Winston Churchill in Palästina – 100 Jahre danach

„Die Gründung einer jüdischen nationalen Heimstatt in Palästina wird für die ganze Welt ein Segen sein.“

Lee Pollock, Land of Israel, 24. März 2021

Winston Churchill in Tel Aviv, 1921. Aus der Pritzker Familiy National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Am 24. März 1921 traf ein Zug aus Kairo in Gaza ein, einer Stadt, mit rund 15.000 arabischen und weniger als 100 jüdischen Einwohnern, die knapp vor der südwestlichen Grenze zwischen dem neu geschaffenen britischen Mandatsgebiet Palästina lag. Das Völkerbund-Mandat war Großbritannien elf Monate zuvor unter den Bedingungen der Konferenz San Remo erteilt worden.

In dem Zug befanden sich drei wichtige britische Passagiere, darunter Sir Herbert Samuel, ein erfahrener jüdisch-liberaler (und zionistischer) Politiker, der zum ersten britischen Hochkommissar für Palästina ernannt worden war, sowie ein gerissener Oberst der Armee, der über unvergleichliche Vertrautheit mit dem Nahen Osten verfügte, T. E. Lawrence.

Porträt von Herbert Samuel, aufgenommen kurz nach seiner Ernennung zum Hochkommissar für Palästina, ca. 1920 (Foto: Yaakov Ben Dov; aus der Abraham Schwadron Portrait Collection, Archiv der Nationalbibliothek Israels)

Der dritte Passagier war Winston Spencer Churchill, ein weiterer erfahrener Politiker, der nur ein paar Wochen zuvor Kolonialminister geworden war, verantwortlich für Britanniens Verwaltung sowohl Palästinas als auch für das, was als geplantes Parallel-Mandat in Mesopotamien vorgesehen war.

Churchill, Samuels und Lawrence hatten fast drei Wochen in Kairo verbracht, wo sie sich mit anderen ranghohen britischen Amtspersonen trafen, um die Überbleibsel des osmanischen Reichs neu zu formen und die neuen arabischen Königreiche Irak und Transjordanien zu schaffen.

Churchill blieb acht Tage in Palästina; das war sein einziger offizieller Besuch im Heiligen Land. Er war jüdischen Zielen für eine nationale Heimstatt in Palästina, die Großbritannien im November 1917 in der Balfour-Erklärung zugesichert hatte, bereits wohl gesonnen, obwohl seine Unterstützung von Bedenken zu den Kosten der Verwaltung des neuen Mandats und eine noch stärkere Besorgnis bezüglich der Fähigkeit der jüdischen Gemeinschaft und ihrer bevölkerungsstärkeren arabischen Nachbarn zur Koexistenz gedämpft war.

Ungeachtet seiner Zweifel dienten Churchills Erfahrungen während dieses Besuchs dazu sowohl seine Bewunderung für das jüdische Volk als auch seine Unterstützung des Zionismus zu festigen. Er quartierte sich im Government House in Jerusalem ein, traf sich sowohl mit arabischen als auch mit jüdischen Delegationen. Als talentierter Amateurmaler fand er noch Zeit ein wunderschönes Landschaftsbild eines Sonnenuntergangs über der Stadt zu malen, eine Arbeit, die sich immer noch im Besitz seiner Nachkommen befindet.

Am 27. März weihte er den neuen britischen Militärfriedhof auf dem Ölberg ein und am folgenden Tag traf er sich mit Emir Abdallah, dem neu vorgesehenen König von Transjordanien, um dessen Sorge wegen des Tempos der jüdischen Zuwanderung in das Gebiet zu lindern. Während Abdallah nicht ganz besänftigt war, stimmte Churchill zu, dass jüdische Siedlung östlich des Jordan verboten wird.


Churchill mit Bischof MacInnes von Jerusalem bei der Gedenkfeier auf dem Miltärfriedhof auf dem Skopusberg, 26. März 1921 (American Colony Photo Dept. / Library of Congress)

Winston Churchill, TE Lawrence und Emir Abdallan im Garten des Government House in Jerusalem, 1921 (Foto: G. Erich Matson / Library of Congress)

Zwei Tage später pflanzte er auf dem Skopusberg an der Stelle der zukünftigen Hebräischen Universität einen Baum, wobei er den versammelten Würdenträgern sagte: „Mein Herz ist voller Sympathie für den Zionismus. Die Gründung einer jüdischen nationalen Heimstatt in Palästina wird für die ganze Welt ein Segen sein.“

Herbert Samuel und Winston Churchill (mit der Schaufel) bei der Baumpflanzungs-Zeremonie an der zukünftigen Stelle der Hebräischen Universität in Jerusalem, 28. März 1921 (Foto: G. Eric Matson / Library of Congress)
Winston Churchill spricht bei der Baumpflanzungs-Zeremonie an der zukünftigen Stelle der Hebräischen Universität in Jerusalem, 28. März 1921 (Foto: American Colony Photo Dept. / Library of Congress)

Am Tag darauf empfing Churchill eine Delegation des Kongresses der palästinensischen Araber, deren 35 Seiten starker Protest gegen zionistische Aktivitäten eine Vielzahl antisemitischer Sprachbilder enthielt: „Der Jude ist klüngelhaft und unnachbarlich. Er wird die Privilegien und Vorteile eines Landes genießen, aber nichts zurückgeben.“

Churchill wies ihre Behauptungen energisch zurück und sagte:

„Es ist offenkundig richtig, dass die Juden eine nationale Heimstatt haben sollten, wo einige von ihnen wiedervereint werden. Und wo sonst könnte das sein, als in diesem Land Palästina, mit dem sie mehr als 3.000 Jahre aufs Engste vertraut und zutiefst verbunden sind.“

Der danach kommenden jüdischen Delegation sagte Churchill:

„Die Sache des Zionismus ist eine, die viel mit sich bringt, das für die ganze Welt gut ist und nicht nur für das jüdische Volk; er wird der arabischen Bevölkerung Wohlstand und Fortschritt bringen.“

Bevor er am Abend des 30. März nach Kairo zurückkehrte, besuchte Churchill die zwölf Jahre alte jüdische Stadt Tel Aviv, wo er sich mit Bürgermeister Meir Dizengoff traf und dann die landwirtschaftliche Siedlung Rischon LeZIon. Bei seiner Rückkehr nach London sagte er dem Unterhaus:

„Jeder, der die Arbeit der jüdischen Siedlungen gesehen hat, wird von den enorm produktiven Ergebnissen beeindruckt sein, die sie auf dem höchst unwirtlichen Boden erreicht haben.“

Bürgermeister Meir Dizengoff (hinten rechts) hört zu, wie Winston Churchill auf dem Rotschild-Boulevard zum Stadtrat von Stadtrat von Tel Aviv spricht, 1921. (aus der Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels)

Churchill hoffte, dass die Juden Palästinas – und der mehrheitlich jüdische Staat, der nach seiner Vorstellung eines Tages daraus hervorgehen könnte – in einer friedlichen und produktiven Beziehung mit ihren arabischen Nachbarn leben würden.

Diese Erwartung ist teilweise mit einem kalten Frieden mit den großen Staaten Wirklichkeit geworden, mit denen Israel nach 1948 drei Kriege ausfocht und heute mit einem neuen, wärmeren mit den Golfstaaten. Trotzdem würde er – hundert Jahre nach seinem Besuch – feststellen, dass friedliche Koexistenz zwischen innerhalb der Grenzen dessen lebenden Menschen, was damals das Mandat Palästina war, herausfordernd und ungewiss bleibt.

Niemand braucht posthume Entschuldigungen eines antisemitischen Schriftstellers

Leider kam Roald Dahl zu seinen Lebzeiten und sogar nach seinem Tod mit seinem Judenhass durch. Aber das heißt nicht, das wir seine geliebten Kinderbücher aussortieren sollten.

