Sari Nusseibeh (2) – Profil: Sari Nusseibeh – Arafats Mund, aber Saddams Augen und Ohren

Michael Widlanski von The Media Line hat nachgeforscht und ein Profil des Politikers erstellt, das am 28.12.2001 erschien.
(Original: Sari Nusseibeh–Arafat’s Mouth, but Saddam’s eyes and ears)

Mehrere hundert Spruchbänder tragende Mitglieder der israelischen Linken marschierten heute durch Jerusalems Hauptstraßen, „um ein Zentrum für Dialog und gemeinsame Aktivitäten“ zwischen Palästinensern und Israelis einzuweihen, aber besonders, um beim Aufkeimen der politischen Karriere eines sich zunehmend Gehör verschaffenden arabischen Akademikers namens Sari Nusseibeh, Yassir Arafats Repräsentant in Jerusalem, zu helfen.

Die Demonstranten, von denen die meisten in Schwarz gekleidet waren und gegen Israels Politik in der Westbank protestierten, wussten sehr genau, dass Nusseibeh, in Oxford ausgebildeter Professor, kürzlich von Arafat als Quasi-Minister für Jerusalemfragen in der Autonomiebehörde ernannt wurde.

Die linksextremen Demonstranten, von denen viele aus Westeuropa eingeflogen waren, waren sich natürlich auch im Klaren darüber, dass die israelische Regierung versucht hat Nusseibeh davon abzuhalten, ein öffentliches Amt in Jerusalem einzunehmen, weil die Oslo-Vereinbarungen und das israelische Gesetz palästinensische staatliche Amtsausübung in Jerusalem ausdrücklich untersagen.

Sie sagen, dass Nusseibeh ein „Moderater“ sein und dass die israelische Regierung dumm handle, wenn sie eine „moderate Stimme“ auf der palästinensischen Seite zum Schweigen bringen wolle.

„Vor zwei Wochen wurde Dr. Nusseibeh verhaftet, als er versuchte einen Empfang im Hotel abzuhalten. Koalitionsmitglieder drückten ihre Hoffnung aus, dass die Regierung denselben Fehler nicht ein zweites Mal begeht und Abstand von dem Versuch nimmt, die Stimme der Mäßigung zum Schweigen zu bringen“, erklärte eine Stellungnahme der Israelisch-palästinensischen Friedenskoalition.

Die Demonstranten, darunter der frühere israelische Justizminister Yossi Beilin, wussten aber vielleicht nicht, dass Dr. Sari Nusseibeh, bevor er mit der Arbeit für Arafat begann, für Saddam Hussein arbeitete, indem er versuchte Raketenangriffe auf Israel zu leiten.

Während des 1991-er Golfkriegs wurde Nusseibeh geschnappt, als er irakische Gemeindienstler kontaktierte, um zu helfen, Scud-Raketen Saddam Husseins ins Ziel zu bringen; durch die 39 Raketen-Angriffe wurden vier Israelis getötet (einer davon direkt) und viele verletzt.

„Während die Raketen fielen, wurde uns klar, dass dieser Herr mit dem irakischen Botschafter eines benachbarten Landes telefonierte um den Irakis zu sagen, wohin sie die Raketen schießen sollten“, erklärte Oberst a.D. Shalom Harari, früherer Berater für arabische Angelegenheiten im israelischen Verteidigungsministerium.
In einem Exklusiv-Interview mit The Media Line beschrieb Harari, wie der „moderate“ Nusseibeh den irakischen Beamten z.B. erzählte: „Schießt nicht in den Negev, sondern an ein andere Stelle, damit ihr mehr Wirkung erzielt.“

Nusseibeh wurde von Israels Geheimdienst Shin Bet (heute alsl Shabak bekannt) verhaftet und mehrere Wochen lang ohne Gerichtsverhandlung in Gewahrsam der Verwaltung genommen.

Nach dem Ende des Golfkriegs ließen israelische Beamte unter Druck der israelischen Linken eine „Kuhhandel“ zu, unter dem Nusseibeh freiwillig das Land für drei Jahre verließ, sagte Harari, heute Forscher am Interdisciplinary Center in Herzliya.

„Sari Nusseibeh ist ein Stratege und Ideologe mit langfristiger Perspektive“, erklärte Shalom Goldstein, Berater für arabische Fragen bei der Jerusalemer Stadtverwaltung.
„Er ist jemand, der in der Lage ist eine Auszeit zu nehmen und einen Weg für die Zukunft auszuhecken“, sagte Goldstein, der Nusseibehs politische Aktivitäten genau beobachtete.
„Für ihn ist ‚Frieden Jetzt‘ nur ein Zwischenziel“, sagte Goldstein und zitierte Erklärungen Nusseibehs gegenüber der arabischsprachigen Presse, die zeigen, dass Nusseibeh ein volles „Rückkehrrecht“ für arabische Palästinenser befürwortet, was zu einem schrittweisen demographischen Sieg über Israel führen würde.

„Ich rief niemals – zu keiner Gelegenheit – dazu auf, auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge zu verzichten“, erklärte Nusseibeh am 23. November in einem Interview mit der arabischen Jerusalemer Zeitung Al-Quds.
Nusseibeh erklärte weiter, dass er zur Zeit wegen der relativen diplomatischen und militärischen Schwäche der Araber einen taktischen Ansatz gegenüber dem derzeitigen Stand des arabisch-israelischen Konflikts übernimmt.

Mitglieder der israelischen Linken oder des „Friedenslagers“ haben behauptet, dass Nusseibeh eine Haltung gegenüber der Rückkehr der Flüchtlinge umrissen hat, aber israelische Geheimdienst-Experten sagen, dass dies nur ein weiteres Beispiel für Nusseibehs angeblich „moderate Haltung“ sei, die von den Fakten nicht gestützt wird.

Die Geheimdienst-Informationen der Regierung sagen, dass sie weitere geheime Informationen haben, die Nusseibehs wirkliche Feindschaft zu Israel aufzeigen – die durch seine Unterstützung von Saddams Raketenangriffen 1991 sehr lebhaft veranschaulicht wird.
„Im Grunde genommen hat er die Irakis angewiesen, wohin sie ihre Raketen schießen sollten“, sagte Hariri, der Oberst a.D. des israelischen Geheimdienstes.
„Wir entschieden, ihn unter Arrest zu stellen, aber das war nicht einfach“, sagte Harari.
„Sogar damals war er (Nusseibeh) bereits der Liebling der israelischen Linken; als aber einige von denen heraus fanden, was er tat, änderten sie ihre Meinung“, sagte er.
„Yossi Sarid, der zu den Mitgliedern des außenpolitischen Ausschusses gehörte, sagte nach der Durchsicht der Akte zum Fall: ‚Wäre ich der Richter, dann würde ich ihn nicht zu drei Monaten sonder zu zehn Jahren verurteilen“, merkte Hariri an.

© 2001 Michael Widlanski
Widlanski wurde von der israelischen Linken heftig wegen dieses Artikels angegriffen; die Zeitung Ha’aretz schrieb u.a.:

– Nusseibeh hätte 1991 nicht mit dem irakischen Botschafter in Tunesien telefoniert, sondern mit jemandem, der sich als solcher ausgegeben hätte

– Als er sich für eine Feier zum Ende des Ramadan heraus putzte, habe er plötzlich erfahren, dass die Veranstaltung von den israelischen Behörden verboten worden sei und er von der Polizei verhört werden solle

Die israelische Linke (Peace Now, Gush Shalom) schoss sich gemeinsam mit palmediaalert@yahoogroups.com auch auf die israelischen Maßnahmen ein, die in Folge der „Internationalen Solidaritäts-Mission“ statt fanden, u.a. „Israelische Soldaten sind sich inzwischen nicht mehr zu schade palästinensische Jugendliche zu belästigen; internationale Beobachter* wurden Zeugen davon, dass Soldaten 8- bis 10-jährige Kinder anbrüllten und ihre Ausweise** sehen wollten.

Mit diesen Aussagen sollte das Verbot und die Befragung Nusseibehs durch die israelische Polizei weiter diskreditiert werden. Die Aktivisten haben fleißig Fotos gemacht, die sie über das Internet verbreiten.

