Der Holocaust fand auch außerhalb Europas statt

Georgia Gilholy, The Times of Israel blogs, 7. April 2021

Während der sechsmonatigen Nazi-Besatzung ab November 1942 wurden tunesische Juden für Zwangsarbeit verpflichtet (Foto: Yad Vashem)

Einmal im Jahr ertönt in Israel eine durchdringende Sirene. Auf jeder Straße, an jeder Straßenecke des Landes, wird das Leben vorübergehend angehalten. Die Menschen halten mitten im Gehen, Fahren oder der Arbeit an, um in Stille zu stehen und aus Anlass des nationalen Gedenktags in Israel des Leids des Holocaust zu gedenken.

Der Tag wurde erstmals 1951 begangen; er wird umgangssprachlich „Yom HaSchoah“ genannt und fällt jedes Jahr auf den 27. Nisan des hebräischen Kalenders – außer der 27. fällt auf einen Sabbat. Dieses Jahr war das der 8. April. Während der internationale Holocaust-Gedenktag aus offensichtlichen Gründen das weltweite Holocaust-Gedenken dominiert, ist der Yom HaSchoah ein Schlüsseltag der Besinnung und Trauer für Juden in Israel und überall auf der Welt.

Für viele von uns beschwört das Wort Holocaust sofort Visionen von Stacheldrahtzäunen und Gaskammern aus Beton herauf, die Europa aufgezwungen wurden; oder die beengten Ghettos, in denen Juden auf die Deportation und oft den Tod warteten – beides Kulissen für Hollywood-Blockbuster wie Schindlers Liste und Der Pianist. Das macht Sinn. Immerhin wurden bei dem Nazi-Völkermord rund sechs Millionen Juden ermordet und deutlich mehr als 98 Prozent waren in Europa geboren. An was wir uns als cineastische Schnappschüsse erinnern, war für sie grauenvolle Wirklichkeit. Aber die Schrecken des Holocaust ereigneten sich auch außerhalb Europas, warum also versäumen wir es landläufig das anzuerkennen?

Natürlich war der Holocaust in erster Linie ein europäisches Phänomen. Seine Ideologie, auch wenn sie teilweise in uraltem und religiösem Antisemitismus wurzelte, war eine komplett moderne. Seine Philosophie entstand aus Konzepten radikalisierter Überlegenheit und Unterlegenheit der Aufklärung und der Postaufklärung, moralischem Relativismus und Unterwerfung unter einen totalitären Staat. Ideen sind jedoch nicht immer dazu bestimmt nur dort erfolgreich zu sein, wo sie entstanden. Der Nazi-Antisemitismus hat seinen Weg in die mehrheitlich muslimischen Regionen des Nahen Ostens und Nordafrikas gefunden, wo die antizionistische und antisemitische Rhetorik verstärkt wurde, die von arabisch-nationalistischen Parteien in Syrien und dem Irak bereits zusammen mit Ägyptens Muslimbruderschaft losgetreten worden war. Allerdings kamen nicht nur freischwebende Philosophien des Hasses auf und schlugen außerhalb Europas Wurzeln, sondern auch begleitende gesetzliche Diskriminierung und physische Gewalt.

Im Juni 1940 hatte Frankreichs Premierminister vor den Nazis kapituliert und eine deutsche Besatzungszone in Nord- und Westfrankreich gegründet; Südfrankreich fiel unter die Herrschaft einer neuen Regierung mit Sitz in Vichy, die direkt mit den Nazis kollaborierte. Vichy-Nordafrika wurde dann während des gesamten Zweiten Weltkriegs zu einer Brutstätte der gemeinsamen Kräfte des französischen Kolonialismus und des Nazi-Faschismus.

Anfang 1941 überstellten die Vichy-Behörden hunderte Flüchtlinge aller Geschlechter und Alters in Arbeitslager und Haftlager in der Sahara. Viele dieser Gefangenen waren Juden aus dem Ausland, auch wenn sie nicht allgemein deswegen verhaftet wurden. In Algerien wurden etwa 2.000 bis 3.000 Juden mit allerlei politischen Gefangenen in Lagern interniert.

Bis zur zweiten Hälfte des Jahres 1941 wurden alle Juden mit ausländischer Staatsbürgerschaft im von Italien besetzten Libyen deportiert, zumeist in italienische Arbeitslager. Viele wurden dann zu Vernichtungslagern in Deutschland und Osteuropa geschafft. 1942 befahl Mussolini, dass die Juden der Cyrenaika aus dem libyschen Kriegsgebiet entfernt werden sollten. Die meisten der aufgrund dieses Befehls deportierten 2.600 Juden wurden in Lager in Giado, Buqbuq und Sidi Azaz deportiert. Die Insassen wurden in allen Lagern Zwangsarbeit unterworfen, wobei die Verhältnisse in Giado sich als besonders schlimm erwiesen. Teile der Jahre 1942 und 1943 stand Tunesien unter direkter Herrschaft der Nazis und 5.000 tunesische jüdische Männer wurden in fast 40 Internierungslager und Zwangsarbeits-Einrichtungen eingezogen.

Es ist fast sicher, dass ein ähnliches Niveau der Vernichtung zu der in Europa erlebten über Nordafrika gefegt wäre, wären die Alliierten nicht schließlich erfolgreich vorgestoßen. Darüber hinaus beweist die gewalttätige Enteignung und Deportation der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der muslimischen Welt ab 1948, dass ein bestehendes Nazi-Reich gar nicht nötig war, um das Vermächtnis seiner führenden Ideologie fortzusetzen: gewalttätigen Antisemitismus. Aber warum werden diese Fakten oft unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt? Im Fall der arabischen und muslimischen Welt gibt es nicht nur einen Aussetzer in der Erinnerung, sondern eine bewusste Anstrengung die Rolle der nichteuropäischen Handelnden im Holocaust zu verschleiern.

Die Journalistin Lyn Julius – selbst irakisch-jüdischer Herkunft – hob 2015 in einem Artikel über das Thema hervor: „Der Mythos der Araber als unschuldige Zuschauer, die keine Verantwortung für den Holocaust trugen – und eigentlich sogar den Preis für ein europäisches Verbrechen zahlten, als Israel gegründet wurde – wird weithin geglaubt.“ In der Tat haben Werke wie „Die Araber und der Holocaust“ von Professor Gilbert Achcar alles getan, um die Komplizenschaft führender Muslime wie Fawzi al-Qawuqji, Raschid Ali al-Kelani, Abu Ibrahim al-Kabir, Hassan Salama und Arif Abd al-Raziq sowie Verwaltungen mit dem Dritten Reich reinzuwaschen.