Jonathan S. Tobin, Israel HaYom, 10. Dezember 2020

Die Entschuldigung war so überflüssig wie unbefriedigend. Rund 30 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers Roald Dahl gaben seine Familie und die Firma, die sein literarisches Erbe vermarktet und davon profitiert und das zu seinen Ehren in England gebaute Museum managt, eine Erklärung aus, in der es hieß, sie „entschuldigen zutiefst für die andauernden und verständlichen Schmerzen, die von einigen der Äußerungen Roald Dahls versursacht wurden“.

Der Grund hinter diesem verspäteten Mea Culpa von Leuten, die genau genommen nichts mit den fraglichen Äußerungen zu tun hatten, war Dahls offener Antisemitismus. Dahl mag der Autor geliebter Bücher und Geschichten wie „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „The BFG“ (Sophiechen und der Riese) und „James und der riesige Pfirsich“, „Der fantastische Mr. Fox“, „Matilda“ und „Die Hexen“ sein, außerdem des Drehbuchs für „Chitty, Chitty, Bang, Bang“ sowie vieler Drehbücher und Arbeiten für Erwachsene (darunter die klassischen James Bond-Filme mit Sean Connery). Aber er hasste auch Juden.

In einem Interview mit The New Statesman sagte er 1982: „Es gibt einen Zug im jüdischen Charakter, der Anfeindungen provoziert, vielleicht ist es eine Art fehlender Großzügigkeit gegenüber Nichtjuden. Ich meine damit, es gibt immer einen Grund, warum Anti-Irgendwas irgendwo entsteht; sogar ein Taugenichts wie Hitler hackte nicht ohne Grund auf ihnen herum.“ 1983 schrieb er in der Literary Review, dass Amerika Sklave der „mächtigen amerikanisch-jüdischen Banker“ sei und dass Juden „die Medien kontrollieren“, weil „es nirgendwo nichtjüdische Verleger gibt“. 1990 sagte er dem Independet: „Ich bin natürlich antiisraelisch und ich bin zum Antisemiten geworden.“ Weiter sagte er: „Wir wissen alles über Juden und den Rest davon.“

Sollte das aber heißen, dass wir aufhören Kindern seine Geschichten vorzulesen?

Dahl ist nicht der einzige berühmte Künstler, der des Antisemitismus schuldig ist, wie das bestehende Verbot Richard Wagners Musik in Israel aufzuführen andeutet. Aber vielleicht ist es in der Folge des Aufkommens der Black Lives Matter-Bewegung, die zu einem starken Anstieg des Bildersturms und der Angriffe auf Giganten der Literatur aus der Vergangenheit wie Walt Whitman und Laura Ingalls Wilder wegen einiger ihrer Kommentare über Afroamerikaner führten, möglich, dass Dahls Familie fürchtete, auch er würde von seinem Sockel als einer der großen Kinderbuch-Autoren gestürzt.

Dahls Verachtung für Juden war für jemanden, der im Britannien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufwuchs, nicht wirklich ungewöhnlich. Was aber ungewöhnlich war, war die Bereitschaft einer Berühmtheit sich so kurz nach dem Holocaust so öffentlich über seinen Antisemitismus zu äußern. Dahls Fähigkeit mit dieser Art von Verhalten davonzukommen, ohne irgendwelche Konsequenzen von Verlegern oder der Öffentlichkeit zu erfahren, lässt die Art ahnen, wie Judenhass in den Folgejahren ein Comeback machte, besonders in Großbritannien und westeuropäischen Ländern. Selbst nach seinem Tod im Jahr 1990 versäumte es sein Nachruf in der New York Times seinen Antisemitismus zu erwähnen, obwohl ein folgender Leserbrief von Abe Foxman, damals Leiter der Anti-Defamation League, in vergeblichem Protest darauf hinwies.

Wie die Jahre vergingen – selbst während die steigende Flut des Antisemitismus Europa und einen Großteil der Welt verschlang – ist Dahls Hass nicht ganz vergessen worden. Die britische Königliche Münze strich 2016 Pläne eine Gedenkmünze zu seinen Ehren auszugeben und führte als Grund seinen Antisemitismus an. Aber das hielt die jüdische Film-Ikone Steven Spielberg nicht davon ab im selben Jahr aus „The BFG“ einen Kinderfilm zu machen. Genauso wenig hielt es Netflix davon ab 2018 an Dahls Erben Berichten zufolge $1 Milliarde für das Recht zu zahlen eine animierte Serie auf Grundlage seiner Arbeiten zu schaffen – ein Hinweis darauf, dass sein Antisemitismus für die meisten Menschen kaum mehr als eine Fußnote bleibt.

Was veranlasste dann Dahls Familie zu der Entscheidung sich plötzlich für die Äußerungen des Schriftstellers zu entschuldigen?

Vielleicht glaubten sie, dass in der aktuellen Atmosphäre, in der posthume Vergeltung wegen Rassismus seitens lange toter Persönlichkeiten vorherrschend geworden ist, auch bedeuten würde, dass Dahl früher oder später wegen seiner erbärmlichen Einstellungen fallen gelassen würde.

Sollte dem so sein, dann ist klar, dass sie der Art, wie Cancel Culture funktioniert, nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es braucht nicht viel, damit der Woke-Mob zu Recht oder zu Unrecht die Auslöschung eines des Rassismus Beschuldigten fordert. Aber es gibt wenig Zeichen, dass die Kunstwelt auch nur im Geringsten daran interessiert ist Antisemitismus zu verfolgen, weder den aus der Vergangenheit noch den in der Gegenwart. Tatsächliche sind Dahls antizionistische und antisemitische Ansichten in der britischen Kunstszene heute üblich und in akademischen Kreisen andernorts alles andere als ungewöhnlich.

Aber verpflichtet es, dass jetzt dieses Thema endlich voll gelüftet worden ist, nicht Juden oder andere, denen die Hartnäckigkeit des Antisemitismus Sorgen bereitet, Dahls Schriften oder Adaptionen seines Werks zu meiden? Sicher, einige werden so reagieren. Sie werden argumentieren, dass er nicht nur Nichtbeachtung verdient, sondern dass seine Nachkommen, die die aktuelle Entschuldigung veröffentlichten – eine, die es versäumt direkt einzugestehen, wie er demonstrierte, dass Antizionismus nicht von Antisemitismus unterschieden werden kann – nicht erlaubt werden sollte mit einem vorbeugenden Versuch davon zu kommen ihre literarische Goldmine zu verteidigen.

Wie bei so vielem aus der Cancel Culture gleicht der Nutzen, weldcher auch immer aus dem Sturz Dahls gezogen werden könnte, nicht den Schaden aus, der durch Bemühungen entsteht Geschichte auszulöschen oder Kunst einzig als Funktion der Biographie des Künstlers zu behandeln. Man kann, wie es ein Großteil der Welt tut, Wagners Musik bewundern, während man ihn trotzdem korrekt als einen unglaublichen Judenhasser etikettiert, dessen Nachkommen halfen sein Vermächtnis an das der Nazis zu binden, die mehr als 50 Jahre nach seinem Tod an die Macht kamen. Und wie mit Wagners Opern, die eher lebensbejahend als antisemitisch sind, können Kinder aller Altersgruppen weiter Dahls herrliche und oft wundervoll subversiven Geschichten genießen, ohne von Vorurteil infiziert zu werden.

Niemand sollte jemals Dahls judenfeindliche Ansichten vergessen; sie sollten als Beispiele für die verführerische Natur der Bemühungen angeführt werden, Juden und Israel für Hass auszusondern, ebenso für die Art und Weise, wie der Glaube an jüdische Verschwörungen Hass schürt. Aber Kunst zu annullieren, selbst die von zutiefst von Makeln behafteten Leute, tut nichts Gutes und verursacht viel Schaden. Am Ende wird Roald Dahls Werk, wie das eines jeden großen Künstlers mit verachtenswerten Ansichten, den Schaden überleben, den anzurichten er versuchte und es wird  uns allen weit besser gehen, wenn wir in einer Welt leben, in der die Arbeit von denen, die unseren Idealen nicht genügen, nicht verboten oder verbrannt wird.

