Neue intellektuelle und kulturelle Strömungen zeigen Verflechtung von Antisemitismus mit westlicher Kultur

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Es ist nicht schwer zu beweisen, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil westlicher Kultur ist. Um klarzustellen: Das ist etwas radikal Anderes als zu sagen, dass alle Europäer Antisemiten sind. Dennoch gestehen westliche Politiker und andere Führungspersönlichkeiten diese offensichtliche Realität zu den Kulturen ihrer Gesellschaften nie ein.

Einer der raren Europäer, die die Wahrheit klar ausgesprochen haben, ist der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby. 2016 schrieb er: „Antisemitismus ist ein heimtückisches Übel. Die Angewohnheiten des Antisemitismus haben sich in die europäische und britische Kultur eingegraben, solange wir uns erinnern können. In England sah sich die jüdische Gemeinschaft im späten Mittelalter ständiger Verfolgung ausgesetzt: Shylock, der große Bösewicht in Der Kaufmann von Venedig, war ein Klischee seiner Zeit. Als Comwell England unter dem Commonwealth in den 1650-er Jahren wieder für jüdische Ansiedlung öffnete, war der Antisemitismus innerhalb des allgemeinen Sprachgebrauch und Kultur mutiert. Die schändliche Wahrheit lautet, dass die Kirche über ihre theologische Lehre, die ein Gegenmittel hätte anbieten sollen, die Verbreitung dieses Virus verschlimmert hatte.“[1]

Die Jahrhunderte alte Verflechtung von Antisemitismus und westlicher Kultur zeigt sich auf viele Weisen. Zeitgenössischer Antisemitismus beinhaltet nicht nur wichtige Elemente des mittelalterlichen Antisemitismus, sondern auch viele neuere Erscheinungsformen. Eine Möglichkeit unter vielen das zu beweisen ist: In vielen neuen Ideologien und Bewegungen oder intellektuellen Strömungen rücken früher oder später in Teilen davon in Ausdrucksformen in den Vordergrund. Dieser Hass kann sich auf Juden konzentrieren oder auf Israel. Eine Reihe kurzer Erwähnungen aus einer Vielzahl von Bereichen illustriert dies.

Im Bereich der Menschenrechtsorganisationen ist eindeutig Antisemitismus erkennbar. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UNHRC) steht ganz oben auf der Liste der Förderer des jüngsten Typs des Antisemitismus, der Befürwortung des Hasses auf Israel. Viele seiner Mitgliedstaaten sind Diktaturen.[2] Hillel Neuer, Geschäftsführer von UN Watch, fasste es so zusammen: „Der UNO-Menschenrechtsrat in Genf hat einen festen Tagesordnungspunkt gegen Israel. Israel ist das einzige Land, das bei jedem Treffen gezielt ins Visier genommen wird. Nicht einmal schlimme Menschenrechtsverletzer wie China, Kuba, Pakistan, Saudi-Arabien, der Sudan, Syrien oder Simbabwe werden einer solchen Behandlung unterzogen.“[3]

Der Feminismus ist eine weitere Bewegung, in der sich Antisemitismus regelmäßig manifestiert. In dieser Bewegung zur Gleichstellung von Frauen entwickeln sich allmählich Trends des Israelhasses. Die amerikanische Professorin emeritus für Psychologie und Frauenstudien Phyllis Chesler, selbst eine Feministin, berichtete von einer solchen Erfahrung. 2003 war sie eingeladen vor einem hauptsächlich afroamerikanischen und hispanoamerikaischen femnistischen Publikum bei einer Konferenz am Barnard College zu sprechen. Sie wurde gefragt, wo sie in Sachen Frauen in Palästina steht. Chesler antwortete, dass der Islam der größte Praktizierende von Geschlechter- und Religions-Apartheid der Welt ist. Sie stützte ihre Äußerung mit der Erwähnung von Zwangsverschleierung, arrangierten Ehen, Polygamie, auf Ehre basierender Gewalt und Ehrenmorden in der palästinensischen Gesellschaft. Chesler sagt: „Es brach beinahe ein Aufstand aus. Ich wurde eilig in Sicherheit gebracht. Diesen Feministinnen war Palästina egal, ihnen ging es darum Israel zu dämonisieren.“[4]

Ein weiteres Beispiel: Die amerikanische Akademikerin und Feministin Angela Davis, ehemaliges Mitglied der Black Panther und Kommunistin, ist eine extreme Hetzerin gegen Israel. Sie gehört zu denen, die das Töten eines afroamerikanischen Mannes durch einen weißen Polizisten in Ferguson (Missouri) mit dem Handeln Israels im Gazastreifen verglich, das damit überhaupt nichts zu tun hat.[5]

Die Plattform Black Lives Matter, eine weitere Gleichberechtigungsbewegung, beschuldigt Israel des Völkermordes.[6] Eine andere Gleichberechtigungsbewegung konzentriert sich auf die Recht der LGBTQ-Gemeinschaften. Israels Feinde in diesen Kreisen beschuldigen Israel oft des „Pinkwashing“. Das bedeutet, das Land räume der Schwulengemeinschaft gleiche Rechte ein, um die Aufmerksamkeit von seiner Diskriminierung der Palästinenser abzulenken.[7] Der diskriminierenden Tatsache, dass die Organisatoren der Schwulenparade von Chicago 2017 Teilnehmer ausschloss, die Flaggen mit Davidstern trugen, erhielt große Aufmerksamkeit.[8]

Die vegetarischen und veganen Bevölkerungsabteile nehmen zu. Ihre ideologischen Elemente scheinen sogar noch schneller zu wachsen. Der Vergleich des Leidens von Tieren mit dem Holocaust ist ein immer wiederkehrendes Motiv. Ingrid Newkirk, Gründerin der Organisation People for the Ethical Treatment of Animals (PETA), behauptete schon 1983 mit den Holocaust verzerrender Wortwahl, Tiere seien Menschen gleich: „ Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Junge“ und „Sechs Millionen Menschen starben in Konzentrationslagern, aber sechs Milliarden Masthähnchen werden dieses Jahr in Schlachthäusern sterben“.[9] Der Begriff „Tierholocaust“ tauchte in späteren Jahren immer wieder in PETA-Material. PETA entschuldigte sich gelegentlich für diesen Missbrauch.[10]

Der damalige Direktor der Anti-Defamation League (ADL) Abe Foxman analysierte das: „Die Bemühungen von PETA die vorsätzliche, systematische Ermordung von Millionen Juden mit der Sache der Tierrechte gleichzusetzen ist abscheulich. PETAs Versuch ‚Zustimmung‘ zu ihrer ‚Holocaust auf deinem Teller‘-Kampagne zu gewinnen ist empörend, beleidigend und bringt Chutzpe auf eine neue Höchstebene… Gegen den missbräuchlichen Umgang mit Tieren sollte opponiert werden, aber er kann und darf nicht mit dem Holocaust gleichgesetzt werden. Die Einzigartigkeit menschlichen Lebens ist selbst heute die moralische Grundlage für die, die dem Hass der Nazis und anderen zu Völkermord Widerstand leisteten.“[11]

Die Tierrechtsbewegung in Europa hat in mehreren europäischen Ländern den Erfolg gehabt das jüdische rituelle Schlachten verbieten zu lassen. Die jüngeren Fälle sind komplexer, weil sie sich hauptsächlich auf muslimisches rituelles Schlachten konzentrieren. Die Juden sind in diesem Fall Kollateralschaden. Die Kinderrechtsbewegung greift oft die nicht medizinische Beschneidung an.[12]

Bei den Gegnern des Völkermords durch den Einsatz von Atombomben, eine im Mainstream bereits übliche Ausdrucksform, heißt es, dass ein „atomarer Holocaust“ verhindert werden muss. In seiner Erklärung von 2007 sagte US-Präsident George W. Bush, das Atomprogramm des Iran drohe „eine bereits für Instabilität und Gewalt bekannte Region unter den Schatten eines atomaren Holocaust“ zu stellen.[13] Man kann im Internet eine Liste an Filmen über den atomaren Holocaust finden,[14] ebenso bei Wikipedia Literatur über atomaren Holocaust.[15] Die Einzigartigkeit des Holocaust, dem ein komplexer neoindustrieller Prozess der Diskriminierung, der Beraubung und physischen Misshandlung der Juden voraus ging, wird durch diesen Vergleich radikal verzerrt.

In der akademischen Welt ist der Postkolonialismus zu einer beliebten neuen intellektuellen Kategorie geworden. Irgendwann begannen Israels Feinde das Land als Kolonialmacht zu bezeichnen. Diese neue Ausdrucksform des Antisemitismus hat an Boden gewonnen und wird oft von Linken verwendet, wenn sie über Israel reden. Es gibt kaum etwas in Israels Verhalten, das mit den massiven Verbrechen der belgischen, britischen, französischen, deutschen, niederländischen, portugiesischen und spanischen Verbrechen in ihren früheren Kolonien im Verlauf der Jahrhunderte vergleichbar wäre.[16]

Westliche Mächte sind in ihre Kolonien eingedrungen und haben sie erobert, um durch sie an Geld zu kommen. Das jüdische Volk machte aber das Gegenteil. Juden investierten Geld ins Mandat Palästina und später Israel. Das totale Fehlen von Vergleichbarem hielt Israels Feinde in der akademischen Welt aber nicht auf.

Der Anthropologe Philip Carl Salzman, der an der McGill University in Montreal lehrt, fasst zusammen: „Postkolonialismus beleuchtet weniger die Völker, Orte und Zeiten, von denen er redet, sondern zwingt vielmehr seinen Diskurs auf und versucht über ad hominem- und parteiische Argumentation alle anderen zum Schweigen zu bringen.“[17]

Ein weiteres neues Konzept ist Intersektionalität. Diese versucht hauptsächlich die aufgrund von Ethnie, Geschlecht und Klasse Unterdrückten und Opfer zeitgenössischer Gesellschaften zu vereinen. Die linke Hymne des 19. Jahrhundert, die „Internationale“, forderte die Arbeiter auf sich zu vereinigen. Intersektionalität fordert Minderheitsopfer auf sich zu vereinigen. Das aber mit Ausnahme der Juden, die Paradebeispiel-Minderheit im letzten Jahrhundert.

Viele Befürworter von Menschenrechten, Feministen, Vegan-Ideologen, Akademiker, die postkoloniale Theorien propagieren, sind keine Antisemiten. Doch die Tatsache, dass in all diesen nicht damit zusammenhängenden Themen Platz für viel Antisemitismus ist, verbindet diese neuen Hass-Elemente der Kultur mit den früheren.

