Als im Land Israel Speiseeis verboten war

Warum war es den Einwohnern des Mandats Palästina drei ganze Jahre lang verboten Speiseeis zu essen?

Amit Naor, the Librarians, 20. Juli 2021

Yardena Herzberger genießt ein Eis. (Foto: Hanan Herzberger, Bitmuna-Sammlung, Nationalbibliothek Israels)

Im Frühjahr 1942 kündigten die Schlagzeilen in allen englischen, hebräischen und arabischen Tageszeitungen des Mandats Palästina das lokale Verbot von Produktion, Verkauf und Verteilung von Speiseeis ab dem 1. Mai an. Die Einwohner würden nicht länger in der Lage sein ein Hörnchen Eis am Strand oder eine Kugel zu einem Stück warmen Schokoladenkuchen in einem örtlichen Café zu genießen. Kein Schokolade, Vanille oder Pistazie mehr. Ab jetzt gab es nur noch Zitrone, Weintraube und Ananas.

Die Gründe für diese strenge Anordnung hatten mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, der sich zu dieser Zeit auf seinem Höhepunkt befand, wobei die Kämpfe beinahe die Grenzen des Landes Israel erreichten. Deutsche Streitkräfte unter Feldmarschall Erwin Rommel, dem „Wüstenfuchs“, eilten über den Sand Nordafrikas und drohten Ägypten zu besetzen, wo britische Streitkräfte stationiert waren. Im Mandat Palästina waren Vorbereitungen für eine mögliche Invasion der Nazis im Gang. Im Fall einer solchen Katastrophe plante die jüdische Gemeinschaft sogar eine letzte Verteidigung am Berg Karmel.

Aber was hat das alles mit einem gefrorenen Dessert zu tun? Hatten die Juden nicht schon genug gelitten? Warum verhinderte eine Bedrohung durch Nazis, dass die Menschen im Land Israel einen Bissen Speiseeis genießen? Die Antwort liegt in der globalen Knappheit von Rohstoffen. Fakt ist: Hinter dem Verbot steckte die Versorgungsbehörde des britischen Mandats. Für die großen Mengen an Milch und Zucker, die für die Herstellung von Speiseeis benötigt werden, gab es grundlegendere Verwendung – zumindest in den Augen der Behörden. Das Verbot der Herstellung von Speiseeis sollte bis zum Ende des Krieges bestehen bleiben. Vergessen Sie nicht, dass Mitte 1942 noch niemand wusste, wie lange der Krieg dauern würde.

The Palestine Post, 22. April 1942

Was war mit der Öffentlichkeit? Die nahm das Verbot nicht leicht. Den Bemühungen der Medien zum Trotz die Bürger zu überzeugen, dass nicht milchige Ersatzstoffe genauso gut schmeckten, stimmte nicht jeder zu. Es stimmt, dass auch andere Lebensmittelprodukte rationiert, ihre Produktion eingeschränkt und während der Kriegsjahre überwacht waren, aber das Speiseeisverbot war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Einschränkungen sorgten sogar für Aufregung bei den Auslandskorrespondenten und Journalisten im Land, die ihren Lesern Zuhause darüber berichteten. Einer der Reporter schrieb über das Desaster: „Das ist die schlimmste Widrigkeit, die das Heilige Land noch erfahren musste.“

Eine „Anzeige“ für die Nifla [„Wunderbar“] Eismischung. Der hebräische Text beschreibt das Produkt als „Speiseeis-Pulver“, das in den Geschmacksrichtungen Vanille, Zitrone, Ananas, Mokka, Schokolade und Erdbeere verfügbar war. Poster-Sammlung in der Nationalbibliothek Israels.

Andere verstanden die Notwendigkeit den Gürtel in so schwieriger Zeit enger zu schnallen. Der jiddische Schriftsteller Zusman Segalowitsch veröffentlichte in der Zeitung HaBoker am Morgen, des Inkrafttretens des Verbots, eine Kolumne. Darin schrieb er: „Ab heute ist es verboten Speiseeis zu produzieren und zu essen. Das ist eine Anordnung. Ein Gesetz, das wir befolgen müssen, besonders in einer Zeit, in der in der Welt ein solcher Kampf ausgetragen wird. Das ist keine Katastrophe, man kann eine Zeit lang ohne Speiseeis auskommen. … Ich persönlich bin kein großer Fan, obwohl ich hin und wieder einem süßen Leckerbissen nicht abgeneigt bin. Aber in der Theorie denke ich, dass Speiseeis etwas sehr Notwendiges ist, etwas Gutes und Süßes und Nützliches, auch etwas Internationales, die einzige Internationale [ein Spiel mit Die Internationale, der Hymne der Linken, da das Verbot am 1. Mail in Kraft trat, dem Internationalen Tag der Arbeit], die Süßes und Frieden hat.“ Zusman fuhr mit Erinnerungen zu einem Café fort, das er in Polen kannte, das ausgezeichnetes Speiseeis anbot. Er versuchte seine Kolumne mit einer hoffnungsvollen Anmerkung zu beenden:

Es ist keine Katastrophe, dass Speiseeis vorläufig verboten worden ist. Das ist vorübergehend. Es ist nur wegen des Kriegs und der Krieg wird genau deshalb geführt, damit die Leute in Frieden Eis essen können. Der Krieg wird enden und dann werden die Leute wieder Dinge für sich finden, die angenehm und nützlich sind und ist das nicht die Logik des Lebens? Die Menschen werden den wahren Lebensweg finden müssen, jeder für sich, den Weg zu Schönheit und den Weg zu noch schmackhafterem Speiseeis.

Die Belohnung der Erde ist voller Güte, Früchte, die man gut essen kann und Schönheit, die betrachtet werden kann. Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Bananen, Weintrauben, Mandeln, Aprikosen und Orangen. Immerhin kann aus all diesen Eis gemacht werden. Und Schokolade und Kakao, Milch und Sahne – jede Menge köstlicher Zutaten für Speiseeis. Und die Weisen werden endlich zugeben müssen, dass die guten Dinge in der Welt allen gehören und mit gutem Willen alles ehrlich geteilt werden kann. Alles für alle!

Der Geizhals wird wie ein trockener Halm auf dem von ihm angesammelten Gold verdorren. Aber Bäume werden blühen und grünen, die Erde wird Lebensmittel liefern, die Sonne wärmen. Und die Menschen werden mehr Eis kosten … alles wird wieder gut sein.

Zeitgenössische Karikatur: Eine Familie auf dem Weg zum Café muss den Zucker selbst mitbringen. Ha’aretz, 24. Juli 1942

Die Speiseeis-Knappheit brachte nicht nur philosophische Betrachtungen hervor, sondern auch Praktischeres. Am 30. April 1942, dem letzten Tag, bevor das Eiskremverbot in Kraft trat, waren Cafés und Eisdielen ein sehr beschäftigt. „Ungewöhnlicher Verkehr in Cafés“ berichtete die Zeitung HaMaschkif unter Verweis auf die „Lecker“, die die letzte Chance nutzten sich vom Speiseeis zu verabschieden.

„Letzter Tag zum Essen von Eiskrem“, schrien die Schlagzeilen. Ha’aretz, 30. April 1942

Natürlich erforderte eine solche Maßnahme eine Zeit der Anpassung. Verschiedene Händler versuchten die Herstellung von Speiseeis mit den knappen, ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln fortzusetzen, neben den Fruchtsorbets, deren Herstellung wie üblich weiterging. Andere betrieben offenbar gesetzeswidrige Profitmacherei mit Rohmaterialien, die zur Herstellung von Speiseeis verwendet werden und manche versuchten das vor Gericht durchzusetzen. Zusätzlich zu diesen Verwicklungen kam noch die Tatsache, dass die britische Armee und andere Streitkräfte, die an ihrer Seite kämpften, weiterhin die Versorgung mit allen Sorten an Speiseeis gestatteten.

Palestine Post, 6. Mai 1942

Es lohnt sich festzuhalten, dass das Verbot an sich gerechtfertigt war. Nach Angaben von Berichten sagten die Behörden voraus, dass bereits in der ersten Woche des Verbots 400t Zucker und 600t Milch gespart würden. Die Zuckermenge entsprach in etwa der Menge, die ganz Tel Aviv fünf volle Monate lang geliefert wurde.

Eine Frau leckt 1950 auf der Allenby-Straße an einem Eiskrem-Hörchen (Foto: Boris Carmi, aus der Meitar-Sammlung, Nationalbibliothek Israels)

Schließlich ging, wie jeder weiß, der Zweite Weltkrieg mit einem Sieg der Alliierten über die Nazis und ihre Komplizen zu Ende. Die Endphase des Krieges erlebte die Aufhebung des drakonischen Verbots der Herstellung und des Verkaufs von Speiseeis im Mandat Palästina. Im Gegensatz zu dem, was man hätte erwarten können, wurde der Rückkehr des Speiseeises nicht mit spontanen Tänzen auf der Straße begegnet. Schon im Februar 1945 gaben sich die Zeitungsverlage mit kurzen Berichten aus zwei bis drei Zeilen Text zufrieden, um ihre Leser zu informieren, dass Speiseeis im Land Israel wieder verzehrt werden könne. Ein paar Monate später, als Nazideutschland schließlich besiegt war, beschloss der Stadtrat von Kfar Saba eine gebührende Feier, indem 1.000 kostenlose Eisportionen an die lokalen Schulkinder verteilt wurden. Mit Wiederherstellung des Friedens konnte der Geschmack echten Speiseeises wieder genossen werden.

Nati Gabay an der Vorbereitung des Artikels beteiligt.

Seltene Bilder: Als 1927 das Land Israel erbebte

Diese Fotos dokumentieren das mächtige Erdbeben, das 1927 zu hunderten Toten führte.

Gil Weissblei, the Librarians, 29. Dezember 2019

Am 11. Juli 1927 wurden das Mandat Palästina und Transjordanien von einem starken Erdbeben getroffen. Es war die bedeutendste Naturkatastrophe in der Region im letzten Jahrhundert, zudem ein Meilenstein in der seismologischen Forschung – das erste Erdbeben in der Region, das von wissenschaftlichen Instrumenten dokumentiert wurde.

Hunderte Menschen wurden getötet und weitere hunderte verletzt. Es gab schwere Schäden an Immobilien. Nablus, Ramle und Lod waren stark betroffen. Jerusalem, Jericho, Amman und Al-Salt wurden auch, aber weniger stark in Mitleidenschaft gezogen. Allein in Nablus wurden mehr als hundert Menschen getötet. In Jerusalem wurden die Gebäude der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg stark beschädigt, darunter das Gray Hill House, das vorläufige Heim des Instituts für Judaistik-Studien.

In diesem tödlichen Sommer gab es Vorbereitungen für den Bau der Jüdischen Nationalen und Universitätsbibliothek Israels auf dem Skopusberg. Zur Zeit des Erdbebens befand sich der Vorgänger der heutigen Nationalbibliothek Israels immer noch in seinem alten Gebäude in Beit Ne’eman (am Ende der Habaschim-Straße – heute Bnei Brit-Straße in Jerusalems Viertel Musara). Nach Angaben eines Berichts wurde das Bibliotheksgebäude gar nicht beschädigt und die Bücher darin waren auch unversehrt. Das Leben in der Bibliothek ging wie gewöhnlich weiter. Diese Tatsache wird dadurch bestätigt, dass sich die Mitarbeiter der Bibliothek beeilten, nur wenige Tage nach der furchtbaren Katastrophe eine kleine Ausstellung zum Thema historischer Erdbeben in der Region zu veranstalten.

