Kann das organisierte Judentum in Deutschland sich „normal“ verhalten?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Juden füllen in europäischen Gesellschaften viele Funktionen und Rollen aus. Viele Jahrhunderte lang dienten sie Mehrheitsbevölkerungen als Sündenböcke. Das hat dazu geführt, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur geworden ist. Die symbolische Rolle der Juden als Inbegriff des Fremden hat jedoch seit dem massiven Zustrom von Arabern und Afrikanern abgenommen. Dasselbe gilt für Juden als charakteristisch exotische Gestalten.

Juden sind auch oft frühe Gradmesser für soziale Probleme. Regelmäßige verbale und physische Angriffe auf Juden durch einige Muslime haben geholfen die Aufmerksamkeit auf verschiedene der vielen Probleme zu lenken, die durch beträchtliche Segmente dieser Migrantengruppen nach Europa gebracht wurden. Infolge des Holocaust sind neue Rollen entstanden. Dazu gehören in einigen Fällen der Jude als typisches Opfer und Juden als Maßstab der Moral in der Gesellschaft.

Der Ermordung von Juden durch einen Muslim in einem Pariser Supermarkt im Januar 2015 ließ mehr französische Juden über die Idee nachdenken ihr Land zu verlassen. Der damalige französische Premierminister Manuel Valls sagte: „Frankreich wird ohne die Juden nicht mehr Frankreich sein.“[1] Die tieferliegende Botschaft war klar: Wenn Juden zunehmend Frankreich verlassen, weil sie bedroht sind, dann verschwindet ein legitimierender Faktor der französischen Demokratie.

Präsident Emmanuel Macron erklärte zudem, dass manche Erfahrungen der Juden Indikatoren des Wohlergehens des Landes sind. Auf dem jährlichen Dinner der CRIF, der Dachorganisation der französischen Juden, sagte er im März 2018: Antisemitismus ist das „Gegenteil der Republik“ und „die Entehrung Frankreichs“.[2]

Am wichtigsten ist diese legitimierende Rolle der Juden in Deutschland. Seit den 1990-er Jahren haben deutsche Regierungen Juden aus Russland ins Land einwandern lassen, obwohl diese Immigranten keine historische Verbindung zu ihm hatten. Dieser Zustrom betrug etwa 200.000, was sie bei weitem zur größten Herkunftsgruppe des Judentums in Deutschland machte.

Die symbolisch legitimierende Bedeutung von in Deutschland lebenden Juden ist offenkundig. Wenn Juden trotz der grauenhaften Vergangenheit unter dem Nazi-Regime im Land zunehmend präsent sind, sollte das so interpretiert werden: Deutschland ist eine „normale“ Demokratie geworden. Manchmal hat das zu stolzen Äußerungen geführt, dass Deutschland das einzige europäische Land mit einer wachsenden jüdischen Bevölkerung ist. In den letzten Jahren sinkt die Zahl der Mitglieder des organisierten Judentums in Deutschland; es zählt heute weniger als 100.000.

Heutzutage werden im „normalen“ Deutschland durchschnittlich vier antisemitische Vorfälle pro Tag zur Anzeige gebracht. Es gibt starke Hinweise darauf, dass die tatsächliche Zahl beträchtlich höher liegt. Offizielle Statistiken schreiben fast alle Angriffe fälschlicherweise rechten Tätern zu. Diese Fehlrechnung wurde zum Beispiel vom Antisemitismusbeauftragten des Landes, Felix Klein offengelegt. Er erklärte, dass die physischen Angriffe auf Juden durch Muslime weit zahlreicher sind als berichtet wird.[3] Doch diese verfälschten Statistiken werden weiter veröffentlicht.

Vor kurzem schien ein recht bedeutendes Ereignis die angebliche „Normalität“ des jüdischen Lebens in Deutschland zu stören.[4] Rund zwanzig Juden bildeten eine jüdische Gruppe in der rechtspopulistischen und antiislamischen Partei AfD.[5] Keine dieser Personen hatte eine Position in einer der großen jüdischen Organisationen, aber die jüdische Gemeinschaft zeigte eine starke Überreaktion. Siebzehn jüdische Organisationen sprachen sich gegen diese jüdische AfD-Gruppe aus.[6] Das ist fast eine jüdische Organisation pro Mitglied. Die Dachorganisation, der Zentralrat der Juden in Deutschland, bezeichnete die AfD als „rassistisch“ und „antisemitisch“. Das mag für einige ihrer Führungskräfte gelten, aber nicht für alle und gewiss nicht für beträchtliche Teile ihrer Wähler.

Zum Teil wegen der Überreaktion des organisierten Judentums erlangte das Gründungstreffen der kleinen jüdischen AfD-Gruppe großes landesweites Interesse.[7] Es wäre wohl weit angemessener gewesen, hätte die Dachorganisation eine Erklärung abgegeben, in der es hauptsächlich hieß, dass ein paar einzelne Juden nicht für die Gesamtgemeinschaft stehen.

Seit den Wahlen im September 2017 ist die AfD die drittstärkste Partei im deutschen Parlament und damit die größte Opposition. Derzeit gewinnt sie in Umfragen etwa 15% der Wähler. Die AfD wird von allen anderen Parteien gemieden; diese beschuldigen sie Rassisten und Neonazis in ihrer Mitte zu haben. Etwas übertrieben wird die AfD als stockfinster dargestellt, woraus fälschlich verstanden werden soll, dass alle anderen Parteien blütenrein sind.

Doch es gibt bereits die ersten kleinen Anzeichen dafür, dass einige christdemokratische Politiker mit der AfD zusammenarbeiten wollen. Im sächsischen  Meißen gab es im September 2018 Bürgermeisterwahlen. In der zweiten Runde zog sich der AfD-Kandidat zugunsten des Christdemokraten zurück, der dann gewählt wurde.[8]

Die CDU hat bei den Bundestagswahlen 2018 stark verloren und ihre Unterstützung in den Umfragen ist seitdem beträchtlich zurückgegangen. Daher können weitere Brüche im Boykott gegen die AfD erwartet werden, damit man in einigen Orten an der Macht bleiben kann. Dasselbe ist bereits einige Jahre lang mit der SPD geschehen, die Koalitionen mit der linksextremen Partei Die Linke eingegangen ist, der früheren Herrscherpartei der DDR

Die Initiatoren der jüdischen AfD-Gruppe luden Beatrix von Storch, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion der Partei, zu ihrem Gründungstreffen ein. Sie sagte, dass für viele Juden, der muslimische Antisemitismus ein großes Thema ist. Von Storch fügte hinzu: Für diese Menschen ist die AfD eine natürliche Heimat. Sie sagte auch, dass die AfD Muslimen offen stünde.[9]

Analysiert man die deutsche Wirklichkeit, dann ist es nicht die AfD, die die größte Bedrohung für die Zukunft der Juden im Land kreiert hat. Dieser riesige Schatten über Deutschland ist von den etablierten Parteien, der CDU und der SPD verursacht worden. Ihre Regierungen haben in den letzten Jahrzehnten Millionen Migranten ohne sonderliche Auswahl ins Land gelassen, die Mehrheit davon Muslime.