Mit all dem verzahnt ist das Konzept des absolut Bösen in der zeitgenössischen Gesellschaft: Völkermord zu begehen oder wie die Nazis zu sein. Dabei handelt es sich dennoch nur um eine weitere extreme Erscheinungsform dafür, wie sehr der Antisemitismus mit der westlichen Kultur verwoben ist. Rund 150 Millionen von 400 Millionen erwachsenen EU-Bürgern denken, dass Israelis sich gegenüber den Palästinensern wie Nazis verhalten und die Absicht haben sie auszulöschen.[18]

All diese übermäßige Verwendung von Semantik ist vom französischen Linguisten George-Elia Sarfati zusammengefasst worden. Er sagte, dass die gegen Israel verwendeten Äquivalenzen „so übel sind, weil sie die vier wichtigen negativen Charakteristika der westlichen Geschichte im letzten Jahrhundert – Nationalsozialismus, Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus – dem Staat Israel anhängen. Sie betreffen eine kollektive Erinnerung und prägen sich leicht ein.“[19]

[1] www.thejc.com/news/uk-news/archbishop-of-canterbury-justin-welby-antisemitism-jonathan-arkush-response-1.464880

[2] www.un.org/press/en/2018/ga12077.doc.htm

[3] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/14063?fbclid=IwAR24AuCgM1gjJpoHe1huurSh4XakWjACTI6YrhhuC3kQlylbO4HbCHobHUU

[4] www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/18876 https://phyllis-chesler.com/articles/the-brownshirts-of-our-time

[5] www.adl.org/news/op-ed/lets-not-compare-ferguson-to-palestine

[6] https://mosaicmagazine.com/picks/israel-zionism/2018/06/black-lives-matter-has-an-israel-problem/

[7] www.jpost.com/Israel-News/Ilhan-Omar-Rashida-Tlaib-respond-to-Palestinian-LGBTQ-ban-on-Twitter-599139 ; https://en-law.tau.ac.il/sites/lawenglish.tau.ac.il/files/media_server/Law/NowheretoRun,%20Michael%20Kagan%20%26%20Anat%20Ben-Dor%20(2008).pdf

[8] www.bbc.com/news/world-us-canada-40407057

[9] James M. Jasper and Dorothy Nelkin, The Animal Rights Crusade (New York: Free Press, 1992).

[10] Ingrid Newkirk, “Apology for a Tasteless Comparison,” IsraelInsider.com, 5 May 2005.

[11] ADL, “Holocaust Imagery and Animal Rights,” Press Release, 2 August 2005.

[12] www.independent.co.uk/life-style/new-york-city-circumcision-america-protest-infant-sons-foreskin-a8500026.html
www.theguardian.com/society/2019/jul/21/foreskin-reclaimers-the-intactivists-fighting-infant-male-circumcision

[13] “N Korea ‘May End’ Nuclear Pact,” BBC News, 22 March 2002

[14] http://www.syfy.com/syfywire/the-14-most-frightening-films-about-nuclear-holocaust-just-fyi

[15] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_nuclear_holocaust_fiction

[16] www.ranker.com/list/worst-colonial-european-regimes/melissa-sartore

[17] https://spme.org/spme-research/analysis/philip-carl-salzman-reflections-on-postcolonial-theory-and-the-arab-israel-conflict/4259/

[18] https://library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[19] www.jcpa.org/phas/phas-17.htm

Das Ausmaß des Elends der Araber hat nichts mit Israel zu tun

Petra Marquardt-Bigman, The Warped Mirror, 12. März 2017

„Jeder Araber, der raus will, wird hier weg sein.“

Mehrere Artikel aus der jüngsten Vergangenheit bieten eine Fülle an Daten, die darauf hindeuten, wie wahrhaft elendiglich die Bedingungen in vielen arabischen Ländern sind und wie düster die Perspektive für einen Großteil der arabischen Welt ist – und nein, das ist nicht Israels Fehler. Die schockierendsten Daten kommen aus Syrien (obwohl die Lage im Jemen wahrscheinlich ähnlich schrecklich ist). Ein aktueller Artikel der New York Times umreißt die Verwüstung, die fünf Jahre Krieg in Syrien angerichtet haben:

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen. (Die folgenden Statistiken sind zwar Schätzungen, sie werden aber womöglich mit der fortgesetzten Matrix an Kriegen in Syrien schlimmer werden.) Mehr als 80 Prozent der Syrer leben unterhalb der Armutslinie. Fast 70 Prozent der Syrer leben in extremer Armut, was bedeutet, dass sie ihre Grundbedürfnisse nicht sicherstellen können, heißt es in einem Bericht von 2016. Diese Zahl hat sich seitdem höchstwahrscheinlich verschlechtert. Die Arbeitslosenrate liegt nahe an 58 Prozent, wobei eine beträchtliche Zahl derer, die Arbeit haben, als Schmuggler, Kämpfer oder sonst in der Kriegswirtschaft tätig sind. Die Lebenserwartung ist seit Beginn des Aufstandes 2011 um 20 Jahre gesunken. Etwa die  Hälfte der Kinder geht nicht mehr zur Schule – eine verlorene Generation. Das Land ist zu einer öffentlichen Gesundheitskatastrophe geworden. Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose, Hepatitis A und Cholera, die früher unter Kontrolle waren, grassieren wieder. Und Polio – die in Syrien einst ausgerottet war – ist wieder eingeschleppt worden, wahrscheinlich von Kämpfern aus Afghanistan und Pakistan.

Mehr als 500.000 sind durch den Krieg umgekommen und eine Unzahl Syrer ist indirekt durch den Konflikt gestorben […] Mit mehr als zwei Millionen Verletzten sind rund 11,5 Prozent der Vorkriegsbevölkerung zu Opfern geworden. Und fast die Hälfte der Bevölkerung Syriens ist entweder intern oder extern heimatvertrieben. Eine 2015 von der Flüchtlingsagentur der UNO durchgeführte Studie, die die syrischen Flüchtlinge in Griechenland untersuchte, stellte fest, dass eine große Zahl an Erwachsenen – 86 Prozent – eine höhere Schulbildung oder eine Universitätsausbildung hat. Die meisten von ihnen waren unter 35 Jahre alt. Wenn das stimmt, dann deutet das darauf hin, dass Syrien genau die Menschen verliert, die es am dringendsten brauchen wird, wenn es irgendeine Hoffnung auf Wiederaufbau in der Zukunft gibt.“

Doch die Zukunft sieht auch für den Rest der arabischen Welt nicht rosig aus. MEMRI fasste gerade einige der relevanten Ergebnisse des jüngsten Berichts Entwicklung der menschlichen Entwicklung in Arabien (AHRD – Arab Human Development Report) der UNO zusammen, der sich auf „Herausforderungen und Möglichkeiten, denen sich die Jugend in der arabischen Region gegenüber sehen“ konzentriert. Völlig unnötig zu erwähnen, dass der umfassende UNO-Bericht sorgfältig „ausgewogen“ ist, was bedeutet, dass er alle Mühe gibt alle schlechten Nachrichten mit einigen ein wenig besseren Nachrichten oder mit optimistischem Gerede über Möglichkeiten zusammenzupacken, die darauf warten wahrgenommen zu werden.

MEMRIs Zusammenfassung stellt fest:

„Wir hätten uns zwar etwas anderes gewünscht, stellen aber in Durchsicht des Berichts fest, dass die Kritiker des ‚Arabischen Frühlings‘ in ihrer Bewertung der Ereignisse von 2011 realistischer waren als die, die geneigt waren am Himmel helle Sterne zu sehen. […] Arabische Jugendliche stecken im Sumpf der Armut fest, sind politisch marginalisiert und ohne Stimme, wirtschaftlich entrechtet und tendieren sozial zu Radikalisierung und Gewalt. Ihre Existenz ist fragil und oft brisant.

Der UNO-Bericht hebt die Tatsache heraus, dass die Region im letzten Jahrzehnt im Vergleich mit anderen Regionen der Welt ‚die schnellste Zunahme an Krieg und gewalttätigen Konflikten‘ erlebt hat. Die arabische Welt hat zudem ‚den zweifelhaften Ruf‘ die größte Zahl an gescheiterten Staaten umfasst, was ein hohes Maß an ‚Zerbrechlichkeit und Versagen‘ darbietet, zusätzlich dazu dass sie die Quelle der größten Zahl an Flüchtlingen und Vertriebenen ist. Der Bericht sagt nichts über das Niveau der Konflikte in der Region aus, aber er rechnet hoch, dass die Zahl der Menschen, die in Konfliktregionen leben, sich von 250 Millionen im Jahr 2010 auf mehr als 305 Millionen im Jahr 2020 zunehmen wird.“

Wenn Sie den Bericht selbst überprüfen, dann gibt es jede Menge Befunde, die andeuten, wie düster die Lage in vielen arabischen Ländern ist und wie wenig Chancen es für eine baldige Verbesserung gibt – tatsächlich scheint ein weiterer Niedergang wahrscheinlicher.

„Die Region liegt im Durchschnitt des Menschlichen Entwicklungsindex (Human Development Indes – HDI) immer noch niedriger und bereits hinter dreien der sechs Regionen der Welt zurück, die in nämlich Ostasien/Pazifik, Europa/Zentralasien, Lateinamerika/Karibik. Bis 2050, so die Hochrechnung, wird die Region an fünfter Stelle liegen, nur kurz vor dem Afrika südlich der Sahara.

Belege zeigen, dass die Aussichten junger  Leute in der Region heute mehr als je zuvor durch Armut, wirtschaftliche Stagnation, Regierungsversagen und Ausgrenzung, vermischt mit Gewalt und Zerbrechlichkeit des Gemeinwesens gefährdet sind.

Insgesamt befindet die Qualität der Bildung auf niedrigem  Niveau. Standardisierte internationale Bildungstests wie die Trends in Mathematik und wissenschaftlichen Studien (TIMSS – Trends in Mathematics and Science Study) und dem Programm für Internationale Bewertung von Studenten zeigen, dass Ergebnisse arabischer Länder deutlich unter dem Durchschnitt liegen.

