Wer hat Angst vor israelischem Essen?

Von Heimat, Hebräisch und Hummus

Gilead Ini, Commentary Magazine, Juli/August 2020

Im Februar veröffentlichte die Washington Post eine Breitseite der palästinensischen Ernährungsautorin Reem Kassis gegen israelisches Essen. Kassis nahm keinen Anstoß am Geschmack, Texturen oder den Aromen israelischen Essens, sondern an der Vorstellung, dass es das überhaupt gibt. Ihr Artikel dürfte das sichtbarste Beispiel dieses bizarren Essenskampfs gegen Israel sein. Aber er ist bei weitem nicht das erste.

Vor ein paar Jahren antwortete zum Beispiel, nachdem Fernseh-Kochmoderatorin Rachel Ray über ihr „israelischer Abend“-Dinner mit Hummus, Auberginen und andere nahöstliche Dips schrieb, James Zogby auf Twitter mit wütenden Hashtags: „Verdammich @rachelray. Das ist kultureller #Völkermord. Das ist kein #israelisches Essen.“

Ähnlich 2017, als Conan O’Brien den Fehler machte Schakschuka als „israelisch“ zu beschreiben; er wurde vor der Kamera von antiisraelischen Aktivisten belästigt, die darauf bestanden, dass das Gericht aus Eiern und Tomaten in  Wirklichkeit palästinensisch sei. (Ist es nicht. Die libysche Lebensmittelautorin Sara Elmusrati hat erklärt, sephardische Juden brachten das Gericht aus seiner ursprünglichen heimat in Nordafrika nach Israel, wo es „auf eine Weise zur Schau gestellt wird, wie es in den Maghreb-Staaten nie gewesen ist“.)

Kassis‘ Artikel in der Washington Post nutzt gemäßigtere Töne in einem Versuch die wütenden Reaktionen auf eine einfache Weise zu erklären. „Wie bei vielen Palästinenser ist der Begriff ‚israelische Küche‘ kaum zu schlucken“, schreibt sie.

Nachdem sie ein israelisches Restaurant in Philadelphia kennengelernt hatte, das levantinisches Essen serviert, erklärt sie, wurden ihr die Augen über den Ernst des Problems geöffnet:

Es ist nicht so, dass ich gegen die Vorstellung bin oder kulturelle Diversität und  Verschmelzung nicht tolerieren kann. Im Gegenteil, ich weiß sehr gut, dass unsere palästinensische Küche, wie jede andere, ein Nebenprodukt der Evolution und Verbreitung ist. Vielmehr ist das Konzept einer nationalen Küche ein relativ junges Konstrukt, das Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Aufkommen der Nationalstaaten auftauchte.

Aber kulturelle Verbreitung ist etwas anderes als kulturelle Aneignung. Verbreitung ist das Ergebnis davon, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen eng zusammenleben und miteinander interagieren oder davon, dass man voneinander lernt. Kulturelle Aneignung andererseits baut auf Ausbeutung und folgender Auslöschung, gefolgt von der vorsätzlichen Leugnung dieses Handelns. Immerhin ist Essen ein Ausdruck von Geschichte, Kultur und Tradition. Entsprechend bestreitet die Präsentation von Gerichten palästinensischer Herkunft als „israelisch“ nicht nur den palästinensischen Beitrag zu israelischer Küche, sondern damit wird auch unsere Geschichte und Existenz ausgelöscht.

Mit anderen Worten: Israelisches Essen ist schlecht, weil Israelis schlecht sind. Diejenigen, die über die Küche reden, sie feiern und servieren, wollen die Palästinenser ausbeuten und auslöschen. Und etwas anderes zu unterstellen ist nicht einfach eine andere Meinung, es ist „vorsätzliches Leugnen“. Die Beweise für all dieses Misstrauen? Nun, Kassis weiß das einfach.

An ihren Kommentaren gibt es etwas Ironisches. Man trifft nicht oft auf israelische Lebensmittel-Autoren, die die Existenz von palästinensischem Essen bestreiten oder sich Hinweisen darauf entgegenstellen. Im Gegenteil, Kassis selbst zitiert „führende israelische Lebensmittel-Forscher“ und „viele israelische Akademiker und Lebensmittel-Autoren“, die den Palästinensern ihren Anteil geben. Israelis allgemein bezeichnen ihren geschnittenen Salat  als „Arabischen Salat“, räumt sie ein, wobei sie etwas Bestimmtes hervorhebt, egal, dass das ihr Hauptargument über die ruchlosen israelischen Aneignungen untergräbt.

Selbst die Anekdote über das Restaurant in Philadelphia wirft Fragen auf. Das bekannteste israelische Restaurant in Philadelphia, Michael Solomonovs Zahav, entspricht Kassis‘ Beschreibung als „neu eröffnet“, kurz nachdem sie in die Stadt zog. Und Solomonov, ein israelischer Koch, der den James Beard Award erhielt, zögerte nicht die palästinensische Verbindung zum von ihm angebotenen Essen herauszuheben. In der Dokumentation In Search of Israeli Cuisine z.B. gab er offen zu, dass viele israelische Gerichte palästinensisch-arabische Wurzeln haben. (Kassis sollte das wissen; sie ist mit Solomonv befreundet.)

Die Leugnung und Auslöschung dürfte eher in umgekehrter Richtung stattzufinden. Die Delegitimierung israelischen Essens ist ein vorhersagbarer Auswuchs einer breiter angelegten Kampagne zur Verunglimpfung von Israel selbst und um die Kultur und Menschlichkeit seiner Bürger abzustreiten. Wir können an Universitäten einige Beispiele finden: „Das einzige israelische Essen, das sie zu sich nehmen, ist das Blut des palästinensischen Volkes“, schrieb ein Student der Kent State, der später die Ortsgruppe von Students for Justice in Palestine leitete. (Das ist natürlich eine Wiederholung des Ritualmordvorwurfs, der so vielen Juden in Europa das Leben kostete.)

Ähnliche Verleumdungen kommen von höhreren Stellen im Elfenbeinturm. „Israelisches Essen, ihr zionistischen Besatzer und Diebe? Das ist so israelisch wie Apfelkuchen arabisch ist“, sinnierte Asad Abukhalil, Professor an der California State University.

Obwohl diese Ausdrucksweise extremer als alles klingt, was Kassis schrieb, suggeriert sie in ihrem Artikel inder Post, dass dasselbe Gefühl – die  Sichtweise, dass Juden in Israel Diebe sind – ihr Aufstoßen antreibt, wenn sie den Begriff israelisches Essen hört: „Erst das Land, jetzt das Essen und die Kultur?“ Dem Satz fehlen Verb und Aktuer, aber es wird verstanden. Es sind die Juden, die in ihre angestammte Heimat  zurückkehrten und die palästinensisches Land und Essen stahlen.

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Was ist, abgesehen von der ungesunden Wut, die diese Streitigkeiten oft begleiten, falsch an der Behauptung, dass es so etwas wie israelisches Essen nicht gibt?

Am klarsten ist die Frage grundlegender Geografie. Nimmt man eine Landkarte und hebt die Örtlichkeiten hervor, in denen Hummus schon lange Grundnahrungsmittel ist, dann würde man bei Neongelb auf dem Libanon, Syrien, Ägypten und die Palästinensergebiete in der Westbank und dem Gazastreifen landen; und ebenso auf Jaffa, Tiberias, Abu Gosch, Akko und Daliyat al-Karmel – Städten und Orten in Israel. So sehr auch versucht wird es wegzuschrubben, Israel bleibt auf der Landkarte des Nahen Ostens.

Die Essens-Kämpfer dürften aber damit Einspruch erheben, dass diese Städte erst nach 1948 israelisch wurden, als der moderne Staat Israel gegründet wurde. Zuvor waren sie Teil Palästinas. Tatsächlich wurde, was man als Kanaan, die Königreiche Israel und Judäa, Syria Palaestina, Südsyrien, das Königkreich Jerusalem und das Vilayet Beirut kannte, erst offiziell Palästina genannt, als die Briten im Ersten Weltkrieg die Kontrolle über das Land übernahmen.

Die ganze Zeit über war das Land jedoch seinen jüdischen Einwohnern als Eretz Yisrael bekannt, das Land Israel. Weil ihm das bewusst war, fügte der britische Hochkommissar für Palästina die hebräischen Buchstaben Aleph und Yud  – „eine anerkannte Abkürzung des hebräischen Namens ‚Eretz Yisrael‘“, erklärte er – auf palästinensischen Münzen  und Briefmarken als Teil der hebräischen Bezeichnung des Territoriums hinzu. Selbst arabische Geografen aus alten Zeiten bezeichneten das Umland von Israels südlicher Wüste als „Tih Bani Isra’il“ oder Land der Wanderung der Kinder Israels.