Das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Der Großmufti von Jerusalem, Haddsch Amin al-Husseini zum Beispiel, spielte eine zentrale Rolle bei der Planung des nazifreundlichen Putschs im Irak. Er organisierte das Töten von 12.600 bosnischen Juden durch auf seine Initiative in die bosnische Waffen-SS-Division rekrutierte Muslime. Er verhinderte auch, dass 4.500 jüdische Flüchtlinge Europa verließen und ließ sie nach Auschwitz schicken und vergasen; verhinderte, dass weitere 2.000 Juden Rumänien und 1.000 Ungarn in Richtung Palästina verließen, Auch sie wurden in die Todeslager geschickt.

Außerdem ist zwar klar, dass die direkte Besatzung durch deutsche, französische und italienische Streitkräfte eine große Rolle in den Gräueln an den Juden Nordafrikas spielten, diese aber nicht für die weitreichenden Kollaborationsanstrengungen zwischen muslimischen Führern und den Nazis gegen ihre angeblichen „gemeinsamen Feinde“ Kommunismus, Zionismus und den Westen verantwortlich ist. Es erklärt auch weder die Nürnberg würdigen Gesetze, die nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus verhängt wurden, noch die Tatsache, dass Mein Kampf immer noch ein langjähriger Bestseller in der Türkei, Bangladesch und Afghanistan ist. Ganz zu schweigen davon, dass der nazifreundliche Putsch im Irak 1941 volle neun Jahre nach dessen Unabhängigkeit von britischer Verwaltung erfolgte. Dieser Putsch gipfelte 1942 im Pogrom Farhud (buchstäblich gewaltsame Enteignung), bei dem hunderte irakischer Juden ermordet, verprügelt und sexuell angegriffen wurdeb, tausende Kilometer entfernt vom Schauplatz von Nazibesatzung und Krieg – eine Tragödie, für die das Bewusstsein zu wecken der israelische Aktivist Hen Mazzig unermüdlich arbeitet, aber eine, die während der mehr als zwei Jahrzehnte, die ich im britischen Bildungssystem verbrachte, nie erwähnt wurde.

Mit der fehlenden Anerkennung der Gemeinden außerhalb Europas und der Komplizenschaft nichtwestlicher Akteure beim Holocaust versäumen wir es voll zu verstehen, was einer der verheerendsten und prägendsten Momente des zwanzigsten Jahrhunderts war, dessen Auswirkungen für die jüdische und die nichtjüdische Welt bis heute anhalten. Obwohl Kooperation als Folge von Initiativen wie den Abraham-Vereinbarungen zuzunehmen scheint, ist die Oberhand von Antisemitismus an der Basis überall in der muslimischen Welt wohl die größte Hürde für friedliche Koexistenz zwischen Israel und seinen Nachbarn. Wir können die Gegenwart nicht vernünftig angehen, ohne die Vergangenheit anzuerkennen, so unbequem diese auch sein mag. Um die Beziehungen zwischen Israel und Elementen seiner muslimischen Nachbarn ehrlich zu beurteilen, müssen wir das komplette Bild der Geschichte akzeptieren und die immerwährende Falschmeldung von Israel und den Juden als von Natur aus kolonialen Unterdrückern und der arabischen Welt als völlig unschuldigen Opfern europäischer Einmischung aufgeben.

Holocaust-Abfindungsansprüche gegen nationale Eisenbahnen

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Holocaust-Entschädigung nach dem Zweiten Weltkrieg hat nicht nur zu sehr unvollständigen Abfindungen für jüdischen Vorkriegsbesitz geführt. Der amerikanische Finanzexperter Sidney Zabludoff hat geschätzt, dass weniger als 20% des Gestohlenen zurückerstattet wurde. Weit über einhundert Milliarden Dollar in aktuellem Wert wurden den jüdischen Eigentümern oder ihre Erben nicht zurückgegeben.[1]

Am Ende des letzten Jahrhunderts fand in einer Reihe von Ländern, darunter der Schweiz, den Niederlanden und Norwegen, eine zweite Runde der Rückgaben statt. Das betrifft einen kleinen Teil dessen was insgesamt genommen wurde. Folglich verbleiben viele ungelöste Fragen, von denen man sich derzeit ein paar stellt.

Bei einigen davon geht es um europäische Eisenbahngesellschaften. Diese transportierten eine massive Anzahl an Juden zu Beginn des Wegs in ihre Vernichtung. Im Dezember 2014 stimmten Frankreich und die Vereinigten Staaten einem Entschädigungspaket für außerhalb Frankreichs lebende Holocaustopfer zu, die von der französischen nationalen Eisenbahngesellschaft SNCF deportiert wurden. Überlebende aus Frankreich, die von der SNCF deportiert wurden und heute in einigen anderen Ländern wie z.B. Belgien leben, wurden in der Vereinbarung ebenfalls von den Zahlungen ausgeschlossen.

Die zwei Länder kündigten gemeinsam einen $60 Millionen-Entschädigungsfonds an, der von der französischen Regierung finanziert wird. Frankreich zahlte die Summe an die USA. Letztere zahlten das Geld dann an außerhalb Frankreichs lebende Überlebende aus. Die Zahlungen an einzelne Überlebende beliefen sich auf etwa $100.000. Als Teil der Vereinbarung versprach die US-Regierung zu versuchen alle Klagen vor Gericht und Ansprüche gegen die SNCF in den USA zu beenden.[2]

Die Vereinbarung wurde erzielt, als US-Abgeordnete versucht hatten die SNCF wegen ihrer Kollaboration mit den deutschen Besatzern Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs von Verträgen in den USA auszuschließen. Von 76.000 Juden, die die SNCF während des Holocaust in Nazi-Lager transportierte, überlebten nur 3.000.

Davor hatte es in Frankreich erfolglose finanzielle Forderungen gegen die SNCF gegeben. 2006 verklagten Alain Lipietz und seine Schwester Hélène die Gesellschaft. Lipietz war damals für die Grünen Mitglied des Europaparlaments. Die Anspruchsteller forderten von der Eisenbahngesellschaft Entschädigungen für den Transport ihrer Familien ins französische Deportationslager in Drancy.