Der Aufstieg von Frauen in arabischen Ländern ist untrennbar und ursächlich mit der Zukunft der menschlichen Entwicklung in der arabischen Region verbunden. Die vorherrschende Entmachtung der Frauen in arabischen Ländern ist in kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren begründet. Wie die AHDRs von 2005 und 2009 feststellten, sind die Samen der Diskriminierung in kulturellen Überzeugungen und Traditionen bei der Kindererziehung, Bildung, religiösen Strukturen, den Medien und Familienbeziehungen eingebettet.“

Zu den besonders bemerkenswerten Zahlen des Berichts gehört die folgende, die zeigt, dass die überwältigende Mehrheit der Araber Religion, d.h. hauptsächlich den Islam, als „einen wichtigen Teil“ ihres täglichen Lebens betrachtet:

Das ist auch im Zusammenhang mit der andauernden Massenimmigration in das sehr säkulare Europa – eine Migration, die von Linken wärmstens begrüßt wurde, die von ihren eignen religiösen Mitbürgern nicht viel halten und auf die religiösen Amerikaner herabsehen – eine interessante Feststellung. Die Bedeutung der Religion für Araber ist auch im Kontext eines anderen Ergebnisses des UNO-Berichts beachtenswert:

„Hauptsächlich aufgrund des hohen Niveaus an sozialer und religiöser Intoleranz steht die Region unter den Ländern mit ähnlichem Entwicklungsniveau weltweit heraus. Toleranz ist ein Kernwert pluralistischer Gesellschaften und fehlender Fortschritt in Sachen Toleranzwerten sorgen in Bezug auf die Zukunft der Demokratie in der Region für Sorge.“

Während Israel es bisher geschafft hat „eine Villa im Dschungel“ zu bleiben – wie Ehud Barak es einst berühmt formulierte – sind es eindeutig schlechte Nachrichten, dass es für die Region so aussieht, dass sie in Konflikt stecken bleibt und dass so viele fundamentale Faktoren den sozialen Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung vermutlich behindern werden. Vor einem Jahr umriss ein immer noch wichtiger Artikel in der New York Jewish Week die daraus resultierenden Probleme für Israel, wie sie von altgedienten politischen Analysten Ehud Yaari erklärt wurden. Der Artikel beginnt mit einer Anekdote:

„Ehud Yaari charakterisiert seinen Freund Bernard Lewis, den berühmten Nahost-Wissenschaftler [der im letzten Mai 100 Jahre alt wurde] als jemanden, der ‚diese Fähigkeit hat in die Zukunft zu sehen‘. Vor kurzem fragte Yaari Lewis bei einem Dinner in Israel, wie der Nahe Osten seiner Meinung nach in fünfzig Jahren aussehen wird. Ohne zu zögern lehnte sich Lewis über den Tisch und sagte entschieden: ‚Jeder Araber, dem der raus kann, wird dort weg sein.‘“

Leider dürften viele von denen, die der Hoffnungslosigkeit des arabischen Nahen Ostens nicht entkommen können, damit enden Religionskrieg und Blutvergießen zu verstärken. Und was frustrierte junge Palästinenser angeht, so ist es offensichtlich verführerisch Terroranschläge zu begehen. In einem sehr interessanten Text, der Anfang Januar 2017 veröffentlicht wurde, schreibt Yaari über Israels Bemühungen die Welle der Anschläge einzudämmen, die im Herbst 2015 begann; es stellt sich heraus, dass die Motivation der meisten jungen Täter eindeutig eine tiefe Unzufriedenheit und Frust spiegelt, ebenso den religiösen Eifer, den der UNO-Bericht über die arabische Welt beschrieb:

„die meisten Anschläge kamen aus den Rändern des Gesellschaft der Westbank: junge Leute, die mit sozialer Marginalisierung kämpfen, die wiederholte Rückschläge im Privatleben erlebt haben oder sich unüberwindlicher persönlicher oder finanzieller Bedrängnis gegenüber sahen. Das kollektive Profil der Angreifer identifiziert die meisten als frustrierte Einzelne, die das Gefühl hatten ihr Leben sei in einer Sackgasse gelandet, bis zu dem Punkt, an dem sie Rettung durch Martyrium suchten. Viele der bei Anschlägen Gefassten erzählten den Vernehmungsbeamten, dass sie glaubten der Tod um des Jihad willen würde sie mit Anerkennung belohnen, die im Leben zu erlangen ihnen misslang.“

Bezüglich der Motivation der überraschend hohen Zahl weiblicher Angreifer schreibt Yaari:

„Untersuchungen zeigten, dass fast alle diese Frauen – einschließlich einer 72-jährigen Großmutter aus Hebron – Familienelend wie außerehelichen Schwangerschaften, arrangierten Ehen, Gewalt in der Familie und so weiter entkommen wollten. Nicht selten schien es so, dass diese Frauen den Tod oder die Verhaftung suchten, um aus ihrem Umfeld zu entkommen. In mehr als einem Fall schwenkte eine junge Frau ein Küchenmesser oder eine Schere schon in großer Entfernung von israelischen Soldaten, stellten keine wirkliche Gefahr dar, im Wissen, dass sie sofort in Gewahrsam genommen würden.“

Um etwas mehr über den palästinensischen Frust und die Unzufriedenheit zu erfahren, können Sie sich dieses neue Lamento auf „A Life of Degradation and Bitterness under Fatah Rule“ (Ein Leben der Erniedrigung und Bitterkeit unter der Herrschaft der Fatah) und diese Verfluchung „Israels, der Hamas und der Fatah“ – letzteres von einem Palästinenser, der „als stolzer Flüchtling aus dem Lager Jabalia im Gazastreifen geboren und aufgezogen wurde“ – ansehen. So viel die Palästinenser sich selbst als Teil der arabischen Welt betrachten, ist es definitiv einzigartig in einer palästinensischen Stadt unter Palästinensern „als stolzer Flüchtling geboren und aufgezogen worden zu sein“.

Meine Herren, neigen Sie Ihr Haupt

Daniel Gordis, 3. September 2007

„Meine Herren, neigen Sie Ihr Haupt.” Fünfunddreißig Jahre nachdem ich diesen Satz jeden Morgen des achten Schuljahres in der Aula hörte, erinnere ich mich klar an die Szene. Mehrere Hundert von uns Mittel- und Oberstufenschülern, eher Jungen als Herren, in Anzug und Krawatte, die ihren Tag an der Privatschule begannen, die ich einige Jahre in Baltimore besuchte. Der Schultag begann mit der Zusammenkunft in der Aula, die dann immer mit dem Vater Unser endete. Und unmittelbar vor dem Gebet sagte der Schulleiter ernst, aber nicht unfreundlich: „Meine Herren, neigen Sie Ihr Haupt.“

Ich neigte mein Haupt nicht. In den zwei Jahren, die ich an dieser (sehr guten) Schule verbrachte, experimentierte ich mit eine paar Alternativen. Zuerst versuchte ich den „Zusammensacker“, der es mir erlaubte meinen Kopf oben zu lassen, ihn aber nicht höher zu haben als die geneigten Köpfe der anderen, damit ich nicht so furchtbar auffiel. Das funktionierte eine Weile. Aber die einfachste Methode, entdeckte ich irgendwann, war einfach auf meinem Stuhl zu sitzen und meinen Kopf nicht zu neigen. Immerhin war das, hatten mir meine Eltern gesagt, die Abmachung, die sie in meinem Namen mit der Schule trafen, als ich zugelassen wurde.

Letztere Haltung, die irgendwie ganz gut funktionierte, hatte allerdings den Erfolg, dass ich für ein Gespräch mit dem Kaplan einbestellt wurde. Er war ein netter Kerl mit Kragen und allem, was dazu gehört, und nahm mich eines Tages zur Seite, um mir zu erklären, dass es nicht wirklich Christliches am Vater Unser gab. „Dein Reich komme“, versicherte er mir, war nichts, wofür Juden nicht auch beten können. Es könnte keine schlechte Idee sein, riet er mir beinahe, einfach das Gebet zu sprechen.

Ich war ein ziemlich schüchtern Achtklässler, der gerade von zwei Jahren Leben in Israel zurück gekommen war. Jetzt in dieser sehr augenfällig nicht unbedingt jüdischen Schule eingeschrieben, war mir die Tatsache sehr bewusst, dass ich hier nicht der typische Schüler war. Dennoch, trotz aller Schüchternheit, machte ich klar, dass das Vater Unser nichts für mich war. Ich erinnere mich, dass ich erwähnte – zweifellos in zitterndem Gestammel – dass es angesichts der Tatsache, dass es von Matthäus und Lukas kam, nicht wirklich gar so ökumenisch war.

Vater Wer-auch-immer war sehr nett und ließ das Thema fallen.

In letzter Zeit habe ich an diese Versammlungen und Vater Wer-auch-immer gedacht. Nicht, weil ich mich plötzlich entschieden habe das Vater Unser zum Teil meiner morgendlichen Liturgie zu machen, sondern weil ich inzwischen bewundere, was diese Schule in diesem Versammlungen tat. Sie zwangen mich nicht das Gebet zu sprechen. Sie setzten mich auch nie wirklich unter Druck. Sie ließen mich (und eine Reihe anderer Juden) an der Schule zu und wir wurden mit außergewöhnlichem Respekt behandelt. Gleichzeitig aber war der damalige durchdringende christliche Charakter der Schule (ich habe den Eindruck, dass die Schule sich da seitdem etwas geändert hat) niemals etwas, von dem sie das Gefühl hatten, sie müssten es verstecken, weil wir Juden dort eingeschrieben waren. Sie waren die, die sie waren; wir waren dort zum Lernen willkommen, aber für was die Schule stand, stand nicht zur Debatte.

Das war, dachte ich, ausgesprochen fair.

Warum sind die Versammlungen und Vater Wer-auch-immer plötzlich wieder in mein Bewusstsein gelangt? Es hatte nichts mit Baltimore oder der Mittelschule oder gar dem Christentum zu tun. Eher hat es nur mit den israelischen Arabern zu tun und mit einigen Dokumenten, die sie in der letzten Zeit zu der Art Staat veröffentlicht haben, der Israel ihrer Meinung nach werden sollte. Und ich habe angefangen mich zu fragen, ob die jüdischen Israelis den Mut der Überzeugungen haben, die diese Schule zu ihrem Christsein hatte – zu wissen, wofür sie stand, das mit Stolz zu verkünden und nichts anderes vorzugeben, auch nicht für die, die keine Christen waren.

Vier dieser Dokumente sind in den letzten etwa neun Monaten erschienen. Selbst bevor ich sie las, war klar, dass sie keine Lobeshymnen auf den jüdischen Staat sein würden, die vor Dankbarkeit und zionistischer Leidenschaft überfließen würden. Es gibt keinen Grund, dass sie das tun sollten. Man müsste schon blind oder gefühllos sein, um zu erkennen, dass die israelischen Araber in Israel nicht so behandelt wurden, wie es hätte sein sollen. Sie haben volle Staatsbürgerschaft, aber niemand könnte leugnen, dass es Diskriminierung beim Hausbau, Arbeitsplätzen und einer Reihe anderer Bereich gegeben hat. Es geht ihnen in Israel unendlich besser, wirtschaftlich und was die Bürgerrechte angeht, als es ihnen in den palästinensischen Autonomiegebieten (oder einem irgendwann existierenden Palästina, sollte man annehmen) gehen würde, aber sie verdienen im Durchschnitt weniger als Juden und leben unter wachsamen Augen der Regierung. Sie haben ihre eines Schulsystem, in Arabisch, finanziert von der israelischen Regierung, aber es ist nicht so gut finanziert, wie es sein sollte. Die Infrastruktur in ihren Städten ist nicht so weit entwickelt, wie sie sein sollte. Und sie sind verständlicherweise frustriert – gelinde gesagt.

