Hitlers Schergen in Arabien

Guy Walters, 7. Dezember 2014

Der in Damaskus bestätigte Tod des Nazis Alois Brunner offenbart eine ungemütliche Wahrheit: Ägypten und Syrien haben lange Verbindungen zu Nazideutschland und boten flüchtigen Kriegsverbrechen lange Zuflucht.

Wenn die meisten von uns an das führende Rückzugsziel für reuelose Nazis denken, wendet unser Kopf sofort an Südamerika. Wir denken an Josef Mengele, der sich auf einer einsamen Estancia in Paraguay verbarg; oder an Adolf Eichmann, der sich in einem zweitklassigen Vorort von Buenos Aires versteckte.

Diese Wahrnehmung wurde von einer Menge spektakulärer Bücher verstärkt, die Anfang der 1970-er Jahre veröffentlicht wurden und von denen viele eine sehr zweifelhafte These unterstützten, ehemalige Nazis würden den Kontinent als Ausgangsbasis für ein „Viertes Reich“ nutzen, das – ja – die ganze Welt erobern würde.

Die gipfelte in Ira Levins Thriller The Boys from Brazil aus dem Jahr 1976, in dem teuflische Nazis einen teuflischen Komplott ausbrüten mehrere geklonte Hitler auf die Welt loszulassen. Aus dem Buch wurde 1978 ein Film gemacht und niemand geringeres als Gregory Peck und Laurence Olivier spielten darin mit.

Aber wie die gerade erfolgte Todesnachricht des ehemaligen SS-Offiziers und Eichman-Handlangers Alois Brunner offenbart, gingen die Jungs nicht nur nach Brasilien. Denn Brunner fand, wie so viele andere Nazis, im Nahen Osten eine gleichermaßen gastfreundliche Adresse, die auch noch weit weniger jott-we-deh war als ein Chalet in Patagonien, egal wie gemütlich dieses sein mochte.

Ein nicht datiertes Bild des in Österreich geborenen Kriegsverbrechers Alois Brunner. (AFP/Getty)

 

Brunner, der geschätzt 130.000 Juden in den Tod schickte, schuf sich in Damaskus in Syrien ein Zuhause, wo die Bedingungen ihm sehr gefielen. Obwohl in den letzten Tagen mit einigem Stuss über seine Aktivitäten nach dem Krieg hausieren gegangen wurde – von dem einiges wahr sein könnte – gibt keinen Zweifel, das er mit dem Regime Assad unter einer Decke steckte doer zumindest dessen Schutz genoss.

Brunner war aber nicht der einzige Täter des Holocaust, der in den Straßen der syrischen Hauptstadt herumlungert. Hinsichtlich der grauenhaften Zahlen hatte Franz Stangl, ehemaliger Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, rund 800.000 Morde auf dem, was von seinem Gewissen übrig war; er kam mit Hilfe eines römisch-katholischen Bischofs im September 1948 in Damaskus an.

Brunner soll verschiedentlich als Geheimagent, Waffenhändler und Sicherheitsberater gearbeitet haben, während Stangl untergeordnetere Positionen in Textilfabriken annahm. Das Leben war etwas genügsam, aber machbar. Zu Stangls Unglück fand ein örtlicher Polizeichef Geschmack an dessen 14-jährigen Tochter und wollte sie seinem Harem hinzufügen. Stangl zögerte nicht, packte seine Sachen und brachte seine Familie nach – Sie werden es erraten – Brasilien.

Stangl scheint einer der wenigen Nazis gewesen zu sein, die die Atmosphäre in Syrien nicht ansprechend fand. Die Meisten, wie Generalmajor Otto-Ernst Remer, war auf der arabischen Straße erfolgreich. Remer war, offen gesagt, ein echter Arbeiter und entschied sich – nachdem er Anfang der 1950-er Jahre in Westdeutschland die schnell verbotene Sozialistische Reichspartei gegründet hatte – dass die Arbeit als Waffenhändler mit Typen wie Brunner lohnender war.

Anders als Brunner war Remer ein Wanderer und verbrachte viel Zeit in diesem anderen Nest der Nachkriegs-Nazis – Kairo. Womöglich war die ägyptische Hauptstadt noch anziehender als Damaskus und hatte unmittelbar nach dem Krieg den Gastgeber für Nazis gespielt, als König Faruk seine Arme vielen ehemaligen SS- und Gestapo-Beamten öffnete.

