Wer bin ich?

Paula R. Stern, A Soldier’s Mother, 6. Mail 2016

Die Sache mit Kommentaren auf einem Blog ist die, dass der Blogeigner eine Reihe an Auswahlmöglichkeiten hat. Die erste ist die, ob er Kommentare unmoderiert zulässt. Als Israelin kann ich sagen, dass kein israelischer Blog und wenige jüdische Blogs frei von Störmanövern sind und für die meisten deshalb die erste Wahl offensichtlich ist – wir moderieren alle Kommentare.

Die zweite Wahl ist: Wie geht man mit Kommentaren um, die weniger als schmeichelhaft sind, entweder zu den Kernthemen, die man vorlegt oder gegenüber eine Haltung, die man einnimmt. Mehr als einmal habe ich Leute gehabt, die mich wütend fragte, warum ich ihre Kommentare nicht durchlasse – und die Antwort ist immer dieselbe: Wie ich es nicht muss, das ist mein Blog, mein Leben und ich präsentiere ihn, wie ich lebe. Nehmt ihn so, lasst ihn, liebt ihn, hasst ihn – es ist meiner.

Manchmal lasse ich Kommentare zu und dann antworte ich darauf; manchmal überlasse ich es anderen darauf zu antworten. Manchmal entscheide ich mich, sie gar nicht freizuschalte – das ist mein Recht.

Manchmal poste ich sie, wie diesen: Mahmood Says…

Manchmal lege ich sie alle zusammen… wie hier: Comments on Comments…

Vor ein paar Tagen postete ich Six Million Tears. Heute schickte mir Anonymus #478 (oder ist es #479?) dies:

Als freiwillig in Deutschland lebender Jude frage ich Sie: Wer sind Sie, dass Sie ein ganzes Volk verurteilen? Wer sind Sie, dass Sie ihnen Vergebung absprechen, sie für immer verdammen? Meine Familie blutete und litt und starb hier; und doch sind wir immer noch hier. Und wir haben uns entschieden niemals zu vergessen, sondern Zukunft und Hoffnung zu finden. Wer sind Sie ein Urteil fällen? Sie sind nicht G-tt!

Ich schaltete den Kommentar frei und fand, ich bräuchte mehr Platz um zu antworten, also mache ich das hier.

Sie sagen, Sie sein ein freiwillig in Deutschland lebender Jude. Ich gebe zu, dass das eine Wahl ist, die ich nicht verstehe und ich möchten Ihnen dort alles Gute wünschen. Ich werde für Ihre Sicherheit beten, den ich habe viele Zweifel und Bedenken zu Juden, die in Europa leben.

Sie fragen mich, warum ich ein ganzes Volk verurteile. Ich werde ehrlich sein und sagen, dass es nicht so ist, dass ich sie alle verurteilt habe, im Gegenteil; es sind ihr Tun, ihre Entscheidungen. Wenn sie für alle Zeit verurteilt sind, dann bezweifle ich, dass ich die Macht habe diejenige zu sein, die das tut.

Wer ich bin, sie zu ohne Vergebung zu erklären, für immer verdammt? Nun, das Judentum ist anders als andere Religionen. Während andere Religionen Einzelnen die Möglichkeit einräumen Gottes Vergebung zu erklären, tun wir das nicht. Wir glauben, dass es für Vergebung zwei Elemente gibt. Das erste ist Gott – wer sind wir zu glauben, dass wir Gottes Vergebung gewähren können? Ich mache das bestimmt nicht. Das zweite ist die Person oder das Volk, denen Unrecht zugefügt wurde. Ich kann den Nazis für die von ihnen begangenen Morde nicht vergeben. Die einzigen, die vergeben können, sind die Toten. Sie ermordeten die, die ihnen Vergebung hätten gewähren können. Außerdem brauchen die Vergebung derer, denen sie Unrecht angetan haben, aber nicht töteten.

Ich kann ihnen sagen, dass mein Großvater den Deutschen bis heute nicht vergab … leider vergab er sich selbst nie, dass er nicht in der Lage war in Amerika genügend Geld zu verdienen, um seine Mutter und Schwestern in Sicherheit zu bringen. Meine Schweigermutter vergab den Deutschen auch nie; schlimmer ist, dass sie ihr gesamtes Leben lang unter dem Schatten dessen lebte, was sie überlebte.

Sie sagen, Ihre Familie blutete und litt und starb dort und doch leben Sie noch dort. Würde ich sagen, was mir durch den Kopf geht, würde ich Sie einen Narren nennen. Aber mein Herz sagt mir ich sollte diplomatischer sein, verständnisvoller. Ich weiß nicht, was Sie in Deutschland hält – ist es Geld? Ist es Loyalität Deutschland gegenüber? Was immer es ist, mir ist es ein Rätsel.

Meine Familie und die meines Mannes blutete, verhungerte, wurde vergast und eingeäschert. Diejenigen, die überlebten, sammelten sich und suchten nach den am weitesten entfernten Orten, die sie erreichen konnten – Australien, Palästina, die Vereinigten Staaten. Sie wollten nach Palästina, aber die Briten blockierten das; sie bekamen einige Visa für Australien, waren aber nicht bereit sich von ihren Geschwistern zu trennen und so logen sie und sagten auch sie seien abgelehnt worden. Und als die Visa schließlich kamen, flohen sie aus Europa nach Amerika.

Sie sagen Sie werden nie vergessen, sondern entscheiden sich Zukunft und Hoffnung zu finden und ich möchte Sie dafür logen. Ich hoffe, Sie werden hart daran arbeiten Ihre Freunde und Nachbarn bilden, damit auch sie nie vergessen. Was die Zukunft und Hoffnung betrifft – ich leben ein einem Land mit beidem; wir haben sie für immer in unserem Geist und unseren Herzen.