Aber um das klar zu stellen: Diese israelischen Araber haben natürlich absolut kein Interesse Bürger Palästinas zu werden. So wütend sie manchmal sind, sie wissen, dass der Status zweiter Klasse in Israel immer dem vorgeblichen Status erster Klasse auf der anderen Seite der Grenze gewaltig vorzuziehen ist.

Aber trotzdem sind sie nicht die „glücklichen Camper“, von denen Dan Quayle einst (über die Samoaner) so erinnerungswürdig sprach. Da ich in einem dieser hübschen, typisch demokratischen, liberalen, amerikanisch-jüdischen Haushalte der 60-er und 70-er Jahre aufwuchs, in dem die Bürgerrechte ein wichtiges Thema waren, las ich diese Dokumente, als sie erschienen, nicht nur auf einige härteste Kritik vorbereitet, sondern mit dem Gefühl, dass wir sie verdienten. Vielleicht würden sie uns helfen Fortschritte zu machen, stellte ich mir vor.

Aber selbst meine tief verinnerlichte Bürgerrechts-Veranlagung bereitete mich nicht auf das vor, was ich in „Die Zukunfts-Vision der palästinensischen Araber in Israel“ vorfand. Es stimmt, die Abschnitte über die Beendigung der Diskriminierung und die Garantie gleicher Rechte waren alle vorhanden, wie ich es erwartet hatte. Aber es gab auch etwas Geschichte. Was wählten sie sich aus, um es uns potenziell positiv vorbelasteten jüdischen Israelis zu sagen?

Israel ist das Ergebnis eines Siedlungsprozesses, der von den zionistisch-jüdischen Eliten in Europa und dem Westen initiiert und von kolonialen Ländern verwirklicht wurde, die dazu beitrugen und indem jüdische Immigration nach Palästina im Licht der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust beworben wurde. Nach der Schaffung des Staates 1948 führte Israel die Konflikt mit seinen Nachbarn weiter.

OK, ich gebe zu, ich mochte das Wort „kolonial“ nicht. Es ist ein geladenes Wort und nicht dafür gedacht Israel in diesem scheinbar postkolonialen Zeitalter allzu gut aussehen zu lassen. Aber damit könnte leben, wirklich. Immerhin, wenn Ze’ev Jabotinsky zum zionistischen Projekt diese Sprache benutzen konnte, wer bin ich, dagegen Einspruch zu erheben?

Was mich verstörte, war nicht so sehr, was in dem Dokument stand, sondern was nicht darin stand. Denn während Europa und die Juden des Kolonialismus beschuldigt werden, erwähnt das Dokument nicht, warum die Juden sich Palästina ausgesucht haben könnten. Was also, haben wir es uns wegen des gemäßigten Sommerklimas ausgesucht? Den vielen Wasserfällen in den jüdäischen Bergen? Den reichlich vorhandenen Ölbrunnen, die über den Negev gestreut sind? Die idyllischen Nachbarn rundherum?

Es war kein zufälliger Anfang, dachte ich, dass die israelischen Araber in der Darstellung der Zukunft jüdisch-arabischer Beziehungen in Israel sich nicht dazu überwinden konnten anzuerkennen, dass wir ein paar historische, nationale, emotionale, religiöse – such Sie es sich aus – Bindungen zu diesem Land haben. Aber das konnten sie nicht. Was ihre Dokument betrifft, haben wir hier so viel zu suchen wie die Briten in Indien.

Und wir wissen, wie die Geschichte ausging.

Nicht allzu glücklich arbeitete ich mich weiter durch. Aber es wurde nicht besser. „Den israelischen Staat als jüdischen Staat zu definieren“, fährt das Dokument fort, „schließt uns aus… Daher fordern wir ein System demokratischer Übereinstimmung, das es uns ermöglicht am Entscheidungsfindungsprozess voll aktiv teilnehmen.“

Die vorgeschlagene Lösung ist also das Ende des jüdischen Staates als solchem. Israel kann existieren, aber nicht als jüdischer Staat. Das ist die Zukunftsvision der palästinensischen Araber in Israel?

Es dauerte nicht lange, bis die Dinge noch komplizierter wurden. Ein paar Monate später, im März 2007, nicht lange nach dem Erscheinen der „Zukunftsvision“, schlug Adalah, eine andere israelisch-arabische Organisation, eine Verfassung für Israel vor. Und wieder war die Agenda das Ende des jüdischen Staates, wie wir ihn kennen:

Der Staat Israel muss seine Verantwortung für Ungerechtigkeiten der Vergangenheit anerkennen, unter denen das palästinensische Volk gelitten hat und das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge auf Grundlage der UNO-Resolution 194 anerkennen.

Dass die Rückkehr der Flüchtlinge die Juden sofort zu einer demographischen Minderheit in Israel machen würden, bleibt unerwähnt, ist aber offensichtlich. Das ist natürlich immer das wirkliche Problem mit den palästinensischen Flüchtlingen gewesen. Als die arabischen Länder Juden in den Anfangsjahren des Staates etwa 700.000 auswiesen, nahm Israel sie auf und zu Staatsbürgern. Die arabischen Staaten, in die eine ähnliche Anzahl Araber während des Unabhängigkeitskriegs floh (oder hinzugehen gezwungen oder aus Angst hinausgedrängt wurden – alles wichtige Fragen, aber hier nicht unser Thema), taten nichts dergleichen. Weil die Agenda niemals war den Palästinensern zu helfen – sie war das Problem eitern zu lassen, in der Hoffnung, dass es eines Tages dazu genutzt werden könnte den jüdischen Staat zu unterminieren. Und hier ist es, einmal mehr genau für diesen Zweck benutzt – außer, dass die Forderung diesmal nicht von Arafat gestellt wird, sondern von israelischen Staatsbürgern.

Einige Monate später kam ein drittes Dokument: „An Equal Constitution for All?“ Sein Ton erschien mir weit freundlicher und weniger auf Konfrontation angelegt als die anderen, aber wenn man es gründlich liest, ist klar, dass die Agenda dieselbe ist. Die bloße Behauptung, dass der Staat Israel „der des jüdischen Volkes“ ist, wird damit gleich gesetzt, man sage „16% der Bürger des Staates Israel haben überhaupt kein Land“. Und übrigens: die Hatikva muss weg – „Sie ist eine exklusiv jüdisch-zionistische Hymne und es ist jedem klar, das sie nicht als Hymne für arabische Staatsbürger dienen kann.“

Und schließlich kam die Haifa-Deklaration vom Mai 2007. Auch hier eine Lektion in Geschichts:

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts initiierte die zionistische Bewegung ihr koloniales Siedlungsprojekt in Palästina … das darauf abzielte unser Heimatland zu besetzen und in einen Staat für die Juden umzuformen. … Die zionistische Bewegung beging Massaker an unserem Volk, machte die meisten von uns zu Flüchtlingen, löschte Hunderte unserer Dörfer aus und vertrieb die meisten der Einwohner unserer Städte.

Und wenn es um die Beziehungen zu den Palästinensern außerhalb Israels geht (vergessen wir übrigens nicht diese vier Jahre Intifada oder dass die Hamas und die Hisbollah immer noch auf die Vernichtung Israels eingeschworen sind), dann kann man schwerlich sagen, was die Haltung dieser Gruppe israelischer Staatsbürger von den Hardcore-Palästinensern jenseits der Grenze unterscheidet.

„Versöhnung verlangt vom Staat Israel, dass er die historische Ungerechtigkeit anerkennt, die er durch seine Gründung gegen das palästinensische Volk verübte, seine Verantwortung für die Nakba zu akzeptieren… Versöhnung verlangt ebenfalls die Anerkennung des Rechts auf Rückkehr und zu handeln, um es in Übereinstimmung mit der UNO-Resolution 194 umzusetzen; die Besatzungs zu beenden und die Siedlungen von allem seit 1967 besetzen arabischen Territorium zu entfernen; die Anerkennung der Rechte des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung und auf einen unabhängigen und souveränen Staat.“

Und wieder fordert das Dokument explizit eine „Veränderung der Verfassungsstruktur und eine Veränderung der Definition des Staates Israel von einem jüdischen Staat zu einem demokratischen Staat, gegründet auf nationaler und bürgerlicher Gleichheit zwischen den beiden nationalen Gruppen“.

Im Kontext der amerikanischen liberalen Demokratie könnte natürlich nichts gerechter klingen. Ich bin sicher, dass, wenn in einer dieser Achtklässer-Versammlungen jemand dies vertreten hätte, all die kleinen „Herren“ in Anzug und Krawatte in feierlicher Zustimmung genickt hätten. Aber hier ist nicht Baltimore und die Herausforderungen hier sehen etwas anders aus, als die, denen sich der große Bundesstaat Maryland gegenüber sieht. Die „Grüne Linie“ ist nicht ganz die historische Fußnote, wie es die „Mason-Dixon-Linie“ ist. Mit scheint, die Frage ist nicht, ob die Argumente dieser Dokumente ein feierliches Nicken im liberalen, friedvollen, sicheren Amerika erhalten, sondern vielmehr, wie anständige, denkende Zionisten darauf antworten sollten. Gibt es wirklich nichts, das wir als Antwort auf die kollektiven Forderungen nach unserem nationalen Selbstmord geben können?

Erstaunlicherweise sagten nur wenige Leute, mit denen ich arbeite oder mich privat treffe viel zu diesen Dokumenten. Ich weiß, die Kritik klang für viele von ihnen vage legitim. Und obwohl die meisten meiner Kollegen emotional die Vorstellung eines jüdischen Staates nicht aufgeben wollten, wussten sie nicht wirklich, wie sie antworten sollten. Wie bringen wir das Jüdische und das Demokratische ins Gleichgewicht? Ist die israelisch-arabische Bevölkerung wirklich eine Fünfte Kolonne, die das Ende des jüdischen Staates verfolgt? So klug und intellektuell fortschrittlich sie sind, nichts von dem, was viele meiner Kollegen in Israel an Bildung erhielten, bereitete sie darauf vor, diese Unterhaltung zu führen. Also lasen sie die Dokumente und sagten nichts, zu niemandem.

