Jerusalem am Rhein

Bewahrung der Geschichte dreier deutscher Städte, die in der jüdischen Geschichte eine große Rolle spielten: Speyer, Worms und Mainz

Elisabeth Becker, Tablet Magazine, 6. Dezember 2021

Im Juli wurden drei Städte am deutschen Rhein – Speyer, Worms und Mainz, die zusammen als „Wiege des europäischen Judentums“ beworben werden – zusammen zur UNESCO-Welterbestätte erklärt. In dieser Region, die heute zum Bundesland Rheinland-Pfalz gehört, hat es seit dem 9. Jahrhundert Juden gegeben, jüdische Gemeinden wurden im 10. und 11. Jahrhundert gegründet. Auf den grasbewachsenen Feldern von Worms bilden von Moos überzogene Grabsteine, die sucg nach links und rechts neigen, den ältesten überlebenden jüdischen Friedhof Europas. In Speyer führen Steinstufen zum Becken der ältesten überlebenden Mikwe Europas. Und in Mainz gibt es noch Fragmente eines aschkenasischen jüdischen Friedhofs – immer wieder geschändet – der um dieselbe Zeit eingerichtet wurde wie in Worms. Es handelt sich zwar um relativ kleine Städte – Speyer mit rund 50.000 Einwohnern, Worms mit 83.000 und Mainz mit 218.000 – aber in der aschkenasischen Geschichte spielen sie eine bedeutende Rolle.

Speyer und Main liegen 90km auseinander, Worms etwa auf der Hälfte zwischen den beiden. Sie sind kollektiv als die „SchUM“-Städte bekannt, ein Akronym, das aus den Buchstaben der mittelalterlichen hebräischen Namen gebildet ist: Schin (Sch), Waw (U) und Mem (M). Schum bedeutet auf Hebräisch „Knoblauch“. Zeichnungen jüdischer Händler der Region aus dem 16. Jahrhundert zeigen sie mit einem Knoblauch-Spross in einer Hand, der die geografische Herkunft andeutet und einem gelben Kreis auf ihrer Kleidung, um die jüdische Identität zu zeigen. SchUM war keine Region, in der Knoblauch angebaut wurde; diese Verbindung entstand aus der hebräischen Bedeutung des Akronyms zusammen mit antisemitischen Zuordnungen, d.h. dem mit Juden verbundenen „Gestank“ von Knoblauch.

Diese Heiligen Gemeinden – sie identifizierten sich dann als „Jerusalem am Rhein“, als im 11. Jahrhundert die Wormser Synagoge mit Nachbauten der zwei Säulen des salomonischen Tempels in Jerusalem gebaut wurde – sind lange als die Bastion des aschkenasischen Judentums anerkannt gewesen; das begann vor einem Jahrtausend und setzte sich mit dem Einfluss auf die jüdische Kultur, Architektur, Religionsausübung und religiösen Denkens bis heute fort. Die Anerkennung als Welterbe beinhaltet aber auch eine beschwerliche Mühe Jahrhunderte an Beiträgen, die zum Blühen jüdischen Lebens am Rhein und dessen Einfluss weit über die Grenzen Deutschlands hinaus führte.

Die Saat dieser Idee wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch Michael Kissel, den damaligen Bürgermeister von Worms, zusammen mit der damaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Mainz gelegt. Mit Unterstützung der örtlichen jüdischen Gemeinden, dem Bundesland Rheinland-Pfalz und Vertretern der Stadt reichte die Gesellschaft einen Antrag zur Aufnahme auf Deutschlands Liste potenzieller UNESCO-Stätten von 2012 ein. 2014 erfolgte die Aufnahme auf die „vorläufige“ UNESCO-Liste anerkannter Welterbestätten, worauf die drei Städte formell die SchUM-Städte Speyer, Worms; Mainz gründeten – ein Verband (der die Abkürzung SchUM nutzte) mit dem Auftrag die Beiträge der Städte zum jüdischen Erbe und Kultur zurückzuverfolgen; 2020 reichte er bei der UNESCO einen kompletten Antrag ein.

Während kollektive Bemühungen zu Forschung und Kommunikation. an denen Land, Stadt und Vertreter der jüdischen Gemeinschaft beteiligt waren, nachhaltige Innovationen und Einflüsse der drei Städte dokumentierten, steht die Historikerin Susanne Urban – heute Direktorin des Verbandes der SchUM-Städte – an vorderster Front des Vorstoßes zur Anerkennung.

„Sie haben hier 1.000 Jahre Geschichte, alles, jede Ebene deutsch-jüdischer Geschichte, von den dunkelsten bis zu den leuchtendsten Zeiten“, sagte Urban mir, als wir uns vor kurzem in ihrem Büro trafen, das einen Blick über die mit schwarzem Dach und roten Steinen wiederaufgebaute Wormser Synagoge hat. „Das zeigt die Widerstandfähigkeit der Juden, dass die Juden in den SchUM-Städten Subjekte der Geschichte sind, nicht ihre Objekte.“ Sie beschrieb die Anerkennung der SchUM-Städte als Welterbestätte als „einen Kreis, der sich schließt“.

David Maier, Kulturkoordinator von Worms, beschreibt dieses Gefühl von Abschluss, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Kennzeichnung eine Gelegenheit ist jüdisches Leben am Rhein heute zu repräsentieren und zu unterstützen. Obwohl die jüdische Bevölkerung geringer ist als vor dem Holocaust, als ungefähr 4.200 Juden in dem Bereich lebten, gibt es auch heute immer noch Juden in den SchUM-Städten – etwa 1.550. „Wir haben hier nicht nur Denkmäler, wir haben eine pulsierende jüdische Gemeinschaft. Wir arbeiten also nicht nur mit Steinen, wir arbeiten mit Menschen“, sagte Maier. „Diese Status zu bekommen bedeutet nicht, dass etwas vorbei ist. Es ist eher ein Anfang – vielleicht kein Anfang, weil wir hier früher schon aktiv waren. Heute ist es eine neue Verpflichtung, ein neues Engagement.“

Der Kulturhistoriker und Professor Frank Stern sagte, es sei zwar unmöglich die deutsch-jüdische Vergangenheit wiederzubeleben, aber die Welterbe-Anerkennung garantiere den Schutz dieser wichtigen jüdischen Plätze. „Man weiß, dass die Friedhöfe, Häuser des Lebens jetzt sicher sind“, sagte er. „Es gibt hunderte ehemaliger jüdischer Orte in ganz Deutschland und Österreich, die heute Parkplätze, Supermärkte, Einkaufszentren sind. Lebensorte – all diese Stellen sind verloren – der Erinnerung verloren gegangen.“

Das jüdische Gericht und die Synagoge von Speyer (Foto: Jürgen Ernst, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz)

Mit dem Ziel diese Erinnerung der allgemeinen Öffentlichkeit sowohl sichtbar als auch lesbar zu machen, kuratierte Urban eine laufende Ausstellung in Worms: SchUM am Rhein vom Mittelalter bis zur Moderne. Diese Ausstellung findet im Raschi-Haus statt, selbst ein Ort der „dunkelsten und leuchtendsten Zeiten“ in der deutsch-jüdischen Geschichte: Es wurde im 15. Jahrhundert als Tanzsaal genutzt, im 18. Jahrhundert als Synagoge und als Ort, an dem Juden festgehalten werden, die während der Naziherrschaft vor der Deportation in Vernichtungslager aus ihren Häusern geholt worden waren. Heute wird die „Stimme“ des Hauses in einem verdunkelten Ausstellungsraum über Lautsprecher abgespielt; sie spricht von diesen tief bewegenden und transformativen Momenten, die zusammen die deutsche jüdische Geschichte geformt haben. Die Ausstellung enthält rituelle Objekte, architektonische Relikte, künstlerische Darstellungen, individuelle und familiäre Geschichte in schriftlicher Form sowie Fotografien aus allen Zeiten der SchUM.