Natürlich widmete die Tageszeitung Doar HaYom am Tag nach der Katastrophe ihre Seiten vor allem dem Erdbeben.

„Eine große Erschütterung in Eretz Israel – sie begann um sieben Minuten nach drei – die größter Erschütterung in seiner Geschichte – in allen Städten und Dörfern des Landes zu spüren…“ Der Artikel in Doar HaYom am Tag nach dem Erdbeben. (Anklicken für die ganze Ausgabe)

Die Nationalbibliothek präsentiert: Das Erdbeben von 1837

Am 13. Juli wurde in der Zeitung neben einem Beitrag zu den an verschiedenen öffentlichen Gebäuden in Jerusalem verursachten Schäden eine Ankündigung gebracht, dass die Bibliothek eine Ausstellung zur Geschichte von Erdbeben im Land Israel zusammengestellt hatte.

Der Artikel in Doar HaYom wurde am 13. Juli 1927 veröffentlicht (Anklicken für die ganze Zeitung)

Dieser Artikel gibt uns einen seltenen Blick in das, was in der von den Mitarbeitern der Bibliothek zusammengestellten, improvisierten Ausstellung angeboten wird. Die Ausstellung konzentrierte sich mehrheitlich auf das starke Erdbeben, die dem Beben des Jahres vorausgegangen waren – das war das bekannte Erdbeben von 1837, das hauptsächlich die Städte Safed und Tiberias traf.

Was wurde in der Ausstellung 1927 ausgestellt?

Der Artikel in Doar HaYom erklärte, dass die Ausstellung drei Briefe präsentierte, die nach dem Erdbeben von 1837 aus dem Land Israel geschickt wurden. Geschrieben hatten sie Israel Maschkeklow, Aryeh Yerachmiel und Raphael Yitzchak Alfandari.

Es scheint so, dass die Druckversionen der aus dem Land Israel an Mitglieder und Vertreter der jüdischen Gemeinde Amsterdam geschriebenen Briefe die bei der Ausstellung gezeigten waren. Die Originalbriefe machten damals großen Eindruck auf die Juden von Amsterdam und sie eilten, sie in einem kleinen, dreiseitigen Heft zu veröffentlichen. Das Heft wurde in ganz Europa weithin verbreitet und wurde in der jüdischen Welt recht bekannt. In diesen Briefen wird das Erdbeben in aller Ausführlichkeit beschrieben. Auch eine Liste der Dörfer und Städte, die von der Naturkatastrophe betroffen waren, sowie eine Reihe Toter und Verletzter an jedem Ort.

Einer der Überlebenden beschrieb die Katastrophe von 1837 so:

„Am 24. Tevet, während des Nachmittagsgebets, erhob sich ein großes und schreckliches Beben und jeder, der das Land betrachtete, konnte das Schütteln sehen und hier [Jerusalem] wurden auch einige Häuser und Gärten beschädigt und die ganze Stadt hatte Angst, aber zum Glück wurde niemand verletzt. In Nablus fielen Häuser und alle Geschäfte und sechzig Menschen kamen um und keiner von ihnen war vom Volk Israel, Gott sei Dank, aber im Heiligen Galiläa lagen Safed und Tiberias in Ruinen… Alle Häuser stürzten ein und waren zerstört und alle Synagogen, die sephardische Gemeinde, die Gemeinde der Chassidim und unsere Gemeinde der Pharisäer wurden zerstört und kein Haus, keine Straße, kein Marktplatz war noch zu sehen, selbst die Mauern von Tiberias fielen, ein Feuer brach aus und der See Genezareth flutete die Stadt.

Oh, dass mein Kopf voller Wasser und meine Augen ein Brunnen der Tränen wären, dass ich Tag und Nacht wegen der getöteten Tochter meines Volkes weinen möchte, denn wir haben zweihundert Seelen verloren und ich habe die Liste unserer Reste geschickt, die nackt zurückblieben, außer denen, die mit mir nach Jerusalem gingen und die vorher abgereist waren…“

Der Artikel offenbart auch, dass die Ausstellung eine Erstausgabe des Jerusalem-Drucks des Buchs Seder Avodat HaKodesch, gedruckt nachdem der Verlag Israel Back seine Presse in der Folge des Erdbebens von Safed nach Jerusalem verlegte, ausgestellt wurde. Das Buch handelt von kabbalistischen Themen und wurde ursprünglich von Chaim Yosef David Azulai geschrieben. Die Ausgabe von 1841 war von einer ungewöhnlichen Einleitung des Druckers begleitet. Israel Back war einer der Pioniere des Kunstdrucks im Land Israel und er hielt es für angebracht das Buch mit einer langen Entschuldigung zu beginnen. Er erzählte von dem Elend, das er erlitt, das ihn zwang seine Druckerpresse aus der beim Erdbeben zerstörten Stadt Safed nach Jerusalem zu verlegen.

Vorwort des Verlegers, das das Erdbeben im Buch Seder Avodat HaKodesch beschreibt.

Backs „Entschuldigung“ gibt den Lesern des Buchs fast hundertachtzig Jahre nachdem es geschrieben wurde, einen Bericht aus erster Hand über die durch das Erdbeben verursachte Zerstörung.

„… ein großes Beben, das der HERR dem Land und seinem Volk auferlegte… Und die Türpfosten zitterten von seiner der Stimme, die rief und die heiligen Städte Safed und Tiberias wurden zerstört und einundzwanzig Seelen wurde in einem Augenblick niedergestreckt. O wäre mein Kopf voll Wassers und meine Augen ein Tränenbrunnen, damit ich Tag und Nacht für das Haus Israel weinen könnte… Und es geschah nach dieser Trübsal, dass die Kinder Israels an alle Enden des Landes Israel zerstreut waren…“

Der Artikel in Doar HaYom, der auch in einem anderen Buch in der Ausstellung erwähnt wird – Ahavat Tzion von Rabbi Simcha aus Woloschin – fügt der aufgezeichneten Geschichte des Erdbebens in Safed und Tiberias noch etwas hinzu.

Das Buch enthält einen Bericht über das Erdbeben von 1837, der aus Sicht eines Touristen beschreibt:

„Und die Türpfosten erzitterten von der Stimme des Bebens und zweihundert Höfe wurden verwüstet und in jedem Hof mehrere Häuser, von denen einige bis auf die Grundmauern einstürzten… und rund 120 Seelen umkamen. Und vor dem Beben wurde einem Chassiden des Lands Israel gesagt, dass große Probleme nach Safed kommen würden, aber sie wussten nicht, welche das sein könnten. Sie veranstalteten Gebete und Studien, wie es in unserem Land Brauch ist, aber unsere Sünden waren so, dass das Urteil nicht zerrissen wurde. Und einige weise Gelehrte wurden tot mit ihren Gesichtern in ihren Büchern gefunden und der Chassid war einer davon. Und im Morgenlicht fanden sie ein paar lebende Menschen, aber mehrere Tage später kehrte das Beben zurück und weitere zwanzig wurden getötet.“

Leider haben wir keine Dokumentation der Reaktion der Öffentlichkeit auf die Ausstellung der Bibliothek. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sie großes Interesse weckte und es scheint so, dass ihr Erfolg das Management der Bibliothek ermutigte Dokumente des aktuelleren Erdbebens von 1927 zu sammeln.

Am 5. März 1929, rund eineinhalb Jahre nach dem großen Erdbeben vom Juli 1927, erschien in Doar HaYom die folgende Ankündigung:

Die im März 1929 in Doar HaYom veröffentlichte Ankündigung. (Klicken für die ganze Ausgabe)

„Die Nationale und Universitätsbibliothek stellt eine Sammlung wertvoller Fotografien vom Erdbeben 1927 zusammen. Jeder, der historisches Material hat, wird aufgefordert dieses der Bibliothek als Geschenk oder zur Kopie vorzulegen. Es wird empfohlen an alle Fotografien den Namen des Fotografen, den Namen des Ortes, an dem die Fotografie gemacht wurde (Stadt, Dorf, Straße, Gebäude) und das genaue Datum, an dem die Fotografie aufgenommen wurde anzuheften.“

Dieser öffentliche Aufruf war erfolgreich und die Bibliothek erhielt einen Zustrom an sehr interessanten Fotografien, was eine einzigartige Aufzeichnung des vom Erdbeben im Juli 1927 verursachten Schadens schuf.

Was wurde in diesen seltenen Bildern eingefangen?

Die faszinierendste Gruppe Fotografien besteht aus 32 Silberabzügen verschiedener Größe, die offenbar mit derselben 6x9cm-Kamera aufgenommen wurden. Diese Fotos wurden von Mitgliedern der „Delegation“ aufgenommen, die in einigen der Bilder zu sehen sind. Sie fingen die Schäden im gesamten Land Israel ein, ebenso in Transjordanien. Mitglieder dieser Gruppe (Herr Reiser, Herr Neumann und drei Mitglieder der Familie Badian) reisten in ihren Autos und dokumentierten die von dem Erdbeben verursachten Schäden. Die Bildbeschreibungen wurden in Hebräisch und Englisch verfasst.

Die Fotografien wurden 1929 der Nationalbibliothek gespendet. Wer waren die fünf Reisenden, die beschlossen im Auto während des großen Erdbebens durch das Land und seine Umgebung zu fahren? Leider ist über die Namen hinaus keine weitere Dokumentation aufgetaucht, die eine Antwort auf diese interessante Frage gibt.

Erdbebenschaden in Nablus
Erdbebenschaden in Lod
Ein Bild der Fotografen, die nach dem Erdbeben durch das Land tourten
Erdbebenschaden im Dorf Reineh in Nordisrael
Erdbebenschaden im Dorf Reineh in Nordisrael
Eine Straße in Tiberias, die von dem Erdbeben beschädigt wurde.

Ein weiterer Satz Fotografien enthält 18 Silberabzüge verschiedener Größen, darunter Fotografien aus den Städten Jerusalem und Nablus. Die Rückseiten einiger der Fotos sind mit einem Stempel der deutschen Internationale Foto-Agentur sowie maschinenschriftlichen Anmerkungen auf Deutsch markiert. Offenbar wurden diese Fotografien von verschiedenen Fotografen aufgenommen und über dieselbe Nachrichtenagentur an die europäische Presse geschickt.

Drei Schwarzweiß-Fotografien aus der Stadt Nablus wurden von einem ergreifenden Brief von Yeschayahu Blechman begleitet, einem treuen Leser von Doar HaYom:

„… Ich sende Ihnen drei Fotografien, die ein paar Stunden nach dem Beben in Nablus aufgenommen wurden. Die Fotografien wurden vom Manager der Spinney‘s Ltd.-Filiale in Nablus aufgenommen. Das Bild der britischen Polizei im Auto scheint mir mehrere Tage nach dem Erdbeben aufgenommen worden zu sein und in dem Auto können wir Brot sehen, das aus Tel Aviv geschickt wurde…“

Spinney’s war eine Supermarktkette, die Filialen im gesamten Nahen Osten betrieb. Die Kette bot zumeist Produkte aus den britischen Kolonien an. Daher ist die Schlussfolgerung möglich, dass die Ladung Brot, die in Nablus ankam (auf einem offenen LKW ohne jegliche Abdeckung) von einem Repräsentanten der Firma aufgenommen wurde, der die Lieferung aus der Spinney’s-Filiale in Tel Aviv anordnete.

