Erinnerungen an eine lebenslange Freundschaft mit Elie Wiesel

Manfred Gerstenfeld interviewt Ted Comet (direkt vom Autor)

Im Alter von 16 Jhren kam Elie Wiesel mit 400 Kindern aus Buchenwald nach Frankreich. Ich traf ihn in Versailles in dem Haus, dem ich als Studenten-Freiwilliger für das American Jewish Joint Distribution Committee (Joint) zugewiesen war. Wir wurden Freunde fürs Leben und als er sich erstmals in New York niederließ, kam er zu Sabbat-Essen in unser Haus. Ich werde nie die himmlische Qualität vergessen, mit der er Sabbat-Lieder sang. Ich fühlte mich in ein anderes Reich befördert.

Elie wurde 1926 in Sighet in Transsylvanien geboren, der einzige Junge in einer Familie mit vier Kindern. Er lernte in einer traditionellen Jeschiwa, aber er lernte auch Geige und Schach zu spielen und lernte modernes Hebräisch. Er wurde erstmals in einem Ghetto in Haft genommen und dann nach Auschwitz deportiert, wo seine Mutter und seine jüngere Schwester umkamen, später auch sein Vater.

Ted Comet war von 1956 bis 1968 Direktor der American Zionist Youth Federation. Er war Gründer und Vorsitzender der Celebrate Israel-Parade in New York. Comet war ein Schlüssel-Vertreter des Council of Jewish Federations und der Joint.

Elie wurde die französische Staatsbürgerschaft angeboten. Da er kein Französisch verstand, blieb die Frage, ob er sie haben wollte, unbeantwortet. Er blieb staatenlos, bis er ein Jahrzehnt später amerikanischer Staatsbürger wurde. Elie studierte französische Literatur und Philosophie, fasziniert von ihrer Konzentration auf moralisches Dilemma; er betrachtete Frankreich als den Ort, wo er sein Leben in Freiheit wieder herstellte.

In einer Zeit, in der uns heldenhafte Vorbilder fehlen, war Elie Wiesel ein Mann, der es nicht zuließ, dass seine Erfahrung in der Hölle von Auschwitz ihn verbittert, zynisch, losgelöst oder bewegungsunfähig zurückließ. Im Gegenteil: Er entdeckte das tiefgehende Geheimnis des Lebens – wie man Trauma in kreative Energie und Handeln umsetzt, den eigenen Schmerz stillt, indem man den Schmerz anderer stillt, sich selbst heilt, indem man andere heilt.

Die meisten jüdischen Leiter Amerikas hatte eine Machtbasis: eine wichtige Organisation, Institution, politische Position, Menschenliebe. Elie schloss sich keiner theologischen oder historischen Doktrin an. Wie kam er also in seine Position? Durch die Macht seiner Botschaft, seine Wortgewandtheit und sein Charisma.

1970 sorgte ich dafür, dass er der Hauptredner der Vollversammlung der (jüdischen) Föderationen war. Der Teil, der in meiner Erinnerung noch mehr als vier Jahrzehnte später herausragt, war sein Statement: „Wie waren wir fähig zu überleben? Darüber hinaus: Warum sollten wir überhaupt überleben wollen? Wir waren angetrieben von der Notwendigkeit die Geschichte zu erzählen, denn wir fühlten, wenn ihr sie kennen würdet, würdet ihr handeln. Hätten wir gewusst, was wir heute wissen, dass ihr sie kanntet und nicht handeltet, dann wären wir nicht fähig gewesen zu überleben.“

Elie war die Person, die am meisten dafür verantwortlich war den Holocaust auf vielen Ebenen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft einzubinden. Eine Form das zu tun warten seine mehr als sechzig Bücher, deren bekanntestes Night [Nacht] war. Seine Hauptbotschaft lautete „Zachor“, die Erinnerung an den Holocaust aufrecht zu erhalten und am wichtigsten, die Erinnerung in moralisches Handeln zu verwandeln. Das wurde in seiner Konfrontation mit drei amerikanischen Präsidenten dramatisch verdeutlicht.

Präsident Jimmy Carter wollte, dass das US-Holocaust-Museum sich auf all jene konzentriert, die unter den Nazis litten. Elies Haltung war die: Sie alle verdienten es, dass man ihrer gedenkt, doch der Holocaust war eine einzigartige Form menschlicher Vernichtung der Juden, die erkannt werden musst. Er gewann diese Schlacht. In dem Museum geht es in erster Linie um den Holocaust, aber es hat eine Sonderabteilung für andere, die im Holocaust litten.