Anmerkungen:
* Diese „internationalen Beobachter“ waren eine Gruppe, die sich „International Checkpoint Watch“ nennt. Die ICW setzt sich aus Freiwilligen aus verschiedenen Ländern zusammen, die regelmäßig Kontrollpunkte beobachten um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren.
** Totaler Quatsch: Kinder haben keine Ausweise. Im PA-Gebiet bekommt man erst im Alter von 16 Jahren einen Personalausweis, die Soldaten können also keinen solchen von den Kindern verlangt haben!
Michael Widlanski antwortete gegenüber IMRA auf die Vorwürfe:

Ich habe bei meinen Quellen noch einmal nachgefragt und sie lachten über den Ha’aretz-Artikel als ein „rein waschen“.

„Um zu verstehen, wie groß das Verbrechen ist, das Nusseibeh beging, sollten Sie die Peace Now-Leute bitten, die Reaktion Yossi Sarids von 1991 nachzuprüfen, einem Abgeordneten des Knesset-Ausschusses mit Zugangsberechtigung zu den geheimen Akten über die Anklage gegen Nusseibeh“, sagte ein Geheimdienstler (der sich jetzt im Ruhestand befindet), der aber immer noch durch die Durchführungsbestimmungen für Geheimsachen daran gehindert ist, die Einzelheiten aus Nusseibehs Fall zu enthüllen.

„Sarid (damals Meretz-Abgeordneter) wurde von Nahum Barnea von Yediot Aharonot interviewt und sagte, hätte er Nusseibeh verurteilt, dann hätte er ihm nicht drei Monate, sondern 10 Jahre Gefängnis aufgebrummt“, sagte der Geheimdienstler.

Die Leute von Peace Now können Yossi Sarid fragen, ob er immer noch zu seiner Bemerkung nach dem Durchsehen der geheimen Akte steht.

In allen Fällen stehen meine Quellen zu ihren Aussagen und haben noch zusätzliche Punkte angeführt:

  1. Nusseibeh redete NICHT mit jemandem, der behauptete der irakische Botschafter in Tunesien zu sein. ES WAR NICHT TUNESIEN UND ES WAR EINDEUTIG EIN IRAKISCHER BEAMTER, NICHT JEMAND, DER SICH ALS SOLCHER AUSGAB.
  2. Wenn Nusseibeh so unschuldig war, wie er behauptet, warum akzeptierte er den israelischen Kuhhandel mit dem freiwilligen Exil, was wahrscheinlich die schlimmste Sache – und die letzte – ist, die ein Palästinenser mit Selbstachtung und politischem Bewusstsein jemals akzeptieren würde?
  3. Die Vorgehensweise Nusseibehs in den letzten Wochen – sich an Agenten und Unterstützer aus dem Ausland zu wenden – hat sich wiederholt. Diesmal hat Nusseibeh mit der Hilfe von Yossi Beilin (einen israelischen Politiker, der von Unterstützern aus dem Ausland finanziert wird) die Gelegenheit ergriffen, ausländische Unterstützer zu holen, die Provokationen gegen die israelische Polizei in Jerusalem und gegen israelische Soldaten in der Westbank ausführten.
  4. Ha’aretz Magazin als „Belegtext“ anzuführen, beweist gar nichts.
    Die Haltung der Herausgeber von Ha’aretz ist seit Jahren die gleiche wie die von Peace Now und Gush Shalom. Diese Einstellung beeinflusst nicht nur die Herausgeber-Artikel, sondern die gesamte Berichterstattung. Deshalb berichtete Ha’aretz falsch über das, was Nusseibeh auf der Straße am Imperial Hotel am Jaffa-Tor in der Jerusalemer Altstadt tat. Er „putzte sich“ nicht einfach „heraus“ und entdeckte auf einmal, dass er von der Polizei zur Befragung gesucht wurde. DIE WAHRHEIT IST, DASS NUSSEIBEH EINE POLIZEILICHE ANORDNUNG IGNORIERTE, DIE IHM VERBOT EINE ÖFFENTLICHE VERSAMMLUNG ABZUHALTEN, DIE GEGEN ISRAELISCHES GESETZ UND DIE OSLO-VERTRÄGE VERSTÖSST – DIE DER PLO UND DER AUTONOMIEBEHÖRDE AKTIVITÄTEN INNERHALB JERUSALEMS VERBIETEN – UND DASS ER VORSÄTZLICH VERSUCHTE EINE DEMONSTRATION AUF DER STRASSE ZU VERANSTALTEN.

DIE SCHLICHTE WAHRHEIT IST, DASS ER VERHAFTET UND BEI DER VERHAFTUNG FOTOGRAFIERT WERDEN WOLLTE. WENN NUSSEIBEH SEINEN GÄSTEN EINFACH MITGETEILT HÄTTE, SIE MÖCHTEN BITTE NACH HAUSE GEHEN, HÄTTE DAS GANZE OHNE VERHAFTUNGEN STATTGEFUNDEN. ABER NUSSEIBEH UND SEINE „FRIEDENSKOALITION“ WOLLTEN DIE KONFRONTATION UND (für Israel) PEINLICHE FOTOS. (Was Widlanski mit E-mail-Nachrichten der „Friedensaktivisten“ belegt)

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Glaube. Und sei mutig. Und komm heim.

Daniel Gordis, 22. Juni 2007 (Link: Canadian Institute for Jewish Research)

„Hast du den Artikel über Avram Burg in Ha’aretz gelesen?“

Das war natürlich DIE Frage der Woche. Es war dieselbe Woche, in der Shimon Peres gewählt wurde (also DAS war ein Satz, von dem wenige von glaubten, wir würden ihn jemals hören), zu Israels nächstem Präsidenten. Und die Woche, in der der Gazastreifen zu Hamastan wurde. Es war auch die Woche, in der Ehud Barak zum Verteidigungsminister ernannt wurde. Aber wenige Leute, mit denen ich mich so rumtreibe, sprachen über Peres, Gaza oder Barak. Jedermann, so schien es, redete über Burg und den überragenden Job, den Ari Shavit – einer der führenden Journalisten Israels – mit seinem Interview erledigt hatte.

Diesmal aber kam die Frage von meinem Sohn, auf dem Weg zurück von der Synagoge.

„Ich habe es gelesen“, sagte ich ihm. „Du auch?“
„Ich habe es zweimal gelesen“, sagte er.
„Zweimal?“
„Ja, Ich las es einmal und dann, als alle meine Freunde anfingen darüber zu diskutieren, las ich es noch einmal.“
„Und was denkst du?“, fragte ich ihn.
„Nein, was denkst du?“

Die Wahrheit ist, dass ich schon an etwas anderes dachte. Ich versuchte mich zu erinnern, ob, als ich im letzten Jahr vor dem Abitur war, nur Wochen vor dem Abschluss, ein Artikel über Nationalismus, Ideologie oder irgendetwas dieser Art meine Oberstufenfreunde und mich derart aufgeregt hätte. Und ich konnte mir nichts derartiges vorstellen. Wir wuchsen in einer Welt auf, so scheint es mir heute, über die wir nicht viel nachdenken mussten.

Nicht so unsere Kinder. Sie wachsen in einer Welt auf, in der schon die Existenz des Landes, in dem sie leben, eine Frage ständiger Diskussionen ist. Sie begreifen, dass der arabische Hass auf Israel so tief eingegraben ist, dass er blühen wird, auch wenn er jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Palästinenser vernichtet. Sie sind noch nicht einmal sonderlich überrascht, wenn die britische akademische Welt sich entschließt alle israelischen Akademiker zu boykottieren. Aber wenn jemand wie Avram Burg, ein ehemaliger Parlamentspräsident der israelischen Knesset und ehemaliger Kopf der Jewish Agency, sagt, dass es an der Zeit ist, dass Israel aufgibt ein jüdischer Staat zu sein oder dass der jüdische Staat keine Seele hat, dann nimmt selbst diese junge, aber übersättigte Generation davon Notiz.

Aber Avi verdiente eine Antwort. „Ich fand nicht, dass seine Kritik völlig falsch war“, sagte ich und fragte mich, was er zu so etwas sagen würde.
„Ich auch nicht“, sagte er.
„Aber ich fand, er lag in den meisten Dingen falsch. Und ich fand, seine Schlussfolgerungen waren völlig fehl geleitet.“ Und dann fingen wir an zu reden.