Bei diesen Neuankömmlingen ist Antisemitismus prozentual weit stärker vorhanden als bei der einheimischen Bevölkerung. Er ist zudem extremer. Eine aktuelle Studie zu Antisemitismus in Bayern führte an, dass ein Muslim seinem jüdischen Nachbarn sagte, er habe seine Kinder aus der Koranschule genommen, weil diese lehrt Juden sollten getötet werden.[10] Welche normale Schule in Deutschland lehrt irgendetwas, das dem auch nur nahe kommt?

Dennoch waren die jüdischen Organisationen, die sich so heftig gegen die kleine Gruppe Juden in der AfD aussprachen, weit weniger lautstark, als dieser große Zustrom stattfand, der eine gewaltige Bedrohung der Zukunft ihrer Mitglieder darstellt.

Es gibt durch diese nicht-selektive Zuwanderung und die von einigen Migranten begangenen Verbrechen eine indirekte weitere, negative Auswirkung auf die Juden: Die Rechtsextremen, die beständigste Bedrohung der Juden, hat einen starken neuen Impuls erhalten.

Juden werden weiterhin Gradmesser wichtiger Entwicklungen in Deutschland bleiben. Die gegenwärtige deutsche Gesellschaft ist immer noch weit davon entfernt „normal“ zu sein. Die Auswirkungen des großen Migranten-Zustroms hat das Fortbestehen dieser „Anomalie“ um viele Jahre verlängert.

[1] http://www.lefigaro.fr/flash-actu/2016/01/10/97001-20160110FILWWW00025-valls-sans-les-juifs-de-france-la-france-ne-serait-pas-la-france.php

[2] http://www.rtl.fr/actu/politique/diner-du-crif-macron-denonce-l-antisemitisme-le-deshonneur-de-la-france-7792537547

[3] http://www.welt.de/politik/deutschland/plus179337122/Extremismus-Antisemitismus-ist-unislamisch.html

[4] http://www.echo-online.de/politik/deutschland/judische-afd-mitglieder-grunden-umstrittene-vereinigung_19105757#

[5] http://www.freiewelt.net/interview/die-stimmung-in-den-juedischen-gemeinden-ist-in-richtung-afd-gekippt-10075836/

[6] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/32895

[7] http://www.sueddeutsche.de/politik/neue-gruppierung-alibi-juden-in-der-afd-1.4160330

[8] http://www.welt.de/politik/deutschland/article181642662/Wahl-in-Meissen-Frank-Richter-sorgt-sich-wegen-Tabubruch.html

[9] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/muslime-in-der-afd-beatrix-von-storch-zeigt-sich-offen-15825604.html

[10] https://report-antisemitism.de/media/RIAS_BK_Problembeschreibung_Antisemitismus_in_Bayern.pdf, S. 20

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Europas Flüchtlingskrise: Juden müssen vorsichtig vorgehen

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Jüdische Gemeinden mussten in ihren Reaktionen auf den riesigen Zustrom an – hauptsächlich muslimischen – Flüchtlingen nach Europa vorsichtig sein. Das war insbesondere während der ersten emotionsgeladenen Wochen nach der Veröffentlichung des entsetzlichen Bildes des toten syrischen Kindes am Strand von Lesbos (Griechenland) der Fall. Kein Jude würde öffentlich sagen: das intensive Leid der vieler dieser Menschen ist real – aber das gilt auch für das Umfeld des extremen antisemitischen Hasses, in dem diese Leute aufwuchsen. Während die praktischen Probleme in Sachen Flüchtlingszustrom zugenommen haben und zunehmende Öffentlichkeit bekamen, haben Juden sich allerdings realistischer geäußert, wenn sie auch vorsichtig blieben.

Die unbedachte europäische Aufnahme von Millionen Muslimen in der Vergangenheit hat den europäischen jüdischen Gemeinden riesigen Schaden zugefügt. Ein großer Zustrom muslimischer Flüchtlinge in ein europäisches Land bedeutet dort eine weitere Zunahme des Antisemitismus. Der Grund dafür ist nicht, dass alle Immigranten Antisemiten sind. Aber ein hoher Prozentsatz der Immigranten sind es. Genauso ist es mit denen, die wahrscheinlich antisemitische Taten begehen, wenn man sie mit denen aus der bestehenden Bevölkerung vor Ort vergleicht, die Hassverbrechen verüben. Manche muslimische Immigranten oder ihre Nachkommen sind zudem weit radikaler als die einheimische Bevölkerung. Im aktuellen Jahrhundert wurden alle Morde an Juden, weil sie Juden waren, ob das nun im Raum Paris, Toulouse, Brüssel oder Kopenhagen geschah, von Muslimen begangen.

Jeder jüdische Leiter in Europa weiß das. Dennoch erlebten wir am Beginn der Krise mehrere humanitär-masochistische Äußerungen von manchen, die es besser wissen müssten. Einige jüdische Repräsentanten hießen die Neuankömmlinge willkommen, ohne auch nur ansatzweise die riesigen möglichen Probleme zu erwähnen, die daraus entstehen könnten.

Die Dachorganisation der jüdischen Organisationen in Flandern gab eine Presseerklärung aus, die die Behörden an das Leiden der jüdischen Flüchtlinge in den 1930-er Jahren erinnerte und forderte sie auf den Neuankömmlingen eine großzügige Aufnahmepolitik zukommen zu lassen. Sie lobten sogar Deutschlands aktuelle Flüchtlingspolitik, zu der die deutsche jüdische Gemeinschaft sich später zutiefst besorgt äußern sollte. Diese „nichts Böses sehende“ jüdische Dachorganisation erwähnte keines der vielen Probleme, die antisemitische Muslime für Juden in Belgien verursacht hatten.[1]

Der ehemalige Oberrabbiner von Großbritannien, Jonathan Sacks, ist normalerweise ein scharfer Beobachter der Situation, doch auch er ließ sich mitreißen. Am 6. September 2015 veröffentlichte er in der britischen Tageszeitung The Guardian einen Artikel mit dem Titel: „Love the stranger because you were onces strangers“ calls us now (Jetzt heißt es für uns „Liebe den Fremdling, denn auch du warst einmal fremd).