Die Juden und das Durcheinander in der britischen Labour Party

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Nach 16 Monaten Vorbereitung veröffentlichte die britische Equality Human Rights Commission (EHRC) am 29. Oktober ihren Bericht über Antisemitismus in der Labour Party. Das Dokument war hoch kritisch gegenüber der Art und Weise, wie die Partei unter ihrem letzten Vorsitzenden Jeremy Corbyn mit diesem Hass umging.[1]

In dem Bericht heißt es: „Das Komitee stellte fest, dass Mr. Corbyns Büro in zwei Dutzend Fällen von Antisemitismus-Vorwürfen rechtswidrig ‚politisch eingriff‘.“ Er besagte auch: „Ein transparentes und unabhängiges Beschwerdeverfahren zu Antisemitismus, bei dem alle Fälle mutmaßlicher Diskriminierung, Belästigung oder Viktimisierung rigoros und ohne Einmischung unverzüglich untersucht werden, ist ein wesentlicher Bestandteil der für die Wiederherstellung von Vertrauen nötigen Reformen.“[2]

Corbyn reagierte darauf, indem er sagte, dass Antisemitismus-Vorwürfe ‚aus politischen Gründen dramatisch übertrieben‘ wurden.[3] Der Generalsekretär der Partei, David Evans, der für Labours Disziplinarverfahren zuständig ist, beschloss daraufhin ihn zu suspendieren. Evans soll diese Entscheidung in Abstimmung mit der Parteiführung und der Rechtsabteilung getroffen haben. Zudem schloss der Fraktionsvorstand Corbyn aus der Fraktion aus. Das bedeutet, dass er derzeit als parteiloser Abgeordneter im Unterhaus sitzt.

Die großen britisch-jüdischen Organisationen, die öffentlich den Antisemitismus in der Labour bekämpften, hatten ursprünglichen gute Gründer zufrieden zu sein – sowohl mit dem Bericht als auch dem daraus folgenden Parteiausschluss.

Die Leiter der drei großen britisch-jüdischen Organisationen – dem Board of Deputies of British Jews, dem Jewish Leadership Council und dem Community Security Trust – sagten in einer Erklärung: „Dieser Bericht ist ein vernichtendes Urteil zu dem, was Labour den Juden unter Jeremy Corbyn und seinen Verbündeten antat. Er beweist, warum britische Juden so verzweifelt waren und er beschämt diejenigen, die uns dafür angriffen, dass wir uns gegen judenfeindlichen Rassismus äußerten… Jeremy Corbyn wird zurecht für das verantwortlich gemacht, was er den Juden und Labour angetan hat, aber die Wahrheit ist noch verstörender, da er wenig mehr als eine Galionsfigur für alte und neue judenfeindliche Einstellungen war. All das wurde von denen ermöglicht, die absichtlich wegschauten.“[4]

Jonathan Goldstein, der Vorsitzende des Jewish Leadership Council, der Dachorganisation der Zentralorganisationen und Stiftungen des britischen Judentums, reagierte ebenfalls separat auf die Veröffentlichung des EHRC-Berichts: „Zum ersten Mal in der politischen Geschichte Britanniens wurde eine große politische Partei der Belästigung und Diskriminierung für schuldig befunden. Die Labour Party hat rassistischen Mitgliedern erlaubt jüdische Menschen zu schikanieren (…).“[5]

Innerhalb der Labour Party war die Jewish Labour Movement (JLM) der Hauptopponent gegen Antisemitismus. Ihr nationaler Sekretär Peter Mason schrieb ursprünglich: „Der Abschlussbericht ist eine nüchterne Bestätigung unserer schlimmsten Befürchtungen. Politische Einmischungen, jämmerlich geschwächte Strukturen und mangelnde moralische Führung waren die Themen einer Reihe von nicht zu leugnenden, widerrechtlichen Taten von Belästigungen und Diskriminierung. (…) Es braucht Zeit und Engagement, um ungeschehen zu machen, was getan werden durfte, sei es, um den Ton und die Kultur der Partei von ganz oben zu bestimmen, bis hin zu den praktischen und strukturellen Veränderungen, die gemacht werden müssen. „[6]

Einer der großzügigsten Geldgeber der Labour Party, Sir David Garrard, hat seit 2003 mehr als £1,5 Millionen gespendet. Er verließ die Partei 2018 wegen ihres Antisemitismus. Vor kurzem sagte er: „Es sollte selbstverständlich sein, dass ich der Partei fast glücklich wieder beitreten werde“, sollte Starmer den Antisemitismus so angehen, wie er es versprochen hat.[7]

Nach weniger als drei Wochen wurde die Lage – sowohl für die Partei als auch für die jüdische Gemeinschaft – weit komplizierter. Am 18. November setzte das National Executive Committee (NEC) der Partei Corbyn wieder als Labour-Mitglied ein. Der aktuelle Parteichef Keir Starmer antwortete, seinem Vorgänger würde der Labour-Fraktionsvorsitz nicht zurückgegeben werden und damit würde er weiter als parteiloser MP im Parlament sitzen.[8]Die letzte verbliebene jüdische Labour-Abgeordnete Margaret Hodge sagte Starmer, sie würde die Partei verlassen, sollte Corbyn wieder Labour-Abgeordneter werden.[9]

Mason schrieb eine Reaktion auf Corbyns erneute Parteimitgliedschaft mit dem Titel „With Corbyn allowed back, who will be held responsible?[10] Er erklärte: „Zweifellos werden wir, mit der Bestätigung, dass der Labour-Fraktionsvorsitz im Parlament nicht wiederhergestellt wird, erleben, dass dieselbe Gruppe bösartiger und unaufrichtiger Stimmen die Refrains der letzten zwei Wochen wiederholen wird. Nach fünf Jahren des Leugnens, der Verharmlosung und Vernebelung des Problems haben viele derselben Stimmen jetzt ihre Rhetorik umgestaltet. (…) Wir werden dasselbe Muster an Äußerungen und Anträgen erleben, die die unbequeme Wahrheit der moralischen Verderbtheit des Handelns und des Nichthandelns Corbyns ignorieren und sie stattdessen durch kompromisslose Forderungen nach Konformität ersetzen. (…) Denn es gibt eine zentrale, entscheidende Frage, die unbeantwortet bleibt: Wer wird zur Rechenschaft gezogen werden? (…) Die Suspendierung von Jeremy Corbyn am Tag des EHRC-Berichts beantwortete diese Frage nicht. Genauso wenig wie seine Wiederzulassung in der Partei. Aber sie muss beantwortet werden, wenn die Labour Party sich vom Makel judenfeindlichen Vorurteils befreien will.“[11]

In der Zwischenzeit blutet die Mitgliedschaft der Labour Party teilweise aus. Sie hat 10% ihrer Mitglieder – etwa 57.000 – verloren, seit Starmer im April 2020 gewählt wurde. Der Exodus wird dem aktuellen Vorsitzenden angekreidet. Aber das Gegenteil könnte richtig sein. Es könnte bedeuten, dass die linksextremen Mitglieder Labour verlassen, was die relative Unterstützung für Starmer zunehmen ließe. John McDonnell, ein linksextremer Abgeordneter und Labours Schattenkanzler unter Corbyn, reagierte darauf damit, dass er sagte, es könne sich durchaus um eine Selbstreinigung der Linken handeln.[12]

Starmer hat zu vielen Gelegenheiten wiederholt, dass er in der Partei null Antisemitismus haben will. Angesichts des weit verbreiteten Antisemitismus in Großbritannien ist das eine sehr hoch gelegte Latte. Es könnte sehr schwierig sein das zu erreichen, umso mehr, als regelmäßig neue Informationen über antisemitische Äußerungen von Parteivertretern aufgedeckt werden.