Die Geschwister Lipietz gewannen den ersten Prozess. Das Tribunal in Toulouse wies den französischen Staat und die SNCF an der Familie insgesamt €60.000 zu bezahlen. Die Richter stellten fest, dass die SNCF niemals gegen den Transport solcher Häftlinge Einspruch erhob.[3] Eine ähnliche Klage im Jahr 2003 war gescheitert, als ein Gericht in Paris urteilte, es könne nicht feststellen, dass die SNCF während der Nazi-Besatzung für den Transport von Juden verantwortlich war.[4]

Die SNCF legte gegen das Urteil aus Toulouse zugunsten der Lipietz-Geschwister Berufung ein. 2007 urteilen die Berufungsrichter, dass Verwaltungsgerichte nicht über die Schuld der SNCF entscheiden können. Damit musste die SCNF nicht zahlen. Das höchste französische Verwaltungsgericht, der Staatsrat, erklärte sich für nicht zuständig in dem Fall zu urteilen.[5]

Die SNCF ist Jahre lang für ihre Rolle bei der Deportation der Juden im Krieg kritisiert worden. Mehrere ihrer Präsidenten begriffen, dass ihre Kriegsgeschichte ein heikles Thema war. 1990 beschloss der damalige SNCF-Präsident Jacques Fournier, dass alle Firmenarchive – mit Priorität der Archive aus der Kriegszeit – an einem einzigen Ort gelagert werden sollten. Darüber hinaus wurde auf seine Anweisung hin ein Bericht zur Geschichte der SNCF während des Zweiten Weltkriegs erstellt.

Im Jahr 2000 beschloss der damalige SNCF-Präsident Louis Gallois, dass es von 2002 bis 2004 eine Bildausstellung deportierter und ermordeter Kinder in 20 großen französischen Bahnhöfen geben sollte. Sie wurden auch im SNCF-Hauptsitz, dem französischen Parlament und der Stadtverwaltung von Paris gezeigt. Die Ausstellung wurde von geschätzten einer Million Menschen besucht.

2008 drückte der neue SNCF-Präsident Guillaume Pepy sein Bedauern wegen der Folgen des Verhaltens der SNCF während des Krieges aus. Es wurdeb allerdings keine Zahlungen an diejenigen angeboten, die die Transporte überlebt hatten. Das musste bis zum bereits erwähnten französisch-amerikanischen Abkommen von 2014 warten, das nur für einen Teil der Überlebenden gedacht war.

In den Niederlanden schaffte es ein einzelner Aktivist die NS (Niederländische Eisenbahn) zu überzeugen Zahlungen an niederländische Holocaust-Überlebende zu leisten. Salo Muller – dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden – ist in Amsterdam ein bekannter Name. Er war viele Jahre lang der Physiotherapeut des großen Fußballvereins Ajax.

Letztlich zwang Mullers Druck die NS Zahlungen an Überlebende zu leisten, die sie abtransportiert hatte, alternativ an ihre Ehepartner oder Kinder.[6] Gemäß der Vereinbarung zahlte die Firma etwa 40 bis 50 Millionen Euro.[7] Diese Zahlungen erfolgten 2020. Empfohlen wurde das von einer unabhängigen Kommission, geleitet vom ehemaligen Bürgermeister von Amsterdam, Job Cohen.

Da es viele ermordete Menschen gibt, die keine Angehörigen hinterlassen haben, empfahl die Kommission auch, dass die NS in Bezug auf sie eine Zahlung leistet.[8] Was diese Zahlungen angeht, ignorierte die NS die Meinung der jüdischen Gemeinschaft. Sie beschloss die Zahlungen von insgesamt €5 Millionen Euro an vier niederländische Kriegsgedenkzentren zu leisten.[9] Das war keine kluge Entscheidung. Obwohl die NS beträchtliche Summen auszahlte gibt es der Firma gegenüber in der jüdischen Gemeinschaft immer noch Bitterkeit.

Bereits 2005 hatte der damalige NS-Präsident Aad Veenman sich unerwartet bei der jüdischen Gemeinschaft für das Verhalten der Gesellschaft während des Krieges entschuldigt. Bis dahin hatte ihr Management bestritten, dass es sich für die Dienste entschuldigen würde, die ihre Vorgänger in der Kriegszeit ohne Protest bei der Deportation  des Großteils des niederländischen Judentums geleistet hatten.[10]

Nach seinem Erfolg gegen die NS beschloss Muller eine Forderung gegen den deutschen Staat zu erheben. Diese verweist auf die Rolle der deutschen staatlichen Eisenbahn im Krieg, der damaligen Deutschen Reichsbahn. Muller fordert eine Entschuldigung und finanzielle Entschädigung für niederländische Holocaust-Überlegende und ihre nächsten Angehörigen. Sein Anwalt hat Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben, dass die Erben der deutschen Eisenbahn eine moralische und rechtliche Verpflichtung haben ihre Rolle beim Leid der Juden, Sinti und Roma anzuerkennen.

Der 84 Jahre alte Muller kommentierte im niederländischen Fernsehen in Sachen Reichsbahn: „Ich mache die Eisenbahngesellschaft dafür verantwortlich wissentlich Juden transportiert zu haben und dafür, dass diese Juden auf furchtbare Weise getötet wurden.“ Die deutsche Eisenbahn führte etwa 100 Transporte von der niederländischen Grenze nach Auschwitz und zum Vernichtungslager Sobibor durch.[11]

Eine breitere Sichtweise vertritt der bekannte jüdische Amsterdamer Anwalt Herman Loonstein. In einem Interview mit der Tageszeitung Trouw sagte er, dass viel von den im Krieg gestohlenen Besitztümern niederländischer Juden immer noch nicht zurückgegeben wurde. Loostein erwähnte als Beispiele Kunstwerke oder Häuser, die die deutschen Lager überlebende Juden nach dem Krieg im Besitz anderer vorfanden. Er behauptet, dass die niederländische Regierung nichts zur Rückgabe davon unternimmt und den Überlebenden den Kampf darum überlässt. Er erklärte zudem, dass das, was es an Rückerstattung gab, willkürlich gewesen ist.

Loonstein hat gesagt: „Der Zweite Weltkrieg ist, rechtlich gesehen, weit davon entfernt zu Ende zu sein.“ Er erwähnte kleine Fälle wie, dass Juden Stadtverwaltungen die gelben Sterne bezahlen mussten, die sie zu tragen gezwungen wurden. Loonstein erwähnte auch, dass die Amsterdamer Elektro-Straßenbahn-Gesellschaft – wie alle Eisenbahnen – Juden innerhalb von Amsterdam in den Deportationsprozess transportierte. Die Firma lehnte es ab sich mit der Entschädigungsfrage zu beschäftigen. Allerdings betonte Loonstein, dass die größten verbleibenden Probleme Kunstwerke und Wohnungen betreffen.