Der Historiker Matthias Preissler warnt in seinem Buch Die SchUM-Städte Speyer-Worms-Mainz, dass die verbundene Geschichte der drei Städte nicht nur Geschichte jüdischen Afublühens, sondern auch, wie bei allen europäischen Juden, von den vielen Perioden der Verfolgung gekennzeichnet sind. Zu den vielleicht bemerkenswertesten davon gehören die Rheinland-Massaker von 1096, die Verfolgung wegen des Schwarzen Todes, die 1347 begann – und in Massakern an jüdischen Gemeinschaften gipfelte, denen die Verantwortung für die Seuche gegeben wurde – und der Holocaust. Insbesondere Mainz ist ein Ort unbarmherziger Judenverfolgung gewesen, eine Tatsache, die sich in ihren wenigen verbliebenen vormodernen jüdischen Bauten offenbart.

Während die Ausstellung in Worms den Pflichtbeitrag gegenüber der zyklischen Verfolgung des deutschen Judentums leistet, hebt sie die Innovation hervor – in architektonischer und religiöser Praxis, Gelehrsamkeit und Kultur – die in den frühen jüdischen Gemeinden der Städte auftrat und sich bald über den Globus verbreitete. So zeigt sie zum Beispiel mit Fotografien, wie die Wormser Synagoge als Modell für später in Regensburg, Krakau, Wien und Prag gebaute Synagogen diente. Sie enthüllt auch die Rolle der SchUM-Städte als intellektuelles Zentrum frühen aschkenasischen Denkens. Zu den berühmten Rabbinern, die aus dieser Region stammen, gehört Gerschom ben Judah – auf Hebräisch als „Licht der Diaspora“ bekannt und für seine Talmud-Kommentare anerkannt – der im 10. und 11. Jahrhundert in Mainz wohnte. Zu anderen angesehenen Rabbinern gehörten Jehuda Chassid aus Speyer, Rokeach aus Soeyer/Mainz, MaHaRam aus Worms und MaHaRiL aus Worms; ihre Kommentare und Kodifizierung der Einhaltung religiösen Gebote wurden weiterhin studiert und leben in den aschkenasischen Gemeinden weltweit. Ein bemerkenswertes Beispiel ist das Gebet Unetaneh Tokef, das weithin an Rosch HaSchanah und Yom Kippur gesprochen wird; es wurde erstmals von Rabbi Mannon aus Mainz im 11. Jahrhundert gesprochen, nur Augenblicke vor seinem Tod. Urban vermerkte diese Beständigkeit des jüdischen Erbes der Städte: „Es sind nicht nur Denkmäler, Grabsteine, sondern es gibt auch etwas Konkretes und sehr Lebendiges dahinter. Die Liturgie und Gebete aus SchUM werden in aschkenasischen Synagogen rund um die Welt immer noch gesprochen.“

Diese Tradition jüdischen Lebens wurde über schriftliche Abhandlungen weitergegeben, das jüdische Wort, das im Zentrum dieser Ausstellung steht: in der Form eines Golem, der vom jüdisch-amerikanischen Künstler Joshua Abarbanel aus hebräischen Buchstaben gemeißelt wurde, wobei der Hals des Golem von einer Metallkette umschlossen ist, die ihn am Boden festhält. Ein Aleph (der hebräische Buchstabe, der die Einzigkeit Gottes signalisiert) ist aus seinem Herzen gemeißelt und dazu verwendet, die Kette niederzuhalten, die ihn am Boden befestigt. Abarbanel beschreibt das Gefühl, dass dieser Golem, jetzt in Worms, „mich mit einer ganzen Geschichte und Tradition jüdischen Lebens in Deutschland verbindet“ und auch „die Macht der Schöpfung in der jüdischen Tradition verkörpert“. Das ist nicht nur ein Golem – die handgefertigte, unberechenbare, mystische jüdische Kreatur, die im Kern so vieler rabbinischer Erzählungen liegt – sondern einer ganzen jüdischen Geschichte, die in dieser Stadt immer noch zu sehen ist, wie auch in Speyer und Mainz. Die jüdische Welt und die Gefäße – menschlich wie aus Stein – haben sie bewahrt und damit ist die  die heutige jüdische Welt von diesen drei Städten geformt worden.

Das „neue Feld“ auf dem alten jüdischen Friedhof, Mainz (Foto: Jürgen Ernst, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz)

Jüdisch-aschkenasische Innovation verbreitete sich über Migration und Exil aus diesen Städten um die Welt. Eine Reise ins Zentrum der gerade veröffentlichten Dokumentation Was sind 1.000 Jahre? Von Kalonymos nach Klamanowitsch besuchte der in Israel geborene und in Berlin lebende Rapper Ben Salomodie SchUm-Städte, um die Verbindung mit seinen Vorfahren namens „Kalonymos“ herzustellen – die Linie rabbinischer Gelehrter und Poeten, die die erste jüdische Gemeinde in Mainz gründete. Wie die Familie Kalonymos geht das Leben dieser Städte über die geografischen Grenzen Deutschlands und Europas hinaus, getragen von denen, die nach Osten und Westen fortzogen, vor Verfolgung flohen.

Die Überbleibsel dieser tiefen und anhaltenden Vergangenheit, ihrer Zyklen aus Zerstörung durch Verfolgung und Wiederaufbau, ist in den SchUM-Stadtbildern deutlich sichtbar, ein Konglomerat des Überlebens und Wiederaufbaus von Bauten aus anderen Zeiten. Worms ist Heimat des ältesten jüdischen Friedhofs vor Ort in Europa mit Grabsteinen, die bis ins 11. Jahrhundert  zurückgehen, den hohen Mauern einer Mikwe aus dem 12. Jahrhundert und einer Synagoge, die unzählige Male zerstört und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde. In Speyer gibt es eine weitere Mikwe aus dem 12. Jahrhundert (die früheste und langlebigste ihrer Art), hohe Mauern einer Synagoge aus dem 12. Jahrhundert und die einer Schul für Frauen aus dem 13. Jahrhundert. Die meisten jüdischen Stätten in Mainz wurden während wiederholter Phasen der Judenverfolgung seit dem frühen Mittelalter zerstört, wenn auch einige der frühesten jüdischen Grabsteine in Europa dort bis heute noch stehen. Seit dem Mittelalter gab es in der Judengasse historisch solche Schlüsselstellen jüdischen Lebens. In Speyer und Worms sind zwar einige Originalgebäude der Judengasse übrig, aber sie wurden in Mainz während der anhaltenden Judenverfolgung und dem Zweiten Weltkrieg komplett zerstört.

„Wir sehen hier, dass jüdische Geschichte – 1.000 Jahre davon – nicht abstrakt ist“, sagte Urban. „Man hat diese Unverwüstlichkeit nach jeder einzelnen Zerstörung, den Kreuzzügen, Pogromen, Stadtbränden, der Schoah (die etwas anderes ist); jedes Mal bauten sie das wieder auf und sie bestätigten: ‚Wir gehören zum SchUM.‘ Juden sind keine Fremden. Sie fühlten sich Zuhause und sie sind hier verwurzelt.“

Stern wiederholt diese Entschlossenheit der drei Städte, sich selbst trotz der Verfolgung zu verwurzeln. „Wenn ich in die Mikwe [in SchUM] hinabsteige, dann weine ich, weil dies großartig, schön ist. Es war wohltuend, weil die Leute arbeiteten und arbeiteten und arbeiteten und etwas gegen all die Diskriminierung taten. Sie schufen etwas, das hunderte Jahre blieb. Das wird für die Zukunft bestehen bleiben.“

Während Gedenkfeiern wie die Verlegung von „Stolpersteinen“ den Verlust jüdischen Lebens in den SchUM-Städten kennzeichnen, wird ihnen auch neues jüdisches Leben eingehaucht: vom Bau moderner jüdischer Räume über jüdische Poesie bis zu jüdischen Musikgruppen. Hinter diesem neuen Leben steht eine Migration aus dem Osten, da es weitgehend russische Juden sind, die Ende des 20. Jahrhunderts zuwanderten. Weder kopiert dieses neue jüdische Leben die Vergangenheit nicht noch kann es das; zu viel der deutschen jüdischen Kultur – zu viel deutsches jüdisches Leben – ist unwiderruflich vernichtet worden. Dennoch ist es nicht komplett ohne die Verbindung zur Vergangenheit der Region. Urban erzählt die Geschichte eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde Worms, dessen Vorfahren nach den Pogromen beim Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert aus der Region flohen und die in der postsowjetischen Ära nach Deutschland übersiedelten: Ein weiteres Beispiel eines im SchUM-Dreieck sich schließenden Kreises.