Ich aber wollte mit jemandem über all das reden. Eine israelisch-arabische Bekannte fiel mir ein. Wir sind gut Freunde, schon seit Jahren. Meine Frau und ich waren auf ihrer Hochzeit im Scheik Jarakh-Viertel in Ostjerusalem. Ich war im Haus ihrer Eltern und selbst währen der Intifada nahm ich meine Kinder mit, damit sie inmitten all der Gewalt sehen konnten, dass es sehr anständige Menschen auf beiden Seiten der national-religiösen Kluft gab. Sie war zu Shabbat-Essen bei uns Zuhause, wir haben uns privat als Ehepaare getroffen usw.

Und sie und ich hatten nie Probleme miteinander über Politik zu reden. Sie ist eine glühende Feministin, was sie gründlich desinteressiert am religiösen Islam macht. Aber sie ist auch eine stolze Palästinenserin und bezeichnet sich selbst nicht als israelische Araberin, sondern als israelische Palästinenserin. Und sie ist klug, hat einen Doktortitel von der Hebräischen Universität und mehr. Also ist es erfreulich, sich mit ihr zu unterhalten. Und zu mehr als einer Gelegenheit sagte sie mir, das sie „kein Problem“ damit hatte, dass Israel ein jüdischer Staat ist, so lange die Araber als Minderheit ihr Recht bekommt. Sie war, kurz gesagt, eine Person, von der ich dachte, sie könnte tatsächlich auf einer Linie mit mir sein – ist das, was diese Dokumente fordern, wirklich das, was die israelisch-arabische Bevölkerung will?

Sie hat eine Weile im Ausland gelebt, also schrieb ich ihre eine kurze E-Mail. Lange nicht miteinander gesprochen, hieß es darin. Was gibt’s Neues? Und was hältst du von all diesen Manifesten und Dokumenten, die aus der israelisch-arabischen Gemeinschaft kommen? Ich erhielt nach zehn Minuten eine Antwort: „Hi! Schön, dass du schreibst. Es ist viel zu lange her. Es gibt so viel zu erzählen.“ Sie informierte mich über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Forschungen. „Bleib in Kontakt“, schrieb sie und dass wir uns treffen, wenn sie zurück nach Israel kommt.

Aber kein Wort zu den Fragen, die ich ihr gestellt hatte. Also schrieb ich sofort zurück, etwas in der Art von „und was ist mit meinen Fragen?“ Diesmal kam nichts. Ich bekam keine Antwort, auch später nicht. Ich wartete einen Monat und schreib noch einmal. Immer noch nichts. Und bis heute: nichts.

Ich hatte die Linie überschritten. Die Freundschaft, schätze ich, gründete nicht darauf, dass ich sich nicht „oute“, sie nicht zwang zu sagen, was sie wirklich über die Zukunft dieses Staates denkt. Das Schweigen, stelle ich mir vor, ist ihre Art zu sagen: „Du willst nicht wirklich wissen wollen, was ich denke.“

Das möchte aber schon. Offensichtlich nicht, weil wir überein stimmen werden, sondern weil die Haltung meiner Kollegen – lese die Dokumente, leg die Stirn in Falten und schließe den Browser – nicht wirklich die Zukunft von irgendetwas hier garantieren wird. Es gab Momente, da wollte ich ihnen sagen: „Warum redet niemand darüber?“ Habt ihr wirklich nichts darüber zu sagen, warum wird auf dem Überleben eines ausgesprochen jüdischen Staates bestehen? Glaubt die junge Generation der israelischen Intelligenz nichts mehr von dem, was eine liberale Demokratie rein amerikanischen Stils, in der Juden nichts als eine signifikante Minderheit sind, nicht tun wird? Sind wir derart mit dem Wunsch in allem, was wir tun amerikanisch zu sein, berauscht dass die Verpflichtung eine liberale Demokratie zu sein unseren Glauben an das übertrumpft, was Herzl – und zahllose andere, die auf ihn folgten – vor hatten? Hat Amerikas ungezügelter Multikulturalismus unseren Fähigkeit beeinträchtigt irgendetwas darüber zu sagen, warum dieser Ort den Juden wichtig ist?

Aber zu wenig Leute hier wollen darüber sprechen. Wie viele amerikanische Juden wollen sie glauben, dass alles in Ordnung sein wird, wenn die harten Fragen einfach nur nicht stellen. Aber das erscheint mir nicht als sonderlich fruchtbare Strategie für Elternschaft oder in der Ehe. Oder, weil es darum geht: für den Aufbau eines Staates.

Es tut mir leid, dass meine (ehemalige?) Freundin nie zurückschrieb. Wirklich. Ich hätte ihre Wut ihrem Schweigen vorgezogen. Das würde es wahrscheinlich für mich einfacher gemacht haben, ehrlich zu ihr zu sein. Und wäre ich ehrlich gewesen, dann hätte ich in etwa gesagt:

Hör mal, niemand hier mit halbwegs Hirn denkt, dass das einfach ist. Natürlich ist die Gründung Israels sehr hart für die Leute gewesen, die hier einmal die Mehrheit waren. Wer könnte das leugnen? Und ja, dieser Ort ist (bisher) jüdisch bis ins Innerste und ich erkenne, dass euch das an den Rand drängt. Die israelischen Araber stellen inzwischen rund 20% der Bevölkerung, und diese Zahl steigt, also wird die Herausforderung immer akuter werden. Und ja, auf der kleineren Ebene ist die Hatikva für die israelischen Araber problematisch. Natürlich ist eine Flagge, die so geschaffen ist, dass sie wie ein Tallit aussieht, so etwas wie ein beladenes Symbol. All das ist klar.

Aber bei all den Problemen, dass ein ausgesprochen jüdischer Staat entsteht, musst du begreifen, dass er einfach nicht zur Diskussion steht. Die Gründe sind furchtbar komplex, aber wenn du sie auf ein paar knappe Sätze komprimieren willst, würden die sich um die Tatsache drehen, dass es auf dem Planeten einfach keinen anderen Platz gibt, an dem eine jüdische Zivilisation gedeihen kann. Nirgendwo sonst hätte das Hebräische wiederbelebt werden können, wo dreijährige die Sprache der Bibel sprechen können. Es gibt keinen anderen Ort, wo Fragen über Grenzen und Einwanderung (wie sie Israel sich jetzt bei den sudanesischen Flüchtlingen gegenüber sieht) jüdische Fragen werden können, wo jüdische Gesetze, jüdische Ethik und jüdische Geschichte und Erinnerung als Faktoren eingebracht werden können. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, wo das jüdische Volk sich wieder vorstellen kann, was jüdisch sein bedeuten sollte und sie die Mittel haben, das umzusetzen.

Ja, es mag auf gewisse Weise gefährlicher sein, hier Jude zu sein, als irgendwo anders auf der Welt, aber es gibt auch keinen anderen Ort, wo Juden den Kurs ihres Schicksals bestimmen können. Es gibt, kurz gesagt, keinen anderen Ort, wo die Juden haben können, was jede andere, „normale“ Nation zumindest irgendwo hat. Wie kann ein Volk, das auf eine sinnvolle Weise überleben will, das einfach aufgeben? Das kann es nicht.

Also, in vollem Bewusstsein dessen, wie hart es für dich ist und für deine Familie und dein Dorf… eines muss klar sein. Diese Schule in Baltimore – das muss man ihr zugestehen – wofür sie stand und sie war stolz darauf. Ich hoffe immer noch, dass die Israelis eines Tages dasselbe zu dem das Projekt fühlen, das wir den jüdischen Staat nennen. Und, so unangenehm und unbequem es damals war: Ich habe mein Haupt in der Versammlung nicht geneigt und wir werden sicher nicht damit anfangen hier unsere Köpfe zu neigen.

Nun, wie bauen wir gemeinsam ein Leben auf?

Das, denke ich, könnte der Beginn einer Unterhaltung sein. Kein einfacher, aber ein produktiver. Aber die vielleicht größte Herausforderung ist es, eine weitere Generation von Israelis zu bekommen, die sie haben wollen.

Glaube. Und sei mutig. Und komm heim.

Daniel Gordis, 22. Juni 2007 (Link: Canadian Institute for Jewish Research)

„Hast du den Artikel über Avram Burg in Ha’aretz gelesen?“

Das war natürlich DIE Frage der Woche. Es war dieselbe Woche, in der Shimon Peres gewählt wurde (also DAS war ein Satz, von dem wenige von glaubten, wir würden ihn jemals hören), zu Israels nächstem Präsidenten. Und die Woche, in der der Gazastreifen zu Hamastan wurde. Es war auch die Woche, in der Ehud Barak zum Verteidigungsminister ernannt wurde. Aber wenige Leute, mit denen ich mich so rumtreibe, sprachen über Peres, Gaza oder Barak. Jedermann, so schien es, redete über Burg und den überragenden Job, den Ari Shavit – einer der führenden Journalisten Israels – mit seinem Interview erledigt hatte.

Diesmal aber kam die Frage von meinem Sohn, auf dem Weg zurück von der Synagoge.

„Ich habe es gelesen“, sagte ich ihm. „Du auch?“
„Ich habe es zweimal gelesen“, sagte er.
„Zweimal?“
„Ja, Ich las es einmal und dann, als alle meine Freunde anfingen darüber zu diskutieren, las ich es noch einmal.“
„Und was denkst du?“, fragte ich ihn.
„Nein, was denkst du?“

Die Wahrheit ist, dass ich schon an etwas anderes dachte. Ich versuchte mich zu erinnern, ob, als ich im letzten Jahr vor dem Abitur war, nur Wochen vor dem Abschluss, ein Artikel über Nationalismus, Ideologie oder irgendetwas dieser Art meine Oberstufenfreunde und mich derart aufgeregt hätte. Und ich konnte mir nichts derartiges vorstellen. Wir wuchsen in einer Welt auf, so scheint es mir heute, über die wir nicht viel nachdenken mussten.

Nicht so unsere Kinder. Sie wachsen in einer Welt auf, in der schon die Existenz des Landes, in dem sie leben, eine Frage ständiger Diskussionen ist. Sie begreifen, dass der arabische Hass auf Israel so tief eingegraben ist, dass er blühen wird, auch wenn er jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Palästinenser vernichtet. Sie sind noch nicht einmal sonderlich überrascht, wenn die britische akademische Welt sich entschließt alle israelischen Akademiker zu boykottieren. Aber wenn jemand wie Avram Burg, ein ehemaliger Parlamentspräsident der israelischen Knesset und ehemaliger Kopf der Jewish Agency, sagt, dass es an der Zeit ist, dass Israel aufgibt ein jüdischer Staat zu sein oder dass der jüdische Staat keine Seele hat, dann nimmt selbst diese junge, aber übersättigte Generation davon Notiz.