Eine weitere Foto-Sammlung wurde der Bibliothek von einem der Fotografen der American Colony gespendet. Die Fotografen der Colony (hauptsächlich Eric Matson) dokumentierten das Erdbeben in verschiedenen Orten im ganzen Land, darunter Jerusalem. Die komplette Sammlung der American Colony wird in der Library of Congress aufbewahrt, einschließlich Fotografen dieses Ereignisses.

Ums Überleben gespielt

Kay Wilson, Israellycool, 6. April 2021

Viele Juden Europas haben sich für die Geige als ihr Instrument entschieden. Die Wahl wurzelt in Zweckmäßigkeit. Einem Pogrom mit so etwas wie einem Klavier zu entkommen war viel umständlicher als sich einfach eine Geige zu greifen.

Im Alter von vier Jahren bekam Bronisław Huberman von seinen verarmten Eltern dieses jüdischste aller Instrumente geschenkt. 1901, als er 9 war, spielte er das Violionkonzert in D-Dur (Opus 77) vor dessen Komponisten Johannes Brahms. Sein Werk, das man für unspielbar hielt, hielt das Wunderkind nicht ab. Seine Darbietung war fehlerlos. So begann der Junge aus einer armen Familie seine Karriere und wurde wohl zu einem der größten Violinisten des 20. Jahrhunderts.

Huberman verbrachte die nächsten drei Jahrzehnte damit überall auf der Welt mit renommierten europäischen Musikern zu spielen, was ihn zu einer großen Berühmtheit machte, die dem öffentlichen Interesse von Harry und Meghan heute entspricht. An seinem 50. Geburtstag berichtete die von Stars faszinierte britische Zeitung The Times, die nach einem Knüller suchte, er habe sich versehentlich einen Kratzer an der Hand zugezogen.

Als die dunklen Wolken des Nationalsozialismus in Deutschland aufzogen, begriff Huberman anders als einige andere europäisch-jüdische Intellektuelle, die hofften, Hitler sei nur eine vorübergehende Marotte, dass die aus der Aufklärung geborene jüdische Emanzipation ihr Ende erreicht hatte. In Protest gegen Hitler lehnte er alle Einladungen in Deutschland zu spielen ab und zog stattdessen in die Schweiz. Als Hitler jüdische Musiker aus allen deutschen Orchestern entfernte, nahm Huberman sich vor zu kämpfen: Seine Waffe war die Geige.

Trotz des horrenden Antisemitismus und der Verfolgung schlugen Länder ihre Grenzen für Juden zu. Huberman wusste, dass er etwas tun musste. Er heckte einen Plan aus jüdische Musiker zu retten, mit denen er im Lauf der Jahre gespielt hatte; seine Hoffnung war, dass er sie nach Eretz Yisrael schaffen konnte. Da das Land unter britischer Herrschaft stand, war sein Plan brillant: Er würde das jüdische „Palestine Symphony Orchestra“ formen.

Er reiste durch Europa, um jüdische Musiker vorspielen zu lassen. Da es in jedem Orchester nur begrenzt Plätze gibt, wusste er genau, welches Schicksal die erwartete, die es nicht schafften. Es war mehr als ein Vorspielen. Es war eine unvorstellbare, ungewollte und erschütternde „Selektion“, bei der ein Musiker, der es nicht schaffte, herzerweichend kommentierte, er sei „wegen musikalischer Mittelmäßigkeit zum Tod verurteilt“ worden.

Ohne Geldmittel von außen finanzierte Huberman persönlich die Reise von mehr als 70 Musikern, ihren Eltern, Brüdern und Schwestern, Tanten und Onkeln. Damit rettete er mehr als 800 Juden vor der Hölle, die über Europa hereinbrach.

Yair Haklai, CC BY SA-.0, via Wikimedia Commons

Um den Debut-Auftritt in Eretz Yisrael zu dirigieren brachte er den berühmten italienischen Dirigenten Arturo Toscanini ins Land. Toscanini hatte bereits Mussolini die Stirn geboten, indem er es ablehnte die faschistische italienische Hymne zu spielen und verließ ein Konzert in Deutschland am Tag, an dem Hitler an die Macht kam. Er lehnte auch Bezahlung durch Huberman ab.

Am 26. Dezember 1936 kamen Juden aus dem gesamten Land, um das Palestine Symphony Orchestra im neuen Messezentrum von Tel Aviv spielen zu hören. Die Debut-Vorstellung war aus Europas besten Musikern zusammengestellt. Die Hunderte, die nicht zu den Glücklichen 3.000 mit Eintrittskarten gehörten, hörten dem Konzert einfach auf dem Dach zu. Nach der Gründung des Staates Israel und hunderte Konzerte später änderte das Palestine Symphony Orchestra seinen Namen in die geliebte Institution, als die es heute bekannt ist – das Israeli Philharmonic Orchestra.

Pinhas Rutenberg: Lasst Licht sein

Kay Wilson, Israellycool, 19. April 2021

Foto: Israel Electric Coroporation (חברת החשמל לישראל) via Wikimedia Commons

Pinhas Rutenberg wurde 1879 in Romney geboren, einer russischen Stadt wohlhabender Bauern, auf der das einzigartige Kibbuz-Experiment beruhen sollte. Als Kind erhielt er eine traditionelle religiöse Bildung und ging dann auf die säkulare hebräische Oberschule. Rutenberg zeichnete sich aus. Er wurde dann in ein Ingenieurprogramm an einer erstklassigen und berühmten Fachhochschule aufgenommen.

Als junger Student war er Zeuge des Leides der Juden unter Zar Alexander III., der ein Regime nationalistischer und religiöser Unterdrückung einführte. Als jemand, der nicht den Mund hält, spielte Rutenberg eine aktive Rolle bei zwei russischen Revolutionen. Mit immer noch stürmischen gesellschaftlichen Gewässern und weil sein Leben in Gefahr war, beschloss er aus Russland nach Italien zu fliehen und vom politischen Aktivismus eine Pause zu nehmen. Er wollte in seinen Beruf zurückkehren und das Wasseringenieurwesen voranbringen. Er war allerdings besorgt wegen der bedrängten Lage der Juden. Wie Theodor Herzl glaubte auch er, dass die einzige Lösung gegen Antisemitismus die Gründung einer nationalen Heimstatt für sein Volk sei.

Sein größter Traum war es eine jüdische Armee in Eretz Yisrael zu schaffen. Ohne Waffen würden die Juden nie überleben. Er traf sich mit Politikern und Zionistenführern überall auf der Welt, um um Unterstützung zu werben. Ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste er nach Amerika, um Gelder zu sammeln.

Fehlende Selbstverteidigung war nicht das einzige Problem in der jüdischen Heimat. Das Land hatte keine Elektrizität. Das schränkte die jüdische Selbstbestimmung ein und machte die Juden zur schwächsten Partei in der Bilanz politischer Macht. Rutenberg begriff, dass er der britischen Obrigkeit die Idee der Elektrizität verkaufen musste.

Kurz nach seiner  Ankunft brachen arabische Pogrome aus, was Rutenberg veranlasste an seinem ersten Auftrag zu arbeiten, der Gründung der Haganah. Monate später  kommandierte er erfolgreich Truppen in Tel Aviv und unterdrückte arabische Krawalle. Als die Pogrome vorbei waren, wandte er sich der Stromversorgung zu. Er wusste, dass Elektrizität die Lebensqualität aller steigern würde. Strom sind Personen egal. Strom war für alle, für Juden, Araber wie für Briten. Seine Theorie lautete: Wenn Menschen glücklich sind, gibt es weniger Ärger.

Mit Genehmigung der Briten und 3.000 Arbeitern zu seiner Verfügung zügelte Rutenberg die Flüsse Jordan und Yarmuk. Bei dieser Knochenarbeit sorgte er dafür, dass die Arbeiter optimale Bedingungen hatten, die ihre Sicherheit und anständige Lebensqualität sicherstellten. Sie bauten zudem eine Reihe großer Staudämme, die natürliche Seen schufen. Am Ausfluss eines der Seen stürzte das Wasser kolossale 27 Meter durch 3 riesige Röhren auf rotierende Turbinen.

Und dann war Licht!

Obwohl er in Tel Aviv, Haifa und Tiberias weitere Kraftwerke baute, mussten die Briten ihre geopolitischen Interessen bei den Arabern schützen, indem sie Jerusalem verweigerten Teil des Deals zu sein. Aber 1942, mitten im Krieg, hatte ihre eigene British-Jerusalem Electric Corporation es nicht geschafft die Nachfrage der Stadt zu beliefern. Daher änderten die Briten aus der Not heraus widerwillig ihre Meinung. Wie Welpen mit der Rute zwischen den Beinen kamen sie zu Rutenberg und flehten ihn an Jerusalem mit Strom zu versorgen. Nicht lange nachdem die Briten ihn anbettelten, verstarb unser Held in Jerusalem, der ewigen elektrifizierten Hauptstadt des jüdischen Volks.

Israels Anspruch an den „besetzten Gebieten“ gemäß dem Völkerrecht

Ein Schnellkurs für die Administration Biden

Hugh Fitzgerald, Jihad Watch, 8. April 2021

Die Administration Biden scheint zu glauben, dass der Weg Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu bringen darin besteht, die Israelis auf das zurückzudrängen, was sie als die „Linien von 1967“ beschreibt, was ein wenig akzeptabler ist als „die Waffenstillstandslinien von 1949“ zu sagen. Diese Linien waren keine anerkannten Grenzen; sie spiegelten schlicht die Stellen, an denen die jeweiligen Armeen Israels und seiner arabischen Feinde standen, als 1949 das Feuer eingestellt wurde.

Lassen Sie uns der fehlinformierten Administration Biden den nötigen Schnellkurs geben, den sie so eindeutig braucht, wenn es um Israels Anspruch an der Westbank, die so falsch als „besetztes Gebiet“ bezeichnet wird, und zu den Palästinensern und einer „Zweistaatenlösung“ gemäß dem Völkerrecht geht.

Es gibt zwei Quellen für Israels Anspruch auf die Westbank. Der erste und wichtigste ist das Mandat Palästina, das vom Völkerbund 1922 einzig dafür eingesetzt wurde, die jüdische nationale Heimstatt zu schaffen, aus dem mit der Zeit, wohlwollend aufgezogen vom Mandatshalter Großbritannien, der jüdische Staate werden sollte. Für die Araber war vom Völkerbund ebenfalls gut gesorgt worden. Ihnen wurden mehrere Mandate gegeben – Irak, Syrien und der Libanon. Darüber hinaus wurde ganz Palästina östlich des Jordan bis „hinaus in die Wüste“, das ursprünglich in das Mandat Palästina eingeschlossen war, von den Briten für jüdische Immigration gesperrt und als Emirat Transjordanien dem Haschemitenemir Abdallah zur Regierung übergeben. Und wie wir wissen, haben die Araber heute 22 unabhängige Staaten, weit mehr als jedes andere Volk, während die Juden exakt einen haben, einen winzigen Streifen, so klein, dass er auf einer Weltkarte kaum zu erkennen ist.

Das Mandat Palästina – siehe die Präambel und die Artikel 4 und 6 – sollte „die nationale Heimstatt für das jüdische Volk“ schaffen, indem „jüdische Immigration“ und „dichte Besiedlung des Landes durch Juden“ gefördert werden. Was war sein einziger Zweck: nicht „zwei Staaten“, sondern einer. Die Araber waren bereits gut versorgt durch die Mandate und sollten sogar außerhalb des Mandatssystems noch mehr bekommen. Gegenwärtig haben die Araber 22 unabhängige Staaten, weit mehr als jedes andere Volk, während die Juden exakt einen haben, einen winzigen Streifen, so klein, dass er auf einer Weltkarte kaum zu erkennen ist.