Ein Teil seines Artikels war Vergleichen der neuen Immigranten mit dem „Kindertransport“ gewidmet, den jüdischen Flüchtlingskindern, die in den 1930-er Jahren aus Deutschland nach England gebracht wurden. Er erwähnte zudem ihren anschließenden beträchtlichen Beitrag zur britischen Gesellschaft. Das überraschte um so mehr, als Sacks mit den vielen dem Vereinten Königreich durch muslimische Immigranten und verschiedene Muslimorganisationen entstandenen Problemen vertraut ist. Ein paar Wochen später wurden diese Probleme in Artikeln zur regelmäßigen Schikanierung von Juden in Londons Viertel Stamford Hill durch „junge asiatische Männer“ wieder aufgegriffen. Diese Bezeichnung ist die politisch korrekte Terminologie für Straftaten verdächtigte Muslime.[2]

Man sollte Sacks auch daran erinnern, dass viele der Menschen, die er mit liebender Güte willkommen heißt, den Koran buchstäblich auslegen. Sie betrachten ihn und seine Mitjuden als Schweine und Affen, mit anderen Worten: Untermenschen.[3] Die Kinder des Kindertransports flohen vor Deutschen, die Juden ebenfalls als Untermenschen betrachteten. Diese jüdischen Kinder begünstigten wederHass auf irgendjemanden noch die Diskriminierung von Minderheiten.

Eine der ersten, die eine realistische Alternative vorstellte, war Esther Voet – die Herausgeberin der niederländisch-jüdischen Wochenzeitung NIW – im Internetmagazin Jalta. Sie schrieb, dass sich Menschen nicht von ihren Emotionen mitreißen lassen sollten. Voet erwähnte, dass es gefährlich sei ihre Meinung zu äußern, denn sie riskiert damit ins rechtsextreme Lager gesteckt zu werden.

Sie erinnerte die Leser daran, dass der niederländische stellvertretende Premierminister Lodewijk Asscher 2013 wegen seines Vorschlags ausgelacht wurde, jeder Flüchtling, der Asyl in den Niederlanden sucht, solle eine Erklärung unterschreiben, dass er die Rechte von Frauen und Homosexuellen anerkennt und sicherte zu, dass er keinerlei Intoleranz gegenüber Menschen anderer Religionen und Atheisten tolerieren werde. Sie fügte hinzu, dass die neuen Flüchtlinge aus Kulturen kommen, in denen die meisten Menschen gleiche Rechte für Homosexuelle, Juden, Atheisten und Frauen nicht akzeptieren können.[4]

Einer der ersten leitenden Juden in Europa, der es wagte diese Ansichten in klarer Sprache auszudrücken, war Oskar Deutsch, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Wien. Es hatte nach der Geldspende der Gemeinde an die antiisraelische Organisation Caritas bei den Mitgliedern bereits Diskussionen gegeben.[5] Deutsch schrieb am 21. September in der österreichischen Tageszeitung Kurier, dass die jüdische Gemeinde im Verlauf der Jahre vielen Flüchtlingen geholfen hatte.

Er stellte auch heraus, dass die Ankunft von 20 Millionen Muslimen in Europa in der Vergangenheit regelmäßig zu physischen antisemitischen Angriffen und der Migration von Juden geführt hat. Deutsch fügte hinzu, dass jetzt aus Syrien und Afghanistan eintreffende Flüchtlinge aus Gesellschaften kommen, in denen Antisemitismus ein Grundelement in den Schulbüchern, Medien und sozialen Netzwerken ist. Terror gegen Israelis, muslimische Angriff auf jüdische Schulen, Synagogen und jüdische Museen werden in diesen Ländern oft verherrlicht.[6]

Anfang Oktober 2015 gab Josef Schuster, der Leiter des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel seinen Sorgen Ausdruck. Er sagte, unter den Leuten, die Zuflucht in Deutschland suchen, kämen viele aus Ländern, in denen Israel als Hauptfeind betrachtet wird. Schuster merkte an, dass diese Leute mit einem sehr israelfeindlichen Bild aufwuchsen und dieses Ressentiment auf alle Juden übertragen. Die Juden Deutschlands haben also alles Recht zu befürchten, dass der muslimische Antisemitismus in Deutschland zunehmen wird.[7]

Später sagte Levi Salomon, ein deutsch-jüdischer Antisemitismus-Experte, dem britischen Daily Express, dass Juden hassende Nazi-Ideologie und der Hass auf Israel Jahrzehnte lang das Herzstück der herrschenden Baath-Parteien sowohl in Syrien aus auch dem Irak waren. Er fügte an, dass daher angenommen werden muss, dass die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge Antisemiten sind. Lala Süsskind, ehemalige Leiterin der Berliner jüdischen Gemeinde, wurde folgendermaßen zitiert: „Wir glauben nicht, dass unsere Ängste von den Politikern ernst genommen werden.“[8] Die Zeitung erwähnte zudem, dass in Deutschland „die Zahl der antijüdischen Verbrechen 2014 auf mit 1.596 registrierten Hassverbrechen gegen jüdische Menschen auf Fünfjahreshoch stieg, mehr als in jedem anderen EU-Staat“.

Die CJO, die Dachorganisation jüdischer Organisationen in den Niederlanden, sah sich zu einer Reaktion veranlasst, als die Kommunalverwaltung von Amstelveen, einem Amsterdamer Vorort, in dem viele Juden leben, sich entschied ein leer stehendes Bürogebäude für syrische und irakische Immigranten zur Verfügung zu stellen. Die CJO-Presseerklärung gab der tiefen Sorge niederländisch-jüdischer Organisationen wegen der Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft Ausdruck. Der Text stellte klar, dass das vorgeschlagene Asylantenzentrum an dem einzigen Ort in den Niederlanden mit sichtbarer und erkennbarer jüdischer Gemeindeinfrastruktur steht, zu der zahlreiche Synagogen, jüdische Schulen, koschere Restaurants und koschere Geschäfte gehören.