Auf jeden Fall spielen frühere territoriale Namen wie Palästina nicht dazu am Dinner-Tisch keine große Rolle. Man kann von bolivianischem Essen sprechen, ohne Angst haben zu müssen, dass man von Leuten attackiert wird, die darauf bestehen, wir sollten statt Bolivien (ein Name, der, anders als Israel, europäische Wurzeln hat) Südperu sagen (der frühere Spitzname des Landes). Es ist in Ordnung thailändisch zu bestellen statt siamesisch, äthiopisch statt abessinisch und koreanisch statt Samhan. Auf dieselbe Weise ist nichts falsch daran regionales Essen innerhalb der Grenzen des Staates Israel als israelisches Essen zu bezeichnen.

Das sollte das Ende der Geschichte sein. Aber die Essens-Kämpfer haben einen weiteren Einwand: Israel ist der jüdische Staat; Juden keine legitimen Söhne und Töchter des Landes; und Araber, die wahren Hüter des Hummus, betrachten ihre Identität nicht als an den Begriff Israel gebunden.

Das läuft nur auf weitere Löschung hinaus. Erstens nutzt ein Großteil der nichtjüdischen, Arabisch sprechenden Bevölkerung „Israel“ oder „israelisch“, wenn sie sich selbst beschreibt. Nach Angaben einer Umfrage 2019 des Soziologen Sammi Smooha im Jahr z.B. bzeeichnen 27 Prozent dieser Bevölkerung oder fast 500.000 arabische Bürger Israels sich selbst als isrelische Araber, israelische Palästinenser oder einfach als Israelis. Weitere 46 Prozent schließen „in Israel“ als Teil ihrer arabischen oder palästinensischen Identität ein.

Darüber hinaus ignorieren Kassis und andere, wenn sie darauf bestehen nahöstliches Essen als „arabisch“ zu bezeichnen, die vielen nicht arabische Minderheiten in der Region, die zu den Hütern des Hummus gezählt werden, ob es sich um Samaritaner, Kopten, Assyrer, Armenier oder andere handelt.

Und es ist ein bestimmtes „anderes“, das den Kritikern so richtig gegen den Strich geht. Der überragende Akt der Löschung durch die, die gegen israelisches Essen sind – und der gesamte Punkt ihres Protestes – ist das Argument, dass Juden in der Region Fremde sind, usurpierende Kolonialisten von weit weg, die kein Recht haben Hummus als Teil ihrer Kultur zu betrachten. Das ist das Narrativ der „zionistischen Diebe“ des Professors von der Cal State.

Die Geschichte des jüdischen Volks erzählt etwas anderes. Im gesamten multiethnischen Nahen Osten aßen und bereiteten Juden Hummus so lange wie jeder andere auch. Wenn Sie z.B. nach dem frühesten veröffentlichten Hummus-Rezept suchen, finden Sie es im Ägypten des 13. Jahrhunderts. Dort würden Sie auch eine auffällige demografische Minderheit an Juden finden – die  Vorfahren so vieler ägyptischer Juden, die die kurze Reise nach Israel unternahmen.

In ihrem Artikel wich Kassis dieser Realität geschickt aus, indem sie argumentierte, Juden aus der arabischen Welt – Mizrahi-Juden – würden nicht mit nahöstlichem Essen in Verbindung gebracht:

Manche könnten entgegnen, dass Mizrahi-Juden diese Gerichte nach Israel brachten. Aber Hummus und Falaffel waren bei den meisten Mizrahi-Juden vor ihrer Immigration in den 1950-er Jahren kein Teil des kulinarischen Repertoires, da sie allgemein im Libanon, Jordanien, Syrien und Palästina gegessen wurden, nicht in Nordafrika, dem Jemen und dem Irak, von wo die meisten Mizrahi-Immigranten stammten.

Einfach so schnippt sie die Wurzeln von hunderttausenden ägyptischen, syrischen und libanesischen Juden weg. Und wozu? Um ihre Verbindung zu verarbeitetem Gemüse zu bestreiten. Jüdische Wurzeln in der Levante, so scheint es, sind eine unbequeme Erinnerung daran, dass Juden noch länger Teil der „arabischen Welt“ gewesen sind als die arabische Welt arabisch war.

Doch das Hauptziel der Essens-Kämpfer sind nicht diese Wurzeln im Libanon, Ägypten oder dem Irak. Es ist die Pfahlwurzeln – der Ort, der Juden im gesamten Nahen Osten mit einander und mit Juden in aller Welt verbindet. Es ist nämlich die jüdische Beziehung zum Heiligen Land, von der sie beleidigt sind.

Und so könnte es James Zogby und Asad Abukhalil schmerzen zu hören, dass Hummus nicht nur ein Essen so vieler Juden aus arabischen Ländern war, die im letzten Jahrhundert nach Israel flohen, sondern auch ein wahrscheinliches Lieblingsessen von Generationen an Juden, die Zion nie verließen – die es schafften tausende Jahre lang zu bleiben, trotz eines Massakers nach dem anderen und einer Vertreibung nach der anderen.

In der Kurzfassung der jüdischen Geschichte erfahren wir, dass Juden seit tausenden von Jahren in Israel lebten, vertrieben wurden, weitere 2.000 Jahre im Exil verbrachten, dann zurückkehrten. Auch wenn das den Verlauf für viele beschreibt, ist es nur die halbe Wahrheit. So weit sie konnten, hingen Juden so an ihrer Heimat, wie es jedes andere Volk im Bereich ihrer Vorfahen und heiligen Stätten tun würde.

Vor etwa 2.600 Jahren, als die Babylonier das antike Israel eroberten und die Juden ins Exil trieben, blieb ein Großteil der jüdischen Gemeinschaft zurück. Erst 50 Jahre später besiegte ein neuer fremder Eroberer, Kyros von Persien, die Babylonier und ermöglichte die Rückkehr vieler der Exilanten.

Die Juden waren ein paar hundert Jahre später immer noch da, als Alexander der Große kam und sie waren immer noch da, als sein Reich auseinanderfiel. Sie blieben in Israel, um die Hanukka-Geschichte zu leben, die Revolte eines indigenen Volkes gegen Fremdherrscher. Und sie bleiben beim Revoltieren, zweimal noch, gegen die folgenden römischen Invasoren. Die erste jüdische Niederlage wurde mit einem Bogen in Rom gekennzeichnet, auf dem die Menorah und andere jüdische Beutegegenstände aus dem Tempel in Jerusalem dargestellt waren; zur zweiten gehörte das Massaker an den Rebelln, das berüchtigte Exil und die Umbenennung von Judäa in Syria Palaestina.

Obwohl die Vertreibung der Juden das Buch des jüdischen Lebens in Eruopa öffnete, schloss sie nicht das Buch jüdischen Lebens in Israel. Wir wissen z.B., dass Jahrhunderte nach dem römischen Sieg jüdische Gemeinden in und um Nordisrael aufblühten. Heute können wir immer noch die Überreste ihrer Städte und Synagogen finden. Arabische Dorfbewohner, die in der Folge einen dieser jüdischen Orte besiedelten, nannten ihr neues Dorf Yehudiya, ein Hinweis auf die Juden, die, wie ihnen vollkommen bewusst war, vor ihnen dort waren.

Aus diesen Heimen im Norden heraus revoltierten die Juden im Jahr 351 erneut. 572 schlossen sie sich einer samaritanischen Revolte an. 613 kämpften sie gegen die Byzantiner.

Nachdem Mohammeds Armeen aus Arabien nach Israel kamen, lebten dort immer noch tausende Juiden. Im 10. Jahrhundert schrieb z.B. ein arabischer Geograf über ihre Blüte in Jerusalem – „überall wo die Christen und die Juden die Oberhand haben – wo sie als Gerber und Färber und Geldwechsler arbeiteten. Es ist leicht sich vorzustellen, dass nach einem langen Arbeitstag eine Kichererbse zerstoßen wurde.

Um das Jahr 1000 wiesen von ägyptischen Juden geschriebene Briefe auf jüdische Städte hin, die das Land Israel sprenkelten. Die Einwohner dieser Städte schlossen sich mit Muslimen zusammen, um eine weitere Runde europäischer Invasoren zu bekämpfen – die Kreuzritter.

Jeder dieser Revolten folgten Massaker an Juden in ihrer Heimat, die die Gemeinschaft verheerten. Aber die Überlebenden schafften es weiter einen Halt im Land zu behalten – manchmal einen kleineren und manchmal einen größeren, je nachdem, wie das Schicksal es diktierte.

Derweil kehrten im Exil lebende Juden zurück. Zu den bemerkenswerten Beispielen gehört der berühmte Dichter Yehuda Halev, der 1141 von Spanien aus im Land ankam. Viele derer, die die Kabbalah, den Zweig der jüdischen Mysthik entwickelten, waren Juden, die im 16. Jahrhundert aus Spanien kommend in die Stadt Tzfat zogen. Mitte des 18. Jahrhunderts hieß der arabische Führer Zahir al-Omar Juden in Tiberias willkommen, einer weiteren ihrer heiligen Städte. Rund 100 Jahre später wurden Juden die größte Religionsgruppe in Jerusalem, einer Stadt, die ihnen Jahrhunderte versperrt war.