Obwohl man versucht ist Burg und seine Kritik Israels einfach abzutun, würden wir es uns damit etwas zu leicht machen. Burg hat deutlich nicht Unrecht, dass ein Dreiviertel-Jahrhundert ununterbrochener Kriegsführung und Verluste die israelische Gesellschaft in eine recht militaristische verwandelt hat, was einige unangenehme Folgen hat. „Die Israelis verstehen nur Gewalt“, sagte er. Übertrieben, denke ich, aber keine Kritik, die irgendjemand, der sich um diese Gesellschaft sorgt, unbekümmert abtun sollte.

Aber die Frage ist nicht, ob er Recht hat. Die Frage ist, was wir deswegen unternehmen.

Burg hat nicht Unrecht, dass es rassistische Elemente in der israelischen Gesellschaft gibt. Seine Vorhersage, dass die Knesset eines Tages sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Arabern verbieten wird, ist lächerlich, hoffe ich; aber es wäre wiederum zu leicht, sich auf Burgs Übertreibungen zu konzentrieren und die Teile seiner Argumentation zu leugnen, die nicht falsch sind. Ein Fünftel dieses Landes besteht aus arabischen Staatsbürgern und die meisten Freunde meiner Kinder sind nie einem begegnet, außer diese Person erledigte irgendeine Arbeit in ihrem Haus. Auch hier liegt Burg nicht völlig falsch. Wir sind (wie viele andere Gesellschaften) der Beweis, das Generation um Generation unter feindseligen Nachbarn zu leben, Xenophobie züchten kann.

Aber wiederum ist auch die Frage, was deswegen unternommen werden kann. Burgs Vorschlag? Übernehmt Gandhis Strategie und entsorgt Israels Atomwaffen. Oh, Israel sollte aufhören ein jüdischer Staat sein zu wollen. Und dann sollte jeder Israeli, dem das möglich ist, sich einen zweiten Pass beschaffen.

Timing ist alles, heißt es. Burgs Buch (das bisher nur auf Hebräisch erhältlich ist) kam heraus, als der Iran unerbittlich atomaren Möglichkeiten näher kommt. Es wurde weniger als ein Jahr herausgegeben, nachdem die Hisbollah – ein Strohmann der Iraner – demonstrierte, dass die IDF nicht länger die unüberwindliche Macht ist, die sie unserer Vorstellung nach war. Und es kam genau in dem Moment heraus, als die Hamas den Gazastreifen übernahm, womit sie die Reichweite der konventionellen Waffen des Iran so weit ausdehnte, dass sie jeden Punkt vieler israelischer Städte erreichen können.

Und angesichts des Iran, Syriens, der Hisbollah und der Hamas findet Burg, wir sollten Gandhi werden.

Dieses Rezept macht natürlich Sinn, wenn man das ganze Unternehmen aufgeben will. Und Burg hat das eindeutig vor. Er besteht darauf, dass wir psychologische Krüppel sind, verwundet von Hitler und nicht in der Lage uns davon zu erholen; und dass unsere Wunden alles färben, was diese Gesellschaft angeht.

Er hat Recht, dass wir verletzt sind. Was die jüdische Welt nicht nur von 1938 bis 1945, sondern auch Jahrzehnte lang davor durchgemacht hat, hat deutlich unsere Weltsicht geformt. Und 60 Jahre Krieg seit 1947 haben da nicht geholfen.

Burg will wissen, wohin wir flüchten sollten. Und ich würde statt dessen fragen, wie wir Heilung erfahren sollten.

Burg glaubt, dass es uns in Brüssel besser gehen würde. Wir brauchen diesen Ort nicht länger, glaubt er. „Ich betrachte die Europäische Union als ein biblisches Utopia. Ich weiß nicht, wie lange sie zusammenhalten wird, aber sie ist erstaunlich. Sie ist komplett jüdisch.“ (Wörtliches Zitat)

Das klingt sehr nach den Juden von Córdoba 1485 oder den Juden Berlins 1920. Oder den heutigen Juden von West Los Angeles, Newton und der Upper West Side in New York.

Was Europa angeht, so finde ich, dass Burg völlig daneben liegt. Aber man kann immer noch hoffen, dass Amerika weiterhin ein Ort lebensprühenden, vitalen kulturellen jüdischen Lebens sein wird.

Und selbst, wenn das eintritt, was ist falsch daran, dass Burg die Hoffnung für unser Überleben an einen anderen Ort bindet und was Burg weiß, aber nicht zugeben will, ist, dass außerhalb dieses Ortes die Wahl, die die Juden zu treffen haben, auf eine sehr bestimmte Gruppe von Gebieten beschränkt ist. Außerhalb dieses kleinen Streifens dieses Planeten muss die überwiegende Mehrheit der Juden ihre außenpolitischen Ansichten nicht mit dem Leben ihrer Söhne und Töchter untermauern. In Amerika können Juden so oder so über die Amnestie für illegale Einwanderer abstimmen, aber nur hier erhält die Frage ausgeprägt jüdische Qualitäten.

Ich glaube nicht, dass ich der einzige war, der dankbar hörte, dass Justizminister Daniel Friedmann darauf bestand, dass Israel die Darfur-Flüchtlinge schlichtweg aufnehmen muss, die sich bis an Israels Grenzen durchschlagen. Die Bibel, sagte er, lässt uns keine andere Wahl. Hätte irgendjemand mich gefragt (was natürlich niemand tat), dann hätte ich hinzugefügt,d ass ein Land, das zum großen Teil auf dem Rücken von Menschen geschaffen wurde, die nirgendwo sonst hin konnten, als die Welt ihre Grenzen schloss und weg sah, darf es nicht einmal wagen diesen Teil seiner Geschichte zu vergessen. Mich interessiert weniger, warum den Juden gewisse Dinge zustießen, als daran, was die Juden, angesichts der Dinge, die passiert sind, zu sein haben.

Ist es fünfundsechzig Jahre, nachdem ganze Schiffsladungen von Juden von einer Küste nach der anderen zurückgewiesen wurden, wirklich eine Frage, was wir tun müssen, wenn Menschen, die aus Darfur fliehen, an unsere Grenze kommen? (Klingt das Wandern durch die Wüste auf dem Weg von Ägypten nach Israel bekannt?)

Natürlich begreift jeder hier, dass dies zu einem großen Problem werden könnte, wenn Abertausende anzukommen beginnen. Das ist nicht zu leugnen. Und es stimmt, dass Israels jüdische Mehrheit (die notwendig ist, damit Israel jüdisch und demokratisch ist) nicht sicher ist, weil 20% der Bevölkerung arabisch ist, viele der russischen Immigranten praktisch nicht jüdisch und die Kinder von Gastarbeitern Petitionen auf Bleiberecht einreichen usw. Und diese Komplexheit, denke ich, ist genau das Problem, das mit staatlicher Souveränität entsteht; und es ist genau das Problem, das wir feiern sollten, denn es ist der Schlüssel dazu, dass das Land eine Seele hat.

Einige Leute stimmen dem nicht zu. Der Oberrabbiner von Hebron, Dov Lior, bestand kürzlich darauf, dass Israel diese Flüchtlinge nicht aufnehmen muss. „Die Armen der eigenen Stadt haben Vorrang vor den Armen anderer Völker“, beharrte er, womit er sich auf das berühmte talmudische Prinzip in Bava Metzia bezog. „Wir haben genug eigene Probleme mit der Eingliederung der Einwanderer. Wir müssen uns um unsere eigenen Flüchtlinge aus Sderot kümmern und wir haben nicht genug Reserven im Staatshaushalt. Wir haben genug arme Menschen in Israel. Es gibt außer uns jede Menge Staaten, die diesen Flüchtlingen helfen können.“

Ich stimme dem nicht zu und ich finde es ironisch (um es milde auszudrücken), dass Liors eigene Eltern verhungerten, nachdem seine Familie aus Polen ausgewiesen wurde und durch die Sowjetunion wanderte. Aber die Ironie ist nicht der wichtige Teil. Bedeutend ist, dass wir einen Disput haben zwischen einem (sehr säkularen) Justizminister, der die Bibel zitiert, und einem recht bekannten Rabbi, der den Talmud zitiert. Und unterdessen nehmen Kibbutzim im gesamten Süden diese Familien aus Darfur auf, ebenso die Stadt Beer Sheva.

Ist das Problem gelöst? Offensichtlich nicht. Aber die Tatsache einer Auseinandersetzung und der Beginn wirklichen Handelns machen es für mich schwierig Burgs Argument zu akzeptieren, dass Israels Seele verloren ist. Schmerz? Absolut. Hartherzig? Vermutlich.

Aber verloren? Niemals.