Die CJO führt an, das der Großteil der terroristischen Bedrohung für jüdische Institutionen von Einzelpersonen und Organisationen aus Ländern der aktuellen Asylsuchenden kommen, in denen offizielle Kanäle Juden gegenüber sehr negativ sind.[9]

In Europa nimmt als Ergebnis des Flüchtlingszustroms die Polarisierung zu. Populistische, nationalistische und rechtsgerichtete Parteien haben nicht nur bei Meinungsumfragen zugelegt – einige Wahlergebnisse zeigen bereits, dass diese Parteien tatsächlich die vorhergesagten Gewinne erzielen. Vor kurzem gewann die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) im Bundesland Oberösterreich mehr als 30% der Stimmen; bei der Wahl 2009 waren es noch 15%.[10] In Wien erreichte die Partei fast 31% der Stimmen, 2010 waren es 26%.[11] Während die Polarisierung nicht konkret mit den Juden zusammenhängt, deutet das zunehmend fremdenfeindliche Umfeld für jüdische Gemeinden weitere Probleme in der Zukunft an.

Mehrere Jahre der Vernachlässigung seitens der der Europäischen Union in ihrer Politik zur Flüchtlingsfrage haben den jüngsten Zustrom verursacht. Vor ein paar Jahren hätte die EU einem Großteil des Problems dadurch vorbeugen können, dass sie der Türkei eine Bruchteil der Milliarden Euro anbot, die sie dem Land heute anbietet. Alles in allem sieht die Zukunft der zunehmend marginalisierten jüdischen Gemeinden Europas heute trostloser aus als noch vor ein paar Monaten.

[1] Joodse Organisaties pleiten voor ruimhartig vluchtelingenbeleid. Joods Actueel, 4.September 2015.

[2] London: Antisemitism Wave Ends in Window Smashing. Israel National News, 14. Oktober 2015.

[3] Jonathan Sacks: Refugee crisis: ‚Love the stranger because you were once strangers’ calls us know. In: The Guardian, 6. September 2015.

[4] Joodse journaliste niet te vinden voor massa-opname van Syrische vluchtelingen in Europa”, Joods Actueel, 8 September 2015, übernommen von Jalta.

[5] Oskar Deutsch: Jedem Flüchtling ist zu helfen – und danach? Kurier, 21.September 2015.

[6] Benjamin Weinthal: Austrian Jews in bind over donation to anti-Israel NGO. Jerusalem Post, 17. September 2015.

[7] Claus Christian Mahzahn: Zentralrat der Juden warnt vor arabischem Antisemitismus. DIE WELT, 3. Oktober 2015.

[8] Allan Hall: Germany’s Jews living in fear of thousands of Muslim refugees raised to be anti-semitic. Express, 15. Oktober 2015.

[9] Kemal Rijken: CJO: grote zorgen om veiligheid AZC in Joodse buurt. Jonet, 12. Oktober 2015.

[10] Melanie Hall: Austria’s Right Wing Populist Party Makes Huge Gains Fueled by Migrant Crisis Fears. The Telegraph, 28. September 2015.

[11] Endergebnis Mandat für Grüne, Vizebürgermeisterin für FPÖ. Die Presse, 13. Oktober 2015.

Ist ein an Juden armes Europa nicht länger Europa?

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Im Verlauf der letzten Monate haben eine Reihe führender europäischer Politiker erklärt, wie wichtig es ist, dass die Juden weiter in ihren verschiedenen Ländern wohnen bleiben. Führende Regierungsmitglieder behaupten zudem, dass sie ihr Äußerstes tun werden, um ihre jüdischen Gemeinschaften vor der steigenden Flut antisemitischer Angriffe zu schützen.

Der Grund für diese Äußerungen entstammt einer Reihe von Faktoren. Der Hauptsächliche ist der Anstieg der tödlichen Anschläge auf Juden durch muslimische Europäer. Die jüngsten davon sind Morde, die in Brüssel, Paris und Kopenhagen stattfanden. Diesen kann man andere Akte antisemitischer Gewalt hinzufügen, die zum größten Teil durch Muslime verübt wurden, so die Anschläge auf Synagogen und Geschäfte in Frankreich während des letzten Sommers.

Ein weiterer Faktor ist die Zunahme der tatsächlichen Auswanderung europäischer Juden, hauptsächlich aus Frankreich, verbunden mit einem größeren Interesse an Treffen mit israelischen Aliyah-Funktionären.1 Noch ein Einfluss ist die vorherrschende Diskussion darüber, ob Juden in Europa eine Zukunft haben oder nicht. Schließlich gibt es Aufrufe verschiedener Israelis, einschließlich des Premierministers Benjamin Netanyahu, dass Israel das natürliche Zuhause der europäischen Juden ist.2

Der französische Premierminister Manuel Valls ist der freimütigste der europäischen Führungspolitiker, die glauben, dass Juden in Europa bleiben sollten. Der jüdische Filmemacher Claude Lanzmann schrieb in einem Artikel mit dem Titel „Frankreich ohne Juden wäre nicht Frankreich“3, auf den sich Valls am nächsten Tag in einer wichtigen Rede in der französischen Nationalversammlung bezog. Valls sagte: „Claude Lanzmann schrieb einen wunderbaren Artikel in Le Monde: Ja, sagt es dem Angesicht der Welt: Ein Frankreich ohne Juden ist nicht Frankreich.“4 In seiner Rede verwies Valls auch auf die Aussagen der französischen Ministerin Ségolène Royale. Sie hatte dasselbe Empfindung zum Ausdruck gebracht, als sie in Jerusalem der Beerdigung der vier im koscheren Pariser Supermarkt ermordeten Juden beiwohnte.5 Der französische Präsident François Hollande sagte: „Juden haben ihren Ort in Europa und besonders in Frankreich. Es liegt an uns, für alle Juden Frankreichs, weiter gefasst für alle Bürger Frankreichs Sicherheit, Respekt, Anerkennung und Würde sicherstellen“.6

Ein aufmerksamer Beobachter könnte anmerken, dass es in all diesen Äußerungen ein entscheidendes Eingeständnis nicht gab: „Frankreich ist nicht länger Frankreich, da es ohne Auswahl Millionen Muslime aus Ländern herein ließ, in denen Antisemitismus grassiert.“ Dazu gehören Einwanderer aus Algerien, wo 87% der durch die ADL Befragten antisemitische Ansichten zum Ausdruck brachten; aus Tunesien, wo 86% der Befragten antisemitische Ansichten haben; und Marokko, wo 80% der Befragten antisemitisch waren.7 Eine Reaktion auf diese muslimische Masseneinwanderung besteht darin, dass die rechtsextreme Front National nach Angaben vieler aktueller Meinungsumfragen Frankreichs führende Partei ist.8 Bei den Provinzwahlen vom März wurde sie die zweitstärkste Partei.