Eine der jüngsten betrifft einen Tweet der neu ins NEC gewählten Gemma Bolton im August 2018: „Wenn ich riskiere dafür suspendiert zu werden, dass ich Israel als Apartheidstaat bezeichne, dann bitte. Suspendiert mich. Denn das, Genossen, ist ein Hügel, auf dem ich gerne sterben werde.“ In einem weiteren Tweet im nächsten Monat gab sie ihrer Unterstützung des Boykotts von Waren aus Israel Ausdruck – sie schrieb „BDS funktioniert“, begleitet von drei Applaus-Emojis.[13] Labour hat eine Untersuchung ihrer Posts in den sozialen Medien eingeleitet.

Die stellvertretende Parteivorsitzende Angela Rayner sprach bei der virtuellen, eintägigen JLM-Konferenz. Sie sagte dort, dass Labour „abertausende“ Parteimitglieder suspendieren wird, wenn sie „gegenüber dem Antisemitismus nicht aufwachen“.[14]

Die jüdische Gemeinschaft hängt in der Luft – sie weiß nicht, wie der gegenwärtige Kampf in der Labour Party enden wird. Anscheinend können die jüdischen Organisationen, solange die Lage unklar ist, nur sehr vorsichtig vorgehen.

[1] www.telegraph.co.uk/politics/2020/10/29/labour-anti-semitism-report-key-findings-happens-now/

[2] http://www.thejc.com/news/uk/labour-found-guilty-of-unlawful-acts-in-damning-ehrc-antisemitism-report-1.507986

[3] www.independent.co.uk/news/uk/politics/jeremy-corbyn-suspended-labour-party-antisemitism-keir-starmer-update-b1422940.html

[4] http://www.bod.org.uk/joint-statement-on-release-of-ehrc-report/

[5] www.timesofisrael.com/lessons-from-our-victory-over-corbyns-anti-semitic-leadership/

[6] www.dailymail.co.uk/news/article-8896435/Furious-Sir-Keir-Starmer-says-Jeremy-Corbyn-EXPELLED.html

[7] www.theguardian.com/politics/2020/sep/19/sir-david-garrard-quit-labour-antisemitism-rejoin

[8] www.theguardian.com/politics/2020/nov/18/labour-in-fresh-turmoil-as-starmer-refuses-to-restore-whip-to-corbyn

[9] http://www.thejc.com/news/uk/walkout-threat-led-to-corbyn-whip-removal-1.508767

[10] Da Corbyn wieder zugelassen wurde, wer wird jetzt zur Rechenschaft gezogen?

[11] https://blogs.timesofisrael.com/with-corbyn-allowed-back-who-will-be-held-accountable/

[12] www.express.co.uk/news/politics/1363508/labour-party-news-john-mcdonnell-jeremy-corbyn-suspended-keir-starmer-exodus-vn

[13] www.thejc.com/news/uk/labour-launches-investigation-into-new-member-of-party-s-ruling-body-following-israel-apartheid-state-posts-1.508709

[14] https://jewishnews.timesofisrael.com/rayner-if-we-have-to-suspend-thousands-and-thousands-of-members-we-will/

Starmers viele Herausforderungen, die Labour zu einem Sieg führen könnten

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Anfang April 2020 wurde Sir Keir Starmer zum Vorsitzenden der britischen Labour Party gewählt. Er ersetzte Jeremy Corbyn. Starmer machte sofort klar, dass er die Partei auf einen stärker im Mainstream stehenden Kurs steuern wollte. Es wurde aber schnell deutlich, dass eine Struktur, die prinzipiell nicht sonderlich flexibel ist, nur schwer verändert werden kann.

Ein Schlüsselelement in den Veränderungen, die Starmer vornehmen will, betrifft den Antisemitismus. Er erklärte, dass es in der Partei Null Antisemitismus geben wird.1 Man fragt sich, ob das erreicht werden kann. Der Antisemitismus ist in Großbritannien viel zu weit verbreitet, als dass man von einer großen Partei erwarten könne frei von ihm zu sein. Das gilt besonders für die Labour Party. Alan Johnson hat eine Studie veröffentlicht, die zu dem Schluss kommt, dass die Labour Party institutionell antisemitisch ist.2

Seit seiner Wahl hat Starmer versucht der jüdischen Gemeinschaft die Hand zu reichen. Das wird sehr geschätzt und eine korrekte Beziehung aufzubauen war ein weiser Schritt. Antisemitismus war höchstwahrscheinlich keiner der Hauptfaktoren, die zu Labours Niederlage bei den Parlamentswahlen 2019 führten. Es half aber dabei, der Partei ein weit verbreitetes Negativ-Image zu verschaffen.

Starmer möchte nicht, dass sich das bei den nächsten Wahlen wiederholt. Er kann bereits einigen Erfolg geltend machen, weil eine Reihe Juden, die Labour unter Corbyn verließen, der Partei wieder beitraten. Es gibt zudem Belege, dass einige jüdische Spender ihre Spenden wieder aufnehmen könnten.3

Dennoch hat Starmer ein beträchtliches Image-Problem. Nur ein Jahr vor seiner Wahl zum Parteichef gehörte er zu denen, die bei den Parlamentswahlen für Labour warben. Hätte die Partei Erfolg gehabt, wäre Corbyn Premierminister geworden.

Nicht nur, was Antisemitismus betrifft, hinterließ Corbyn ein komplexes Erbe. In der Partei gibt es viele Corbynisten und sie immer wieder mal eine interne Opposition. Eine wichtige Entscheidung, die Starmer traf, war die Entlassung von Rebecca Long-Bailey als Schatten-Bildungsministerin Ende Juni. Sie hatte einen zustimmenden Tweet zu einem Interview geschickt, in dem gesagt wurde, eine Taktik der US-Polizei – auf dem Hals einer Person zu knien – sei ihr vom israelischen Geheimdienst gelehrt worden. Ihre Entlassung wurde von der Linken in der Labour-Partei verurteilt.4 Long-Bailey, eine Corbynistin, hatte sich neben Starmer um die Parteiführung beworben.

Eine weitere höchst problematische Sache, mit der Starmer klarkommen muss, sind „Whistleblower“, die dem BBC-Journalisten John Ware sagten, wie mangelhaft die Partei unter Corbyns Führung mit den Antisemitismus-Problemen umging. Starmer hatte sich für sie wegen der Arglistigkeits-Anschuldigungen, Boshaftigkeiten und Lügen entschuldigt. Diese Leute wurden in einem internen Dokument der Partei, das man durchsickern ließ, schlecht gemacht. Starmer einigte sich finanziell mit Ware und sieben Whistelblowern. Gerüchte besagen, dass die gezahlte Summe etwa £600.000 betrug.5 Die Partei könnte noch von anderen Whistleblowern verklagt werden.

Die finanzielle Regelung wurde vom Leiter der Gewerkschaft UNITE, Len McCluskey, heftig kritisiert. Er sagte, seine Gewerkschaft sei der Labour-Hauptspender und wollte nicht, dass seine Gelder für die Bezahlung von Whistleblowern verwendet werden. McCluskey sagte, seine Gewerkschaft überlege, was zu tun sei.6

Der Journalist John Ware war verantwortlich für die Dokumentation „Ist Labour antisemitisch?“ bei BBC Panorama, die im Juli 2019 ausgestrahlt wurde. Er könnte Corbyn persönlich verklagen.7 Das führte zur Gründung eines privaten Fonds für die Gerichtskosten des ehemaligen Parteichefs, für den Fall, dass das eintritt. Dieser Fonds hat etwa £330.000 gesammelt.8

Eine wichtige Entscheidung Starmers betrifft Corbyns Zukunft konfrontiert sein. Der ehemalige Außenminister David Miliband beschuldigte Corbyn vor kurzem Starmers Führung scheitern lassen zu wollen.9 Starmer wird sich entscheiden müssen, ob er versuchen will Corbyn aus der Partei zu werfen – wofür leicht ein Grund oder Vorwand gefunden werden kann – oder ob er Corbyn in der Partei halten will. Diese Entscheidung sollte deutlich vor den Wahlen im Mai 2024 getroffen werden. Wenn Labour Corbyn hinauswirft, lautet die Frage, wie viele andere Abgeordnete mit ihm zusammen die Partei verlassen werden. Sie könnten eine neue Partei gründen. Das sollte Starmer nicht groß kümmern. Die derzeitige konservative Mehrheit ist so ansehnlich, dass es keine Rolle spielt, wie viele Parlamentarier Labour hat. Die Konservativen können alles durchdrücken, auf das sie sich einigen.