Burg ist ebenfalls betrübt über die Qualität israelischer Schriften und sieht wiederum die Lösung in der Diaspora. „Es gibt keine wichtige Schriften in Israel. Wichtige jüdische Schriften werden in den USA verfasst.“

Was wirklich wichtige Schriftstücke darstellt, könnte offensichtlich eine interessante Diskussion bilden. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass Burgs Buch in der Hebräischen Buchwoche in Israel heraus kam, dem jährlichen Fest hebräischen Schreibens und Veröffentlichen, das Unterbrechung seit 1926 jedes Jahr statt gefunden hat. Und dieses Jahr, vermerkte die Presse, wurden mehr als 6.000 neue Bücher in Israel verlegt. Nicht schlecht für ein Land mit einer Bevölkerung, die geringer ist als die von Los Angeles.

Quantität ist sicherlich keine Garantie für Qualität und selbst, wenn es ein paar sehr gute Bücher dort gegeben hat, kann man darüber diskutieren, ob wirklich etwas „wichtiges“ dort aufkam. Aber was ist in der letzten Zeit in den USA aufgekommen, das so „wichtig“ ist? Großartige Fiktion, sicher, wie u.a. die Arbeiten von Nicole Kraus, Michael Chabon, Jonathan Safran Foer und dem nimmermüden Philip Roth.

In der Welt der Non-Fiction jedoch, welche wirklich „großen“ Ideen sind dort in der jüngsten Zeit in die jüdische Diskussion eingebracht worden? Um ehrlich zu sein, mir fällt nichts ein. Aber ich bin nicht überrascht. Wir leben in einer verwirrenden Zeit. Obwohl dieses Jahr sehr viele gute Bücher in den beiden Ländern veröffentlicht wurden, ist vielleicht der Grund, dass nichts von wirklich das Denken verbessernder Bedeutung kommt, dass niemand von uns genau weiß, was über die zusammenbrechenden Ideologien gesagt werden soll, in denen viele von uns aufgezogen wurden.

Diejenigen, die von der klassischen zionistischen Sichtweise Israels als einem sicheren Hafen für die Juden genährt wurden, ist es von nicht geringer Bedeutung, dass Israel wahrscheinlich der gefährlichste Ort für einen Juden ist. Mit Ahmadinedschad im Osten, der Hisbollah im Norden, der Hamas im Südwesten und einem ganzen Trupp anderer Mitspieler ist nicht einmal Paris vergleichbar mit der lauernden Bedrohung, mit der die Israelis fertig werden müssen. Dieser Teil der frühen zionistischen Ideologie ist klar zusammengebrochen.

Und was die angeht, die glaubten, der israelische Sieg im Sechstage-Krieg kündigte das Kommen des Messias an, hat Israel dieser messianischen Möglichkeit den Rücken gekehrt. Zugegeben, viele von uns mögen nicht in diesen theologischen Begriffen denken (was das angeht, so ich glaube nicht, dass die meisten Juden überhaupt in theologischen Begriffen denken, da die Theologie eine ex post facto-Sprache für Verpflichtungen ist, die wir bereits anderen Gründen getroffen haben), aber einige Leute hier taten das. Und diese Leute, muss angemerkt werden, waren die Vorreiter des Zionismus. Man mag über die Siedlungen sagen, was man will (und Gershom Gorenbergs Buch über die Siedlungen, Accidental Empire, verdient es von den Menschen auf beiden Seiten des politischen Grabens gelesen zu werden), die Menschen, die sie bevölkerten, waren das neue Blut und die Energie für den Zionismus. So wie diese Ideologen die Welt betrachten, hat Israel sie im Stich gelassen. Als Israel den Sinai und Gaza zurückgab und Schritte unternahm auch noch die Westbank loszuwerden (indem es Olmert wählte), wandten sich die Israelis auch vom Messias ab. Von Gott.

Sind angesichts dessen die Sprünge im ideologischen Engagement der religiös-zionistischen Jugend schwer zu verstehen?

Und was ist mit der „anderen“ Jugend? Sie sind natürlich die Kinder der Peaceniks, derer, die glaubten, alles, was nötig sei, sei ein bisschen territorialer Kompromiss and zwei vernünftige Leute würden dieses Land teilen und Seite an Seite in Frieden leben. Aber dieser Traum von Juden und Arabern, die in den Hügeln der judäischen Wüste sitzen, die Friedenspfeife rauchen und „Kumba-ya“ singen, ist wahrscheinlich weiter entfernt denn je. (Es ist vielleicht ein Zeichen des tief eingegrabenen israelischen Optimismus, dass in derselben Woche, in der die Eroberung des Gazastreifens durch die Hamas das Ende jeder möglichen Übereinkunft mit den Palästinensern für die voraussehbare Zukunft kennzeichnete, wählte die Knesset die einzige lebende Person zu Israels nächstem Präsidenten, der immer noch an die Möglichkeit des „Neuen Nahen Ostens“ glaubt.)

Auch diese Kinder machen gehen ohne den ideologischen Unterbau in die Zukunft, den ihre Eltern im gleichen Alter hatten.

Die Juden der Welt sind nicht länger sicher, an was sie glauben sollen. Die Theologie ist tot. Die Geschichte schmerzt. Der Zionismus ist erschüttert. Israel lebt – „hält durch“ ist wahrscheinlich angemessner – in einer postideologischen Ära mit einer ungewissen und nicht definierten Zukunft. Es wäre schön, wenn einige authentisch wichtige jüdische Bücher heraus kommen, aber ist es, da die Voraussetzungen der jüdischen Welt derart auf den Kopf gestellt sind, überraschend, dass sie spät dran sind?

Also liegt Burg nicht völlig falsch. Diese Gesellschaft wird von vielen Missständen geplagt.

Aber noch einmal: Die Frage ist, was man deswegen unternimmt. Einige Israelis (und viele der Unterstützer Israels in der Diaspora) würden lieber vorgeben, dass die Probleme nicht existieren. Andere Israelis sind bereit das Handtuch zu werfen; sie zeigen, wie Burg, auf die Missstände, die uns plagen und ziehen es vor zu fliehen statt an die Arbeit zu gehen.

Einige von uns jedoch wollen sich immer noch durchhalten und daran arbeiten, weil wir glauben, dass es einen jüdischen Staat, der nicht jüdisch und anständig ist, nicht geben sollte, aber dass ein jüdisches Volk ohne einen jüdischen Staat keine Chance hat zu überleben. Um also nicht nur den Staat zu retten, sondern auch das Volk, werden wir bis zum Ende durchhalten und sehen, was wir aufbauen können. Wir werden versuchen um unser Überleben zu kämpfen und gleichzeitig anständig zu bleiben. Und wir werden versuchen einen Weg zu finden eine weitere Generation Kinder auszubilden – vor wie nach dem Wehrdienst – die sich intelligent über Judentum, Zionismus, Humanismus und Geschichte äußern können, ob sie nun links oder rechts stehen, religiös sind oder säkular. Das ist es, was vermutlich mehr als alles andere, was diesen Ort retten wird.

Aber die Lösungen zu Burgs Liste der Missstände sind langfristige Reparaturen und das hier wird noch eine sehr lange Zeit ein verletzter, gebrochener Ort sein. Deshalb war es eine willkommene Erleichterung – angesichts der letzten Wochen – dass gestern Abend Avis Abschlussfeier in der Schule statt fand. Angesichts der praktisch religiösen Verpflichtung, die die meisten jüdischen Eltern dafür empfinden auf den Schulen ihrer Kinder herumzuhacken, sollt ich anmerken, dass Avi eine der besten Oberschulen absolvierte, die ich je kennen lernte. Ich ging in eine exzellente Oberschule in Baltimore, aber diese war unendlich besser.