Nichts davon soll suggerieren, dass das mittelalterliche Palästina das demografische Zentrum des Judentums war. Zum Beispiel lebten riesige Zahlen an Juden im Exil in Spanien, Polen und dem Irak, wohingegen die Bevölkerung des Heiligen Landes während des Großteils des zweiten Jahrtausends schrumpfte. Dennoch können wir denjenigen, die über israelisches Hummus klagen, zuversichtlich aufzeigen, dass Juden und Hummus sich die Heimat teilen.

Wir könnten sie zudem daran erinnern, dass es kein Zufall ist, dass Israel heute wieder Heimat der größten Konzentration an Juden in der Welt ist – Juden sind nicht als „Kolonisten“ dort, wie antiisraelische Aktivisten gerne behaupten, sondern als indigenes Volk, das ständig seine ethnischen, kulturellen und religiösen Verbindungen zum Land behielt, sogar aus großer Entfernung.

Belege für diese Verbindungen sind in jüdischen Ritualen in Hülle und Fülle vorhanden. Wenn Juden beten, richten sie sich nach Jerusalem aus, einer Stadt, die in der hebräischen Bibel und den Gebetsbüchern wiederholt angeführt wird. Sie begehen Tischa B’Av, einen Feiertag für den Tempel in Jerusalem. Sie feiern Sukkoth [das Laubhüttenfest], eines von drei uralten Festen, bei denen Juden zum Tempel pilgern. Und jedes Jahr feiern sie Hanukka, bei dem sie einen Leuchter anzünden, der wie die Menorah des Tempels konzipiert ist. Im Verlauf der letzten 2.000 Jahre hat dasselbe Jerusalem-Design Synagogen in Jericho, jüdische Gräber in Rom und hebräische Bibeln in Frankreich geziert.

Der Zeitpunkt dieser Feiertage gründet auf einem uralten nahöstlichen Kalender, keinem westlichen. Die Lieder zu ihrem Gedenken werden auf Hebräisch gesunden, einer Sprache die die Juden nie verworfen haben, egal, wo sie waren oder wo sie sich niederlassen mussten.

Im mittelalterlichen Spanien z.B. schrieb Yehuda Halevi nicht auf Spanisch, sondern auf Hebräisch. In einem seiner Gedichte beschrieb er seine Sehnsuch nach der Heimat, die er nie gesehen hatte: „Mein Herz ist im Osten und ich bin am Rand des Westens. Wie kann ich überhaupt schmecken, was ich esse? Wie kann es mir Freude machen?“ Vielleicht hatte er seinen Appetit wiedergewonnen, als er sich auf dem Weg nach Jerusalem bei der jüdischen Gemeinschaft in Ägypten aufhielt. Es war genau um diese Zeit und an diesem Ort, Sie erinnern sich, dass das früheste bekannte Hummus-Rezept veröffentlicht wurde.

Die Überzeugung, dass das Land Israel die jüdische Heimat ist, blieb die dunkelste Zeit ihrer Geschichte hindurch den Juden erhalten. 1945 schickte Präsident Harry Truman einen Gesandten in die Vertriebenen-Lager für Holocaust-Überlebende. Der Gesandte berichtete, dass die Juden „jetzt nach Palästina evakuiert werden wollen, genauso wie andere nationale Gruppen in ihre Heimaten zurückgebracht werden.“

Und heute noch zeigen Umfragen, dass die meisten Juden ihr Jüdischsein als Sache der Abstammung und Kultur betrachten, sogar mehr als die der Religion. Eine gewaltige Mehrheit der amerikanischen Juden hat das Gefühl, ein blühender Staat Israel ist für die Zukunft des jüdischen Volks unverzichtbar. Eine überwätligende Mehrheit der britischen Juden – 93 Prozent – sagt, dass Israel in ihrer jüdischen Identität eine Rolle spielt.

Die Verbindung zwischen Juden und ihrer Heimat spiegelt sich daher in den Genen der Juden überall, in den Fußstapfen der jüdischen Gemeinschaft, die blieb und zurückkehrte und in den Herzen jüdischer Poeten, die, wie Yehuda Halevi, von Zion träumen.

Es ist höchste Zeit, dass die Kritiker Israels anerkennen, dass die Beziehung auch in jüdischen Mägen zu finden ist. Oder sie können weiter auf den Tisch prügeln. Aber Israel wird weiter auf der Landkarte bleiben; israelische Städte werden, wie palästinensische, für levantinische Küche gefeiert; israelische Bürger, arabische wie jüdische, von diesem Essen entwöhnt sind; und Juden, ob Aschkenazim oder Mizrahim, sind keine Fremden im Land ihrer Vorväter.

Reformer aus Qatar: Die Wurzel des Terrorismus ist die Kultur des Hasses

MEMRI, 15. Juni 2007 (so nicht mehr online)

Dr. Abd Al-Hamid Al-Ansari, ehemaliger Dekan der Fakultät für Scharia und Juristerei an der Universität von Qatar, hat kürzlich in Zeitungen am Golf mehrere Artikel über Terrorismus und seine Wurzeln veröffentlicht. Nach Angaben von Al-Ansari ist der Terrorismus das Ergebnis einer Kultur des Hasses in den arabischen Ländern; um ihn zu eliminieren, muss die Kultur des Hasses eliminiert werden.

Das Folgende sind Ausschnitte aus diesen Artikeln:

Grundloses Entschuldigen des Terrorismus

In einem Artikel in der qatarischen Tageszeitung Al-Raya mit der Überschrift „Wie die Araber das Phänomen Terror erklären“ kritisiert Al-Ansari die Art und Weise, wie die arabische Welt das Phänomen des Terrorismus leugnet und ignoriert; er wies die politischen und sozio-ökonomischen Argumente zurück, mit denen der Terror gerechtfertigt wird:

„…Ich verstehe die Persönlichkeitsspaltung einiger Leute nicht; sie stellen den Terroristen im Irak als Märtyrer und Widerstandskämpfer dar… Wie können wird jemanden als Märtyrer bezeichnen, wenn er Schulen und Krankenhäuser in die Luft jagt, die Heiligkeit religiöser Orte nicht respektiert und – noch schlimmer – sich selbst in Restaurants und an Bushaltestellen voller Arbeiter sprengt?!
Warum hat die terroristische Gewalt zugenommen? Und warum hat sie eine Ebene von derartigem Wahnsinns und Barbarei erreicht? Warum schaffen wir es nicht damit umzugehen und ihn in den Griff zu bekommen? Warum nehmen die Terroroperationen zu, die sich gegen Unschuldige richten?
Aus meiner Sicht liegt die Antwort in unserer Unfähigkeit das Phänomen des Terrorismus zu erklären und es in strukturelle interne Ursachen und die Umwelt-Elemente aufzugliedern, die seine Existenz unterstützen. Diese Unfähigkeit entstammt den folgenden drei Hauptursachen, die im arabischen Raum als Erklärung des Terrorismus üblich sind:
Die erste ist der Diskurs der Leugnung; das heißt, dass man die Muslime von jeglichem Vorwurf der Ausübung von Terroroperationen frei spricht und statt dessen ihre Feinde beschuldigt werden – gewöhnlich der Mossad und der US-Geheimdienst. Ein ausgedehnter Sektor prominenter Kleriker, der intellektuellen Elite und der Massen sind immer noch überzeugt, dass der 11. September eine Geheimdienst-Operation des Mossad oder des US-Geheimdienstes war… Genauso leugnen viele, dass es Al-Zarqawi jemals gab und machen Israel und die USA für das verantwortlich, was im Irak vor sich geht.
Die zweite Ursache ist der Diskurs der Abwehrhaltung, wie er sich in den wiederholten Stellungnahmen manifestiert, dass der Terrorismus keine Religion, keine Heimat oder Nationalität habe, sondern ein vorüber gehender Virus sei, der der arabischen Welt fremd ist – oder dass der Islam keine Schuld am Terrorismus habe.
Die dritte Ursache ist der Diskurs der Rechtfertigung, der in den religiösen und Medienveröffentlichungen extrem üblich ist. Dieser Diskurs versucht den Terrorismus mit politischen Faktoren, internationalen Konflikten oder internen sozio-ökonomischen Faktoren zu verbinden – es wird gesagt, dass der Terrorismus das Ergebnis politischer Unterdrückung durch einige Regime ist, die die Freiheiten abwürgen und demokratie-feindlich sind oder dass Terrorismus eine Antwort auf amerikanische und westliche Ungerechtigkeiten ist, auf die Politik der Diskriminierung [von Muslimen], die blind Einseitigkeit pro Israel und die globale Verschwörung gegen die Muslime…
Dann gibt es diejenigen, die den Terrorismus mit Arbeitslosigkeit und Armut entschuldigen oder als Entschuldigung die Verbreitung der Korruption, sexuelle Freizügigkeit, sich für die Öffentlichkeit schmückende Frauen und dass Frauen politische Rechte gewinnen oder in hochrangige Positionen ernannt werden, was in den Augen derer [die Entschuldigungen für den Terrorismus finden] als pervers gilt.
All diese Entschuldigungen haben keine Grundlage. Erstens sind wir keine Nation, die unter Ungerechtigkeit leidet – immerhin leiden Nationen und Völker in Afrika, Amerika und Asien unter weit größeren Ungerechtigkeiten als wir.
Zweitens sind durch die gesamte muslimische Geschichte – von den Tagen der Gerechten Kalifen bis in unsere Zeit – die Ungerechtigkeiten, die Muslime gegen andere Muslime üben, größer als die Ungerechtigkeiten seitens der Feinde [der Muslime] gegen diese.
Drittens wurde im Verlauf der Geschichte niemals bewiesen, dass irgendeine Terroroperation jemals etwas wieder hergestellt hat, das weggenommen wurde oder dass er irgendein politisches Ziel erreichte. Was die Behauptung angeht, dass das Fehlen von Demokratie und Freiheiten Terrorismus verursacht, so ist es eine Tatsache, dass in irgendeine Veröffentlichung von Al-Qaida irgendwo Forderungen nach Demokratie einschließt – darüber hinaus hasst Al-Qaida die Demokratie und betrachtet sie als Ketzerei.
Was die Entschuldigung durch die Arbeitslosigkeit angeht, so wird dieser Behauptung durch die gute [finanzielle] Situation der Al-Qaida-Führer und –Mitglieder genauso widerlegt wie die anderer Terroristen, die Geldmengen, Munition, Waffen und sonstige Ausrüstung zur Genüge besitzen.
Genauso haben viele Menschen in der Vergangenheit und der Gegenwart unter schwierigen Situationen gelitten – aber sie haben ihre Söhne nicht gedrängt sich unter Unschuldigen in die Luft zu sprengen, wie wir das machen. Ich bin sicher, dass, wenn die amerikanische Besatzung morgen verschwinden würde, der Terror im Irak nicht aufhören würde – tatsächlich würde er noch gewalttätiger und barbarischer werden.
Was das palästinensische Problem angeht, so schließt keiner der Pläne und der Veröffentlichungen der Terrorgruppen irgendeine Forderung ein, die irgendwie mit Palästina in Verbindung steht. Und die Frauen, die ihre Häuser verlassen und sich geschmückt in der Öffentlichkeit zeigen – wie kann das in irgendeiner Weise erklären, dass der Terrorismus in Saudi-Arabien eingefallen ist?…
So lange wir nicht einen selbstkritischen Ansatz übernehmen, wird die Krankheit des Terrorismus bleiben und sogar noch schlimmer werden…“(1)