Und schließlich fragen Sie, warum ich ein Urteil spreche – und ich sagen Ihnen, dass ich das nicht gemacht habe. Ich habe einfach gesagt, was ich denke, was ich fühlte, als ich in Deutschland war. Es war ein Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Ich empfand die Deutschen als wunderbare, interessierte, fürsorgliche Menschen. Das war für mich etwas Wunderbares. Ich ging dort in der Erwartung hin herausgefordert zu werden, mich bedroht zu fühlen. Das erste Mal, als ich einen Deutschen die Augen senken und meinen jüdischen Stern anblicken sah, fragte ich mich, was ich falsch gemacht hätte, so überaus stolz ich war ihn zu tragen. Als er seine Augen wieder hob und mich neugierig fragte: „Israel?“, fühlte ich meinen Körper sich verkrampfen, lehnte es aber in meinem Innern ab zu kneifen und antwortete trotzig: „Ja!“

Ich erwartete nicht, dass er lächelt, aber er tat es. Ich erwartete auch nicht, dass andere Deutsche neben ihm lächeln würden, aber sie taten es. Einer wandte sich mir zu und sagte „Hava nagila“ und jemand anderes sagte „Schalom aleichem“ – und auch ich lächelte.

Und so war nach Deutschland zu kommen eine Offenbarung. Es war ein langer Weg von dort, wo ich vor ein paar Jahren stand, als ich „Sie steckten sie in eine Gaskammer“ schrieb. Ich kann Ihnen heute sagen, dass ich niemals dort ankommen werde, wo Sie sind.

Und schließlich sagten Sie ich sei nicht Gott. Ich bin mir dessen sehr bewusst und behauptete nie es zu sein. Alles, was ich bin, ist eine Person mit einer Stimme und einer Meinung. Sie müssen das nicht mögen und für mich ist das in Ordnung. Aber ich werden Ihnen sagen, wer ich bin…

Ich bin die Enkelin eines Mannes, der Jahrzehnte lang litt; ich bin die Frau  eines Mannes, der seine Eltern sah, wie sie damit kämpften, was ihnen angetan wurde und was sie erlitten. Ich war gerade etwas mehr als zehn Jahre lang eine Schwiegertochter und hörte wie meine Schwiegermutter, zum ersten Mal, über den Holocaust zu sprechen begann, das Leben in den Lagern beschrieb und das Leben, dass sie davor hatten. Ich bin die Mutter von fünf erstaunlichen Israelis, von denen zwei gedient haben, von denen jetzt einer in der Armee Israels dient. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter nach Polen geschickt, um sich dem Albtraum zu stellen in eine Gaskammer zu gehen.

Ich bin Jüdin. Ich habe in den Gaskammern von Maidanek und Auschwitz gestanden; ich habe die Öfen und die Asche gesehen. Ich bin an den Orten gewesen, an denen sie ermordet wurden; ich habe geweint, wo einige immer noch in Massengräbern beerdigt sind.

Ich in Israelin, mir für immer bewusst, dass es unsere Aufgabe ist wachsam zu sein; zu wissen, damit, sollte der Tag kommen, wie er in der Vergangenheit nur allzu oft kam, dass die Juden in Europa werden fliehen müssen, wir hier in Israel stehen, bereit unsere Türen und mehr zu öffnen, bereit unsere Söhne zu schicken. Wir sind in den Jemen und nach Äthiopien geflogen, wir haben Juden aus Russland, dem Iran, dem Irak herausgeschmuggelt… wir werden dasselbe in Frankreich und Deutschland und England tun und sogar in den USA, sollten wir es tun müssen.

Das ist es, was ich bin; das gibt mir das Recht meine Meinung zu haben. Ich wünsche den Deutschen alles Gute. Aber ich habe mit dem Holocaust gelebt und werde mit ihm leben … und folglich werden es auch die Deutschen tun.

Das Ende des Erinnerns an den Holocaust

Jeff Jacoby, The Boston Globe, 1. Mai 2016

Lange bevor der Holocaust seinen Lauf nahm gab es bereits verzweifeltes Drängen ihn nicht vergessen zu lassen. In Verstecken und auf der Flucht, im Schatten der Gaskammern und dem Rauch der Krematorien versuchten Juden verzweifelt Zeugnis von den Ungeheuerlichkeiten der Nazis festzuhalten. Umgeben von Grauen, in Erwartung des eigenen Todes appellierten sie an die Zukunft: Erinnert euch.

In seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises erinnerte sich Elie Wiesel 1986 an den angesehenen Historiker Simon Dubnow, der immer und immer wieder sein Mitbewohner des Ghettos von Riga beschwor: „Yidden schreibt und farschreibt“ – „Juden, schreibt alles auf.“

Viele empfanden ein überwältigendes Bedürfnis die Wahrheit zu bewahren. „Zahllose Opfer wurden zu Chronisten und Historikern in den Ghettos, selbst in den Todeslagern“, sagte Wiesel. „Sie hinterließen außergewöhnliche Dokumente. Zeugnis abzulegen wurde zu einer Obsession. Sie hinterließen uns Gedichte und Briefe, Tagebücher und Fragmente für Romane, von denen einige weltweit Berühmtheit erlangten, andere immer noch unveröffentlicht sind.“ Und als der Krieg aus war und man das wahnsinnige Ausmaß der Endlösung voll begriff – die deutschen und ihre Kollaborateure hatten 6 Millionen Juden aus allen Ecken Europas ausgelöscht und mehr als ein Drittel der jüdischen Weltbevölkerung vernichtet – wurde der moralische Imperativ sich zu erinnern nur noch stärker.