Das wahre Problem ist das, was bei der nächsten Wahl passiert. Sind Corbyn, seine parlamentarischen Anhänger und die Anhänger der linken Bewegung Momentum, die die Labour Party mit ihm verlassen werden, in der Lage der Partei mehr Schaden zuzufügen, als wenn sie in ihr bleiben? Mit anderen Worten: Kann Starmer genügend Wähler finden, die bei den nächsten Parlamentswahlen zu Labour wechseln, um den Verlust durch die Corbynisten auszugleichen?

Das ist eine schwierige, aber alles andere als theoretische Überlegung. Nach Angaben einer Yougoy-Umfrage vom 18./19. August 2020 würden die Konservativen 40% und Labour 38% der Stimmen erhalten.10 Das bedeutet, dass Labour, seit er gewählt wurde, unter Starmers Führung in der Lage gewesen ist die 20-Prozent-Lücke zwischen den beiden Parteien beinahe zu schließen. Angesichts ihrer Probleme mit den Folgen des Coronavirus umzugehen sieht die Zukunft für die Konservativen nicht rosig aus.

Derweil ist ein neues Buch von Gabriel Pogrund und Patrick Maguire erschienen; es hat den Titel Left Out: The Inside Story of Labour Under Corbyn.11 Ein Auszug daraus wurde in der Tageszeitung The Times veröffentlicht.12 Daraus ist klar geworden, dass selbst die engsten Verbündeten und Kollaborateure Corbyns begriffen, dass Labour mehr tun musste, um die Beziehung der Partei zum Mainstream der jüdischen Gemeinschaft wieder in Ordnung zu bringen.

Es wurden viele Vorschläge gemacht, fast keiner wurde weiter verfolgt. Karie Murphy, Corbyns Stabschefin, schlug einen Runden Tisch mit jüdischen Gemeindeorganisationen zu veranstalten, eine Serie von Treffen mit Aktivisten von Jewish Labour und Parlamentariern sowie Kontakte zu jüdischen Gemeinden außerhalb von London vor. Murphy schlug außerdem vor, dass Corbyn Auschwitz besuchen und Kinder an der London Jewish Free School treffen sollte. Es sollte ein Sonderinterview mit der linken israelischen Tageszeitung Ha‘aretz geben. Corbyn sollte sich auch mit Mitgliedern einer progressiven Synagoge und Einwohnern eines jüdischen Pflegeheims treffen.

Einen weiteren Einblick in Corbyns Mentalität kam von einem anderen ihm nahe stehenden Labour-Mitglied, Andrew Murray. Er sagte über Corbyn: „Er ist sehr einfühlsam, Jeremy, aber er hat viel Mitgefühl mit den Armen, den Benachteiligten, den Migranten, den an den Rand gedrängten… Glücklicherweise ist das nicht die jüdische Gemeinschaft in Britannien von heute. Er hätte massive Empathie für die jüdische Gemeinschaft in Britannien in den 1930-er Jahren gehabt und er wäre dort in der Cable Street gewesen, das ist keine Frage. Aber natürlich ist die jüdische Gemeinschaft heute relativ wohlhabend.“13

Der anstehende Bericht der Equality and Human Rights Commission (EHRC) zu Antisemitismus in der Labour Party könnte sehr wichtige neue Elemente erbringen. Die Partei hat bereits einen abschließenden Entwurf zur Untersuchung erhalten, um ihn zu kommentieren. Was oben beschrieben ist, könnte durchaus eine Einleitung für zukünftige Entwicklungen sein.

Der EHRC-Bericht könnte Starmer durchaus eine Reihe Anhaltspunkte für sein Handeln geben.

11 Ausgelassen: Die interne Geschichte der Labour Party unter Corbyn.

Seltenes Album: Der Maschinengewehr-Schütze, der die Eroberung des Landes Israel dokumentiert

Wir verfügen über eine Originalausgabe des Journals eines Soldaten der 20th Machine Gun Squadron aus dem Ersten Weltkrieg

Chen Malul, the Librarians, 5. November 2017

Als die 20th Machine Gun Squadron am 4. Juli 1917 aufgestellt wurde, sahen sich die Kommandeure einem unerwarteten Hindernis gegenüber: Nur 30 der 121 Soldaten der Einheit waren in der Bedienung der neuesten Waffen ausgebildet. Die anderen Soldaten waren nie in einer solchen Einheit eingesetzt worden.

Die bevorstehende Schlacht zur Eroberung des Landes Israel ließ keine Zeit für unnötige Verzögerungen und ein neuer, mehrere Tage zuvor erhaltener Befehl gab den Soldaten der neuen Squadron einen kleinen Einblick in die enorme Herausforderung, die vor ihnen lag. Am 12. August, einen Monat nach ihrer Gründung, machte die Squadron sich auf an die neue militärische Front: das Land Israel.

Die Geschichte der Squadron wurde in dem Buch „Through Palestine with the 20th Machine Gun Squadron“ dokumentiert, das den Mitgliedern der Einheit nach dem Krieg ausgehändigt wurde. Einer der Soldaten beschloss Fotos einzukleben, die er während des Trecks der Squadron durch das Land Israel aufnahm.

Höchstwahrscheinlich der Fotograf und ursprüngliche Besitzer des Buchs. Seine Identität ist nicht bekannt.

Die faszinierende Geschichte der Squadron, dokumentiert durch die Augen eines ihrer Soldaten, ist in der Nationalbibliothek erhalten. (Das ganze Buch können Sie sich hier ansehen.)

Der Original-Einband von „Through Palestine with the 20th Machine Gun Squadron“

Unter der brennenden Sonne, mit schmerzenden Schultern und ständiger Angst vor dem Schwund der täglichen Wasser-Ration verbrachten die Kämpfer der Squadron 18 Tage mit der Durchquerung der Wüste Sinai. Sie nutzten ihren Aufenthalt im britischen Lager zur Fortsetzung der Ausbildung – sie verbrachten einen halben Tag mit Übungen zur Bedienung der Waffen, die für die meisten neu waren und die zweite Hälfte des Tages mit Reiten.

Mitglieder der Squadron. Neben den Zeichnungen im Buch enthielt die Ausgabe der Bibliothek in den ersten Seiten Fotos.
Die Frauen Jerusalems an der Westmauer.
Damaskus
Einige der Zeichungen des Buchs.

Die Soldaten gerieten sieben Meilen südlich der Stadt Be‘er Sheba in ihre erste Schlacht als Squadron. Mit Verstärkungen zu ihrer Linken und den australischen Einheiten zu ihrer Rechten griffen die Soldaten der Maschinengewehr-Einheit die furchteinflößenden Gräben an, die die Osmanen in die zur Stadt führenden Straße gegraben hatten: Angreifer und Verteidiger kämpften den gesamten Vor- und Nachmittag gegeneinander.

Der in alle Richtungen fliegende Staub hinderte beide Seiten daran mehr als ein paar Meter weit sehen zu können. Nach mehreren Stunden Kampf entdeckten die Soldaten zu ihrer Bestürzung, dass die Osmanen sich in die Stadt zurückgezogen hatten. Der Befehl kam um vier Uhr nachmittags: Greift Be‘er Sheba an, das sich ebenfalls als von feindlichen Truppen verlassen erwies.

Die Straße nach Jericho
Die Zeichnung eines der Mitglieder der Squadron.
Ein Soldat fotografiert „einheimische Frauen“.

Be‘er Sheba“, schrieben die Soldaten in das Buch der Squadron, „war extrem enttäuschend. Es ist kaum ein Dorf in der Art, wie Europäer sie verstehen – ein Ort um Zigaretten und etwas zu essen zu kaufen; es war nichts zu finden und die einzigen Gebäude dort, die keine Holzhütten waren, waren verlassen.“ Als die Soldaten sich die Gegend ansahen, waren sie von der sie umgebenden trockenen Wüste und den passierbaren Straßen unbeeindruckt.