Loonstein sagte dem Interviewer als Kuriosität auch, dass einer seiner Söhne, ein Rechtsanwalt, entdeckte, dass das Eigentum an einer Wohnung eines Juden am Tag seiner Deportation an einen der bekanntesten und größten Kriegsverbrecher der Niederlande übertragen wurde, Pieter Menten. Loonstein fragt sich, ob er gegen die niederländische Regierung Klage erheben kann. Er nimmt an, dass die aktuellen Eigentümer die Wohnung in gutem Glauben erworben haben. Er sagt aber auch, dass die niederländische Regierung einen Teil der Verantwortung für diese Affäre trägt. Die Notare, die bei dem Transfer gestohlenen jüdischen Grundeigentums kollaborierten, waren zum Teil niederländische Staatsbedienstete.[12]

Angesichts all dessen scheint es so, als werde weitere Holocaust-Rückerstattung in mehreren europäischen Ländern noch auf Jahre hinaus ein Diskussionsthema bleiben, sowohl privat wie in den Medien.

[1] https://jcpa.org/article/restitution-of-holocaust-era-assets-promises-and-reality/

[2] http://www.bbc.com/news/world-europe-30351196

[3] http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/6499227.stm

[4] http://www.theguardian.com/world/2006/jun/07/france.topstories3

[5] http://www.lemonde.fr/societe/article/2007/12/21/le-conseil-d-etat-refuse-de-se-prononcer-sur-la-culpabilite-de-la-sncf-dans-les-deportations_992555_3224.html

[6] https://nos.nl/nieuwsuur/artikel/2290638-ns-betaalt-holocaust-slachtoffers-wat-ging-eraan-vooraf.html

[7] http://www.parool.nl/nieuws/ns-komt-overlevenden-en-nabestaanden-holocaust-financieel-tegemoet~b8cb2b3d/

[8] https://commissietegemoetkomingns.nl/app/uploads/2019/06/Samenvatting-advies-Commissie-In

[9] https://nieuws.ns.nl/ns-steunt-herinneringscentra-tweede-wereldoorlog/

[10] https://jcpa.org/book/the-abuse-of-holocaust-memory-distortions-and-responses/, S. 142

[11] http://www.theguardian.com/world/2020/jul/30/holocaust-survivor-launches-legal-claim-against-german-railways

[12] http://www.trouw.nl/binnenland/juridisch-gezien-is-de-oorlog-alles-behalve-voorbij-dus-blijft-advocaat-herman-loonstein-strijden~bc4301f8/

Aktuelle Attacken gegen die Einzigartigkeit des Holocaust

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Erinnerung an den Holocaust ist seit vielen Jahrzehnten einem fortdauernden Angriff durch die extreme Rechte, die extreme Linke und Teile der islamischen Welt ausgesetzt. Dazu gehört auch einer seiner wichtigsten Aspekte: dass der Holocaust einzigartig war. Er ist bei vielen Gelegenheiten aus einer Vielzahl von Gründen attackiert worden. In den letzten Jahren sind neue Arten von Angriffen aufgekommen.

Der Holocaust war ein einzigartiges Ereignis. Einige Elemente sind zwar mit anderen Völkermorden vergleichbar, aber die Kombination seiner Charakteristika war es nicht. Es gibt eine Reihe Kriterien, die zusammen den Holocaust beispiellos machen: eine nie da gewesene Gesamtheit (alle Juden), Allgemeinheit (Juden überall), Vorrang (alle Bereiche des deutschen Staates waren involviert), industriellen Charakter, der zudem nicht praktisch war (statt jüdische Arbeitskraft auszubeuten, wurden sie getötet).

Vergleicht man die Schoah mit anderen Völkermorden, schrieb der führende Holocaust-Philosoph, der verstorbene Emil L. Fackenheim, so war der armenische Völkermord auf das türkische Reich beschränkt. Er richtete sich dort nicht gegen alle Armenier, zum Beispiel nicht gegen die in Jerusalem. Die geografische Beschränkung gilt auch für die Völkermorde in Kambodscha, Ruana, Bosnien und den Sudan.

Fackenheim sagte, dass im Gegensatz dazu die Nazis sich daran machten jeden Juden auf dem Angesicht der Erde auszurotten. Er stellte heraus, dass die „nordamerikanischen Indianer in Reservaten überlebt haben; jüdische Reservate waren in einem siegreichen Nazi-Imperium unvorstellbar.“ Fackenheim merkte an, dass vom Holocaust gesagt werden könne, er gehöre mit anderen Katastrophen zur Spezies Völkermord. Innerhalb dieser Kategorie ist die geplante und weitgehend ausgeführte Vernichtung im Holocaust ohne Vorbild und zumindest bisher ohne Nachfolger. Daher muss für ihn der Begriff „einzigartig“ verwendet werden.[1]

Ein anderer jüdischer Philosoph führte Fackenheims Sicht weiter aus. David Patterson schrieb zum Vergleich der Schoah mit anderen Völkermorden: „Ich würde noch weiter gehen und darauf bestehen, dass der Holocaust nicht auf einen Fall von Völkermord reduziert werden kann, genauso wenig wie man ihn auf irgendein anderes historisches oder politisches Phänomen im engeren Sinne reduzieren kann, obwohl er natürlich diese Elemente enthält. Die Nazis wollten mehr tun als ein Volk zu vernichten. Wir sagen, sie wollten ein grundlegendes Prinzip ausrotten, Jahrtausende jüdischer Lehre und Zeugnis auslöschen, den lebenden Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs vernichten, eine Art Gott ausmerzen, wie man die Welt und die Menschheit begreift, wie sie insbesondere durch die Juden verkörpert wird.“[2]

In Deutschland wurde die Debatte des Themas der Einzigartigkeit des Holocaust gerade zum Anhängsel der Affäre Achille Mbembe. Dieser öffentliche Intellektuelle aus Kamerun war von den Organisatoren der Ruhrtriennale im August eingeladen worden den Eröffnungsvortrag zu halten. Dann wurde bekannt, dass er ein extremer antiisraelischer Hetzer und in antisemitische Taten involviert war. Es folgte eine öffentliche Debatte. Diese ging trotz der durch die Corona-Pandemie verursachten Absage des Festivals weiter.