Es gibt einen zweiten Punkt, den ein solcher Beobachter aufbringen könnte. Hypothetisch kann man fragen: Selbst wenn die gesamte jüdische Gemeinschaft Frankreich verlassen sollte, wie viel Einfluss würde das tatsächlich auf die französische Gesellschaft haben? Die Positionen der auswandernden Anwälte, Ärzte, Journalisten, Politiker, Philosophen, Geschäftsinhaber, Künstler usw. würden recht schnell durch andere aufgefüllt. Wir haben in Europa extreme Präzedenzfälle für ein solches Phänomen während der deutschen Besatzung erlebt, als viele Juden zunächst aus ihren Berufen verbannt wurden.

Ein derart massiver Abgang von Juden hätte jedoch einen großen symbolischen Einfluss auf das Image Frankreichs. Im Januar sagte Valls gegenüber Journalisten, dass Frankreich ein Staat ist, in dem es „territoriale, soziale und ethnische Apartheid“ gibt.9 Der Weggang vieler Juden würde Frankreichs Merkmal als scheiternde Demokratie eine zusätzliche Dimension geben.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich ebenfalls zum Thema und sagte: „Wir sind froh und dankbar, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt… Wir möchten gerne mit Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben.“10 Die psychologische Bedeutung der jüdischen Präsenz in Deutschland – die hauptsächlich aus Immigranten aus Russland besteht – ist in diesem Land weit größer als in Frankreich, obwohl sie einen weit kleineren Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmacht. Angesichts der deutschen Nazi-Vergangenheit dient die Anwesenheit von Juden als wichtige Image-Verbesserung, dass das Deutschland von heute nicht nur ein ganz anderes ist, sondern auch eine gesunde Demokratie.

Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz sagte, die jüdische Gemeinschaft in Österreich solle wachsen. Wir „…müssen hart daran arbeiten, für Sicherheit zu sorgen, damit Menschen jüdischen Glaubens nicht gezwungen sind, auszuwandern. Aber Europa ohne Juden wäre nicht Europa.“11

Die dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt sagte nach den tödlichen Terroranschlägen in einer Kopenhagener Synagoge im Februar: „Die jüdische Gemeinde ist seit Jahrhunderten in diesem Land gewesen. Sie gehören zu Dänemark, sie sind Teil der dänischen Gemeinschaft und wir würden ohne die jüdische Gemeinde in Dänemark nicht dieselben sein.“12

Der britische Premierminister David Cameron beschränkte sich auf die Aussage, dass Briten „unvorstellbar wachsam“ sein sollten und merkte etwas zur Umsetzung erhöhter Sicherheitsmaßnahmen an: „Diese Schritte werden wegen dem unternommen, was in Paris geschah und wegen der Situation, der wir uns allgemein gegenüber sehen.“13

Mehrere dieser Äußerungen europäischer Führungspolitiker waren direkte Reaktionen auf Netanyahus Aufrufe an europäische Juden nach Israel einzuwandern – seine Reaktion auf die Flut an antisemitischen Anschlägen in Frankreich. Netanyahu hatte gesagt: „Man kann erwarten, dass diese Welle an Terroranschlägen weiter geht, einschließlich antisemitischer und mörderischer Anschläge. Wir sagen den Juden, unseren Brüdern und Schwestern: Israel ist euer Zuhause und das eines jeden Juden. Israel wartet mit offenen Armen auf euch.“14

Man mag sich fragen, ob es weise war, dass der israelische Premierminister eine solche Erklärung abgab. Einige Israelis und Juden glauben, dass Juden aus Liebe zum Land nach Israel kommen sollten, statt aus Angst dort zu bleiben, wo sie derzeit leben. Das klingt wie eine sehr politisch korrekte Reaktion, aber in Wirklichkeit ist gehört die große Mehrheit der jüdischen Einwanderer durch die gesamte Geschichte Israels hindurch in die zweite Kategorie. Vor diesem Hintergrund sollte Israel nicht zum Unbehagen der vielen in Europa wohnenden Juden beitragen. Es würde ausreichen zu sagen, dass Juden, die nach Israel kommen möchten, willkommen sind.

Verschiedene jüdische Leiter haben erklärt, dass ihre Gemeindeglieder nicht die Absicht haben auszuwandern und dass ihr natürlicher Wohnort dort ist, wo sie derzeit leben. Das ist bis in dem Maß weitgehend richtig, dass dies, welche Art Auswanderung es geben und wie sie zahlenmäßig aussehen wird, nur für einen kleinen Prozentsatz der örtlichen jüdischen Bevölkerungen gilt.15

Das heutige Europa ist weit vom Deutschland der Kristallnacht von 1938 entfernt. Damals steckte die Regierung hinter der antisemitischen Gewalt. Derzeitige europäische Regierungen wollen antisemitische Gewalt verhindern, könnten aber vielleicht nur mäßig dazu in der Lage sein. Wenn diese Aggressionen – und besonders die Tötungen – zunehmen sollten, würde die Abwanderung von Juden aus Europa weiterhin weit von einem vollständigen Exodus entfernt sein, selbst wenn die Zahlen der Gehenden wahrscheinlich weit größer wären als die derzeitigen. In der Zwischenzeit sind die Bemerkungen willkommen, auch wenn sie zumeist nur rhetorische Übungen sind.

 

1 Sam Sokol/Herb Keinon: Sharansky to „Post“: 50,000 French Jews inquired about aliya in 2014. The Jerusalem Post, 6. Januar 2015.
2 Peter Beaumont: Leaders reject Netanyahu calls for Jewish mass migration to Israel. The Guardian, 16. Februar 2015.
3 Claude Lanzmann: Oui, la France sans les juifs n’est pas la France. Le Monde, 12. Januar 2015.
4 Discours de Manuel Valls à l’Assemblée nationale en hommage aux victimes des attentats. Gouvernement.fr, 13. Januar 2015.
5 Ségolène Royal: La France sans les juifs de France n’est pas la France. LCP: Assemblée Nationale, 12. Januar 2015.
6 Face aux propos de Nétanyahou, les chefs d’Etat européens rassurent la communauté juive. Le Monde, 16. Februar 2015.
7 ADL Global 100, Anti-Defamation League, 2014.
8 Zachary Davies Boren: France’s National Front: Marine Le Pen’s far-right party is leading in the polls ahead of next month’s local elections. The Independent, 23. Februar 2015.
9 Manuel Valls évoque ‘un apartheid territorial, social, ethnique’ en France. Le Monde, 20. Januar 2015.
10 DIE WELT: Merkel verspricht Juden Sicherheit in Deutschland. 16. Februar 2015
11 ORF, 16. Februar 2015.
12 Shyrin Ghermezian: Prime Minister Thorning-Schmidt Says Danish Jews „Belong to Denmark“. The Algemeiner, 16. Februar 2015.
13 AFP: Security for UK Jews to be tightened says Cameron. YNet, 17. Januar 2015.
14 Peter Beaumont: Leaders reject Netanyahu calls for Jewish mass migration to Israel. The Guardian, 16. Februar 2015.
15 Danish Jews: ‚It won’t be terror that makes us go to Israel‘. The Jerusalem Post, 16. Februar 2015.

