gehalten und heute ist die Gefahr ein Mehrfaches von dem, wie sie damals war.

Beachten Sie das wiederkehrende Thema: Israel verteidigt sich, die Welt jault protestierend auf, Israel zieht sich im Tausch für Versprechen zurück und die Versprechen werden in aller Stille ad acta gelegt. Wie lange wird dieser unfassbare Kreislauf sich noch wiederholen?