Als Vorstandsvorsitzender des Museums machte Elie daraus kein Monument, sonder etwas Monumentales. Es beinhaltet Lernen, Lehren und Forschung sowie Forscher aus aller Welt zu holen. Fünfundzwanzig Millionen Menschen habe das Museum bisher besucht.

Seine zweite Konfrontation fand mit Präsident Ronald Reagan statt. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl wollte, dass Deutschland zu einem vollen Teil des Westens wurde und lud Reagan zu einem Besuch ein. Als bekannt wurde, dass der geplante Besuch eine Kranzniederlegung auf dem Friedhof Bitburg beinhaltete, zu dem Gräber von Nazi-Soldaten gehörten, rügte Elie Reagan bei einer öffentlichen Feier, auf der ihm die Congressional Gold Medal verliehen wurde. Er sagte: „Der Talmud gebietet uns Macht mit der Wahrheit zu begegnen und die Wahrheit lautet, dass Ihr Platz bei den Opfern und nicht bei den Tätern sein sollte.“ Darauf wurde der Besuch des Präsidenten in Bitburg auf zehn Minuten beschränkt und der Ort des ehemaligen KZ Bergen-Belsen wurde in die Reiseplanung aufgenommen. Seitdem wurden amerikanische Regierungsbeamte sensibler im Umgang mit Dingen, die mit Nazis zu tun hatten.

Die dritte Begegnung fand mit Präsident Bill Clinton statt. Nach einem Besuch in Bosnien berichtete Elie über das Blutvergießen und die Notwendigkeit einzugreifen. Sein Druck half dabei die Friedensvereinbarungen von Dayton 1995 herbeizuführen.

Elie Wiesel erhielt 1986 den Friedensnobelpreis. In seinem Vortrag sagte er: „Wir müssen immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, nie dem Opfer, ermutigt den Peiniger, nie den Gepeinigten… Wo immer Männer oder Frauen verfolgt werden, wegen ihrer Rasse, Religion oder politischen Ansichten, muss dieser Ort zum Zentrum des Universums werden. Es mag Zeiten geben, in denen wir nicht die Macht haben Ungerechtigkeit zu verhindern, aber es darf nie eine Zeit geben, in der wir es verfehlen gegen Ungerechtigkeit zu protestieren.“

Elie Wiesel starb 2016. Es gab Nachrufe auch vom amerikanischen Präsidenten und Führungspolitikern der Welt.

Pro-jüdisch bei einer deutschen Tageszeitung – eine persönliche Geschichte

Manfred Gerstenfeld interviewt Daniel Killy, 7 Januar 2016

Am 15. Januar 2014 wurde ich Chef vom Dienst beim WESER-KURIER, der größten unabhängigen Tageszeitung im Bundesland Bremen. Ich war verantwortlich für die Inhalte und die Erscheinungsform der täglichen Ausgabe. Ein Hauptaugenmerk meiner Arbeit lag darin, den sehr auf die Printausgabe ausgerichteten Publikations-Modus in eine trimediale Erscheinungsform umzubauen, in der die Webausgabe, Apps und die Druckversion der täglichen Zeitung gleichermaßen wichtig sind.

Daniel Killy, ehemaliger leitender Redakteur bei Europas größter Zeitung BILD, die von der Axel Springer SE verlegt wird, ist ein jüdisch-deutsch-amerikanischer Publizist, der sich auf jüdische Themen und antisemitische Phänomene in den Medien spezialisiert hat.

Bremen ist seit vielen Jahren ein Hochburg der Palästinenserfreunde. Seit Deutschland vor 70 Jahren zur Demokratie zurückkehrte, sind die Stadt und das Bundesland von den Sozialdemokraten regiert worden. Die sozialdemokratische Linke hat in der jüngeren Vergangenheit meist eine sehr schroffe Haltung gegen Israel eingenommen; es gab eine Ausnahme: Jens Böhrnsen, der von 2005 bis Mai 2015 Senatspräsident und Bürgermeister war.

Normalerweise wird der Hass auf Israel –und die Juden – notdürftig hinter politischen Argumenten verborgen: Man sei gegen die „Unterdrückung“ und „Kolonisierung“ der Palästinenser. Bremen ist eine Bastion der BDS-Bewegung (Boykott, De-Investition und Sanktionen). Das macht es einer Zeitung praktisch unmöglich, für Israel das Wort zu ergreifen. Ich versuchte das zu ändern, indem ich eine Reihe proisraelischer Kommentare und Leitartikel schrieb. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Proteststurm erhob. Ich erhielt anonyme Drohungen und mir wurde zugetragen, unter den Bremer Politikern sei ein Dossier herumgereicht worden, das mein Leben und meine Arbeit in Misskredit brachte. Später fand ich heraus, dass der Autor dieser naziartigen Denunziation ein ehemaliger Redakteur des WESER-KURIER war, selbst Sohn eines berüchtigten Nazi-Redakteurs.

