Benötigt: Eine Geschichte der Progressiven und der Perversität

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Progressive Perversität hat eine lange und umfangreiche Geschichte. Es besteht die Notwendigkeit der Analyse und Beschreibung dieses Phänomens über viele Jahrhunderte. Ein triftiger Anfang für die Forschungsarbeit eines kompetenten und ambitionierten Historikers könnte der Antisemitismus des Erasmus von Rotterdam sein, der oft als „Prinz des Humanismus“ bezeichnet wird. Er lebte Ende des fünfzehnten, Anfang des sechszehnten Jahrhunderts.

Der niederländische Theologe Hans Jansen untersuchte Erasmus‘ selbst für dessen Zeit extremen Antisemitismus. Dieser „Humanist“ bezeichnete das Judentum als „schlimmste Pest“. Er lehnte 1517 sogar eine Einladung nach Spanien ab, 25 Jahre nachdem der letzte nicht konvertierte Jude das Land verlassen hatte; seine Begründung: Er behauptete, dass es gebe kein stärker „verjudetes Land“ als Spanien.[1]

In der Geschichte der Christenheit kann die Reformation als progressive Umwälzung betrachtet werden, auch wenn sie zum Ziel hatte zu den Quellen der Religion zurückzukehren. Auf den großen Reformer und Antisemiten Martin Luther passt die Beschreibung eines perversen Progressiven ebenfalls. Luther empfahl die Synagogen zu Ehren Gottes und der Christenheit zu verbrennen. Er riet dazu jüdische Bücher zu konfiszieren und Juden aus christlichen Ländern zu vertreiben.

Luther erklärte auch, dass kein Volk so geldgierig sei wie die Juden. Er glaubte, wenn ein Christ einen Juden traf, sollte er sich bekreuzigen, weil vor ihm ein „lebender Teufel“ stehe.[2] Das ging weit über den Mainstream-Judenhass seiner Zeit hinaus. Es wäre jedoch ein Fehler die progressive Hetze ausschließlich mit Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen. Doch Antisemitismus ist oft ein Indikator für gewaltige Vergehen von Einzelnen und von Gesellschaften.

Voltaire (1694 – 1778), der große Denker der Aufklärung, war ein extremer Antisemit. Er schrieb einmal, dass alle Juden mit rasendem Fanatismus in ihren Herzen geboren würden. Voltaire hat gesagt, dass die Juden in schlechtem Benehmen und Barbarei alle Nationen übertroffen haben.[3]

Die Französische Revolution, die 1789 begann, ist einer der großen Meilensteine der progressiven Perversität. Anfangs wurden der französische König und die Königin sowie Anhänger des alten Regimes hingerichtet. Später begannen die Progressiven andere Progressive auf die Guillotine zu schicken. Einige Zeit lang wurde das zu einem tagtäglichen Ereignis. Die Französische Revolution brachte langfristige soziale Erneuerung begleitet von Mord.

Robert Wistrich, der führende akademische Antisemitismus-Forscher unserer Generation, führte im Interview unter anderem viele progressive Intellektuelle an, die Antisemiten waren: „Zu den Erben der Traditionen der Aufklärung gehörten die frühen französischen Sozialisten des 19. Jahrhunderts. Sie legten, mit wenigen Ausnahmen, die Grundlagen für den französischen Antisemitismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zu ihnen gehörten Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon – Gründer des Anarchismus und eine bahnbrechende Persönlichkeit der französischen Arbeiterbewegung – sowie Alphonse Toussenel.“

Er fuhr fort: „Proudhons großer Rivale und Antagonist Karl Marx schrieb eine Arbeit, die Marxisten immer in den Pantheon seiner Schriften einbeziehen: Zur Judenfrage. Unter den vielen Perlen  intellektueller Inspiration seines Werks findet man Sätze wie „Der Mammon ist der weltliche Gott der Juden“ oder „Die heutige christliche Welt in Europa und Nordamerika hat den Scheitelpunkt dieser Entwicklung erreicht und ist gründlich verjudet worden“.[4]

Doch all das verblasst im Vergleich mit einem weiteren riesigen Meilenstein progressiver Perversität, der kommunistischen Revolution in Russland. Nicht nur der Zar, die Zarin und Anhänger des alten Regimes wurden hingerichtet. In späteren Jahren wurden unter Stalin viele kommunistische Führer zum Tode verurteilt. Dazu gehörten Lew Borisovitsch Kamenew (geboren als Leo Rosenfeld) und Griogori Jewsejewitsch Sinovjew (geboren als Hirsch Apfelbaum) 1936 im Schau-„Prozess gegen die Sechzehn“. Beide waren Mitglieder des ersten Politbüros gewesen. Mit diesem Prozess begann das, was als „der große Terror“ genannt wurde. Trotzky wurde 1940 von einem sowjetischen Agenten ermordet.