Das Judentum hat mit Erinnerung immer eine intensive Bedeutung beigegeben; in zahlreichen Versen der hebräischen Bibel macht diese sie sogar zu einer ausdrücklichen religiösen Verpflichtung. Es überrascht nicht, dass Israels Parlament dem jüdischen Kalender für jeden Frühling den Yom HaSchoah – oder Holocaust-Gedenktag – hinzugefügt hat. (Er beginnt dieses Jahr Mittwochabend.) Für viele Holocaust-Überlebende und ihre Kinder wurde „Never Forget“ (Niemals vergessen) verständlicherweise fast zum 11. Gebot.

Aber eine Hingabe an Erinnerung ging weit über die Gemeinschaft dieser am stärksten von der industriellen Nazi-Kampagne zur Ausrottung der Juden hinaus. In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Holocaust-Gedenken, besonders im Westen, zu einem weit verbreiteten Kulturphänomen. Zahllose Bücher, Vorträge und Dokumentationen sind dem Thema gewidmet worden. Die akademische Welt ist reichlich mit Programmen für Holocaust-Studien ausgestattet. Auf kleinen wie großen Bildschirmen sind Filme und Miniserien zum Thema Holocaust sind zu überragenden Erfolgen geworden. Online-Quellen zum Lernen über den Holocaust sind fast zu zahlreich, als dass man sie zählen kann. Und Holocaust-Gedenkstätten und -Museen sind in großen und kleinen Städten auf jedem Kontinent außer der Antarktis gebaut worden.

Die Auslöschung des europäischen Judentums durch die Nazis, ein Übel, das so ohnegleichen ist, dass das Wort „Genozid“ zu seiner Beschreibung geprägt werden musste, gehört zu den am vollständigsten erforschten, dokumentierten und mit Gedenkstätten versehenen Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Der mächtige Naziführer Heinrich Himmler, der 1943 den bereits gut in Gang gekommenen Massenmord an den von Juden 1943 als „eine ruhmvolle Seite in unserer Geschichte, die niemals geschrieben werden darf“ bezeichnete, lag falsch. Die Geschichte wurde geschrieben. Die Erinnerung daran wird von einem Ozean an Forschung, Zeugenaussagen, Literatur und Bildung aufrechterhalten. Die letzten lebenden Überlebenden des Holocaust sind heute zumeist in ihren 80-er und 90-er Jahren; in ein paar Jahren wird fast niemand mehr übrig sein, um von den persönlichen Erfahrungen dessen zu erzählen, was es bedeutet in den einzigartigen Horror der Schoah eingehüllt zu sein.

Doch die Überlebenden haben zumindest diese Zusicherung: Was ihnen geschah wird nicht vergessen werden.

Oder etwa doch?

Die Ereignisse des Holocaust haben mich verfolgt, sei ich mich erinnern kann. Mein Vater, der 1925 in einem winzigen Dorf an der Grenzen zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn geboren wurde, ist ein Überlebender von Hitlers Vernichtungsprogramm. Mit seinen Eltern und vier seiner Brüder und Schwestern wurde er von den Nazis im Frühjahr 1944 verhaftet, in einem überfüllten Ghetto eingesperrt und dann nach sechs Wochen in einen Viehwaggon getrieben, um nach Auschwitz abtransportiert zu werden. Von den sieben unmittelbaren Familienangehörigen, die im Todeslager ankamen, wurden sechs ermordet; einzig mein Vater entkam dem Tod.

Für mich ist der Holocaust immer immens persönlich gewesen. Er mag zwar vor eineinhalb Jahrzehnte vor meiner Geburt geendet haben, aber ich haben immer verstanden, dass auch ich zur Vernichtung ausgewählt war. In einer öffentlichen Rede hatte Hitler 1939 gelobt „die Vernichtung der jüdischen Rassen in Europa“ zu verwirklichen. Der Kern der Endlösung besteht darin endgültig zu sein. Keine Juden sollten überleben – vor allem keine jüdischen Kinder, über die 3.000 Jahre jüdischer Existenz fortzusetzen. Das war das Ziel, für das Deutschland eine solche, auf dem ganzen Kontinent durchgeführte Operation aufbaute und solch immense finanzielle Ressourcen einsetzte: Um auch den letzten Juden in Europa ausfindig zu machen und zu ermorden.

Niemals zuvor hatte eine Weltmacht, von Antisemitismus wahnsinnig gemacht, die Ausrottung eines gesamten Volks zu ihrem zentralen Ziel gemacht oder es derart zum Äußerten getrieben es zu erreichen. Das ist es, was den Holocaust so grotesk, entsetzlich einzigartig macht. Die beispiellose Bosheit des Antisemitismus, eines Hasses, der älter und anders ist als jeder andere der Menschheitsgeschichte, ist der Kern, um den es beim Holocaust geht – dies und die Rolle der Juden als der Kanarienvogel im Bergwerk der Zivilisation. Wenn eine Gesellschaft sich mit giftigen moralischen Dämpfen vollstopft, werden Juden zum Ziel von Fanatismus und Terror. Aber es endet selten bei ihnen. Hitler macht sich daran die Juden zu verbrennen; am Ende stand ganz Europa in Flammen.

Die Geschichte ist angefüllt mit furchtbaren Illustrationen der menschlichen Fähigkeit zu Grausamkeit, Hass und Gewalt; in jedem Zeitalter hat es skrupellose Tyrannen gegeben, die bereit waren zum Erhalt von Macht und Wohlstand zu foltern und zu töten. Dass unkontrollierte Intoleranz und Rassismus zu barbarischen Verbrechen führen können, ist eine unverzichtbare Lektion. Aber wenn „Nie wieder“ mehr als das ist, dann muss die Holocaust-Erinnerung als Fehlschlag gewertet werden.