Die neue „Normalität“

Naomi Ragen, 30. August 2014

Ich erinnere mich, dass ich damals, in den 1970-ern, einen Fernsehbericht über den Bürgerkrieg im Libanon sah. In mein Gedächtnis hat sich ein Interview mit einer namenlosen Frau eingeätzt, die beschrieb, wie sie lebte, als ihre Straße von Heckenschätzen beschossen wurde, die aus Spaß gewöhnliche Bürger herauspickten. Ihre Worte lauteten in etwa: Wir gehen früh am Morgen raus, weil die Heckenschützen zu dieser Zeit noch schlafen. Und dann in der größten Hitze des Tages, weil sie dann müde sind, sagte sachlich. Ihre Worte trafen mich mit Schrecken, nicht so sehr wegen dem, was sie sagte, denn was solle die arme Frau auch machen; sie musste manchmal raus, um für ihre Familie Lebensmittel einzukaufen. Nein, was es mir kalt den Rücken herunterlaufen ließ, war, dass dies alles für sie normal geworden war. Sie hatte die Situation akzeptiert und es war zur Lebensweise geworden, ohne Rückbesinnung auf irgendeine andere Art zu leben.

Dies ist mehr als alles andere die wahre Gefahr des aktuellen Konflikts zwischen Israel und den brutalen Terroristen an seinen Grenzen. Mein Sohn sagte mir gegenüber neulich zum Versorgen meiner Enkel während des Sommers, als ständig im ganzen Land Raketenangriffe kamen und Sirenen heulten: „Wir haben uns irgendwie daran gewöhnt.“

Lassen Sie mich das, was ich als nächstes sagen werde, damit einleiten, das ich es in den folgenden Kontext stelle: Ich glaube, dass die Israelis – einschließlich meines Sohnes – die mutigsten, erfindungsreichsten und intelligentesten Menschen der Erde sind. Ich glaube, dass sie ein großzügiges, einfallsreiches, kreatives, gütiges, humanes, das Leben liebendes Volk sind, die den Hass welcher Nation der Erde auch immer am wenigsten verdienen.

Aber ich kann mir eigentlich viele andere auf unserem kleinen Planeten vorstellen, die es verdienen verunglimpft, beleidigt werden, gegen die marschiert wird, die boykottiert, gehasst und gemieden werden.

Leute, die mit menschlichen Köpfen Fußball spielen (ich habe meinen Augen nicht getraut). Leute, die andere köpfen und das auf YouTube zeigen. Leute, die Kinder mit Puppen lehren Köpfe abzuschneiden und dann stolz die Videos der kleinen Schätzchen mit ihren Sägemessern und kopflosen Puppen bei der Arbeit hochladen. Leute, die ihre zwölfjährigen Töchter an jihadistische Vergewaltiger verleihen. Leute, die Frauen Säure ins Gesicht schütten, weil sie ihre Avancen ablehnen. Leute, die andere von der Straße holen und sie hinrichten.

Sie verstehen. Ich kann beim besten Willen nicht begreifen, warum nicht sie von den Gutmenschen und den wütenden Linken ins Visier genommen werden. Ich begreife nicht, warum es für Journalisten nur dann Nachrichten sind, wenn es Juden tun.

Mitten in einem persönlichen leichten Durchdrehen nach einer Menge Beerdigungen der attraktivsten, liebenswürdigsten, wunderbarsten jungen Männer der Welt, unserer IDF-Soldaten, machte ich einen lange geplanten Urlaub, eine Ostsee-Kreuzfahrt, die in Kopenhagen begann und bei der wir in Helsinki, Stockholm, St. Petersburg und einigen weiteren Haltepunkte anlegten, die ich bereits wieder vergessen habe.

Durch die Straßen einer friedlichen europäischen Stadt zu gehen war anfangs ein kleiner Schock. Es war, als müsse man sich erst wieder an Vernunft gewöhnen. All diese Blonden auf Fahrrädern in Dänemark, den Wind im Haar, hinreißende kleine Babys in Wagen an Fahrrädern. Menschen in Straßencafés, auf Bootstouren, die an einem Sommertag durchs Grüne, durch blühende Gärten schlendern. Im Kopf versuchte ich – nur für einen Moment – mir vorzustellen, wie die Sirenen ertönen und alle in Deckung hasten.

Doch das war unmöglich.

Ahh, das ist es also, was einst, vor nicht wirklich langer Zeit, Normalität genannt wurde.

Ich dachte an den Beginn des Zweiten Weltkriegs, als Haile Selassie 1935 seine Stimme erhob, als Italien barbarisch in sein kleines Land einfiel. „… Es gibt keinen Präzedenzfall dafür, dass ein Volk Opfer einer solchen Ungerechtigkeit wird und derzeit dadurch bedroht wird, dass man es seinem Aggressor überlässt.“ Zur ewigen Schande der Welt fiel dieses ergreifende Flehen auf taube Ohren, während die Welt weiter dem Geschäft nachging zu versuchen sich mit Hitler zu vertragen, um ihr eigenes, ruhiges Leben fortzusetzen.

Die Geschichte bekräftigt, wie gut diese Strategie funktionierte.

Was ich am beängstigendsten und unverständlichsten finde ist, wie wenige Menschen sich daran erinnern. Ist es echte Ignoranz oder gewollte Ignoranz? Dazu habe ich noch keine Entscheidung gefunden. Junge Leute scheinen sich der Menschheitsgeschichte gegenüber so wenig bewusst. Sie können dir sagen, wie oft Selena Gomez sich von Justin Bieber getrennt hat, aber ich bezweifle ernsthaft, dass sie einem irgendetwas selbst der Geschichte der letzten zehn Jahre sagten können, geschweige denn von den letzten hundert Jahren des Planeten Erde.