Eine der vielen Rügen gegen Mbembe lautete, er habe den Holocaust mit der Apartheid Südafrikas gleich gesetzt. Er gab zu, dass es einen quantitativen Unterschied zwischen beiden gab. Dennoch reagierte Alan Posener, der für Die Welt schreibt, in einem Artikel damit, dass dies fundamental falsch sei: „Der Holocaust war nicht eine viel größere Form der Apartheid, und, was wichtiger ist, die Apartheid nicht eine kleinere Version des Holocausts. Vielmehr handelt es sich um einen nicht quantitativ, sondern qualitativ anderen Vorgang.“[3]

Seitdem hat Posener einen Teil der Weltsicht Mbembes als totale Attacke auf die europäische Tradition der Aufklärung entlarvt. Er fügte an: „Zwar ist die Aufklärung selbst nicht frei von antisemitischen Zügen; aber für die Gegenaufklärung ist der Antisemitismus konstituierend, wie der Antizionismus für den Anti-Aufklärer Mbembe.“[4]

Über Mbembes Antisemitismus und sein massives Reinwaschen hinaus entwickelte sich ein wichtiges sekundäres Element der Affäre, das sich auf die nationale Erinnerung bezieht. Leider wurde das Thema der nationalem Erinnerung Deutschlands hauptsächlich von Leuten aufgebracht, die Mbembes Antisemitismus übertünchten.

Die Erinnerung an den Kolonialismus war ein zentraler Teil eines offenen Briefes vom 18. Mai, der von mehr als 700 afrikanischen Wissenschaftlern und Künstler unterschrieben wurde. Er war an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Frank-Walter Steinmeier gerichtet. Der Brief begann mit einem Absatz, der zwei dicke Lügen enthielt. Die erste lautete, Mbembe habe sich nicht antisemitisch geäußert. In dem Brief hieß es: „Wir, afrikanische Intellektuelle, Denker, Schriftsteller und Künstler verurteilen vorbehaltlos die lügnerischen Antisemitismus-Anschuldigungen rechtsextremer fremdenfeindlicher und rechtskonservativer Gruppierungen in Deutschland gegen Professor Achille Mbembe.“[5]

Die zweite Lüge war, dass in dem Absatz behauptet wurde, die Vorwürfe gegen Mbembe kämen aus der extremen Rechten. Die Aufdeckung des Antisemitismus Mbembes stammte zumeist aus Mainstream-Quellen. Der Brief endete mit der Forderung, der deutsche Antisemitismus-Beauftragte Felix Klein sollte gefeuert werden. Das war extrem dreist, denn dieser sagte die Wahrheit über Mbembes Antisemitismus noch bevor weitere Fakten zum Schüren von Hass durch den Mann ins Blickfeld gerieten.

Dasselbe Problem der Anerkennung der Erinnerungskultur zum Kolonialismus kam in einer chaotischen Debatte auf. Teil davon waren die Äußerungen einer prominenten Reinwäscherin Mbembes, Professorin Aleida Assmann. Sie ist eine führende deutsche Expertin zu Gedenkkultur. Anfangs vermittelte sie den Eindruck, dass sie den Holocaust relativiert.

Assmann versuchte ihre Haltung in einem Interview mit Die Welt zu klären. Sie sagte: „Für mich als Deutsche steht die Singularität des Holocaust außer Frage und ist nicht verhandelbar. Es besteht ein eklatanter Unterschied zwischen den kolonialen Genoziden und dem Holocaust. Die europäischen Kolonisatoren haben die Ureinwohner umgebracht, weil sie ihnen im Wege waren und sie sich ihr Land aneignen wollten. Die Deutschen haben die europäischen Juden systematisch verfolgt und umgebracht, weil sie von dem Wahn besessen waren, dass ihre Zukunft nur in einer Welt ohne Juden möglich sei.“ Sie fügte hinzu, dass die deutsche Fixierung auf die Einzigartigkeit des Holocaust kaum eine Erinnerung an andere Verbrechen zum Ergebnis habe, z.B. die Kolonialgeschichte oder den Vernichtungskrieg des Zweiten Weltkriegs.[6]

Die führende deutsche Vereinigung für Afrikawissenschaften in Deutschland (VAD) beteiligte sich ebenfalls an der Debatte um Mbembe. Sie forderte mehr Objektivität zu Postkolonialismus und Israelkritik sowie ernste Analyse von Mbembes Arbeit. In der Frankfurter Allgemeine Zeitung antwortete deren Journalist Patrick Bahners auf den offenen Brief der VAD mit dem Bericht, wie er den Leiter der VAD kontaktierte, den Frankfurter Professor für Ethnologie Hans Peter Hahn und ihn bat im einzelnen aufzulisten, wer seiner Meinung nach Mbembes Texte nicht genug Aufmerksamkeit schenkte.

Überraschenderweise erwähnte Hahn zwei Wissenschaftler, die sich für Mbembe aussprachen: Aleida Assmann und die Philosophin Susan Neiman, beides Expertinnen für Erinnerungskultur in globaler Perspektive. In seiner Antwort an Bahners verwies Hahn auf die Tatsache, dass Assmann am Ende einer 50-minütigen Radiosendung von Deutschlandfunk Kultur zum Fall Mbembe gefragt wurde, was sie aus seiner Arbeit mitgenommen habe. Sie sagte, es falle ihr schwer Mbembe zu verstehen; Grund sei sein abstrakter philosophischer Ton, der manchmal poetisch werde. Assmann fügte hinzu, dass sie am meisten an Mbembes Überlegungen zu Reparationen [postkoloniale Beziehungen] interessiert ist. Neiman sagte, sie wüsste nicht, was sie mitnehme.

Hahn argumentierte, dass das beiläufige Eingeständnis der beiden Experten, dass sie „keine Ahnung von Mbembes Theorien haben“, ein Ungleichgewicht im öffentlichen Radio widerspiegelt. „Deutsche Intellektuelle erlauben sich über und für afrikanische Autoren zu reden, ohne sie gelesen zu haben.“

Eine sehr starke Stimme in der Debatte zur Erinnerungskultur war die des Philosophen Ingo Elbe. Er schrieb, dass in der Debatte der Kampf gegen Israel auch stellvertretend über Angriffe auf die deutsche Erinnerungskultur und ihren angeblichen Provinzialismus ausgefochten wird.[7]

In einem anderen Artikel schrieb Elbe, dass das postkoloniale Erinnerungskonzept zu der falschen Behauptung geführt habe, die Betonung der Einzigartigkeit des Holocaust schaffe eine Blockade des Leidens und eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer. Elbe fügte hinzu, dass die Opferkonkurrenz bekämpft werden muss. Er schrieb darüber hinaus, die Behauptung, das Holocaust-Gedenken blockiere andere Erinnerungen, spiele schwarzen und muslimischen Antisemitismus herunter und übersehe besonders jüdische Erfahrungen, die einer Strategie der antirassistischen Gegenhegemonie geopfert werden.[8] Die um Mbembes geplanten Vortrag initiierte Debatte ist noch lange nicht vorbei.[9] Die damit verbundene Diskussion um Deutschlands Gedenkkultur dürfte jedoch viel länger andauern.[10]