Es war immer unausweichlich, dass die Ungeheuerlichkeit im öffentlichen Bewusstsein schwinden würde. Der menschliche Verstand ist zum Vergessen gemacht; weder Einzelne noch Gesellschaften können verhindern, dass das Ausmaß der quälenden Erinnerungen im Lauf der Zeit abnimmt. IN seinem neuen Buch In Praise of Forgetting denkt David Rieff über König Philips Krieg nach, einen mörderischen Konflikt zwischen englischen Siedlern und Indianern im Neuengland des 17. Jahrhunderts. Auf einer Pro-Kopf-Basis war es der blutigste Krieg der amerikanischen Geschichte und diejenigen, die das Gemetzel überlebten, müssen leidenschaftlich überzeugt gewesen sein, dass es niemals vergessen werden wird.

„Und doch“, schreibt Rieff, „redet abgesehen von professionellen Historikern der Krieg von König Philip fast niemand mehr darüber… Die historische Bedeutung eines Ereignisses in seiner eigenen Zeit und in den Jahrzehnten danach bietet keine Garantie, dass man sich im nächsten Jahrhundert noch daran erinnern wird, ganz zu schweigen von den vielen danach.“

Früher oder später – ich fürchte: früher als später – wird dem Holocaust dasselbe Schicksal zuteil werden.

Wie andere furchtbare Ausbrüche an Grausamkeit und Gemetzel wird der Holocaust gewissermaßen „gewöhnliche“ Geschichte werden. Inzwischen gibt es reichlich Belege, dass das, was Europas Juden während des Zweiten Weltkriegs widerfuhr, aus dem Allgemeinwissen verschwindet. 2013 stellte eine Umfrage bei 53.000 Befragten in 101 Ländern fest, dass lediglich 54 Prozent der Erwachsenen der Welt vom Holocaust überhaupt gehört hatten – und von diesen glaubt ein Drittel, dass er entweder ein Mythos ist oder enorm übertrieben worden ist.

So entmutigend diese Zahlen auch sind, sie werden sich zwangsläufig verschlechtern. Da die Generation der Holocaust-Überlebenden stirbt, da Holocaust-Leugner ihr Gift verbreiten, da Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte ihren unvermeidlichen Tribut fordert, wird die Erinnerung an den Völkermord der Nazis an den Juden sich verflüchtigen.

Mehr und mehr werden die Holocaustterminologie und seine Bilder banalisiert werden. Tatsächlich sind die Worte und Bilder seit Jahren furchtbar missbraucht worden. In ihrer Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ hat die Tierschutzorganisation PETA Hitlers Millionen menschliche Opfer mit Hühnern gleich gesetzt, die als Lebensmittel geschlachtet werden. In Taiwan wurden riesige Hitler-Bilder mit zum Nazigruß erhobenen Arm genutzt, um für Heizgeräte zu werben. In einer Fernsehsendung bestand der evangelikale Prediger Pat Robertson darauf, dass „was Nazideutschland den Juden antat, hat tut das liberale Amerika heute den evangelikalen Christen an … Das ist nichts anderes, das ist dasselbe.“

Holocaust-Erinnerung hat das Einsetzen der Holocaust-Amnesie nicht verhindert.

Während ein paar Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg machte seine schiere Monstrosität den Holocausts als Thema für Witze es undenkbar. Aber auch das ist über Bord gegangen, zusammen mit dem kurzfristigen Nachkriegs-Tabu, das widerlichen Antisemitismus aus der höflichen Gesellschaft verbannte. Heute wuchern Holocaust-Witze. „Geschmacklos und in üblem Geist sind einige davon Teil des Repertoires populärer Stand-up-Comedians geworden“, schreibt Alvin Rosenfeld, ein Forscher an der Indiana University. „Indem man jüdisches Leiden bespöttelt und verhöhnt versuchen Komiker wie Frankreichs Dieudonné, Norwegens Otto Jespersen, Irlands Tommy Tiernan und ihre Pendants in anderen Ländern Hitlers jüdische Opfer mit einem Lachen abzutun, indem sie sie über sie lustig machen.“

Das Gewissen der Welt war – hinterher – schockiert vom Ausmaß und der Grausamkeit des Holocaust. Angesichts solch monumental Bösenkönnte „Niemals vergessen“, wie „Nie wieder“ die einzig mögliche anständige Antwort gewesen sein. „Nach dem Krieg“, sagte Elie Wiesel, „beruhigten wir uns selbst damit, dass es ausreichen würde von einer einzigen Nacht in Treblinka zu erzählen … um die Menschheit aus ihrer Gleichgültigkeit zu rütteln und die Folterer davon abzuhalten jemals wieder zu foltern.“

Aber das reichte nicht. Berichte von dem, was in Treblinka getan wurde, verhinderte den Massenmord in Kamboscha oder Bosnien oder Ruanda nicht. Holocaust-Erinnerung hat die Menschen nicht gegen brutale Behandlung anderer Menschen geimpft. Museen und Filme und College-Kurse über die Schoah haben Völkermord nicht undenkbar gemacht – nicht einmal einen weiteren an Juden, wie die Regime im Iran und dem Gazastreifen regelmäßig deutlich machen.

Holocaust-Erinnerung hat Ausbruch der Holocaust-Vergesslichkeit nicht verhindert.

Für Überlebende wie meinen Vater und für die von ihnen aufgezogenen Söhne und Töchter ist es selbstverständlich, dass „Niemals vergessen“ ein unauslöschbarer moralischer Imperativ bleibt. Ich habe den Holocaust immer persönlich genommen und werde es immer tun. Aber die Welt, das weiß ich, wird es nicht tun. Irgendwann wird alles vergessen. Selbst die schlimmsten Verbrechen der Geschichte.