Aber Avi verdiente eine Antwort. „Ich fand nicht, dass seine Kritik völlig falsch war“, sagte ich und fragte mich, was er zu so etwas sagen würde.
„Ich auch nicht“, sagte er.
„Aber ich fand, er lag in den meisten Dingen falsch. Und ich fand, seine Schlussfolgerungen waren völlig fehl geleitet.“ Und dann fingen wir an zu reden.

Obwohl man versucht ist Burg und seine Kritik Israels einfach abzutun, würden wir es uns damit etwas zu leicht machen. Burg hat deutlich nicht Unrecht, dass ein Dreiviertel-Jahrhundert ununterbrochener Kriegsführung und Verluste die israelische Gesellschaft in eine recht militaristische verwandelt hat, was einige unangenehme Folgen hat. „Die Israelis verstehen nur Gewalt“, sagte er. Übertrieben, denke ich, aber keine Kritik, die irgendjemand, der sich um diese Gesellschaft sorgt, unbekümmert abtun sollte.

Aber die Frage ist nicht, ob er Recht hat. Die Frage ist, was wir deswegen unternehmen.

Burg hat nicht Unrecht, dass es rassistische Elemente in der israelischen Gesellschaft gibt. Seine Vorhersage, dass die Knesset eines Tages sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Arabern verbieten wird, ist lächerlich, hoffe ich; aber es wäre wiederum zu leicht, sich auf Burgs Übertreibungen zu konzentrieren und die Teile seiner Argumentation zu leugnen, die nicht falsch sind. Ein Fünftel dieses Landes besteht aus arabischen Staatsbürgern und die meisten Freunde meiner Kinder sind nie einem begegnet, außer diese Person erledigte irgendeine Arbeit in ihrem Haus. Auch hier liegt Burg nicht völlig falsch. Wir sind (wie viele andere Gesellschaften) der Beweis, das Generation um Generation unter feindseligen Nachbarn zu leben, Xenophobie züchten kann.

Aber wiederum ist auch die Frage, was deswegen unternommen werden kann. Burgs Vorschlag? Übernehmt Gandhis Strategie und entsorgt Israels Atomwaffen. Oh, Israel sollte aufhören ein jüdischer Staat sein zu wollen. Und dann sollte jeder Israeli, dem das möglich ist, sich einen zweiten Pass beschaffen.

Timing ist alles, heißt es. Burgs Buch (das bisher nur auf Hebräisch erhältlich ist) kam heraus, als der Iran unerbittlich atomaren Möglichkeiten näher kommt. Es wurde weniger als ein Jahr herausgegeben, nachdem die Hisbollah – ein Strohmann der Iraner – demonstrierte, dass die IDF nicht länger die unüberwindliche Macht ist, die sie unserer Vorstellung nach war. Und es kam genau in dem Moment heraus, als die Hamas den Gazastreifen übernahm, womit sie die Reichweite der konventionellen Waffen des Iran so weit ausdehnte, dass sie jeden Punkt vieler israelischer Städte erreichen können.

Und angesichts des Iran, Syriens, der Hisbollah und der Hamas findet Burg, wir sollten Gandhi werden.

Dieses Rezept macht natürlich Sinn, wenn man das ganze Unternehmen aufgeben will. Und Burg hat das eindeutig vor. Er besteht darauf, dass wir psychologische Krüppel sind, verwundet von Hitler und nicht in der Lage uns davon zu erholen; und dass unsere Wunden alles färben, was diese Gesellschaft angeht.

Er hat Recht, dass wir verletzt sind. Was die jüdische Welt nicht nur von 1938 bis 1945, sondern auch Jahrzehnte lang davor durchgemacht hat, hat deutlich unsere Weltsicht geformt. Und 60 Jahre Krieg seit 1947 haben da nicht geholfen.

Burg will wissen, wohin wir flüchten sollten. Und ich würde statt dessen fragen, wie wir Heilung erfahren sollten.

Burg glaubt, dass es uns in Brüssel besser gehen würde. Wir brauchen diesen Ort nicht länger, glaubt er. „Ich betrachte die Europäische Union als ein biblisches Utopia. Ich weiß nicht, wie lange sie zusammenhalten wird, aber sie ist erstaunlich. Sie ist komplett jüdisch.“ (Wörtliches Zitat)

Das klingt sehr nach den Juden von Córdoba 1485 oder den Juden Berlins 1920. Oder den heutigen Juden von West Los Angeles, Newton und der Upper West Side in New York.

Was Europa angeht, so finde ich, dass Burg völlig daneben liegt. Aber man kann immer noch hoffen, dass Amerika weiterhin ein Ort lebensprühenden, vitalen kulturellen jüdischen Lebens sein wird.

Und selbst, wenn das eintritt, was ist falsch daran, dass Burg die Hoffnung für unser Überleben an einen anderen Ort bindet und was Burg weiß, aber nicht zugeben will, ist, dass außerhalb dieses Ortes die Wahl, die die Juden zu treffen haben, auf eine sehr bestimmte Gruppe von Gebieten beschränkt ist. Außerhalb dieses kleinen Streifens dieses Planeten muss die überwiegende Mehrheit der Juden ihre außenpolitischen Ansichten nicht mit dem Leben ihrer Söhne und Töchter untermauern. In Amerika können Juden so oder so über die Amnestie für illegale Einwanderer abstimmen, aber nur hier erhält die Frage ausgeprägt jüdische Qualitäten.

Ich glaube nicht, dass ich der einzige war, der dankbar hörte, dass Justizminister Daniel Friedmann darauf bestand, dass Israel die Darfur-Flüchtlinge schlichtweg aufnehmen muss, die sich bis an Israels Grenzen durchschlagen. Die Bibel, sagte er, lässt uns keine andere Wahl. Hätte irgendjemand mich gefragt (was natürlich niemand tat), dann hätte ich hinzugefügt,d ass ein Land, das zum großen Teil auf dem Rücken von Menschen geschaffen wurde, die nirgendwo sonst hin konnten, als die Welt ihre Grenzen schloss und weg sah, darf es nicht einmal wagen diesen Teil seiner Geschichte zu vergessen. Mich interessiert weniger, warum den Juden gewisse Dinge zustießen, als daran, was die Juden, angesichts der Dinge, die passiert sind, zu sein haben.

Ist es fünfundsechzig Jahre, nachdem ganze Schiffsladungen von Juden von einer Küste nach der anderen zurückgewiesen wurden, wirklich eine Frage, was wir tun müssen, wenn Menschen, die aus Darfur fliehen, an unsere Grenze kommen? (Klingt das Wandern durch die Wüste auf dem Weg von Ägypten nach Israel bekannt?)

Natürlich begreift jeder hier, dass dies zu einem großen Problem werden könnte, wenn Abertausende anzukommen beginnen. Das ist nicht zu leugnen. Und es stimmt, dass Israels jüdische Mehrheit (die notwendig ist, damit Israel jüdisch und demokratisch ist) nicht sicher ist, weil 20% der Bevölkerung arabisch ist, viele der russischen Immigranten praktisch nicht jüdisch und die Kinder von Gastarbeitern Petitionen auf Bleiberecht einreichen usw. Und diese Komplexheit, denke ich, ist genau das Problem, das mit staatlicher Souveränität entsteht; und es ist genau das Problem, das wir feiern sollten, denn es ist der Schlüssel dazu, dass das Land eine Seele hat.

Einige Leute stimmen dem nicht zu. Der Oberrabbiner von Hebron, Dov Lior, bestand kürzlich darauf, dass Israel diese Flüchtlinge nicht aufnehmen muss. „Die Armen der eigenen Stadt haben Vorrang vor den Armen anderer Völker“, beharrte er, womit er sich auf das berühmte talmudische Prinzip in Bava Metzia bezog. „Wir haben genug eigene Probleme mit der Eingliederung der Einwanderer. Wir müssen uns um unsere eigenen Flüchtlinge aus Sderot kümmern und wir haben nicht genug Reserven im Staatshaushalt. Wir haben genug arme Menschen in Israel. Es gibt außer uns jede Menge Staaten, die diesen Flüchtlingen helfen können.“

Ich stimme dem nicht zu und ich finde es ironisch (um es milde auszudrücken), dass Liors eigene Eltern verhungerten, nachdem seine Familie aus Polen ausgewiesen wurde und durch die Sowjetunion wanderte. Aber die Ironie ist nicht der wichtige Teil. Bedeutend ist, dass wir einen Disput haben zwischen einem (sehr säkularen) Justizminister, der die Bibel zitiert, und einem recht bekannten Rabbi, der den Talmud zitiert. Und unterdessen nehmen Kibbutzim im gesamten Süden diese Familien aus Darfur auf, ebenso die Stadt Beer Sheva.

Ist das Problem gelöst? Offensichtlich nicht. Aber die Tatsache einer Auseinandersetzung und der Beginn wirklichen Handelns machen es für mich schwierig Burgs Argument zu akzeptieren, dass Israels Seele verloren ist. Schmerz? Absolut. Hartherzig? Vermutlich.

Aber verloren? Niemals.

Burg ist ebenfalls betrübt über die Qualität israelischer Schriften und sieht wiederum die Lösung in der Diaspora. „Es gibt keine wichtige Schriften in Israel. Wichtige jüdische Schriften werden in den USA verfasst.“

Was wirklich wichtige Schriftstücke darstellt, könnte offensichtlich eine interessante Diskussion bilden. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass Burgs Buch in der Hebräischen Buchwoche in Israel heraus kam, dem jährlichen Fest hebräischen Schreibens und Veröffentlichen, das Unterbrechung seit 1926 jedes Jahr statt gefunden hat. Und dieses Jahr, vermerkte die Presse, wurden mehr als 6.000 neue Bücher in Israel verlegt. Nicht schlecht für ein Land mit einer Bevölkerung, die geringer ist als die von Los Angeles.

Quantität ist sicherlich keine Garantie für Qualität und selbst, wenn es ein paar sehr gute Bücher dort gegeben hat, kann man darüber diskutieren, ob wirklich etwas „wichtiges“ dort aufkam. Aber was ist in der letzten Zeit in den USA aufgekommen, das so „wichtig“ ist? Großartige Fiktion, sicher, wie u.a. die Arbeiten von Nicole Kraus, Michael Chabon, Jonathan Safran Foer und dem nimmermüden Philip Roth.