Diese Gastfreundschaft ging auch weiter, nachdem Faruk von der Bewegung der Freien Offiziere 1952 abgesetzt wurde, da Nasser deutsche wissenschaftliche und geheimdienstliche Fachkenntisse als wesentliche Komponente seines Regimes betrachtete. Niemand geringeres als Joachim Deumling, der ehemalige Gestapochef in Düsseldorf, wurde damit beauftragt Nassers Geheimdienst zu gründen.

Tatsächlich liest sich die Liste einer Stammgäste Kairos in den 1950-er und 1960-er Jahre wie ein Who’s Who Nazideutschlands, in der Otto Skorzeny, der Retter Mussolinis ebenso vorkommt wie Stuka-Pilot Hans-Ulrich Rudel, der Führer berüchtigten SS-Strafeinheit Oskar Dirlewanger und der besonders widerliche und gewalttätige, antisemitische Handlanger Goebbels‘, Johannes von Leers.

Die Beziehung zwischen diesen früheren Nazis und den Ägyptern und Syrern war so erfolgreich, weil sie ein genuin wechselseitiger Deal war. Die Araber boten den Nazis eine Zuflucht sowie einen Markt für all ihre ruchlosen Waffengeschäfte und Schwarzmarkt-Währung. Die Nazis waren derweil in der Lage technisches und militärisches Fachwissen zu bieten, ebenso das Knowhow für die Einrichtung von Unterdrückungsinstrumenten.

Unter dem Rückenkratzen lag jedoch eine tief liegende und dunkle Unterstützung der Beziehung zwischen dem Halbmond und dem Hakenkreuz. Das war natürlich der Hass auf die Juden und insbesondere der Wunsch die Auslöschung Israels zu erleben.

Der geteilte Auslöschungswunsch wurde während des Krieges geboren, als 1941 der Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, das luxuriöse Hotel Adlon in Berlin zu seinem Zuhause machte und Hitler mit seinem Judenhass beeindruckte. Der Mufti beeinflusste die Nazi heftig, sie sollten die Briten aus dem Nahen Osten verjagen und er war behilflich Rekruten für eine weitgehend muslimische SS-Einheit zu rekrutieren, die die 13. Waffen-Gebirgsdivision der SS Handschar hieß.

Zusätzlich hatte der deutsche Geheimdienst während des gesamten Krieges in Nordafrika eng it den Ägyptern zusammengearbeitet und vom Mufti wird angenommen, dass er ein Schlüssel-Mittler zwischen König Faruk und Hitler selbst war. Wenn noch weitere Beweise gebraucht würden, die die Wurzeln des Verhältnisses zwischen den Nazis und den Arabern gewünscht waren, dann lohnt es sich die Tatsache zu betrachten, dass sowohl Nasser als auch sein Nachfolger, Anwar Sadat, in der Kriegszeit Agenten der Deutschen waren.

Im gesamten Verlauf der späten 1960-er und 1970-er Jahre schafften es viele Altnazis unauffällig in das zurückzusickern, was sie als Vaterland ansahen. Andere jedoch, wie der frühere SS-„Arzt“ in Mauthausen, Aribert Heim – und auch Alois Brunner – sollten ihre Tage im Nahen Osten beenden, wo sie einsame Tode in unbedeutenden, staubigen Gassen von Kairo und Damaskus starben.

Man kann solche einsame Tode kaum betrauern, doch letztendlich fanden diese Nazis, die in den Nahen Osten entkamen, dauerhafte Zuflucht. Daran zu erinnern mag aufwieglerisch sein, wenn der Westen mit seiner Beziehung zu diesem Teil des Planeten kämpft, aber es nicht trotzdem die unbehagliche Wahrheit.

Das gefährliche Versagen der Medien

Evelyn Gordon, 12. März 2012 (über Israel Matzav)

Wir wissen jetzt, dass uns eine politisierte Presse uns Jahre lang mit falschen Informationen zu einer überlebenswichtigen Sicherheitsfrage fürtterte.