Das Mandatssystem des Völkerbundes hat nie „offenkundig das Völkerrecht verletzt“. Es wurde integraler Bestandteil des Völkerrechts. Auch verlor es seine Bedeutung nicht, als der Völkerbund sich auflöste, um von den Vereinten Nationen ersetzt zu werden. Artikel 80 der UNO-Charta – man kennt ihn als „den Artikel des jüdischen Volks“ – verpflichtete die UNO jedes Mandat, das es noch gab, erfolgreich zu Ende zu bringen.

Das Mandat für Palästina ist das unerlässliche Dokument, um die Geschichte des modernen Israel zu verstehen, dennoch wird es viel zu selten diskutiert, selbst von den vielen, die Israel Gutes wünschen, weil sie seine Bedeutung vielleicht nicht begreifen. Joe Biden, Tony Blinken, Jake Sullivan et. al. müssen es auf sich nehmen dieses Dokument zu studieren. Und dann sollten sie einen Blick auf die Mandats-Landkarten werfen, die das Territorium klar zeigen, das zu diesem Mandat gehört. Das Mandat Palästina erstreckte sich von den Golanhöhen im Norden bis zum Roten Meer im Süden und vom Jordan im Osten bis zu Mittelmeer im Westen. Das war das Territorium, das der jüdischen nationalen Heimstatt zugewiesen wurde. Als Jordanien im Unabhängigkeitskrieg fast ganz Judäa und Samaria einnahm und 1950 in „Westbank“ umbenannte, löschte das Israels Anspruch auf dieses Land nicht aus. Von 1949 bis 1967 hielt Jordanien die „Westbank“ militärisch besetzt. Als Israel das Gebiet nach dem Sechstage-Krieg in Besitz nahm, schuf das nicht seinen Anspruch, sondern erlaubte ihm gemäß diesem Anspruch zu handeln. Israel übernahm die Kontrolle und begann Siedlungen zu bauen, wie es die Bestimmungen des Mandats ausdrücklich vorsahen. Heute schlägt Israel vor, nicht die ganze Westbank zu annektieren – wozu gemäß dem Mandat das Recht hat – sondern nur 30% davon, darunter das Jordantal, das für die Verteidigung des Landes entscheidend ist, sowie die Städte und kleinen Orte („Siedlungen“ genannt, was Vergänglichkeit suggeriert), in denen heute eine halbe Million israelischer Juden leben. Es gibt Argumente für und gegen eine solche Annexion; die Weisheit oder Torheit davon mag legitim diskutiert werden, aber nicht legitim ist es eine solche Erweiterung israelischer Souveränität über Territorium, das ihm vom Völkerbund zugewiesen wurde, als „Verletzung des Völkerrechts“ zu beschreiben. Es wäre gut, wenn Joe Biden – und viele andere in seiner Administration – das begreifen würden.

Es gibt einen zweiten, unabhängigen Anspruch, den Israel auf die „Westbank“ und die Golanhöhen hat. Das ist UNO-Resolution 242, die von der Vollversammlung am 22. November 1967 einstimmig verabschiedet wurde. Sie sollte die Disposition der Gebiete behandeln, die Israel im Sechstage-Krieg gewann.

Der Hauptverfasser der Resolution 242 war Lord Caradon (Hugh M. Foot), von 1964 bis 1970 der permanente Repräsentant des Vereinten Königreichs bei den Vereinten Nationen. Zur Zeit der Diskussion der Resolution und der folgenden einstimmigen Annahme und bei vielen Gelegenheiten danach bestand Lord Caradon immer darauf, dass die Formulierung „aus Gebieten“ sehr bewusst nicht „aus allen Gebieten“ bedeutete, sondern nur aus einem Teil der Gebiete.

Seine Diskussion der Resolution 242 folgt:

Es wurde viel Wind wegen der Tatsache gemacht, dass wir nicht „die“ Gebiete oder „alle“ Gebiete sagten. Aber das war Absicht. Ich selbst kann die Grenzen von 1967 sehr wohl und wenn wir „die“ oder „alle“ geschrieben hätten, hätte das nur bedeuten können, dass wir den Wunsch hatten die Grenzen von 1967 in Form einer permanenten Grenze zu verewigen. Das zu empfehlen war ich natürlich nicht bereit.

Zu einer anderen Gelegenheit bestand er gegenüber einem Interviewer des Journal of Palestine Studies (Frühling/Sommer 1976) darauf, dass die Formulierung gewollt war. Lord Caradon wurde gefragt:

Die Grundlage für jede Regelung wird Resolution 242 des UNO-Sicherheitsrats sein, zu deren Architekten Sie gehörten. Würden Sie sagen, dass es einen Widerspruch zwischen dem Teil der Resolution gibt, der die Unzulässigkeit des Erwerbs von Territorium durch Krieg gibt und dem, was Israels Rückzug aus „besetzten Gebieten“ fordert, aber nicht aus „den besetzten Gebieten“?

Notabene: „aus Gebieten, die besetzt wurden“ ist nicht dasselbe wie „aus besetzten Gebieten“ – das erste ist eine neutrale, das zweite eine aufgeladene Beschreibung. Und Resolution 242 erwähnt nur „im jüngsten Konflikt besetzte Gebiete“.

Lord Caradon antwortete:

Ich verteidige die Resolution in ihrer jetzigen Form. Was sie erklärt, ist, wie Sie wissen, das allgemeine Prinzip der Unzulässigkeit der Übernahme von Land durch Krieg. Das bedeutet, dass Sie es nicht rechtfertigen können an Territorium nur deshalb festzuhalten, weil Sie es erobert haben. Wir hätten sagen können: Nun, geht zur Linie von 1967 zurück. Aber ich kenne die Linie von 1967 und das ist eine scheußliche Linie. Man könnte keine schlimmere Linie für eine permanente internationale Grenze haben. Es handelt sich um die, wo die Truppen 1948 in einer Nacht zufälligerweise standen. Sie hat keine Beziehung zu den Bedürfnissen der Situation.

Hätten wir gesagt: Ihr müsst auf die Linie von 1967 zurück, was das Ergebnis gewesen wäre, hätten wir den Abzug aus allen besetzten Gebieten festgelegt, dann hätten wir uns geirrt.

Beachten Sie auch, dass Lord Caradon sagt: „Man kann nicht rechtfertigen an Territorium festzuhalten, nur weil man es erobert hat“, wobei dieses „nur“ Jordanien galt, aber nicht Israel, denn die Vorkehrungen des Mandats wiesen das als „Westbank“ bekannte Gebiet ausdrücklich dem jüdischen Staat zu. Beachten Sie auch die Bestimmtheit dieser Ablehnung der Linien von 1967 als nichts weiter als das, „wo die Truppen in einer Nacht im Jahr 1948 zufälligerweise standen“, heißt: nichts anderes als Waffenstillstandslinien und keine international anerkannten Grenzen.

Es könnte nichts deutlicher sein als Caradon: Israel hat ein Recht an den Gebieten festzuhalten, die es benötigt, wenn es, wie die Schlüsselformulierung in Resolution 242 es ausdrückt, „sichere [d.h. zu verteidigende] und anerkannte Grenzen“ haben soll. Das würde zumindest die Annexion sowohl der Golanhöhen als auch des Jordantals erfordern. Das ist nicht nur die Meinung des israelischen Militärs, sondern auch das der amerikanischen Offiziere, die 1967 auf Anweisung von Präsident Johnson zum Generalstabschef Israels geschickt wurden, um sich anzusehen, welche Gebiete Israel behalten müsste. Ihr Bericht machte deutlich, dass die Golanhöhen bei Israel verbleiben müssten, um syrische Streitkräfte davon abzuhalten diese drohende Höhenlage einmal mehr dazu zu nutzen auf jüdische Bauern weiter unten zu schießen und dass das Jordantal in israelischer Hand bleiben muss, um potenzielle Invasoren aus dem Osten zu verhindern oder zu bremsen, die ansonsten gepanzerte Kolonnen schicken, die in der Lage wären Israel an seiner 16km schmalen Taille von vor 1967 zu zerschneiden.

Die Administration Biden sollte aufhören von der Verwendung der „Linien von 1967“ (eine irreführende Art die „Waffenstillstandslinien von 1949“ zu erwähnen) als plausible Leitlinie für Verhandlungen zu reden und stattdessen das Mandat für Palästina und die UNO-Resolution 242 als wesentliche Grundlage für direkte Verhandlungen zu diskutieren – kein hoffnungslos gegen Israel voreingenommenes Wichtigtuer-„Quartett“, sollte an Diskussionen zwischen Israel und den palästinensischen Arabern beteiligt sein. Wenn die palästinensischen Arber diese Vereinbarung nicht mögen, ist das ihr Pech. Israel ist bereit über die Aufgabe von Teilen der „Westbank“ zu reden, auf die es gemäß des Mandats Palästina vollen Anspruch hat, denn ein zukünftiger Palästinenserstaat wird ziemlich so wie der aussehen, den Jared Kushner und andere für den „Peace-to-Prosperity“-Plan der Administration Trump ausgearbeitet hat. Das ist ein großzügiger Deal für die Palästinenser. Israel wird 70% der Westbank sowie zwei große Streifen Territorium im Negev aufgeben. Und das ist nicht alles, was die Palästinenser bekommen. Nach dem Trump-Plan würden den Palästinensern $50 Milliarden Hilfe gegeben. Das wäre das größte Hilfspaket für ein einzelnes Land in der Geschichte. Im Gegensatz dazu war das größte Hilfspaket davor der Marschall-Plan, der $60 Milliarden wert war, aber von 16 Ländern geteilt werden musste. Vielleicht könnte etwas wie dieses Hilfspaket von den Biden-Leuten wiederbelebt werden, sobald sie Israels unantastbare Rechte die ganze Westbank zu behalten anerkennen, wenn es das denn will, und damit das Opfer stärker würdigen, das der jüdische Staat damit bringt, 70% des Territoriums an die Palästinenser abzugehen.

Einflussnahme und Proteste gegen den Biden-Plan sind zu unterstützen. Was aber am meisten gebraucht wird, ist die Bildung Bidens und seines außenpolitischen Teams was das Mandat Palästina und die UNO-Resolution 242 angeht. Sie haben eine ganze Menge zu lernen. Und geläutert von diesem Wissen sollten sie dann nicht mehr bereit sein die Palästinenser-Agenda zu unterstützen, die sie im Moment – völlig inakzeptabel – akzeptiert zu haben scheinen.

„Das Historische Palästina“ – ein irreführender Anachronismus

Aslo Aizenberg, HonestReporting, 29. März 2021

Das „historische Palästina“ ist ein landläufig verwendter Begriff, wenn der arabisch-israelische Konflikt diskutiert wird. Die Wendung suggeriert, dass in der Vergangenheit eine als Palästina bekannte Nation existierte, wobei das Wort „historisch“ den Eindruck vermittelt, dass diese Nation in der Region tief verwurzelt ist und damit einen natürlichen Anspruch hat in Form eines modernen Staats namens Palästina wiederbelebt zu werden. Indem auf das Land so ohne Erwähnung jüdischer Geschichte verwiesen wird, wird auch subtil angedeutet, dass jüdische Präsenz in der Region fremd ist.

Dieser Artikel diskutiert die Herkunft und Evolution der Verwendung von „Palästina“ als Ortsname und dass aktuelle Vorstellungen des „historischen Palästina“ allesamt auf einem falschen Verständnis der geografischen und politischen Historie der Region beruhen.