Die Soldaten erreichten auch Gaza, nachdem die Osmanen sich aus der Stadt zurückzogen. Das wird in dem Buch nirgendwo erwähnt, aber es ist wahrscheinlich, dass die Soldaten an den schweren Schlachten zur Eroberung von Gaza nicht teilnahmen. Trotz der kurzen Strecke von Be‘er Sheba trafen sie auf eine andere Art Siedlung – Dörfer am Wegesrand, bevölkert von Bauern, die ihr Land bearbeiteten. Als sie näher kamen, entdeckten sie etwas schlimm Anzusehendes: Schmutz und Abfall, sich ausruhende Männer, während die Frauen die schwere Arbeit erledigten. Auch zu dieser Stadt fanden die Männer nichts Positives, das sie sagen konnten.

Eine Landkarte der Route, die die Squadron ins Land Israel nahm.

Die Soldaten zogen von Gaza weiter nach Ramallah, von Ramallah zum arabischen Dorf Qezaze, von wo sie den Eisenbahnschienen nach Jerusalem folgten. Die Feindsoldaten sahen voraus, dass sie auf diesem Weg vorrücken würden und hoben entlang des Weges Gräben aus. Die erbitterten Kämpfe führen zu einer Reihe von Verlusten. Der Kommandeur der Squadron beschloss sich nach Jaffa zurückzuziehen und dort neu zu organisieren. Auf ihrem Weg nach Jaffa trafen die Soldaten zum ersten Mal auf Rehovot.

Rehovot erinnerte die Soldaten an das Leben, das sie in Britannien zurückgelassen hatten. Die Soldaten trafen die zionistischen Siedler und kauften ihnen Säcke voller saftiger Jaffa-Orangen ab. Jeder, der nicht genug Geld dabei hatte, tauschte gegen die Fleischkonserven, die sie von der Squadron erhielten. Das Treffen mit den jüdischen Siedlern stimulierte die Soldaten, die sie als den Beginn des Wiederaufbaus der jüdischen Nation betrachteten.

Höhlen nahe des Toten Meeres

Nach einer kurzen Rast rückten die Soldaten wieder auf Jerusalem vor. Die osmanischen Verteidiger waren sich der Bedeutung der heiligen Stadt bewusst: Sie schickten die meisten im Land Israel stationierten Kräfte zur Verteidigung der Straße nach Jerusalem. Mit jedem weiteren Meter, den die Soldaten der Machine Gun Squad vom Feind erobern konnten, konzentrierten sich die Krieger darauf die Furcht einflößenden Artillerie-Maschinen an der höchsten Stelle der Kampfzone zu stationieren. Sie nutzten den Vorteil jedes Geländegewinns, den sie erzielten, um andere Einheiten zu decken, Scharfschützen einzusetzen, in der Nacht leise vorzurücken oder – wenn es keine andere Möglichkeit gab – brennendes Feuer auf die Feinde zu schießen, um sie zu zwingen aus den Stellungen zu fliehen, in die sie eingerückt waren.

So schafften es die Soldaten der Machine Gun Squadron zusammen mit Allenbys übrigen Streitkräften am 8. Dezember 1917 trotz der kaputten Straßen, dem ständigen Wassermangel und osmanischem und deutschem Widerstand die Straße nach Jerusalem zu öffnen.

Jaffa-Tor
Damaskus-Tor
Beduinische Reiter

Mehr als vierhundert Jahre osmanischer Herrschaft im Heiligen Land gingen einen Tag später mit der Kapitulation der Stadt Jerusalem zu Ende. Das Datum war nur symbolisch, da der größte Teil des Nordens Israels immer noch unter osmanischer Herrschaft stand, die in den folgenden Monaten auseinanderbrach.

Wie erstaunlich“, erklärten die gerührten Soldaten, die endlich die Stadt Jerusalem erblickten. Die heilige Stadt wurde am Vorabend des Hanukkah-Festes befreit und während die Osmanen aus Jerusalem flohen, feierten die Juden den historischen Sieg der Makkabäer über die antiken griechischen Eroberer.“

Die Squadron verlor während der Eroberung des Landes Israel 3 Kommandeure und 67 Soldaten.

 

Juden und Labour – was kann die Zukunft bringen?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Am 4. April wählte die britische Labour Party einen neuen Parteivorsitzenden – Sir Keir Starmer. Er erhielt 56% der Stimmen gegen zwei Mitbewerber. Starmer führte sofort an, dass er das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft in der Labour Party wieder aufbauen wolle. Er sagte, er wollte „den Schmerz anerkennen, den die Labour Party Juden in den letzten Jahren zugefügt hat: Antisemitismus ist ein Fleck auf der Weste unserer Partei gewesen… Ich will mich erneut entschuldigen und meine Zusage bekräftigen dieses Gift mit seiner Wurzel zu beseitigen… Ich weiß, dass ich am Ende nicht nur daran gemessen werde, was ich sage, sondern was ich tue.“[1] Starmer fügte hinzu, dass er mit den Leitern der jüdischen Gemeinschaft darüber reden werde, „wie wir zusammenarbeiten kann, um den Antisemitismus aus der Labour Party auszumerzen“.

Der scheidende Labour-Parteichef Jeremy Corbyn hatte sich als Freund und Bruder der völkermörderischen, antisemitischen Organisationen Hamas und Hisbollah bezeichnet.[2] Unter seiner Führung hörten die meisten bisherigen jüdischen Labour-Wähler auf, die Partei zu unterstützen. Eine Meinungsumfrage bei Juden fand 2019 heraus, dass 86% der Befragten glaubten, es gebe bei Mitgliedern der Labour Party und ihrer gewählten Repräsentanten ein hohes Maß an Antisemitismus.[3]

Die beiden wichtigsten jüdischen Dachorganisationen suchen die Aussöhnung. Der Jewish Leadership Council und das Board of Deputies bestanden darauf, dass von denen, die für die Labour-Führung kandidierten einige Bedingungen erfüllt werden müssten. Starmer und die beiden anderen Bewerber Rebecca Long-Bailey und Lisa Nandy akzeptierten diese. Angela Rayner, die gewählte Vizevorsitzende, verpflichtete sich ebenfalls diese Bedingungen zu erfüllen. Zwei andere, erfolglos für den Posten Kandidierende lehnten dies ab.

Das Board of Deputies legte 10 Forderungen vor, die von Kandidaten für die Labour-Führung unterschrieben werden sollten. Dazu gehörte, dass die Kandidaten versprechen, innerhalb einer begrenzten Zeit ungeklärte Fälle von Antisemitismus-Vorwürfen zu lösen. Die Kandidaten wurden aufgefordert die Disziplinarprozesse zu den Anzeigen durch eine unabhängige Stelle zu untersuchen und Transparenz in den Beschwerdeverfahren sicherzustellen. Zu weiteren Forderungen gehörte, dass prominente Täter nicht wieder in die Partei aufgenommen werden. Darüber hinaus sollte denen keine Bühne mehr gegeben werden, die wegen Antisemitismus suspendiert wurden; zudem müssen Kandidaten zustimmen die Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) in Gänze anzuerkennen. Die Kandidaten müssen ebenfalls die Einrichtung eines Antirassismus-Bildungsprogramms akzeptieren, das von der Jewish Labour Movement (JLM) genehmigt wurde, was zu einer Ausbildung führen soll. Zu den zehn Forderungen gehörte, dass die Partei mit jüdischen Hauptrepräsentanten und nicht mit Randorganisationen in Kontakt tritt. Schließlich wird vom Labour-Führer erwartet persönliche Verantwortung für die Beendigung der Antisemitismus-Krise zu übernehmen.[4]