Terrorismus – das Ergebnis einer Kultur des Hasses

In einem Artikel mit der Überschrift „Wie unsere Jugend das Leben lieben lernen kann“ in der kuwaitischen Zeitung Al-Siyassa, erklärte Dr. Al-Ansari, dass es die Kultur des Hasses und der Extremismus in den arabischen Ländern sind, die den Terrorismus verursachen:

Terrorismus ist die Frucht des Hasses – das Leben zu hassen, die Zivilisation und die Moderne zu hassen, die Gesellschaft und den Staat zu hassen, die lebenden Menschen zu hassen. Die jungen Leute, die Werkzeuge des Mordes und menschliche Bomben geworden sind, sind die Söhne der Kultur des Hasses und das Ergebnis einer fanatischen Kultur und extremistischen Ideologie, die das Leben, seine Genüsse und seine Schönheit als unwichtig betrachten. Letztlich haben die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Motive, die die jungen Leute dazu bringen sich selbst zu sprengen, einen einzigen Hauptgrund – und das ist die Kultur des Hasses.
Diese jungen Leute, im Blüte-Alter, sind die Feinde ihrer Gesellschaft geworden; sie rächen, hassen und explodieren. Sie sind unsere terroristischen Söhne, aufgezogen an unserem Busen, genährt von unserer Kultur, gelehrt in unseren Schulen und religiöse Gesetze von unseren religiösen Kanzeln und durch die Fatwas unserer Kleriker gelehrt.
Was hat sie dann dazu gebracht den Tod dem Leben vorzuziehen? Ich habe keine Antwort außer der Tatsache, dass wir es nicht geschafft haben sie dazu zu bringen das Leben zu lieben. Wir haben sie gelehrt für die Sache Allahs zu sterben. Wir haben sie gelehrt, dass Nationalismus heißt Amerika anzugreifen und gegen den Imperialismus zu opponieren, aber wir haben sie nicht gelehrt, dass Nationalismus Liebe, Loyalität und Zugehörigkeit zur Heimat ist.
Wie kann sich diese armselige Kreatur, die man das arabische und muslimische Individuum nennt, nicht dem Extremismus zuwenden, wenn es von einer allumfassenden Atmosphäre des Extremismus umgeben ist, gebunden von den Ketten der Unterdrückung und der Verbote und gegürtet von den Ideen der Einschüchterung und Terrorisierung und beinahe endloser Qual? Diese begleiten diese Kreatur von der Geburt bis zum Tod, angefangen mit unheilvollen Warnungen über die Qualen des Grabes und feindlicher Komplotte, die dem Islam und den Muslimen auflauern, wie auch der langen Liste von Verboten, die das gesegnete Leben – das Geschenk des Schöpfers – in ein Gefängnis von Schmerz machten, aus dem das Individuum ins Paradies und zu den lieblichen Jungfrauen darin zu entkommen versucht.
Als ob all das nicht genug wäre, beschäftigen wir auch noch eine Religionspolizei, die den Leuten folgt, um ihre Freiheiten zu beschränken, sie auszuspionieren und sich in ihre persönlichen Angelegenheiten einzumischen. Wie kann es also nicht das weit verbreitete Phänomen der Spannungen und der Sorge in den Seelen (der Leute) geben?…
Gehen Sie zur Freitagspredigt und Sie werden einen Prediger vorfinden, der über die Welt erzürnt ist, wütend auf die Zivilisation, das Gift des Hasses und Feindseligkeit verbreiten. Dann werden Sie die Moschee angespannt und wütend verlassen!…
Die Jugend der Welt macht Musik, Kunst und der freut sich über die Annehmlichkeiten des Lebens. Die schaffen, entdecken und sind Teil des Aufbaus der Stärke und der Kultur ihrer Gesellschaft – während wir unsere Jugend in religiösen Gesetzesstreitigkeiten über den Schleier, den Bart, wie lang die Kleidung sein sollte und wie man Christen grüßt beschäftigen – oder wir spannen unsere jungen Leute in die politischen und ideologischen Dispute der Erwachsenen ein oder drängen sie in den Irak und nach Afghanistan zu gehen um Selbstmord zu begehen!
Hass ist eine Kultur der Verbote und das Ergebnis unserer Sicht der Welt als einem Feind, der uns auflauert. Viele Faktoren haben [bei der Formung dieser Weltsicht] mitgespielt, darunter die religiösen Botschaften, die in Ängsten vor Komplotten [gegen uns] verankert sind, der Bildungsbotschaften, die eine Entfremdung der Jugend vom modernen Zeitalter geschaffen haben und eine große Zahl Veröffentlichungen durch die Muslimbruderschaft und andere Nationalisten, die seit 50 Jahren Hass auf andere und Verschwörungstheorien [gegen die Muslime] verbreitet haben.
Wir benötigen eine Kultur, die die Wichtigkeit des Lebens wieder herstellt und den Wert des Einzelnen und unseren jungen Leuten wieder beibringt die zur Kunst und die Menschlichkeit zu lieben…“(2)

Die Werte der Toleranz sollten eingeführt werden

In einem Artikel mit der Überschrift „Unsere Söhne und die Kultur der Toleranz“ in der Zeitung Al-Ittihad in den Vereinigten Arabischen Emiraten forderte Al-Ansari, dass die arabischen Gesellschaften die Kultur des Fanatismus aufgeben und das Prinzip der Toleranz übernehmen, um den Extremismus und Terrorismus zu zerstören.