Das war mein Willkommensgeschenk. Die Zeitung unterstützte mich anfangs sehr, und besonders der ehemalige Chefredakteur, den ich vertrat. Es wurde aber bald klar, dass mich viele beim WESER-KURIER für parteiisch hielten.

Im Juli 2014, während der Gaza-Kampagne, erreichte der Hass auf Israel auf Deutschlands Straßen seinen Höhepunkt. Ich schrieb einen sehr persönlichen Essay mit dem Titel „Wankende Werte“, in dem ich beschrieb, wie ich mich in diesen Zeiten als deutscher Jude fühlte. Ich erhielt einige positive Rückmeldungen von Kollegen. Das obere Management jedoch reagierte mit der Anweisung, ich solle vorläufig nicht mehr über jüdische Themen und Israel schreiben, weil ich nicht neutral sei.

Mir wurde erst nach einiger Zeit klar, dass diese Anweisung Deutschlands offizieller Staatsdoktrin zuwider lief. Deutschland ist ein treuer Freund Israels und Beschützer der eigenen jüdischen Bevölkerung. Wenn einem als Journalist eine klare Positionierung zu jüdischen Themen verboten wird, ist das Ausdruck eines unverblümten Antisemitismus und kein Nachweis mediale Unabhängigkeit. Oder wäre es denkbar,, dass ein Redakteur christlichen Glaubens jemals daran gehindert würde, sich mit Deutschlands christlichen Werten zu identifizieren? Ich ignorierte die Anweisung. Zumeist leitete ich die Zeitung allein und äußerte auch weiterhin meine politischen und ethischen Ansichten zum Nahen Osten, der wachsenden Zahl der Migranten und dem klassischen Antisemitismus.

Im Dezember 2014 wurde es schlimmer. Ich hatte das erste Interview einer deutschen Tageszeitung mit Josef Schuster, dem neu gewählten Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland geführt. Ein paar Tage später traf ich zum ersten Mal den designierten neuen Chefredakteur des WESER-KURIER. Danach erhielt ich eine Email, in der er behauptete, meine Fragen stellten eher meine Position als Sprecher der jüdischen Gemeinde Hamburg denn die eines unabhängigen Journalisten. Er ließ mich wissen, dass derlei künftig nicht mehr vorkäme, sobald er Chefredakteur sei.

Ich antwortete, dass ich seine E-Mail als Beleidigung meiner journalistischen Unabhängigkeit betrachte. Am nächsten Tag erhielt ich einen offiziellen Brief des Vorstandsvorsitzenden der Bremer Tageszeitungen AG. Er und der mitunterzeichnete Personalchef, untersagten mir offiziell jegliche ehrenamtliche Arbeit als Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, da dies meine Unabhängigkeit als Journalist gefährde.

Im Januar 2015 sprach ich den Geschäftsführer auf dieses Thema an. Ich sagte ihm, dass das Schuster-Interview nach allen Medienstandards korrekt gewesen sei. Ihm war die Situation unangenehm. Gegen Ende des Gesprächs sagte er: „Herr Killy, Sie müssen verstehen, dass wir es uns als Bremens Monopol-Zeitung nicht leisten können, als pro-jüdisch wahrgenommen zu werden.“ Ich merkte an, dass diese Erklärung vielleicht siebzig Jahre zu spät komme. Er antwortete: „Nein, nein, natürlich meinte ich das nicht so.“Wie denn sonst? Er bat um Entschuldigung, falls er mich gekränkt haben sollte und sagte mir, er würde mit dem neuen Chefredakteur über das Thema reden. Es gäbe absolut kein Problem mehr, sagte er.

Sechs Wochen später wurde ich gefeuert.

Die selektive Identität niederländischer Juden

Manfred Gerstenfeld interviewt Carlo van Praag (direkt vom Autor)

In den Niederlanden leben schätzungswiese 53.000 Juden. Diese Zahl basiert auf zwei demografischen Studien, die in der jüdischen Gemeinschaft durchgeführt wurden – die erste 1999, die zweite 2009. Der Hauptgrund für diese Studien bestand darin, die Rolle des Bandes zwischen Juden und Judentum zu ermitteln. Viele der Interviewten zögerten, wenn sie ihr Jüdisch definieren sollten. Die Zahl oben spiegelt eine heterogene Bevölkerung; rund 30.000 oder 57% identifizieren sich als Juden, während 17.000 von sich sagen, sie haben „jüdische Wurzeln“.