Starmer betonte an seinem ersten Tag im Amt seine familiäre Beziehung zur jüdischen Gemeinschaft. Er führte an, dass seine Frau Jüdin und Mitglied einer Synagoge sei. Er sagte auch, dass er Verwandte in Israel hat. Weiterhin sagte er, er unterstütze das Recht Israels als jüdisches Heimatland zu existieren.[5]

Trotz all dem ist Starmer in der Vergangenheit kritisiert worden, als er Mitglied von Corbyns Schattenkabinett war und es versäumte etwas gegen Antisemitismus zu unternehmen. Die Daily Mail zitierte einen Freund des verstorbenen Rabbi David Goldberg, der ihm gesagt hatte: „Ich bin sehr enttäuscht von Keir Starmer. Insbesondere, weil seine Frau und Kinder Mitglieder meiner Synagoge sind. Es ist ihre Gemeinde, die bedroht wird und trotzdem hat er so wenig unternommen. Das ist armselig.“[6] Starmer ist außerdem Mitglied der Labour Friends of Palestine and the Middle East. Es gibt in seiner Vergangenheit weitere dunkle Flecken.[7]

Starmers Hauptziel besteht darin die Labour Party bei den nächsten Wahlen zum Sieg zu führen. Das Antisemitismus-Problem zu bereinigen würde einen großen Teil der negativen Medien-Publicity beseitigen. Corbyn hatte als Parteichef in vielerlei Hinsicht versagt. Nicht einmal unter Corbyns Führung war Antisemitismus der Schlüssel für die Wahlniederlage der Partei. Er war allerdings Ursache für unangenehme Hintergrundgeräusche.

Es gibt einen weiteren Grund dafür, dass Starmer alles ihm Mögliche tun wird, um das Antisemitismus-Problem aus dem Weg zu schaffen. Es wird erwartet, dass die Equality Human Rights Commission (EHRC) in den kommenden Monaten ihren Bericht über die Untersuchung der Labour Party vorlegen wird.[8] Starmer wird in einer Position sein wollen, in der er behaupten kann, dass seit Beginn der Untersuchung wichtige Fortschritte gemacht worden seien.

Inzwischen ist eine weitere, nicht vorhersehbare Hürde aufgetaucht. Ein großer, nicht redigierter interner Bericht ist in die Medien gelangt. Darin wird behauptet, dass die Beschwerdeabteilung funktionsgestört ist. Diese Abteilung war mit Anhängern des früheren Labour-Parteichefs Tony Blair besetzt. Diese Leute, heißt es, unternahmen ihr Möglichstes, um Corbyn zu schädigen. Der Bericht erklärt es stimme, dass die Abteilung mit Antisemitismus-Anzeigen nicht wirkungsvoll umging. Doch genau das war auch bei allen anderen Anzeigen der Fall.

Die Veröffentlichung des Berichts hat möglicherweise die Privatsphäre mehrerer Angestellter der Labour Party verletzt. Labour legte der EHRC diesen Bericht nicht vor. Aber ein Einzelner hat veröffentlicht, dass er das gemacht hat.[9]

Selbst wenn die Partei unter Starmer die zehn Bedingungen der jüdischen Organisationen erfüllt, fragt man sich, ob viele Juden wieder für Labour stimmen werden. Die Aussöhnung ist eine weithin symbolische Sache. Juden stellen nur 0,4% der britischen Bevölkerung. Bestenfalls haben ihre Stimmen in ein paar wenigen Wahlkreisen Einfluss. Weit wichtiger für Labour ist, dass jüdische Repräsentanten aufhören zu sagen, die Partei sei institutionell antisemitisch.

Es bleiben Handicaps für bewusste Juden, die Labour wählen wollen. Die Partei hat viele Mitglieder, die Corbyn positiv sehen. Sie haben sich in der Momentum Group organisiert. Es gibt sogar im Schattenkabinett eine Reihe Corbynisten.

Es gibt ein weiteres Problem, das in den Vordergrund gerückt werden sollte. 2014 brachte Labour im Unterhaus einen Antrag ein, dass das Vereinte Königreich Palästina anerkennen solle. Er wurde mit einer gewaltigen Mehrheit angenommen.[10] Die Palästinenser haben weiterhin alle israelischen Friedensvorschläge zurückgewiesen.

Ein Jude, der für Labour stimmt, stimmt für eine Partei, die ein Volk anerkennen will, dessen größte Partei, die Hamas, Völkermord an Juden verüben will. Die zweitgrößte Partei, die Fatah, belohnt Mörder israelischer Bürger. Lisa Nandy war eine der Abgeordneten, die für den Antrag stimmten. Trotzdem unterstützte die Jewish Labour Movement (JLM) sie bei ihrem gerade erfolglosen Versuch die Wahl zum Labour-Parteivorsitz zu gewinnen. Juden, die in der Zukunft für Labour stimmen, können sich nicht darauf berufen unschuldig zu sein und das gilt auch für JLM-Mitglieder.

[1] www.standard.co.uk/comment/comment/i-apologise-to-the-jewish-community-rebuilding-your-trust-starts-now-a4408901.html

[2] https://foreignpolicy.com/2018/10/03/jeremy-corbyn-has-a-soft-spot-for-extremists-ira-hamas-hezbollah-britain-labour/

[3] www.survation.com/new-polling-of-british-jews-shows-tensions-remain-strong-between-labour-and-the-british-jewish-community/

[4] www.thejc.com/news/uk-news/board-of-deputies-demands-labour-leadership-contest-race-candidates-sign-up-to-pledges-antisemitism-1.495274

[5] http://www.timesofisrael.com/keir-starmer-elected-uk-labour-chief-apologizes-to-jews-for-party-anti-semitism/

[6] www.dailymail.co.uk/news/article-8186219/Sir-Keir-question-cowardice.html

[7] www.timesofisrael.com/keir-starmer-elected-uk-labour-chief-apologizes-to-jews-for-party-anti-semitism/

[8] www.thejc.com/news/uk-news/ehrc-s-into-labour-antisemitism-on-going-despite-coronavirus-outbreak-1.498205

[9] https://consortiumnews.com/2020/04/21/on-that-leaked-report-on-uk-labour-anti-semitism/

[10] https://publications.parliament.uk/pa/cm201415/cmhansrd/cm141013/debtext/141013-0004.htm

Die wahre Mitte

Melanie Phillips, 6. März 2020

Demokratie, der Prozess, mit dem das Volk auswählt, wer es regiert, involviert viele Auswahlmöglichkeiten an Führungspersönlichkeiten, die konkurrierende Geschichten darüber erzählen, wie die Welt organisiert sein sollte.

Eine gesunde Gesellschaft, haben wir uns selbst gesagt, beinhaltet regelmäßige Wechsel dieser Führungspersönlichkeiten und ihrer Geschichten um die gegenseitige Kontrolle zu bieten, die notwendig ist, um die Gefahren zu vermeiden, die einer Einparteien-Herrschaft innewohnt.

In Israel, den USA und Großbritannien ist dieser Prozess abgewürgt worden. Der Grund dafür ist, dass in allen drei Ländern, wie auch an anderen Stellen im Westen, die von der progressiven Seite der Politik angebotene Geschichte schlicht kollabiert ist.

In Israel legte Benjamin Netanyahus Likud diese Woche mit 36 Mandaten gegen 33 für Benny Gantz‘ Blau und Weiß einen entscheidenden Wahlsieg hin, bei dem sein rechtsgerichteter Block 58 Mandate gegenüber den 55 des linken Blocks gewann. Es ist unklar, ob der Premierminister in der Lage sein wird eine Koalitionsregierung wird zusammenschustern können. Dennoch war das ein nicht zu bestreitender Sieg für Netanyahu.

Trotz des heraufziehenden Korruptions-Prozesses gegen ihn und der überwältigenden Feindschaft der Medien stimmte immer noch eine Mehrheit der Wähler für ihn und brachte die höchste Stimmzahl für den Likud in Jahrzehnten.