Das historische Palästina im heutigen Gebrauch bezieht sich auf das Territorium, das jetzt Israel, die Westbank und den Gazastreifen umfasst. Hier sind mehrere markante Beispiele der Verwendung des Begriffs.

  • Saeb Erekat, Chefunterhändler der palästinensischen Autonomiebehörde, erkärte in einem im Mai 2019 in der New York Times veröffentlichten Kommentarartikel, die Palästinenser würden Israel in den „Grenzen von 1967, gleichbedeutend mit 78 Prozent des historischen Palästina“ anerkennen.[i] Auf welches „historische Palästina“ bezog sich Erekat und umfasst Israel wirklich 78% dieses „historischen“ Territoriums?
  • Die Columbia Journalism Review veröffentlichte im Januar 2019 einen Artikel mit der Überschrift „Palstinensische Bürger Israels kämpfen darum ihre Geschichte zu erzählen“, in der der Autor behauptete: „Das historische Palästina unter osmanischer und britischer Kontrolle hatte eine blühende arabische Presse.“[ii] War Palästina jemals ein Territorium unter osmansicher Kontrolle?
  • Ein Artikel im The Washington Report vom Juni 2019 zu Nahost-Angelegenheiten über Trumps „Deal des Jahrhunderts“ für den Frieden im Nahen Osten erklärt, dass der Deal dem „neue Palästina“ die Verantwortung „über 12 Prozent des historischen Palästina“ überlassen könnte.[iii] Welches Gebiet des Landes wurde verwendet, um bei dieser Zahl anzugelangen?
  • Präsident Abbas stellte im November 2012 in seiner Rede vor den Vereinten Nationen Folgendes fest: „Die Zweistaatenlösung, d.h. der an der Seite des Staates Israel koexistierende Staat Palästina, repräsentiert den Geist und das Wesen des historischen Kompromisses, der in der Prinzipienerklärung von Oslo verkörpert wird, der vor 19 Jahren zwischen der Palästinenesischen Befreiungsorganisation (PLO) und der Regierung Israels unter der Schirmherrschaft der USA auf dem Rasen des Weißen Hauses unterschriebenen Vereinbarung, ein Kompromiss, bei dem das palästinensische Volk um des Friedensschlusses willen akzeptierte seinen Staat auf nur 22% des Territoriums des historischen Palästina zu gründen.“[iv] Ist diese Zahl von 22% akkurat?

Geografische Geschichte des Heiligen Landes

Palästina, oder offiziell „Provinica Syria Palaestina“, war ein von den Römern 135 n.Chr. erfundener Name als Ersatz für „Judäa“, im Versuch, nach der Niederlage Bar Kohbas bei der jüdischen Rebellion gegen das römische Reich alle Bezeichnungen des Judentums in der Region zu verdrängen. Ebenso wurde Jerusalem offiziell in Aelia Capitolina umbenannt. Im vierten Jahrhundert wurde die Provinz in drei kleinere Einheiten aufgeteilt: Palaestina Prima, Palaestina Secunda und Palaestina Tertia (s. Karte A). Beachten Sie, dass die neuen Provinzen horizontal organisiert waren und Gebiete auf beiden Seiten des Jordan umfassten.

Karte A. Das römische Palästina

Im frühen siebten Jahrhundert kam in Arabien der Islam auf und muslimische Armeen begannen große Teile des Nahen Ostens zu erobern, darunter im Jahr 640 n.Chr. die drei „Palaestinas“. Die muslimischen Eroberer behielten die römisch-byzantinische Teilung der Region weitgehend bei: Paleastina Prima wurde in „Jund Filastin“ (Militärdistrikt Filastin) umbenannt und Palaestina Secunda wurde nach dem Jordan in „Jund Al-Urdunn“ umbenannt. Palaestina Tertia hörte auf ein eigener Distrikt zu sein und wurde Teil des Wüstenterritoriums im Süden. Jund Filastin und Jund Al-Urdunn umfassten zwei von fünf Provinzen (dazu gab es Jund Dimaschk, Jund Hims und Jund Kinnasrin), die eine größere geografische Region bildeten, die auf Arabisch als „Esch-Scham“ oder „Bilad al-Scham“ bekannt war. Bilad al-Scham bedeutete „Land der linken Hand“, im Gegensatz zu „Bilad al-Yaman“, was „Land der rechten Hand“ bedeutete. Wenn man in Mekka oder Medina stand und nach Osten schaute, lag Bilad al-Scham zur Linken oder im Norden, während Bilad al-Yaman rechts oder im Süden lag. „Esch-Scham“ bezog sich auch auf die Stadt Damaskus und seine weitere Bedeutung war, dass die gesamte Region von Damaskus aus regiert wurde. Esch-Scham wurde später mit „Syrien“ und dem Konzept von „Großsyrien“ assoziiert, was weiter unten diskutiert wird.

Esch-Scham und die Jud-Distrikte bleiben bis zur Eroberung durch die christlichen Kreuzritter 1099 in Kraft. Das neu geformte Lateinische Königreich Jerusalem begann als kleines Territorium, weitete sich dann allmählich aus, um ein Gebiet zu umfassen, das sich in seiner größten Ausdehnung von einem Punkt nördlich von Beirut bis zur Wüste Sinai und auf beiden Seiten des Jordan erstreckte, wie Karte B zeigt. Die christlichen Herrscher nannten keine Provinz oder Bezirk Palästina. Im Verlauf der nächsten zwei Jahrhunderte führte eine Serie von miltärischen Aktionen mit einem Hin und Her zwischen Muslimen und Christen zu fließenden Grenzen, aber am Ende des dreizehnten Jahrhunderts wurden die Kreuzritter von den Mameluken komplett vertrieben. Die Kreuzritter-Periode und die Gründung des Lateinischen Königreichs Jerusalem flößten innerhalb der christlichen Welt ein Bewusstsein des heiligen Landes als einer geografischen Einheit ein und verstärkten religiöse Zuordnungen mit der Region, die bis ins 19. und 20. Jahrhundert weitergetragen wurden.


Karte B: das Lateinische Königreich Jerusalem

Die Mameluken blieben die nächsten Jahrhunderte in Kontorolle und führten neue geografische Einteilungen ein; sie benannten Provinzen entsprechend ihrer Hauptstädte. Die meiste Zeit dieser Periode war das Land beiderseits des Jordan in sechs Distrikte eingeteilt, deren Hauptstädte in Gaza, Hebron, Jerusalem, Ludd, Nablus und Qaqun (eine Stadt nördlich von Jaffa) waren. Wie bei früheren muslimischen Reichen wurden diese Distrikte als Teil eines größeren Territoriums Esch-Scham/Bilad al-Scham betrachtet, deren Zentrum Damaskus war. Die Mameluken nannten keinerlei Territorium Palästina/Filastin, das inzwischen wenig andere Bedeutung hatte als der frührere Name einer Provinz des lange untergegangenen christlichen, römisch-byzantinischen Imperiums zu sein.

1516 wurden die Mamluken von einem weiteren muslimischen Imperium abgelöst, dem der osmanischen Türken, die aus Kleinasien kamen. Die Türken führten neue gegrafische Bezeichnungen für ihre Eroberungen ein; sie teilten das Territorium in Verwaltungsprovinzen ein, die als Eyalets bekannt waren. Anfangs wurde der größte Teil des Territoriums, das heute Syrien, den Libanon, Jordanien, Israel, die Westbank und den Gazastreifen ausmacht (die als die „modernen Staaten“ bezeichnet werden können) in das einzelne Eyalet Sam eingegliedert, das allgemein der armen Region entsprach, die man als „Esch-Scham“ kannte. Einmal mehr war es so, dass die Osmanen keinerlei Territorium als Palästina/Filastin bezeichneten, obwohl die Osmanen natürlich die Geschichte der Region und ihre alten Namen kannten. Palästina war zudem für Juden ein irrelevanter Name geworden, sie zogen “Eretz Israel” (Land of Israel) vor; gleiches gilt für die Araber und Muslime, die weiterhin von Esch-Scham sprachen. Selbst bei Christen war Palsätina ein verlorener Name für den Großteil des osmanischen Gebiets, da sie es vorzogen die Region das „Heilige Land“ oder „Judäa“ zu nennen.

Die Verwaltungsgrenzen und Namen der Eyalets veränderten sich im Verlauf der Jahrhunderte mehrmals und im frühen 19. Jahrhundert wurde das Eyalet Sam in drei neue Eyalets aufgeteilt: Aleppo, Sidon und Damaskus. Die Gegend, die üblicherweise mit dem Heiligen Land assoziiert wird, bestand im Großen und Ganzen aus den Eyalets Sidon und Damaskus, also wurde die Verwaltung vom heutigen Libanon und Syrien aus gehandhabt. 1864 verfügten die Osmanen eine weitere Neuorganisation der Verwaltung, die die alten Eyalets zugunsten neuer Provinzen abschaffte, die Vilayets hießen, die dann weiter in Unterbezirke aufgeteilt wurden, die Sanjaks hießen. Jedes Vilayet wurde von einem Vali oder Generalgouverneur und jeder Sanjak wurde von einem Mutesarrif regiert. Die Neuorganisation schuf ein neues Vilayet Suriya (die arabische Form von Syrien), das im Wesentlichen eine Union der früheren Eyalts Sidon und Damaskus war, wobei der Vali in Damaskus saß, das den Großteil des Territoriums dser modernen Staaten umfasste. Die Gründung dieser Provinz war das erste Mal, dass der Name „Syrien“ von den Osmanen offiziell verwendet wurde, um ein Gebiet zu benennen.

Weniger als ein Jahrzehnt später, 1873, führten die Osmanen eine weiterte Verwaltungsänderung bei den Bezirken ein, indem ein Teil des Vilalyet Suriya genommen wurde, um daraus eine Provinz namens „Mutasarrifiya Jerusalem“ zu machen. Eine Mutasarrifiya (oder Mutessariflik) war eine Provinz ähnlich einem Vilayet mit einem Gouverneur, der direkt dem Sultan unterstand. Der Sultan schuf diese Provinz mit Hauptquartier in Jerusalem, das ihm direkt unterstand, weil die heilige Stadt in der Weltpolitik immer wichtiger wurde, hauptsächlich infolge des zunehmenden europäischen Interesses an der Region. 1888 wurde das Vilayet Suriya mit der Schaffung eines neuen Vilayets Beirut weiter verkleinert; das Vilayet Beirut enthielt fünf Sanjaks: Latakia, Tripoli, Beirut, Akko und Nablus. Diese Verwaltungstrukturt, wie Karte C sie zeigt, blieb bis zum Ersten Weltkrieg allgemein stabil.[v] Der lila Bereich zeigt das verkleinerte VIlayet Syrien, die neue Mutasarrifiya Jerusalem ist rosa. Das neue Vilayet Beirut liegt nördlich der Mutasarrifiya Jerualem in orange. Mit dieser Organisation waren Bereiche, die normalerweise als Teil Palästinas gelten – z.B. Nablus, Haifa und Akko – Teil der Provinz Beirut, was nicht ungewöhnlich ist, weil die Osmanen zwischen Bereichen im heutigen Norden Israels und dem Süden des Libanon keinen Unterschied machten. Die einzige Gemeinsamkeit durch die ganzen Verwaltungsänderungen unter osmanischer Kontrolle hindurch besteht darin, dass Palästina als Ortsname niemals in Betracht kam, nicht einmal für eine kleinere Verwaltungseinheit wie einen Sanjak. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war „Palästina“ als Ort fast ein Jahrtausend lang nicht mehr existent, ein Überbleibsel antiker römischer Herrschaft.[vi]