Rund 7% betrachten sich in bestimmten Momenten als Juden. Das Phänomen sich jüdisch zu „fühlen“ kann zum Beispiel aufkommen, wenn man sich unter Juden befindet oder auch wenn man sich unter Nichtjuden befindet. Es kann auch aufkommen, wenn man mit Antisemitismus oder mit Kritik an Israel durch Nichtjuden konfrontiert wird. Rund 4% betrachten sich als nicht jüdisch. Nur 1% der Juden sind Konvertiten.

Praag, Carlo van
Carlo van Praag

Carlo van Praag hat an der Universität Amsterdam Sozialgeografie studiert. Er war bis zu seinem Ruhestand stellvertretender Direktor des Sozialen und Kulturellen Planungsbüros, einer Regierungsbehörde, die soziale Forschung betreibt und die niederländische Regierung berät.

Er fügt hinzu: Die Zahl derer in den Niederlanden, die nach dem jüdischen Gesetz Juden sind (halachische Juden) beträgt rund 37.000. Diese Bevölkerung hält ihre Anzahl zum Teil wegen der zunehmenden Zahl in den Niederlanden lebender Israelis, die derzeit etwa 9.000 beträgt. Sie bleiben allerdings oft nur zeitlich begrenzt im Land, da viele von ihnen Studenten sind oder wegen einer in den Niederlanden gefundenen Arbeitsstelle dort leben. Juden, die nur jüdische Väter oder Großväter haben, gelten nach dem jüdischen Gesetz nicht als Juden.

Im Verlauf der letzten zehn Jahre ist die Assimilierung der Juden in den Niederlanden weiter fortgeschritten, so wie vielerorts in Europa sonst auch. Der andere deutliche Trend ist die Abnahme der Mitgliedschaft in jüdischen Organisationen. Mischehen sind sowohl ein Indikator als auch ein Stimulator der Assimilation. Einerseits führten sie zu größerer Stabilität bei den Zahlen der niederländischen Juden. Andererseits nimmt die Intensität der Bindung an das Judentum ab.

Rund 19% der Juden betrachten Antisemitismus als wichtiges Thema in den Niederlanden. Der Prozentsatz derer, die sagen, dass sie persönlich Antisemitismus erlebt haben, ging jedoch im Verlauf der letzten zehn Jahre zurück und steht aktuell bei 22%. Ein niederländischer Jude, der wie ich in einem achtbaren Viertel wohnt, leidet nicht darunter. Lebt man jedoch in einem angesagten Viertel zusammen mit vielen muslimischen Einwanderern oder ihren Nachkommen, dann wird man als Jude zum Ziel, da viele dieser Muslime sich mit den Palästinensern identifizieren.

Unsere Studie von 2009 zeigt, dass die organisierte jüdische religiöse Gemeinschaft um die 9.000 Mitglieder zählt. Die größte war die niederländisch-aschkenasische Gemeinde (NIK), gefolgt von der progressiven (liberalen) Gemeinde; nur 3% gehörten zur portugiesisch-sephardischen Gemeinde.

Das Band zum Judentum ist von vielfältiger Beschaffenheit. Es besteht zum Beispiel aus selektiver Teilnahme an religiösen Aktivitäten, Feiertagen und Bräuchen. Oft entscheiden sich Menschen nur an „einfachen“ Aktivitäten teilzunehmen. Es hat eine Zunahme von Juden gegeben, die an Passah-Sedern teilnehmen, Matzen essen und Bar- bzw. Bat-Mitzwa-Feiern haben. Andererseits befolgen nur 5% der niederländischen Juden den koscheren Speisevorschriften und etwas derselbe Prozentsatz hält alle Sabbat-Gesetze ein. Ein etwas größerer Anteil verzichtet auf Schweinefleisch. Mit anderen Worten: Je angenehmerer und festlicher Aktivitäten sind, desto mehr Juden halten sich an diese jüdischen Bräuche. Es ist fordernd, regelmäßig Gottesdienste in der Synagoge zu besuchen und noch mehr, koscher zu essen; daher haben diese Aktivitäten nachgelassen.

Eine zweite Methode das Band zum Judentum beizubehalten besteht darin einen hohen Anteil jüdischer Freunden zu haben, Mitglied in einer jüdischen Organisation zu sein und das Fortbestehen der jüdischen Gemeinde für wichtig zu erachten.

Eine dritte Art von Band drückt sich durch Interesse an jüdischer Kultur aus. Beispielsweise nehmen Menschen an jüdischen kulturellen Aktivitäten teil, sehen jüdische Fernsehprogramme oder hören jüdische Radiosendungen.