Der staatliche Rechnungsprüfer veröffentlichte den Entwurf eines Berichts zur dysfunktionalen Beziehung zwischen zwei Männern, die Jahre lang Israels Verteidigungsbetrieb leiteten: Verteidigungsminister Ehud Barak und den ehemaligen Generalstabschef Gabi Ashkenazi. Der Bericht wurde nicht öffentlich gemacht, aber zu den Medien sickerte durch, dass Lindenstrauss die Verantwortung nicht zu gleichen Teilen zuwies. Barak, befand er, behandelte Ashkenazi manchmal schlecht (keine Überraschung; er ist berüchtigt für seine grottenschlechten zwischenmenschlichen Fähigkeiten). Aber es war Ashkenazi, dessen Stab mit seinem Wissen und seiner Einwilligung aktif nach Dreck über Barak gruben. Es war Ashkenazi, der Monate lang ein explosives Dokument vor seinen zivilen Vorgesetzten verbarg, obwohl er glaubte, dass es eine authentische Anstrengung enthüllte, dass die Wahl seines Nachfolgers untergrub (es erwies sich später als Fälschung). Und es war Aschkenazi, der, nachdem das Dokument ans Tageslicht kam, weniger als aufrichtig war, was seine Beziehung zu dem mutmaßlichen Fälscher  Boaz Harpaz (ein ehemaliger Armee-Offizier mit einer bunt schillernden Vergangenheit) angeht, sowohl der Öffentlichkeit als auch der Polizei gegenüber.

Es ist offensichtlich zutiefst verstörend, dass der Generalstabschef, der sich Tag und Nacht der Verteidigung Israels hingeben sollte, sich stattdessen kräftig damit beschäftigte Dreck über den Verteidigungsminister auszugraben. Es ist aber gleichermaßen verstörend, dass die Öffentlichkeit das ohne Lindenstrauss nie erfahren hätte: Jahre der Medienberichterstattung über unser funktionsgestörtes Verteidigung-Duo machte ausschließlich Barak verantwortlich und proträtierte Ashkenazi als blütenrein.

Schlimmer noch: Es handelte sich nicht um einen unschuldigen erfolgten menschlichen Irrtum: Es war eine bewusste Entscheidung der ideologischen Agenda der Medien.

Offen gesagt mögen Israels Journalisten weder Barak noch seinen Boss, Premierminister Benjamin Netanyahu. Sie können Netanyahu nicht ausstehen, weil der es ablehnte den Palästinensern gegenüber weitreichende Zugeständnisse zu machen; sie verabscheuen Barak, weil der sich Netanyahus Regierung anschloss und dann die Arbeitspartei spaltete, um in der Regierung zu bleiben; und sie verabscheuen beide Männer wegen ihrer Falkenhaltung zum Iran. So hat jeder, der gegen Netanyahu und Barak ist, die Garantie bei den Medien ein wohlwollendes Ohr zu finden, besonders, wenn er sich wegen seiner „moderaten“ politischen Ansichten als Opfer darstellt.

Und genau das ist es, was der politisch gerissene Ashkenazi tat: Er erzählte den Medien, Barak hasse ihn, weil er gegen einen überstürzten Angriff auf die Atomanlagen des Iran sei. Und das das sauber in das von den Medien vorgefasste Narrativ der Medien passte, nahmen die Journalisten das begierig auf und sahen nicht weiter nach.

Glücklicherweise machte es dann Lindenstrauss: Er befragte hunderte Menschen und hörte tausende Bänder aus Ashkenazis Büro ab (wo alle Gespräche routinemäßig aufgezeichnet wurden). Und er kam zu dem Schluss, dass die Fehde nichts mit dem Iran zu tun hatte, sondern alles mit Ashkenazis persönlichen Ambitionen: seinem Verlangen seine eigene Macht auszubauen und seine Widerwille sich seinen zivilen Vorgesetzten unterzuordnen.

Dieses ungeheuerliche Versagen der Medien ist aus mehreren Gründen beängstigend. Erstens waren Ashkenazis politische Ambitionen kein Geheimnis. Und wenn Lindenstrauss nicht gewesen wäre, hätte er in ein paar Jahren auf einer Welle der Lobhudelei durch die Medien in ein öffentliches Amt geschwemmt werden. Außer purer Ignoranz könnten die Israelis einen machthungrigen Offizier gewählt haben, der zivile Kontrolle über das Militär verachtet und seine Zeit und Energie mit der niedrigsten Form kleingeistigen poltischen Aktivitäten verschwendet.