Karte C: Osmanische Verwaltungseinheiten (Vilayets) 1903

Karte C (2)

Palästina: Pflege eines antiken Namens

Selbst unter den osmanischen Türken, die die Region Jahrunderte lang kontrollierten und ihre eigenen politischen Grenzen unterhielten, die den lange ausgestorbenen Ort namens „Palästina“ nicht enthielten, und obwohl niemand in der Region sich als „Palästinenser” betrachtet hätte, kam der Begriff im 19. Jahrhundert wieder in Gebrauch – aber nicht durch die Araber oder jüdische Einwohner der Region oder die herrschenden Osmanen, sondern durch Christen aus dem Ausland. Irgendwann in der europäischen Renaissance mit ihrem erneuerten Interesse an der klassischen Welt, kam wieder christliches Interesse an dem römischen Namen „Palaestina“ auf, später gestärkt durch Napoleons Vorstoß in den Nahen Osten im Jahr 1799. Obwohl er von den Osmanen, Juden, Muslimen, Arabern und sogar den meisten Christen lange schon ausrangiert wurde, wurde der Jahrhunderte alte Name für das alte römische Land Jesu und der Bibel wieder aktuell.[vii]

Der erste Versuch ein eingenes Gebiet namens „Palästina“ präzise zu kartieren und abzugrenzen wird normalerweise Pierre Jacotin, einem Mitglied der Entourage Napoleons, zugeschrieben und kurz nach der Expedition veröffentlicht. Im 19. Jahrhundert wurden viele weitere Landkarten produziert, aber die Version mit der höchsten Qualität wurde 1878 vom Palestine Exploration Fund veröffentlicht. Diese Landkarten hatten wenig mit der Wirklickeit der tatsächlichen politischen Grenzen gemein, die von der türkischen Obrigkeit etabliert wurden und gründeten stattdessen auf Vorstellungen eines Gebiets, das in der Bibel umrissen war. Ein Gelehrter der Geografie der Region  des 19. Jahrhunderts erklärte: „… diese Kartographen waren vielleicht mehr damit beschäftigt das Buch Josua zu illustrieren als daran, zukünftigen Historikern des osmanischen Reiches zu helfen…“[viii] Wie man erwarten konnte, varriierten die Karten zudem beträchtlich, da die Kartografen unsicher waren, wie das Territorium auf Grundlage von nur verbalen Beschreibungen in antiken Texten gezeigt werden sollte. Ein Beispiel findet sich in Karte D, die 1892 in Deutschland veröffenlicht wurde. Sie zeigt Palästina sowie eingeklinkt die antiken Stämme Israels und das Hochland von Judäa.[ix] Die Encyclopedia Britannica von 1911 beschreibt die Unklarheit dieses schwammigen Ortes namens Palästina:

PALÄSTINA, ein geografischer Name, der eher lose verwendet wird. Etymologische Genauigkeit würde erfordern nur den schmalen Küstenstreifen so zu bezeichnen, der einst von den Philistern besetzt war, von denen der Name abgeleitet ist. Er wird jedoch herkömmlicherweise als Name für ein Territorium verwendet, das im Alten Testament als Erbteil der Hebräer vor dem Exil angegeben wird; somit könnte allgemein gesagt werden, dass es sich um das südliche Drittel der Provinz Syrien handelte. Außer im Westen, wo das Land ans Mittelmeer grenzt, kann die Grenze des Landes auf der Karte nicht als definitive Linie festgelegt werden. Die modernen Unterteiliungen unter der Zuständigkeit des osmanischen Reichs sind keineswegs deckungsgleich mit denen der Antike und bieten daher keine Grenze, nach der Palästina genau vom Rest Syriens im Norden oder von der Sinai bzw. der Arabischen Wüste im Süden und Osten getrennt werden kann; es gibt auch keine Aufzeichnungn antiker Grenzen, die ausreichen, um die vollen und eindeutigen Grenzen angeben, um die komplette Grenzziehung für das Land möglich macht… Nimmt man als Anhaltspunkt die natürlichen Gegebenheiten, die diesen Gegebenheiten am besten entsprechen, dann können wir Palästina als den Streifen Land beschreiben, der sich entlang des Ostufers des Mittelmeers von der Mündung des Flusses Litani oder Kasimiya (33° 20‘ N) nach Süden bis zur Mündung des Wadi Ghuzza erstreckt; Letzteres stößt bei 31° 28‘ N, etwas südlich von Gaza, ans Meer und verläuft dann in südöstlicher Richtung, so dass es an seiner nörldichen Seite den Ort Beersheba einschließt. Nach Osten gibt es eine solche Grenze nicht. Es stimmt, dass der Jordan eine Abgrenzungslinie zwischen dem westlichen und dem östlichen Palästina bildet; aber es praktisch nicht zu sagen, wo letzteres endet und die Arabische Wüste beginnt. Vielleicht ist die Linie der PIlgerstraße von Damaskus nach Mekka die geeignetste mögliche Grenze.

Wie in dieser maßgeblichen, in Großbritannien veröffentlichten Enzyklopädie veröffentlicht, gehörten zu Palästina Teile des heutigen Südliblllanon und Territorium östlich des Jordan, aber wenig von der Wüste Negev.

Karte D: In Deutschlanad veröffentlichte Landkarte Palästinas, 1892

Das historische Palästina: ein Anachronismus

Die tatsächliche politische Geografie der Region wurde in den meisten Weltatlanten akkurat dargestellt, korrekt in Karten des osmanischen Reichs der Türkei einbezogen oder genauer der „asiatischen Türkei“ (wie schon in Karte C gezeigt), gegenüber der „europäischen Türkei“. Diese Landkarten zeigen korrekt die osmanischen Einteilungen, ohne dass Palästina zu finden war, weil es nicht existierte. Seltsamerweise, aber entsprechend dem biblischen Interesse am Heiligen Land seitens Christen in Europa und Amerika, beinhalteten dieselben modernen Weltatlanten neben der der osmanischen Türkei zusätzlich eine Karte von „Palästina“, wie man an disem Beispiel von Rand, McNallys „Geschäftsatlas“ sehen kann, der 1892 veröffentlicht wurde (s. Karte E, ähnlich dem deutschen Beispiel in Karte D).[x] Diese kuriose Entscheidung wäre ähnlich einem Weltaltas von 2019, der zum Beispiele eine Landkarte des modernen Irak wiedergibt und dann auf einer anderen Seite eine Landkarte des antiken Sumer zeigt – ohne dass eine andere antike Landkarte oder untergeganger Geograife irgendeines anderen Landes angeboten wird. Warum gaben diese zeitgenössischen Atlas-Verlage eine Karte Palästinas an, die auf die Römerzeit zurückging? Wegen des Glaubens, dass das Land Jesu ein Lese-Muss war, selbst in einem Atlas, der sich der Darstellung der modernen Welt widmete.

Karte E: In den USA veröffentlichte Lankarte Palästinas, 1892

Viele moderne Historiker haben diesen Anachronismus übernommen, beschreiben oder zeigen manchmal Palästina, wie es angeblich während der Zeit der Osmanen erschien.[xi] All diese Darstellungen sind allerings fehlerhaft, da die Osmanen kein einziges Gebiet als Palästina bezeichneten oder den Namen in irgendeiner offiziellen Funktion verwendeten.[xii] Leider ist es Brauch geworden die heutige typische Definition des „historischen Palästina“ (d.h. des Gebiets, das das heutige Israel, die Westbank und dne Gazastreifen umfasst) über die Landkarten des osmanischen Reichs zu legen, womit der falsche Eindruck vermittelt wird, die Definition von heute gründe auf irgendeine Weise auf osmanischer Geografie.

Die Briten und Franzosen sollten später das osmanische Vilayet-System ebenfalls ignorieren; stattdessen zerstückelten sie die Region einzig auf Grundlage der Bedürfnisse der beiden Mächte. Bemerkenswert ist: Als die Briten nach dem Ersten Weltkrieg mit den Franzosen über die Grenzen des neuen Mandats Palästina verhandelten, gründete die ursprüngliche britische Haltung auf der vagen biblischen Benennung des Landes Israels als „von Dan bis Beersheva“ (1. Samuel 24,2) liegend. Gideon Berger, ein bekannter Erforscher der Geografie der Region, erklärt: „Diese biblische Formel, die von den die Bibel kennenden Briten vorgetragen wurde, ist schnell zur zentralen Formel bei der Festlegung der zukünftigen Grenzen Palästinas geworden.“[xiii]

Diese in der heutigen Diskussion über den Konflikt beschworenen, von oden Europäern des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffenen Grenzen werden heute als langjährig und heilig behandelt, während die osmanischen Benennungen eine lange zurückliegende Erinnerung. Ein weiterer Kernfehler in der heutigen Verwendung von „historisches Palästina“ ist, dass die gebräuchliche Definition Gebiete östlich des Jordan ausschließt, obwohl die ganze Geschichte hindurch, von der römisch-byzantinischen Zeit bis ins 19. Jahrhundert, Landkarten bis zur ursprünglichen Bildung des britischen Mandats Palästina, Teile des modernen Jordanien IMMER als Teil Palästinas betrachtet wurden.

Es ist in Wirklichkeit „das historische Syrien“

Während sich die Begrifflichkeiten des heiligen Landes oft auf Palästina konzentirerten, ist es für das Verständnis der geografischen Geschichte der Region wichtig die Verwendung und Geografie von Syrien zu verstehen. Genau genommen übernahmen die Osmanen „Syrien“ als den Namen für eines ihrer Vilayets, das die Jahrhunderte alte Bezeichnung der Region als „Esch-Scham“ ersetzte. Über den Einfluss der christlich-arabischen Literatur und westeuropäischer Verwendung während des 19. Jahrhunderts kam es dazu, dass die moderne arabische Form von Syrien (oder „Suriya“) in regelmäßigen Gebrauch kam und Ende des Jahrhunderts ersetzte er selbst im muslimisch-arabischen allgemeinen Gebrauch Esch-Sham oder Bilad al-Scham. Die modernen Staaten, einschließlich Israls, waren eigentlich alle Teil dessen, was besser als das „historische Syrien“ oder seinem früheren Gegenstück Esch-Scham beschrieben würde, nicht als „historisches Palästina“, eine Tatsache, die in der heutigen Diskussion über den Nahen Osten komplett verloren gegangen ist. Eine ausgezeichnete Darstellung davon, wie die Region allgemein als Syrien bekannt war, findet sich in Karte F, veröffentlicht vom französischen Geografen Vital Cuinet im Jahr 1896, die das Vilayet Syrien und die osmanischen Verwaltungseinheiten zeigt.