Der Holocaust im öffentlichen Bereich

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Wenn Zeit vergeht erhalten historische Ereignisse gewöhnlich immer weniger Aufmerksamkeit. Doch in den letzten Jahren scheinen der Holocaust, sein Missbrauch und Themen des Zweiten Weltkriegs zunehmende Bekanntheit im öffentlichen Diskurs zu gewinnen. Bis vor einigen Jahren war es immer noch möglich die öffentliche Erwähnung des Holocaust und damit in Zusammenhang stehende Themen in einem jährlichen Überblick zusammenzufassen. Das ist nicht länger der Fall. Heute ist alles, was man tun kann, mehrere Ereignisse aus den letzten ein bis zwei Jahren hervorzuheben, die aus einer Vielzahl herausstechen. Dieses Wiederaufleben von Bezügen zum Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg leitet sich höchst wahrscheinlich aus der rasch zunehmenden Unruhe überall in der Welt ab.

Themen des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs sind einige Male in den Wahlkampfkampagnen der anstehenden amerikanischen Präsidentenwahl aufgekommen. Zu den Beispielen gehört der republikanische Kandidat Mike Huckabee, der US-Präsident Barack Obama vorwarf er lasse Israel in die Öfen marschieren.[1] In der Debatte zur Waffenkontrolle behauptete ein weiterer republikanischer Kandidat, Ben Carson, dass das jüdische Volk den Holocaust hätte aufhalten können wenn es Waffen gehabt hätte.[2] Diese Äußerung instrumentalisiert fälschlich Juden und den Holocaust in einer innenpolitischen amerikanischen Debatte. Stark bewaffnete westliche Regierungen konnten die Deutschen bei ihren frühen Eroberungen nicht aufhalten, um wie viel weniger wäre das den verstreuten und entrechteten Juden möglich gewesen?

Der jüdische leitende Newsweek-Autor Alex Nazaryan twitterte: „Ted Cruz hat eine starke Basis in Iowa“ und hängte ein Foto von Menschen aus der Nazizeit an, die mit dem Hakenkreuz geschmückte Flaggen trugen. Hinterher entschuldigte er sich halbherzig – aber nicht bei Cruz: „Ich habe meinen Tweet gelöscht, der Cruz einen Nazis nannte. Seinen anständigen Anhängern gegenüber nicht fair, so sehr ich den Mann selbst nicht mag.“[3]

In einer amerikanischen Moschee kritisierte der demokratische Kandidat Bernie Sanders Trumps Aufruf Muslimen die Einreise in die USA zu verbieten; er erklärte: „Wir dürfen nie vergessen, was unter der rassistischen Ideologie der Nazis geschah, die zum Tod von Abermillionen Menschen führte, darunter viele Mitglieder meiner Familie.“[4] Da Trump nicht zur Vernichtung von Muslimen aufrief, wurde Sanders‘ Äußerung eine von vielen, die – führt man ihn in solchen Zusammenhängen an – verzerrte, was im Holocaust tatsächlich geschah.

Der autokratische türkische Präsident Erdoğan, ein antiisraelischer Aufwiegler, ist bekannt sowohl für positive Verweise auf Hitlers Staatsführung als auch dafür, sich selbst mit Hitler zu vergleichen. Er bezeichnete Hitlers Regime als ein Beispiel effektiver Regierungsarbeit.[5] Vor mehreren Jahren verglich der damalige Außenminister Avigdor Lieberman Erdoğan mit Goebbels.[6]

Der massive Flüchtlingszustrom aus dem Nahen Osten nach Europa hat ebenfalls dafür gesorgt, dass Themen angeführt werden, die mit dem Holocaust in Verbindung stehen. Lutz Bachmann, Gründer und ehemaliges Mitglied der deutschen antiislamischen Pegida-Bewegung, wurde mit Hitler verglichen.[7] Bachmann selbst verglich den deutschen Bundesjustizminister Heiko Maas mit Goebbels.[8] Auf einer Pegida-Demonstration in Dresen gaben einige Teilnehmer Holocaustleugnung Ausdruck.[9]

Selbst der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis hat sich an der Verdrehung des Holocaust beteiligt. Er und mehrere andere orthodoxe Rabbiner besuchten ein Flüchtlingslager in Griechenland. Mirvis sagte, „in ein Zelt gebracht, in dem Menschen ausruhen, habe ich an Bunker in Auschwitz gedacht, wo es ein sehr anderes Ende gab…“[10]

In Österreich verglich ein im Iran geborener Discjockey die Hetze gegen Minderheiten durch den rechten Parteichef Heinz Strache mit der Hitlers. Strache zog dagegen vor Gericht, verlor das Verfahren aber.[11]

Vom Holocaust gefärbtes Verfluchen von Juden geht weiter. In Spanien schrieb die jüdische Künstlerin Margarita Gokun Silver, dass eine Klassenkameradin ihrer Tochter, dem einzigen jüdischen Kind unter 1.300 Schülern, gesagt hatte, sie solle „in die Gaskammer gehen“. Gokun Silver fügte hinzu: „Meine Tochter erzählt mir, dass in der WhatsApp-Gruppe ihrer Klasse Schüler regelmäßig ‚Heil Hitler‘ als Gruß benutzen. Sie sagt, dass sie – über ihre Religion und Gemeinschaften – gelehrt worden sind, Juden seien und würden immer verdammt sein.“[12]