In der informellen Zeremonie gestern Abend (ein paar der Kids trugen Krawatten, aber viel mehr trugen Turnschuhe und Shorts – das ist Israel) gab es einen „Refrain“ bei praktisch jedem, der sprach. Lehrer, Schulleitung, ein Elternteil – sie alle sprachen von der Kombination von Offenheit und Engagement, die diese Kids charakterisiert. Die intellektuelle und religiöse Offenheit. Das zionistische und religiöse Engagement. Das Bestehen darauf selbst zu denken. „Unsere Generation hat versagt“, sagte der Elternteil, der sprach, im Grunde genommen, „und es liegt an euch diesen Ort in das zu machen, was wir uns erträumten, wie er sein könnte.“

Und obwohl die Reden alle sehr unterschiedlich waren, endete jede mit einem impliziten Hinweis auf das, was den ganzen Abend über niemand ausdrücklich sagte – einige dieser Kids werden jetzt gleich in die Armee gehen, aber alle werden innerhalb des nächsten Jahres in der Armee sein und es ist heutzutage nicht einfach eingezogen zu werden. Daher endete jeder, der sprach, mit praktisch denselben Worten: Tze’u le-shalom, ve-schuvu scheleimim u-vri’im – „Geht in Frieden und kommt zu Besuch wieder, ganz und gesund.“ Weil angesichts dessen, was diese Kids bald tun werden, nichts davon für selbstverständlich genommen werden kann.

Professor David Hartmann, Schlüsselperson der Gründung der Schule vor rund zwanzig Jahren, sprach auch zu den Kids. „Gebt nicht auf, an was ihr glaubt“, sagte er und erinnerte sie an die Werte, um die es in der Schule geht. Und dann schloss er: „Seid mutig da draußen. Seid mutig, aber seid nicht unvorsichtig. Nehmt euch in Acht. Und kommt wieder, gesund und in Frieden.“

Und während ich sah, dass ein paar Eltern eine Träne wegwischten und ihre jüngeren Kinder neben sich in den Arm nahmen, da war es klar. Die Ideologien sind verwundet und genauso unsere Seelen. Hier hat Burg eindeutig recht. Aber das ist der Grund, dass die Menschen bei der Feier gestern Abend – und ihre Söhne – das Handtuch nicht werfen. Denn sie begreifen, dass Heilung an keinem anderen Ort statt finden kann außer hier.

Avram Burg kann sich seines zweiten Passes erfreuen. Und er kann kurzsichtig Europa ein „jüdisches Utopia“ nennen. Er kann sich ein Leben in Frankreich aufbauen. Das klingt für sein Wohlergehen großartig, ich bin froh, dass er etwas gefunden hat, an das er glaubt.

Aber unsere Kinder, denke ich, sind aufgezogen worden, um der Wirklichkeit direkt ins Auge zu sehen sowie – gleichzeitig – zu verstehen, dass dieser Ort hier die einzige Chance dafür ist, dass das jüdische Volk jemals Heilung erfahren und gedeihen kann. Sie begreifen das und sie sind an Bord. Gestern Abend war klar, dass trotz Burg dieser Ort hier nicht so schnell den Bach runter gehen wird.

Die Kids haben Burgs Interview gelesen und darüber diskutiert. Einige haben wahrscheinlich mehr, andere wahrscheinlich weniger zugestimmt. Am Ende jedoch war es nicht Burg, einst ein aufstrebender Star der israelischen Politik, der ihnen sagte, was sie hören mussten. Es war ein Rabbi, ein Professor, einer der wichtigsten zeitgenössischen jüdischen Denker des Judentums (der, was Burg bemerken könnte, sich entschloss Nordamerika zu verlassen und hier zu leben) in einer Schule, der ihnen – ziemlich wörtlich – „lebt wohl“ wünschte.

„Erinnert euch, an was ihr glaubt. Seid mutig da draußen. Seid mutig, aber nicht unvorsichtig. Nehmt euch in Acht. Und kommt wieder, gesund und in Frieden.“

Dazu ein Amen.

Das Oslo-Syndrom: Der Irrglaube eines belagerten Volkes

Kenneth Levin, Middle East Forum, 26. September 2005

Ausgerechnet am Abend des Handschlags zwischen Yitzhak Rabin und Yassir Arafat auf dem Rasen des Weißen Hauses im September 1993 ging Letzterer ins jordanische Fernsehen und sagte seiner Anhängerschaft, dass sie die Oslo-Vereinbarungen als die erste Phase des Stufenplans verstehen sollte, den die PLO 1974 ausgearbeitet hatte und dessen Endziel die Vernichtung Israels ist. Arafat wiederholte seine Aussage mindestens ein Dutzend Mal während der ersten Monate von Oslo. Warum bestand Israel auf dem Oslo-Prozess, obwohl es nach Arafats Ankunft in den Gebieten im Juli 1994 die schlimmsten Terroranschläge seiner Geschichte erlebte?

Der Oslo-Prozess hätte am Ende einen echten Frieden zwischen den Arabern und Israelis erreichen sollen; statt dessen ergab sich daraus der schlimmste Terror, den Israel je erlebt hat. Wir müssen fragen, warum das so ist. Warum ging Israel vielfache Vereinbarungen mit Arafat ein, obwohl er offen erklärte, dass sein Ziel die Auslöschung Israels sei?

Nach Angaben von Ari Shavit, der für Ha’aretz schreibt, waren aufgeklärte Israelis während der Oslo-Vereinbarungen von einer messianischen Idee beeinflusst – sie glaubten, dass das Ende des alten Nahen Ostens, das Ende der Geschichte, das Ende der Kriege und das Ende von Konflikten nahe war. Sie täuschten sich selbst mit Wahnvorstellungen, so geblendet, dass sie einen Akt messianischer Trunkenheit begingen.

Um das Warum dieser Situation zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die Psychologie chronisch belagerter Bevölkerungen werfen. Fast unvermeidlich gibt es Teile der Bevölkerung, die die Anklagen der Belagerer in der Hoffnung akzeptieren, dass sie damit Erlösung und Frieden gewinnen können. Das ist eine psychologische Antwort auf das Belagert werden und die Juden sind seit 2000 Jahren belagert worden. Max Nordau schrieb vor mehr als 100 Jahren, dass der größte Erfolg der Antisemiten war, dass sie die Juden dazu gebracht hatten sich selbst durch antisemitische Augen zu sehen. Nordau sah die Idee eines jüdischen Staates als Zuflucht für alle Juden, ungeachtet ihrer politischen Ansichten, Sprache oder Nationalität.

In den 1920-ern und 1930-ern wurde in der zionistischen Bewegung der „neue Jude“ als säkularer Sozialist entworfen, ohne die Ausstattung, die die weitere nichtjüdische Welt erzürnte. Deutsche jüdische Intellektuelle wie Martin Buber setzen ihre Missbilligung in moralische Begriffe und argumentierten, dass Juden sich über die Notwendigkeit eines Staates hinaus bewegt hätten, waren aber auch besorgt, dass sie ihre neu erworbenen Nationalitäten verlieren könnten, wenn ein jüdischer Staat gegründet würde.

Seit der Gründung des jüdischen Staates bis 1977 wurde Israel von sozialistischen Zionisten geführt. Das änderte sich 1977, als erstmals eine nicht sozialistische Regierung gewählt wurde. Von 1977 bis 1992 begann die Wählerschaft der Arbeitspartei die Idee zu akzeptieren, dass, wenn Israel sich auf die Linien von 1967 zurückzog, die Araber ihnen erlauben würde in Frieden zu existieren. Die Bewegung der neuen Historiker unterstützte ebenfalls die Idee, dass Israel, um Frieden zu erreichen, seine Schuld anerkennen und einem Rückzug zustimmen müsse. Mehr noch: Sie bot die Sichtweise an, das Israel die Hauptverantwortung für den Hass trug, mit dem es von seinen Nachbarn gesehen wurde. Die pro-zionistische Bewegung argumentierte, dass Israel zu jüdisch sei und dass es das Rückkehrgesetz aufgeben und die Flagge und die Nationalhymne ändern müsse, weil diese den Arabern gegenüber unfair seien.

Innerhalb eines Jahres nach den Wahlen von 1992 hatte die Arbeitspartei einige dieser Ideen akzeptiert. Trotzdem ging die „Friedensbewegung“ gegen Premierminister Yitzhak Rabin auf die Straße, mit dem Argument, dass er nicht schnell genug Zugeständnisse machte. Diese Bewegung machte weiter Druck, mehr Konzessionen zu machen, trotz Arafats Äußerungen, dass dies die erste Phase im Plan zum Auslöschen Israels sei und trotz der Terroranschläge, die gegen Israel verübt wurden.

Die Koalition der Arbeitspartei wurde 1996 geschlagen, als Benjamin Netanyahu zum Premierminister gewählt wurde. In seinen drei Jahren als Kopf der Regierung war Netanyahus Ton weniger konziliant, aber er setzte die Führung einer Reihe von Verhandlungen fort, die auf dem Prinzip der israelischen Zugeständnisse im Austausch für palästinensische Zusicherungen gründete. Die Terroranschläge nahmen nicht ab.