Was ist es, dem einige unserer Söhne zum Opfer gefallen sind?… Was ist es, das sie dazu veranlasst hat das Verderben und den Tod zu lieben?… Es ist das Erbe des Fanatismus, der vom Anfang der Geschichte zu uns kommt, das durch die muslimische Geschichte hindurch auf der sozialen Infrastruktur gegründet, gefestigt und verbreitet wurde und sich selbst darauf gestellt hat – im Schatten von tyrannischen Regimen, die Muslime wie Nicht-Muslime unterdrückten, diskriminierten und marginalisierten.
Unglücklicherweise haben inhumane religiöse Kommentare sie unterstützt… Die fanatische und diskriminierende Tradition – die muslimischen Prinzipien widerspricht – ist das, wovon einige unserer Söhne getrunken haben…
In der jetzigen Zeit, in der wir leben, brauchen wir nicht alles, was in den Büchern der Vorväter steht. Statt dessen brauchen wir religiöse Gesetze, die das Individuum als Individuum begrüßt und unsere jungen Leute dazu bringen das Leben, die Kultur und die fortschrittlichen Künste zu lieben.
Zweitens müssen wir aufhören uns selbst wegen „Toleranz“ zu oben und stolz auf diese zu sein, wenn wir weiterhin ohne Toleranz leben. Wenn wir wahrhaftig sind und wenn wir unseren Prinzipien treu sind, müssen wir [die Prinzipien der Toleranz] in tatsächliches Verhalten umsetzen…
Meiner Meinung nach ist Bildung der Schlüssel und der wahre Anfang zur Verstärkung der Werte der Toleranz: [Bildung] Zuhause, [Bildung] in der Familie, durch die gegenseitige Toleranz der Eltern und die gegenüber ihren Nachbarn, durch die Toleranz der Familienmitglieder untereinander und durch ihre Toleranz gegenüber den Bediensteten im Haus – Toleranz, die sich in die Bildungsinstitutionen und den Rest der Institutionen der zivilen Gesellschaft und der Regierung in all ihren politischen, kulturellen und religiösen Aspekte ausbreitet.
Auf diese Weise wird die religiöse und kulturelle Elite die Kultur der Toleranz in Kraft setzen und sei wird die Beschuldigungen des Verrats, der Ketzerei und der Spionage (die Muslime gegeneinander aufbringt) ausmerzen. Auf diese Weise wird die Gesellschaft von einem System von Gesetzen beherrscht, das gegenüber ethnischen Gruppen gerecht ist; und es wird ein politisches Regime geben, das gleiche Rechte und Freiheiten für alle sicher stellen wird.“(3)

Fußnoten:

(1) Al-Raya (Qatar), 23. April 2007.
(2) Al-Siyassa (Kuwait), 15. Mai 2007.
(3) Al-Ittihad (VAE), 18. Mai 2007

Warum Antisemitismus Teil der europäischen Kultur ist

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Antisemitismus ist nicht nur Teil der Geschichte Europas, sondern auch ein Bestandteil seiner Kultur. Die lang andauernde antisemitische Geschichte Europas ist mit Verleumdung, Diskriminierung, zweierlei Maß, Pogromen, Vertreibungen und anderer Verfolgung angefüllt. Sie erreichte ihren absoluten Tiefpunkt im Holocaust. Der Völkermord wurde nicht nur von Deutschen und Österreichern begangen, sondern auch von vielen Kollaborateuren in den besetzten Ländern, die nicht unbedingt alle für die Nazis waren.

Soweit es den Holocaust betrifft, gestanden fast alle besetzten Länder irgendwann die Wahrheit ein, dass sie versagt und in unterschiedlichem Grad mit den Nazis kollaboriert hatten. Die meisten entschuldigten sich.[1] Vor ein paar Wochen wurde Luxemburg zum neuesten Land, das dies tat.[2] Die große Ausnahme sind die Niederlande. Der derzeitige Premierminister Mark Rütte (Liberale Partei) gab vor kurzem zum zweiten Mal eine nichtssagende Antwort auf eine Anfrage im Parlament, um zu vermeiden das skandalöse Versagen der niederländischen Regierung der Kriegszeit zugeben zu müssen. Während des Exils in London zeigte sie kein Interesse an dem stattfindenden Massenmord – die Vernichtung von drei Vierteln der 140.000 niederländischen Juden durch die deutschen Besatzer.[3] Die jüdische Gemeinschaft war schon seit Jahrhunderten in den Niederlanden präsent gewesen.

Während es wenig Diskussion zur antisemitischen Geschichte Europas gibt, ist bezüglich des Antisemitismus als Bestandteil der europäischen Kultur eine detailliertere Erklärung nötig und wohl bezüglich seiner Juden ein dominierender Teil. Um jeglichem Missverständnis aus dem Weg zu gehen: Das heißt nicht, dass heute die meisten Europäer Antisemiten sind.

Der gerade verstorbene, führende Antisemitismus-Wissenschaftler Robert Wistrich hat viel zur Infrastruktur beigetragen, durch die verstanden und bewiesen wird, dass Antisemitismus ein integraler Bestandteil der europäischen Kultur ist.

Vor ein paar Jahren lud ich ihn ein, beim Jerusalem Center for Public Affairs über die Tradition des europäischen intellektuellen Antisemitismus zu sprechen. Wistrich erklärte, dass christliche Geistliche und viele führende christliche Theologen im Mittelalter und die Jahrtausende hindurch „Verachtung des jüdischen Volks lehrten“. Solche Credos beschränkten sich nicht auf die katholische Kirche. Zum protestantischen Reformator Martin Luther erklärte Wistrich: „Seine Angriffe auf Juden gehören zu den brutalsten in der Geschichte antisemitischer Diffamierung.“

Wistrich führte detailliert auf, wie intellektuelle Trends in Europa die Mutation des Antisemitismus jeweils beeinflussten. Er erklärte, wie die antisemitische jüdische Tradition sich während der Aufklärung fortsetzte und illustrierte das mit dem Hass, den Voltaire für das jüdische Volk hegte. Wistrich erwähnte auch die folgende Generation Antisemiten, so die idealistischen deutschen Philosophen des 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Kant, Hegel, Schopenhauer und später Karl Marx.

Er führte an, dass mit seltenen Ausnahmen die französischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts die Grundlagen des Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts legten. Er merkte an, dass Edouard Drumonts antisemitisches Werk La France Juive (Das jüdische Frankreich) ein Bestseller seiner Zeit war. Es gab etwa einhundert Auflagen.

Wistrich fügte hinzu, dass ein großer Teil des Nationalsozialismus, des Faschismus und sogar einige Arten des Sozialismus – die wichtige antiintellektualistische Komponenten haben – ebenfalls intellektuelle Gründer hatten.[4] In seinem wichtigen Buch A Lethal Obsession (Eine tödliche Besessenheit) widmete Wistrich ein ansehnliches Kapitel dem, was er „die alt-neuen Judeophoben Britanniens“ nannte. Er erwähnte den weit verbreiteten Antisemitismus in den britischen Literaturklassikern über die Jahrhunderte. Er schrieb, dass im Vereinten Königreich „antisemitische Gefühle auch Teil des Diskurses des Mainstreams sind, die bei den akademischen, politischen und Medien-Eliten stetig wieder aufkommen“.[5]

Viele weitere Beispiele, dass Antisemitismus Teil der europäischen Zivilisation ist, sind in David Nirenbergs Buch „Anti-Judaism, the Western Tradition“ (Die westliche Tradition des Antijudaismus) zu finden.[6]

Eine Reihe führender europäischer Romanautoren waren extreme Antisemiten. Einer der berühmteren war der Franzose Louis-Ferdinand Céline, der nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Kollaboration mit der Besatzungsmacht verurteilt wurde.[7] Es gibt zudem auf Gebäuden wie der Kathedrale Notre Dame in Paris alte antisemitische Skulpturen.[8] In der europäischen populären Kultur – z.B. in Zeichnungen und Karikaturen – findet man ebenfalls antisemitische Leitgedanken. Das Studentenaustauschprogramm der Europäischen Union ist nach dem fanatischen Antisemiten Erasmus benannt.[9] Die Universität von Rotterdam ebenfalls.

Es ist ein Fehler zu glauben, dass der Nationalsozialismus und seine boshafte „Kultur“ mit der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 endeten. Viele Nazis behilten ihre Ideen. Manche versuchten ihre Kinder mit der Nazi-Ideologie zu füllen. Nach dem Krieg gab es in Deutschland nicht genug unbefleckte Richter und Beamte, um die benötigten Regierungsposten zu besetzen. Zu den früheren Nazis, die hohe Posten im Nachkriegsdeutschland besetzten, gehörte der Christdemokrat Kurt Georg Kiesinger, der von 1966 bis 1969 Bundeskanzler war. Sogar viele der Ärzte, die jüdische Überlebende untersuchten, die aus gesundheitlichen Gründen Ansprüche stellten, hatten einen Nazi-Hintergrund.[10]

Wenn man fragt, wer der wichtigste Nachkriegsphilosoph Europas war, werden viele Martin Heidegger nennen. Seine vor kurzem veröffentlichten Notizbücher lassen keinen Zweifel aufkommen, dass seine Ideenwelt zutiefst antisemitisch war.[11]

Die Tatsache, dass eine beträchtliche Zahl heutige Europäer der Aussage zustimmen, dass „Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt“, ist ein wichtiges Beispiel des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus. Diese Äußerung wurde von mehr als 40% der EU-Bürger im Alter über 16 Jahre für korrekt erachtet. Das passt perfekt in die antisemitische Kultur Europas.[12]

Der amerikanische Politikwissenschaftler Andrei Markovits fasst ein Schlüsselelement der gegenwärtigen europäischen Realität prägnant zusammen: „Europa hat eine ungelöste, wichtige Beziehung zu seiner Vergangenheit. Das ständige Analogisieren der Israelis mit den Nazis erfolgt aus dem europäischen Bauch heraus. Das ist natürlich eine doppelte Unverschämtheit. Damit entlasten sich die Europäer von ihrer eigenen Geschichte. Gleichzeitig gelingt es ihnen ihre früheren Opfer zu beschuldigen sich so zu verhalten wie die schlimmsten Täter der eigenen Seite.“[13]

Die Führungskräfte des Kontinents, auf dem der Nationalsozialismus geboren wurde und florieren durfte, widmen heute relativ wenig ihrer Mahnungen der naziartigen Politik und Äußerungen, die aus den diversen Terrororganisationen des Nahen Ostens kommen. Deren Werbung für den Völkermord ist kein Hiter-Nazismus, sondern ein Nazismus, der aus Teilen des Islam stammt.