Der Nationalsozialismus wird allgemein als reaktionäre Bewegung betrachtet. Man sollte jedoch auch die Meinung des in Polen geborenen Soziologen Zygmunt Baumann in Betracht ziehen. Er verband den Holocaust mit strukturellen Elementen der modernen Gesellschaft und Zivilisation. Baumann erklärte, dass der Holocaust das Produkt von Männern sei, die in der edelsten Kultur westlicher Gesellschaft gebildet wurden und sagte, der Nationalsozialismus war eng mit der Moderne verbunden.[5]

Es gab einige progressive Elemente im Nationalsozialismus. Der französische Philosoph Luc Ferry schrieb, die Nazi-Gesetze zum Naturschutz und dem Jagdverbot waren die ersten der Welt, „um ein größeres ökologisches Projekt mit dem Wunsch nach wirklicher politischer Intervention in Einklang zu bringen“.[6] Die Nazis waren fürwahr Vorläufer der heutigen Tierschutz-Bewegungen, die in der Regel als progressiv betrachtet werden.

Der Historiker der progressiven Perversität könnte den zeitgenössischen Progressiven viele Seiten widmen. In unserer Zeit ist Fortschritt zum Teil mit linker Politik verbunden. Linker Antisemitismus ist eine wichtige Kraft, die sich gegen den Staat Israel richtet. Wir finden ihn bei vielen Grünen, Sozialisten und Kommunisten. Drei inzwischen verstorbene sozialistische europäische Führungspolitiker stellten Israels Handeln auf eine Stufe mit dem der Nazis: der schwedische Premierminister Olof Palme,[7] der griechische Premierminister Andreas Papndreou[8] und der französische Präsident François Mitterand. Der hartnäckige Antisemitismus der britischen Labour Party kommt zu einem großen Teil von Unterstützern ihres extremistischen Führers Jeremy Corbyn.

Für den Erforscher der progressiven Perversität, der sein Hauptwerk schreibt, ist die Analyse des zeitgenössischen Antisemitismus der Welt eine gute Leitlinie. Die akademische Welt ist ein logischer Ort dafür mit der Identifizierung der perversen Progressiven anzufangen. Auch außerhalb der akademischen Welt hat die BDS-Bewegung ihre wichtigen Anhänger bei der Linken. Andere Bereiche, auf die ein Blick geworfen werden sollte, sind Menschenrechts- und andere NGOs, Gewerkschaften, linke Kirchen und so weiter. Als Herausgeber der Universalen Erklärung der Menschenrechte könnte die UNO als progressiv betrachtet werden, selbst wenn sie hauptsächlich eine Ansammlung nicht demokratischer Staaten ist, die für enorm einseitige Resolutionen gegen Israel stimmen.

Die NGO-Konferenz am Rande der „Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit verbundene Intoleranz“ in Durban in Südafrika im September 2001 kann also symbolkräftiges Beispiel für progressive Perversität betrachtet werden. Irwin Cotler, ehemaliger Justizminister Kanadas, der an dem Treffen teilnahm, schrieb: „Für uns ist ‚Durban‘ Teil unseres Alltagslexikons als Inbegriff für Rassismus und Antisemitismus, genauso wie 9/11 ein fester Begriff für terroristischen Massenmord ist.“[9]

Progressive Perversität überschneidet sich mit humanitärem Rassismus. Letzterer bedeutet, in einem Konflikt die Vergehen einer Seite zu kritisieren, aber vor den viel schlimmeren Vergehen der anderen Seite die Augen zu verschließen. Die Goldstone-Kommission kann man als Paradigma des humanitären Rassismus betrachten, da sie zu den Verbrechen der Hamas, einer völkermörderischen Terrororganisation, schwieg und sich stattdessen auf die Fehler des israelischen Staates Israel konzentrierte.[10]

Die Herausforderungen für den diese Geschichte schreibenden Wissenschaftler sind groß. Sie erfordern Wissen und eine klare Sicht, die viele Jahrhunderte umfasst. Seine Bücher zum Thema, selbst wenn sie brillant sein sollten, könnten von einigen progressiven Kollegen attackiert werden, die die Wahrheit nicht vertragen. Das Potenzial ist jedoch ebenfalls groß. Ein Forscher, der seine Aufgabe erfolgreich durchführt, wird zum Star-Historiker. Um so mehr, als er die Grundlagen für die Analyse der Gesinnung vieler weiterer zukünftiger progressiver Perverser legt.

[1] https://heplev.wordpress.com/2014/07/28/erasmus-furst-des-humanismus-der-renaissance-und-antisemit/

[2] jcpa.org/article/historical-roots-anti-israel-positions-liberal-protestant-churches-2/

[3] http://www.nytimes.com/1990/09/30/books/l-voltaire-and-the-jews-590990.html; https://de.metapedia.org/wiki/Voltaire

[4] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/14217

[5] Zygmunt Bauman, Modernity and the Holocaust (Ithaca: Cornell University Press, 1989).

[6] Luc Ferry: Le nouvel ordre ´ecologiqueParis (Grasset) 1992, S.54.

[7] Per Ahlmark: Palme’s Legacy 15 Years On. Project Syndicate, Februar 2001.

[8] Moses Altsech (Daniel Perdurant, Pseud.): Anti-Semitism in Contemporary Greek Society. Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, 7, Jerusalem (Hebrew University) 1995, S. 10.

[9] https://irwincotler.liberal.ca/blog/durban-911-ten-years-later/

[10] Gerald M. Steinberg/Anne Herzberg (Hg.): The Goldstone Report “Reconsidered”: A Critical Analysis. Jerusalem (NGO Monitor/The Jerusalem Center for Public Affairs) 2011.

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Das Wort „Jude“ ist in Europa ein Schimpfwort

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Das Wort „Jude“ ist an vielen Orten in Europa mit ganzer Macht als Mainstream-Schimpfwort zurückgekehrt. Ein Adjektiv ist nicht nötig. Für viele Menschen ist der Ausdruck „dreckiger Jude“ eine Tautologie.

Ganz zu Beginn war das Wort „Jude“ nur ein Substantiv. Es kommt vom hebräischen Wort Yehudi, das vom biblischen Namen Juda abstammt. Das Wort Judentum entstammt der Religion der Yehudim. Als dann die christlichen Helden von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ Shylock wiederholt als „den Juden“ bezeichneten, gab es jedoch keine Frage, dass das Wort mehr eine Schmähung als ein Verweis auf die Religion des Kaufmanns war.[1]

Die negativen Konnotationen des Wortes Jude waren in Europa Jahrhunderte lang üblich. In Frankreich bezeichnen die Menschen Juden seit vielen Jahren, um sie nicht zu beleidigen als „Israeliten“; oft machen Juden selbst das auch. Einer meiner Kollegen, als ich in Paris lebte, sprach immer von Israeliten, wenn er Juden erwähnte. Ich konnte ihn nicht überzeugen, dass ich mich in diesem recht üblichen Ausdruck nicht selbst wiederfand und ich mich als Juden betrachte, auf Französisch „Juif“.

Das Wort „Jude“ als abschätzigen Begriff aus der europäischen Gesellschaft zu entfernen war nicht leicht. Das wurde zum Teil und schrittweise erreicht, nachdem die Deutschen auf brutale Weise 6 Millionen Juden ermordeten. Ende der 1970-er Jahre verklagte ein niederländischer Jude das niederländische Hauptwörterbuch. Er fühlte sich persönlich beleidigt, weil das Wörterbuch das Wort Jude als „Fluch oder schlimme Bezeichnung“ definierte.

Das Wörterbuch führte auch „alter, dreckiger Jude“ als Beispiel für die Verwendung des Wortes Jude an. Darüber hinaus erwähnte es die metaphorische Verwendung des Wortes „Jude“ als „Betrüger und Schwindler“. Es gab zudem einen Beispielsatz zur Klärung des Ausdrucks: „Ich würde von einem solchen Juden nichts kaufen wollen.“ Trotzdem gewann der Autor des Wörterbuchs vor Gericht.

Gleichwohl änderte das niederländische Wörterbuch die Definition ab der nächsten Ausgabe.[2] Diese Realität war befristet. CIDI, eine niederländische Organisation, die Antiisraelismus und klassischen Antisemitismus bekämpft, gab in ihrem Jahresüberblick 2016 ihrer Sorge über die Herabwürdigung des Worts „Jude“ Ausdruck: „Dieses Wort ist bei Beschimpfungen zunehmend ‚normal‘ geworden. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Verwendung des Fluchs „Kankerjood“ (was so viel wie „Krebsgeschwür Jude“ bedeutet) gegen die Polizei bei einer Demonstration vor und zur Unterstützung der türkischen Botschaft.“[3]

In den Niederlanden wird auf die allgemeine Verwendung von „Jude“ als Schimpfwort noch ein Problem draufgesetzt. Nichtjüdische Fans des großen Fußballvereins Ajax Amsterdam haben das Wort „Jude“ als Name ihrer Gruppe übernommen. In Fußballstadien haben ihre Gegner seit mehr als zwanzig Jahren Lieder skandiert wie „Mein Vater diente in den Sondertruppen, meine Mutter war bei der SS. Zusammen verbrannten sie Juden, weil Juden am besten brennen“ und „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“. Diese antisemitischen Hassgesänge sind zu Gemeingut geworden und werden von Zeit zu Zeit gegen tatsächliche Juden verwendet.

Es gibt viele weitere Beispiele aus den Niederlanden, aber diese sind bei weitem nicht das einzige Land, in dem das Wort „Jude“ als Schimpfwort verwendet wird. Im Dezember 2018 veröffentlichte die EU-Agentur für Grundrechte eine wichtige Studie mit dem Titel Experiences and perceptions of antisemitism[4], in dem ein junge Frau aus Dänemark mit den Worten zitiert wird: „Mein größtes Problem ist gewesen, dass Menschen das Wort ‚Jude‘ als Schmähung im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden, was ich anstößig finde.“[5]

Ein Däne sagte: „Ich habe große Angst um die Zukunft meiner Kinder, da ‚Jude‘ in meinem Stadtteil zum Schimpfwort wurde und Leute hassen Juden derart, dass das Leben nichts mehr wert ist. Wir haben Angst, dass unsere Kinder auf die eine oder andere Weise angegriffen werden.“[6]

Als Ergebnis von all dem verstecken Juden ihre jüdische Identität. Ein spanischer jüdischer Student, der als Freiwilliger vor einigen Jahren in einem von mir geleiteten israelischen Forschungsprogramm zu Antisemitismus arbeitete, erzählte mir, dass seine besten nichtjüdischen Freunde in Spanien nicht wussten, dass er Jude ist.

Letztes Jahr sagte Elvira Noa, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bremen, der Lokalzeitung Weser-Kurier, dass das Wort Jude bereits in vor langem in Schulen ein Fluch gewesen ist.[7] Eine Studie zu jüdischen Kindern und Jugendlichen in deutschen Bildungsinstitutionen aus dem Jahr 2018 hatte den Titel „Jude als Schimpfwort“.[8]

Professorin Julia Bernstein ist Kulturanthropologin; sie untersuchte die Diskriminierung in deutschen Schulen und stellte fest, dass „Jude“ als Synonym für Verrat und Geiz, Aggressivität und Verkörperung des Bösen verwendet wird. Sie schrieb, als Ergebnis davon wird es in einem solchen schulischen Umfeld schwierig jüdische Identität positiv zum Ausdruck zu bringen. Das resultiert darin, dass jüdische Kinder und Jugendliche ihren jüdischen Hintergrund verbergen. Bernstein wies darauf hin, dass „Jude“ heute auch in Schulen als Fluch zwischen Nichtjuden verwendet wird. Als Beispiel beschrieb sie eine Szene, in dem ein Schüler es einem anderen Schüler sein Lineal nicht leihen wollte. Der erste reagierte mit: „Benimm dich nicht wie ein Jude.“ Ein weiteres Beispiel ist: „Du beschissener Jude, sei kein Jude, mach doch keine Judenaktion.“[9]

Das Wort „Jude“ wird auch in Verbindung mit Adjektiven verwendet. Ein Deutscher wurde gefilmt, wie er einen israelischen Restaurantbesitzer in Berlin anschrie: „Dreckige Juden, ihr könnt alle in die Gaskammern gehen.“[10]

Der Gebrauch des Wortes „Jude“ als Fluch schient in einer Reihe europäischer Länder enorm zugenommen zu haben. Eine Menge davon ist eine Rückkehr zur Lage vor dem Holocaust. Es handelt sich um eine der vielen wiederkehrenden Ausdrucksweisen für Antisemitismus in europäischer Kultur. Wenn die Europäische Union mit der Bekämpfung des Antisemitismus ernst machen will, sollte sie eine Studie dazu anordnen. Erst wenn man die Details der Realität kennt, kann man dieses schädliche und weit verbreitete Phänomen bekämpfen.

[1] http://www.washingtonpost.com/news/acts-of-faith/wp/2016/05/03/jew-why-does-the-word-for-a-person-of-my-religion-sound-like-a-slur/?utm_term=.60768f1e2fd5

[2] https://onzetaal.nl/uploads/editor/1409_jood.pdf

[3] http://www.cidi.nl/cidi-monitor-antisemitische-incidenten-2016-jood-steeds-vaker-gebruikt-als-scheldwoord/

[4] Erfahrungen und Wahrnehmung von Antisemitismus

[5] fra-2018-experiences-and-perceptions-of-antisemitism-survey_en%20(11).pdf, pg. 17

[6] ebenda, S. 35

[7] hwww.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-wenn-jude-zum-schimpfwort-wird-_arid,1714969.html

[8] https://zwst-kompetenzzentrum.de/jude-als-schimpfwort/

[9] www.fnp.de/frankfurt/jude-schimpfwort-weit-verbreitet-viele-lehrer-fuerchten-konflikte-10940866.html

[10] www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-5060722,00.html

Viele deutsche Schulbücher stellen Israel negativ dar

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Je mehr Studien zu Antisemitismus in Deutschland erscheinen, desto düsterer wird das Bild. Das ist das Ergebnis der vielen Facetten des Schürens von Hass gegen Juden und Israel im Land. Eine neue Studie spricht die strukturellen Elemente des Antisemitismus in deutschen Schulen an.[1] Ihre Autoren sind Samuel Salzborn vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und Alexandra Kurth von der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Die beiden Universitäten veröffentlichten die Studie, die sie als „Bestandsaufnahme“ bezeichnen, gemeinsam.

Eine wesentliche Analyse der Studie lautet, dass verfälschende Schulbücher ein entscheidendes Problem sind. Viele davon sind propalästinensisch und antiisraelisch. Diese Unzulänglichkeiten sind eines der Schlüsselthemen der Studie. Sie zitiert oft eine deutsch-israelische Schulbuch-Kommission, die von 2010 bis 2015 Schulbücher zu Geografie, Geschichte und Politik in den beiden Ländern untersuchte.[2]

Der Teil der Studie zu Schulbüchern betrifft drei Themen. Das erste behandelt die Frage, ob und wie Antisemitismus diskutiert wird.[3] Die Autoren erklären, dass die Schoah in vielen Schulbüchern nur als einer von einer Vielzahl an Aspekten des Nationalsozialismus erwähnt wird. Dadurch, dass Antisemitismus ausschließlich mit Nationalsozialismus verbunden wird, wird die Verbindung mit der langen Vorgeschichte des Schürens von Hass auf Juden sowie die des Antisemitismus nach dem Holocaust kleingeredet.

Mit dem Hass auf Juden auf diese Weise umzugehen, führt zu einer weiteren Fehldarstellung. Es wird der Eindruck vermittelt, dass Antisemitismus ausschließlich zur politischen Rechten gehört. Selbst dort wird er hauptsächlich als historisches Ereignis betrachtet. Das kaschiert den Antisemitismus in der politischen Linken und im Mainstream der Gesellschaft. Die Autoren betonen, dass Antisemitismus nicht nur ein jüdisches Problem ist, sondern das der Antisemiten. Solcher Hass kann nicht aus der Geschichte und Kultur des Judentums erklärt werden, sondern nur durch die Projektionen der Antisemiten auf die Juden.

Das zweite problematische Thema mit Bezug auf deutsche Schulbücher ist die Art, wie das Judentum dargestellt wird. Salzborn und Kurth bestätigen, dass es entscheidend ist, die Geschichte, Kultur und Religion des Judentums als Teil europäischer und deutscher Geschichte sowie der Gegenwart des Landes darzustellen. Sie glauben, dass man ignorante Jugendliche auf diese Weise gegen Vorurteile immunisieren kann, bevor sie sich ihrer bewusst werden.[4]

Das dritte Thema betrifft die Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern. Das ist umso wichtiger, als der gegenwärtige Antisemitismus sich in erster Linie gegen Israel richtet. Die Autoren halten fest, dass Israel oft nur im Kontext des Konflikts mit den Palästinensern erwähnt wird. Sie fügen hinzu, dass es Fälle fehlerhafter Darstellung von Namen in Geografiebüchern gibt. Ebenso werden militärische Reaktionen auf palästinensischen Terrorismus oft als genauso problematisch wie der Terrorismus dargestellt. Es wird kaum einmal erwähnt, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist, eine pluralistische Gesellschaft, ein Land aus Immigranten und relevant für wichtige Technologien in der Welt. Die deutsch-israelische Kommission betonte, dass Israel in Schulbüchern als facettenreiche Gesellschaft dargestellt werden sollte und nicht mit einseitigen Vorurteilen gegen das Land.[5]

Ein Schlüsselkriterium, das deutsche Schulbücher erfüllen sollten, ist der „Beutelsbacher Konsens“. Dieser besagt, dass umstrittene Themen als solche genannt werden sollten. Stattdessen wird Israel jedoch oft einzig negativ und die Palästinenser einzig positiv dargestellt. Die Autoren der Studie führen ein Beispiel suggestiver Fragestellung in den Büchern an: ob Schüler die Zerstörung von Häusern „vermeintlicher“ Täter von Selbstmord-Anschlägen befürworten. Die zum Zitieren verwendeten Anführungszeichen bei „vermeintlich“ sind Teil der Frage im Buch. Die Autoren fragen sich, ob es nicht nützlich wäre ein besonderes Schulbuch zu Antisemitismus zu erstellen.[6]

All das ist nicht neu. Das Thema wurde bereits 2011 in einem Artikel von Gideon Böss in der Tageszeitung Die Welt behandelt. Er trug den Titel „Veraltet, verdreht und völlig einseitig“. Er schrieb, dass die drei großen deutschen Schulbuchverlage Cornelsen, Westermann und Klett Israelis als Täter und Palästinenser als Opfer darstellten.[7]

Die deutschen Behörden bekämpfen Antisemitismus und publizieren diese Bemühungen. Gleichzeitig propagieren sie Antisemitismus. Zwei dieser negativen politischen Aspekte sind durchaus bekannt. Einer betrifft die Zuwanderungspolitik. Die Regierungen der beiden führenden Parteien – Christdemokraten und Sozialdemokraten – haben Zuwanderer aus muslimischen Ländern willkommen geheißen, unter denen sich hunderttausenden Antisemiten befinden. Ein zweiter wichtiger Aspekt der antisemitischen Politik Deutschlands ist die enorm antiisraelische Bilanz bei den Abstimmungen des Landes in der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Die aktuelle Studie offenbart einen dritten Bereich: die Genehmigung von Schulbüchern, die Israel negativ und die Terrorismus belohnende und korrupte Palästinenser positiv darstellen.

Andere Kapitel der Studie gehen die Probleme mit Schülern an, die schlechten Informationen, die Lehrer während ihrer Ausbildung zu Themen wie dem Nationalsozialismus und der Schoah erhalten,[8] das Versagen von Schulleitern und Schulaufsichtsbehörden.

Die Autoren erklären, dass die Probleme des Antisemitismus in Schulen manchmal nicht auf pädagogische Weise gelöst werden können. Sie schließen nicht aus, dass Schulleiter in bestimmten Fällen die Polizei rufen sollten, um zu intervenieren.[9]

Die Zahl jüdischer Schüler an deutschen Schulen beläuft sich höchstens auf ein oder zwei von tausend. Die Tatsache, dass eine bestimmte Studie den Problemen einer so kleinen Minderheit gewidmet werden musste, ist nur ein weiterer Hinweis darauf, wie gestört die deutsche Gesellschaft gegenüber Juden ist.

[1] http://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Dokumente/Antisemitismus-Schule.pdf

[2] ebenda, S. 40

[3] ebenda, S. 34

[4] ebenda, S. 10

[5] ebenda, S. 36

[6] ebenda, S. 41

[7] www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13619194/Veraltet-verdreht-und-voellig-einseitig.html

[8] ebenda, S. 21

[9] ebenda, S. 14

Berlin, Europas Hauptstadt des Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Berlin ist zu Europas Hauptstadt des Antisemitismus geworden. Diejenigen, die sich daran gewöhnt haben Malmö also solche zu betrachten, lagen damit nicht falsch. Malmö leidet immer noch bedeutend unter Antisemitismus. Doch benötigt Antisemitismus nicht nur potenzielle  Täter. Diese kommen in Malmö aus Teilen der muslimischen Gemeinschaft. Es muss auch eine ausreichende Zahl an Juden geben, die man drangsalieren kann.

Berlin hat mit mehr 30.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde Deutschlands.[1] Die jüdische Gemeinde in Malmö ist auf geschätzte 500 bis 600 Mitglieder geschrumpft. Vielleicht bestünde die beste Lösung darin, gemäß den Zahlen der Juden unterschiedliche Kategorien europäischer Antisemitismushauptstädte festzulegen.

Als der stellvertretende Dekan des Simon Wiesenthal Center, Rabbi Abraham Cooper, vor ein paar Monaten in Malmö sprach, wurde er von jüdischen und nichtjüdischen Leitern aufgefordert die Reisewarnung seiner Organisation für die Stadt aufzuheben. Rabbi Cooper antwortete, dass er das tun würde, sobald endlich eine Anzeige wegen Antisemitismus in Malmö zu einer Verurteilung vor Gericht führen würde. Obwohl mehrere Jahre zahlreicher antisemitischer Vorfälle hinter uns ligen, ist das bisher nicht geschehen.[2]

Das Research and Information Center for Antisemitism in Berlin (RIAS) hat publiziert, dass in der ersten Hälfte des Jahres 2018 in der deutschen Hauptstadt 527 antisemitische Vorfälle verzeichnet wurden. Dazu gehörten 18 Angriffe, 21 beabsichtigte Vorfälle von Vandalismus und 18 Drohungen. Im selben Zeitraum 2017 wurden 514 Vorfälle verzeichnet. RIAS erwähnte, dass es wegen der Zunahme an Angriffen und Drohungen besondere Gründe zur Besorgnis gibt.[3]

Im März 2018 offenbarte ein Bericht der Berliner Polizei, dass die Zahl antisemitischer Verbrechen in der Hauptstadt sich im Zeitraum 2013 bis 2017 verdoppelt hatte. Polizeiquellen sagten der Zeitung Tagesspiegel, dass der Anstieg des Antisemitismus mit der zunehmenden Zahl an Migranten aus dem Nahen Osten in Verbindung steht, die in der Stadt leben.[4] Der nationale Antisemitismusbeauftragte Felix Klein hat ebenfalls eingestanden, dass die von RIAS vorgelegten Statistiken das Gefühl der Juden stützt, dass Muslime weit stärker an antisemitischen Vorfällen beteiligt sind, als die offiziellen Statistiken angeben.[5]

Im September 2018 wurde die Oberstaatsanwältin Claudia Vanoni zur Antisemitismus-Beauftragten der Staatsanwaltschaft des Bundeslandes Berlin ernannt. Vanoni sagte, eines ihrer ersten Ziele sei es die verwendete Definition des Antisemitismus zu vereinheitlichen und sie auf die Grundlage der der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz (IHRA) zu stellen. Derzeit kann jede Polizeiwache, Staatsanwalt und Gericht nach eigenen Normen entscheiden, ob eine Tat als antisemitisch bezeichnet wird.[6] Vanoni erwähnte auch, dass viele Opfer keine Anzeige bei der Polizei erstatten, weil sie glauben, diesen würde nicht nachgegangen.[7]

Ein besonderes Problem ist die Schikanierung jüdischer Schulkinder. Während Erwachsene gewisse Örtlichkeiten meiden können, müssen Kinder zur Schule gehen. Einer der extremsten bekannt gewordenen Fälle des Jahres 2017 war die Schikane gegen einen jüdischen Jungen, der in den Medien Oscar Michalski genannt wurde. Um seine Identität zu schützen, wurde sein Vorname geändert. Er wurde nicht nur beleidigt, sondern ein älterer Schüler schoss mit einer realistisch aussehenden Waffe auf ihn. Er würgte Oscar zudem bis zur Bewusstlosigkeit. Die Schülerschaft ist zu rund 80% muslimisch, zumeist türkischer und arabischer Herkunft.[8]