In der internationalen akademischen Welt findet ein weiterer wichtiger Angriff auf die Einzigartigkeit des Holocaust statt. Der führende israelische Genozidforscher Israel W. Charny hat die schuldigen Wissenschaftler bloßgestellt. Er hat aufgezeigt: „In der akademischen Welt hat sich eine Alternative zu klassischen ‚schlampigen‘ Holocaust-Leugnungen entwickelt. Mehrere Forscher verbreiten heute die explizit falsche These, die Juden seien als Opfer nicht angegriffen worden, weil sie Juden waren. Stattdessen wird behauptet, sie seien eine Minderheit, die von den Nazis gemeinsam mit anderen Minderheiten verfolgt wurden.“

Charny fügte hinzu: „Diese Art fadenscheinigen intellektuellen Jonglierens führte zu absolut  falschen Äußerungen in mehreren Artikeln im ‚seriösen‘ Journal of Genocide Research (JGR). Der deutsche Fall der Holocaust-Verwässerung oder -Minimierung ist nicht nur ein deutsches Phänomen. In einem Artikel wird behauptet, die ausdrücklich antijüdische Wannsee-Konferenz sei überhaupt nicht von Judenhass motiviert gewesen, sondern stellte eine Politik gegenüber europäischen Minderheiten insgesamt dar, trotz der Tatsache, dass es diese Konferenz war, die die Pläne für die ‚Endlösung‘ festlegte.“

Charny schießt: „Die verzerrte Einstellung, dass der Holocaust nur einer von vielen Völkermorden ist, die das deutsche Nazi-Regime beging, ist eine Verniedlichung der grundlegenden Bedeutung des Holocaust, die von einer schockierenden Zahl gutgläubiger Wissenschaftler propagiert worden ist.“[11]

Es hat im vergangenen Jahrzehnt eine Explosion an Holocaust-Missbrauch gegeben. Dieser offenbart sich auf viele Weisen, einschließlich Holocaust-Umkehr (d.h. zu behaupten, dass Israel sich wie die Nazis verhält), Leugnung, Ablenkung, Reinwaschung, Entjudung, Gleichsetzung und Trivialisierung.[12] Diese Liste ist nicht vollständig, weil in den letzen Jahren mehrere zusätzliche Entstellungen aufgekommen sind. Solange es nirgendwo breit angelegte Post-Holocaust-Studienprogramme gibt, muss der Missbrauch des Holocaust in einer Kategorie nach der anderen angegangen werden.

[1] Emil L. Fackenheim: Holocaust. In: Michael Morgan (Hg.): A Holocaust Reader: Responses to the Nazi Extermination. New York (Oxford University Press) 2001, zitiert in: Patterson: Emil L. Fackenheim, S. 93.

[2] Patterson: Emil L. Fackenheim, S. 93.

[3] https://starke-meinungen.de/blog/2020/06/17/ueber-textverdrehungen-und-taschenspielertricks/

[4] https://starke-meinungen.de/blog/2020/07/13/mit-carl-schmitt-und-co-gegen-die-spaetmoderne-achille-mbembe/

[5] https://simoninou.files.wordpress.com/2020/05/brief-von-afrikanischen_intellektuellen_an-die-dt-bundeskanzlerin_-angela-merkel.pdf

[6] https://www.welt.de/kultur/plus208072327/Achille-Mbembe-und-der-Antisemitismus-Aleida-Assmann-ergreift-Partei.html

[7]  www.welt.de/debatte/kommentare/plus209117081/Mbembe-Debatte-Wenn-Linke-einen-Schlussstrich-unter-Auschwitz-fordern.html

[8] www.mena-watch.com/solidaritaet-statt-provinzialitaet-fallstricke-multidirektionaler-erinnerung/

[9] https://taz.de/Postcolonial-Studies-und-Herrschaft/!5691524/

[10] https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2020-06-25/geschichte-ist-immer-schmutzig/474847.html

[11] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/21517

[12] https://jcpa.org/text/holocaustabuse.pdf

Das arabische Kapitel des Holocaust

Der palästinensische Mufti Haddsch Amin al-Husseini spornte Hitler an Europas Juden auszulöschen, gründete eine muslimische SS-Division und stachelte zum mörderischen „Farhud“-Pogrom in Bagdad an. Lasst uns nie die elenden Konzentrationslager in Nordafrika vergessen.

Mordechai Kedar, Israel HaYom, 2. Mai 2019

Natürlich wird der Holocaust als fundamental europäisches Ereignis wahrgenommen. Er wird üblicherweise als „Holocaust am europäischen Judentum“ behandelt, dessen Täter europäische Staaten waren, die Deutschen und ihre Verbündeten. Aber wir sollte nicht die Aspekte des Holocausts ignorieren, die die arabische Welt betreffen.

Einer der auffallenderen dieser Aspekte war die Rolle des palästinensischen Mufti Haddsch Amin al-Husseini. Schon vor dem Holocaust, als er verschiedene öffentliche Ämter im Land Israel bekleidete (1920-1937), stachelten seine Predigten zur Ermordung von Juden in den Krawallen von 1920, 1921 und 1929 auf, dann wieder in der arabischen Revolte von 1936. Es überrascht nicht, dass er später am Völkermord an den Juden Europas beteiligt war.

Nach Zeugenaussagen von Nazi-Offizieren bei den Nürnberger Prozessen nach dem Krieg wurde der Mufti als eine der Personen angeführt, die Hitler dazu drängten die Juden Europas zu vernichten und zwar von dem Moment an, an dem er Ende 1941 nach Deutschland kam. Zwar ist die Annahme begründet, dass Hitler nicht sonderlich vom Mufti „ermutigt“ werden musste, aber seine Rolle bei der Werbung für die Idee der Vernichtung der Juden und deren Umsetzung ist auffällig.

Der Mufti spielte zudem in den Jahren 1942 bis 1944 für die Nazis eine wichtige Rolle, als er die Gründung muslimischer Einheiten im deutschen Militär und der SS initiierte, deren Soldaten in Jugoslawien und Bulgarien eingezogen wurden. 1944, als im Raum Budapest die Mehrheit der ungarischen Juden zusammengetrieben wurde – mehr als eine halbe Million Menschen – hatten die Deutschen vor sie per Zug ins Vernichtungslager Auschwitz zu transportieren; er aber hatte Sorge, dass Partisanen die Brücken im Versuch die Transporte zu stören sprengen könnten. Der Mufti schickte die muslimischen Einheiten los, um die Brücken zu schützen und sicherzustellen, dass die Juden in den Tod geschickt wurden.