Ehud Barak und eine von der Arbeitspartei geführte Koalition folgten 1999 Netanyahu nach. Baraks Ansatz war rhetorisch und praktisch dem von Rabin gleich, dessen Nachfolger er zu sein schien. Eine Serie intensiver Verhandlungen wurde unternommen, so z.B. in Scharm el-Scheikh, aber mit jedem Schritt kamen die Anschläge häufiger und schrecklicher.

Der Barak-Ansatz der Hinzufügung schrittweiser Zugeständnisse schlug furchtbar fehl. Im September 2000, als Arafat seinen Terrorkrieg gegen Israel begann, wurde einem zunehmenden Prozentsatz der Bevölkerung Israels klar, dass weder Rückzug noch Zugeständnisse ihnen den Frieden bringen würden, den sie so ernsthaft wünschten. Der Prozess kulminierte Anfang 2001 in der Wahl Ariel Scharons zum Premierminister. Der folgende Terrorkrieg und die Schlacht in Jenin überzeugten viele in der israelischen Öffentlichkeit, dass Zugeständnisse ein Auslaufmodell waren.

Obwohl es fast 60 Jahre belagert wird, hat Israel eine freie, Leben sprühende und kreative Gesellschaft geschaffen. Die Frage ist, ob Israel weiter fördern kann, was es als Mittel für echten Wandel in der arabischen Welt aufgebaut hat, oder ob die Israelis bei ihrer Suche nach wahrem Frieden weiterhin nach Täuschungen von Frieden greifen, die alles bedrohen, was sie geschaffen haben?

Zur neuen „Friedensinitiative“, genannt „Genfer Vereinbarung“ (5/6): „Die Lügen von Genf“

Shlomo Avineri, Yedioth Ahronot, 1. Dezember 2003

„Die Initiatoren des Genfer Abkommens haben selbstverständlich das Recht, ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen und zu veröffentlichen, und zwar auf jede denkbare Art, die sie für richtig halten. Aber haben sie das Recht, die Öffentlichkeit in bezug auf den Inhalt des Abkommens frech zu belügen?

Hier einige Beispiele:

Die Initiatoren beider Seiten bezeichnen sich als Politiker und selbständige Intellektuelle. Das stimmt nicht. Auf israelischer Seite tauchen freilich einige aus der Opposition und selbständige Intellektuelle auf: andererseits steht auf palästinensischer Seite der frühere palästinensische Informationsminister an deren Spitze und sagt, dass das Abkommen von Arafat gutgeheißen werde. Der palästinensische Ministerpräsident (Ahmed Qureia) sagt, dass er dem Abkommen nur auf einer persönlichen Ebene zustimmt. Unter den palästinensischen Initiatoren sind keine Vertreter der Opposition – denn in den Palästinensischen Autonomiegebieten gibt es keine echte Opposition (außer dem Hamas und dem Islamischen Jihad, die bekanntlich nicht an der Initiative teilhaben). Es ist ein Abkommen zwischen einem Teil der israelischen Opposition und der offiziellen palästinensischen Führung.

Bevor der Text des Abkommens veröffentlicht wurde, sagten die Initiatoren, dass die Palästinenser darin den Staat Israel als den „Staat des jüdischen Volkes“ anerkennen würden. Das stimmt nicht. Das jüdische Volk wird im Abkommen nicht anerkannt. Was gesagt wird, ist, dass die Seiten Palästina und Israel als nationale Heimstätten ihrer Völker anerkennen. Wer will, kann Israel tatsächlich als den „Staat eines jeden seiner Bürger“ bezeichnen. Es ist die nationale Heimstätte des „israelischen Volkes“, das Juden und Araber umfasst. Es ist kein Zufall, dass das Wort „Jude“ im Abkommen nicht auftaucht. Unter den Unterzeichnenden gibt es niemanden, der der Meinung ist, dass es ein jüdisches Volk gibt.

Die Initiatoren behaupten, dass die Palästinenser auf das Recht auf Rückkehr verzichtet hätten. Das ist falsch. Es wurde gesagt, dass die Resolution 194 der Vereinten Nationen sowie die anderen Resolutionen die Grundlage für die Lösung des Flüchtlingsproblems bilden werden. Allerdings spricht die Resolution 194 nicht über das „Recht“ auf Rückkehr, – sie legt lediglich fest, dass die Flüchtlinge an ihre Orte zurückkehren werden. Nach arabischer Auffassung ist die Resolution 194 die Grundlage für eine internationale Anerkennung des Rechts auf Rückkehr.

Die Initiatoren des Abkommens sagten, dass die meisten israelischen Siedler an ihren Orten bleiben werden. Dies trifft nur zu, wenn dazu nicht nur die Siedler in der Westbank und dem Gazastreifen gerechnet werden, sondern auch die 200.000 Israelis, die in Jerusalem hinter der Grünen Linie leben. Wenn in den Erläuterungen gesagt wird, dass 300.000 Israelis jenseits der Grünen Linie an ihren Orten bleiben werden, dann ist es selbstverständlich, dass die meisten Siedlungen in der Westbank und dem Gazastreifen geräumt werden. Wie viele? Das sollte man wissen, doch mit keinem Wort wird die Zahl der Siedler erwähnt, die ihre Siedlung verlassen werden müssen. Es ist klar warum. Liest man das Abkommen aufmerksam durch, erkennt man, dass Israel zukünftig in bezug auf das Flüchtlingsproblem und alle weiteren Themen unter der Aufsicht der „Gruppe für Durchführung und Konfrontation“ und des internationalen Kommissariats stehen soll, das nicht nur die Vereinten Nationen, Russland und die Europäische Union umfasst, sondern auch die arabischen Staaten. Sollte dies der Fall sein, wird Israel aufhören, in bedeutenden Angelegenheiten ein selbständiger Staat zu sein und sich in eine Art internationales Mandatsgebiet wandeln. Es ist klar, dass das nicht der Öffentlichkeit gesagt wird.

Nicht nur die arabischen Flüchtlinge werden ein Recht auf Entschädigung haben, sondern auch die arabischen Staaten für deren Unkosten als Folge der Aufnahme von Flüchtlingen seit 1948. Darüber hat man der israelischen Bevölkerung nichts erzählt. Auch nicht, dass es sich bei diesem Abkommen um die Entwicklung von „passenden Wegen zum Andenken an Dörfer und Gemeinden, die vor 1949 entstanden sind“ handelt.

Wer würde diesen Leuten von Genf einen Gebrauchtwagen abkaufen? Ich nicht.

 

Zur neuen „Friedensinitiative“, genannt „Genfer Vereinbarung“ (2/6): So viel zur Demokratie

Jonathan S. Tobin, Jewish World Review, 17. Oktober 2003

Die blanke Frechheit der Ablehnungspolitiker und der „Wir-wissen-es-besser“-Juden

Der Tumult um die Verhandlungen in Genf zwischen Typen aus der Palästinensischen Autonomie und einigen gescheiterten israelischen Politikern, finanziert durch das schweizerische Außenministerium, wird ein ausgezeichnetes Licht auf einen merkwürdigen Widerspruch der Wahrnehmung Israels durch die meisten Menschen der Welt.

Einerseits werden selbst viele von denen, denen Israels Schicksal gleichgültig ist, im Allgemeinen anerkennen, dass es eine Demokratie ist und beklagen, dass es in der arabischen Welt kein Gegenstück dazu gibt. Andererseits wird der größte Teil der Welt jedes Mal applaudieren, wenn irgendwelche abtrünnigen Israelis Israels demokratisch gewählte Regierung untergraben, so lange das Ergebnis nur ihre bestehenden Vorurteile über den Nahen Osten bestätigt.

Diese Genfer „Vereinbarung“ ist ein Beispiel genau dafür.

Lassen wir einen Moment lang die Motive und Geschichte der Schweiz außer Acht, genauso die Vorschriften der Vereinbarung, die vom früheren Vorsitzenden der israelischen Arbeiterpartei, Amram Mitzna und früheren israelischen Regierungsmitglieds Yossi Beilin ausgehandelt wurden.

Einige von uns mögen denken, dass die Idee, die Souveränität über den Tempelberg aufzugeben und eine Teilung Jerusalems zuzugestehen, damit die Palästinenser ihr „Rückkehrrecht“ aufgeben, eine gute Idee ist und ein notwendiger Schritt in Richtung Frieden. Andere werden auf die Gefahren solcher Abgaben hinweisen, auf die Tatsache, dass frühere Abkommen mit anderen extravaganten Konzessionen an die Palästinenser nur zu mehr Terrorismus und Blutvergießen geführt haben.