Es ist eine bequeme Vergesslichkeit, die zweifelsohne durch den Marsch neuer Kräfte der Barbarei verursacht wurde, die unter dem Deckmantel der Einwanderung in die freie Welt eingefallen sind. Die gewalttätigen Demonstrationen überall in Europa zur Unterstützung der schlachtenden Horden vergewaltigender Entführer und völkermörderische, rassistischer Irrer, die unter der neu geprägten Version des Islam die reizenden Straßen von Paris übernommen haben, die Gehwege der Londoner High Street und anderer europäischer Hauptstraßen sind zu zahlreich, als dass man sie zählen könnte. Ihre abstoßenden, antisemitischen Parolen verschmutzen die Mauern der einst zivilisierten Welt. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wird es noch zu sehen bekommen. Wo immer ihr lebt, sie werden bald auf einer Straße in eurer Nähe sein.

Juden haben aus offensichtlichen Gründen nicht den Luxus unsere Geschichte zu vergessen. Von allen Völkern der Welt sind wir diejenigen, die am wenigsten bereit sind sie zu wiederholen – aus offensichtlichen Gründen.

Ich war von der Geschichte der Juden an allen Orten der Welt, die ich besuchte, fasziniert. Ohne Ausnahme folgte die jüdische Präsenz überall in Europa demselben Muster. Juden wurden vertrieben. Dann wurden Juden aus bestimmten Gründen vorübergehend „erlaubt“ sich in bestimmten Städten eine bestimmte Zeit lang niederzulassen, um den besonderen Bedürfnissen der derzeitigen Herrschaftsklassen zu dienen. Dann wurden sie wieder hinausgeworfen. Und dann tröpfelten sie wieder zurück, bis sie erneut hinausgeworfen wurden.

Es erscheint mir so, dass Europas derzeitige Haltung gegenüber dem jüdischen Staat mit einem wahnhaften Wunsch nach Rückeroberung dieser historischen Fähigkeit befleckt, Juden vorzuschreiben, wo sie leben dürfen und wo nicht; was sie tun dürfen und was nicht. Vielleicht ist das der Grund, dass sie über die Europäische Union weiter Edikte und Warnungen und Forderungen ausgeben und üble Blutschuld-Vorwürfe erfinden, es ablehnen anzuerkennen, dass die Geschichte weitergezogen ist und dass die Juden nicht länger die Genehmigung Europas brauchen, um sich anzusiedeln und zu wachsen und zu gedeihen und zu kreieren und ihren eigenen Bedürfnisse nachzukommen, ohne Rücksicht darauf wie Europa bedient werden will.

In den 70-er Jahren des 18. Jahrhunderts wurden Juden in Schweden nur zugelassen, wenn sie zum Christentum übertraten, bis ein Siegelmacher aus Deutschland namens Aron Isak diese Forderung zurückwies: „Ich würde meine Religion nicht für alles Gold der Welt ändern.“ Das beeindruckte den Oberbürgermeister von Stockholm dermaßen, dass er Herrn Isak empfahl mit König Gustav III. zu sprechen, der ihm nicht nur das Recht gewährte Schwedens erster jüdischer Staatsbürger zu werden, sondern auch zehn weitere Familien mitzubringen, damit er ein Minyan bilden konnte.

Aus einem ruhigen Leben in einer toleranten und liberalen Bevölkerung ist das jüdische Leben in Schweden und dem größten Teil Europas zu einem Albtraum geworden, weil muslimische Einwanderer aus der gesamten islamischen Welt das Land überfluteten und auf einen Bevölkerungsanteil von vier Prozent anwuchsen.

Seit dem jüngsten Krieg im Gazastreifen ist das Leben für die schwedischen Juden noch unerträglicher geworden. „Wir haben immer gewusst, dass es in Schweden solche gibt, die uns hassen, aber diesmal kam das noch mächtiger zum Ausdruck, denn es gab so viele antisemitische Äußerungen und Angriffe durch Antisemiten, dass es unmöglich war sie alle zu verfolgen. Selbst unter Prominenten, Politikern und Journalisten – das war keine Kritik an der Operation im Gazastreifen, sondern wirklich Hass auf Juden“, erzählte der 22-jährige schwedisch-jüdische Student Victor Boslöv-Reichmann NRG.

Die Ironie, dass Europa historisch seine Türen den Juden verschloss, nur um sie den Muslimen weit zu öffnen, ist kaum zu ignorieren. In Schweden hat das zumindest keinen Segen gebracht. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2013 berichteten mehr als 1.000 schwedische Frauen in der Hauptstadt Stockholm von muslimischen Einwanderern vergewaltigt worden zu sein, ein großer Teil von ihnen noch nicht einmal Teenager.

Unser Schiff legte in Stockholm an. Jede Menge hübscher Häuser. Jede Menge dunkelhaariger Männer, die blonde Schwedinnen beäugten. Und viele Schilder, die das „Abschlachten“ von Palästinensern im Gazastreifen verdammten.

Ich flog nach Israel nach Hause. Am ersten Abend nach der Rückkehr gab es in Jerusalem Roten Alarm.

Leider fühlte es sich normal an.

Dennoch war das besser als in Schweden zu sein – oder an irgendeinem anderen Ort im Ausland, wo die örtliche Ruhe durch unmoralische Ignoranz erkauft ist. Wenn es aber stimmt, dass George Santayana recht hatte, als er schrieb: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“, dann wird es an keinem dieser Orte noch allzu lange ruhig bleiben.

Dieser Artikel wurde zuerst in der Jerusalem Post vom 29. August 2014 veröffentlicht.

Achtzig Prozent der gestohlenen Holocaust-Vermögenswerte wurde nie zurückgegeben

Manfred Gerstenfeld interviewt Sidney Zabludoff (direkt vom Autor)

Fortschritte bei der Rückerstattung gestohlenen jüdischen Vermögenswerte nach dem Krieg erfolgten extrem langsam und dauerten bis in die frühen 1970-er Jahre. In dieser Zeit verschob sich der Schwerpunkt von der Rückgabe von Eigentum in besetzten Ländern zu Druck auf ein wirtschaftlich relativ gesundes Deutschland, damit es mehr für die von den Nazis durchgeführten Plünderungen zahlte. Höchstens 15 Prozent der von 1934 bis 1945 beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte wurden in der ersten Runde der Rückerstattungen an frühere Eigentümer, ihre Erben und jüdische Organisationen, die erbenlose Anspruchsteller repräsentierten, zurückgegeben.

