Ägyptischer Antisemitismus von Mubarak zu Mursi

Manfred Gerstenfeld interviewt Botschafter Zvi Mazel (direkt vom Autor)

Antisemitismus und was man Antiisraelismus nennen könnte, haben sich in Ägypten seit vielen Jahrzehnten vermischt. Angriffe auf Israel nutzen oft die verkommensten antisemitischen Klischees. Israel und das jüdische Volk werden auch getrennt angegriffen, obwohl viele Ägypter Israel und die Juden als ein und dasselbe ansehen.

Diese Phänomene des Hasses blühen jetzt weiter so, wie sie es unter Mubarak taten, der von 1981 bis 2011 Ägyptens Präsident war. Um zu verstehen, wie die massive Dämonisierung Israels und der Juden strukturiert ist, muss man einen viel längeren Zeitraum analysieren.

Zvi Mazel

Zvi Mazel war von 1996 bis 2001 israelischer Botschafter in Ägypten. Er diente außerdem in Rumänien und Schweden. Er ist heute Fellow am Jerusalem Center for Public Affairs und beobachtet arabische Themen.

Eine Gelegenheit, bei der international zutage trat, dass alle Juden das Angriffsziel sind, gab es während des historischen Besuchs von Papst Johannes Paul II. in Ägypten im Jahr 2000. Die regierungseigene englischsprachige Tageszeitung The Egyptian Gazette veröffentlichte auf der Titelseite ein Editorial mit der Überschrift „Wer braucht eine Entschuldigung?“ Es verwies auf die Absolution der Juden für die Ermordung Jesu durch den Vatikan. Nach Angaben des Chefredakteurs Ali Ibrahim löschte diese Absolution sämtliche Geschichte, Gebete und Rituale aus 2000 Jahren Christenheit. Er folgerte daraus, dass die Vereinigten Staaten den Vatikan unter Druck gesetzt hatten den Juden Absolution zu erteilen, um damit Israel zu stärken.

Unter Mubarak gab es sehr viele staatseigene Medien; andere Zeitungen wurden streng zensiert. Es war verboten den Präsidenten, die Streitkräfte und den Umgang mit der koptischen Minderheit zu kritisieren. Was Israel und die Juden angeht, war es jedoch zulässig sie unerbittlich zu attackieren und zu diffamieren. Islamische Zeitungen richteten sich nach der offiziellen Linie und ihre Botschaften des Israelhasses und Antisemitismus waren beißend.

Juden werden in Karikaturen hauptsächlich als schwarze Mäntel und Hüte tragend, mit großen Hakennasen und Schläfenlocken dargestellt. Sie wurden oft als Palästinenser abschlachtend oder Friedenstauben abstechend gezeigt. Bei vielen Gelegenheiten werden Juden als Diebe und Lügner präsentiert. Sie werden regelmäßig „Söhne von Affen und Schweinen“ genannt. 1997 veröffentlichte die Wochenzeitschrift Rose al-Yussef eine Studie, die zur Diskussion bei der Arabischen Gesellschaft für Sozialwissenschaften vorgelegt wurde. Sie erkundete „Quellen“ ungewisser Herkunft – dass Juden in Ägypten als „abstoßend“, wahrgenommen werden, „in nasalen Tönen sprechen“ und „verlogen“ sind.

Ein weiteres wichtige Hass-Thema ist die Darstellung der Juden als Wurzel alles Bösen und Bedrohung für den Weltfrieden. Solche Artikel berufen sich oft auf die Protokolle der Weisen von Zion, Ritualmordvorwürfe oder sogar Texte aus dem Talmud. Viel Respekt wurde dem prominenten französischen Holocaustleugner Roger Garaudy gezollt, der 2012 starb. Die vom damaligen schwedischen Premierminister Gunnar Persson im Jahr 2000 angeregte Initiative eine internationale Konferenz zur Holocaust-Bildung zu veranstalten, wurde in Ägypten heftig verurteilt. Das sind nur ein paar wenige Beispiele unter vielen.

Der Aufstieg der Muslimbruderschaft an die Macht in Ägypten bringt eine Bewegung nach vorne, der der Judenhass angeboren ist. Diese Organisation wurde 1928 in Ägypten durch den Lehrer Hassan Al-Banna als panislamische Bewegung gegründet. Sie entwickelte eine muslimische Version des Nazi-Antisemitismus. Sie sorgte dafür, dass Hitlers Mein Kampf unter dem Titel „Mein Jihad“ ins Arabische übersetzt wurde. Andere antisemitische Veröffentlichungen der Nazis wurden ebenfalls übersetzt. In der Nazi-Hasszeitung Der Stürmer zu findende Karikaturen wurden so verändert, dass sie die Juden als satanischen Feind Allahs statt des deutschen Volkes darstellten. Der Schriftsteller und Theoretiker Sayyid Qutb wurde eine führende Autorität der ägyptischen Muslimbruderschaft der 1950-er und 1960-er Jahre. In seinem populären antisemitischen Buch Mein Kampf mit den Juden behauptete er, die Juden hätten den Islam infiltriert und korrumpiert.

Antisemitismus im Übergang von Mubarak zu Präsident Mohammed Mursi kommt zum großen Teil in der Anwendung antisemitischer Themen gegen Israel zum Ausdruck. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu wird in den ägyptischen Medien weiter als Hitler gezeigt. Ein Video aus einer Moschee vom Oktober 2012 zeigte den ägyptischen Präsidenten, wie er zu den Gebeten eines Imams „Amen“ sagte, der Allah aufforderte „die Juden und ihre Helfer zu vernichten“.