In der Welt der Non-Fiction jedoch, welche wirklich „großen“ Ideen sind dort in der jüngsten Zeit in die jüdische Diskussion eingebracht worden? Um ehrlich zu sein, mir fällt nichts ein. Aber ich bin nicht überrascht. Wir leben in einer verwirrenden Zeit. Obwohl dieses Jahr sehr viele gute Bücher in den beiden Ländern veröffentlicht wurden, ist vielleicht der Grund, dass nichts von wirklich das Denken verbessernder Bedeutung kommt, dass niemand von uns genau weiß, was über die zusammenbrechenden Ideologien gesagt werden soll, in denen viele von uns aufgezogen wurden.

Diejenigen, die von der klassischen zionistischen Sichtweise Israels als einem sicheren Hafen für die Juden genährt wurden, ist es von nicht geringer Bedeutung, dass Israel wahrscheinlich der gefährlichste Ort für einen Juden ist. Mit Ahmadinedschad im Osten, der Hisbollah im Norden, der Hamas im Südwesten und einem ganzen Trupp anderer Mitspieler ist nicht einmal Paris vergleichbar mit der lauernden Bedrohung, mit der die Israelis fertig werden müssen. Dieser Teil der frühen zionistischen Ideologie ist klar zusammengebrochen.

Und was die angeht, die glaubten, der israelische Sieg im Sechstage-Krieg kündigte das Kommen des Messias an, hat Israel dieser messianischen Möglichkeit den Rücken gekehrt. Zugegeben, viele von uns mögen nicht in diesen theologischen Begriffen denken (was das angeht, so ich glaube nicht, dass die meisten Juden überhaupt in theologischen Begriffen denken, da die Theologie eine ex post facto-Sprache für Verpflichtungen ist, die wir bereits anderen Gründen getroffen haben), aber einige Leute hier taten das. Und diese Leute, muss angemerkt werden, waren die Vorreiter des Zionismus. Man mag über die Siedlungen sagen, was man will (und Gershom Gorenbergs Buch über die Siedlungen, Accidental Empire, verdient es von den Menschen auf beiden Seiten des politischen Grabens gelesen zu werden), die Menschen, die sie bevölkerten, waren das neue Blut und die Energie für den Zionismus. So wie diese Ideologen die Welt betrachten, hat Israel sie im Stich gelassen. Als Israel den Sinai und Gaza zurückgab und Schritte unternahm auch noch die Westbank loszuwerden (indem es Olmert wählte), wandten sich die Israelis auch vom Messias ab. Von Gott.

Sind angesichts dessen die Sprünge im ideologischen Engagement der religiös-zionistischen Jugend schwer zu verstehen?

Und was ist mit der „anderen“ Jugend? Sie sind natürlich die Kinder der Peaceniks, derer, die glaubten, alles, was nötig sei, sei ein bisschen territorialer Kompromiss and zwei vernünftige Leute würden dieses Land teilen und Seite an Seite in Frieden leben. Aber dieser Traum von Juden und Arabern, die in den Hügeln der judäischen Wüste sitzen, die Friedenspfeife rauchen und „Kumba-ya“ singen, ist wahrscheinlich weiter entfernt denn je. (Es ist vielleicht ein Zeichen des tief eingegrabenen israelischen Optimismus, dass in derselben Woche, in der die Eroberung des Gazastreifens durch die Hamas das Ende jeder möglichen Übereinkunft mit den Palästinensern für die voraussehbare Zukunft kennzeichnete, wählte die Knesset die einzige lebende Person zu Israels nächstem Präsidenten, der immer noch an die Möglichkeit des „Neuen Nahen Ostens“ glaubt.)

Auch diese Kinder machen gehen ohne den ideologischen Unterbau in die Zukunft, den ihre Eltern im gleichen Alter hatten.

Die Juden der Welt sind nicht länger sicher, an was sie glauben sollen. Die Theologie ist tot. Die Geschichte schmerzt. Der Zionismus ist erschüttert. Israel lebt – „hält durch“ ist wahrscheinlich angemessner – in einer postideologischen Ära mit einer ungewissen und nicht definierten Zukunft. Es wäre schön, wenn einige authentisch wichtige jüdische Bücher heraus kommen, aber ist es, da die Voraussetzungen der jüdischen Welt derart auf den Kopf gestellt sind, überraschend, dass sie spät dran sind?

Also liegt Burg nicht völlig falsch. Diese Gesellschaft wird von vielen Missständen geplagt.

Aber noch einmal: Die Frage ist, was man deswegen unternimmt. Einige Israelis (und viele der Unterstützer Israels in der Diaspora) würden lieber vorgeben, dass die Probleme nicht existieren. Andere Israelis sind bereit das Handtuch zu werfen; sie zeigen, wie Burg, auf die Missstände, die uns plagen und ziehen es vor zu fliehen statt an die Arbeit zu gehen.

Einige von uns jedoch wollen sich immer noch durchhalten und daran arbeiten, weil wir glauben, dass es einen jüdischen Staat, der nicht jüdisch und anständig ist, nicht geben sollte, aber dass ein jüdisches Volk ohne einen jüdischen Staat keine Chance hat zu überleben. Um also nicht nur den Staat zu retten, sondern auch das Volk, werden wir bis zum Ende durchhalten und sehen, was wir aufbauen können. Wir werden versuchen um unser Überleben zu kämpfen und gleichzeitig anständig zu bleiben. Und wir werden versuchen einen Weg zu finden eine weitere Generation Kinder auszubilden – vor wie nach dem Wehrdienst – die sich intelligent über Judentum, Zionismus, Humanismus und Geschichte äußern können, ob sie nun links oder rechts stehen, religiös sind oder säkular. Das ist es, was vermutlich mehr als alles andere, was diesen Ort retten wird.

Aber die Lösungen zu Burgs Liste der Missstände sind langfristige Reparaturen und das hier wird noch eine sehr lange Zeit ein verletzter, gebrochener Ort sein. Deshalb war es eine willkommene Erleichterung – angesichts der letzten Wochen – dass gestern Abend Avis Abschlussfeier in der Schule statt fand. Angesichts der praktisch religiösen Verpflichtung, die die meisten jüdischen Eltern dafür empfinden auf den Schulen ihrer Kinder herumzuhacken, sollt ich anmerken, dass Avi eine der besten Oberschulen absolvierte, die ich je kennen lernte. Ich ging in eine exzellente Oberschule in Baltimore, aber diese war unendlich besser.

In der informellen Zeremonie gestern Abend (ein paar der Kids trugen Krawatten, aber viel mehr trugen Turnschuhe und Shorts – das ist Israel) gab es einen „Refrain“ bei praktisch jedem, der sprach. Lehrer, Schulleitung, ein Elternteil – sie alle sprachen von der Kombination von Offenheit und Engagement, die diese Kids charakterisiert. Die intellektuelle und religiöse Offenheit. Das zionistische und religiöse Engagement. Das Bestehen darauf selbst zu denken. „Unsere Generation hat versagt“, sagte der Elternteil, der sprach, im Grunde genommen, „und es liegt an euch diesen Ort in das zu machen, was wir uns erträumten, wie er sein könnte.“

Und obwohl die Reden alle sehr unterschiedlich waren, endete jede mit einem impliziten Hinweis auf das, was den ganzen Abend über niemand ausdrücklich sagte – einige dieser Kids werden jetzt gleich in die Armee gehen, aber alle werden innerhalb des nächsten Jahres in der Armee sein und es ist heutzutage nicht einfach eingezogen zu werden. Daher endete jeder, der sprach, mit praktisch denselben Worten: Tze’u le-shalom, ve-schuvu scheleimim u-vri’im – „Geht in Frieden und kommt zu Besuch wieder, ganz und gesund.“ Weil angesichts dessen, was diese Kids bald tun werden, nichts davon für selbstverständlich genommen werden kann.

Professor David Hartmann, Schlüsselperson der Gründung der Schule vor rund zwanzig Jahren, sprach auch zu den Kids. „Gebt nicht auf, an was ihr glaubt“, sagte er und erinnerte sie an die Werte, um die es in der Schule geht. Und dann schloss er: „Seid mutig da draußen. Seid mutig, aber seid nicht unvorsichtig. Nehmt euch in Acht. Und kommt wieder, gesund und in Frieden.“

Und während ich sah, dass ein paar Eltern eine Träne wegwischten und ihre jüngeren Kinder neben sich in den Arm nahmen, da war es klar. Die Ideologien sind verwundet und genauso unsere Seelen. Hier hat Burg eindeutig recht. Aber das ist der Grund, dass die Menschen bei der Feier gestern Abend – und ihre Söhne – das Handtuch nicht werfen. Denn sie begreifen, dass Heilung an keinem anderen Ort statt finden kann außer hier.

Avram Burg kann sich seines zweiten Passes erfreuen. Und er kann kurzsichtig Europa ein „jüdisches Utopia“ nennen. Er kann sich ein Leben in Frankreich aufbauen. Das klingt für sein Wohlergehen großartig, ich bin froh, dass er etwas gefunden hat, an das er glaubt.

Aber unsere Kinder, denke ich, sind aufgezogen worden, um der Wirklichkeit direkt ins Auge zu sehen sowie – gleichzeitig – zu verstehen, dass dieser Ort hier die einzige Chance dafür ist, dass das jüdische Volk jemals Heilung erfahren und gedeihen kann. Sie begreifen das und sie sind an Bord. Gestern Abend war klar, dass trotz Burg dieser Ort hier nicht so schnell den Bach runter gehen wird.

Die Kids haben Burgs Interview gelesen und darüber diskutiert. Einige haben wahrscheinlich mehr, andere wahrscheinlich weniger zugestimmt. Am Ende jedoch war es nicht Burg, einst ein aufstrebender Star der israelischen Politik, der ihnen sagte, was sie hören mussten. Es war ein Rabbi, ein Professor, einer der wichtigsten zeitgenössischen jüdischen Denker des Judentums (der, was Burg bemerken könnte, sich entschloss Nordamerika zu verlassen und hier zu leben) in einer Schule, der ihnen – ziemlich wörtlich – „lebt wohl“ wünschte.

„Erinnert euch, an was ihr glaubt. Seid mutig da draußen. Seid mutig, aber nicht unvorsichtig. Nehmt euch in Acht. Und kommt wieder, gesund und in Frieden.“

Dazu ein Amen.

Postmoderner kultureller Totalitarismus hat die menschliche Natur verändert

Kultureller Totalitarismus hat das Unmögliche geschafft – er veränderte die menschliche Natur. Eine abstrakte Ideologie hat Verstand und Gefühl verdrängt – und die Fähigkeit Mitgefühl mit echten Opfern zu haben.