Ein weithin veröffentlichter Rückgabeversuch wurde nach Mitte der 1990-er Jahre unternommen. Mehrere internationale Konferenzen versuchten sich um die unbezahlten Verpflichtungen zu kümmern, es wurde aber wenig erreicht. Den letzten Versuch gab es 2009 in Prag. Obwohl Delegierte herzzerreißende Reden hielten und Rückgabe forderten, wurde kein effektives Mittel eingeführt, um die gestohlenen Vermögenswerte zurückzugeben oder zu vergüten.

Sidney Zabludoff ist ein Ökonom, der dreißig Jahre für das Weiße Haus, die CIA und das Finanzministerium gearbeitet hat. Nach seiner Pensionierung 1995 konzentrierte er sich hauptsächlich auf Fragen, die mit der Rückgabe während der Zeit des Holocaust gestohlenen jüdischen Vermögens zu tun haben.

Die umfangreichsten Vereinbarungen der zweiten Runde waren Zahlungen für inaktive Schweizer Bankkonten und an die 2.100 Juden, die vor dem Holocaust in Norwegen lebten. Beide Fällen repräsentierten einen kleinen Teil des gesamten gestohlenen jüdischen Vermögens. Gleichzeitig hatten die weithin öffentlich gemachten Bemühungen Lebensversicherungsansprüche der Internationalen Kommission für Ansprüche aus der Zeit des Holocaust (ICHEIC) zurückzuzahlen lediglich rund 3 Prozent Rückzahlungen zur Folge.

Am Ende wurden bis Mitte der 1990-er Jahre weniger als 5 Prozent der jüdischen Holocaust-Vermögenswerte zurückgegeben. Damit bleiben mehr als 80 Prozent des Wertes jüdischer Aktiva, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren gestohlen wurden, ungezahlt. Das beläuft sich auf mindestens $180 Milliarden nach Wert von 2013.

Am meisten wissen wir über die Entwicklungen in Deutschland. Bis 1954 war die Rückgabe unter den Gesetzen der Alliierten im Wesentlichen abgeschlossen. Ein beträchtlicher Teil der Zahlungen danach bis 1997 erfolgte unter dem BRÜG-Gesetz von 1957, das die Entschädigung für von den Nazis gestohlenes bewegliches Eigentum regelte, das der Anspruchsberechtigte identifizieren, aber nicht länger lokalisieren konnte. Dazu gehörten hauptsächlich Haushaltsgegenstände, Bankkonten, Schmuck und Wertpapiere. Sie wurden fast 750.000 Anspruchsberechtigten ausgezahlt, denen Vermögenswerte in ganz Europa gehörten.

Etwa ein Viertel der Entschädigungszahlungen infolge dieses Gesetzes wurde an Juden gezahlt, die in den späten 1930-er Jahren in Deutschland lebten. Ein unbekannter, aber beträchtlicher Anteil der Zahlungen – vielleicht ein Viertel – ging an Juden, die außerhalb von Deutschland lebten und während der 1930-er Jahre aus Deutschland entkamen. Eine weitere Hälfte wurde an Juden in besetzten Ländern Europas gezahlt.

Alle in allem wurden nicht mehr als rund 12 Prozent der in Deutschland beschlagnahmten jüdischen Vermögenswerte von vor dem Krieg zurückgegeben. Die Zahl ist infolge der Entwertung der deutschen Währung nach dem Krieg so niedrig. Für Österreich wurde etwa ein Drittel des geplünderten Gesamtwerts zurückgegeben, während es für den Rest der westeuropäischen Länder zwischen 40% und 60% waren. In Osteuropa scheint es unwahrscheinlich, dass mehr als 5 Prozent des jüdischen Eigentums zurückgegeben wurde.

Der niedrige Gesamtanteil erstatteter jüdische Holocaust-Vermögenswerte kann zwei wichtigen Aspekten zugeschrieben werden. In Deutschland – auf das rund 25% der gestohlenen jüdischen Werte entfiel – gab es wegen Währungsreformen niedrige Wertfestsetzungen. In Osteuropa – das rund 60% der beschlagnahmten jüdischen Eigentums hatte – gab es eine lange Zeit kommunistischer Herrschaft.

Im Rückblick auf den gesamten Rückerstattungsprozess merkt Zabludoff an: Die Haager Konvention zu internationaler Kriegsführung von 1907 war ein Meilenstein, der festlegte, dass Privateigentum nicht beschlagnahmt werden kann, Plünderung verboten ist und dass religiöse, Wohlfahrts- und Bildungsinstitutionen, die Künste und Wissenschaften als Privateigentum behandelt werden müssen.

Bald nach dem Wiedergewinn ihrer Unabhängigkeit setzten alle besetzten Länder Rückerstattungsverordnungen in Kraft. Die Alliierten kamen bei der Pariser Konferenz von 1945 überein, dass der Nazikrieg gegen die Juden diese zu einer für Entschädigung berechtigte besondere Gruppe machte. Als solche hatten individuelle Juden das Recht von Deutschland Zahlungen für verlorenes Eigentum und andere Schäden fordern.

Holocaust-Rückerstattung blieb nach dem Zweiten Weltkrieg wegen nationaler Interessen von geringer Priorität. Zusätzlich wurde sie höchst kompliziert, da so viele Juden und ihre Erben tot waren. Man könnte das schlechte Ergebnis während beider Zeiten der Rückerstattung damit zusammenfassen, dass man sagt, es war ein Versäumnis eine einzigartige, umfassende und angemessene Anstrengung zu unternehmen, mit einem in den Annalen der modernen Geschichte beispiellosen Ereignis umzugehen – der Auslöschung von mehr als zwei Drittel der Juden des europäischen Kontinents und der Beschlagnahme fast all ihrer Vermögenswerte.

Die Notwendigkeit einzigartiger Lösungen wurde von Nahum Goldmann, dem Vorsitzenden des World Jewish Congress, bei seinem ersten Treffen mit Kanzler Konrad Adenauer betont; eine breite Regelung zu Rückerstattung sollte vorgeschlagen werden. Er erklärte: „Ich weiß, dass ich etwas Ungewöhnliches verlangte. Aber das war ein einzigartiger Fall… Ich kann von Ihnen erwarten, dass sie herkömmliche Regularien außer Kraft setzen.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Mitglied des Aufsichtsrats des
Jerusalem Center of Public Affairs, dessen Vorsitzender er 12 Jahre lang war.