Der Mufti hielt mit seinen Absichten nicht hinterm Berg. Er schrieb und sendete – hauptsächlich auf Arabisch per Radio aus Berlin – sein Engagement unter allen Umständen die Immigration der europäischen Juden nach „Palästina“ zu verhindern, deren Auslöschung aus seiner Sicht notwendig und entscheidend war. Im Juli 1945 beschloss die „Jugoslawische Kommission zur Bestimmung von Verbrechen der Besatzer und ihrer Kollaborateure“ die Resolution 1892, die Amin al-Husseini wegen seiner Rolle bei der Zwangsrekrutierung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten auf die Liste der Kriegsverbrecher übernahm; Grundlage dafür war die Klausel 23 der Haager Konventionen von 1899 und 1907.

Die Kommission vermerkte: „Als Ergebnis von Al-Husseinis Handeln … wurde die muslimische Division der SS gegründet … Überall, wo sie eingesetzt wurden, begingen sie zahlreiche Kriegsverbrechen, wie Massenmorde, abscheuliche Gräueltaten, brannten ganze Gemeinden nieder und plünderten. Wegen dieser Aktivitäten … ist der Großmufti Haddsch Amin al-Husseini auf die Liste der internationalen Kriegsverbrecher gesetzt worden … Er trägt die Verantwortung für dien Einsatz der muslimischen Massen, mit anderen Worten dafür diese Leute dazu zu treiben, die gezwungen wurden in den Dienst faschistischer Militärorganisationen zu treten und dementsprechend ist er auch derselben Verbrechen schuldig.“ Nach dem Krieg floh der Mufti nach Frankreich, wo die Franzosen ihn herzlich willkommen hießen und ihm ein Jahr lang eine Villa schenkten, in der er lebte.

Allerdings müssen wir über die Rolle des Muftis hinaus in diesem Kontext die Konzentrationslager in Libyen zur Kenntnis nehmen, die während des Krieges unter italienischer Kontrolle standen. Die Juden Libyens wurden in Lager in der Wüste geschickt: Jadu, Sidi Azaz, Gharyan, Buq Buq, Ifrane. Sie wurden unter verwahrlosten Umständen gehalten, litten unter Hunger und Durst; hunderte krepierten. Wer jagte die Juden? Wer identifizierte sie für die Deutschen? Die Antwort ist klar: ihre muslimischen Nachbarn.

Schließlich müssen wir uns an die „Farhud“ in Bagdad erinnern, ein Pogrom mit Mord, Vergewaltigung und Plünderung, begangen von irakischen Arabern gegen die Juden von Bagdad am Feiertag Schavuot 1941. Insgesamt wurden 179 Juden ermordet, tausende verletzte, Frauen wurden vergewaltigt und Kinder zu Waisen gemacht, alles durch die dämonische Hetze, die al-Husseini erbrach, der sich zu dieser Zeit in Bagdad befand.

Die Lektionen von Bergen-Belsen bleiben ungelernt

Der Geist des von den Nazis inspirierten Antisemitismus wurde aus der arabischen Welt nie ausgetrieben

Lyn Julius, The Jerusalem Post, 15. April 2020

Holocaust survivors at Auschwitz. (Foto: Reuters)

Am 15. April begeht die Welt den 70. Jahrestag der Befreiung des berüchtigten KZ Bergen-Belsen. Mehr als 50.000 Gefangene, hauptsächlich Juden, starben dort – an Hunger, Überanstrengung, Krankheiten oder infolge grausamer medizinischer Experimente. Anne Frank war das vermutlich berühmteste Opfer. Sie und ihre Schwester starben im Lager an Typhus, nur einen Monat vor der Befreiung.

Unter den befreiten Gefangenen an diesem herrlichen Apriltag gab es mehrere hundert libysche Juden, die über Italien nach Bergen-Belsen deportiert worden waren. Es gibt ein Foto dieser Überlebenden, die in einem Eisenbahnwagen saßen und die Beine herausbaumeln ließen, auf den sie gekritzelt hatten „Auf dem Weg nach Hause“ und „Zurück nach Tripoli“.

Nach Angaben der Juden aus Libyen seitens Professor Maurice Roumani wurden etwa 870 der 2.000 Juden in Libyen mit britischen Pässen als Teil der „sfollamlento“-Politik des Wegschickens von Ausländern nach Italien deportiert. Mitglieder derselben Familie konnten nach Marokko, Tunesien oder Algerien zerstreut werden – die unter der Kontrolle der nazifreundlichen Vichy-Regierung standen.

Zwei Transporte mit je 300 Juden sowie weitere 120 wurden von Libyen nach Neapel verschifft, dann mit Güterzügen nach Bergen-Belsen, wo sie am 25. Mai 1944 ankamen. Aus Libyen in Bologna ankommende Juden wurden im Juli 1943 mit dem Zug nach Innsbruck-Reichenau gebracht, einem Teil des Lagersystems Dachau.

Die libyschen Juden, die relativ spät im Krieg in Bergen-Belsen ankamen, überlebten. Einige wurden gegen deutsche Kriegsgefangene ausgetauscht. Sie erhielten Pakete des Roten Kreuzes und etwas erleichterte Arbeitsbedingungen. Sie schafften es sogar koscher zu leben, indem sie gekochtes Essen gegen trockenes Brot tauschten. Ein Jude, Zion Labi aus Bengazi, eröffnete eine Schule.

Die Deportation der Juden aus Libyen ans Nordufer des Mittelmeers straft das weit verbreitete Missverständnis Lügen, dass nur europäische Juden vom Holocaust betroffen waren.

Obwohl ihr Leiden nicht mit den Schrecken verglichen werden kann, die den Juden Osteuropas zugefügt wurden, wurden Juden in Nordafrika die Auswirkungen des Krieges nicht erspart. Rund 2.500 libysche Juden wurden vom faschistischen Regime Italiens ins berüchtigte Arbeitslager Giado befördert. Ein Fünftel starb an Typhus oder Hunger.

Das benachbarte Tunesien kam sechs Monate lang unter direkte Nazi-Kontrolle. Rund 2.000 tunesische jüdische Männer, die den obligatorischen gelben Stern trugen, wurden in Arbeitslager geschleppt. Juden wurden in algerischen und marokkanischen Arbeitslagern als Sklavenarbeiter benutzt. Und die ganze Zeit über starben tausende Juden bei Luftangriffen, als die alliierten und deutschen Armeen um die Kontrolle rangen.