Eine vierte Art ist die Pflege der Verbindung zu Israel: Folgt man den Nachrichten über Israel, verteidigt man Israel und spendet man an pro-israelische Organisationen?

Man kann die Verbindung zum Judentum in zwei große Kategorien unterscheiden, die recht unabhängig voneinander sind. Die erste ist von positiver Eigenart – das sogenannte religiös-kulturelle Band. Es drückt sich in aktiver Teilnahme am jüdischen Leben und der Bedeutung, die dem Beibehalten eines jüdischen Lebens gegeben wird, sowie dem Gefühl der Solidarität mit der Gemeinschaft, aus.

Die zweite Form ist negativer Natur. Sie gründet auf der jüdischen Erfahrung während des Zweiten Weltkriegs und/oder Antisemitismus. Damit ist das Ausdruck einer Empfindsamkeit für das, was in der Vergangenheit geschah oder für das, was heute geschieht.

Das positive Band ist für die Identifikation eines Einzelnen mit dem Judentum weit wichtiger als das negative. Ohne Einbezug des Themas Zweiter Weltkrieg würden sich allerdings eine Reihe der befragten sich nicht als Juden verstehen.

Heute identifiziert die Mehrheit der niederländischen Juden sich weiter mit dem Judentum. Das gilt besonders für diejenigen, deren Eltern beide Juden sind. Ich teile aber die Ansicht, dass das Judentum in Westeuropa bis auf kleine Überbleibsel verschwinden wird. Die Frage ist, wie lange der andauernde Assimilierungsprozess dauern wird. In der Zukunft könnten jedoch unerwartete Ereignisse diesen Trend brechen.

Die nicht erzählte Wahrheit: 150 Millionen Europäer hassen Israel

Simon Plosker, HonestReporting.com, 1. Juli 2013 (Teil 1)

In seinem nachdenklich stimmenden neuen Buch „Demonizing Israel and the Jews“ (Israel und die Juden dämonisieren; erhältlich bei Amazon) postuliert Dr. Manfred Gerstenfeld, Vorstandsmitglied des Jerusalem Center for Public Affairs, dass heute gut 150 Millionen Europäer glauben, Israel würde die Palästinenser auslöschen. Diese derzeit weit verbreitete, teuflische Sicht auf Israel ist eine neue Mutation des diabolischen Glaubens zu Juden, den viele im Mittelalter vertraten und der vor nicht allzu langer Zeit von den Nazis und ihren Verbündeten gefördert wurde.

Diese Sammlung von 57 Interviews mit Wissenschaftlern, Politikern und anderen, darunter HonestReportings Redaktionsleiter Simon Plosker, schildert, wie weitgehend und intensiv die Verbreitung des Hasses ist.

In einem zweiteiligen Exklusiv-Interview, das mit der Veröffentlichung seines Buches zusammenfiel, fragten wir Manfred Gerstenfeld nach den wichtigen Fragen, die aufgeworfen werden und warum die Mainstream-Medien seine Schlussfolgerungen anscheinend unter den Teppich kehren.

HR: In Ihrem neuen Buch „Demonizing Israel and the Jews“ stellen Sie fest, dass mehr als 150 Millionen erwachsene Bürger der Europäischen Union eine dämonische Sicht Israels haben und dass dies an die teuflische Sicht vieler Menschen des Mittelalters zu den Juden erinnert. Was meinen Sie damit?

MG: Das Kernelement des Antisemitismus war über fast zwei Jahrtausende, dass Juden das „absolut Böse“ repräsentieren. Der Begriff dessen, was absolut böse ist, hat sich im Verlauf der Jahrhunderte geändert. Viele Christen behaupteten fälschlich, dass die Juden Gottes vermeintlichen Sohn getötet hätten – das in ihrer Vorstellung Schlimmstvorstellbare. Für die Nazis war das absolut Böse, dass Leute in ihren Augen Untermenschen waren, Ungeziefer, Bakterien und so weiter. Nach dem Holocaust ist nun das Schlimmstmögliche Völkermord zu begehen oder sich wie die Nazis zu verhalten.

HR: Worauf fußt die Angabe Ihres Buchs, dass mehr als 150 Millionen EU-Bürger eine dämonische Sicht auf Israel haben?