Es wird sich noch immer für Verbrechen der Zeit des Holocaust entschuldigt. 2015 entschuldigten sich sowohl Luxembourg[13] als auch Monaco[14] für ihr Verhalten gegenüber den Juden. Die Niederlande bleiben das einzige westeuropäische Land, das es ablehnt sich ehrlich mit dem Nichtinteresse ihrer Regierung für das Schicksal der Juden und der Kollaboration seiner Bürokratie mit den deutschen Besatzern während des Krieges zu beschäftigen. Anfang 2015 bog der niederländische Premier Mark Rutte einmal mehr parlamentarische Fragen ab, die ihn um eine solche Entschuldigung ersuchen.[15]

Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende werden weiterhin Holocaust-Mahnmale gebaut oder eingeweiht, zum Beispiel in den niederländischen Städten Baarn,[16] Utrecht[17], Heemstede[18] und Den Haag.[19] Das Mahnmal in der Stadt Geffen gedachte jedoch neben ermordeten jüdischen Bürgern eines örtlichen niederländischen Soldaten, der als Freiwilliger in der deutschen Armee diente und im Krieg getötet wurde. Das führte zu Protesten.[20]

In Boston[21] und anderen Städten in verschiedenen Ländern wurden Holocaust-Mahnmale geschändet. Griechenland hat eine lange Liste an Schändungen von Holocaust-Erinnerungsmalen. Das Mahnmal für ermordete jüdische Kinder in Athen wurde 2015 zweimal geschändet.[22] In der griechischen Stadt Kavala wurde nach viel Diskussion ein Holocaust-Gedenkmal eingeweiht.[23] Es wurde zwei Wochen später mutwillig beschädigt.[24] In der ukrainischen Hauptstadt Kiew wurde das Mahnmal für die vielen in Babi Jar Ermordeten letztes Jahr wieder mehrfach beschädigt.[25]

Die Anne-Frank-Stiftung im schweizerischen Basel beauftragte ein niederländisches Autorenpaar, Jessica Durlacher und Leon de Winter, ein neues Theaterstück auf der Grundlage von Annes Tagebuch zu schreiben.[26] Dafür wurde ein besonderes Theater gebaut. Das Stück hatte in Amsterdam Premiere und wird auch in anderen Ländern gezeigt werden.

Die Rechte an „Mein Kampf“ verjährten. Jetzt wurde eine kommentierte Ausgabe veröffentlicht.[27] Im Verlauf letzten der Jahre sind Übersetzungen in vielen Sprachen zu erhalten gewesen. Ausgaben werden seit Jahrzehnten in vielen Ländern, hauptsächlich in muslimischen Staaten verkauft. Bereits vor Jahren ist die türkische Übersetzung von Mein Kampf im Land ein Bestseller geworden.[28]

Diese Ausgaben sind nur wenige unter vielen. Man erlebt gelegentlich, dass Muslime andere Muslime als Nazis bezeichnen.[29] Die Trivialisierung des Holocaust erscheint in vielen Ländern in unterschiedlicher Form.[30] Gleichzeitig bringt Holocaust-Forschung viele neue Informationen ans Tageslicht.[31] Unter diesen Umständen werden mit dem Holocaust in Verbindung stehende Themen in den kommenden Jahren in der Öffentlichkeit weiter rapide zunehmen.

[1] http://edition.cnn.com/2015/07/26/politics/huckabee-obama-israel-oven-door/

[2] http://www.theguardian.com/us-news/2015/oct/09/ben-carson-claims-jewish-people-might-have-stopped-holocaust-if-they-had-guns

[3] https://www.washingtonpost.com/news/the-fix/wp/2016/01/07/no-that-newsweek-writers-tweet-about-ted-cruz-and-nazis-doesnt-prove-media-bias/

[4] http://www.haaretz.com/jewish/news/1.692361

[5] http://www.theguardian.com/world/2016/jan/01/turkish-president-recep-tayyip-erdogan-hitlers-germany-example-effective-government

[6] http://www.haaretz.com/israel-news/1.542806

[7] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/lutz-bachmann-pegida-gruender-spielt-hitler-13382531.html

[8] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-11/pegida-dresden-lutz-bachmann-vergleich-maas-goebbels

[9] http://www.bild.de/regional/dresden/pegida/hass-attacken-gegen-mahnwache-43333848.bild.html

[10] http://www.thejc.com/lifestyle/lifestyle-features/149519/the-refugee-camp-has-made-me-think-auschwitz%E2%80%99

[11] http://derstandard.at/2000021504601/Strache-verliert-Prozess-um-Hitler-Vergleich

[12] Lesen Sie dazu mehr auf http://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.683675

[13] http://www.haaretz.com/jewish/news/1.660752

[14] http://www.jpost.com/Diaspora/Monaco-apologizes-for-deporting-Jews-during-Holocaust-413490

[15] Artikel MG und Cooper

[16] http://www.joodsmonumentbaarn.nl/

[17] http://joodsmonumentutrecht.nl/verhaal-143/

[18] http://www.joodsmonumenthaarlem.nl/nieuws/onthulling-joods-monument-heemstede

[19] http://www.joodserfgoeddenhaag.nl/nieuw-joods-herdenkingsmonument-in-den-haag/

[20] http://www.refdag.nl/nieuws/binnenland/ophef_over_duitse_naam_op_oorlogsmonument_geffen_1_904142

[21] http://www.haaretz.com/world-news/1.658203

[22] http://www.jpost.com/Diaspora/Athens-Holocaust-memorial-desecrated-for-second-time-this-year-380553

[23] http://www.algemeiner.com/2015/06/11/greece-outraged-over-desecration-of-athens-holocaust-memorial-for-children/

[24] http://www.haaretz.com/jewish/news/1.662552

[25] http://www.jpost.com/Diaspora/Babi-Yar-Holocaust-site-vandalized-for-sixth-time-this-year-416306