Karte F: Das osmanischei Syrien

Die damalige lokale arabische Bevölkerung hätte ebenfalls allgemein die gesamte Region als Syrien und sich selbst als „Syrer“ (oder nach dem früheren Namen Esch-Scham/Bilad al-Scham) bezeichnet, wie sie es in den aufeinander folgenden muslimischen Reichen viele Jahrhunderte lang gemacht hatten. Diese präzise Erinnerung an „Groß-Syrien“ dauerte Jahrzehne lang, wie es Faiz El-Khouri, Minister der syrischen Gesandtschaft in Washington in seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 14. Mai 1947 zur Palästina-Frage ausdrückte:

… Ich möchte der Vollversammlung gerne erklären, wie die Position Syriens in Bezug auf Palästina aussieht. Ich denke, die meisten von Ihnen, wenn nicht alle, wissen, dass Palästina eine syrische Provinz war. Es gibt dort geografische, historische, rassische und religiöse Verbindungen. Es gibt nicht einen einzigen Unterschied zwischen den Palästinensern und den Syrern und ohne die Balfour-Erklärung und die Bestimmungen des Mandats wäre  Palästina heute eine syrische Provinz, wie sie das früher immer war.[xiv]

Ein früheres Beispiel der Verbindungen zu Syrien ist in einer Resolution des Ersten Kongresses der Muslimisch-Christlichen Gesellschaft zu finden, der im Januar 1918 in Jerusalem stattfand. Er wurde zusammengerufen, um arabische Delegierte für die erste Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg auszuwählen. In der Resolution hieß es: „Wir betrachten Palästina als Teil des arabischen Syrien, da es von diesem zu keiner Zeit getrennt war. Wir sind mit ihm durch nationale, religiöse, sprachliche, natürliche, wirtschaftliche und geografische Bande verbunden.“[xv] Es gab eine deutliche Anerkenntnis, dass Palästina eine künstliche Schöpfung des christlichen Europa war und der Kongress es vorzog sich auf die lange bestehende Benennung der Region als Syrien zu konzentrieren.

Natürlich sind all diese Fakten im heutigen Diskurs verloren gegangen, mit einer Verschleierung der historischen Wirklichkeit, es habe ein eigenständiges sowohl ethnisches als auch geografisches palästinensisches Bewusstsein gegeben, das aber erst im 20. Jahrhundert aufkam. Syrien ist der bei weitem genauere Begriff, der auf die Menschen und die Geografie der Region angewendet werden sollte, wenn das Wort „historisch“ verwendet wird.

Die Bildung des modernen Palästina

Palästina als formell-politische Einheit entstand als Ergebnis von Handeln, das von den wichtigsten Alliierten Mächte nach dem Ersten Weltkrieg auf der im April 1920 abgehaltenen Konferenz von San Remo unternommen wurde. Die Resolution von San Remo mit Datum vom 25. April 1920 war das Dokument, das offiziell ein Mandat für Palästina schuf und den Briten die Kontrolle über das Gebiet übertrug. Die Resolution wies die „Mandatsmacht“, also die Briten, an, eine nationale Heimstatt für das jüdische Volk in der neuen Entität einzurichten; die Grundlage dafür war die zuvor ausgegebene Balfour-Erklärung.

Am 1. Juli 1920 setzten die Briten die in der Resolution von San Remo umrissenen Vereinbarungen um und beendeten die Militärverwaltung des Territoriums, das offiziell „Occupied Enemy Territory Administration“ (OETA) hieß. Palästina war geboren. Die ursprünglichen Grenzen des Mandats Palästina, wie sie von den Hauptmächten in der Region – Großbritannien und Frankreich – vereinbart waren, einschließlich des gesamten Territoriums, das heute Israel, Jordanien, die Westbank und den Gazastreifen beinhaltet. Die Briten wählten den Namen „Palästina“ in Übereinstimmung mit christlich-europäischer Tradition, wobei sie wiederum lokale Terminologie und osmanische Benennungen ignorierten. Als Zugeständnis an die jüdische Bevölkerung und in Bestätigung der Balfour-Erklärung fügten sie der hebärischen Form des Namens Palästina die Initialen „aleph“ und „yud“ (die für Eretz Israel standen, das „Land Israel“) hinzu. Im Verlauf der nächsten drei Jahre sollten ständige Verhandlungen mit den Franzosen und andere regionale Ereignisse zu beträchtlichen Veränderungen der Grenzen des Mandats Palästina führen. Diese modifizierten Grenzen sollten schließlich die Grenzlinien für die Staaten des heutigen Nahen Ostens und wiederum als scheinbar heilige historische Grenzen kanonisiert werden.

Während dieser Diskussionen zwischen den Mächten beschlossen die Briten aus Gründen, die über den Umfang dieses Artikels hinausgehen, einseitig 77% des den Briten in San Remo bewilligten Mandats Palästina herauszunehmen und unter die Kontrolle Abdallahs zu stellen, den sie den neuen Emir von Transjordanien nannten (siehe Karte G). Diese neue arbische Gebilde, das in Wirklichkeit Teil des „historischen Palästina“ war, wurde offiziell am 11. April 1921 aus der Taufe gehoben. Wie so oft wird dieses entscheidende Ereignis in der geografischen Geschichte der Region heute normalerweise ignoriert. Die meisten Diskussionen über den Konflikt erkennen nicht an, dass das moderne Jordanien ethnisch und geografisch immer das gleiche Gebiet gewesen ist wie Bereiche westlich des Jordan.

Karte G: das britische Mandat Palästina

Schlussfolgerung

Es ist schwer die alte Realität von unserer modernen Terminologie zu trennen und die sich ständig ändernden Ortsnamen zu organisieren. Zur Verwirrung trägt die Tatsache bei, dass christliche Fremde im 19. und frühen 20. Jahrhundert beschlossen antike Gebiete und Ortsnamen mit Grenzen wiederzubeleben und aufrechtzuerhalten, obwohl weder die aktuellen politischen Herrscher des Territoriums noch die örtlichen Einwohner für diese Ortsnamen eine Verwendung hatten. Hier sind die Schlüsselfolgerungen, die Teil des Diskurses zur Geschichte der Region werden sollten:

  • Palästina war ein Provinzname, der von den Römern im Jahr 135 n.Chr. eingeführt wrude, um „Judäa“ zu ersetzen und nach der Niederwerfung der jüdischen Rebellion alle anderen Spuren jüdischen Lebens in der Region zu ersetzen. Die muslimischen Eroberer im 7. Jahrhundert behielten den Namen „Filastin“, um eine Provinz zu bezeichnen, aber ab der christlichen Eroberung wurde der Name nicht mehr verwendet.
  • Die muslimischen Mameluken, die die Christen besiegten, bezeichneten keinerlei Territorium als Palästina/Filastin und genauso wenig machten es die osmanischen Türken, die die Region ab dem frühen 16. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg kontrollierten. Fast ein Jahrtausend lang wurde der Ortsname „Palästina“ nicht verwendet, ein lange vergessenes Überbleibsel römischer Herrschaft in der Antike.
  • Der Begriff „Palästina“ wurde von christlichen Europäern im 19. Jahrhundert wieder aufgrund seiner Verbindung zur Bibel und zum Land Jesu wieder regelmäßig verwendet. Weder die osmanischen Türken noch die örtlichen Bewohner verwendeten zu dieser Zeit den Begriff „Palästina“.
  • Europäer zeichneten im 19. und frühen 20. Jahrhundert Landkarten von „Palästina“auf Grundlage antiker biblischer Vorstellungen von dieser Region und steckten sie anachronistisch in moderne Atlanten des Gebiets, obwohl ein solches Gebilde nicht existierte. Die tatsächlichen Ortsnamen und Grenzen der Region waren in denselben Atlanten unter dem korrekten Titel „asiatische Türkei“ zu finden. Das wäre so, als würden Westler heute darauf bestehen den irak als historisches Sumer zu bezeichnen und Landkarten des antiken Sumer in zeitgenössischen Atlanten einbinden, ohne uralte Karten für irgendeinen anderen Staat.
  • Das Palästina während der Römerzeit, wie sie in von Europäern im 19. Jahrhundert erstlelten Landkarten und der Bildung des Mandats Palästina 1920 gezeigt wurden, schlossen immer Gebiet östlich und westlich des Jordan ein. Auch der südliche Libanon gehörte dazu, der sich historisch nicht von Bereichen in Nordisrael unterschied. Das wird von zahlreichen geografischen Studien der Region bestätigt, die im 19. Jahrhundert, von britischen Geografen geleitet durchgeführt wurden (z.B. veröffentlichte der Palestine Exploration Fund 1881 „An Introduction to the Survey of Western Palestine“, wo Westpalästina am Jordan endet und Ostpalästina auf der anderen Seite).
  • Das nach dem Ersten Weltkrieg unter britische Kontrolle gestellte Mandat Palästina entsprach der Tatsache, dass Palästina in all seinen Verkörperungen immer Territorium auf beiden Seiten des Jordan beinhaltete.
  • Als die Briten 1921 eigenmächtig beschlossen auf 77% des Territoriums des Originalmandats Transjordanien zu schaffen, behielten sie nur 23%, den Teil westlich des Jordan, unter dem Namen „Palästina“. Irgendwie wurde in den Jahrzehnten nach dieser Trennung die Vorstellung von „Palästina“ und dem „historischen Palästina“ nur auf Teile westlich des Jordan eingeschränkt.
  • Der Teilungsplan von 1947, der die Aufteilung des Mandats Palästina in einen jüdischen Staat und einen arabischen Staat empfahl, gewährte dem jüdischen Staat etwa 56% des Territoriums – aber das waren nur 13% des ursprünglichen Mandats Palästina. Fakt ist, dass der Teilungsplan den Arabern pratisch zwei Staaten auf dem Mandat Palästina einräumte, die 87% des Originalmandats umfassten.
  • Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 weitete der neue Staat Israel sein Territorium auf etwa 78% des reduzierten Mandats Palästina aus, während die Westbank und der Gazastreifen sich auf 22% des Gebiets beliefen.
  • Als Abbas sagte, das palästinensische Volk werde um des Friedens willen einen Staat auf nur 22% des Territoriums des „historischen Palästina“ akzeptieren, lag er grob falsch. Da das historische Palästina notwendigerweise Gebiete östlich und westlich des Jordan einschließt, wie das ursprüngliche Mandat Palästina es akkurat widerspiegelte, beläuft sich das Land, das Jordanien, die Westbank und den Gazastreifen umfasst, heute 82% des Gesamtgebiets. Israel ist ein Staat, der am Ende einen Anteil von weniger als 15% des Mandats Palästina hatte.
  • Die meisten Leute verwenden heute die Grenzen des Mandats Palästina nach 1921 als ihre Definition des „historischen Palästina“, obwohl diese künstlich geschaffenen Grenzen in Wirklichkeit ahistorisch, neuer und künstlich geschaffen sind. „Mandat Palästina“ wäre ein genauerer Begriff gewesen und sollte von den Medien anstelle von „historisches Palästina“ verwendet werden.
  • In den heutigen Diskussionen wird vergessen, dass es weit genauer wäre die Region „historisches Syrien“ zu nennen, da die allgemeine Region des heutigen Israel, der Westbank, des Gazastreifens, Jordaniens, Syriens und des Libanon geografisch und ethnisch Teil einer politischen Einheit waren, die als Esch-Scham und später Syrien bekannt waren. Die lokale Bevölkerung hätte sich zudem nicht als Teil dieses Territoriums betrachtet. Ohne die Wiederbelebung des Namens Palästina durch das christliche Europa irgendwann im 19. Jahrhundert hätte sich sicher Syrien als Name der Region durchgesetzt, so wie es Jahrhunderte lang gewesen war. Das oben angeführte Zitat durch den Minister der syrischen Gesandtschaft in Washington von 1947 macht das deutlich.


Quellen:

Biger, Gideon: The Boundaries of Modern Palestine, 1840-1947 (RoutledgeCurzon, London, 2004).

Doumani, Beshara B: Rediscovering Palestine: Merchants and Peasants in Jabal Nablus (1700-1900, University of California Press, Berkeley, 1995).

Dowty, Alan: Israel/Palestine (Polity Press, Cambridge, 2005).