Wir wollen statt dessen ein wenig an einer offensichtlichen Tatsache herumschleifen, die Mitzna und Beilin scheinbar vergessen haben: Das Volk von Israel hat die Verantwortung für Verhandlungen mit den Palästinensern denen anvertraut, die sie gewählt haben; nicht den Männern, die es abgelehnt hat.

In den Vereinigten Staaten– sogar im Zeitalter selbstdarstellerischer Parlamentarier und 24-Stunden-Nachrichtenkanälen, die ihnen die Bühne dafür liefern – gibt es Grenzen für das, was Oppositionspolitiker sich erlauben können um das Weiße Haus zu untergraben.

Diese Grenzen werden vom Logan Act definiert – das Bundesgesetzt, das es für amerikanische Staatsbürger zu einem Verbrechen macht, Verhandlungen mit feindlichen Kräften zu führen. Tatsache ist, dass die bloße Andeutung, dass Ronald Reagan während des Wahlkampfs Gespräche mit den Iranern führte, während Präsident Jimmy Carter noch im Weißen Haus war, als Skandal gewertet wurde. Obwohl die Vorwürfe sich als falsch erwiesen, spricht der Schrecken, mit dem die Öffentlichkeit diese Gespräche betrachtete, Bände über die Ernsthaftigkeit eines solchen Verhaltens. Die Jerusalem Post wies diese Woche darauf hin, dass es lange über der Zeit sein könnte, dass Israel sich überlegt, ein eigenes Gesetz wie den Logan Act einzuführen.

Was das Handeln Mitznas und Beilins besonders unerhört macht, ist, dass vor erst acht Monaten diese Männer das israelische Volk aufforderten, Premierminister Ariel Sharons Führung zurückzuweisen und ihnen die Verantwortung für den Friedensschluss mit den Palästinensern zu übergeben. Die Antwort, die sie in einem Wahlkampf erhielten, der über genau dieses Thema ausgefochten wurde, war ein eindeutiges „nein“.

Mitzna führte die Arbeitspartei in die schlimmste Niederlage ihrer Geschichte. Beilin, dem ein Platz auf der Liste der Arbeitspartei verweigert worden war und der deshalb für die extrem linke Meretz-Partei kandidierte, wurde nicht einmal in die Knesset gewählt.

Was gibt diesen Männern die Dreistigkeit, das Urteil der Wähler zu ignorieren? Ohne Zweifel ist es ein Gefühl Recht zu haben und dass ihre Pflicht sie nötigt, sich ohne Regierungsgewalt für den Frieden einzusetzen, wie sie es auch in der Regierung getan hätten.

Manche mögen ihre Motive als Entschuldigung für ihr Verhalten betrachten und sie ihren Bemühungen beipflichten, ihre „Vereinbarung“ als Waffe gegen Scharon und seine Politik zu benutzen. Insbesondere werden sie versuchen – und nicht zum ersten Mal – einen Keil zwischen Jerusalem und Washington zu treiben. Aber jedermann mit etwas Anständigkeit und Respekt für die Demokratie und einem Bisschen Menschenverstand sollte wissen, dass solche „Vereinbarungen“ nur Scharons Lage unmöglich machen.

Es gibt einen weiteren Punkt in diesem traurigen Durcheinander, der untersucht werden sollte. Die Diaspora-Juden haben keine kleine Rolle dabei gespielt, in der Vergangenheit israelische Regierungen zu untergraben. Es kann als selbstverständlich angenommen werden, dass Beilin und Mitzna hoffen, dass einflussreiche amerikanische Juden ihre Sache aufnehmen und ihre Vereinbarung auf Kosten der Regierung Israels fördern werden.

Das ist derselbe Geist, in dem einige Gruppierungen Gelder sammeln, um denen in Israel zu helfen, die israelische Soldaten zu überreden versuchen, ihre Pflicht zur Teilnahme an Verteidigungsmaßnahmen gegen den Terrorismus zu verweigern.

In beiden Fällen ist die Grundsatzfrage – Israels andauernde Präsenz in den Gebieten – eine, die das Volk von Israel weiter führen wird. Das ist auch eine Frage, die Diaspora-Juden natürlich diskutieren können. Aber in jeder Demokratie, selbst in einer so aufgesplitterten wie der in Israel, gibt es eine Zeit, wo die Stimmen gezählt werden und die, die an der Macht sind, die Entscheidungen treffen. Es ist eine Sache, öffentlich nicht mit der Regierung überein zu stimmen. Aber zu sagen, dass man mit Privatdiplomatie oder Desertation diese Entscheidungen lächerlich machen darf, grenzt an Opposition gegen die Einhaltung der Gesetze.

Und genau das ist es, was Beilin und Mitzna getan haben und was sie von den amerikanischen Juden, durch die Unterstützung ihrer „Vereinbarung“ verlangen.

Diejenigen, die das tun, werden behaupten, sie würden für den Frieden arbeiten. Aber die Wahrheit ist, dass sie damit auch Geringschätzung für die israelische Demokratie und das israelische Volk demonstrieren.

Führender israelischer Intellektueller: Israels Linke lehnt es ab, den Fehlschlag Oslo und Arafat zuzugeben, wie die europäische Linke es beim Kommunismus und Stalin machte

MEMRI, Sonderbericht Nr. 266, 3. September 2001 (Link ist leider nicht mehr zu finden)

In einem Kommentar in Ha’aretz beschreibt Shlomo Avineri – ein führender Professor der Hebrew University, früherer Direktor in Israels Außenministerium und bekannte Leitfigur aus Israels Friedensbewegung, der Verhandlungen mit der PLO lange vor Beginn des Olso-Prozesses befürwortete -, dass die Probleme der israelischen Linken zuzugeben, dass der Oslo-Prozess und Arafats Führungsversagen ein ideologischer Fehler waren, in vieler Hinsicht ähnlich den Problemen der europäischen Linken sind, die Idee aufzugeben, dass Kommunismus, das sowjetische System und Stalins Führung ein neues Zeitalter einleiteten, selbst nachdem die Schrecken des Kommunismus und Stalins ans Tageslicht kamen. Es folgen Auszüge aus Avineris Kommentar: (1)

Wenige Bücher über die intellektuelle Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind so beeindruckend wie „Der Gott, der versagte“ [deutscher Titel: Ein Gott der keiner war] – eine Sammlung von Abhandlungen, in denen die besten Philosophen und Schriftsteller des Westens den schmerzhaften Prozess der Emanzipation vom falschen Charme des stalinistischen Traums beschreiben. Die Autoren – Arthur Koestler, Ignazio Silone, Richard Crossman, Richard Wright und andere, einige ehemalige Kommunisten, andere lediglich Bewunderer der Sowjetunion – schreiben jeder in seinen eigenen Worten und eigenem Stil darüber, wie schwer es war die Idee aufzugeben, dass das Sowjet-System eine neue Ära der Menschheit einleitete. Sogar als die Schrecken der Zwangskollektivierung, der Hitler-Stalin-Pakt, die sowjetischen Zwangsarbeitslager und die Lügen und der Betrug der stalinistischen Schauprozesse ans Tageslicht kamen – selbst dann blieb die emotionale Trennung schwierig.

Die meisten Autoren sagten, dass am schwierigsten nicht war mit den Tatsachen klarzukommen, sondern mit ihrem eigenen Glauben, ihrem Selbstverständnis als Soldaten des Kampfes für eine bessere Welt; wie schwierig es war, dass ihr Traum der Errettung eine Fata Morgana war, dass Stalin, die „glänzende Sonne“, ein Mörder war; dass die sowjetische Ideologie ein Netz aus Lügen war; dass die neue Gesellschaft, die frei und befreiend sein sollte, nichts als eine riesige Gefängniszelle war, gegründet auf Terror, die den unschuldigen Glauben einiger der besten westlichen Intellektuellen zynisch ausbeutete.

Etwas Ähnliches passiert heute mit der israelischen Linken, was man besonders in der Ablehnung einiger Mitglieder dieses Lagers bezüglich der einseitigen Trennung sieht. Warum Nationalisten und religiöse Rechte sich vor der einseitigen Trennung fürchten, scheint deutlich: damit würde der Traum eines Groß-Israel ein für allemal zerschlagen. Es gibt keine einseitige Trennung ohne die Evakuierung der Siedlungen.