Man kann vertreten, dass die nordafrikanischen Staaten, die noch nicht unabhängig waren, nicht für die antijüdischen Maßnahmen des Vichy-Regimes und der italienischen Faschisten verantwortlich waren. Aber abgesehen von Einzelpersonen, die Juden retteten, lagen die Sympathien der arabischen Massen weitgehend auf Seiten der Deutschen.

Der seit 1932 unabhängige Irak war 1941 Schauplatz eines nazifreundlichen Staatsstreichs, was unaufhaltsam zur Farhud, der irakisch-jüdischen Kristallnacht führte. In dieser zweitätigen Orgie aus Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung und Plünderung wurden bis zu 600 Juden getötet, geben britische Archivquellen an. Die genaue Zahl werden wir nie erfahren.

Der palästinensische Großmufti von Jerusalem spielte eine zentrale Rolle bei der Planung des nazifreundlichen Umsturzes im Irak. Von November 1941 bis zum Ende des Kriegs sendete er aus dem Exil in Berlin antijüdische Propaganda in die arabische Welt.

Er erwies sich bei der Unterstützung der „Endlösung“ der Judenfrage als eifriger als die Nazis. Vom Mufti glaubt man, dass er für die Ermordung von 20.000 europäischen Juden im Nazi-Holocaust direkt verantwortlich war.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte der Mufti bei den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden.

Er wurde von Jugoslawien wegen Verbrechen gegen die Menschheit angeklagt und verurteilt, die mit seiner ausschlaggebenden Rolle in den SS-Divisionen Handschar und Skandeberg zu tun hatten, die Balklan-Juden aus dem Kosovo, Mazedonien und Thrakien deportierten. Aber die Allierten scheuten davor zurück die Araber vor den Kopf zu stoßen. Der Mufti blieb für Zehntausende ein Held.

Nazi-Deutschland überhäufte die arabische Welt mit Geld und Propaganda in der Hoffnung einen antikolonialen Aufstand anzufachen. Es finanzierte die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft. Deren Gründer, Hassan al-Banna, machte das Nazi-Konzept der Juden als Inbegriff des allumfassenden Bösen, überzogen mit traditionellen judenfeindlichen Vorurteilen aus dem Koran zum Kern der Ideologie der Bruderschaft. Gegen Ende des Krieges hatte die Bruderschaft ein Million Mitglieder.

Kurz nachdem die Überlebenden von Belsen nach Libyen zurückgekehrt waren, erlitten die Juden von Tripoli und den umliegenden Dörfern ein grausames, dreitägiges Pogrom, das 130 Todesopfer forderte und tausende Juden obdachlos machte.

Wie war das möglich, kaum sechs Monate nachdem die Nachrichten über die furchtbare Vernichtung der Juden Europas die arabische Welt erreichten? Die libyschen Krawalle vom November 1945 schwappten aus den Unruhen in Ägypten über, bei denen fünf Juden ermordet wurden. Manche machen zwar den Zusammenstoß von Zionismus und arabischem Nationalismus verantwortlich, aber Historiker berichten, dass die Randalierer in Libyen keine antizionistischen Parolen riefen. Der Mob wusste nicht einmal, was Zionimus ist, hieß es in einem Bericht der Jewish Agency. Es ist bemerkenswert, dass die ägyptischen Randalierer, aufgehetzt von der Muslimbruderschaft, koptische, griechisch-orthodoxe und katholische Institutionen genauso angriff wie Juden.

Der Massenexodus und die Plünderung einer Million Juden aus der arabischen Welt gelten allgemein als Rache für die Vertreibung palästinensischer Araber 1948. Eine plausiblere Erklärung lautet, dass nazi-inspirierter Blut-und-Boden-Nationalismus sowie fremdenfeindlicher Islamismus, der sich in der arabischen Welt das vorhergehende Jahrzehnt über festgesetzt hatte, darauf abzielte nichtmuslimische Minderheiten zu vernichten oder – bestenfalls – aus dem öffentlichen und politischen Leben auszugrenzen.

1947 entwarf die Arabische Liga einen Plan um mit ihren jüdischen Bürgern als feindliche Ausländer umzugehen, noch bevor auch nur ein einziger palästinensischer Araber geflohen war.

Kaum drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ahmten Mitgliedstaaten der Arabischen Liga den Nationalsozialismus mit Gesetzen der Art der Nürnberger Gesetze nach; damit wurde der Zionismus kriminalisiert, jüdische Bankkonten eingefroren, Quoten eingeführt, Einschränkungen zu Arbeitsstellen und Reisefreiheit verhängt. Gewalt und die Drohung mit Gewalt erledigten den Rest. Das Ergebnis war die ethnische Säuberung Jahrhunderte alter jüdischer Gemeinden innerhalb einer einzigen Generation.

Der Geist des von den Nazis inspirierten, judenfeindlichen Fanatismus wurde nie ausgetrieben: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab die arabischen Welt Nazi-Kriegsverbrechern eine sichere Zuflucht, in die sie flüchten konnten. Sie wurden Militärberater und Tatsachenverdreher für Judenhass.

Adolf Eichmann, der Nazi-Architekt der „Endlösung“, hoffte, seine „arabischen Freunde“ würden seinen Kampf gegen die Juden fortsetzen, die immer die „Haupt-Kriegsverbrecher“ und „Hauptaggressoren“ waren. Er hatte es nicht geschafft seine Aufgabe der „totalen Vernichtung“ zu vollenden, also konnten die Muslime sie immer noch für ihn vollenden.

Der Virus des nationalsozialistischen Antisemitismus hat die arabische und muslimische Welt nicht nur nie verlassen, er hat exponentiell zugelegt. Muslimische Zuwanderer haben den Virus des Judenhasses in europäische Länder zurückgetragen. Saudische Petrodollars haben die weltweite Verbreitung mit seinem impliziten Antisemitismus finanziert.

Eichmann wäre zufrieden gewesen zu sehen, dass die arabische Welt praktisch judenrein ist: Es gibt heute in Libyen keine Juden mehr und nicht mehr als 4.000 im Rest der arabischen Welt. Die Muslimbruderschaft und ihre lokalen palästinensischen Zweige Hamas, al-Qaida, Islamischer Staat und allerlei islamistische Gruppen tragen die Fackel einer Ideologie weiter, die in der Nazi-Ära geboren wurde.