Hopkins, I.W.J.: Nineteenth-Century Maps of Palestine: Dual-Purpose Historical Evidence, Imago Mundi (Bd. 22., 1968, S. 30-36).

Kark, Ruth(Hg.): The Land that Became Israel, Studies in Historical Geography (Yale University Press, New Haven, 1989). Eintrag von Gideon Biger: The Names and Boundaries of Eretz-Israel (Palestine) as Reflections of Stages in its History, S. 1-22.

Le Strange, Guy: Palestine Under the Moslems, A Description of Syria and the Holy Land from A.D. 650 to 1500 (Alexander P. Watt, London, 1890).

Lewis, Bernard: Islam in History (Second Edition; verwendetes Kapitel: Palestine: On the History and Geography of a Name, S. 153-165) (Open Court, Chicago, 1993)

Mandel, Neville J.: The Arabs and Zionism Before World War I (University of California Press, Berkeley, 1976).

Ma’oz, Moshe (Hg.): Studies on Palestine During the Ottoman Period (Magnes Press, Jerusalem, 1975). Eintrag von: Porath, Yehoshua: The Political Awakening of the Palestinian Arabs and their Leadership Towards the End of the Ottoman Period, S. 351-381.

MacCoun, Townsend: The Holy Land in Geography and in History, Bd. II (MacCoun, New York, 1897).

Parkes, James: History of Palestine From 135 A.D. to Modern Times (Oxford University Press, New York, 1949).

Pitcher, Donald Edgar: An Historical Geography of the Ottoman Empire (E.J. Brill, Leiden, Netherlands, 1972).

Porath, Yehoshua: The Emergence of the Palestinian-Arab National Movement 1918-1929 (Frank Cass, London, 1974).

Richter, Julius: A History of Protestant Missions in the Near East (Fleming H. Revell Company, New York, 1910).

Zachs, Fruma: The Making of A Syrian Identity, Intellectuals and Merchants in Nineteenth Century Beirut (Brill, Leiden, 2005).


[i] Erekat, Saeb: Trump Doesn’t Want Peace. He Wants Palestinian Surrender. New York Times, 22. Mai 2019. https://www.nytimes.com/2019/05/22/opinion/trump-israel-palestinian-peace-plan.html

[ii] Berger, Miriam: Palestinian citizens of Israel struggle to tell their stories. Columbia Journalism Review, 11. Januar  2019. https://www.cjr.org/analysis/palestinian-citizens-of-israel-musawa.php

[iii] Cook, Jonathan: The ‘Deal of the Century’ Would Force Palestinians to Swallow a Bitter Pill. Washington Report on Middle East Affairs. Juni/Juli 2019, S. 8-10. https://www.wrmea.org/2019-june-july/the-deal-of-the-century-would-force-palestinians-to-swallow-a-bitter-pill.html

[iv] (29. November 2012) Erklärung von Präsident Abbas vor der Verabschiedung der Resolution 67/19 zum Status Palästinas bei den Vereinten Nationen. http://palestineun.org/29-november-2012-statement-of-president-abbas-before-the-adoption-of-resolution-6719-on-the-status-of-palestine-in-the-united-nations/

[v] Dodd, Mead & Company, 1903

[vi] Zu den Quellen für diesen Teil gehröt Kark (Biger-Artikel); s. 15-18; Parkes, S. 87-88; Le Strange (S. 5 und 27), MacCoun, S. 107-109; Pitcher, S. 128 und 141; Zachs, S. 95-102;  Lewis, S. 158.

[vii] Biger (Kark), p. 19.

[viii] Hopkins, p. 30, 36.

[ix] F.A. Brockhaus, Leipzig, 1892.

[x] Rand, McNally & Cos Enlarged Business Atlas, Chicago, 1892.

[xi] siehe z.B. Dowty, S. 19.

[xii] Doumani, S. 261.

[xiii] Biger, S. 68

[xiv] Achte Plenarsitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen (A/2/PV.78) in der Vollversammlungshalle in Flushing Meadow, New York, 14. Mail 1947 um 15 Uhr.

[xv] Porath, S. 82.

Winston Churchill in Palästina – 100 Jahre danach

„Die Gründung einer jüdischen nationalen Heimstatt in Palästina wird für die ganze Welt ein Segen sein.“

Lee Pollock, Land of Israel, 24. März 2021

Winston Churchill in Tel Aviv, 1921. Aus der Pritzker Familiy National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels

Am 24. März 1921 traf ein Zug aus Kairo in Gaza ein, einer Stadt, mit rund 15.000 arabischen und weniger als 100 jüdischen Einwohnern, die knapp vor der südwestlichen Grenze zwischen dem neu geschaffenen britischen Mandatsgebiet Palästina lag. Das Völkerbund-Mandat war Großbritannien elf Monate zuvor unter den Bedingungen der Konferenz San Remo erteilt worden.

In dem Zug befanden sich drei wichtige britische Passagiere, darunter Sir Herbert Samuel, ein erfahrener jüdisch-liberaler (und zionistischer) Politiker, der zum ersten britischen Hochkommissar für Palästina ernannt worden war, sowie ein gerissener Oberst der Armee, der über unvergleichliche Vertrautheit mit dem Nahen Osten verfügte, T. E. Lawrence.

Porträt von Herbert Samuel, aufgenommen kurz nach seiner Ernennung zum Hochkommissar für Palästina, ca. 1920 (Foto: Yaakov Ben Dov; aus der Abraham Schwadron Portrait Collection, Archiv der Nationalbibliothek Israels)

Der dritte Passagier war Winston Spencer Churchill, ein weiterer erfahrener Politiker, der nur ein paar Wochen zuvor Kolonialminister geworden war, verantwortlich für Britanniens Verwaltung sowohl Palästinas als auch für das, was als geplantes Parallel-Mandat in Mesopotamien vorgesehen war.

Churchill, Samuels und Lawrence hatten fast drei Wochen in Kairo verbracht, wo sie sich mit anderen ranghohen britischen Amtspersonen trafen, um die Überbleibsel des osmanischen Reichs neu zu formen und die neuen arabischen Königreiche Irak und Transjordanien zu schaffen.

Churchill blieb acht Tage in Palästina; das war sein einziger offizieller Besuch im Heiligen Land. Er war jüdischen Zielen für eine nationale Heimstatt in Palästina, die Großbritannien im November 1917 in der Balfour-Erklärung zugesichert hatte, bereits wohl gesonnen, obwohl seine Unterstützung von Bedenken zu den Kosten der Verwaltung des neuen Mandats und eine noch stärkere Besorgnis bezüglich der Fähigkeit der jüdischen Gemeinschaft und ihrer bevölkerungsstärkeren arabischen Nachbarn zur Koexistenz gedämpft war.

Ungeachtet seiner Zweifel dienten Churchills Erfahrungen während dieses Besuchs dazu sowohl seine Bewunderung für das jüdische Volk als auch seine Unterstützung des Zionismus zu festigen. Er quartierte sich im Government House in Jerusalem ein, traf sich sowohl mit arabischen als auch mit jüdischen Delegationen. Als talentierter Amateurmaler fand er noch Zeit ein wunderschönes Landschaftsbild eines Sonnenuntergangs über der Stadt zu malen, eine Arbeit, die sich immer noch im Besitz seiner Nachkommen befindet.

Am 27. März weihte er den neuen britischen Militärfriedhof auf dem Ölberg ein und am folgenden Tag traf er sich mit Emir Abdallah, dem neu vorgesehenen König von Transjordanien, um dessen Sorge wegen des Tempos der jüdischen Zuwanderung in das Gebiet zu lindern. Während Abdallah nicht ganz besänftigt war, stimmte Churchill zu, dass jüdische Siedlung östlich des Jordan verboten wird.


Churchill mit Bischof MacInnes von Jerusalem bei der Gedenkfeier auf dem Miltärfriedhof auf dem Skopusberg, 26. März 1921 (American Colony Photo Dept. / Library of Congress)

Winston Churchill, TE Lawrence und Emir Abdallan im Garten des Government House in Jerusalem, 1921 (Foto: G. Erich Matson / Library of Congress)

Zwei Tage später pflanzte er auf dem Skopusberg an der Stelle der zukünftigen Hebräischen Universität einen Baum, wobei er den versammelten Würdenträgern sagte: „Mein Herz ist voller Sympathie für den Zionismus. Die Gründung einer jüdischen nationalen Heimstatt in Palästina wird für die ganze Welt ein Segen sein.“

Herbert Samuel und Winston Churchill (mit der Schaufel) bei der Baumpflanzungs-Zeremonie an der zukünftigen Stelle der Hebräischen Universität in Jerusalem, 28. März 1921 (Foto: G. Eric Matson / Library of Congress)

Winston Churchill spricht bei der Baumpflanzungs-Zeremonie an der zukünftigen Stelle der Hebräischen Universität in Jerusalem, 28. März 1921 (Foto: American Colony Photo Dept. / Library of Congress)

Am Tag darauf empfing Churchill eine Delegation des Kongresses der palästinensischen Araber, deren 35 Seiten starker Protest gegen zionistische Aktivitäten eine Vielzahl antisemitischer Sprachbilder enthielt: „Der Jude ist klüngelhaft und unnachbarlich. Er wird die Privilegien und Vorteile eines Landes genießen, aber nichts zurückgeben.“

Churchill wies ihre Behauptungen energisch zurück und sagte:

„Es ist offenkundig richtig, dass die Juden eine nationale Heimstatt haben sollten, wo einige von ihnen wiedervereint werden. Und wo sonst könnte das sein, als in diesem Land Palästina, mit dem sie mehr als 3.000 Jahre aufs Engste vertraut und zutiefst verbunden sind.“

Der danach kommenden jüdischen Delegation sagte Churchill:

„Die Sache des Zionismus ist eine, die viel mit sich bringt, das für die ganze Welt gut ist und nicht nur für das jüdische Volk; er wird der arabischen Bevölkerung Wohlstand und Fortschritt bringen.“

Bevor er am Abend des 30. März nach Kairo zurückkehrte, besuchte Churchill die zwölf Jahre alte jüdische Stadt Tel Aviv, wo er sich mit Bürgermeister Meir Dizengoff traf und dann die landwirtschaftliche Siedlung Rischon LeZIon. Bei seiner Rückkehr nach London sagte er dem Unterhaus:

„Jeder, der die Arbeit der jüdischen Siedlungen gesehen hat, wird von den enorm produktiven Ergebnissen beeindruckt sein, die sie auf dem höchst unwirtlichen Boden erreicht haben.“

Bürgermeister Meir Dizengoff (hinten rechts) hört zu, wie Winston Churchill auf dem Rotschild-Boulevard zum Stadtrat von Stadtrat von Tel Aviv spricht, 1921. (aus der Pritzker Family National Photography Collection in der Nationalbibliothek Israels)

Churchill hoffte, dass die Juden Palästinas – und der mehrheitlich jüdische Staat, der nach seiner Vorstellung eines Tages daraus hervorgehen könnte – in einer friedlichen und produktiven Beziehung mit ihren arabischen Nachbarn leben würden.

Diese Erwartung ist teilweise mit einem kalten Frieden mit den großen Staaten Wirklichkeit geworden, mit denen Israel nach 1948 drei Kriege ausfocht und heute mit einem neuen, wärmeren mit den Golfstaaten. Trotzdem würde er – hundert Jahre nach seinem Besuch – feststellen, dass friedliche Koexistenz zwischen innerhalb der Grenzen dessen lebenden Menschen, was damals das Mandat Palästina war, herausfordernd und ungewiss bleibt.