Das nächste Mal, wenn Repräsentanten Europas Israel wegen seiner Politik kritisieren, sollte die israelische Antwort lauten, dass sie sich angesichts der Vergangenheit Europas besser auf den Islamo-Nazismsu konzentrieren sollten. Die Offiziellen der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, die ständig und unverhältnismäßig Israel abmahnen, stehen auf unmoralischen Füßen.

[1] Manfred Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses. Jerusalem, The Jerusalem Center for Public Affairs, 2009, S. 136-150.

[2] EJC welcomes Luxembourg apology for role in Holocaust. European Jewish Congress, 11. Juni 2015.

[3] Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses, S. 141.

[4] Manfred Gerstenfeld interviewt Robert Wistrich: Intellectuals and anti-Semitism: a millenial tradition. Jewish Tribune, 13. August 2013.

[5] Robert S. Wistrich: A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to Global Jihad. New York (Radom House) 2010.

[6] David Nirenberg: Anti-Judaism: The Western Tradition. New York (W. W. Norton) 2014.

[7] Antoine Peillon: Céline, un antisémite exceptionnel. Une Histoire française. Lormon: Le Bord de l’eau, 2011.

[8] Toni L. Kamins: Notre-Dame de Paris to Prague, Europe’s anti-Semitism is literally carved in stone. JTA, 20. März 2015.

[9] Hans Jansen: Protest Van Erasmus Tegen Renaissance Van Hebreeuwse Literatuur. Heerenveen (Groen) 2010.

[10] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Nathan Durst in: Europe’s Crumbling Myths, The Post-Holocaust Origins of Today’s Anti-Semitism. Jerusalem, Jerusalem Center for Public Affairds, Yad Vashem, WJC 2003, S. 128-136.

[11] Philip Oltermann: Heidegger’s ‚black notebooks‘ reveal antisemitism at core of his philosophy. The Guardian, 13. März 2015.

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[13] Manfred Gerstenfeld, Interview mit Andre S. Markovits: European Anti-Americanism and Anti-Semitism: Similarities and Differences. Post-Holocaust and Anti-Semitism Nr. 16, Januar 2004.

Warum sich die arabische Welt in einer emotionalen Nakba (Katastrophe) verliert und wie wir sie darin belassen.

Richard Landes, Tablet, 24.06.2014

Verhindert der Westen selber Fortschritte im Friedensprozess, indem er die Dynamik von Ehre und Scham in der politischen Kultur der Araber ignoriert?

Anthropologen und studierte Historiker haben schon lange verschiedene Stammeskulturen – kriegerische, nomadische – identifiziert, in denen es spezifische Ausprägungen von Ehrenkodexen gibt, deren Verletzung eine schwächende Scham hervorbringt. Der Einzelne, welcher dabei versagt Rache an einem Mörder eines Stammesmitgliedes zu nehmen, bringt Schande über sich (was ihn zu einer Frau macht) und schwächt den Klan, was zu weiteren Angriffen geradezu einlädt.

Im zweiten Weltkrieg suchte die USA Hilfe bei Anthropologen wie Ruth Benedict, um herauszufinden, welche Rolle Ehre und Scham bei den Entscheidungen der des japanischen Militärs spielten, was zum Sieg im pazifischen Kriegsschauplatz und dem Buch „Die Chrysanthemen und das Schwert“ führte. Mit ihr als Vorbild analysierte der große Klassizist E. R. Dodds in seinem Werk „Die Griechen und das Irrationale“ den Jahrtausende langen Wechsel der griechischen Kultur von einer „Scham-“ hin zu einer „Schuld“-Kultur, in dem er eine Welt darstellte, in der vor allem Ruhm und Ehre, denn Gewissen oder Angst vor göttlicher Vergeltung die Menschen handeln lässt.

Schon vor der geballten Verachtung des Literaturkritikers Edward Said gegen eine „Ehre – Scham“-Analyse in „Orientalism“ (1978) wichen die Anthropologen vor einer solchen Annäherung zurück, schien sie doch einen von Natur aus boshaften Vergleich zwischen primitiven Kulturen und dem moralisch überlegenen Westen zu beinhalten. Die Aufnahme von Saids Werk verstärkte diesen kulturellen Relativismus: Sorge um Ehre und Scham bewegt jeden und der einfache Gegensatz von Scham und Schuld muss daher letzten Endes rassistisch sein, besonders aber im Kontext von Vergleichen der arabischen Welt mit dem Westen. Sogar bei Geheimdiensten, deren Aufgabe es sein sollte, wie der Feind zu denken, wurde es zum Standard, den Rückgriff auf eine Ehre/Scham-Dynamik zu verweigern.

Jede noch so großzügige Person sollte ein gesundes Unbehagen gegenüber dem „Anderen“ haben, was eine scharfe Linie zwischen zwei Menschen zieht. Wir verwischen diese Linie nur um ein bisschen höflich zu sein; Ehrenmorde werden daher zum Beispiel als eine Art häuslicher Gewalt gesehen, die auch im Westen vorkommt. Und überhaupt sind die Sorgen um Ehre und Scham doch universell: Nur Heilige und Soziopathen scheren sich nicht darum, was andere denken und keine Gruppe hält ohne einen Ehrenkodex zusammen.

Aber auch wenn diese Praxis überall vorhanden ist, sollten wir in der Lage sein festzustellen, dass es in manchen Kulturen Stimmen gibt, die öffentlich die Werte von Ehre/Scham in einer Art und Weise unterstützen, die dem Fortschritt und einer liberalen Gesellschaft widersprechen. Die arabische Gesellschaft zum Beispiel tendiert – ungeachtet einiger liberaler Stimmen und nobler Gegner – zu einer Vormachtstellung durch Aggression, einer Politik des „starken Pferdes“ (Recht des Stärkeren), der Anwendung der Hama-Regeln – was sich alles so kombiniert, dass der Nahe Osten zwischen Gefängnis und Anarchie, zwischen Sisis Ägypten und Assads Syrien gefangen ist. So gut sie auch gemeint ist, unsere Unfähigkeit die Rolle der Ehre/Scham-Dynamiken in der Entstehung dieser politischen Kultur zu diskutieren zeigt ein Dilemma auf: Indem wir schweigen, verleugnen wir es nicht nur, sondern damit stärken wir diese brutalen Werte und schwächen jene, die wir schätzen.

Wenige Konflikte sind besser dazu geeignet diese Dinge zu erkunden, als der arabisch-israelische Konflikt.

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Um die Rolle der absoluten Ehre/Scham-Sorgen der Araber gegenüber Israel zu verstehen, muss man zuallererst die Rolle der Juden in der arabisch-muslimischen Ehren-Gruppierung verstehen. In den 13 Jahrhunderten vor dem Zionismus waren die Juden in den muslimischen Ländern Subjekte eines politischen Statutes, der genau um die Ehre (der Muslime) und der Scham (die Juden) herum gebaut war. Die Juden waren Dhimmis, geschützt vor muslimischer Gewalt, wenn sie ihre tägliche Erniedrigung und rechtliche Unterdrückung akzeptierten. So schreibt Chateaubriand im 19. Jahrhundert. „Als spezielles Ziel der (muslimischen und christlichen) Verachtung, beugen die Juden ohne Beschwerde ihre Köpfe, sie ertragen alle Ungerechtigkeiten ohne Gerechtigkeit zu verlangen, sie lassen sich durch einen Luftzug niederschmettern … Durchstreift man ihre Wohngebiete, findet man diese Menschen in schrecklicher Armut.“

Mehr als ein Jahrtausend lang bestand die arabische und muslimische Ehre darin, ihre Dhimmis zu beherrschen und zu erniedrigen – und wenn Reformer hin und wieder deren staatlichen Status verbesserten, so verursachte dies eine heftige Verletzung der muslimischen Ehre. So beschreibt ein britischer Gesandter die Folgen der Reformen durch Muhammed Ali: „Die Musulmanen bedauern zutiefst den Verlust ihrer Erhabenheit welche sie alle & individuell gegen alle anderen Glaubensrichtungen ausleben …. Ein Musulman glaubt, dass ein Christ – & noch mehr ein Jude – ihm gegenüber untergeordnet ist und so handelt er auch.“

Wenn man sagt, allein die Aussicht auf eine autonome politische jüdische Entität wäre für die von Ehre getriebenen arabischen und muslimischen Politiker im 20. Jahrhundert wie im 10. Jahrhundert eine Blasphemie gegen den Islam und eine Beleidigung der arabischen Männlichkeit, heißt das nicht, dass alle Epochen der muslimischen Herrschaft eine absichtliche Herabwürdigung der Dhimmis mit sich brachten. Auch kann man nicht behaupten, dass alle Araber so denken. Im Gegenteil, diese Art der testosterongefüllten und autoritären Debatte bürdet seine Interpretation von Ehre der gesamten Gemeinschaft auf, sehr oft gewaltsam. Während einige Araber in Palästina 1948 die Aussicht auf eine jüdische Souveränität als große Chance sahen, stimmten die arabischen Anführer und die „Straße“ darin überein, dass Israel um der arabischen Ehre willen zerstört werden musste und jene, die sich dagegen aussprachen Verräter an der arabischen Sache seien.

