SS-Günni und sein neuer „Gedichtband“

Günter GraSS hat wieder geschrieben – ohne Tinte, die letzte hatte er ja im Frühjahr vernichtet, aber vielleicht hat ihm ja jemand noch eine Schreibmaschine da gelassen. Was – anhand des im verlinkten WELT-Artikel lesbaren Teils – daran „Gedicht“ sein soll, erschließt sich mir nicht, das trägt keine Züge und Anzeichen von dem, was bei uns Gedicht heißt. Aber vielleicht macht er ja Anleihen bei unbekannten Kulturen, die Poesie eben anders verstehen. (Hebräische Poesie ist es auch nicht, dazu habe ich mal was gelernt.) Dafür hat er wieder einen für seine Bücher markanten Titel: „Eintagsfliegen“. Passt zu ihm, denn das einzige wirklich lohnenswerte Werk des beim Häuten der Zwiebel erwischten Rättin war „Die Blechtrommel“. In der Musikindustrie nennt man das „One Hit Wonder“ – die machen sich aber weniger heftig in der Welt breit als dieser viel Papier zur Verbrennung bereitstellende Einmal-weltweit-berühmt-Autor.

Wie auch immer, wenn eine hetzerische Knalltüte wie GraSS etwas Antikultur von sich gibt, dann gibt es inzwischen weniger empörte Aufregung, sondern Hohn und Spott. Und da war Facebook mal wieder eine Fundgrube. Gideon Böss hat es ausgelöst, als er einen Vorschlag aus dem Frühjahr wieder einstellte:

Warum heißt der neue Gedichtband von Günter Grass ‚Eintagsfliegen‘ und nicht ‚WaffengedichteteSS‘?

Kommentare:

1) Grass wollte es persönlich ändern, aber ihm war ja die letzte Tinte ausgegangen.

3) Die Gedichte erscheinen in mehreren Sturmbänden.

Auf die selbst gestellte Frage, wer so etwas liest, antwortet der Kommentierende selbst u.a.
4) Wachkoma-Patienten, denen man ein aufgeschlagenes Buch einfach auf Gesicht legt?

6) Israelkritiker lesen das. Und das haben sie auch verdient!

7) „Die Mumie kehrt zurück“ wäre auch ein passender Titel für den Gedichtband.

10) Ein alter Mann – aber die SS-Sache sollte man ihm nicht mehr nachtragen – damals war er fast noch ein Kind! Dass er es nicht früher zugegeben hat, mehr als töricht, und dass er heute gegen Israel wettert ist auch ziemlich ungereimt – dazu reicht nicht mal die Gedichtform! Manchmal muss über alte Leute einfach den Mantel der christlichen Nächstenliebe breiten!
11) Ich finde das mit dem Mantel sehr nett – das Problem ist nur, dass Grass sich als Exhibitionist betätigt. Seinen Mantel kann niemand zuhalten …

Posener mit einem ausnahmsweise hellen Moment:
14) Er heißt nicht „eintagsfliegen“. Er heißt „eintagsfliegen leben länger“. Und da muss die Frage lauten (wenn schon): Warum heißt er nicht „Eine Million Fliegen können sich nicht irren: lest Scheiße.“

18) Litt der nicht immer schon an Demenz?
19) Nein, nur an antisemitischem Fieber und Kippaphobie.

Und dann gibt es natürlich auch wieder „Gegen-Dichtung:

Meine erste Prosa, es sprach aus mir innerhalb von drei Minuten, nachdem ich las, dass der größte aller Moralisten nun 87 solcher Ergüsse erschuf…

Da gibt es einen Dichter, gar schon alt,
der macht deshalb nun vor nichts mehr halt.
Es spricht aus ihm und er merkt es nicht,
und verliert dabei total sein Gesicht.
Das allein wäre nicht schlimm,
würde bereiten keine Grimm.
Aber, zu viele auch junge Geister,
bemerken nicht diesen alten Kleister.
Auch aus ihnen denkt es, es muss gesagt werden
und zeigen damit, manche Dinge werden sich leider nie ändern auf Erden.

Exklusiver Vorabdruck aus Günter Grass´ neuestem Meisterwerk „Eintagsfliegen“:

Auf jeden Jud´ in diesem Land
da kommen fünf Raketen
Dem kleinen Ahmadinedschad
hilft da nur mehr das Beten

Mit Messer, Gabel, Schneidgerät
und nuklearem Feuer –
wenn Teheran in Flammen steht
dann wird das Löschen teuer

Ich warne vor dem Flächenbrand
Verschont mir die Schiiten!
Atome spalten ist riskant
und zeugt Antisemiten

 (Titanic – das endgültige Satiremagazin)

Facebook-Reaktion:
Wenn der Dichter nicht mehr dicht ist, dann schenkt ihm kein Gehör, doch holt statt dessen schnell, den Installateur.

Hier noch die Reaktion der israelischen Botschaft in Berlin zu Grass‘ Vanunu-Entgleisung:

Die Versuche  Günter Grass’, sich auf dem Rücken des Staates Israel ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, sind peinlich. Es scheint, als wache Grass alle paar Monate auf und habe dann einen neuen Sermon im Gepäck. Auf seinem Kreuzzug gegen den jüdischen Staat lässt er sich von Tatsachen nicht beirren.

Hat Grass in seiner Jugend die Judenverfolgung unterstützt, schreibt er nun im Alter gegen den Judenstaat an.

Der Sprecher des israelischen Außenministeriums übt sich in (Galgen?-) Humor:

„Dieses kleine Werk ist sicherlich kein Schiller und kein Rilke, aber angesichts der früheren Ansichten von Grass ist es immerhin erfrischend, dass wohl zumindest ein Israeli (Vanunu) Gnade vor seinen Augen findet.“

Der Vorsitzende des israelischen Schriftstellerverbandes redet Tacheles:

Der Vorsitzende des Schriftstellerverbands erklärte, der Rassismus des Nazi-Regimes sei in Grass´ Erbgut eingebrannt. „Würde Grass gegen die nukleare Aufrüstung des Irans aktiv werden, könnte er so die Spuren des Hakenkreuzes auf seiner Kleidung löschen“, meinte Chakak. „Aber sein Kreuzzug gegen das jüdische Volk und Israel geht weiter, und dafür kann man ihm nicht vergeben.“

Und Broder ätzt natürlich auch:

Wer nicht malen kann, der macht Collagen, wem das Dichten schwer fällt, der verarbeitet „Kastanien/ die im Oktober/ feucht in der Hand liegen“ zu einem Poem. Anonym eingesandt würde so etwas nicht einmal die Dinkelsbühler Zeitung abdrucken, aber wenn es unter dem Markennamen „Grass“ daherkommt, bekommen die Kritiker weiche Knie – und wenn es nur Eintagsfliegen sind, die tot zu Boden fallen.

Wer ist ein „Antisemit“

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 8. April 2012 (direkt vom Autor)

Wegen Günter Grass ist in Deutschland erneut eine Antisemitismusdebatte entbrannt. Jüdische Kronzeugen von Henryk Broder bis Avi Primor wurden befragt, ob Grass ein „Antisemit“ sei. Deren Ansichten fielen so unterschiedlich aus wie die Interpretationen des Grass-Gedichts, von Iran, Linken und Rechten hoch gelobt und von anderen als Hasspamphlet verurteilt.

Der deutsche Journalist Wilhelm Marr gilt als Erfinder des Begriffs „Antisemitismus“. Er wollte seine rassistische Judenablehnung von religiösem Judenhass unterscheiden. Im Februar 1879 warf seine Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ dieses Schlagwort in die politische Debatte. Es richtete sich gezielt nur gegen Juden zumal es zwar eine semitische Sprachfamilie gibt, aber keine „semitische Rasse“. Der moderne Antisemitismus löste seit der Aufklärung die alte religiös motivierte Judenfeindlichkeit ab. Nachdem Gott für „tot“ erklärt worden war, zog nicht mehr der vom Christentum propagierte Vorwurf des Gottesmordes, um hier nur ein Element des alten Judenhasses zu erwähnen.

Der Judenhass ist fast so alt wie das jüdische Volk. Er existierte schon vor 2500 Jahren bei griechischen wie römischen Autoren. Den besten Titel für dieses einzigartige Phänomen hat der Judaist Peter Schäfer geschaffen: Judäophobie. Dieses Wort impliziert eine irrationale Abneigung gegen alles was jüdisch ist und heute gegen den Staat Israel. Phobie ist eine intuitive krankhafte Furcht vor Situationen, Gegenständen oder Personen.  In der Wissenschaft gibt es zahllose Fachbegriffe für Phobien gegen das Fliegen, Insekten, Mundgeruch, Frauen, Ärzte oder Menschenansammlungen. Nicht zufällig wählten die Nazis Begriffe aus der Tierwelt, „ausrotten“ oder „Ungeziefer“, um damit das „Auslöschen“ der Juden zu rechtfertigen.

Die beste Definition für Antisemitismus heute könnte vom amerikanischen Richter Potter Stewart übernommen werden. Als der gefragt wurde, was Pornographie sei, sagte er: „Wenn ich es vor mir sehe, weiß ich, dass es das ist.“

Da Antisemitismus wie Pornographie auch strafverfolgt oder bei Umfragen ermittelt wird, war es notwendig, eine genauere Definition zu formulieren. Die EU benötigte 2006 eine klare Definition für einen europaweiten Untersuchungsbericht zu antisemitischen Auswüchsen. Um den Forschern von Portugal bis Norwegen einheitliches Werkzeug in die Hände zu geben, hatte die EUMC (heute ECRI) in Wien eine zunächst streng geheim gehaltene „Arbeitsdefinition“ ausformuliert. Die wurde inzwischen von der Antisemitismus-Kommission des Bundestags für Deutschland übernommen.

In dem teilweise schwammig formulierten Papier heißt es: „Dabei kann der Staat Israel, der als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Juden betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass die Dinge nicht richtig laufen.“ Ein weiterer Punkt ist: „Falsche, entmenschlichende, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Juden oder die Macht der Juden als Kollektiv – insbesondere die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Juden.“ Oder auch: „Der Vorwurf gegenüber dem jüdischen Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust übertrieben darzustellen oder erfunden zu haben.“ Ebenso heißt es da: „Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.“

Dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung (und Selbstverteidigung) abzusprechen, sei ebenso antisemitisch, wie ein Vergleich der Politik Israels mit dem Vorgehen der Nazis. Klargestellt wurde, dass Kritik an Israel oder seiner Politik legitim sei, solange sie mit Kritik an anderen Ländern vergleichbar ist und nicht einer Delegitimierung oder Dämonisierung des jüdischen Staates dient. Ob Günter Grass mit seiner Unterstellung, dass Israel das iranische Volk „auslöschen“ wolle, „antisemitisch“ ist, muss jeder selber entscheiden. Grass verwendet allerdings einen Nazibegriff und unterstellt dem jüdischen Staat genozidale Absichten, die bisher noch kein Israelis jemals ausgesprochen hat. Das entspricht einem Vergleich mit den Nazis und einer Verschwörung, was in dem EUMC-Papier beides als „Antisemitismus“ definiert wird. Auch andere Verse in dem „Gedicht“ brachten Grass in eine bedenkliche Nähe der offiziellen, in Deutschland geltenden Antisemitismusdefinition. Da es keine Straftat ist, „Antisemit“ zu sein, hat Grass bestenfalls eine Rufschädigung zu befürchten.

Nun gibt es noch jene, die weit von sich weisen, „Antisemiten“ zu sein, gleichwohl aber im „Antizionismus“ eine berechtigte Ideologie sehen, den Staat Israel zu kritisieren und ihm wegen Rassismus, Apartheid oder Kriegsverbrechen sogar die Existenzberechtigung abzusprechen. Hierzu hat der französische Forscher Emanuel Sarfati ermittelt, dass „Antizionismus“ eine in den siebziger Jahren von den Sowjets „erfundene“ Ideologie sei, um als Ersatz für den in Westeuropa verpönten „Antisemitismus“ zu dienen. Bei genauem Hinschauen dienen viele der Argumente der „Antizionisten“, nun auf den Staat Israel übertragen, ähnlichen Zielen und Methoden, wie die Ideologie der Nazis gegen das jüdische Volk. Dazu gehört das Abstreiten des Existenzrechts Israels oder das Recht der Juden auf Selbstbestimmung und Verteidigung.  Der berühmte Spruch, „die Juden sind unser Unglück“ klingt identisch mit dem Grass-Vers, Israel werde einen dritten Weltkrieg auslösen, „an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind“.

(C) Ulrich W. Sahm

Tagesthemen mit SS-Günni

Es ekelt nur noch an – über sich selbst sagt er: Günter Grass ist Opfer. Günter Grass ist mutig. Wenn man seiner Generation vorwirft, dass sie damals nichts gesagt hat, dann will er das heute nicht noch einmal falsch machen. Ah ja. Israel wieder einmal mit den Nazis gleichgesetzt.

Er weicht aus. Er will ums Verrecken nicht zugeben, dass er im günstigsten fürchterlich übertrieben hat.

Er unterstützt das, was Verteidigungsminister de Maizière gegenüber Barak gesagt hat.

Er wünscht sich, dass das Tabu des Schweigens gebrochen wird. Hä?

Ah, was der Maulheld sagt, ist bekannt. Deshalb muss man nicht weiter drüber reden. Ach so. Aber das, was verschwiegen wird, muss hochgeholt werden. Soso. Macht ja keiner. Hä?

Der Tagesschau-Heini (Tom Buhrow) verdingt sich als anhimmelnder Stichwortgeber, der nur scheinbar kritische Fragen stellt. Unglaublich!

Und ein Seitenhieb auf den Bundespräsident und dass er den Freiheitsbegriff so einbringt, darf auch nicht fehlen.

Der folgende Kommentar von Thomas Hinrichs vom Bayrischen Rundfunk ist endlich das erste vernünftige Wort der ARD. Hinrichs liest GraSS die Leviten und das wirklich gut. Hoffentlich steht das schnell als Video und mit Text auf der Internetseite der tagesschau.

Noch eine Anmerkung zu Tom Buhrow: Der leitete die Befragung seines Helden damit ein, dass das „Gedicht“ in Israel praktisch keine Reaktionen hervorgerufen hätte und man dort damit ganz lässig umginge. Da traf es sich wohl gut, dass in Israel die Reaktionen erst heute (5. April) einsetzten und man sie deshalb getrost ignorieren konnte, um ein falsches Bild zu erzeugen, nicht wahr? Wenn sich der Regierungschef höchstpersönlich dazu äußert und süffisant GraSS‘ SS-Vergangenheit ins Feld führt, dürfte das alles andere als ein lässiger und uninteressierter Umgang sein.

Möllemann weiter entwickelt

Wir können uns schon mal darauf einstellen, was heute Abend in der ARD so alles zu hören sein wird – SS-Günni wird jammern und schimpfen. Jammern, weil „eine Kampagne“ gegen ihn geführt wird, die ihn vernichten soll. Und sich schon mal gar nicht mit seinen „Argumenten“ auseinandersetzt, weil keiner der Giftspucker gelesen hat, was da wirklich steht. Vorbereitet ist das schon über den NDR.

Das wird aber nur die eine Seite sein. Der andere Gegenangriff läuft mit der Behauptung „Man muss doch mal sagen…“ – das ist einen Schwung kräftiger als des Mümmelmanns „man wird doch mal sagen dürfen“. Der Fallschirm-Selbstmörder hatte es noch nicht als Muss behauptet, sondern noch um Anerkennung des Antisemitismus gegen Israel gekämpft. Heute sind wir weiter. Der Oberkünstler Klaus Staeck von der Akademie der Künste findet: „Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden.“ Und schiebt hinterher, dass reflexhafte Antisemitismus-Vorwürfe nicht angemessen seien. Ja klar, das passt gut zu GraSS‘ Behauptung, wer ihn kritisiere, habe gar nicht oder nicht richtig gelesen, was er geschrieben habe. Reflex – das ist unkoordiniert, nicht überlegt, hat nichts mit Fakten zu tun. Komisch nur, dass jeder, der GraSS seine Boshaftigkeit vorwirft, das anhand seines Textes tut?

Herr Staeck schlägt weiter um sich: Grass habe „das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite“ und nur „seiner Sorge Ausdruck verliehen“. Diese Sorge teile er „mit einer ganzen Menge Menschen“.

Hat irgendjemand GraSS sein Recht auf Meinungsfreiheit bestritten? Nein, hat keiner! Aber wenn einer seinen miesen Charakter derart öffentlich beweisen muss, dann muss er sich auch gefallen lassen, dass andere das genauso öffentlich sagen. Was der Oberkünstler letztlich fordert, ist, dass GraSS seine Gülle verbreiten können soll, ohne das jemand etwas dagegen sagt oder wenn doch, dann darf das Kind nicht beim Namen genannt werden!

Das ist auch so ein typisches Merkmal dieser Anti-Israel-Kohorten. Als die Österreicher Kurt Waldheim zum Staatspräsidenten wählten, riefen sie alle „Nazis raus“ und forderten das Land zu boykottieren. Warum auch nicht? Die Ösis hatten das Recht sich ihren Altnazi an die Spitze zu wählen; das ist Demokratie und das kann man mit Missfallen beantworten. Das mussten sie sich gefallen lassen. Wenn die PalAraber die Hamas an die Regierung wählen, sieht es schon ganz anders aus. Da muss man das auf einmal in Ordnung finden und mit den Terroristen zusammenarbeiten, darf nicht angeekelt sperren, wohingegen die demokratische gewählte Regierung Israels boykottiert werden muss.

Wenn ein Rechtsradikaler sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnimmt, stehen sie allen auf den Barrikaden. Da ist nicht nur Gegenrede gefordert, sondern auch Gewalt gerechtfertigt. Kommt ein Vertreter Israels irgendwohin und soll reden, dann wird aufgefahren, was das Zeug hält, um das zu verhindern – der hat kein Recht auf freie Meinungsäußerung. Wird aber ein Araber oder Muslim oder „Israelkritiker“ kritisiert, der gegen Israel hetzt, dann gibt es ein jedes Mal wiedergekäutes Sperrfeuer an Standardfloskeln, die heruntergebetet werden: die Kritiker reißen aus dem Zusammenhang, die Kritiker hetzen gegen die Person, sind unsachlich, wollen freie Meinungsäußerung einschränken, wissen nicht wovon sie reden, schwingen die Antisemitismus-Keule usw.

So auch in diesem Fall, das zeichnet sich klar ab. Kritik an GraSS ist unzulässig, hat zu unterbleiben, weil sie unsachlich ist und den Mann nur mundtot machen und diskreditieren will. Freie Meinungsäußerung gibt es für GraSS, für Kritik an ihm gibt es sie nicht.

Eben hat das ZDF in der heute-Sendung ein paar Sätze von GraSS fallen lassen, die heute Abend im heute journal ausführlicher gesendet werden sollen. Da hat der Schnauzer schon aggressiv gegen Kritik getönt. Wir dürfen heute erleben, wie SS-Günni und seine Fans genau das tun werden, was sie anderen so gerne vorwerfen: Sich Kritik verbitten, freie Meinungsäußerung für andere verbieten und reflexhaft die ganzen üblichen Vorwürfe herunterbeten, die nichts mit der Kritik an der antisemitischen Gülle zu tun hat, die sich sehr wohl und ganz dezidiert mit nur den übelsten der Passagen der Hetzschrift auseinandersetzt.

Wenn etwas vorhersagbar ist in solchen Auseinandersetzungen, dann das Verhalten der Hetzer und Verleumder, die jammern, sie würden verleumdet.

Günter GraSS „musste“ mal wieder

Günter GraSS hat ein „Gedicht“ veröffentlicht. Klar, dass es in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt wird. Es hätte aber genauso gut für den Kinderstürmer gereicht, für die jungeWelt oder auch Veröffentlichungen im Verlag des Herrn Frey. Aber SS-Günni gilt ja als linke Moral, da ziert es sich nicht, die Schweinereien auch da zu publizieren, wo sie immer verortet werden, wenn andere kruden Antisemitismus von sich geben.

GraSS schreibt „Was gesagt werden muss“ – es geht nicht anders, er kann einfach nicht mehr schweigen; Frau Merkel würde es als „alternativlos“ bezeichnen, dass der Waffen-SS-ler dies von sich gibt. Natürlich zum Besten Israels. Das zeichnet die modernen Antisemiten aus: Sie sind „Israel verbunden“, wollen und müssen es vor sich selbst retten, damit die Juden nicht weiter die Nazis von heute sind.

Was den ollen Landser antreibt? Die Moral, was denn sonst? Er ist doch Moralist, Gewissen und Chefinstanz in einem, wenn es um Befindlichkeiten geht, die eingeordnet werden müssen. So, wie er vor nicht ganz 30 Jahren vom „Schwein Geißler“ sprach (Heiner von der CDU, von dem ich genauso wenig halte wie von Norbert Blüm oder Sigmar Gabriel, weil sie sich alle so ausdrücklich gegen Juden produzieren müssen, dann aber sagen, sie hätten nichts gegen sie). Ich werden icht vom „Schwein GraSS“ schreiben, das kann ich den Tieren nicht antun…

Oder vor ein paar Jahren, als er gegenüber Tom Segev eine Rechnung aufmachte: von 8 Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion hätten nur 2 Millionen die Liquidierungen überlebt. Rechnet, und ihr wisst, welche Zahl da wichtig wird und was den Mann motiviert solchen Müll von sich zu geben.

Der israelische Gesandte in Berlin hat sich – sehr gemäßigt – zur Gülle des SPD-Vorzeige-Intellektuellen geäußert. Er ist halt Diplomat. Aber nach den LINKE-Hetzern, Norbert Blüm und Grünhelmchen Rupert Neudeck hat jetzt wohl Sigmar Gabriel endgültig das Halali eröffnet, mit dem der deutsche Michel zur Jagd auf Israel blasen kann, ohne dass ihm weiterhin Antisemitismus attestiert werden darf.

Hier die Worte Emmanuel Nahshons:

Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.

Was auch gesagt werden muss ist, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird. So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch.

Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.

Knapp und aussagekräftig. Und harmlos.

Der SS-Mann mit dem roten Parteibuch und der weiterhin braunen Gesinnung hat deutlichere Worte verdient. Härtere Worte. Die allerdings alle an ihm abprallen werden. Notfalls holt er sich moralische Unterstützung bei den übrigen Judenhassern der deutschen und europäischen „Eliten“, die ihm längst seine Lügen und Heimlichkeiten vergeben haben, die er nicht bedauert (außer, es tut seinem Image gut und lässt andere ihn wieder erheben).

Es bleibt abzuwarten, ob die Süddeutsche Zeitung sich von der GraSS’schen Hetze so distanziert, wie es La Republicca tat, die seine Gülle ebenfalls veröffentlichte, aber kommentierte: „Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung von Israel mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt.“

„Unmöglich“ – wieder so eine harmlose Vokabel, die aber dennoch viel aussagt. Moderne Antisemiten fahren ihre Geschütze anders auf als die alten Nazis. Sie formulieren anders, kommen intellektuell daher und machen doch etwas, das nicht möglich ist: Dem Juden unter den Völkern das Nazi- und Völkermord-Etikett anheften und gleichzeitig behaupten, sie sorgten sich nur um ihn. Und ihn zu schützen, indem sie es den Völkermördern und Judenvernichtern der Welt ermöglichen, ihr Werk ungestört vorzubereiten. Denn merke: Der moderne Antisemit beklagt es immer, wenn Juden tot sind – bis dahin tut er alles, dass es dazu kommt!

dringend lesen:
Neues von der Waffen-SS (Publikative.org)
Günter Grass – nicht ganz dicht, aber ein Dichter (Henryk M. Broder)
Mit der Waffen-SS gegen Israel? (haOlam)
Die faktenfreie Wahnwelt des Günter Grass (Clemens Wergin)
Israelkritik: Günter Grass‘ seltsames Verhältnis zu den Fakten (Clemens Wergin)
Was gesagt werden muss (Lizas Welt)
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Deutsche Lyrik (Lila)
Günter Grass für Deutschland (Gerd Buurmann)
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Der Antisemitismus will raus (Josef Joffe, DIE ZEIT)
Starrsinn und Opferstolz (Transatlantic-Forum)
Was Grass uns sagen will (Frank Schirrmacher, FAZ)
älteres zu SS-GraSS:
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