MG: Verschiedene Studien stellten in Umfragen die Frage, ob man mit Äußerungen wie „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ oder „Israel verhält sich den Palästinensern gegenüber wie die Nazis gegenüber den Juden“ übereinstimme. Studien in sieben EU-Staaten bestätigen, dass rund 40% oder mehr der Menschen solch dämonische Ansichten hegen. Ähnliche Studien bestätigen dies für die Nicht-EU-Staaten Norwegen und Schweiz. Mehrere weitere Studien zeigen ebenfalls stark negative Ansichten der EU-Bürger gegenüber Israel.

HR: Die meisten dieser Studien sind nicht neu. Warum wurden sie nicht viel früher bekannt gemacht?

MG: Da kann man nur raten. Die Ergebnisse dieser Studien sollten den europäischen Führungspolitikern und Meinungsmachern extrem unangenehm sein. Die norwegische Regierung bezahlte z.B. 2012 eine Studie des Holocaust-Zentrums von Oslo. Die Autoren der Studie vermieden es zu schreiben, dass die 38% der Norweger, die glauben Israel verhalte sich gegenüber den Palästinenser wie die Nazis, extrem antisemitisch sind. Doch sie hätten wissen müssen, dass solche Ansichten zu haben nach der europäischen Arbeitsdefinition des Antisemitismus ein antisemitischer Akt ist.

HR: Wenn diese Studien bereits bekannt sind, was ist dann an Ihrem Buch in dieser Sache neu?

MG: Diese Studien, die alle dieselben Schlussfolgerungen aufzeigen, werden zum ersten Mal gemeinsam aufgeführt. Sie geben meiner Schätzung Rückhalt, dass mindestens 150 Millionen erwachsene EU-Bürger solche dämonische Ansichten zu Israel haben. Das ist eine klare und starke Botschaft, die weithin verbreitet werden sollte.

HR: Haben Journalisten Sie deswegen kontaktiert?

MG: Ich bin von mehreren europäischen Journalisten ausgiebig zu meinem Buch interviewt worden. Einige arbeiten für Zeitungen mit hoher Verbreitung. Sie haben großes Interesse an dieser Geschichte gezeigt und mir gesagt, dass die Zahlen überzeugen. Ich habe aber bisher nichts in ihren Zeitungen gefunden.

ManfredGerstenfeld
Dr. Manfred Gerstenfeld

MG: Mein Verleger, Rene van Praag von RVP Publishers, sagt, dass viele Storys für führende Zeitungen einfach zu klein sind und ebenso sind ein paar „zu groß“.

HR: Was bedeutet eine „zu große Story“ in diesem Fall?

MG: Wird erst einmal weithin bekannt, dass 150 Millionen von 400 Millionen erwachsenen EU-Bürgern dämonisch-antisemitische Ansichten hegen, können die möglichen Folgen für das Image der EU, ihre Politik und die Notwendigkeit zu handeln, nicht ignoriert werden. Die EU präsentiert sich selbst als „Modell für Demokratie und Förderer der Menschenrechte“. Durch die Zahl der 150 Millionen Bürger, die dämonische Ansichten zu Israel hegen und durch die Interviews des Buches stellt sie sich auch als Konglomerat antiisraelischen Schürens von Hass und einer weit verbreiteten kriminellen Weltanschauung heraus. In den 1930-er Jahren hatten die Länder Europas eine riesige Anzahl Bürger mit einer kriminellen Weltanschauung zu den Juden. Aus Post-Holocaust-Sicht und nach anderen Gräueln entzieht diese Ähnlichkeit dem Bild eines humanitären Europa den Boden.

HR: Gibt es weitere mögliche Konsequenzen?

MG: Es mag z.B. für die EU problematisch werden die Ermittlungen zu vermeiden, wer zur Schaffung dieser kriminellen Weltanschauung verantwortlich ist. Das sollte zu brisanten Ergebnissen führen. Z.B. wird eines auf führende EU- und nationale Politiker in verschiedenen Ländern deuten müssen. Das würde nicht nur ein Angriff auf das erfundene humanitäre Image der EU sein, sondern auch auf einige Länder und politische Parteien. Diese europäischen Schürer des Hasses glauben nicht notwendigerweise selbst, dass Israel die Palästinenser auslöscht oder sich wie die Nazis verhält. Doch ihre einseitigen Äußerungen tragen allesamt zu diesem Bild bei. Das ist die Methode der „Tausend Schnitte“. Jede für sich genommen hat keine dieser Attacken die dramatischen Ergebnisse verursacht, das die Studien zeigen. Zusammen aber haben sie sie geschaffen.

HR: Was sonst hat zu Europas krimineller Weltanschauung bezüglich Israel beigetragen?