Heute befindet sich die größte der drei jüdischen Gemeinden in Mainz (mit etwa 1.000 Mitgliedern), wo 2010 eine neue Synagoge gebaut wurde. Dies Synagoge steht dort, wo die Synagoge von 1912 von den Nazis während der Pogrome vom November 1938 abgebrannte gestanden hatte – sie ersetzt sie nicht, sondern bringt neues jüdisches Leben in eine Region, die 1.000 Jahre lang jüdische Kultur, Brauchtum und Denken geformt hat. Eine Beschreibung der Form der neuen Synagoge auf der Internetseite der Stadt lautet: „[Architekt] Manuel Herz schließt den Bogen vom Mittelalter zur Gegenwart.“ Dennoch schließt sich in dieser Synagoge, gebaut aus grün gefliestem Metall, mit eingravierten hebräischen Worten für den Segen „Kaduschahk“ der Bogenüberhaupt nicht. Der Bogen öffnet sich für jüdisches Leben am deutschen Rhein – abebbend und fließend, aber irgendwie niemals ohne wieder anzusteigen.

Die Auslöschung jüdischen Erbes in Nordzypern

Uzay Bulut, Jihad Watch, 4. November 2021

Zypern hat einen besonderen Platz in der jüdischen Geschichte. Juden sind in diesem Inselstaat tief verwurzelt, wo sie einst Wein für den im Tempel verwendeten Weihrauch erwarben (Jerusalemer Talmud Yoma 4), möglicherweise von dort lebenden Juden hergestellt. Juden haben nach Angaben historischer Aufzeichnungen Jahrtausende in Zypern gelebt. Das Hadassah-Magazin berichtet:

Zypern und Eretz Yisrael hatten schon Ende des dritten Jahrhunderts v.Chr. Handelsbeziehungen und Juden begannen sich auf der Insel niederzulassen. Im ersten Jahrhundert v.Chr. gab der römische Kaiser Augustus Herodes, dem König von Judäa, einen Teil der Verwaltung und der Einnahmen der Kupferminen der Insel. Zu den Minenarbeitern gehörten Juden und Kuper-Arbeiter. Nach dem Tod von Herodes heiratete seine Enkelin Alexandra einen zypriotischen Juden.

Die Gemeinde gedieh und es gab an mindestens drei Orten Synagogen: Golgoi, Lapethos und Constantia-Salamine. Einige zypriotische Juden zogen nach Jerusalem und der Talmud erwähnte den Import von Kumin, Wein und getrockneten Feigen aus Zypern.

Der European Jewish Congress gibt weitere Informationen:

142 v.Chr. war Zypern eines der Länder, die auf Ersuchen der Römer jüdische Rechte garantierte. Zypriotische Juden schienen 177 n.Chr. an einem Aufstand gegen Kaiser Trajan teilgenommen zu haben. Nachdem der Aufstand niedergeschlagen war, wurde Juden streng verboten einen Fuß auf Zypern zu setzen, aber dieses Verbot dauerte nicht lange an.

„Juden kehrten kurz danach auf die Insel zurück“, fügt der World Jewish Congress an. „Die jüdische Gemeinschaft in Zypern blühte über die Jahrhunderte hinweg weiter auf und zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert gab es mehr Juden auf Zypern als auf jeder anderen griechischen Insel.“

Heute ist Zypern ein mehrheitlich christliches Land und sein Schutzheiliger ist ein zypriotischer Jude: Der heilige Barnabas, der in Begleitung von Saulus (dem Apostel Paulus) und Markus nach Zypern segelte, um dort zu predigen (Apostelgeschichte Kapitel 13).

Heute blühen die Beziehungen zwischen Zypern und Israel. „Die Geschichte Zyperns hindurch haben immer jüdische Menschen auf der Insel gelebt“, sagte der Projektmanager des jüdischen Museums Zyperns, Skevi Philippou. „Es hat immer ein Band zwischen Israel und Zypern gegeben, besonders heute zwischen Tourismus- und Geschäfts-Kooperation. So nahe am Heiligen Land ist Zypern ein beliebter Ort für Juden, die zu Besuch kommen oder sich hier niederlassen. Heute leben auf Zypern 6.500 Juden. Die meisten sind aus Israel, Großbritannien, Osteuropa und Russland.“

Der Oberrabbiner von Zypern, Arie Ze’ev Raskin, dient der Gemeinschaft offiziell seit 2005. Der Rabbi und seine Frau kamen zusammen mit ihren Kindern 2003 nach Zypern. Fünf Jahre später wurde ihr fünftes Kind in dem Inselstaat geboren. Das Chabad-Haus – „Chabat Zypern“ – wurde 2005 eröffnet.

Heute steht das Cyprus Jewish Community Center in Larnaca der Gemeinschaft das ganze Jahr über offen. Und das dortige jüdische Museum schafft das Bewusstsein für die jüdischen Verbindungen zur Insel. Die aktuelle Ausstellung des Museums ist die „Nissenhütte“, ein Original-Artefakt aus dem Zweiten Weltkrieg.

Nach Angaben seiner Internetseite will das Museum die Öffentlichkeit bezüglich der wichtigen Rolle bilden, die Zypern und die Zyprioten „bei der Unterstützung von Holocaust-Opfern spielten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa entkamen und sich auf dem Weg nach Israel befanden“.

Von 1878 bis 1960, als Zypern unabhängig wurde, stand die Insel unter britischer Herrschaft. Nach dem Aufstieg des Nationalsozialismus 1933 entkamen hunderte Juden nach Zypern. Die britische Regierung baute dort dann 12 Internierungslager für Holocaust-Überlebende auf, die in das damalige britische Mandat Palästina immigrierten oder versuchten zu immigrieren. Die Lager wurden von 1946 bis 1949 betrieben und hielten mehr als 53.000 Internierte fest. Sobald der Staat Israel gegründet war, zogen die meisten Flüchtlinge dorthin.

„Die Umstände in den Lagern waren furchtbar“, berichtete die Zeitung Cyprus Mail. „Aber es gab einen Hoffnungsstrahl für die, die auf der langen Reise nach Hause waren: Die lokalen Zyprioten, die drei lange Jahre lang halfen die Internierten auf ihre Kosten zu ernähren, zu kleiden und zu nähren. Als Einfall von Rabbi Arie Ze’ef Raskin, dem Oberrabbiner von Zypern, ist das Museum der Weg der jüdischen Gemeinschaft, denen Dank zu sagen, die den Internierten halfen.

„Rabbis Raskin empfang ein überwältigendes Bedürfnis den Menschen zu danken, die er als Helden betrachtet“, sagte Philippou.

Gewöhnliche Leute – Bauern, Arbeiter, Menschen, die kaum selbst genug zu essen für ihre eigenen Familien hatten – gaben Lebensmittel, Wasser und Medikamente für Flüchtlinge in lagern. Und die nächste Generation Zyprioten muss wissen und sich daran erinnern, was ihre Vorfahren taten, damit der Kreislauf der Güte weiter geht.

Diese 53.000 jüdischen Flüchtlinge und ihre Nachkommen verdanken ihre Gesundheit und Wohlergehen Zypern und dem Mitgefühl der Zyprioten; indem sie denen halfen, die ein neues Leben begannen, spielten die Zyprioten nicht nur eine wichtige Rolle dabei Holocaust-Opfern zu helfen nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa zu entkommen, sondern sie waren auch verantwortliche Hilfe bei der Förderung der Wiedergeburt jüdischen Lebens, Kultur, Feshalten an der Religion und dem jüdischen Erbe rund um die Welt fördern.

In der Zwischenzeit wird die Tradition gegen Antisemitismus zu sein in Zypern weitergeführt. 2019 begrüßte Zypern die Arbeitsdefinition Antisemitismus der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA). Der damalige Vorsitzende der Jewish Agency und aktuelle Präsident Israels Isaac Herzog lobte den Schritt, genauso David Harris, CEO des American Jewish Committee.

Viele kommunale Leiter in Zypern haben auch die Erklärung der Vereinigten Bürgermeister gegen Antisemitismus des American Jewish Committee (AJC) unterschrieben. Mehr als 500 europäische und US-Bürgermeister, darunter 22 Bürgermeister aus Zypern, schlossen sich der Initiative an.