Schlimmer noch: Die Bedrohung der arabischen Ehre kam nicht von einem würdigen Feind, wie den westlichen Christen, sondern von den Juden, der traditionell passivsten, niedrigsten und feigsten Bevölkerung, über die die Muslime herrschten. So wie die Athener im 5. Jahrhundert v.d.Z. den Meliern sagten,

man fürchtet weniger eine Eroberung durch andere beherrschende Mächte, wie es die Spartaner tun, als das, was geschieht, wenn eine herrschende Macht von ihren eigenen Untergebenen attackiert und besiegt wird.

Also war die Aussicht auf einen unabhängigen Staat jener, die eigentlich Dhimmis sein sollten, für die arabischen Anführer mehr als verletzend. Er gefährdete den Islam. So sprach Rahman Azzam Pascha, das Leiter der neu gegründeten Arabischen Liga, für seine „Ehren-Gruppe“, als er drohte: „Wenn die Zionisten es wagen einen Staat zu gründen, werden wir Massaker verüben, gegen die alles, was Dschingis Khan und Hitler begangen haben, Kleinigkeiten sind.“ Wie die Armenier nur eine Generation vorher feststellen mussten, reichte schon der Verdacht einer Rebellion für ein Massaker.

Damit wurde die Niederlage von 1948 zum katastrophalsten aller Ergebnisse für diese „Ehren-Gruppe“. Sieben arabische Armeen, die die Ehre von hunderttausenden Arabern (und Muslimen) vertraten, wurden von weniger als einer Millionen Juden besiegt, die die Überlebenden des mörderischsten und effektivsten Genozid der Geschichte waren. Menschen unterlegen zu sein, die so niedrig auf einer Skala waren, dass es eigentlich unehrenhaft war, gegen sie zu kämpfen – nichts konnte erniedrigender sein. Und diese Verletzung geschah auch noch auf der offenen Bühne der neuen Nachkriegs-Weltgemeinschaft, vor der die Arabische Liga lauthals deren Abschlachten verkündet hatte. In der Geschichte der globalen Öffentlichkeit hatte noch keine so kleine oder große Gruppe einen derartigen Ehrverlust und Scham vor einem solch großen Publikum hinnehmen müssen.

Neben der Nakba (Katastrophe), die hunderttausende der arabischen Einwohner des ehemaligen britischen Mandatsgebiets Palästina betraf, finden wir eine wesentlich größere psychologische Katastrophe, die die gesamte arabische Welt und vor allem ihre Anführer betrifft: Eine Demütigung, die so groß ist, dass die arabische Kultur der Politik und des Diskurses damit nicht fertig werden konnte. Daher benutzen die Flüchtlinge den Begriff Nakba als Vorwurf den arabischen Anführern gegenüber, die diesen Krieg angefangen und verloren hatten, auch um diese zu verletzen. In einer Gesellschaft, die weniger von Ehre besessen und Selbstkritik gegenüber offener gewesen wäre, hätte dies zu einem Austausch der nationalen Eliten und zu Anführern geführt, die mit der Weltpolitik der Vereinten Nationen und dem Marshall-Plan erfolgreich zusammengearbeitet hätten. Aber wenn der äußere Schein über allem steht, beschämt jede öffentliche Kritik die Nation, das Volk und seine Anführer.

Im Zustand tiefster Erniedrigung und Kraftlosigkeit auf der Weltbühne wählten die arabischen Anführer stattdessen die Leugnung – die Juden hatten nicht, konnten nicht, durften nicht gewonnen haben. Der Krieg war nicht – konnte nie – vorbei sein, bis zum Sieg. Wenn die Flüchtlinge verschwänden, absorbiert würden von den Brüdern in deren Länder sie geflohen waren, dann wäre dies die Anerkennung des Unerträglichen – dass Israel gewonnen hat. Und so verdoppelte die arabische „Ehren-Gruppe“, getrieben von Wut und Verweigerung, die Katastrophe ihrer eigenen Flüchtlinge. Sie ließen sie in Lagern leiden, eingefroren in dem Moment der Erniedrigung, wartend und gegen den zionistischen Sieg ankämpfend, der anerkannt werden müsste. Das fortwährende Leid derer, die auf dem Altar des arabischen Stolzes geopfert wurden, schreit in der arabischen Welt nach Vergeltung an den Juden. Derweil wurden die Juden als Akt der Rache überall dort verjagt, wo die Muslime an der Macht waren.

Die Auslegung der Ehre durch die arabischen Anführer hat dazu geführt, dass sie die Niederlage ihres eigenen Nullsummen Spiels – wir werden sie massakrieren – mit einem Minussummen Spiel beantworteten. Die Zerstörung des israelischen „Anderen“ wurde ausschlaggebend, egal wie sehr durch diese Sache die Araber, vor allem die Palästinenser, zu leiden hatten. „Keine Anerkennung, keine Verhandlungen, keinen Frieden!“ Kein Israel. Eher belassen sie Millionen Araber unter jüdischer Herrschaft, als dass über eine Lösung verhandelt würde. Lieber sterben als erniedrigt leben. Lieber Selbstmord begehen um Juden zu ermorden, als mit ihnen Frieden zu schließen.

*****

So offensichtlich diese Betrachtungen sind, ihre Auswirkungen werden nach wie vor nur selten in den politischen Zirkeln diskutiert. Die derzeitigen Friedenspläne setzen dagegen voraus, dass beide Seiten bereit sind die notwendigen Konzessionen zu machen und dass ein Kompromiss ein Gewinn für beide Seiten ist. Ein verblüffter BBC-Sprecher rief aus: „Du meine Güte, es ist so einfach, man könnte es mit einer einfachen E-Mail lösen!“ Oder wie es Jeremy Ben Ami ausdrückte: „Es bräuchte 60 Sekunden, um eine grundlegende Lösung zu finden.“ Aber es ist nur einfach, wenn man glaubt, die Araber würden ihr eisernes Nullsummen Spiel aufgeben, in dem jeder Gewinn Israels ein inakzeptabler Verlust an Ehre für sie ist; ihre Ehrenwächter nicht länger daran festhalten, Verhandlungen seien ein Zeichen der Schwäche, des Kompromisses, beschämend und jeder Friede mit Israel, jeder Sieg Israels, egal wie klein, sei eine Beleidigung des Islams. Während und, wesentlich bemerkenswerter, nach Oslo wurde es zu einem Glaubensgrundsatz der Politiker und Weisen, dass die alte Zeit des arabischen Irredentismus vorbei sei. So stellte ein NPR-Kommentator (während der Intifada) fest: „Jeder Palästinenser mit einem dreistelligen IQ weiß, dass Israel da ist, um zu bleiben.“

Die herablassende Weise dieser Bemerkung passt lediglich zu ihrer Fehlerhaftigkeit. Nicht nur, dass sie die gesamte Führerschaft der Hamas als Idioten ansieht, sondern sie ignoriert, wie tief das psychische Trauma Israel in der arabischen Welt geht. Khaled Ma´aschal von der Hamas, keineswegs mit einem ein zweistelliger IQ versehen, sagte Folgendes auf dem Höhepunkt der Intifada:

Morgen wird unsere Nation (Islam, nicht Palästina) auf dem Thron der Welt sitzen. … Morgen werden wir die Welt führen, das ist Allahs Wille. Bereut heute (ihr Ungläubigen) bevor euch Gewissensbisse nichts mehr nutzen. Unsere Nation schreitet voran und ihr solltet in eurem Interesse eine siegreiche Nation respektieren. … Bevor Israel stirbt, muss es erniedrigt und gedemütigt werden. Allahs Wille ist es, dass sie, bevor sie sterben täglich Demütigungen und Erniedrigungen erfahren.

Selbst bei fast vollständig verwestlichten Arabern geht die Wunde, die Israels Existenz schlägt, ungeheuer tief, ebenso der Instinkt, Israel für alle arabischen Fehler verantwortlich zu machen. Ahmed Shaikh, der Herausgeber von Al Jazeera, gibt Israel sogar die Schuld am Mangel an Demokratie in der arabischen Welt:

„An dem Tag, an dem Israel gegründet wurde, wurde die Basis für unsere Probleme gelegt. … Das liegt daran, dass wir ständig gegen Israel verlieren. Es nagt an den Menschen des Nahen Ostens, dass ein solch kleines Land wie Israel, mit gerade Mal 7 Millionen Einwohnern, die arabische Nation mit 350 Millionen Menschen besiegen kann. Das verletzt unser kollektives Ego. Das palästinensische Problem ist in den Genen eines jeden Arabers. Das Problem des Westen ist, dass er das nicht versteht.“

Sheikh kommt nicht zu der Erkenntnis, dass ein Ende der Kämpfe gegen Israel zur Demokratie führen könnte, sondern er glaubt, wenn der Westen die Araber gegen die Israelis gewinnen ließe, dann würden sie Demokratien aufbauen.