MG: Ein weiteres Element ist die Trivialisierung und das teilweise Verstecken wichtiger horrender Ereignisse in der Vergangenheit der europäischen Länder. Auf diese Weise malt Europa ein viel zu rosiges Bild der eigenen Geschichte. Dieses wird dann mit dem massiv verfälschten Bild Israels verglichen.

Sehr wichtig ist außerdem, dass der weit verbreiteten Kriminalität und dem Schüren von Hass in großen Teilen der palästinensischen Gesellschaft und vielen arabischen und muslimischen Staaten viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn Massenmorde, Terroranschläge und andere große Verbrechen dort entsprechend dem Verhältnis ihrer Bevölkerung und Fehlverhalten in diesen Ländern aufgezeigt würden, wären Nachrichten zu Israel vergleichsweise vernachlässigbar. Dass bei großen Verbrechen in der muslimischen Welt weggesehen wird, ist ein Beispiel für das, was wir humanitären Rassismus nennen könnten. Viele Menschen ignorieren die Verbrechen Farbiger, weil diese als schwach wahrgenommen werden. Solche Rassisten behaupten oft fälschlich, dass sie dem antirassistischen Lager angehören.

HR: Irgendwelche weitere Überlegungen zu den Feststellungen in Ihrem Buch?

MG: Eine weitere ist die, dass die weit verbreitete kriminelle Weltanschauung des Europas der 1930-er Jahre der Vorläufer großer Verbrechen war, die in Europa in den 1940-er Jahren begangen wurden. Das wirft die Frage auf: Wohin könnte die derzeitige kriminelle Weltanschauung führen? Wird sie wieder zu großen europäischen Verbrechen führen, diesmal gegen Israel? Oder werden die Europäer die kriminellen Zaungäste sein, wenn viele in den muslimischen Ländern extreme Verbrechen gegen Israel begehen wollen? Mein Buch deckt also eine möglicherweise riesige Story auf.

(Teil 2 hier)

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Zeitgenössischer französischer Antisemitismus: Barometer zur Beurteilung von Problemen in der Gesellschaft

Manfred Gerstenfeld interviewt Shmuel Trigano, 06.02.2012 (direkt vom Autor)

„Die Möglichkeit der Wiedergeburt einer antisemitischen (antizionistischen) Strömung im französischen Empfinden, die sich mit klassischem islamischem Antijudaismus zusammenschließt, spiegelt die Lage der französischen Gesellschaft wider. Neuankömmlinge wie auch Staatsbürger zeigten – seit inzwischen einem Jahrzehnt – wie die symbolische und mythologische Stellung der Juden in der französischen Gesellschaft und der europäischen Mentalität instrumentalisiert werden kann, um die eigene Agenda voranzutreiben. Mehrere politische Parteien, Politiker und Publizisten haben in verschiedenen Bereichen Juden als Hilfsmittel benutzt.

Es gab in der französischen öffentlichen Meinung eine große antisemitische Welle, als im Jahr 2000 der zweite palästinensische Aufstand losbrach. Israel wurde als monströs dargestellt, als Nazistaat, der Kinder töten wollte. Dieser antiisraelische Diskurs hat tiefer liegende Wurzeln. Antisemitische Stereotype waren – wenn auch im Hintergrund – bereits während des Oslo-Prozesses präsent. Juden wurden damals oft beschuldigt sie hätten ‚der Shoah zu sehr ein Denkmal gesetzt‘, um sie für Prestige, Macht und Besitzergreifung auszubeuten.“

Shmuel Trigano ist Professor für Soziologie an der Universität Paris, Präsident des Observatoire du Monde Juif und Autor zahlreicher Bücher, die sich auf jüdische Philosophie und jüdisches politisches Denken fokussieren.

Trigano vermerkte, dass es, um die derzeitige Lage zu verstehen unerlässlich sei, sich nicht nur an die im Jahr 2000 beginnende wesentliche Zunahme des gewalttätigen Antisemitismus in Frankreich zu denken, sondern auch an die Reaktion der Öffentlichkeit darauf. „Sie war, was die Nachkriegszeit betrifft, ohnegleichen. Die Haupttäter waren französische Staatsbürger mit muslimisch-arabischem und subsahara-afrikanischem Immigranten-Hintergrund. Es gab ähnliche – wenn auch nicht so viele – Vorfälle während des ersten Golfkriegs Anfang der 1990-er Jahre.“

Trigano erinnert sich, dass über antisemitische Gewalt sowohl durch die Presse wie die Behörden mehrere Monate lang weitgehend nicht berichtet wurde. „Selbst jüdische Organisationen blieben stumm, höchstwahrscheinlich, wie wir später feststellten, auf Ersuchen der von Lionel Jospin geführten sozialistischen Regierung. Dieses Schweigen war ein weiterer Faktor dafür, dass die jüdische Gemeinde sich sowohl von den französischen Behörden wie von der selbstgefälligen Gesellschaft im Stich gelassen fühlte.