„Die Beziehungen zwischen Israel und Zypern sind nie stärker gewesen al sheute“, sagte die AJC-Leiterin in Jerusalem, Oberstleutnant (a.D.) Avital Leibovich. „Sie gründen nicht nur auf gegenseitigen Interessen, sondern auch auf strategischen Herausforderungen und Kooperation auf vielen Ebenen – von Kultur zu Wissenschaften, von Tourismus zu Startups. Bei der Veränderung des Nahen Ostens sind solche Partnerschaften wichtig und werden in Ehren gehalten.“

Seit 1974 sind allerdings rund 40 Prozent des Territorium Zyperns im Norden der Insel illegal von der Türkei besetzt. In dem Jahr marschierte das türkische Militär zweimal in Zypern ein, das einer Kampagne ethnischer Säuberung ausgesetzt wurde, bei der  der demografische Charakter des Inselstaats gewaltsam verändert uwrde.

Von türkischen Truppen wurden viele Verbrechen an indigenen griechischen Zyprioten begangen. Zivile Ziele wie Krankenhäuser wurden bombardiert. Griechische Zyprioten, auch Kinder, wurden ermordet. Zivilisten wurden von türkischer Militärobrigkeit willkürlich verhaftet und entweder in Gefängnisse oder Konzentrationslager gesteckt. Einige mussten Zwangsarbeit verrichten. Die Europäische Kommission für Menschenrechte dokumentierte die Vergewaltigung von Frauen und Kindern im Alter von 12 bis 71, darunter auch Schwangere und geistig Zurückgebliebene. Die Vergewaltigungen waren derart weit verbreitet, dass die Kirche Zyperns gezwungen war ihre zuvor Einschränkungen von Abtreibungen zu lockern.

Fast 200.000 griechische Zyprioten wurden von den türkischen Invasionstruppen aus ihren Häusern zwangsvertrieben und von illegalen Siedlern aus der Türkei sowie türkischen Zyprioten verdrängt. Ländereien, Häuser und anderer Grundbesitz griechischer Zyprioten wurden beschlagnahmt, geplündert und an Türken verteilt. Als Ergebnis dieser ethnischen Säuberung ist das nördliche Zypern, das bis 1974 Jahrtausende lang eine mehrheitlich griechische Region war, zu einer türkischen Kolonie gemacht.

Historisch lebten große jüdische Bevölkerungsgruppen in Küstenstädten Zyperns, so auch im antiken Salamis in der Stadt Famagusta, die heute unter türkischer Besatzung steht. Leider hat der Invasionsfeldzug allen nichtmuslimischen historischen Stätten Zyperns weit verbreitete Zerstörung gebracht.

Bis heute fahren die Besatzungstruppen damit fort das zypriotische kulturelle Erbe zu plündern und zu zerstören, darunter auch das jüdische Erbe des besetzten Gebiets. Der dortige jüdische Friedhof ist zum Beispiel zerstört worden. Der Bericht „Verlust eine Zivilisation: Zerstörung kulturellen Erbes im besetzten Zypern“ von 2012 besagt:

Der historische jüdische Friedhof Margo, ein nationales Denkmal für das jüdische Volk südöstlich von Nicosia, ist auf dieselbe Weise geschändet und zerstört worden wie christliche Friedhöfe in der von türkischen Truppen besetzten Gegend geschändet und zerstört worden sind.

Der jüdische Friedhof Margo ist Heimat der Gräber von Diaspora-Juden  von 1885 und jüdischer Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Zypern kamen.

Der Friedhof liegt in einem streng kontrollierten militärischen Gebiet und wird von einem bewaffneten türkischen Soldaten bewacht. Jüdische Organisationen und andere Gruppen haben ständig um freien Zugang zum Friedhof gebeten, um dort religiöse Zeremonien durchführen zu können, aber diese Bitten sind von der Besatzungsmacht und ihrem Marionettenregime nie gewährt worden.

„Wir haben den Friedhof mehrfach besucht“, bestätigt Philippou. „Aber wir sind nicht in der Lage gewesen dort religiöse Zeremonien durchzuführen, es war nur ein schneller Besuch unter Aufsicht. Wir hätten ihn gerne restauriert, aber bisher wurde uns keine Erlaubnis dazu gegeben.“

Hier können Sie ein Video des zerstörten jüdischen Friedhofs im türkisch besetzten Teil von Nicosia sehen.

Die zypriotisch-niederländische Schriftstellerin und Kultur-Aktivistin Tasoula Hadjitofi wurde im Alter von 15 Jahren zum Flüchtling, als türkische Truppen 1974 in ihre Geburtsstadt Famagusta einmarschierten. Mehrere Jahrzehnte lang hat sie Artefakte und andere Symbole kulturellen Erbes gesammelt, die geraubt und gestohlen wurde, um sie nach Zypern nach Hause zu bringen. In Bezug auf die Befreiung von Gefangenen aus Nazi-Konzentrationslagern im Jahr 1945 sagte Hadjitofi:

Zyprioten kämpften als britische Truppen an der Seite der Alliierten während der Befreiung der Juden und anderer Gefangenen, denn Zypern war eine britische Kolonie. Es gab für diese Helden am Holocaust-Gedenktag in Großbritannien oder in Zypern keine Mohnblumen und man weiß wenig über sie. Die meisten dieser vergessenen Helden starben still und nahmen viele nicht erzählte Geschichten mit ins Grab. Vielleicht leben noch eine Hand voll? Ihre Geschichten müssen erzählt werden und ihr Mut muss geehrt werden.

„Die historischen Bande zwischen Israel und Zypern sind stark“, fügte Hadjitofi an. „Ich hoffe, dass unsere jüdischen Brüder und Schwestern weltweit die Islamisierung des nördlichen Zypern durch die Türkei aufmerksam beobachten, genauso der Zerstörung der christlichen und jüdischen Stätten in dem besetzten Gebiet. Und um unseres gemeinsamen Erbes, den historischen und aktuellen Kämpfen um die Freiheit willen sowie aus fundamentalen Prinzipien müssen sie ihr Möglichstes tun sie aufzuhalten.“

Warum Antizionismus und Antisemitismus untrennbar verzahnt sind

Kommunale und Welt-Führer müssen dafür eintreten, dass Schulen aktiv über dieses komplexe Phänomen und was es ausmacht lehren

Jay Ruderman, Israel HaYom, 4. Oktober 2021

Jahrhunderte lang haben Juden diskutiert, wer zu unserer Gemeinschaft gehört. Eine inklusivere jüdische Welt zu akzeptieren ist wichtig und erstrebenswert, aber unmittelbarer sollten unsere Anstrengungen sich auf die aktuelle existenzielle Bedrohung konzentrieren, der sich unsere Gemeinschaft gegenübersieht: den Antisemitismus.

Diese Debatte treibt ironischerweise die Juden weiter auseinander, untergräbt die Legitimität Israels und hat Auswirkungen auf die Sicherheit der US-Juden.

Die Rechtsextreme ist beispielhaft für den historischen Antisemitismus, geprägt von weißen Herrenmenschen und Randgruppen, die es immer geben wird. Der schleichende Antisemitismus der Linksextremen hat derweil jedoch eine fundamentale Fehleinschätzung des arabisch-israelischen Konflikts zur Folge und betrachtet den Konflikt auf eine naive, karikaturenhafte Weise. Auf beiden Seiten der politischen Mitte haben Analogien die Erinnerung an den Holocaust abgebaut, während man mit Fingern auf Probleme der Gegenseite zeigt.

Antisemitismus ist ein uraltes Phänomen, das keiner politischen Bewegung verpflichtet ist. Und während er schon lange vor 1948 existierte, hat die Gründung des modernen Israel eine neue und heimtückische Form des Judenhasses eingeleitet. Das ist der Grund, weshalb eine Parteien-Diskussion über Antisemitismus fehlgeleitet ist, besonders wenn die aktuelle Lage so schlimm aussieht.

Die Verbindung zwischen Antisemitismus und Antizionismus ist zwar eine historisch verschwommene, steht aber heute stärker im Fokus. Die letzte Runde der Gewalt zwischen Israel und der Hamas brachte die Judenhasser aus ihren Löchern und gab virtuell grünes Licht dafür, dass Antisemitismus in den Mainstream einzieht. Der jüngste Versuch gewisser Kongressmitglieder dem Luftverteidigungssystem Eiserne Kuppel die Gelder zu nehmen, ist ein Beispiel dafür, wie die extreme Linke, die sich als pro-palästinensisch bezeichnet, Antisemitismus zur Schau stellen kann. Diese rein defensive militärische Ausrüstung nicht zu finanzieren wird das Leben von Palästinensern nicht retten: Es wird vielmehr nur den Tod von Juden wie auch Palästinensern zur Folge haben.

Darüber hinaus benutzen gewalttätige Extremisten Israel als Waffe, um den Angriff auf Juden in den Vereinigten Staaten zu rechtfertigen. Als Angreifer im letzten Mai in ein Restaurant in Los Angeles stürmten, riefen sie nicht: „Wo sind die Israelis?“ Sie schrien: „Wer hier ist Jude?“

Seit 2014 haben wir eine dramatische Verschiebung bezüglich des Diskurses um Israel erlebt. In einer Nation, die die freie Meinungsäußerung feiert, wird fast jedes Gespräch gefördert. Aber wenn dieses Gespräch an Hetze grenzt und dafür sorgt, dass Juden sich unsicher fühlen, dann gibt es ein ernstes Problem. Das US-Außenministerium unterstützt die Arbeitsdefinition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz für Antisemitismus, die postuliert, dass sie Versuche Israel zu delegitimieren dazu zählen kann und es auch tut.

Juden wie auch Nichtjuden, die Israel kritisieren wollen und jedes Mal zusammenzucken, wenn ihnen vorgeworfen wird antisemitisch oder selbsthassende Juden zu sein, möchte ich dies sagen: Wir können eine komplette Diskussion über die Standards führen, die an Israel angelegt werden, auch über seine Politik. An Israel werden jedoch andere Standards angelegt als an alle anderen Länder der Welt, wenn es seine Bürger verteidigt.

Ein fehlgeleitetes und vereinfachtes Narrativ, das den israelisch-palästinensischen Konflikt als zwischen einem mächtigen Aggressor und einem unschuldigen Underdog sieht, versäumt es zu begreifen, dass es zwei Seiten dieser komplexen Situation gibt, mit Menschen jenseits der Grenzen Israels im Nahen Osten, die sich nur allzu oft dem Untergang des Landes verschrieben haben. Darüber hinaus haben sie eine obsessive und kurzsichtige Sichtweise dazu, was der jüdische Staat in dieser Welt tut oder nicht tut. Das ist antisemitisch.

Egal, wo wir politisch zugehörig sind, wir sind in erster Linie Juden. Es ist entscheidend in dieser Frage zusammenzukommen, bevor wir in parteiliche Neigungen zersplittern.

Auf der anderen Seite des Atlantiks müssen Israelis, die glauben, dies sei ein exklusiv amerikanisch-jüdisches Problem, verstehen, dass die weitere Erosion der Unterstützung für Israel durchaus zur Verringerung parteiübergreifender Unterstützung für den jüdischen Staat führen kann, was schädliche Auswirkungen auf Israels eigene Sicherheit haben wird.

Auf einer Makro-Ebene ist Antisemitismus aber historisch der Kanarienvogel im Bergwerk gewesen. Jede Gesellschaft, die aktiv Judenhass annimmt, hat Akzeptanz für Diskriminierung und Vorurteil gezeigt, die weit über die Juden hinausgeht. Es mag mit uns beginnen, aber es endet nie mit uns.

Dazu rufe ich die kommunalen und Weltführer auf, Antisemitismus anzuklagen, wenn sie ihn sehen und dafür einzutreten, dass Schulen aktiv zu diesem komplexen Phänomen und was es darstellt, lehren (wobei sie auch erklären, dass Kritik an Israel legitim und gültig ist). Derweil müssen die Politiker aufhören Antisemitismus als politisches Mittel einzusetzen. Nur allzu oft erleben wir Politiker, die die Oppositionspartei beschuldigten judenfeindliche Mitglieder zu haben, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Juden sind kein politisches Kanonenfutter. Wir sind aktive Bürger, die etwas zu den Vereinigten Staaten beitragen, die Schutz und Sicherheit n der zunehmenden Krise verdienen.

Was unsere Gemeinschaft angeht, ist es jetzt unerlässlich, dass das globale Judentum zusammenkommt. Es sollte nicht den Punkt erreichen, an dem wir uns alle nur dann gegen Antisemitismus äußern, wenn Gewalt ausbricht. Wir brauchen kein weiteres Pittsburgh oder Poway. Was wir brauchen ist Einheit.

Als der Koran Juden mit Eseln verglich

Elder of Ziyon, 10. September 2021

Akhbaten.com, eine in Ägypten und Syrien populäre arabische Nachrichtenseite, hat einen Artikel, der einen Koranvers erklärt:

Das Gleichnis derer, denen die Thora auferlegt wurde, und die ihr dann nicht nachlebten, ist wie das Gleichnis eines Esels, der Bücher trägt. Übel steht es um Leute, die Allahs Zeichen leugnen. Und Allah weist dem Volk der Frevler nicht den Weg. (Sure 62,5)

Der Artikel erklärt, dass genauso, wie ein Esel Bücher trägt, aber ihren Inhalt nicht versteht, so sind ie Juden mit einer Thora belastet, die sie nicht verstehen. Nur Muslime tun das.

Soweit ist das nur ein weiteres Beispiel dessen, wie man in arabischen Medien tagtäglich Beispiele für Antisemitismus finden kann.

Aber die den Vers erklärende Person versteht den Vers genauso wenig wie der Autor des Koran.

Die Geschichten des Koran kommen oft nicht aus der Thora selbst, sondern auch aus rabbinischen Quellen. Ihr Autor war mit rabbinischen Geschichten aus der Midrasch und dem Talmud vertraut.

Dieser bestimmte Vers scheint auf eine berühmte Midrasch zu verweisen, deren erster Teil jedem jüdischen Schulkind vertraut ist. Als Gott die Thora geben wollte, ging er zuerst zu den anderen Nationen und bot sie ihnen an. Sie fragten: „Was steht darin?“, und Gott antwortete: „Du sollst nicht töten“ oder stehlen oder Ehebruch begehen und die Nationen lehnten ab, indem sie sagten, eine dieser Sündern seiten Teil ihrer nationalen Kultur. Als Gott hingegen zu Israel kam, fragten sie nicht, was darin stand, sondern akzeptierten sie rückhaltlos.

Der zweite Teil der Midrasch sagt: „Das ist so wie ein Mann, der seinen Esel und seinen Hund zum Getreidespeicher schickte, wo fünfzehn Se’ah [Korn] auf den Esel geladen wurden und drei Se’ah auf den Hund. Der Esel ging und der Hund ließ [vor Erschöpfung] die Zunge heraushängen. Er warf ein Se’ah ab und legte es auf den Esel und machte dann dasselbe mit dem zweiten und mit dem dritten. So akzeptierte Israel die Thora, zusammen mit ihren Kommetnaren und Einzelheiten. Sogar diese sieben Gebote, die die Noahiden nicht einhalten konnten  und beiseite legten, nahm Israel auf und akzeptierte sie.“

Die Rabbiner selbst verglichen die Juden mit einem Esel, aber als Kompliment! Der Koran nahm diese Geschichte und kehrte sie ihn eine Beleidigung der Juden – eine Beleidigung nicht nur für ein muslimisches Publikum, sondern auch für ein gebildetes jüdisches Publikum!

Dieser Text vermerkt auch, dass ein späterer Koranvers die Juden direkter mit dem Heraushängen der Zunge des Hundes in dieser Midrasch vergleicht. (Er zeigt, dass die Verse, die die Midrasch kommentiert, einer der „Beweise“ dafür ist, die Muslime anführen, dass Mohammed auf die Thora anspielt.)

„Ramsch-Wissenschaft“: Aschkenasische Juden sind keine Nachkommen von chasarischen Konvertiten

Akiva Van Koningsveld, HonestReporting, 13. Juli 2021

Was haben Palästinenserführer, weiße Rassisten und Mitglieder der Black Hebrew Israelite-Bewegung gemeinsam? Es ist der Glaube an den sogenannten „Chasaren-Mythos“, der viele Antisemiten aus dem gesamten ideologischen Spektrum eint. Im Juni wiederholte PA-Premierminister Mohammed Schtayyeh diese Behauptung: „Es gibt keine Verbindung zwischen den Israelis und den Juden“, versicherte er. „Ohne in Details zu gehen – sie sind chasarische Juden, die im sechsten Jahrhundert n.Chr. zum Judentum konvertierten“, gab Schtayyeh an.

Versuchen Sie mal, das zu verstehen.

Seine Rede wiederholte frühere Äußerungen von PA-Präsident Mahmud Abbas, der 2018 fälschlich suggerierte, dass osteuropäische Juden – anders als Misrahi-Juden, deren Wurzeln in arabische Länder zurückverfolgt werden können – „keine Semiten sind und sie haben keine Verbindung zum Semitismus oder Abraham, Jakob“, da sie angeblich Nachkommen von Bekehrten aus dem „Königreich der Chasaren“ sind.

Antisemiten wie die ehemalige US-Kongressabgeordnete Cynthia McKinney, der Schütze von Jersey City und ein Moderator von Qatars Al-Jazira haben die Verleumdung ebenfalls verbreitet.

Mit dem Bestehen darauf, dass aschkenasische Juden in Wirklichkeit „Fake-Juden“ sind, versuchen sie die unbestreitbare, tausende Jahre alte Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und dem Land Israel zu widerlegen. In Wirklichkeit ist die Theorie um die Chasaren-Konversion zum Judentum von den meisten ernsthaften Wissenschaftlern verworfen worden – es war sogar von „Schrott-Wissenschaften“ die Rede.

Die „Chasaren-Hypothese“ wurde der allgemeinen Öffentlichkeit erstmals 1976 von Arthur Koestler bekannt gemacht, einem in Ungarn geborenen jüdischen Autor und Journalisten. Sein inzwischen widerlegtes Buch Der dreizehnte Stamm: Das Chasaren-Reich und sein Erbe, spekulierte: „Der Hauptteil der osteuropäischen Juden – und daher des Weltjudentums – ist chasarisch-türkischer statt semitischer Abstammung“, was impliziert, dass sie keine Nachkommen Abrahams sind – denen Gott nach Angaben der Bibel das Land Israel versprochen hat.

Das Chasarenreich war ein multiethnisches Königreich in der heutigen Ukraine und Russland, das von etwa 650 bis 969 n.Chr. bestand. Nach Angaben einer weithin für wahr gehaltenen Erzählung nahm die Herrscherklasse des Reichs irgendwann – im achten oder neunten Jahrhundert – das Judentum an; dem folgte eine weit verbreitete Bekehrung im Volk.

Springen wir ein paar Jahrhunderte weiter, in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Mongolen besiegten das Chasarenreich, was dessen völligen Zusammenbruch zur Folge hatte. Hier kommt Koestlers Theorie ins Spiel: Die Chasaren, argumentierte er, verschwanden nicht einfach. Stattdessen endeten sie in Ländern wie der Ukraine, Polen, Ungarn und Deutschland, wo sie die bestehende jüdische Bevölkerung zahlenmäßig enorm übertrafen. Seine Theorie schlussfolgert, dass die Chasaren-Bevölkerung schließlich so zunahm, dass sie die Mehrheit des Weltjudentums stellte.

Schlecht recherchierte Chasaren-Theorie wird Werkzeug für Antisemiten

Von Anfang an diente diese schlecht recherchierte Hypothese Antisemiten als Werkzeug. Der Ku Klux Klan machte das schon 1926 zur Waffe, als die weiße Rassistengruppe lautstark jüdische Zuwanderung in die Vereinigten Staaten verdammte und behauptete, dass osteuropäische Juden „keine wahren Juden sind, sondern nur judaisierte Mongolen – Chazaren“.

Ironischerweise wollte Koestlers Buch ursprünglich dem Antisemitismus ein Ende setzen. Mit der Unterstellung, dass die meisten modernen Juden nichts mit der biblischen Nation zu tun haben, versuchte er die Rassenbasis für Judenhass zu beseitigen. So schrieb er in Der Dreizehnte Stamm:

Wenn dem so ist, würde das bedeuten, dass ihre Vorfahren nicht vom Jordan kommen, sondern von der Wolga, nicht aus Kanaan, sondern aus dem Kaukasus, von dem man einst annahm, dass er die Wiege der arischen Rasse ist; und dass sie genetisch näher an den Hunnen-, Uiguren- und Magyaren-Stämmen sind am Samen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Sollte es sich herausstellen, dass dem so ist, dann würde der Begriff „Antisemitismus“ auf Grundlage einer Verkennung, die von Mördern wie auch ihren Opfern geteilt wird, jegliche Bedeutung verlieren.

Offenkundig schlug seine Mission fehl und Antisemiten wurden weiter ermutigt, als der israelische Molekulargenetiker Eran Elhaik 2012 eine Studie veröffentlichte, die die Theorie angeblich bewies. Elhaik verglich die DNA von Juden mit der von Armeniern und Georgiern, die er als Ersatz für die Chasaren benutzte. „Unsere Untersuchungsergebnisse unterstützen die Chasaren-Hypothese und porträtieren das europäisch-jüdische Genom als Mosaik nahöstlich-kaukasischer, europäischer und semitischer Herkunft“, lautete die Schlussfolgerung der Studie.

Allerdings wurde Koestlers wie auch Elhaiks Forschung von zahllosen anderen schnell widerlegt; einige der Experten verwiesen sogar auf Vertreter der Theorie als „Ausreißer … die eine Minderheitsansicht haben, die wissenschaftlich nicht gestützt wird“. Andere haben die Chasaren-Hypothese als „Ramsch-Wissenschaft“ bezeichnet.

Tatsächlich ist die Chasaren-Hypothese von praktisch jedem Bereich der Wissenschaften widerlegt worden. Historiker z.B. betonen, dass das Königreich höchstwahrscheinlich nie zum Judentum konvertierte. Archäologen fanden in ehemals chasarischem Land fast keine Artefakte, die jüdische Symbole hatten. Darüber hinaus stellen Linguisten heraus, dass Jiddisch – Jahrhunderte lang die von osteuropäischen Juden gesprochene Sprache – nicht einmal ansatzweise der im Chasarenreich verwendeten Sprach ähnelte; auch haben in den letzten 600 Jahren verwendete jüdische Nachnamen keine Verbindung zu dem Königreich.

Experten für jüdische Genetik griffen Elhaiks „Befunde“ an; sie argumentierten, dass er „die Statistik auf eine Art und Weise anzuwenden scheint, die ihm Ergebnisse bringt, die sich von dem unterscheiden, was alle anderen aus den im wesentlichen gleichen Daten holten“. Fakt ist, dass die meisten DNA-Forschung genau das Gegenteil beweist: nämlich dass die europäischen Juden eng mit den Bevölkerungen des Nahen Ostens verwandt sind.

Der größte Teil seiner Forschung ist schon lange offen verfügbar; führende Wissenschaftler haben Elhaiks Schrift innerhalb eines Jahres nach ihrer Veröffentlichung widerlegt. Trotzdem nutzen Judenhasser wie Antizionisten den Chasasren-Mythos, um die Jahrtausende alte jüdische Verbindung zum Land Israel zu leugnen.

Interessanterweise hat Elhaik – der sieben Jahre in der israelischen Armee diente – gesagt, es bereite ihm Sorge, dass Einzelpersonen seine Forschung für verachtenswerten Zwecke benutzen. Koestler seinerseits erklärte, dass das „Problem der Chasaren-Infusion vor tausend Jahren … für das moderne Israel irrelevant ist“, da die Existenz des jüdischen Staates aus seiner Sicht auf Entscheidungen basiert, die von der internationalen Gemeinschaft getroffen wurden.

Das antizionistische Argument ist aus weiteren wichtigen Gründen fehlerhaft: Heißt, die meisten jüdischen Israelis sind nicht europäischer Herkunft. 2018 identifizierten sich nach Angaben von Recherche der Universität Tel Aviv nur 31,8 Prozent der israelischen Juden als aschkenasisch (osteuropäisch). Ein beträchtlich größerer Anteil – rund 45 Prozent – identifizieren sich als Mizrahi – ein Oberbegriff für die Juden, die aus arabischen Ländern ins werdende Israel flohen. Israelis jemenitischer Herkunft z.B. verfolgen ihre Wurzeln in der Region bis in biblische Zeiten zurück.

Die Tatsache, dass Millionen israelischer Mizrahim im Nahen Osten indigen sind, ist nicht zu bestreiten.

Wie die Westmauer zu einem der heiligsten Orte des Judentums wurde

Wann und iwe begannen Juden an der Westmauer zu beten?

Amit Naor, the Librarians, 28. Juli 2021

Ansicht der Westmauer und des Tempelbergs, Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Beim Lesen des Titels könnten die, die mit jüdischen Quellen vertraut sind, schnell mit einem Zitat aus der Midrasch antworten: „Die Präsenz Gottes ist nie von der Westmauer gewichen.“ Diese sehr sachkundigen Leute wissen aber mit Sicherheit, dass die von unseren Weisen erwähnte Westmauer  nicht dieselbe gewaltige Mauer ist, die wir  heute die Westmauer nennen. Wie wurde dann die westliche Umfassungsmauer des herodianischen Tempelbergs zur bekanntesten national-religiösen Stätte für Juden weltweit?

Jüdische F rauen mit Gebetschals beten vor der Westmauer. Aus der Postkarten-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels.

Beginnen wir ganz am Anfang. Wie erwähnt ist die Westmauer, an der die Menschen heute beten, eine der vier Umfassungsmauern, die von König Herodes als Teil der Erweiterung und Renovierung des Tempelberggeländes und des Tempels gebaut wurde, der in seinem Zentrum stand. Ein weiteres Zitat der Weisen zum herodianischen Tempel behauptet: „Wer den Tempel des Herodes nicht gesehen hat, hat nie ein schönes Gebäude gesehen“ (Babylonischer Talmud Baba Batra 4a). Und während die meisten Weisen vermutlich nie eine Chance bekamen einen Blick auf das Taj Mahal oder den Palast von Versailles zu werfen, scheint es akkurat zu sein, wenn man sagt, dass der Tempel des Herodes nicht allzu schäbig gewesen sein kann. Dieser Tempel fand in dem berüchtigten Jahr 70 n.Chr. sein Ende, als die römischen Legionen ihn während der Eroberung Jerusalems und der Unterdrückung der Großen Revolte niederbrannten.

Als die Weisen von der „Westmauer“ (Hebräisch: HaKotel HaMa’aravi) schrieben, waren sie vermutlich immer noch in der Lage die Überreste der Westmauer des eigentlichen Tempelgebäudes zu sehen, zusätzlich zu den Umfassungsmauern des Tempelbergs-Platzes. Das war ein eindrucksvolles Relikt, das anscheinend nach dem Feuer der Römer noch stehen geblieben war. Es handelte sich um die Mauer, die sich am nächsten am Allerheiligsten befand und ihr übernatürliches Überleben trug vermutlich weiter zum Gefühl der Ehrfurcht und Heiligkeit des Ortes bei. Nach Angaben historischer Schätzungen ereignete sich seine endgültige Zerstörung spätestens gegen Ende des siebten Jahrhunderts, als die gerade angekommenen Muslimen an derselben Stelle den Felsendom bauten. Wir werden später zu dieser verloren gegangenen Westmauer zurückkehren.

Die Westmauer und Jerusalem auf einer Karte der heiligen Orte des Landes Israel. Klicken Sie hier, um sich die gesamte Karte der kartografischen Sammlung Eran Laor der Nationalbibliothek anzusehen.

Irgendwann wurde die Westmauer des Tempelgebäudes zerstört und was übrig blieb, war die Westmauer des Tempelbergs – die Umfassungsmauer des Platzes von Herodes. Allerdings muss jeder, der jemals einen Blick über die Altstadt geworfen hat, festgestellt haben, dass diese nicht die einzige stehen gebliebene Mauer des Tempelbergs ist. Die südliche und die östliche Mauer von Herodes mächtigem Bauprojekt sind ebenfalls übrig und stützen immer noch den Platz des Tempelbergs. Nur die nördliche Mauer ist nicht vollständig erhalten geblieben. Die südliche und die östliche Mauer wurden dann in die Mauern der Altstadt integriert. Das berühmte Gnadentor, auch als Goldenes Tor bekannt, durch das gemäß der Tradition der Messias in Jerusalem einziehen wird, wurde in die östliche Mauer gehauen.

In der Tat erwähnen Zeugenberichte von Reisenden, die das Land Israel schon in der byzantinischen Zeit besuchten, nicht unbedingt die Gebete, die auf der westlichen Seite des Tempelbergs stattfanden. Der Bericht des „Pilgers von Bordeaux“, bezeugte im Jahr 333, dass Juden immer noch einmal im Jahr auf den Tempelberg gingen (vermutlich am 9. Av) „und weinten und trauerten über einen Stein, der von ihrem Tempel übrig geblieben ist und den sie mit Öl salbten“. Könnte dies der Grundstein gewesen sein, der sich heute im Inneren des Felsendoms befindet? Ob es nun aus halachischen Gründen oder wegen der Einwände verschiedener Herrscher war, die Juden hörten auf, auf den Tempelberg selbst zu gehen und gaben sich mit dem Besuch der angrenzen Bereiche zufrieden.

Gebet an der Westmauer. Aus der Postkarten-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels.

Spätere Zeugenaussagen erwähnen die Westmauer, aber nicht zwangsläufig den Ort des Gebets, den wir heute kennen. Ein Text aus der Kairo-Genizah, geschrieben im 11. Jahrhundert, vermerkt die Gebete nahe der Westmauer, allerdings weiter nördlich, ein Ort direkter am zerstörten Allerheiligsten. Der berühmte jüdische Reisende des 12. Jahrhunderts Benjamin von Tudela führt die Westmauer namentlich an; er erklärt, dass dort Juden beteten. Er beschrieb allerdings das Gnadentor als in derselben Mauer befindlich, obwohl sich dieses Tor wie erwähnt in Wirklichkeit in der östlichen Mauer befindet. Dem muss die Tatsache hinzugefügt werden, dass Juden in dieser Zeit allgemein das Betreten der Stadt verboten war und es daher unwahrscheinlich ist, dass er persönlich Zeuge betender Juden in der Nähe der Westmauer war.

Die Westmauer ziert eine Landkarte Jerusalems aus dem 19. Jahrhundert. Nur wenige Landkarten der Stadt zeigen den wichtigen Ort markant, das die Stadt zumeist aus östlicher Richtung dargestellt wurde. Klicken Sie hier, um eine komplette Landarte aus den Kartografischen Sammlung Eran Laor-der Nationalbibliothek zu sehen.

Andere zeitgenössische Reisende erwähnen die Westmauer, aber nicht den Brauch daran zu beten. Manche stellen sogar heraus, dass die Westmauer alleine steht, dass niemand kommt um zu beten oder ihre massiven Steinblöcke zu sehen. Im 14. Jahrhundert schreib Ischtori Haparchi, ein weiterer berühmter Geograf der Region, von Juden, die an irgendeiner der Tempelberg-Mauern beteten, zu denen sie Zugang fanden, ohne eine besondere Präferenz für die im Westen. Diese Beschreibung wird von Inschriften verstärkt, die von Pilgern an den verschiedenen Mauern (einschließlich der Westmauer) eingeritzt wurden – in der Vergangenheit eine übliche Vorgehensweise von Besuchern heiliger Stätten.

An der Westmauer betende Männer und Frauen, Mitte des 19. Jahrhunderts. Foto: Felix Bonfils; die Priztker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels.

Erst im 17. Jahrhundert begannen klare Belege für jüdisches Gebet an dieser bestimmten Stelle aufzutauchen. Anfangs waren es einzelne, die dort beteten und langsam sehen wir im Lauf der Jahre zunehmend Berichte, dass an der Stelle öffentliche Gebete abgehalten wurden. Zuerst waren das besondere Gebete am 9. Av und später bildete sich eine allgemeine Gebetsstätte, die im Herzen aller Juden tief verwurzelt wurde. Was stärkte die Position der Westmauer gegenüber den anderen Umfassungsmauern des Tempelbergs? Es scheint zwei Hauptgründe zu geben: Einer ist, dass es sich um dieselbe Westmauer handelt, die von den jüdischen Weisen erwähnt wird. Selbst wenn es bei der Identifizierung der fraglichen Westmauer zu einer Verwechslung gekommen ist, ist die aktuelle Westmauer in der Tat immer noch dem Allerheiligsten am nächsten, zu dem hinaufzugehen einmal verboten war. Der zweite Grund ist vielleicht prosaischer: Mitte des 15. Jahrhunderts verließen die Juden ihr Viertel auf dem Berg Zion und ließen sich stattdessen dort nieder, wo heute das jüdische Viertel ist. Die Nähe dieses neuen Viertels zur Westmauer half dabei sie zu dem bevorzugten Gebetsort der Jerusalemer Juden zu machen. Ein Erdbeben im 16. Jahrhundert legte offenbar weitere Teile der Westmauer frei, was die Schaffung des Gebetsortes ermöglichte, der uns heute bekannt ist. Es scheint so, dass die alleinige Heiligung der Westmauer bis ins aktuelle Jahrhundert nachverfolgt werden kann.

Gebet an der Westmauer, frühes 20. Jahrhundert. Es ist möglich die in die Mauer geritzten Inschriften zu sehen. Foto: Zadok Basan, aus dem Archiv Mosche David Gaon.

Das ist also die Geschichte der wichtigsten national-religiösen Stätte des heutigen Judentums. So wurde die Mauer zum Symbol der Sehnsucht des jüdischen Volks nach Zion. Und das war die Geschichte, die die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft im Land Israel der britischen Untersuchungskommission erzählten, die nach den Krawallen von 1929 eingesetzt wurde und die nach einem Streit wegen Gebet an der Westmauer ausbrach. Und was ist mit den Zetteln, die in die Spalten zwischen den Steinen gesteckt werden? Das scheint ein „junger“ Brauch zu sein, der erst im 19. Jahrhundert eingeführt wurde. Er etablierte sich erst richtig, nachdem die Briten verboten Namen in die Westmauer zu ritzen, eine Gepflogenheit, die auch heute nicht länger akzeptiert wird. Andere Gebetsbräuche an der Westmauer haben sich im Verlauf der Zeit ebenfalls verändert: Heute werden z.B. von den orthodoxen Rabbinern der Stätte gemischte Gebete von Männern und Frauen nicht mehr erlaubt, obwohl das während der osmanischen Zeit üblich war. Es stellt sich heraus, dass Bräuche, die uns zeitlos erscheinen mögen, eigentlich auf Traditionen gründen, die die Gewohnheit haben sich im Lauf der Zeit zu verändern und weiter zu entwickeln.

Die Geschichte des Davidsterns

Der sechszackige Stern steht im Buddhismus für Frieden und Harmonie, während Alchemisten glaubten, er symbolisiere die Natur – wie kam der Davidstern im Judentum zu seiner Bedeutung?

Sharon Cohen, the Librarians, 19. Mai 2021

„in diese Symbole geht etwas vom Geheimnis der Menschen ein.“ (Gerschom Scholem)

Der Davidstern entstand lange bevor er vom jüdischen Glauben und der zionistischen Bewegung übernommen wurde; er tauchte vor tausenden von Jahren in den Kulturen des Ostens auf, Kulturen, die ihn bis heute verwenden. In der Vergangenheit war, das wissen wir heute, der Davidstern ein beliebtes Symbol in heidnischen Traditionen wie auch als dekoratives Mittel, das in Kirchen des ersten Jahrhunderts und sogar in der muslimischen Kultur verwendet wurde.

Aber wie ist der Davidstern mit dem Schicksal des jüdischen Volks verbunden?

Im hebräischen Kontext wird der Davidstern eigentlich „Schild Davids“(magen David) genannt, ein Ausdruck, der erstmals im Babylonischen Talmud erwähnt wird, aber nicht als Symbol, sondern als Beiname Gottes [Pesachim 117b]. Eine weitere Verbindung zum Schild-Konzept ist eine jüdische Legende, gemäß der das Emblem den Schild der Armee König Davids zierte; darüber hinaus wählte sogar Rabbi Akiva den Davidstern als Symbol für Bar Kochbas Revolte gegen den römischen Kaiser Hadrian (Bar-Kochbas Name bedeutet „Sohn des Sterns“).

Der Davidstern wurde erst Mitte des 14. Jahrhunderts zu einem eindeutig jüdischen Symbol, als der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Karl IV. den Juden von Prag das Recht gewährte eine Flagge zu tragen; sie wählten den sechszackigen Stern. Von Prag aus verbreitete sich die Verwendung des Davidsterns als offiziellem Symbol des Judentums und so begann die Bewegung jüdische Quellen zu finden, die das Symbol bis zum Haus Davids zurückverfolgten.

Der Davidstern an der Alten Synagoge in Prag.

Andererseits behauptete der berühmte Kabbalah-Gelehrte Gerschom Scholem, dass der Davidstern keinesfalls aus dem Judentum stammt. Obwohl er festhielt, dass das Symbol auf einem in Sidon gefundenen jüdischen Siegel aus dem 7. Jahrhundert v.Chr. identifiziert wurde, ebenso in Synagogen-Verzierungen aus dem 3. und 4. Jahrhundert, wurde der Stern neben anderen Symbolen gefunden, die als nicht jüdischer Herkunft bekannt sind.

Wo können wir also Darstellungen des Hexagramms (ein sechszackiger Stern) in anderen Kulturen finden?

Das Hexagramm ist tausende Jahre lang auch in Indien in Gebrauch gewesen und es ist auf antiken Tempeln sowie im alltäglichen Gebrauch zu finden; im Buddhismus wird er als Meditationshilfe verwendet, um ein Gefühl des Friedens und der Harmonie zu erreichen und im Hinduismus ist er ein Symbol der Göttin Lakschmi – der Göttin des Glücks und des materiellen Überflusses.

Hexagramme sind in der Alchemie zuhauf vorhanden, in der Theorie und dem Studium von Materialien, aus dem sich die moderne Wissenschaft der Chemie entwickelte; Alchemisten nahmen den sechszackigen Stern für ihre graphische Sprache der Zeichen und Symbole: ein aufrechtes Dreieck symbolisierte Wasser, ein umgekehrtes Dreieck symbolisierte Feuer und zusammen beschrieben sie die Harmonie zwischen gegensätzlichen Elementen. In alchemistischer Literatur repräsentiert das Hexagramm zudem die „vier Elemente“ – die Theorie, dass alle Materie der Welt sich aus den vier Elementen zusammensetzt: Luft, Wasser, Erde und Feuer – praktisch alles, was existiert. Man könnte sagen, dass der Stern das ultimative alchemistische Symbol ist.

Die Alchemie borgte sich aus der klassischen griechischen Tradition die Idee, dass Maskulinität Weisheit bedeutet, während Feminität die Natur symbolisiert; der Mann ist Philosophie und die Frau ist die physische Welt. Die folgende Illustration, die in einem alchemistischen Text des 18. Jahrhunderts erschient, zeigt einen Mann, der eine Laterne hält und einer Frau folgt, die ein Hexagramm hält –  Weisheit ist der Schlüssel, der die Geheimnisse der Daseins offenbart.

„Der Philosoph bei der Untersuchung der Natur“ – eine Illustration, die in einem alchemistischen Text von 1749 erscheint (Sidney Edelstein Collectioni in der Nationalbibliothek Israels)

Im Islam wird das Hexagramm als „Siegel Salomons“ bezeichnet und es schmückt viele Moscheen rund um die Welt. Bis 1945 war das Emblem auch auf der marokkanischen Flagge zu finden. Es wurde zum fünfzackigen Stern (Pentagramm) geändert, als der sechszackige Stern zum Emblem der zionistischen Bewegung wurde. In der islamischen Welt hat die Verwendung dieses Symbols aus demselben Grund nachgelassen. Das Hexagramm ist zudem in mittelalterlichen und frühmodernen Kirchen zu finden – wenn auch nicht als christliches Symbol, sondern als dekoratives Motiv.

Das Hexagramm im Islam

Trotz der Verwendung in anderen Kulturen schmückt der Davidstern die israelische Flagge und wird folglich als unumstrittenes Symbol des Staates Israel betrachtet, ungeachtet seiner Herkunft. Die Kraft eines Symbols liegt immerhin in der Bedeutung, die wir ihm geben.

[Quellen für diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung durch Chaya Meier Herr, Direktorin der Edelstein Collection for History and Science, sowie Dr. Ziv Leschem, Direktor der Gerschom Scholem Collection in der Nationalbibliothek Israels.]