Zweitens schloss das jede tatsächliche Untersuchung der Fähigkeiten der IDF aus: Nachdem sie Ashkenazi als ihren weißen Ritter auserkoren hatten, hätten die Medien es kaum riskieren können sein Image mit ernsthafter Untersuchung seiner beruflichen Leistungen zu untergraben. Daher wurde uns z.B. versichert, dass er die Armee nach dem Zweiten Libanonkrieg „rehabilitiert“ habe, ohne dafür irgendwelche tatsächlichen Belege zu haben: Ihr Erfolg gegen die Hamas im Gazastreifen 2009 sagt nichts über ihre Fähigkeit die Hisbollah zu besiegen, die ein weitaus härterer Gegner ist.

Drittens verurteilten die Medien mit ihrer Einseitigkeit Israel zu Jahren einer unglaublich gefährlichen Situation – einer, in der ihre beiden obersten Verteidigungsvertreter kaum miteinander zu reden in der Lage waren – indem sie sie Barak die üblichen demokratischen Mittel entziehen: Er konnte Ashkenazi einfach nicht feuern und einen neuen Generalstabschef ernennen, weil die Medien ihn hätten kreuzigen können. In anderen Demokratien ist die Entlassung eines untergebenen Offiziers Standardvorgehensweise – man betrachte z.B. die Entlassung von General Stanley McChrystal durch US-Präsident Barack Obama im Jahr 2010. Doch indem sie Ashkenazi als Heiligen darstellten, statt als den aufsässigen Offizier, der er war, machten die Medien seine Entlassung politisch unvertretbar, selbst wenn es rechtlich möglich wäre (eine offen Frage, angesichts der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von 1996, dass „unpolitische“ zivile Bedienstete nicht ohne guten Grund entlassen werden können: Wer weiß, ob das Gericht, ohne die Erkenntnisse von Lindenstrauss, die zerrüttet Beziehung zwischen Barak und Ashkenazi als ausreichenden Grund erachtet hätte?)

Und schlussendlich wird eine zutiefst verstörende Frage aufgeworfen: Worüber werden wir infolge der ideologischen Einseitigkeit der Medien noch alles nicht informiert?

In einem unabsichtlich verräterischen Op-Ed schrieb Ha’aretz-Kolumnist Ari Shavit letzte Woche, das Ashkenazi seine Insubordination als legitim betractete, weil er „vier gewählten Offiziellen unterstellt war, die von der Öffentlichkeit als illegitim angesehen werden – den Premierministern Ehud Olmert und Benjamin Netanyahu und den Verteidigungsministern Amir Peretz und Barak.“ Ich habe keine Ahnung ob Ahskenazi tatsächlich so dachte. Aber Shavit denkt eindeutig so und viele seiner Kollegen ebenfalls.

Doch bezüglich Netanyahu ist diese Behauptung (anders als bei Olmert und Peretz, deren öffentliche Unterstützung nach dem Zweiten Libanonkrieg tatsächlich ausblutete) schlicht unhaltbar. Nicht nur war er auf die rechtlich vorgeschrieben Weise zum Premierminister gewählt worden (indem er eine Koalition zusammenbaute), sondern fast jede in den letzten drei Jahren erfolgte Umfrage hat gezeigt, dass er vermutlich auch die nächste Regierung bilden wird und dass die Öffentlichkeit ihn als besser qualifiziert das Land zu führen ansieht als jeden seiner Rivalen. Auf welcher Grundlage kommt also Shavit zu dem Schluss, dass die Öffentlichkeit Netanyah als „illegitim“ betrachtet?

Es gibt nur eine mögliche Antwort: Was Shavit meint, ist, dass die Medien Netanyahu als illegitim betrachten. Sie können seine Positionen nicht leiden und wollen ihn nicht als Premier. Und deshalb ist alles erlaubt, um seine Regierung zu untergraben – selbst die Sicherheit des Landes auszuhöhlen, indem man einen aufsässigen Offizier vergöttert, der von untergeordneter Politik verzehrt wird und damit seine Entlassung verhindert.

So lange das bestehen bleibt, kann die Öffentlichkeit nicht hoffen von den Medien ehrliche Informationen über irgendein Handeln der Regierung zu bekommen, nicht mehr als sie sie über die Fehde zwischen Barak und Ashkenazi bekam. Das ist eine verheerende Anklage der Medien Israels – und weit gefährlicher für die langfristige Gesundheit des Landes als jeder Zank an der Spitze des Verteidigungsestablishments.