Die Lage der Juden in Frankreich verschlechterte sich, als verschiedene Medien Meinungen zum Ausdruck brachten, dass die Gewalt und der Hass angesichts der Ereignisse im Nahen Osten und der Politik Israels durchaus nachvollziehbar seien. Das implizierte, dass das Schicksal der französischen Juden von der Politik Israels und der französischen Kritik daran bestimmt würde.

Während der ersten Monate der Anschläge forderte das französische Judentum Hilfe, doch niemand hörte zu. Das führte viele französische Juden zu der Erkenntnis, dass ihr Platz und ihre Staatsbürgerschaft im Land inzwischen infrage standen. Sie begriffen, dass die Behörden bereit waren die jüdische Gemeinde für den Erhalt des sozialen Friedens zu opfern. Dieser Standpunkt wurde von der pro-arabischen Politik Frankreichs im Irak-Krieg bekräftigt.

Jüdische Bürger konnten nicht verstehen, dass gewalttätiges Handeln gegen sie im Namen von Entwicklungen in 3.000 Kilometern Entfernung begangen wurde. Heute gibt es gibt es noch Leute, die sich an die Worte des ehemaligen sozialistischen Außenministers Hubert Védrines erinnern, die in verschiedenen Variationen von mehreren Politikern wiederholt wurden: ‚Man muss nicht notwendigerweise schockiert sein, dass junge Franzosen mit Migrationshintergrund eine Leidenschaft für die Palästinenser haben und wegen dem, was ihnen geschieht, sehr erregt sind.‘“

Trigano merkte an: „Einzelne Juden reagierten entsprechend ihrer Erfahrungen aus der Vergangenheit. Eine bekannte französisch-jüdische Psychoanalytikerin, die verstorbene Janine Chasseguet-Smirgel, sagte mir, dass sie sich an die 1930-er Jahre erinnert fühlte. Anfangs schien mir das übertrieben, denn Frankreich gilt als Demokratie und offene Gesellschaft. Dennoch war es schwer zu verstehen, wie der Diskurs der freien Presse eines liberalen Staates derart gleichförmig der Regierung folgen konnte. Daraufhin verstand ich die Realität in der Sowjetunion besser.

Meine eigenen Assoziationen waren bei der Flucht unserer Familie aus Algerien im Juni 1962, als wir zwei Tage lang mit nur zwei Koffern auf einem Militärflugplatz warteten. Wir hatten die Tür unseres Hauses abgeschlossen und waren gegangen, als die Behörden uns im Stich ließen. Wir mussten uns selbst retten, damit wir in dem Chaos nicht getötet wurden.

Diese traumatischen Gefühle haben die französischen Juden nicht losgelassen, obwohl zwei Jahre später Nicolas Sarkozy als Innenminister der neuen Regierung 2002 den Versuch begann den Antisemitismus zu bekämpfen. Vielleicht wurde die Öffentlichkeit sich des Problems zu spät bewusst. In Frankreich ist die Selbstzensur im antisemitischen Diskurs zusammengebrochen. In der Öffentlichkeit wird regelmäßig Antisemitisches zum Ausdruck gebracht. Eine demokratische Regierung kann dieses Phänomen in keiner Weise verändern. Die Medien und die Regierung nennen diesen Antisemitismus fälschlich ‚inter-ethnische Spannungen‘.

Eine Folge der gegen die Juden gerichteten Feindseligkeit ist die zunehmende Entwicklung eines jüdischen mentalen und Verhaltens-Ghettos. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt und zogen sich infolgedessen aus der breiteren Gesellschaft zurück, um unter jüdischen Freunden zu sein. Ein weiteres Phänomen des neuen Jahrhunderts ist die zunehmende Zahl von Schülern und Lehrern an privaten jüdischen Schulen, weil sie sich an öffentlichen Schulen gefährdet und wehrlos fühlen.

Der ideologische Prozess der Förderung antijüdischen Hasses ist seit mehr als zehn Jahren vor einem Hintergrund fortgeführt worden, in dem Islamisten, linksextremistische und rechts gerichtete Kreise sich treffen. Juden sind eine zu schwache Wählerschaft, als dass man von der derzeitigen politischen Strömung eine Veränderung erwarten könnte. Allgemein gesagt gibt es in der öffentlichen Meinung Frankreichs wenig Mitgefühl für die Juden und Israel.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Vorsitzender des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs.