Der weit verbreitete Missbrauch des Gedenkens an Anne Frank

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Anne Frank ist vermutlich zur bekanntesten während der Schoah ermordeten jüdischen Person geworden. Die Erinnerung an sie ist zudem eine der am meisten missbrauchte. Diese Misshandlung hat eine lange Geschichte. Es tauchen immer wieder neue Beispiele dafür auf. Eins von vielen: Im Januar 2018 wurde gegen den italienischen Erstliga-Club Lazio Rom eine Geldstrafe von 50.000 Euro verhängt, nachdem Anhänger vor einem Spiel im Oktober 2017 antisemitische Anne Frank-Aufkleber zeigten.[1]

In den späten 1980-er Jahren erlaubte der damalige Leiter des Anne Frank-Hauses in Amsterdam dem niederländischen Filmemacher Willy Lindwer nicht seinen Film Die letzten sieben Monate der Anne Frank in ihrem Haus zu drehen. Die Dokumentation behandelte ihr Leiden in den Konzentrationslagern und ihren Tod in Bergen-Belsen. Lindwer erzählt, dass der Direktor ihm sagte: „Anne Frank ist ein Symbol. Symbole sollten nicht in einem Konzentrationslager sterbend gezeigt werden.“[2]

Das Anne Frank-Haus in Amsterdam hat vor Jahrzehnten bei vielen Gelegenheiten ihren Namen für politische Zwecke verwendet, die nichts mit der Ehrung ihres Andenkens zu tun hatten. Die niederländische Journalistin Elma Verhey kommentierte die Rolle der Anne Frank-Stiftung 1995 so: „Nicht alle Niederländer finden es passend, dass das Anne Frank-Haus sich in eine der wichtigsten Touristenattraktionen Amsterdams entwickelt hat. Viele niederländische Juden meiden das Anne Frank-Haus wegen einiger der durch ihr Tagebuch geschaffenen Mythen. Darüber hinaus hat es Bedenken gegeben, dass die Stiftung in der Vergangenheit einer Handvoll Neonazis in Deutschland und dem Leid der Palästinenser mehr Aufmerksamkeit gewidmet hat als dem staatlich gesponserten Antisemitismus der ehemaligen Sowjetunion.[3]

Aus den Niederlanden sind auch andere Entstellungen der Erinnerung an Anne Frank gekommen. Im Februar 2007 tauchten in Amsterdam Graffiti auf, die Anne Frank mit einer Keffiye zeigten.[4] 2008 wurde aus demselben Bild eine kommerzielle Postkarte gemacht,[5] trotz der Tatsache, dass die Mehrheitspartei bei den einzigen palästinensischen Parlamentswahlen 2006 die Hamas war, die den Völkermord an den Juden anstrebt. 2006 postete eine belgisch-niederländische Muslimgruppe eine Karikatur von Anne Frank im Bett mit Hitler.[6]

Das Motiv der palästinensischen Anne Frank kehrt regelmäßig wieder. Vor kurzem erschien es auf Postern und Flugblättern an der Wits-Universität in Johannesburg. Es wurde während der Israel Apartheid Week von der Palästinensischen Solidaritätskampagne propagiert.[7] 2017 verglich ein freier Reiseführer am Anne Frank-Zentrum in Berlin das Leiden der Juden unter den Nazis mit dem der Palästinenser unter israelischer Kontrolle. Das Zentrum distanzierte sich von dieser Äußerung.[8]

In den Niederlanden wird ein neues Theaterstück von Ilja Pfeiffer über Anne Frank aufgeführt. Das Stück macht, völlig unhistorisch, aus einer der Personen, die sich mit ihr versteckten – Fritz Pfeffer –in einen Gewalttäter.[9] Er wurde in der Schoah ermordet. Das Stück, in dem die Erinnerung an ein Holocaustoper besudelt wird, ist ein weiteres Beispiel der partiellen Zersetzung der niederländischen Gesellschaft, deren Regierung nicht zugeben wird wie massiv ihre Vorgänger im Exil im Zweiten Weltkrieg sich überhaupt nicht für das Schicksal der verfolgten Juden interessierte.

Die „palästinensische“ Anne Frank ist eine Umkehrung des Holocaust. Eine weitere Verzerrung des Holocaust besteht in seiner Entjudaisierung.[10] 1952 wurde eine englische Übersetzung des Tagebuchs für den amerikanischen Markt veröffentlicht. Ihr Titel lautete: Anne Frank: The Diary of a Youg Girl.[11] David Barnouw, früher Forscher am Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD)[12], schrieb, dass Eleanor Roosevelt, die Witwe des Kriegspräsidenten Franklin Delano Roosevelt das Vorwort schreib. In diesem Text wurden die Begriffe „Jude“ oder „Verfolgung“ von Juden nicht ein einziges Mal verwendet.[13]

Frances Goodrich und Albert Hackett schrieben ein Theaterstück auf der Grundlage des Tagebuchs, das 1955 in New York uraufgeführt wurde. Barnouw schreibt: „Natürlich kann die Adaption eines Buchs oder in diesem Fall eines Tagebuchs [um ein Bühnen Stück daraus zu machen] nicht komplett dem Original entsprechen. Aber die Tatsache, dass es da einen Hitler und den Nationalsozialismus gab, ist in den Hintergrund gedrängt worden.“[14] Ein früher geschriebenes Stück von Meyer Levin hatte mehr jüdischen Inhalt, wurde aber von vielen Produzenten abgelehnt.[15]

Der Historiker Tim Cole stellt fest: „Die zeitgenössische Übung der Toleranz fordert, dass Annes Worte neu geschrieben werden, um Mitglieder ‚dieser oder jener Minderheit‘ einzuschließen und schon macht das die historische Realität zur Farce.“ Er fügt an: „Angesichts dieses mythischen Status riskiert der Holocaust zu einer beliebten Vergangenheit zu werden, die dazu genutzt wird allen möglichen gegenwärtigen Bedürfnissen zu dienen. Insbesondere tendieren die Bedürfnisse des heutigen linken Trends dazu eine machtvolle Geschichte der Vergangenheit zu kapern und sie zu universalisieren, um eine Reihe neuer universaler Lektionen anzufertigen.“ Cole schließt: „Wenn es eine Lektion gibt, die aus dem Holocaust gezogen werden kann, dann ist es genau die, dass der Optimismus der Anne Frank bedauerlich deplatziert war.“[16]

Steven Goldstein, Direktor einer kleinen amerikanischen Organisation, die sich Anne Frank Center for Mutual Respect[17] nennt, greift Donald Trump an.[18] Er hat ein Recht auf seine Meinung. Dies aber für ein nach Anne Frank benanntes Zentrum zu tun ist Missbrauch der Erinnerung an eine verstorbene Person, die sich nicht mehr wehren kann.

In Sachen Instrumentalisierung des Tagebuchs als Mittel für „unversalistische“ Ideale, sollte auch die Rolle von Annes Vater Otto Frank erwähnt werden. Verhey beschreibt sie ausführlich. Sie schrieb zudem, dass Annes Vater nichts tat, um den Mythos zu zerstreuen, dass Anne Frank „still in der Vorstellung starb, dass ihr nichts Ernstes geschehen würde“.[19]

Das oben Beschriebene ist nur eine kleine Auswahl aus einem riesigen Verfälschungskomplex zu einer jungen jüdischen Frau, die in der Schoah ermordet wurde. Leider kann man fast sicher sein, dass dieser Artikel, wenn er vielleicht in einem Jahr auf den neuesten Stand gebracht wird, eine Reihe neuer Beispiele des Missbrauchs der Erinnerung an Anne Frank beinhalten wird.

[1] http://www.bbc.com/sport/football/42816855

[2] Persönliches Gespräch mit Willy Lindwer. (vgl. http://jcpa.org/article/symbolic-and-other-roles-of-jews-in-dutch-society/)

[3] Elma Verhey: Anne Frank and the Dutch Myth. In: Alex Brobman/Joel S. Fishman: Anne Frank in Historical Perspective: A teaching Guide for Secondary Schools. Los Angeles (Martyrs Memorial and Museum of the Holocaust of the Jewish Federation of Greater Los Angeles) 1995, S. 23-24.

[4] www.cidi.nl/gezamenlijke-verklaring-van-cidi-en-boomerang-over-anne-frank-kaart/; http://www.historischnieuwsblad.nl/nl/nieuws/12850/historische-helden-op-een-shirt.html

[5] http://www.geschiedenis.nl/nieuws/artikel/2888/omstreden-anne-frank-kaart-blijft-in-roulatie

[6] http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3211339,00.html

[7] http://www.jpost.com/Diaspora/South-African-students-mark-Israel-Apartheid-week-with-Palestinian-Anne-Frank-545221

[8] www.timesofisrael.com/berlin-anne-frank-center-guide-says-holocaust-suffering-like-palestinian-strife/

[9] http://www.jta.org/2017/11/05/arts-entertainment/a-new-dutch-play-about-anne-frank-doesnt-mention-jews-nazis

[10] http://jcpa.org/book/the-abuse-of-holocaust-memory-distortions-and-responses/ (chapter 5: 79-89)

[11] Das Tagebuch eines jungen Mädchens

[12] Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation; heute: NIOD Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies (NIOD Institut für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien)

[13] David Barnouw, Anne Frank: voor beginners en gevorderden (Den Haag: Sdu, 1998).

[14] NIOD, S. 30.

[15] Ebenda, S. 23-26.

[16] Tim Cole: Selling the Holocaust. New York (Routledge) 2000, S. 42.

[17] Anne Frank-Zentrum für gegenseiigen Respekt

[18] http://www.theatlantic.com/politics/archive/2017/04/anne-frank-center/524055/

[19] Gerrold van der Stroom (Hg.): De Vele Gezichten van Anne Frank, visies op een Fenomeen. Amsterdam (de Prom) 2003.

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Der weit verbreitete muslimische Antisemitismus in Frankreich

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In den meisten europäischen Ländern sind keine quantitativen Daten zu muslimischem Antisemitismus verfügbar. Dennoch ist bekannt, dass Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft hinter vielen der Aggressionen und extremen verbalen Angriffe auf und Beleidigungen von Juden stecken. In Frankreich ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine Reihe von Juden ermordet worden. Zudem hat es versuchte Pogrome gegeben.

Eine Studie von Fondapol aus dem Jahr 2014 mit dem Titel Antisemitismus in der französischen öffentlichen Meinung, die von Dominique Reynié erstellt wurde, bietet viele Einblicke in den Antisemitismus in Frankreich. Muslime sind ein Teil der Gesellschaft, auf den sich die Studie konzentiert.[1] Die Autoren haben außerdem die extreme Rechte und die extreme Linke untersucht. Diese benötigen jedoch eine eigene Analyse.

In der gesamten französischen Gesellschaft heben 25% der Bevölkerung antisemitische Vorurteile. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass solche Vorurteile gegen Juden bei Muslimen zwei- bis dreimal so verbreitet sind.[2] Die Autoren der Studie haben die muslimische Bevölkerung in drei Kategorien eingeteilt: praktizierende Muslime, die sowohl an den Islam glauben als ihn auch praktizieren; diejenigen, die nur glauben; und diejenigen, die muslimischer Herkunft sind.[3] Die Kategorie der Praktizierenden macht 42% der Muslime in Frankreich aus. Diejenigen, die glauben, stellen 34% und diejenigen, die muslimischer Herkunft sind, machen 21% aus. Weitere 3% definieren sich als nicht religiös.[4]

Die Fondapol-Forscher stellten sechs Fragen über Vorurteile gegenüber Juden: 1) Nutzen Juden den Zustand der Opfer des Nazi-Völkermords während des Zweiten Weltkriegs für ihre eigenen Zwecke? 2) Haben Juden in den Bereichen Wirtschaft und Finanzen zu viel Macht? 3) Haben Juden im Bereich der Medien zu viel Macht? 4) Üben Juden zu viel politische Macht aus? 5) Gibt es auf Weltebene eine zionistische Verschwörung? 6) Sind Juden für die derzeitigen wirtschaftlichen Krisen verantwortlich?[5]

Ein paar Beispiele der Ergebnisse der Studie werden den heftigen Antisemitismus bei Muslimen in Frankreich hervorheben. Neunzehn Prozent der französischen Gesamtbevölkerung sind der Meinung, dass Juden zu viel Macht in der Politik haben. Unter allen Muslimen liegt der Anteil bei 51%. Brechen wir diese Zahl aber gemäß der drei Kategorien herunter, so liegt die Zahl bei denen, die sich nur als von muslimischer Herkunft definieren, bei 37%. Bei denen, die an den Islam glauben beträgt sie 49% und bei den praktizierenden Muslimen 63%.[6]

Der Anteil der Muslime, die alle sechs Fragen zu antisemitischen Vorurteilen negativ beantworteten, ist gering. Nur 17% der Muslime antworteten auf alle Fragen mit „Nein“. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen praktizierenden Muslimen (13%) und denen, die nur glauben (14%). Für diejenigen muslimischer Herkunft liegt der Prozentsatz beträchtlich höher, doch sie befinden sich wiederum nur in einer Minderheit (27%).[7]

Eine Studie in Frankreich hat bereits 2005 gezeigt, dass antijüdische Vorurteile bei religiösen Muslimen besonders verbreitet waren. 46% hegten solche Gefühle; im Vergleich dazu waren es bei nicht praktizierenden Muslimen 30 Prozent. Es wurde festgestellt, dass nur 28 Prozent der religiösen Muslime in Frankreich als völlig frei von solchen Vorurteilen sind.[8] Obwohl die Studien in ihren Hauptergebnissen zu muslimischem Antisemitismus nicht vergleichbar sind, deuten sie in dieselbe Richtung.

Die hohen Anteile an Antisemitismus bei französischen Muslimen sollten nicht überraschen. Die große Mehrheit von ihnen sind Einwanderer aus nordafrikanischen Ländern oder Nachkommen solcher Immigranten. Die Bevölkerung dieser Länder gehört zu den antisemitischsten der Welt.[9][10][11]

Der französische Komödiant Dieudonné wird als einer der extremsten französischen Antisemiten betrachtet.[12] Viele französische Städte entschieden sich endlich seine Auftritte zu untersagen. Fünfzig Prozent der französischen Muslime finden, dass dieser Antisemit mit der Aussage recht hatte, dass der Zionismus eine internationale Organisation sei, die versucht die Welt und die Gesellschaft zum Nutzen der Juden zu beeinflussen. 64% der praktizierenden Muslime stimmen dem zu.[13]

Sechsundvierzig Prozent der Muslime glauben, dass der Zionismus eine rassistische Ideologie ist, während 23% der gesamten französischen Bevölkerung dem zustimmen. 66% der Muslime glauben, dass der Zionismus eine Ideologie ist, die Israel dazu dient eine Politik der Besatzung und Kolonisierung palästinensischer Territorien zu rechtfertigen. Alle oben angeführten Antworten klassifizieren die Juden als Kollektiv ein. Das ist typisch für antisemitisches Denken. In Wirklichkeit variieren bei Juden die Einstellungen zu vielen Themen und politischen Überzeugungen stark.

Zu Einstellungen gegenüber individuellen Juden sind Vorurteile von Muslimen ebenfalls stärker ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung. 33% der Muslime und 43% derer, die den Islam praktizieren, wollen keinen Juden als Präsidenten Frankreichs haben, gegenüber 21% aller französischen Bürger. 26% der Muslime und 33% der praktizierenden Muslime wollen nicht für einen jüdischen Bürgermeister stimmen, während es bei den Franzosen insgesamt 14% sind. 22% der Muslime und 30% der praktizierenden Muslime wollen keinen jüdischen Vorgesetzten; in der Gesamtbevölkerung sind es 10%. 18% der Muslime und 23% der Praktizierenden wollen keinen jüdischen Bankier, verglichen mit 10% der Gesamtbevölkerung.[14]

Zwölf Prozent der Franzosen sind nicht damit einverstanden, dass in Schulen der Holocaust gelehrt wird. 24% der Muslime und 28% der Praktizierenden sind gegen Holocaust-Bildung. 3% der französischen Bevölkerung leugnen zu einem gewissen Grad oder komplett den Holocaust. Bei Muslimen stimmen insgesamt 5% der falschen Behauptung zu, dass die Zahl der Opfer stark übertrieben wird. Bei den praktizierenden Muslimen beträgt der Anteil jedoch 8%.[15]

All das führt zu einem klaren Schluss: Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben französische Regierungen, ob nun sozialistisch oder rechts der Mitte, riesige Mengen an antisemitischen Immigranten in ihr Land gelassen.

[1] http://www.fondapol.org/wp-content/uploads/2014/11/CONF2press-Antisemitisme-DOC-6-web11h51.pdf

[2] Ebenda, S. 21

[3] Ebenda, S. 22

[4] Ebenda

[5] Ebenda, S. 10

[6] Ebenda, S. 22

[7] Ebenda, S. 21

[8] Cécilia Gabizon: Les musulmans pratiquants ont plus de préjugés. Le Figaro, 7. Dezember 2005.

[9] http://global100.adl.org/#country/morocco/2014

[10] http://global100.adl.org/#country/algeria/2014

[11] http://global100.adl.org/#country/tunisia/2014

[12] http://www.theguardian.com/world/2015/nov/25/french-comedian-dieudonne-prison-sentence-hate-speech

[13] www.fondapol.org/wp-content/uploads/2014/11/CONF2press-Antisemitisme-DOC-6-web11h51.pdf, S. 22.

[14] Ebenda, S. 24

[15] Ebenda, S. 25

Die getrübte Zukunft des westeuropäischen Judentums

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die Zukunft der westeuropäischen Juden scheint getrübt zu sein. Je weiter man sich vom Holocaust entfernt, desto weniger Widerstand gibt es gegenüber dem Wiederaufkommen des Antisemitismus. Dieses Schüren von Hass ist mehr als tausend Jahre integraler Teil der europäischen Kultur gewesen.[1] Um Missverständnisse zu vermeiden: Das sollte nicht mit der falschen Äußerung durcheinander gebracht werden, dass die meisten Europäer Antisemiten seien.

Für viele westeuropäische Juden sind die Probleme in ihrem sozialen Umfeld durch die Zuwanderung von Millionen Antisemiten aus muslimischen Ländern, in denen die Mehrheit der Einwohner extreme Vorurteile zu Juden haben,[2] enorm verstärkt worden. Die verfügbaren Statistiken zeigen, dass sowohl der klassische Antisemitismus als auch antiisraelische Einstellungen bei europäischen Muslimen weit stärker verbreitet sind als bei den einheimischen Bevölkerungen.[3] [4] Schlimmer noch: Alle tödlichen Terroranschläge der letzen zehn Jahre gegen Juden in Europa, bei denen die Täter identifiziert wurden, sind von Muslimen begangen worden.[5] Zusätzlich entfallen viele der extremistischsten antisemitischen Äußerungen ebenfalls auf Mitglieder der muslimischen Gemeinschaften.

Darüber hinaus gibt es regelmäßige Kampagnen gegen jüdische Rituale. Bei der wichtigsten geht es um das religiösen Schlachten ohne Betäubung, das für koscheres Fleisch vorgeschrieben ist. Schon im späten 19. Jahrhundert war die Schweiz das erste europäische Land, das sie verbot. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das religiöse Schlachten ohne Betäubung auch in Schweden und Norwegen, teilweise durch die ideologische Einflussnahme der Nazis, verboten. In den letzten Jahren ist es in Dänemark und einem Großteil von Belgien verboten worden.[6] [7] In mehreren anderen Ländern gibt es Widerstand starker Tierschutzgruppen und manchmal antiislamischer Bewegungen gegen diese Art des Schlachtens. Die große Mehrzahl der ohne Betäubung geschlachteten Tiere in Europa entfällt auf das Halal-Schlachten.

Island hat eine Bevölkerung von weniger als 350.000. Es ist kein Mitglied der Europäischen Union. Das Land hat eine lange antisemitische Tradition.[8] Die Zahl der jüdischen Bürger ist immer winzig gewesen. Island wurde vor kurzem das erste europäische Land mit einem Gesetzesentwurf im Parlament, mit dem die männliche Beschneidung verboten werden sollte.[9] Das mögliche Verbot dieses Rituals wird auch zuweilen in anderen westeuropäischen Ländern diskutiert. Religiöse Juden können importiertes koscheres Fleisch essen, wenn betäubungsloses Schlachten in ihrem Land verboten ist. Doch ein viel größerer Prozentsatz der Juden als die, die koscher essen, lassen ihre Söhne beschneiden. Ein Verbot dieses Rituals würde das Überleben der jüdischen Gemeinden weit problematischer machen.

Analysiert man die Zukunft des europäischen Judentums, dann besteht ein weiterer wichtiger Faktor in der Natur der jüdischen Verbundenheit. Heutzutage gehört dazu die Verbundenheit durch Beteiligung an Religion, Feiertagen und Bräuchen, Bindung an die jüdische Gemeinschaft und Verbundenheit über Interesse an der jüdischen Kultur. Andere Arten der jüdischen Verbundenheit schließen Israel, Sensibilität für Antisemitismus sowie durch Holocausterfahrungen und Geschichte mit ein.

Beim Auftreten antisemitischer Aggression in der Öffentlichkeit sind die Gefahren nicht gleichmäßig auf alle Juden verteilt. Dem größten Risiko sehen sich die ausgesetzt, die als Juden erkennbar sind, zum Beispiel durch ihre Kleidung oder Physiognomie. Der Ernst des Problems hängt auch von der Stadt oder dem Viertel ab, in dem man lebt. Schwedens drittgrößte Stadt, Malmö, wird oft als Europas Hauptstadt des Antisemitismus betrachtet.[10] Aggression gegen Juden übertrifft in Malmö bei weitem die in Gemeinden wie dem Borough von Barnet im nördlichen London, wo viele Juden leben. Einige öffentliche Schulen, in denen jüdische Kinder lernen, können ebenfalls riskante Milieus sein, zum Beispiel in Deutschland.

In Sachen Aggression sind die nächsten in der Reihe Synagogen, jüdische Schulen und andere jüdische Einrichtungen. Auch jüdische Veranstaltungen, Restaurants und Geschäfte sind angegriffen worden.

Die Faktoren, die man bei der Diskussion der jüdischen Zukunft in Europa berücksichtigen muss, sind grundverschieden. Hohe Anteile an interreligiösen Ehen verwässern die jüdische Verbundenheit. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden mehrere jüdische Gemeinden durch Zuwanderung wie den massiven Zustrom nordafrikanischer Juden nach Frankreich in den 1950-er und 1960-er Jahren gestärkt.[11] Eine weitere Zuwanderungswelle bestand aus russischen Juden, die nach Deutschland kamen.[12] In Westeuropa scheint keine weitere derartige Massenzuwanderung bevorzustehen. Es mag viel kleinere Bewegungen an Israelis geben, die in einige europäische Städte ziehen. Viele davon beteiligen sich nicht an jüdischen Gemeindeaktivitäten.

Zu den Faktoren, die die Menschen davon abhalten ihre Heimatländer zu verlassen, selbst wenn sie das wollten, gehören fehlende berufliche und Sprachkenntnisse, die in Israel, den Vereinigten Staaten oder Kanada gebraucht werden. Familiäre Umstände bilden ebenfalls oft einen Grund dafür nicht wegzuziehen.

In den europäischen Ländern ist jüdische Auswanderung nicht gleichmäßig verbreitet. Oft ist Antisemitismus nicht der einzige Motivationsfaktor. In absoluten Zahlen fand die größte jüdische Emigration der letzten Jahre aus Frankreich statt.[13] Bei der Entscheidung es zu verlassen spielten auch wirtschaftliche Probleme des Landes eine Rolle. Wenn in Großbritannien die Labour Party – erschüttert von Antisemitismus und dem linksextremen Vorsitzenden Jeremy Corbyn – an die Macht kommt, dürfte die Emigration britischer Juden ebenfalls zunehmen.[14]

Wir haben zwar keine Daten dazu, aber die Annahme ist vertretbar, dass der Anteil derer, die wegziehen, bei denen am höchsten ist, die am aktivsten jüdisch sind. Der Kern des europäischen jüdischen Lebens scheint damit schneller zu erodieren, als der der eher marginal Beteiligten.

Infolge der vielen Faktoren, die im Spiel sind, können kaum präzise Vorhersagen gemacht werden. Doch eines ist klar. Unter den vielen Themen, die die jüdische Zukunft in Westeuropa bestimmen, gibt es wenig positive.

[1] https://heplev.wordpress.com/2015/06/29/warum-antisemitismus-teil-der-europaischen-kultur-ist/

[2] http://www.adl.org/news/press-releases/adl-global-100-poll

[3] https://heplev.wordpress.com/2018/01/22/muslimischer-antisemitismus-in-grossbritannien/

[4] https://heplev.wordpress.com/2018/02/06/der-in-grossbritannien-weit-verbreitete-antisemitismus/

[5] http://jcpa.org/book/the-war-of-a-million-cuts-the-struggle-against-the-delegitimization-of-israel-and-the-jews-and-the-growth-of-new-anti-semitism/ S. 163.

[6] http://www.theguardian.com/commentisfree/andrewbrown/2014/feb/20/denmark-halal-kosha-slaughter-hypocrisy-animal-welfare

[7] http://www.independent.co.uk/news/world/europe/belgian-region-walloon-bans-kosher-halal-meat-islam-jewish-a7723451.html

[8] http://www.jcpa.org/text/nordic.pdf, 219-239.

[9] ww.nytimes.com/2018/02/28/world/europe/circumcision-ban-iceland.html

[10] https://heplev.wordpress.com/2015/02/09/jahrzehnte-langes-schuren-von-antiisraelischem-hass-durch-schwedens-sozialdemokraten/

[11] http://www.theguardian.com/news/2015/jan/15/-sp-threat-to-france-jews

[12] http://jcpa.org/article/the-jewish-community-in-germany-living-with-recognition-anti-semitism-and-symbolic-roles/

[13] http://www.theguardian.com/world/2017/jan/12/rise-in-numbers-of-jews-leaving-europe-for-israel-is-not-an-exodus

[14] https://heplev.wordpress.com/2018/03/05/ein-britischer-premierminister-corbyn-die-juden-und-israel/

 

Die lange Geschichte der Progressiven und der Perversität

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Viele progressive Organisationen und Einzelpersonen behaupten, sie würden für eine bessere Welt werben. Die perversen Elemente unter ihnen beteuern moralische Meinungen zu haben, während sie selbst unmoralisch und korrupt sind. Im September 2001 kam in Durban (Südafrika) die Weltkonferenz gegen Rassismus (WCAR) zusammen. Sie wurde zur ersten großen Manifestation eines neuen Typus progressiver Perversität in diesem Jahrhundert. In direkter Nachbarschaft fand eine NGO-Konferenz mit tausenden teilnehmenden Organisationen statt, die bestenfalls als ein antiisraelisches Hassfest bezeichnet werden kann.

Irwin Cotler ist ehemaliger Justizminister und Generalstaatsanwalt Kanadas und ein führender Anwalt für internationales Menschenrecht. Er beschrieb die WCAR als „ein Fest des Rassismus gegen Israel und das jüdische Volk… Eine Konferenz, die sich der Förderung der Menschenrechte als der neuen säkularen Religion unserer Zeit widmete, sondert zunehmend Israel als eine Art geopolitischen Antichristen der Moderne aus.“[1]

Israel und/oder die Juden sind als Ziele progressiver Perverser überrepräsentiert, aber weit davon entfernt die einzigen zu sein, gegen die agiert wird. Kürzlich wurde die Scheinheiligkeit verschiedener internationaler humanitärer Hilfsorganisationen entlarvt. Oxfam UK gehörte zu den Führern der Schwindler. Sein Einsatzleiter in Haiti nach dem Erdbeben von 2010 nahm regelmäßig bezahlten Sex mit einer Minderjährigen in Anspruch.

Eine internationale Ermittlung führte 2011 zum freiwilligen oder erzwungenen Abzug von sieben des sexuellen Missbrauchs beschuldigten Mitarbeitern aus Haiti. Der detaillierte Bericht wurde Jahre lang geheim gehalten, aber viele hatte Zugang zu ihm. Dazu gehörte der Leiter der niederländischen Schwesterorganisation Oxfam Novib. Dieser machte den Bericht dem niederländischen Außenministerium sowie dem staatlichen Rechnungshof zugänglich.

Der Skandal wurde erst 2018 öffentlich. Danach kamen weitere Informationen zu sexuellem Missbrauch durch Beschäftigte von Oxfam UK an anderen Orten ans Tageslicht. Dasselbe geschah bei anderen Hilfsorganisationen, einschließlich Save the Children und Ärzte ohne Grenzen. Alle drei Organisationen haben sich als pseudomoralische Hetzer gegen Israel betätigt.[2]

Amnesty International veröffentlichte kürzlich seinen Jahresbericht. Auf ihrer Webseite lautet dessen Titel: „‘Politics of Demonization‘ breeding division and fear“[3]. Die Internetseite von NGO Monitors beinhaltet eine lange Liste der einseitigen Haltungen der Organisation gegen Israel. Man kann sagen, dass diese sich zu Dämonisierung aufsummieren.[4]

Progressive betrachten sich in der Regel selbst als im politischen Spektrum links stehend. Auch der Kommunismus behauptete eine progressive Bewegung zu sein. Seine Ideologie führte zu gigantischen Massenmorden, hauptsächlich in Russland und China. An seinen Rändern gab es Friedensbewegungen, deren Mitglieder an Zusammenkünften teilnahmen, die von kommunistischen Fassadenorganisationen organisiert wurden.[5] Heutzutage sind antifaschistische Bewegungen angeblich ebenfalls progressiv. Der Pariser Zweig der linksextremen Antifa hat zu Israels Vernichtung aufgerufen.[6]

Sozialdemokratische und Arbeitsparteien stehen ebenfalls auf der progressiven Seite der Politik. Unter ihren gewählten Repräsentanten findet man eine ganze Reihe Förderer perverser Äußerungen. Einmal mehr ist Israel ein gutes Beispiel, um die Heuchelei aufzudecken. Führende Politiker wie der verstorbene sozialdemokratische schwedische Premierminister Olof Palme[7] und der verstorbene griechische sozialistische Premierminister Andreas Papandreou haben Israel beschuldigt Nazimethoden anzuwenden.[8]

Die britische Labour Party hat unter ihren Repräsentanten eine Reihe klassischer Progressiver neben progressiven Perversen. Antisemitische Vorfälle gibt es in der Partei regelmäßig und die Täter werden bei Weitem nicht immer ausgeschlossen. Mehrere Grüne Parteien können ebenso in die oben diskutierte Kategorie einbezogen werden. Peter Pilz, ein altgedienter österreichischer Grünen-Parlamentarier, verließ die Partei und trat bei den Wahlen von 2017 mit einer eigenen Liste an, die den Einzug ins Parlament erreichte. Wegen Vorwürfen sexueller Belästigung nahm Pilz seinen Sitz nicht ein.[9] Er bezeichnete die Palästinenser als „Opfer“, auf deren Seite man sich stellen müsse und warb für partielle Sanktionen gegen Israel.[10]

Die Geschichte dieser perversen Progressiven reicht viele Jahrhunderte zurück. Erasmus von Rotterdam, der Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts lebte, wurde der „Fürst der Humanisten“ genannt. Der niederländische Theologe Hans Jansen untersuchte Erasmus‘ sogar für die damalige Zeit extremen Antisemitismus. Dieser „Humanist“ bezeichnete das Judentum als die „schlimmste Pest“. Er lehnte 1517, 25 Jahre, nachdem der letzten nicht konvertierte Jude das Land verlassen hatte, sogar eine Einladung nach Spanien ab; dazu sagte er, es gebe kein stärker „verjudetes Land“ als Spanien.[11]

Das größte Studentenaustauschprogramm der Europäischen Union ist nach diesem Hardcore-Antisemiten benannt.[12] Das Erasmus-Kolleg in Brüssel und die Erasmus-Universität in Rotterdam sind ebenfalls bestens bekannt. Auch viele andere Institutionen sind tragen den Namen Erasmus.

Der berühmte französische Aufklärungsphilosoph Voltaire aus dem 18. Jahrhundert war genauso Antisemit wie mehrere der französischen Vorläufer des Sozialismus im 19. Jahrhundert. Das Gleiche gilt für Karl Marx. Der verstorbene Robert Wistrich bietet in seinem Buch From Ambivalence to Betrayal, The Left, The Jews and Israel[13] viele weitere Beispiele progressiver Perverser.

Progressive Perversität überlappt sich zum Teil mit dem beschränkteren „humanitären Rassismus“. Progressive Perverse lügen oft zu Israel, wie es Palme und Papandreou machten. Humanitäre Rassisten mögen berechtigte Ansprüche an Israel stellen, schweigen aber zu gewaltigen Verbrechen der Palästinenser und ihrer Führung. Progressive Perverse und humanitäre Rassisten finden häufig willige Partner bei solchen Israelis und Juden, die weiter die Jahrtausende alte Tradition des jüdischen Masochismus fortführen.[14]

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die üblen Aspekte der rechtsextremen Bewegungen in vielen detaillierten Studien analysiert worden. Ähnlich eingehende Begutachtungen gegenwärtiger Progressiver sind längst überfällig.

[1] www.jpost.com/Opinion/Op-Ed-Contributors/Durban-and-911-ten-years-later

[2] http://tundratabloids.com/2018/03/dr-manfred-gerstenfeld-international-charities-sex-abuse-and-israel/

[3] Politik der Dämonisierung erzeugt Spaltung und Angst; http://www.amnesty.org/en/latest/news/2017/02/amnesty-international-annual-report-201617/

[4] http://www.ngo-monitor.org/ngos/amnesty_international/

[5] http://www.nytimes.com/1983/07/26/world/kgb-officers-try-to-infiltrate-antiwar-groups.html?pagewanted=all

[6] http://www.timesofisrael.com/french-antifa-calls-for-striking-a-blow-in-paris-over-us-jerusalem-recognition/

[7] Per Ahlmark, “Palme’s Legacy 15 Years On,” Project Syndicate, February 2001.

[8] Moses Altsech (Daniel Perdurant, pseud.): Anti-Semitism in Contemporary Greek Society. In: Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, 7, Jerusalem (Hebrew University) 1995), S. 10.

[9] http://www.reuters.com/article/us-austria-politics-pilz/austrian-party-leader-quits-parliament-over-accusation-of-sexual-assault-idUSKBN1D40H5

[10] https://derstandard.at/2000003933349/Peter-Pilz-und-die-Dummheit-Israels

[11] [xi] https://heplev.wordpress.com/2014/07/28/erasmus-furst-des-humanismus-der-renaissance-und-antisemit/

[12] http://www.erasmusprogramme.com/

[13]  Von Ambivalenz zu Verrat: Die Linke, die Juden und Israel – Robert Wistrich:  From Ambivalence to Betrayal: The Left, the Jews and Israel. Lincoln (Nebraska: University of Nebraska Press) 2012.

[14] http://www.jpost.com/Opinion/From-Abraham-to-Woody-Allen-The-Jewish-masochist-tradition-409614

Fünfzig Jahre intellektuelle französische Vorurteile gegen Israel

Ein Interview mit Simon Epstein (Veröffentlichung des Jerusalem Center for Public Affairs (JCPA), Bereich Antisemitismus und Nach-Holocaust; übermittelt von IMRA, 28.12.2002)

In den letzten Jahren hat Frankreich negativ herausgeragt, nicht nur durch viele gewalttätige Angriffe auf Juden und ihre Einrichtungen, sondern auch wegen der oft antisemitischen intellektuellen und Medien-Attacken auf Israel. Simon Epstein, Forscher am Vidal Sassoon International Center for Study of anti-Semitism [Vidal Sassoon – Internationales Zentrum für Antisemitismus-Studien] an der Hebräischen Universität in Jerusalem zeigt auf, dass die Ursprünge des intellektuellen französischen Antiisraelismus fast bis zur Zeit der Gründung des jüdischen Staates zurückreichen. Um eine Vorstellung der heutigen Probleme zu bekommen muss man ein besseres Verständnis ihrer historischen Entwicklung haben.

Das sowjetische „Ärzte-Verfahren“

Epstein führt ausführlich einen frühen, besonderen Tiefpunkt des moralischen Missbrauchs des Zionismus auf: „Im November 1947 stimmte die Sowjetunion bei den Vereinten Nationen für die Schaffung des jüdischen Staates; daher hatten die französischen kommunistischen Intellektuellen eine positive Haltung zu Israel. Als nach ein paar Jahren die Sowjetunion begann, eine antizionistische und antisemitische Haltung einzunehmen, drehten sich auch die Ansichten vieler französischer Kommunisten.“ Im Januar 1953 brachte die Zeitung „Prawda“ die Nachricht von der Anklage gegen neun Ärzte, von denen sechs Juden waren. Ihnen wurde vorgeworfen, den Tod führender Sowjets durch falsche Diagnosen und Behandlungen herbei geführt und weitere Morde geplant zu haben. Gleichzeitig intensivierte die sowjetische Presse ihre Kampagne gegen ‚Kosmopolismus und Zionismus’.

Französische kommunistische Intellektuelle organisierten größere Solidaritäts-Kundgebungen in Paris zur Unterstützung der offiziellen sowjetischen Haltung zum ‚Ärzte-Komplott’. Die Organisatoren sorgten dafür, dass es genug Juden unter den vielen Rednern auf dem Podium gab. Schlüsselrednerin war Annie Kriegel, die später eine glühende Antikommunistin und pro-zionistisch wurde und für die rechts gerichtete Zeitung ‚Le Figaro’ schrieb.

Die Botschaft der Redner war Furcht erregend. Viele erklärten, dass es normal sei, dass Ärzte Menschen vergifteten. Man müsse sich nur Mengeles Rolle in Auschwitz ansehen. Wenn er fähig war zu tun, was er tat, warum sollten andere Ärzte nicht Gift benutzen? Ein jüdischer Arzt war unter denen, die öffentlich diese Meinung vertraten. Als Arzt war er Zeuge dafür, dass der Vorwurf nicht absurd war. Er gründete seine Haltung auch auf das Fehlverhalten deutscher Ärzte im Zweiten Weltkrieg und erklärte, es könne nicht definitiv ausgeschlossen werden, dass Juden oder Zionisten sich entschieden sowjetische Prominente zu vergiften. (Jahre später bereute er seine Worte sehr.)“

Die Instrumentalisierung der jüdischen Gemeinden

„Die moralische Verirrung dieser ‚Zeugen’ war so schlimm, weil Frankreich – anders als die UdSSR – ein freies Land war. Die Redner sprachen freiwillig. Kommunistische Organisationen arrangierten auch eine groß angelegte Medienkampagne. Intellektuelle schrieben Artikel über die ‚kriminellen Ärzte’ oder unterschrieben Petitionen gegen sie. Wieder achteten die Organisatoren der Kommunistischen Partei darauf, dass unter den Unterzeichnern viele Juden waren.

Zu dieser Partei gehörten als jüdisch identifizierbare Organisationen wie die ‚Union des Sociétés Juives de France’ und die MRAP-Bewegung gegen Rassismus. Beide wurden zur Agitation im ‚Ärzte-Komplott’ mobilisiert. Viele antisemitische Themen der damaligen Zeit kamen in antiisraelischen Kampagnen nach dem Sechstage-Krieg 1967 wieder auf.

Die ursprüngliche Intensität dieser Kampagnen war weit geringer als die in der Vorkriegszeit. Die Kommunisten griffen den Zionismus an, während sie – wie die Sowjetunion – immer Israels Existenzrecht anerkannten. In den 1950-ern dominierten sie die französische Linke. Der Trotzkismus war damals eine sehr kleine Gruppe, die erst zwanzig Jahre später zulegte, nach den Ereignissen vom Mai 1968, als der Kommunismus Kraft zu verlieren begann.

Ungefähr zur gleichen Zeit gewann die extreme Recht in Frankreich an Boden. 1953 waren alle nach dem Krieg verurteilten Kollaborateure wieder frei. Viele nahmen an der demokratischen französischen Gesellschaft teil, wo jedermann Versammlungsfreiheit und das Recht zur freien Meinungsäußerung hat. Die rechtsextreme Presse veröffentlichte wieder antisemitische Artikel. Eine rechtspopulistische Bewegung unter der Führung von Pierre Poujade gewann damals rund 50 Sitze im Parlament. Sie konzentrierte ihre Angriffe auf Pierre Mendés Frankreich, einen progressiven Juden, der 1954 Premierminister geworden war. Die antizionistische Publicity wurde fast komplett von den Kommunisten gefüttert.“

Die Charakteristika des französischen Intellektualismus

Epstein erklärt die vielfältigen Abweichungen des französischen Intellektualismus, indem er sich auf seine allgemeinen Charakteristika bezieht: „Er ist gekennzeichnet durch eine Tendenz zum Extremismus. Die Haltung des französischen Intellektuellen ist von der Notwendigkeit geprägt, die absolute Moral zu repräsentieren und das Gefühl zu geben, dass seine Analyse die einzig gerechtfertigte ist. Er muss kontrovers sein und Feinde definieren; Nuancen und Zwischenpositionen sind nicht gestattet.

Ein anderes Charakteristikum betrifft die Art, wie der Intellektuelle sich ausdrückt: Sprache, die sehr wichtig ist, muss immer komplex sein und rhetorische Aspekte beinhalten. Denken trennt sich von der Wirklichkeit und ist in theoretische Konstruktionen eingebettet, die auf eine absolute Welt zielen. Die Kombination dieser Merkmale regt zu größeren intellektuelle Verdrehung an.“

Epstein zeigt ein nicht mit der Sache verbundenes Beispiel desselben Phänomens auf: „Seit den 1970-ern sind viele französische Denker an der Rolle von Worten und der Vielzahl von Konzepten interessiert. Sie haben ganze Schulen von Intellektuellen geschaffen, deren Worte unverständlich sind. Wenn sie vor einer Zuhörerschaft stehen, stoßen sie endlos Abstaktionen aus, ohne einfache Worte zu benutzen. Das führt zu einem absurden Intellektualismus, den es auch in den Sozialwissenschaften andernorts gibt, der aber ursprünglich in Frankreich entwickelt wurde.“

Der Erfolg des Marxismus

„Der marxistische Intellektualismus war weit mehr als ein Wortspiel. Die Faszination, die der Marxismus auf wichtige Teile der französischen Linken ausübte, führte zu einem weitaus größeren Anteil Intellektueller, die von ihm angezogen wurden, als andernorts im Westen; möglicherweise war Italien eine Ausnahme. Er wurde im Nachkriegs-Frankreich besonders unter Intellektuellen, als orthodoxer Kommunismus wie auch in verschiedenen trotzkistischen Formen, extrem erfolgreich.

Dafür gab es viele Gründe. Der Marxismus ist eine hervorragendes theoretisches Konstrukt, der eine faszinierende Welt öffnet, die ganze Generationen anzog. Hatte man ihn einmal akzeptiert, konnte man für alles Erklärungen finden, von kurzfristigen Fragen bis zu langfristigen Entwicklungen. Er war ein kompliziertes System, anwendbar auf Politik wie auf die Geschichte.

Andere Faktoren spielten ebenfalls eine Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfreute sich die UdSSR großer Wertschätzung angesichts ihres wichtigen Beitrags zur Niederschlagung des Nationalsozialismus. Dieser Status vergrößerte das Prestige des Marxismus und die Faszination seiner alles umfassenden Theorie.“

Ein weiteres vollständiges System: der Faschismus

Epstein stellt heraus, dass in den 1930-ern der Faschismus auch ein vollständiges System mit ähnlichen Charakteristika war und zunehmend die Intellektuellen anzog. Einige Antifaschisten änderten ihre Ansichten 1933 oder 1934 radikal, darunter Ramon Fernandez und Pierre Drieu la Rochelle. Unter den Nazis wurden der letztere Herausgeber des führenden Literaturmagazins Nouvelle Revue Française (NRF). In ihren späteren Werken findet sich eine ästhetische Faszination durch den Faschismus, der ebenfalls auf alle Fragen eine Antwort hatte.

„Die Attraktivität des Faschismus für die Intellektuellen, die vorher gegen Antisemitismus geschrieben hatten, war sehr weit verbreitet. Unter den ersten, die ihn 1933 unterstützten, waren Pazifisten, die gegen den Krieg gegen Deutschland waren. Sie interessierte nicht, was mit den deutschen Juden passierte. Andere änderten ihre Meinung 1936 und viele weitere folgten 1938 zur Zeit des Münchener Abkommens. Sie behaupteten, dass die Juden für einen möglichen Krieg verantwortlich sein würden. Viele Intellektuelle, die vorher gegen den Antisemitismus geschrieben hatten, wurden entweder moderat oder extreme Antisemiten. Dieser Wechsel von pro-jüdischen Ansichten zum Antisemitismus war ein wichtiges Phänomen der 1930-er Jahre.“

Epstein beschäftigte sich mit einem Aspekt dieses Phänomens in einem Buch über die Ansichten früherer Unterstützer von Dreyfus unter der deutschen Besatzung, für die er eine Auszeichnung der Académie Française erhielt. Seine wichtigste und überraschendste Erkenntnis ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der während der „Affäre“ ein aktiver, glühender und bekannter Dreyfus-Anhänger war, mit großer Wahrscheinlichkeit später ein Antisemit würde.1

Epstein arbeitet jetzt an einem neuen Buch, das sich mit einem weit größeren Querschnitt der französischen Intellektuellen und Politiker beschäftigt, die den Juden half und vor dem Zweiten Weltkrieg gegen Rassismus und Antisemitismus protestierte. Unter der Vichy-Regierung und der deutschen Besatzung war die Mehrzahl davon für eine von verschiedenen Formen der Kollaboration.2 „Dieser bedeutende Schritt vom Philosemitismus zum Antisemitismus hat eine doppelte Bedeutung. Er bestätigt die vielfältigen linken Wurzeln der Kollaboration mit Deutschland. Er zeigt auch die Zerbrechlichkeit des Philosemitismus und aller Systeme der jüdischen Verteidigung gegen den Antisemitismus.

Die Suche nach dem Absoluten offenbart sich in verschiedenen Formen des französischen Intellektualismus. Frankreich übernahm z.B. die intellektuelle Führung der Verleugnung des Holocaust nach dem Krieg, als ob es die Deutschen nach deren Niederlage unterstützen müsste. Das kann kaum erklärt werden.“

Nach dem Sechstage-Krieg

„Nach dem Sechstage-Krieg und den Ereignissen vom Mai 1968 brach der Antizionismus ein zweites Mal aus. Seine Studentenführer gehörten verschiedenen Fraktionen an. Einige waren Trotzkisten, andere extrem linke Intellektuelle. Zu ihnen gehörten viele Juden wie Alain Krivine, Führer der trotzkistischen Partei. Einige waren Kommunisten, die regelmäßig gegen Israel in der kommunistischen Zeitung L’Humanité schrieben.

Im Juni 1967 beschrieb Benoit Frachon, ein Führer der französischen kommunistischen Partei, die israelische Siegesfeier in Jerusalem mit den folgenden Worten: ‚Die Anwesenheit führender Persönlichkeiten aus der Finanzwelt gaben der Zeremonie einen anderen Charakter als die religiöse Inbrunst, als die, die die teilnehmenden wahren Gläubigen dort finden wollten. Das Spektakel machte den Eindruck, als ob – wie im Faust – Satan das Fest dirigierte. Nicht einmal das goldene Kalb fehlte, das seine diabolischen Machenschaften ins Auge fasste. Tatsächlich deuteten Informationen darauf hin, dass an diesen Orgiasmen zwei Vertreter des kosmopolitischen Stammes der Bankiers teilnahmen, die in allen Ländern der Welt bekannt waren: Alain und Edmond de Rothschild.’3

Andere, die Israel angriffen, waren linke Gaullisten wie Jacques Debé-Bridel und Emmanuel d’Astier de la Vigerie. Beide waren in der Resistance und hatten vor dem Krieg zur extremen Rechten gehört. Andere wieder, nicht weniger vehement antiisraelisch eingestellt, wie Georges Montaron, hatten einen katholisch-sozialen Hintergrund. Im links orientierten katholischen Journal Témoignage Chrétien konstruierte er eine Analogie zwischen Christus und den Palästinensern.

In dieser Athmosphäre verursachte de Gaulles Erklärung vom November 1967 über das jüdische Volk, sie seien ein Volk, das ‚sehr von sich überzeugt und elitär ist und zu Dominanz neigt’, eine riesige öffentliche Debatte über die Loyalität der Juden zu Frankreich. Der jüdische politische Philosoph Raymond Aron griff in die Diskussion ein und warf de Gaulle vor, er habe alte antisemitische Mythen wieder aufleben lassen.“4

Unterstützung der PLO

„Von 1967 bis 1973, als der verbale Antizionismus stark war, schien der klassische Antisemitismus unbedeutend. Die extreme Rechte war politisch schwach. Es gab in dieser Zeit wenige gewalttätige Zwischenfälle gegen Juden und viele Juden dachten, dass der Antisemitismus schließlich vorbei sei. Sie waren sich des Antizionismus bewusst, dachten aber, dass die alten, antijüdischen Vorurteile zweifellos verschwunden waren.

Als die PLO erstmals öffentlich auftauchte, akzeptierten die Intellektuellen der extremen Linken ihre gesamten Argumente. Sie unterstützten die Palästinenser vollkommen und erklärten Israel für ungesetzlich; sie drückten ihre Befürwortung der Elimination Israels und an seiner Stelle der Schaffung eines demokratischen und säkularen Palästina aus.

Die einzige dominante Persönlichkeit aus der extrem linken Umgebung, der sich von der antizionistischen Kampagne distanzierte, war der Philosoph Jean-Paul Sartre. Der israelische Historiker Eli Ben Gal, der ihm damals besonders nahe stand, war Zeuge dafür.

Jüdische Reaktionen

„Viele jüdische Intellektuelle ragierten gegen die Angriffe auf Israel. Unter den wichtigsten war Jacques Givet mit seinem Buch von 1968 ‚Die Linke gegen Israel?’5, in dem er seine systematische Antwort auf die antiisraelische Propaganda gab. Er benutzte den Begriff ‚Neo-Antisemitismus’ für den Antisemitismus derer, die sagten, sie seien gegen Antisemitismus.

Léon Poliakov veröffentlichte 1969 ein kleines, heftiges Buch zum Antizionismus, in dem er erklärte, dass er eine Form des Antisemitismus war.6 Poliakov war gut vorbereitet das zu tun, da er der erste war, der eine verständliche Geschichte des Antisemitismus schrieb, für die er hauptsächlich bekannt war – was seine Studie in ein neues Feld der Wissenschaft verwandelte. Vorher erschien es auszugsweise in jüdischen Geschichtsbüchern. Auch Poliakov widmete seine Aufmerksamkeit dem Konzept des ‚neuen Antisemitismus’.

Beide Autoren unterschieden zwischen moderatem und extremem Antizionismus. Die erste Kategorie unternimmt eine falsche Gleichsetzung zwischen terroristischen Angriffen und israelischer Vergeltung, indem sie verdrehte Grunddaten des israelische-arabischen Konflikts benutzt. Die zweite kritisiert regelmäßig die Rothschilds – das Symbol des jüdischen Reichtums – als Helfer Israels. Sie werfen auch pro-israelischen Juden vor, mehr Israelis als Franzosen zu sein und verweigern Israel das Recht als normaler Staat zu existieren. Sie betrachten die Juden damit als das einzige Volk der Erde, das nicht einen eigenen Staat haben darf.

Außerhalb Frankreichs wurd das sehr klar von Daniel Elazar erkannt, der schrieb: ‚Das Absterben der Nachkriegsgeneration Mitte der 70-er Jahre markiert unter anderem das Verschwinden eines Tabus gegen Judenhass. Jetzt, in den frühen Jahren der zweiten Generation nach dem Holocaust, muss das jüdische Volk verstehen lernen, dass wir einer neuen Situation gegenüber stehen, einer, die dass gewisse Ausdrucksarten des Antisemitismus relative Straffreiheit gestattet.’7

Der Krieg im Libanon

„1982 – während und nach dem Libanon-Krieg – gab es einen neuen Ausbruch des Antizionismus, der oft in offenen Antisemitismus abglitt. Wieder ging die verbale Gewalt der linken Intellektuellen sehr weit. Es gab Boykott-Aufrufe gegen Israel und das Vokabular der Shoah wurde benutzt, als im August 1982 die Belagerung von Beirut diskutiert wurde. Der Krieg war viel kürzer als der jetzige und die Angriffe entwickelten sich nicht so detailliert.

Der Philosoph Alain Finkielkraut (1983) brachte verschiedene Beispiele von Nazi-Metaphern, die gegen Israel angewendet wurden. Die französische Zeitung ‚Libération’ schrieb, dass die Überlebenden jetzt ihren Verfolgern [also den Nazis] ähnelten. ‚Témoignage Chrétien’ nannte die Palästinenser von West-Beirut‚ die Kämpfer des Warschauer Ghettos’.8 Die falsche Gleichsetzung mit der Shoah konzentrierte sich auf eine andere wichtige Parallele: das französische Dorf Oradour, das mitsamt seinen Einwohnen 1944 von den Deutschen nieder gebrannt wurde – ein Symbol, das heftige Vergleiche hervor rief.

Diese Verdrehungen zeigen die falsche Interpretation der israelischen Intervention von 1982 auf: Begeisterung für den heldenhaften palästinensischen Widerstand, Dämonisierung des israelischen Premierministers Menachem Begin. Dies wurde begleitet von Vorwürfen, dass Israel Kriegsverbrechen beging, besonders nach der Tragödie von Sabra und Schatila. Die zweite Verdrehung war mit dem Wiederaufkommen grundsätzlicher antizionistischer Behauptungen verbunden, wobei die Unrechtmäßigkeit des Staates Israel betont wurde und das Konzept des ‚kriminellen Staates’ entwickelt wurde.

Die Angriffe nahmen manchmal lächerliche Formen an. Eines Tages sah ein Reporter von ‚Le Monde’, wie israelische Soldaten ihn passierten. Er schrieb, dass die Nachlässigkeit ihrer Kleidung die libanesische Bevölkerung beleidige. Ein paar Tage später sah er reguläre israelische Truppen vorbei kommen und schreib, dass die Korrektheit ihrer Kleidung die libanesische Bevölkerung beleidige. Dies ist nur ein sehr kleines Beispiel der Befangenheit der Medien.

Die Intellektuellen offenbarten sich mit dem Beginn der Intifada 1988 erneut gegen Israel; die verbale Gewalt war viel geringer als 1982, obwohl die Themen die gleichen waren. Sie rifen zu einem Boykott Israels auf. Israel wurde mit Nazi-Begriffen beschrieben und blähten Israels Taten auf, so dass sie als schwere Gräueltaten dargestellt wurden. Trotzdem blieben die verbalen Attacken deutlich unter dem derzeitigen Niveau.“

Physische Gewalt

„Die Wellen verbaler antiisraelischer Gewalt von den linken Intellektuellen sollte nicht mit den physischen Angriffen in Frankreich durcheinander gebracht werden. Physischer und intellektueller Antisemitismus folgen nicht denselben Zyklen; sie arbeiten mit unterschiedlichem Rhythmus. Manchmal mögen sie sich treffen, so wie in den letzten zwei Jahren, als es bedeutende verbale Gewalt gegen Israel gab und gleichzeitig viele physische Angriffe.“ Vor einigen Jahren erklärte Epstein in einem Aufsatz: „Die erste Welle, die ‚Hakenkreuz-Epidemie’ genannt werden sollte, wurde in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Lateinamerika beobachtet. Sie begann mit der Schändung einer Synagoge in Köln am 25. Dezember 1959 durch zwei junge Deutsche, die zügig festgenommen und schwer bestraft wurden. 685 Vorfälle wurden in Deutschland registriert, über 600 in den USA. Insgesamt wurden fast 2.500 Vorfälle an 400 Orten in der gesamten Welt gezählt.“9 Trotzdem kamen nach den Vereinbarungen von Evian 1962 viele algerische Juden in Frankreich an und sie wurden nicht mit wesentlichem Antisemitismus konfrontiert.

Die zweite, weitaus intensivere Welle physischer Gewalt begann 1974/75 und erreichte ihren Höhepunkt in den frühen 80-er Jahren. Synagogen wurden angezündet. Der dramatischste Vorfall in Frankreich war eine Bomber vor der Synagoge in der Kopernikusstraße in Paris im Oktober 1980, die 10 Passanten tötete.10

Die 80-er Jahre

„1982 traf der intellektuelle anitiisraelische Zyklus mit dem Ende des zurückgehenden klassischen, gewalttätigen antisemitischen Zyklus zusammen. Damals wie heute wurden eine Reihe neo-antisemitischer Symposien abgehalten. Mitte der 80-er Jahre ging die antisemitische Gewalt deutlich zurück.

1987 stieg die Zahl der Vorfälle physischer Gewalt erneut an; diese dritte Welle erreichte 1992 ihren Höhepunkt. Es ist nicht klar, was diesen Zyklus auslöste. Es konnte nicht die palästinensische Intifada sein, denn diese begann deutlich früher. Es schien fast so, als hätte die Gewalt einen natürlichen Rhythmus.

Die physischen Angriffe nahmen in der Zeit von 1990 bis 1992 zu. 1990 wurde der jüdische Friedhof von Carpentras geschändet. Ursprünglich wurde die extreme Rechte beschuldigt. Die gesamte Linke, einschließlich Präsident Mitterand und vieler Intellektueller, beteiligte sich an großen antifaschistischen Protest-Demonstrationen im Mai 1990. Ab 1992 ging die pyhsische Gewalt wieder zurück und eine Reihe ruhiger Jahre folgte. Die neue Welle von Anschlägen begann kurz vor dem Jahr 2000.

Die Gegenwart

„In den letzten beiden Jahren traf die Kampagne der physischen Gewalt klar mit der intellektuellen zusammen. Es gab sogar viel mehr gewalttätige Vorfälle als früher in einer gleichen Zeitspanne. Im Gegensatz zu früheren Wellen werden nach Schätzungen sind aber 80 Prozent der Täter junge Leute aus dem Kreis der maghrebinischen (arabischen) Immigranten. Die restlichen 20 Prozent sind, wie in der Vergangenheit, extrem rechte Rowdies. Das führt zu vier wichtigen Erkenntnissen:

1. Die Zahl der Anschläge in Frankreich ist vergleichsweise höher als jedem anderen Land. Das liegt daran, dass es unter den wichtigen westlichen Ländern das ist, dessen muslimische Bevölkerung vornehmlich arabisch ist.

2. Antijüdische Gewalt ist nicht ausschließlich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt verbunden, wenn auch von ihm ausgelöst. Es gibt viele Hinweise darauf, dass diese Angriffe auch eine gesellschaftliche Basis haben, da die maghrebinische Jugend die Juden mit Geld und Macht identifiziert.

3. Ein sorgfältiger Blick auf die Statistiken zeigt einen Zuwachs an Vorfällen vor dem Beginn der Intifada.

4. Es gibt eine Verbindung zum Aufstieg der extremen Rechten in den letzten zwei Jahren, der seinen Höhepunkt in der Präsidentenwahl im Frühjahr 2002 erreichte als der Führer der ‚Front National’, Jean-Marie Le Pen, den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin für die Stichwahl ausstach.

Die Welle der intellektuellen und Medien-Feindseligkeit gegen Israel und die Juden drückte sich in fehlenden Reaktionen auf die Brandanschläge auf Synagogen und jüdische Zentren aus, besonders in linken Kreisen, die in der Vergangenheit sehr heftig auf antisemitische Vorfälle reagierten, die von der extremen Rechten begangen wurden. Die Vorfälle wurden klein geredet, weil sie von jungen arabischen Immigranten begangen wurden.

Diese Entwicklung geschieht vor dem Hintergrund der Entdeckung der Politischen Parteien, dass die arabische und muslimische Bevölkerung eine große Wählergruppe ist. Der sozialistische Stratege Pascal Boniface schrieb z.B. eine Studie für seine Partei, in der er betonte, dass es in Frankreich zehnmal mehr Muslime als Juden gibt, womit er andeutete, dass es eine konsequente Hinwendung zu einer stärke pro-palästinensischen Position geben sollte. Er veröffentlichte auch einen Artikel hierzu in ‚Le Monde’, der viel Polemik auslöste.“12

Betäubendes Schweigen begleitet neue Anschläge

„Das taub machende Schweigen über die gewalttätigen antisemitischen Vorfälle ist begleitet von einem Strom verbaler Angriffe auf Israel, die Behauptungen früherer antizionistischer Kampagnen wieder aufwärmen. Die Moderaten vergleichen Sharon mit Milosevic; die Extremisten vergleichen ihn mit Hitler.

Ein extremes Beispiel der linken Verdrehungen war ein Artikel, der von Sara Daniel im führenden intellektuellen Magazin ‚Le Nouvel Observateur’ geschrieben wurde, das von ihrem Vater Jean herausgegeben wird. Der Artikel beschäftigte sich mit den Ehrenverbrechen gegen Frauen, die in der arabischen Gesellschaft illegitimer sexueller Beziehungen verdächtigt werden. Darin wurde ganz nebenbei erwähnt, dass israelische Soldaten gezielt palästinensische Frauen vergewaltigten, weil sie wissen, dass diese, nun entehrt, bei ihrer Heimkehr getötet würden. Israelische Soldaten werden so als machiavellische Vergewaltiger dargestellt. Dieser Abschnitt wurde aus einer militanten palästinensischen Quelle ohne jegliche Glaubwürdigkeit übernommen, ohne diese zu benennen. Daniel stellte es als Tatsache dar. Ihr Vater wurde zu einer Entschuldigung aufgefordert und kam dem halbherzig nach.13

Gleichzeitig wurde ein anderes schockierende Phänomen bekannt: Lehrer, die den Holocaust in französischen Klassenzimmern erwähnen, werden von Schülern maghrebinischer (arabischer) Herkunft eingeschüchtert, die nicht wollen, dass die Shoah gelehrt wird. Eine Art islamistischer Zensur zum Lehren über die Shoah ist aufgekommen – ein weit verbreitetes und gut dokumentiertes Phänomen.14

Die derzeitige Betonung des ‚neuen Antisemitismus’ ist daher sinnlos. Mehrere Autoren haben Bücher zu diesem Thema veröffentlicht, in denen sie die Geschichte vergessen und annehmen, alles beginne heute.15 Frankreichs anerkanntester Antisemitismus-Forscher, Pierre-André Taguieff, untersucht bereits seit 1980, was er ‚die neue Judeophobie’ nennt.16 Wenn ich höre, wie Leute über Antisemitismus reden, wundere ich mich immer wieder, ob sie nur einfach ignorant gegenüber der Vergangenheit sind.“

Das Interview führte Manfred Gerstenfeld

Dieses Interview basiert auf Dr. Epsteins Vortrag „Neue und alte Elemente des französischen Antisemitismus – Beobachtung, Analyse und Kampf“, der in der ersten Serie der Herbert Berman-Gedächtnis-Vorträge der JCPA am 24. April 2002 gehalten wurde.

Simon Epstein kam 1974 nach Jerusalem. In Frankreich war er vorher Generalsekretär der französischen Zionistischen Vereinigung.. Er arbeitete als Wirtschaftsexperte in der Haushaltsabteilung des israelischen Finanzministeriums. Seit 1982 hat er Bücher und Artikel zu Antisemitismus und Rassismus veröffentlicht. Er ist ein frührer Direktor des Vidal Sassoon International Center for Study of anti-Semitism an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er nun seine Forschungen betreibt. Er lehrt auch an der Hebräischen Universität.

Anmerkungen:
1. Simon Epstein, Les Dreyfusards sous l’Occupation, Paris, Albin Michel, 2001.
2. Simon Epstein, Les Antiracistes dans la Collaboration (vorläufiger Titel, Veröffentlichung geplant).
3. L’Humanité, 16. Juni 1967.
4. Raymond Aron, De Gaulle, Israél et les Juifs, Paris, Plon, 1968. [französisch]
5. Jacques Givet, La Gauche contre Israél, Paris, Jean-Jacques Pauvert, 1968.
6. Léon Poliakov, De l’antisionisme é l’antisémitisme, Paris, Calmann Lévy, 1969. Vgl. auch zum gleichen Thema, aber weniger wissenschaftlich und in polemischerem Stil: Paul Giniewski, L’antisionisme, Brussels, Librairie Encyclopédique, 1973.
7. Patterns of Prejudice, Vol. 16, No. 4, Oktober 1982
8. Alain Finkielkraut, La Réprobation d’Israél, Paris Denoél/Gonthier, 1983, S. 122-123. Siehe auch zum gleichen Thema: Annie Kriegel, Israel est-il coupable?, Paris, Robert Laffont, 1982.
9. Simon Epstein, „Cyclical Patterns in Antisemitism: The Dynamics of Anti-Jewish Violence in Western Countries since the 1950s,“ Acta no. 2, Jerusalem, The Hebrew University of Jerusalem, 1993.
10. Simon Epstein, Cry of Cassandra: The resurgence of European anti-Semitism, Bethesda, National Press, 1985.
11. Quoted in L’Arche, März 1983.
12. Pascal Boniface, „Lettre é un ami israélien,“ Le Monde, August 4, 2001. Siehe auch vom selben Autor: „Est il interdit de critiquer Israél?“ Le Monde, 31. August 2001.
13. Siehe Jean Daniel, „Pour cinq lignes que nous regrettons.une erreur et une cabale,“ Le Nouvel Observateur, 22. November 2001.
14. Siehe z.B.: Eric Conan, „Islam, ce que l’on n’ose pas dire.“ L ‚Express, 12. September 2002.
15. Gilles William Goldnadel, Le nouveau bréviaire de la haine, Paris, Ramsay, 2001 und Raphael Draé, Sous le signe de Sion. L’antisémitisme nouveau est arrivé, Paris, Michalon, 2001.
16. Pierre-André Taguieff, La Nouvelle Judéophobie, Paris, Mille et Une Nuits, 2002.

Polen, Holocaust-Verdrehung und das neue Gesetz

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Das unlängst verabschiedete Gesetz zur Rolle Polens im Holocaust und den damit zusammenhängenden Themen sind komplex. Polen sind Jahrzehnte lang zurecht wegen der Bezeichnung „polnische Todeslager“ vor den Kopf gestoßen gewesen. Dieser Begriff wurde von ehemaligen Nazis im deutschen Geheimdienst etwa 10 Jahre nach dem Krieg geprägt.[1] Fakt ist, dass Todeslager wie Belzec, Treblinka, Sobibor und Auschwitz-Birkenau von den deutschen Besatzern auf polnischem Boden errichtet und betrieben wurden.

Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts lautete die geläufige historische Darstellung zu Polen während des Zweiten Weltkriegs, dass etwa drei Millionen nichtjüdische Polen und drei Millionen polnische Juden von den Deutschen ermordet wurden. Mehrere Polen halfen Juden zu verstecken. Der polnische Widerstand lieferte den jüdischen Kämpfern im Warschauer Ghetto Waffen.

Der vielleicht berühmteste Pole, der Juden half, war der außergewöhnlich mutige Jan Karski. Ende 1942 wurde er ins Warschauer Ghetto und wieder hinaus geschmuggelt, ebenso in ein Transitlager und wieder hinaus, wo er die Schrecken sah, die die Juden erlitten. Karski schaffte es hinterher nach London zu reisen, wo er der polnischen Exilregierung und ranghohen britischen Behördenvertretern, darunter Außenminister Anthony Eden, einen Bericht ablieferte. Im Juli 1943 traf Karski den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, um ihm dieselben Daten und einen Appel zu handeln übergeben.[2] Seine Mission brachte keine Ergebnisse.

Der Historiker David Bankier wies darauf hin, dass „die meisten polnischen Untergrundorganisationen glaubten, das Polen nach Hitler werde ein Land ohne Juden sein… Die Übriggebliebenen würden Polen nach dem Krieg verlassen müssen. Diese Ansicht wurde sogar in der Oragnisation Zegota vertreten, dem vom polnischen Widerstand gegründeten Rat für die Hilfe für Juden. Dazu gehörten Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, am auffälligsten die tiefgläubige Katholikin, berühmte Schriftstellerin und Mitgründerin der Zegota Zofia Kossak-Szczucka. Sie glaubte, dass Polen kein Land war, in dem Juden leben sollten; das lässt sehr stark erkennen, wie die wahren polnischen Gefühle damals aussahen.“[3]

Bankier fuhr fort: „In einem im August 1943 geschriebenen Artikel mit dem Titel ‚Wem helfen wir?‘ fasste Kossask-Szczucka ihre Gedanken zu polnischen Nachkriegshaltungen gegenüber den Juden zusammen: ‚Heute sehen sich die Juden der Auslöschung gegenüber. Sie sind die Opfer ungerechter mörderischer Verfolgung. Ich muss sie retten. ‚Tu andren, was du möchtest, dass sie dir tun.‘ Dieses Gebot verlangt, dass ich alle mit zur Verfügung stehenden Mittel einsetze um andere zu retten, genau die Mittel, die ich für meine eigene Rettung nutzen würde.

Sicher wird die Lage nach dem Krieg anders sein. Für die Juden und mich werden dieselben Gesetze gelten. An diesem Punkt werde ich den Juden sagen: ‚Ich habe euch gerettet, euch Unterschlupf gewährt, als ihr verfolgt wurdet. Um euch am Leben zu erhalten, riskierte ich mein Leben und das derer, die mir nahe standen. Jetzt droht euch nichts mehr. Ihr habt eure eigenen Freunde und auf manche Weise geht es euch besser als mir. Jetzt fordere ich, dass ihr geht und euch woanders niederlasst. Ich wünsche euch Glück und werde euch liebend gerne helfen. Ich werde euch nichts zuleide tun, aber in meinem Heim will ich alleine leben. Ich habe das Recht dazu.‘“[4]

Am Anfang dieses Jahrhunderts wurden weitere Fakten entdeckt, die zu radikal neuen Sichtweisen über die polnische Holocaust-Geschichte führten. Jan Gross, amerikanischer Historiker polnischer Abstammung, schrieb das Buch Neighbors (Nachbarn). Darin wird die Geschichte der polnischen Einwohner von Jedwabne erzählt, die fast alle örtlichen Juden ohne jegliche deutsche Einmischung ermordeten.[5] Zwei Dokumentationen zum Massenmord von Jedwabne wurden von Agnieszka Arnold erstellt.[6]

Die Offenbarungen zu den Morden in Jedwabne sorgten in Polen für große Erschütterung. Das Selbstbild des Landes wurde massiv in Mitleidenschaft gezogen. Es gab auch solche, die die mörderischen Fakten weiterhin leugnen und reinwaschen wollten.[7]

Die Lage veränderte sich drastisch, als der kanadische Historiker polnischer Herkunft Jan Grabowski 2013 sein Buch Hunt for the Jews: Betrayal and Murder in German-Occupied Poland (Die Jagd nach den Juden: Verrat und Mord im deutsch besetzten Polen) veröffentlichte.[8] Grabowski und seine Rechercheure dokumentierten die Richtigkeit früherer Schätzungen. Ihre Forschungsarbeiten zeigten, dass etwa 200.000 Juden von Polen ermordet wurden.[9] Das machte aus Polen eines der größten Holocaust-Täterländer.

Das neue Gesetz, vom polnischen Parlament verabschiedet und von Präsident Andrzej Duda unterschrieben, hat zwei Teile. Der erste verbietet die Formulierung „polnische Todeslager“. Der zweite macht es zu Verbrechen zu behaupten die polnische Nation sei im Holocaust oder einer anderen von Nazideutschland begangenen Gräueltat mitschuldig. Jetzt wurde verkündet, dass das Gesetz nicht umgesetzt wird, bevor Polens Verfassungstribunal es überprüft hat.[10]

Polens Bildungsministerin Anna Zalewska suggerierte 2016, dass die Morde von Jedwabne durch Polen eher Meinung als Tatsache waren. Das ist ein typischer Fall von bedeutender Holocaust-Leugnung[11]

Die Dinge wurden noch verschlimmert, als das Gesetz verabschiedet war. Auf der unlängst beendeten Münchener Sicherheitskonferenz konfrontierte der israelische Journalist Ronen Bergman, Sohn zweier Holocaust-Überlebender, den polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki; er sagte: „Es gab Polen, die Juden verrieten, indem sie die Nazis mit Einzelheiten zu ihnen versorgten.“ Er verwies auf persönliche Erfahrungen seiner Mutter.

Der polnische Minister antwortete: „Ihr werdet nicht als Kriminelle betrachtet, wenn ihr sagt, dass es polnische Täter gab, so wie es jüdische Täter gab, wie es russische Täter gab und wie es ukrainische Täter gab – nicht nur deutsche Täter.“ Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu antwortete: „Die Äußerungen des polnischen Premierministers hier in München waren ungeheuerlich. Es gibt hier ein Problem der Unfähigkeit Geschichte zu begreifen sowie fehlende Sensibilität für die Tragödie unseres Volks.“[12]

Die verfälschenden Manipulationen des Holocaust durch Polen haben zu Spannungen zwischen der polnischen und israelischen Regierung geführt. Der Versuch einer polnischen Delegation zu Besuch in Israel, um diese Spannungen zu entschärfen, schlug fehl. Sie haben zudem eine Menge Schmerz bei polnischen Juden verursacht. Dreiundzwanzig jüdische Gruppen unterschrieben einen Brief, in dem es hieß, dass sie sich in Polen nicht sicher fühlen.[13] Israelische und polnische Interaktionen haben viele Aspekte. Israels Botschafter in Warschau zurückzurufen, ganz zu schweigen vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Polen wären keine guten Schachzüge.

Das Simon Wiesenthal Center hat vor kurzem bekannt gegeben, dass ein von US-Außenministerium freigegebener Bericht aus dem Jahr 1946 die verabscheuungswürdige Behandlung der polnischen Juden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Der Bericht stellte den Umgang der Polen und der Nazis mit der jüdischen Bevölkerung auf eine Stufe und sagte, viele Juden hätten es nach dem Krieg vorgezogen zu fliehen, sogar nach Deutschland.[14]

Eine Studie der Universität Bielefeld stellte 2011 fest, dass 63% der Polen der Aussage zustimmen, „was der Staat Israel heute mit den Palästinensern tut, unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was die Nazis den Juden im Dritten Reich antaten.“[15] Dieser Anteil war erheblich höher als in den anderen europäischen Ländern, in denen diese Umfrage durchgeführt wurde.

Mit der Leugnung der massiven Rolle polnischer Bürger im Holocaust hat die polnische Regierung sich für starke Kritik anfällig, die auf historischen Fakten gründet. Eine effektive Art damit umzugehen, besteht für jüdische Organisationen darin Internetseiten mit Zeugenaussagen zu den von Polen an Juden begangenen Morden und Fällen, bei denen Polen Juden an Nazis verrieten einzurichten. Zweihunderttausend von Polen ermordete Juden ist eine große Zahl, deshalb kann eine Menge Information eingeholt werden, um die Verfälschungen der polnischen Regierung zu entlarven.

Informationen zum weit verbreiteten extremen Vorkriegs-Antisemitismus in Polen hinzuzufügen, ist ein zusätzlicher Ansatz. Der Historiker Laurence Weinbaum schrieb: „1937 beschrieben zwei protestantische Pfarrer aus Nordamerika, selbst kaum philosemitisch, ihre Erschütterung, dass sie in polnischen (katholischen) Kirchen neben Rosenkränzen, Bibeln und anderen religiösen Artikeln auch antisemitische Literatur zum Verkauf sahen, die nicht weniger ekelhaft war als die von Julius Streicher gelieferte; Streicher ist der berüchtigte Verleger des Nazi-Hetzblattes Der Stürmer.“[16]

Das ist nur ein Beispiel für das, was fast unbegrenzte Zahl an Zitaten zu polnischem Antisemitismus auf einer Vielzahl an Internetseiten. Es gibt jetzt zwei Alternativen: Entweder gibt die polnische Regierung ihre Verfälschungen der Geschichte des Landes zur Kriegszeit zu oder sie wird regelmäßig als extremer Holocaust-Verzerrer bloßgestellt.

[1] www.timesofisrael.com/do-the-words-polish-death-camps-defame-poland-and-if-so-whos-to-blame/

[2] http://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10008152

[3] http://www.manfredgerstenfeld.com/polish-war-time-views-on-jews-this-is-not-your-home/

[4] ebenda

[5] https://press.princeton.edu/titles/7018.html

[6] http://www.revolvy.com/main/index.php?s=Agnieszka%20Arnold

[7] http://www.pri.org/stories/2017-03-24/massacre-villages-jews-their-neighbors-wwii-poland-remembered-and-misremembered

[8] www.amazon.com/Hunt-Jews-Betrayal-Murder-German-Occupied-ebook/dp/B00EZNA8XM/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1519034328&sr=1-1&keywords=Jan+Grabowski (Das Buch wurde unter dem Titel „Judenjagd“ ins Polnische übersetzt.)

[9] http://www.timesofisrael.com/complicity-of-poles-in-the-deaths-of-jews-is-highly-underestimated-scholars-say/

[10] http://www.jpost.com/printarticle.aspx?id=543527

[11] http://www.thestar.com/news/world/2016/07/14/polish-education-minister-blasted-for-jewish-massacre-remarks.html

[12] www.reuters.com/article/us-israel-poland/israels-netanyahu-condemns-polish-pm-for-jewish-perpetrators-comment-idUSKCN1G10TE; http://www.jta.org/2018/02/17/news-opinion/world/polish-prime-minister-slammed-for-mentioning-jewish-perpetrators-of-the-holocaust

[13] http://www.jta.org/2018/02/19/news-opinion/world/polish-jewish-groups-say-they-dont-feel-safe-due-to-rise-in-anti-semitism

[14] http://www.jpost.com/Diaspora/1946-US-document-reveals-Poles-treated-Jews-as-badly-as-Germans-did-543940

[15] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[16] http://jcpa.org/article/penitence-and-prejudice-the-roman-catholic-church-and-jedwabne/

Die enttäuschten BDS-Anhänger

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die weltweite Meinungsumfrage der Anti Defamation League von 2014 stellte fest, dass es global mehr als eine Milliarde Antisemiten gibt.[1] Das ergibt umgerechnet etwa 70 Antisemiten auf jeden Juden. Wenn ein Israeli ins Ausland reist, wird er mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit solch extrem vorurteilsbelastete Menschen treffen, auch wenn die diese Gedanken vielleicht nicht öffentlich äußern.

Israelische Staatsbürger sollten von ihrer Regierung erwarten, dass sie verhindert, dass Hardcore-Antisemiten ihr Land besuchen. Somit ist das neue Gesetz zur Verhinderung der Einreise ausländischer Staatsbürger, die für den Boykott von Israelis werben, ein Schritt vorwärts.[2] Vor kurzem sind 20 Auslandsorganisationen, die Boykottkampagnen gegen Israel propagieren, von der israelischen Regierung von der Einreise ausgeschlossen worden.[3]

Nach Angaben der Washington Post enthält die Liste zwei Organisationen jüdischer Aktivisten: die Jewish Voice for Peace (JVP – Jüdische Stimme für Frieden) und Code Pink.[4] Die Anti Defamation League nahm JVP 2013 in ihre Liste der zehn antiisraelischsten Organisationen in den USA auf.[5]

Man hätte glauben sollen, dass diese BDS-Anhänger sich nicht um das Einreiseverbot nach Israel scheren würden. Die UNO hat 193 Mitgliedstaaten. Warum sollte jemand das einzige Land besuchen, das er oder sie sich herausgepickt hat um dagegen aufzustacheln? Die Definition des (US-) Außenministeriums zu Antisemitismus erklärt, dass es antisemitisch ist Standards aus zweierlei Maß anzuwenden, indem von Israel ein Verhalten gefordert wird, das keinem anderen demokratischen Staat abgefordert wird.[6] Dasselbe besagt die Antisemitismus-Definition, die die Internationale Holocaust-Gedenkallianz entwarf. Sie konnte nur angenommen werden, wenn ihr alle  31 Mitgliedstaaten zustimmten – alles westlichen Demokratien, einschließlich der USA.[7]

Doch einige derer, die wegen ihres BDS-Hassschürens von der Einreise nach Israel ausgeschlossen sind, waren wegen des neuen Gesetzes enttäuscht. Rebecca Vilkomerson, die Direktorin der Jewish Voice of Peace, schrieb: „BDS ist ein Aufruf der palästinensischen Zivilgesellschaft eine weltweite Bewegung aufzubauen, um auf Israel Druck auszuüben die Besatzung zu beenden.“[8]

Das ist ein praktisches Beispiel dafür, wie falsche Argumentation gelehrt wird. Der gesamte Gazastreifen und die Mehrheit der Westbank stehen unter palästinensischer Herrschaft und sind demzufolge nicht besetzt. Die sogenannte „Zivilgesellschaft der Palästinenser“ kann kaum als zivilisiert bezeichnet werden. Bei den einzigen palästinensischen Parlamentswahlen, die 2006 stattfanden, gaben die Wähler der Hamas die Mehrheit, einer Partei, die Völkermord an den Juden propagiert. Fatah, die einzige andere Partei, die eine bedeutende Zahl an Sitzen gewann, kontrolliert die palästinensische Autonomiebehörde, die Mördern israelischer Bürger wichtige finanzielle Belohnungen überreicht.

Ariella Gold ist die stellvertretende Direktorin von Code Pink. Sie griff Israel einmal in einem Artikel im Forward an, nachdem ihr die Einreise verweigert wurde und schrieb: „Ich hoffe, diese Isolierung wird den weltweiten Kampf für Palästinenserrechte dem Sieg einen Schritt näher bringen. Wenn schon sonst nichts, wird es für meine Kinder festigen, dass auch sie, wie ich, ihr Lebern der Freiheit von und der Gerechtigkeit für die Palästinenser widmen müssen.“ Sie erwähnt in dem Artikel nichts von der extremen palästinensischen Kriminalität, die von der Palästinenserführung gefördert und unterstützt wird.[9]

Der New Israel Fund unterstützt BDS zwar nicht, aber nach Angaben von NGO Monitor gibt er Organisationen Zuschüsse, die BDS unterstützen.[10] Er gab seine Meinung auch mit einer irrelevanten Bemerkung kund: „Politische Opposition zu verbieten ist die Politik von Autokratien, nicht von Demokratien.“ Die antisemitische BDS-Bewegung ist jedoch ein Feind Israels und keine politische Opposition. Während des Kalten Kriegs ließen die USA Mitglieder ausländischer kommunistischer Parteien nicht ins Land, selbst wenn sie nie etwas gegen die USA gesagt hatten.[11] Waren die USA damit gemäß dem NIF nachträglich autokratisch? Die Niederlande und Belgien tun ihr Äußerstes, um aufstachelnde, ausländische muslimische Kleriker draußen zu halten. Sind sie keine Demokratien?

Jeder kann sich als Menschenrechtsaktivist, Kämpfer für soziale Gerechtigkeit oder Antirassist bezeichnen und gleichzeitig Unterstützung für Mörder zeigen. Ein Paradebeispiel dafür war 2001 die Zusammenkunft von NGOs bei der „Weltkonferenz gegen Rassismus“ in Durban.[12]

Das Rückkehrrecht ermöglicht es Juden nach Israel zu kommen und dort zu leben. Dieses Land ist traditionell Zuflucht und Heimat für alle Juden gewesen, verfolgt oder nicht.[13] Das allein macht es zu einem der großzügigsten Staaten der Welt. Die Vorstellung, dass jeder Jude hier willkommen ist, ist allerdings überholt, weil ein kleiner Anteil der Juden zu den fanatischsten Dämonisierern Israels gehört. Das sollte nicht ungesühnt bleiben und das Rückkehrrecht sollte entsprechend geändert werden. Es könnte an der Zeit sein, dass die Immigration antiisraelischer Hetzer, nachdem sie Reue dafür gezeigt haben, von einer Zeit gemeinnütziger Arbeit abhängig gemacht wird, um den Schaden zu kompensieren, den sie dem Land in der Vergangenheit zuzufügen versuchten.

[1] http://global100.adl.org/

[2] http://www.loc.gov/law/foreign-news/article/israel-prevention-of-entry-of-foreign-nationals-promoting-boycott-of-israel/

[3] http://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2018/01/07/18-groups-that-advocate-boycotting-israel-will-now-be-denied-entry/?utm_term=.bd5e39fbb8fc

[4] ebenda

[5] http://www.adl.org/sites/default/files/documents/assets/pdf/israel-international/israel–middle-east/Top-Ten-2013-Report.pdf

[6] http://www.state.gov/s/rga/resources/267538.htm

[7] http://www.holocaustremembrance.com/working-definition-antisemitism

[8] http://www.haaretz.com/opinion/i-m-a-u-s-jew-on-israel-s-bds-blacklist-i-won-t-be-silenced-1.5729781

[9] https:forward.com/opinion/391603/israel-made-itself-a-pariah-by-barring-me-and-my-fellow-activists/

[10] http://www.ngo-monitor.org/funder/new_israel_fund/

[11] http://www.theguardian.com/us-news/2016/aug/16/communist-party-members-still-barred-us-citizenship-trump

[12] http://www.i-p-o.org/racism-ngo-decl.htm

[13] http://www.nbn.org.il/aliyahpedia/government-services/government-benefits-new-immigrants-oleh-chadash/the-law-of-return/