Der Grund dafür ist klar. Ungeachtet seiner zweifelsohne eindrucksvollen politischen Fähigkeiten ist Netanyahu kein Zauberer. Er gewann dieses Mandat des Volks nicht mit der dunklen Kunst politischer Alchemie. Er gewann, weil die Mehrheit der Israelis einfach niemandem sonst zutraut ihre überwältigenden Sorgen zu begegnen – das Land vor seinen Feinden sicher zu schützen.

Gantz mag im Militär ein ausgezeichneter General gewesen sein, aber als Politiker fehlt ihm die eine Qualität, die die Leute fordern: zuverlässige Führung, zu der eine klare und überzeugende Geschichte erzählt wird.

Seine gemischten, mehrdeutigen Signale ließen die Leute sich sorgen; er mag zwar anstrengt zeigen, dass er in Sachen Sicherheit so hart ist wie Netanyahu, aber seine wahre politische Orientierung ist links.

Und im Israel der Mitte wird die Linke als Gefahr für die Nation betrachtet. Bei der Wahl erhielt der Block Avoda-Gescher-Meretz nur sieben Mandate.

Die ungebrochene Hingabe der Linken an einen Palästinenserstaat wird als existenzielle Bedrohung für die Sicherheit Israels betrachtet. Das gibt der Öffentlichkeit auch Nervosität, dass sie versagen würden Israel vor anderen Bedrohungen wie dem Iran zu schützen.

Ohne Alternative, die in der Lage wäre Netanyahus strategische Auffassungsgabe zu regionalen Möglichkeiten und Risiken zu entsprechen, entschied sich die Mehrheit der Wähler seine Fehler pragmatisch zu übersehen – selbst wenn sich herausstellen sollte, dass er der Korruption schuldig ist – weil niemand sonst vertraut werden kann die Interessen des Staates zu wahren.

In den Vereinigten Staaten geschieht etwas Ähnliches. Das Momentum im Rennen um die demokratische Präsidentschaftsnominierung ist auf Seiten von Senator Bernie Sanders aus Vermont gewesen. Nach dem „Super Tuesday“ dieser Woche hat sich allerdings der ehemalige Vizepräsident Joe Biden, der davor von allen abgeschrieben worden war, erstaunlicherweise zum Spitzenreiter entwickelt.

Der Grund war, dass demokratische Granden, in Panik wegen des Momentums hinter Sanders, dessen extremer Linksradikalismus ihn aus ihrer Sicht nicht wählbar macht, alles hinter den eher der Mitte zugehörenden Biden geworfen haben, um Sanders aufzuhalten.

Im Ergebnis ist jetzt ein Mann demokratischer Spitzenreiter, der kaum einen Satz geradeaus reden kann, ohne den Faden zu verlieren oder grundlegende Fehler zu machen. Die außergewöhnliche Tatsache ist, dass die Demokratische Partei einfach nicht in der Lage gewesen ist überhaupt einen plausiblen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Während also Trump ohne Opposition auf die republikanische Nominierung zusegelt, ist die größte Hoffnung der Demokraten ein Mann, der den Super Tuesday „Super Thursday“ nannte und die Hand seiner Frau ergriff und sagte: „Das ist meine kleine Schwester Valerie.“

Der Grund, dass die Demokraten derart in Unordnung sind, wie die israelische Linke auch, ist, dass auch sie keine plausible Geschichte haben. Sie wissen nicht mehr, wofür die Partei steht. Das ist der Grund, warum ein wachsendes Segment in Richtung der extremen Linken getaumelt ist.

Der Rest bevölkert einen Zentrumsbereich, der sich selbst in die Befürwortung von Identity Politics hat schlingern lassen und über den antiweißen Rassismus von Black Lives Matter, die Belästigung konservativer Redner an Universitäten, die Dämonisierung Israels, die Untergrabung der Rechtsstaatlichkeit durch Schutz-Städte und die Erosion schon der Idee der Nation durch laxe Grenzkontrollen hinwegsehen.

Weit davon entfernt eine gerechtere, anständigere Gesellschaft zu unterstützen, können die Wähler sehen, dass all dies das Gegenteil hervorbringt. Zur Empörung und Bestürzung der Linken wird Trump stattdessen als für Werte des Patriotismus, des Rechts und der Verfassung wahrgenommen, wo die meisten der Öffentlichkeit die wahre Mitte verorten.

In Großbritannien trieb dieselbe Abneigung gegenüber der Linken den konservativen Premierminister Boris Johnson bei den Parlamentswahlen im letzten Dezember mit einer großen Mehrheit an die Macht. Das geschah dank der Arbeiterklasse, ehemals für die Labour Party stimmenden Wählern, die erstaunlicherweise massenhaft zu den bis dahin verhassten Konservativen desertierten.

Den Ausschlag gab, dass diese Leute, die überwältigend für den Brexit gestimmt hatten, glaubten, dass Johnson der einzige Führungspolitiker war, der das Ergebnis der Volksabstimmung von 2016 die Europäische Union zu verlassen einlösen würde.

Der tiefere Grund war die fundierte Abscheu dieser patriotischen, aufstrebenden, hart arbeitenden Klasse gegen das, was sie als eine von einer metropolitischen Elite geführten Labour Party sehen, die einen ruinösen Krieg gegen die Nation und ihre traditionellen Werte führt und offen alle verachtet, die für diese einstehen.

Sie schreckten vor dem linksextremen Labour-Parteichef Jeremy Corbyn zurück, weil der sich mit den Feinden Britanniens und der Demokratie verbündet hatte und auch nichts dazu tat, den ungezügelten Antisemitismus in seiner Partei aufzuhalten.

Fakt ist, dass die Labour-Stimmzahlen dieser Blaumann-Arbeiter viele Jahre lang rückläufig waren. Und darin liegt die Botschaft für die westliche Linke.

Der Spitzenreiter bei der Labour-Wahl Corbyn zu ersetzen ist ein Politiker der Mitte, Sir Keir Starmer. Selbst wenn er Parteichef wird, wird sich Starmer jedoch dem Problem gegenüber sehen, das nicht nur die britische Labour Party quält, sondern die Linke seit dem Sturz der Sowjetunion als Ganzes – dass sie nicht länger eine überzeugende Geschichte zu erzählen hat und auch keine Anhängerschaft, die noch an sie glaubt.

Denn wie die US-Demokraten, Israels postzionistische Linker und andere in westlich-progressiven Kreisen hat die Labour Party sich um Globalismus und Identity Politics neu definiert. Als Ergebnis verachten ihre Mitglieder den Nationalstaat und untergraben ihn und seine Werte, handeln, um ihr Land zu schwächen und beschwichtigen seine moralischen Feinde; außerdem lehnen sie Freiheit, Wahrheit und Vernunft ab.

Die öffentliche Revolte gegen das alles führte zur Brexit-Abstimmung in Britannien, brachte Trump an die Macht und hat Netanyahu im Amt gehalten.

Die Linke hingegen hat es abgelehnt zuzugeben, dass es Trump und Netanyahu sind, die heute die Mitte besetzen, von der die Linke so fälschlich behauptet sie gehöre ihr (in Britannien jedoch gibt es Besorgnis erregende Zeichen, dass Johnson, selbst ein Sozialliberaler, die sozial konservativen Blaumann-Arbeiter gleichermaßen nicht begreift, die ihn an die Macht brachten).

Die Öffentlichkeit hat verstanden, dass sie Jahrzehnte lang eigentlich nur eine einzige Grundgeschichte geboten bekommen haben: Die progressive Weltsicht, die keine Beziehung zu ihrem eigenen Leben und Sehnsüchten, die aber zu den Standard-Positionen des gesamten politischen Establishments über die jetzt obsolete Rechts-Links-Teilung geworden sind.

Dagegen hat die Öffentlichkeit revoltiert; das ist der Grund, dass die Linke nicht länger weiß, wofür sie steht.

Und deshalb werden in der vorhersehbaren Zukunft Millionen anständiger Menschen sich die Nase zuhalten und für Führungspersonen mit Defiziten stimmen, von denen sie glauben, dass sie die einzigen sind, die ihnen den Rücken freihalten – und die damit zur einzigen sind, die sich politisch profilieren können.