[26] http://www.theatersinnederland.nl/toneelvoorstelling-anne/

[27] http://www.spiegel.de/international/germany/new-annotated-mein-kampf-offers-insight-into-hitler-a-1072032.html

[28] http://jcpa.org/article/present-day-anti-semitism-in-turkey/

[29] http://www.jihadwatch.org/2014/08/turkish-poet-islam-is-worse-than-nazism

[30] http://www.wsj.com/articles/holocaust-victims-mocked-in-ohio-state-band-parody-songbook-1438263839

[31] http://www.spiegel.de/politik/ausland/naziverbrechen-in-griechenland-durch-dokumente-aus-us-archiven-belegt-a-1058584.html

Buch setzt Holocaust mit palästinensischer Nakba gleich – entfacht Empörung

Ein neues Buch, das offiziell in zwei Wochen vorgestellt wird, hat bereits zu Kontroversen geführt, weil es das Leiden der Juden mit der arabischen Niederlage im Unabhängigkeitskrieg gleichsetzt. • Interessenvertretung sagt, das Buch ist ein Affront für die Holocaustüberlebenden in Israel und im Ausland.

Yael Branovsky, Israel HaYom, 25. August 2015

Holocaust-Nakba-Buch

Ein neues Buch, das Parallelen zwischen dem Holocaust und der palästinensischen Nakba (der arabische Begriff für die Heimatlosigkeit der palästinensischen Flüchtlinge durch Israels Unabhängigkeit) zieht, hat rund zwei Wochen vor der öffentlichen Vorstellung des Buches durch den Gastgeber Van Leer Jerusalem Institute einen massiven Tumult verursacht.

Im Tirtzu, das den eigenen Auftrag als „Stärkung und Verbesserung der Werte des Zionismus in Israel“ beschreibt, hat dem Van Leer Jerusalem Institute einen Brief geschrieben, in dem gefordert wird, dass die Veranstaltung abgesagt wird, der zu Ehren der Autoren des Buches abgehalten werden soll und den Titel „Der Holocaust und die Nakba: Erinnerung, nationale Identität und jüdisch-arabische Partnerschaft“ trägt.

Das Buch ist eine Gemeinschaftsarbeit zwischen dem Institut und der Hakibbutz Hameuchad-Sifriat Poalim Publishing Group.

In dem Brief informiert Im Tirtzu den Direktor des Instituts, Professor Gabriel Motzkin, dass „wir von dieser grotesken Gleichsetzung zwischen dem Holocaust und dem europäischen Judentum – als Millionen Juden verbrannt, erschossen und lebendig begraben wurden, obwohl sie nichts Falsches getan hatten – und der kolossalen Niederlage der Feinde Israelis im Unabhängigkeitskrieg, die im Arabischen Nakba genannt wird, höchst beunruhigt sind“, schrieben sie.

Der Brief nannte die Veranstaltung zudem „einen Affront für die Holocaust-Überlebenden, die in Israel und im Ausland leben, indem ihre Notlage missachtet wird, indem unsere kollektive Intelligenz beleidigt wird und indem der menschlichen Ethik Schande gebracht wird.“ Es wird vermerkt, dass „der niederschmetternde Schlag, der den Araber während des Unabhängigkeitskriegs versetzt wurde, das Ergebnis eines von den arabischen Armeen begonnenen Krieges war, die es ablehnten das Recht des jüdischen Volks in ihrer Heimat zu leben anzuerkennen.

Der Holocaust wurde wegen eines ungetrübten Hasses auf Juden und durch die systematische Ausrottung Millionen unschuldiger Menschen begangen. Das ist der Grund, weshalb wir fordern, dass die Veranstaltung, die ein solches Buch ehrt, das unlogische und abscheuliche Vergleiche zieht, sofort abgesagt wird“, schlossen sie.

Motzkin tat die Kritik geradeheraus ab. Im Gespräch mit Israel HaYom sagte er: „Wir setzen den Holocaust nicht mit der Nakba gleich; wir ziehen lediglich Parallelen zwischen der Weise, wie beider ein Denkmal gesetzt wird – das ist nicht dasselbe“, sagte er und betonte: „Es kam uns nie in den Sinn, auch war es nie unser Interesse, die Botschaft zu vermitteln, dass die beiden Ereignisse vergleichbar sind.“

Er ging dann dazu über die Gründe hinter dem Buch zu erklären: „Erinnerung ist von Haus aus anders als die tatsächlichen Ereignisse, denn nicht jeder erinnert sich auf genau die gleiche Weise an die Ereignisse, wie sie sich entwickelten“, sagte er. „Wir betreiben eine Ausstellung über den Holocaust und wir halten jährliche Feiern zu Ehren des Holocaust-Gedenktags; wir haben nicht das Verlangen die Bedeutung des Holocaust zu verharmlosen. Unser Buch enthält eine Vielfalt an Meinungen, von denen einige den Palästinensern gegenüber höchst kritisch sind. Es gibt keine politischen Motive hinter dieser Veröffentlichung; es ist lediglich ein Versuch die Gemütsverfassung und die Mentalität beider Seiten zu verstehen.“

Das Van Leer Jerusalem Institute veröffentlichte ein offizielles Programm für die Veranstaltung, das das Buch und seine Botschaft ausführlich darlegt. „Das Buch lädt die Leser ein über Möglichkeiten nachzudenken den Holocaust und die Nakba zusammen nachzudenken und sie zu diskutieren und die Möglichkeit eines solchen verbundenen Gedankens zu untersuchen – nicht weil die Ereignisse identisch oder auch ähnlich sind, sondern weil sie beide traumatisch und identitätsstiftend waren“, heißt es in dem Programm.