Ein weithin publizierter Vorfall vom August 2012, bei dem Antiisraelismus und Antisemitismus sich offen vermischten, ereignete sich in einem ägyptischen Fernsehprogramm, das „Versteckte Kamera“ ähnelt. Die Sendung lud den beliebten Schauspieler Ayman Kandeel ein; man erzählte ihm, er würde im deutschen Fernsehen erscheinen. Als die Sendung live ausgestrahlt wurde, behauptete die ägyptische Interviewerin fälschlich, sie sei eine Israelin, die ihn für das israelische Fernsehen interviewe. Der Schauspieler stieß sie an die Wand, ohrfeigte und verfluchte sie. Die Schauspielerin Al-Beblawi, der derselbe Streich gespielt wurde, sagte live: „Allah hat den Wurm und die Motte nicht so verflucht, wie er die Juden verfluchte.“1

Mazel schließt: Der Mix an Antisemitismus und Antiisraelismus ist in die ägyptische Psyche eingebettet worden. Die Juden und der jüdische Staat werden als Feinde Ägyptens betrachtet, obwohl zwischen Israel und Ägypten Frieden besteht. Der Aufstieg der Muslimbruderschaft mit ihrem ideologischen Hass auf die Juden an die Macht hat die Lage verschlimmert und könnte den Frieden zwischen den beiden Ländern bedrohen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.

1 Jeffrey Goldberg: In Egypt, Anti-Semitism is Back in Fashion“. Bloomberg, 6. August 2012.

Vom Arabischen Frühling zum Islamistischen Winter

Demonstranten waren von Moscheen geschickt

Khaled Abu Toameh, Hudson New York, 28. Oktober 2011

Die „Revolutionäre“, die den libyschen Diktator Moammar Gaddafi sodomisierten, skandierten den berühmten islamischen Schlachtruf „Allahu Akbar!“ [Allah ist größer]

Als die Führer der Revolution auf einer Pressekonferenz Gaddafis Tod verkündeten, begannen selbst säkulare Muslime zu skandieren: „Allahu Akbar!“

Ein paar Tage später erklärte der Führer von Libyens Nationalem Übergangsrat, Mustafa Abdul Jalil, auf einer Demonstration in Benghazi, dass sein Land jetzt ein islamischer Staat werden würde. „Als muslimisches Land haben wir die islamische Scharia als Hauptquelle des Rechts übernommen. Entsprechend ist jedes Gesetz, das den islamischen Prinzipien mit der islamischen Scharia widerspricht, rechtlich außer Kraft gesetzt.“

An diesem Punkt ist noch nicht klar, welche Version des islamischen Rechts die neuen Herrscher Libyens durchsetzen wollen. Wird Libyen sich nach dem Beispiel des Iran, des Sudan und Saudi-Arabiens richten, wo Ehebrecher zu Tode gesteinigt und verurteilten Dieben die Hände abgehackt und auf öffentlichen Plätzen geköpft werden? Oder wird Libyen eine „moderatere“ Version des Islam gutheißen, wie es in vielen arabischen und islamischen Ländern der Fall ist?

Wie auch immer, inzwischen ist klar, dass das Libyen nach Gaddafi alles andere als ein säkulares und demokratisches Land sein wird, sondern eines, wo es keinen Raum für Liberale und Moderate gibt.

Diejenigen, die glaubten der arabische Frühling würde Moderatheit und Säkularismus in die arabische Welt bringen, stehen vor einer großen Enttäuschung.

Die Ergebnisse der ersten freien Wahlen, die unter dem Schirm des Arabischen Frühlings abgehalten wurden, haben in Tunesien jetzt die Islamisten an die Macht gebracht. Doch die Islamisten, die die Wahlen in Tunesien gewannen, werden bereits von ihren Rivalen beschuldigt zu „moderat“ zu sein, weil sie nicht Jihad und Terror gegen die „Ungläubigen“ befürworten.

Was ist mit all den jungen und charismatischen Facebook-Repräsentanten geschehen, die allen erzählten, dass die Aufstände den arabischen Ländern westliche Werte und Demokratie bringen würden? Einige der säkularen  Parteien, die in Tunesien zur Wahl standen, gewannen nicht einen einzigen Sitz im Parlament.

Was vielen westlichen Beobachtern entging ist, dass die meisten der Antiregierungs-Demonstrationen, die im Verlauf der letzten zehn Monate über die arabischen Welt hinwegfegten, oft aus Moscheen heraus gestartet wurden und Freitagsgebeten folgten.

Das gilt insbesondere für Ägypten, den Jemen, Syrien und Jordanien.

Dank des Arabischen Frühlings beginnen die Islamisten in diesen Ländern aus ihren Verstecken zu kommen, um legitime Spieler auf der politischen Bühne zu werden.

Die Schrift an der Wand ist sehr groß und klar. In freien und demokratischen Wahlen werden diejenigen, die das Banner des „Der Islam ist die Lösung“ tragen, wichtige Siege in den meisten, wenn nicht allen arabischen Ländern davon tragen. Die Palästinenser waren die ersten, die diesen neuen Trend erfuhren, damals, 2006, als die Hamas die säkulare Fatah in freien und fairen Parlamentswahlen besiegten, die auf Forderung der USA und der EU abgehalten wurden.

Die Führer des Arabischen Frühlings haben es versäumt sich ihrem Volk als eine bessere Alternative zu den Islamisten anzubieten. So weit es viele Araber angeht, ist dies eine gesichtslose Facebook-Revolution, die darin versagt hat neue Führer hervorzubringen. Der Arabische Frühling wird zum Islamistischen Winter.