Der Widerwille der Linken ist schwieriger zu verstehen. In einer so prekären Situation wie der heutigen sollte man denken, dass die Linksextremen noch diejenigen sind, die die einseitige Trennung freudig begrüßen würden. Wenn der Weg zu Kompromiss tatsächlich versperrt ist, warum sollte ein Linksextremer die Trennung ablehnen? Ein solcher Schritt würde letztlich zum Ende der israelischen Besatzung führen. Die meisten Palästinenser würden von den Ketten einer Besatzungsarmee befreit. Sie werden nicht länger von der Gnade israelischer Soldaten und Offiziere abhängig sein, die sich manchmal wie Herren und Meister benehmen. Die Siedlungen werden mit tausenden, sogar zehntausenden Siedlern aufgelöst. Offensichtlich wäre eine Verhandlungs-Vereinbarung besser. Aber man muss blind wie ein Maulwurf sein, um nach Camp David, der Intifada und den letzten Wahlen zu glauben, dass es ein großzügigeres israelisches Angebot geben könnte als das, das in Camp David und Taba gemacht wurde.

Der Hauptgrund für diese Ablehnung der Idee der einseitigen Trennung ist in keiner Weise mit der politischen Realität verbunden. Sie hat mit dem Problem des Eingeständnisses eines ideologischen Fehlschlags zu tun. Die Logik von Oslo war der Glaube, dass wir uns am Scheitelpunkt eines historischen Kompromisses befanden.

Als Arafat den Clinton-Plan ablehnte, das Rückkehrrecht zu einer Sache des Prinzips erklärte und leugnete, dass Israel irgendein Recht am Tempelberg hat, wurde klar, dass die Palästinenser nicht auf einen historischen Kompromiss vorbereitet waren. In ihren Augen waren die Verhandlungen nur ein Mittel zu bekommen, was sie wollten – nicht ein schmerzhafter Prozess des Gebens und Nehmens. Dass die palästinensische Öffentlichkeit und ihre Führer breite Zustimmung zu Terrorismus gegen israelische Bürger äußern, zeigt einmal mehr, dass die universellen Werte, die die israelische Linke hoch hält, der anderen Seite nichts bedeuten. Wer immer erwartete, dass Yassir Arafat sich in Nelson Mandela verwandelt, dem wurde das Gegenteil bewiesen, aber dies zuzugeben ist hart. Unglaublich hart.

Aus diesem Grund gibt es Mitglieder der israelischen Linken, die es vorziehen, unter der Illusion weiter zu arbeiten, dass ein Kompromiss erreicht werden kann. Es fällt ihnen schwer zuzugeben, dass „Frieden jetzt“, so wünschenswert auch immer, in der heutigen Zeit nicht möglich ist. Wenn die andere Seite nicht einen einzigen Intellektuellen auftreiben kann, der vorbereitet ist klar und deutlich zu erklären, ohne zu herumzudrucksen, dass der Mord von Kindern in einer Pizzeria ein Verbrechen ist, dann hat die israelische Linke keinen Verbündeten. Wer immer den kaltblütigen Mord an Kindern und die Errichtung von Siedlungen als in dieselbe moralische Kategorie gehörig ansieht, hat selbst allen Sinn für Moral verloren.

Es war hart für die vom Charme der Sowjetunion Verführten zu erkennen, dass diese ein skrupelloses, unterdrückerisches Land war, aber das war die Wahrheit. So wie die intellektuelle Ehrenhaftigkeit den führenden Intellektuellen der westlichen Welt es ermöglichte, betroffen von der Idee einer Morgendämmerung in Moskau zuzugeben, dass „Gott (Stalin) versagt hatte“, so hofft man, dass der quälende Prozess der Begegnung mit der Wahrheit der israelischen Linken ermöglichen wird, eine Lösung zu akzeptieren, die die Beendigung eines Großteils der heutigen Besatzung ermöglicht.

Wenn nicht, dann sind sie in Gefahr, sich – dialektisch, wenn man das so sagen kann – unter denen wiederzufinden, die die Besatzung fortsetzen. Für die Lösung, die sie vorschlagen, gibt es auf der anderen Seite keinen Partner. Das schmerzt, aber es ist die Wahrheit.
Fußnote:
(1) Ha’aretz, 24. August 2001

Anmerkung:
Ich bin nicht der Meinung, die der Autor anscheinend vertritt: dass eine einseitige Trennung und Abgrenzung Israels von den Palästinensergebieten eine Lösung darstellt.
Die Befürworter dieser Regelung haben ihre Lehre aus dem Libanon nicht gezogen. Der einseitige (und überstürzte) Rückzug der israelischen Armee aus der Pufferzone im Südlibanon hat Hizbollah (und Syrien) nur angestachelt, ihren Terror weiter zu betreiben. Um dem ganzen „Legitimität“ zu verleihen, wurden – in Ablehnung aller betreffenden UN-Beschlüsse – die „Shebaa Farmen“ zu libanesischem (statt syrischem) Staatsgebiet erklärt. Ihre „notwendige Befreiung“ und der „nicht vollständige Rückzug der Israelis von libanesischem Staatsgebiet“ rechtfertigt den fortgesetzten Terror der Hizbollah. Das zeigt, dass die arabische Seite eigentlich immer wieder „Gründe“ findet, den Kampf gegen Israel fortzusetzen. Ähnlich wird es mit den Palästinensern aussehen. Die „ungelösten Fragen“ werden zum Anlass genommen werden, den Krieg gegen den jüdischen Staat nicht zu beenden. Und wenn Arafat und Kumpane die „Palästinensergebiete“ zur freien Verfügung erhalten, können sie von dort ungehindert agieren. Es wird zum offenen Krieg zwischen Israel und den Palästinensern kommen, in den eventuell die arabischen Staaten ebenfalls eintreten werden. Dann haben wir genau das, was vermieden werden sollte! (Update 2016: Interessant, wie sich diese Einschätzung der Folgen einer Trennung nach der „Abkoppelung“ vom Gazastreifen 2005 bestätigt hat!)

Nissans Notes and Quotes Corner: Hat Sternhell einen Anschlag inspiriert?

Nissan Ratzlav-Katz, 26. September 2008

Am Mittwochabend gab es einen Rohrbomben-Anschlag auf Prof. Zeev Sternhell im Herzen des „israelisch besetzten Jerusalem“. Der linksextremistische Professor der Hebräischen Universität wurde leicht verletzt und es gab von links und rechts Verurteilungen.

Das einzige Problem: Niemand weiß wirklich, was passiert ist. Aber ich glaube, dass ich es weiß.

Sehen Sie, die Angreifer waren Leser der Zeitung Ha’aretz und sie entschieden sich Sternhells eigenem Rat zu folgen. Er muss meines Wissens irgendwo in einem seiner Artikel geschrieben haben: „Es gibt bezüglich der Legitimität des bewaffneten Widerstands in den Gebieten selbst keinen Zweifel. Wenn die Siedler nur ein klein wenig Verstand hätten, würden sie sich in ihren Kampf auf die Linken konzentrieren…“

Uups. Moment. Entschuldigung. Ich habe da einen Artikel Sternhells aus Ha’aretz (vom 11. Mai 2001). Es scheint so, dass er tatsächlich schrieb: „Es gibt bezüglich der Legitimität des bewaffneten Widerstands in den Gebieten selbst keinen Zweifel. Wenn die Palästinenser ein klein wenig Verstand hätten, würden sie sich in ihrem Kampf auf die Siedlungen konzentrieren…“

Nun, DAS ist natürlich etwas GANZ ANDERES. Was habe ich nur gedacht?

Viel, viel ernster: Ich glaube, dass die Linke, zu der Sternhell gehört, tatsächlich arabischen Terrorismus im Dienste gewisser Ziele, denen sie zustimmt, legitimiert. Daher könnten einige auf der Rechten von der ständigen linksextreme Hetzte – Rechtfertigung aller Gewalt im Dienste hoher Ideale – überzeugt worden sein und das beherzigen. Was können wir tun, wenn die Ziele und Ideale der Rechtsextremen anders aussehen als die der Linksextremen?

Also, Prof. Sternhell, wenn die, die Sie angegriffen haben, gefangen werden, können sie sich für ihre Verteidigung auf Sie als Sachverständigen berufen?