„Die Nakba und der Holocaust formten die Schicksale der beiden Völker und Identitäten, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise“, heißt es darin weiter.

Nach Angaben des Instituts umfasst das Buch „Artikel und Aufsätze von jüdischen und palästinensischen Forschern, Autoren und Denkern, die sich um die Auseinandersetzung mit dem Thema bemühen. Die Beiträge sind nicht monolithisch: Einige befürworten den gemeinsamen Ansatz zu den beiden Ereignissen und sehen darin ein Tor zu Versöhnung und Frieden; andere lehnen eine solche Möglichkeit kurzerhand ab. Das Ergebnis ist ein urtypisches und einzigartiges Mosaik an Positionen, die eine Herausforderung für das konventionelle Denken über die traumatischen Erinnerungen beider Völker darstellt.“

Im Tirtzu schickte dann einen Brief an den Direktor der Hakibbutz Hameuchad-Sifriat Poalim Publishing Group, General Uzi Shavit; darin baten sie ihn zu verhindern, dass die Veranstaltung stattfindet. „Es übersteigt das Vorstellungsvermögen zu glauben, dass Sie als Leiter der Verlagsgruppe, die auf ihrer Internetseite stolz verkündet, dass es das Verlagshaus des Kibbutz Artzi Federation and Hashomer Hatzair war, die zustimmte bei der Veröffentlichung eines Buche szu helfen, das den Verlust der Araber im Unabhängigkeitskrieg auf einer Stufe mit den horrenden Ereignissen des Holocaust stellt“, heißt es in dem Brief; es wird zudem erwähnt, dass einige jüdische Helden aus der Zeit des Holocaust Hashomer Hatzair nahe standen: „Nur falls Sie es vergessen haben: Das war die Bewegung von Mordechai ANielewicz, Zivia Lubetkin, Abba Kovner und anderer; die Schande dieser Veranstaltung wird noch viele Generationen lang in Schande leben.“

Die Hakibbutz Hameuchad-Sifriat Poalim Publishing Group lehnte eine Kommentar zum Brief ab.

UNESCO-Studie bestätigt: arabische Staaten – und viele andere – lehren den Holocaust nicht

Elder of Ziyon, 2. Februar 2015

Die UNESCO veröffentlichte gerade einen Bericht darüber, wie Schulbücher den Holcaust in Ländern überall in der Welt lehren – oder nicht lehren.

Die zusammenfassende Weltkarte zeigt den Grad der Holocaust-Bildung in jedem Land und ist hier zu finden:

Zu den Bereichen, die den Holocaust nicht einmal implizit erwähnen (hellbeige), gehören Angola, Antigua & Barbuda, Aserbaidschan, Bahamas, Bahrain, Benin, Bolivien, Brueni, Kamerun, Dominica, Ägypten, Fiji, Ghana, Guyana, Island, Mikronesien, Irak, Jamaica, Kosovo, Libanon, Nepal, Neuseeland, „Palästina“, Papua-Neuguinea, Samoa, Seychellen, Thailand und Sambia.

Zu den Staaten, in denen der Zweite Weltkrieg oder der Nationalsozialismus angeführt werden, ohne dass der Holocaust erwähnt wird (hellorange), gehören: Algerien, Bhutan, Bosnien-Herzegowina, Botswana, Burkina Faso, China, Cook-Inseln, Costa Rica, Elfenbeinküste, Zypern, Demokratische Republik Congo, Dominikanische Republik, El Salvador, Gambia, Georgien, Honduras, Indien, Indonesien, Japan, Kenia, Lesotho, Malaysia, Mauritius, Marokko, Mozambique, Nicaragua, Niger, Norwegen, Pakistan, Paraguay, Peru, Republik Korea, Ruanda, Schottland, Senegal, Sri Lanka, Surinam, Schweiz (Kantone Jura und Lausanne), Tunesien, Uganda, Ukraine, Vereinigte Arabische Emirate, Tansania, Uruguay, Jemen, Zimbabwe.

Viele muslimische Staaten, die vermutlich den Holocaust nicht lehren, stellten für diese Studie keine Schulbücher zur Verfügung (weiß), darunter Afghanistan, Bangladesch, Iran, Jordanien, Kuwait, Oman, Qatar, Saudi-Arabien, der Südsudan, Sudan, Syrien und viele weitere.

Interessanterweise ist der US-Bundesstaat Maryland der einzige, der genannt wurde, weil er den Holocaust nicht als eigenes Thema lehrt, sondern nur als Teil eines allgemeineren Menschenrechts-Curriculums.

Foto der Woche: Die Schuhe von Auschwitz

Gestern (Montag, 26.01.2015) fand in Berlin eine Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz statt, organisiert und durchgeführt vom Internationalen Auschwitz Komitee. Für mich persönlich war diese Feier weit eindrucksvoller und berührender als die heutige hochoffizielle in Auschwitz.

Dort sprach Sarah Nonnenmacher (im Video ab Minute 55:45), eine Auszubildende des VW-Konzerns. Sie hat seit ihrem Einsatz in Auschwitz vor allem ein Bild im Kopf, beschrieb sie: die Schuhe. Sie beschrieb, wie sie die Schuhe sah, in der Hand hielt und was sie dabei dachte und empfand, wie sie sie bewegten: die Schuhe der Opfer. Sie wird sie nie vergessen.

Mir ging ihre Ansprache nahe. Sie hatte etwas Handfestes gefunden, das für sie Auschwitz und das, wofür dieser Ort steht, repräsentiert. Danke, Sarah, das waren eindrückliche Worte.

Shoah_Die-Schuhe-von-Auschwitz