Alexander Masitrovoy, Israel National News, 26 Januar 2016

In meiner Korrespondenz zu den Ereignisse in Köln fragte mich der Redakteur einer russischen Zeitung etwas Selbstverständliches, aber auch Entmutigendes: „Wo waren die deutschen Männer?“ Ich war perplex.

In der Tat: Für uns, die wir in Russland aufwuchsen, wäre es unvorstellbar, dass ein paar betrunkene junge Leute sich an Silvester im Zentrum von Moskau oder Sankt Petersburg öffentlich über Mädchen lustig machen und sie belästigen. Würden sie das wagen, würden sie den nächsten Morgen nicht erleben; sie würden „Märtyrer“ werden und sich in einem ganz anderen Gefilde ihre 72 Jungfrauen zu Willen machen.

Moralkodexe, die uns auf genetischer Ebene eingebettet sind, würden fordern, dass wir zugunsten der Frauen eingreifen. Besonders in einer Situation, in der normale erwachsene Menschen in größerer Zahl vorhanden sind als die Vergewaltiger und die Vergewaltiger selbst keine Terroristen, Cyborgs oder Außerirdische waren, sondern nichts als Straßenpunks.

Wie sich in Deutschland, Schweden, Österreich herausstellte – wurden diese Kodexe fatal verletzt. Eine große Anzahl solide gesunder Männer, die die jungen Frauen schreien und weinen hörten und die begangenen Verbrechen gesehen haben, unternahmen nichts, um die Opfer zu retten. In seltenen Fällen wurden die Mädchen von Migranten aus Osteuropa oder Ländern der Dritten Welt verteidigt.

Aber das ist nur die erste in einer langen Reihe einfacher Fragen. Wir könnten erwarten, dass Frauen, nachdem sie am nächsten Tag vom Missbrauch der jungen Frauen erfuhren, von kalter Wut gepackt sein würden. Schließlich gibt es bei jeder normalen Frau einen angeborenen Instinkt ein Kind zu retten oder ein Mädchen vor Missbrauch, Vergewaltigung oder Belästigung zu schützen.

Neuerdings funktioniert der genetische Code nicht. Wir hörten Frauen, die die Opfer beschuldigten und die Vergewaltiger verteidigten. Wir hörten Henriette Reker, Kölns Oberbürgermeisterin, die behauptete: „Es gibt immer die Möglichkeit eine gewisse Distanz von mehr als einer Armlänge zu einzuhalten.“ Claudia Roth von den Grünen beschuldigte einen „organisierten Mob“ im Internet „zu einer Jagd nicht weißer Menschen aufzurufen“. Wir erfuhren von Dutzenden Journalistinnen, die die Wahrheit verschwiegen, weil die Vergewaltiger „Flüchtlinge“ waren.

Feministen? Wir hörten ihre Stimmen nicht. Wir haben ihre Stimmen in Schweden, Norwegen und England nicht gehört, wo aus tausenden Mädchen schon lange in „weißes Fleisch“ gemacht worden ist.

Stattdessen ist alles, was wir hören, ein subtiles Gemurmel, wie das der Expertin Irmgard Kopetzky, die erklärte, dass „sexuelle Gewalt ein Thema für Menschen jeder ethnischer Herkunft ist“. „Zahlen zeigen, dass die Mehrheit der Menschen, die in Deutschland sexuelle Übergriffe ausüben, nicht aus einem Immigranten-Hintergrund kommen“, lässt sie wissen. Andrea den Boer von der University of Kent sieht die Wurzeln des Problems darin, dass „die Veränderung der Geschlechterrate bei der Bevölkerung der jungen Erwachsenen, die ebenfalls anormal aussieht, bei etwa 114 Jungen dieses Alters pro 100 Mädchen liegt (SIC)“. Wirklich?

In China, Armenien, Aserbaidschan gibt es ebenfalls mehr Jungen als Mädchen. Hat irgendjemand gehört, dass etwas Ähnliches in Beijing, Jerewan oder Baku geschieht? Warum gab es während Revolutionen in Rumänien, der Ukraine, Georgien und Moldawien keine Fälle von Gruppenvergewaltigungen von Mädchen bei Demonstrationen, wie sie auf dem Tahrir-Platz stattfanden?

Je weiter die Büchse der Pandora geöffnet wird, desto mehr Fragen kommen auf. Was ist mit den Politikern? Hat irgendeiner von ihnen – von rechts oder von links – das so genannt, wie sie es sahen? Nein. „Sexuelle Belästigung ist nicht automatisch an Migration und Immigration gebunden“, sagte der schwedische Premierminister Stefan Löfven in Davos. Klar doch!

Nach Angaben des Berichts des Schwedischen Nationalrats für die Verhinderung von Verbrechen (BRÅ) lag die vor 20 Jahren (1996) die höchste Rate der Verurteilungen wegen Vergewaltigung bei Personen aus Nordafrika und dem Irak. Sie wurden 17,5-mal häufiger wegen Vergewaltigung verurteilt als einheimische Schweden.

Wir reden von einer alltäglichen Situation, die für die patriarchalische muslimische Welt typisch ist – für Iraker, Afghanen oder Somalier – in denen eine nicht muslimische Frau nicht mehr als ein Sexobjekt ist, eine einfache und natürliche Beute, eine Hure. Koptische Frauen in Ägypten sind ständig unterliegen Belästigungen einfach deshalb, weil sie Christinnen sind. Der Bürgerkrieg im Libanon fand nicht zuletzt wegen der Massenvergewaltigungen von christlichen Frauen durch Palästinenser statt. Wie viel mehr bei europäischen Frauen, die an ihre freie Kleiderordnung gewöhnt sind und nicht von ihren Familien beschützt werden.

Wenn „Flüchtlinge“ es jemals Zuhause – in Algerien, dem Irak, Afghanistan und Somalia – gewagt hätten dasselbe mit muslimischen jungen Frauen zu tun, wären sie lebendig begraben worden. Es gibt strikte und repressive Gesetze von Clan-Rache und niemand wagt es eine Frau eines anderen Clans oder Stammes zu belästigen, ohne eine unvermeidlich grausame Bestrafung zu ertragen zu müssen. Europäische Frauen haben keine Schutz durch ihre Familien oder gar des Staats, wobei Letzterer sich auf die Seite der Täter stellt. Das ist der Grund, dass sie dem Untergang geweiht sind.

Warum sind westliche Politiker von Angst gelähmt? Warum wagen es nur die Führungspolitiker Osteuropas die Wahrheit zu sagen – Miloš Zeman und Bohuslav Sobotka, der Präsident und der Premierminister der tschechischen Republik, der slowakische Premierminister Robert Fico, der Premierminister Ungarns, Viktor Orbán?

Warum stellte sich heraus, dass sie die einzigen Führungspolitiker waren, die sowohl eine mutige als auch adäquate Antwort auf die Realität dieser Situation gaben? Diese kleinen Länder, eingequetscht zwischen Mühlsteine ehemaliger großer Reiche, nachdem sie den Sowjet-Despotismus überlebt haben, kennen heute den Wert von Freiheit und Würde. Sie wurden gegen universalistische Ideologien geimpft. Ist es nicht verwunderlich, dass die tschechische Republik und die Slowakei die einzigen Länder sind, die echte Flüchtlinge aufnehmen, denen ein furchtbares Schicksal droht – Christen und Jesiden aus dem Irak – aber nicht erwachsene und aggressive junge Männer, die wegen eines leichte Lebens und „weißem Fleisch“ nach Europa unterwegs sind?

Was ist mit der Welt passiert, dass Männer, Frauen, Politiker und die Elite ihre Töchter und Kinder verraten, um Neuankömmlinge mit ihren niedrigeren Instinkten und einem Kult männlicher Macht zufriedenzustellen?

Die Antwort ist traurig: Die Kultur des Postmodernismus hat geschafft, was selbst mit der kommunistische Propagandamaschine nicht erreicht werden konnte. Sie hat den Selbsterhaltungstrieb, natürliche, auf genetischem Level den Menschen verankerte Reaktionen, die Fähigkeit Mitgefühl zu empfinden und ein Opfer – eine Frau, ein Mädchen, ein Kind – zu beschützen abgebaut. Eine abstrakte Ideologie hat den Verstand und die Gefühle verdrängt.

I verließ die UdSSR als jemand, der den Sowjet-Totalitarismus hasste. Heute erkenne ich, dass der kulturelle Totalitarismus der politischen Korrektheit sich als weit verderblicher herausgestellt hat.

Das Sowjetregime diktierte harte Regeln und etablierte Zensur. Die Menschen blieben allerdings normale menschliche Wesen. Sie lachten die Obrigkeit aus, machten Witze über Breschnjew, drehten trotz der Zensur satirische Filme und lernten Zeitungen zwischen den Zeilen zu lesen. Das bezieht sich vor allem für die Intelligenzija.

Kultureller Totalitarismus hatte weit mehr Erfolg. Er bestätigte eine unerbittliche Selbstzensur, verwandelte Menschen in sterile Zombies und löschte die Grundgefühle der Verantwortung und Würde aus. Er veränderte die Natur des Menschen und tatsächlich war das ein einzigartiges Experiment seiner Befürworter an ihrem eigenen Volk.

Es gibt in Sibirien ein kleines, Fleisch fressendes Tier – ein Hermelin. Er jagt Kaninchen und Hasen, die beträchtlich schwerer, schneller und stärker sind. Er schleicht sich nicht an, sitzt nicht in einem Hinterhalt und fängt seine Beute nicht auf der Flucht. Er führt einen hypnotisierenden Todestanz vor ihr auf – schlängelt sich, macht akrobatische Sprünge und schlägt Purzelbäume. Der Hermelin verwirrt die Beute und nähert sich ihm allmählich und greift sie dann an der Kehle. Das Kaninchen stirbt an Schock. Warum erlaubt die Beute dem Hermelin sie zu verwirren und zu töten ohne Widerstand zu leisten? Biologen können das Rätsel des hypnotisierenden Hermelintanzes nicht lösen.

Westliche Eliten verurteilen ihr Volk im Voraus mit Purzelbäumen und akrobatischen Tricks zu demselben Schicksal wie das unglückliche Kaninchen. Der hypnotisierende Todestanz hat Fahrt aufgenommen.

Wenn der Islam beleidigt ist…

gefunden auf Facebook und eingedeutscht:

JurianJansen_Islam

(Anmerkung: Ich bin auch gegen aktive Sterbehilfe – aber das ist meine Meinung, für die ich einstehe, für die ich mich auch einsetze. Und für die ich nicht verleumde oder gar gewalttätig werde.)