So transparent falsch das Verständnis in der arabischen Welt für die Probleme der Demokratie ist, wie diese Aussage zeigt, so hat sie doch viele westliche Verteidiger, die eifrig ihre „rationelle Wahl der Modelle“ bewahren. Viele Post-Orientalisten haben, in der Tradition Edward Saids, den Ausbruch der Demokratien schon seit Jahrzehnten vorausgesagt, von den 90-er Jahren bis zum „Arabischen Frühling“. Somit schockierte Yasser Arafats „Nein“ in Camp David Bill Clinton, Dennis Ross und eine Öffentlichkeit, die mit der Idee, ein Friedensprozess sei eine win-win-Situation, gefüttert wurde, während jene, die mit den Werten Arafats wichtigster Ehren Gruppe vertraut waren, die Ablehnung vohrhergesagt hatten. Wenn „das was mit Gewalt genommen wurde, nur mit Gewalt zurückgeholt werden kann“, dann hätte Arafat bei den Verhandlungen nichts bekommen, was möglicherweise die Scham weggewaschen hätte, die ein Federstrich mit sich -gebracht hätte, der ein Dar-ul-Harb inmitten des Dar-ul-Islam legitimiert hätte. Das Ergebnis war, dass Arafat als Held in den Nahen Osten zurückkehrte, während Bill Clinton und Ehud Barak (und, so wird berichtet, einige jüngere palästinensische Unterhändler) trauerten.

Doch das alles spielte für Experten wie Robert Malley und Robert Wright keine Rolle; sie erklärten, welche Gründe Arafat gehabt hatte, nein zu sagen. Natürlich bedeutete die Rationalisierung der Beweggründe Arafats, den Israelis die Schuld für das Scheitern der Verhandlungen zuzuschieben und damit nachträglich auch für die Explosion an Gewalt gegen sie. Als Cherie Blair Verständnis für die Verzweiflungder Selbstmordattentäter äußerte, projizierte sie ihre liberale Weltsicht auf Menschen, die eigentlich nur nach der höchsten Ehre streben, die ihnen ihre Gesellschaft geben kann: Im Krieg zur Tötung der Juden als Märtyrer zu sterben. Die Israelis selber bieten bei dieser Umkehrung der Verantwortung stattliche Hilfe. Unfähig die Unterschiede zwischen Strategie und Taktik zu erklären, kritisieren sie beide Seiten, ein Nullsummen Spiel zu spielen, wobei aber nur ihre Seite das als Tadel betrachtet.

*****

Die politischen Folgen sind schwerwiegend. Das „rationale“ Modell nimmt an, dass die Grenzen von 1967 (Waffenstillstandslinien on 1949) der Schlüssel sind und ein Rückzug der Israelis die rationalen Forderungen befriedigen und damit der Konflikt gelöst sei. Beachtet man aber die Ehre-Scham-Kultur, legt diese nahe, dass ein solcher Rückzug noch mehr Aggressionen im Drang nach wahrer palästinensischer Ehre auslösen würde, die bedeutet: „Ganz Palästina, vom Fluss bis zum Meer.“ Um die Logik einer win-win-Lösung von Konflikten zu beschreiben, schrieb der Militärhistoriker Andrew Bacevitch kürzlich, wenn man die zu starken Israelis ein wenig schwächen würde, könnten Verhandlungen wirklich funktionieren. Da er die Politik des „Starken Pferdes“ (Recht des Stärksten) in der arabischen Kultur und ihren tiefen Groll auf das „zionistische Gebilde“ völlig übersieht, kommt er auch nicht auf die Möglichkeit, dass eine Gleichheit noch mehr Konflikte heraufbeschwören dürfte, wahrscheinlich eher dem syrischen Bürgerkrieg ähnlich denn der skandinavischen Höflichkeit, auf die er sich beruft. Die Israelis, selbst jene aus dem Friedenslager, wissen das instinktiv und widerstehen dieser Art von Konzessionen; Außenstehende und dogmatische Selbstbeschuldiger sehen in diesem Widerstand das eigentliche Problem.

Für die Israelis könnte der Irrsinn dieser abstrusen Debatte über den Zweck und die Bedeutung einer Ehre-Scham-Kultur nicht größer sein. Die Zukunft Israels hängt von der Fähigkeit ab zu verstehen, warum ihre Nachbarn sie hassen und was bei den Versuchen, mit dieser Feindschaft umzugehen funktioniert und was nicht. Es wäre eine kriminelle Nachlässigkeit, dies nicht zu beachten.

Aber das Problem geht weit über Israel und seine Nachbarn hinaus. Wie jeder, der ein wenig aufmerksam ist, weiß, vertreten die salafistischen Jihadisten, die den Islam weltweit gekapert haben, genau diese Mentalität der Ehre-Scham-Kultur in ihrer rabiatesten Form: das existentielle Drama von demütigen oder gedemütigt werden, herrschen oder beherrscht werden, ausrotten oder ausgerottet werden. Der Dar-al-Islam muss den Dar-ul-Harb erobern. Unabhängige Ungläubige (harbis) müssen spektakulär erniedrigt werden, ihre Frauen müssen vergewaltigt werden; der Islam muss die Welt beherrschen oder er geht unter. Die Sprachen der schiitischen oder sunnitischen Jihadisten haben beide denselben Ton: Ehre, Plünderungen, Herrschaft, Scham, Erniedrigung, Frauenhass, Wut, Rache, Verschwörung und die paranoide Angst vor einer Implosion.

Es ist nicht so, dass unsere Politiker – und hier meine ich nicht nur die Israels sondern des gesamten demokratischen Westens – die Dynamik der Ehre und Scham nicht beachten würden. Sie nehmen sie nur nicht ernst. Sie nehmen sie als kindische, oberflächliche Sorgen wahr, die man mit freundlichen Worten und Gesten beruhigen kann, dann werden diese guten Menschen sich wieder wie so benehmen, wie jemand, der rationale Entscheidungen trifft, und wir können auf bekannten und vernünftigen Wegen weiter machen. So war es, als Papst Benedikt von der „im Islam innewohnenden Gewalt“ sprach, was in der gesamten islamischen Welt zu gewaltsamen Aufständen führte, die den Papst in die Pflicht nahm, sich für diese Provokation zu entschuldigen. Witzigerweise konnte nur das jemanden in der muslimischen Welt davor bewahren aus Versehen getötet zu werden, getötet beim Protest dagegen, gewalttätig genannt zu werden.

Aber Kultur ist keine oberflächliche Frage von Benehmen. Im Nahen Osten ist die Ehre ein Teil der Identität. Beschwichtigungen und Konzessionen sind ein Zeichen der Schwäche. Wenn es von den eigenen Anführern praktiziert wird, kommt es zu protestierenden Ausschreitungen, beim Feind sorgt es für weitere Angriffe. Benjamin Netanjahu stoppte die meisten Siedlungsaktivitäten für neuen Monate, Barack Obama ging nach Saudi Arabien um gegenseitige Zugeständnisse zu erreichen, die er Kairo verkünden wollte, König Abdullah bekam einen Anfall und die Palästinenser stellten weitere Forderungen. Und die wenigsten fragen sich, ob man sich für die logische Basis der Verhandlungen – Land gegen Frieden – in der kulturellen Realität dieser Ecke der Welt überhaupt etwas kaufen kann. Wenn doch nur Israel etwas vernünftiger wäre…

Wenn wir den Sorgen der Araber (und der muslimischen Jihadisten) um ihre Ehre nachgeben, indem wir alles vermeiden, von dem sie behaupten, es würde sie beleidigen, glauben wir, unser Großmut und unsere Beschränkung würden irgendwann diese Extremisten dazu bringen, etwas vernünftiger zu sein. Stattdessen wird es darin enden, dass wir uns selbst zum Schweigen verdammen und uns damit mitschuldig an ihrem absolut kriegerischen Verhalten gegenüber allen „anderen“ machen, weil wir es honorieren und damit bestätigen. Es wird zu einem Schattenboxen, während wir glauben, wir würden für den Frieden arbeiten, endet es damit, dass wir die giftigste Schwäche der arabischen Welt bestätigen und munitionieren – ihre Unsicherheit, ihr Bestehen auf Alles oder Nichts bei allen Auseinandersetzungen, ihr Hang zur Rache, ihre paranoide Suche nach Sündenböcken, ihren von Scham getriebenen Hass. Und daran ist nichts Großzügiges, Rationales oder Fortschrittliches.

Richard Landes, Professor für Geschichte an der UniversitätBoston, ist Autor des Buches „Heaven on Earth: The Varieties of the Millennial Experimence.“ Er bloggt auf Augean Stables.