Jedes Jahr findet in Berlin die antiisraelische Al-Quds-Demonstration statt. Nach der Demonstration im Juni 2018 sagte der Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD), das Ziel dieser Demonstrationen seien verachtenswert, aber man könne eine Demonstration nicht aufgrund dessen verhindern, was Menschen denken.[9]

Es gibt zum Antisemitismus in Berlin viele Aspekte, von denen hier nur ein paar wenige angeführt werden können. Die 1971 gegründete Berliner Technische Fachhochschule wurde 2009 nach Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853) benannt, einem preußischen Ministerialbeamten und heftigen Antisemiten. Er forderte die Ermordung von Juden und machte sich unter anderem Ritualmord-Vorwürfe eigen.[10]

Das Jüdische Museum ist aus verschiedenen Gründen eine weitere problematische Institution. Man sollte erwarten, dass das Museum eine konsequente Haltung gegen Antisemitismus hat. Dennoch musste sich im Juli letzten Jahres Jeremy Isacharoff, der israelische Botschafter in Deutschland, bei der Museumsleitung wegen eines geplanten Vortrags eines knallharten antiisraelischen Redners beschweren; dabei handelte es sich um Sa’ed Atshan, einen Professor für Friedens- und Konfliktstudien am Swarthmore College in Pennsylvania. Atshan ist eng mit der BDS-Bewegung assoziiert. Nach der Beschwerde des Botschafters stornierte das Museum den Vortrag.[11]

Im September 2012 veranstaltete das Museum eine Podiumsdiskussion mit der amerikanischen Akademikerin Judith Butler, bei der diese zum Boykott Israels aufforderte. Sie erhielt für ihre Äußerungen viel Applaus. Das Museum machte klar, dass Fragen aus dem Publikum nur in schriftlicher Form erlaubt seien.[12] Vor kurzem wurde das Museum in seiner aktuellen Ausstellung „Willkommen in Jerusalem“ der systematischen Auslassung jüdischer Sichtweisen beschuldigt. Die jüdische Gemeinde hat sich seit langem über das Museum beschwert.[13]

Das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin hat im Verlauf der Jahre viel Kompetenz im Studium des Antisemitismus erworben. Trotzdem erhielt es im Oktober 2018 viel Kritik für die Einstellung von Luis Hernandez Aguilar, einem Wissenschaftler, der für eine britische Organisation arbeitet, die für die Londoner Version der Al-Quds-Demonstration wirbt. Der stellvertretende Direktor des Zentrums reagierte: „Wir sind froh Herrn Aguilar als Mitarbeiter und international anerkannten Experten auf dem Gebiet der Islamfeindlichkeit gewonnen zu haben.“[14] Der frühere, langjährige Direktor des Zentrums, Wolfgang Benz, behauptet, dass Antisemitismus in Deutschland in den letzten Jahren nicht zugenommen hat. Der Antisemitismusbeauftragte der jüdischen Gemeinde Berlin, Sigmount Königsberg, warf Benz daraufhin vor sich von einem Forscher in einen Antisemitismus-Weißwäscher verwandelt zu haben.[15]

Es gibt einen weiteren wichtigen Grund Berlin Europas Antisemitismus-Hauptstadt zu nennen. Die dort residierende deutsche Regierung hat in den letzten Jahren hunderttausenden Antisemiten aus muslimischen Ländern wahllos erlaubt zu immigrieren.

[1] http://www.dw.com/en/berlin-where-jews-want-to-live/a-46229120

[2] Personal Communication rabbi Cooper

[3] https://report-antisemitism.de/#/public

[4] www.algemeiner.com/2018/06/15/berlin-police-investigating-verbal-assault-on-man-wearing-kippah-as-antisemitic-hate-crime/

[5] www.welt.de/politik/deutschland/article176525241/Antisemitismusbeauftragter-Die-Versaeumnisse-bei-der-Integration-raechen-sich-jetzt.html

[6] http://www.sueddeutsche.de/politik/claudia-vanoni-kaempferin-gegen-den-judenhass-1.4164104

[7] http://www.berliner-zeitung.de/berlin/polizei/oberstaatsanwaeltin-warnt-antisemitische-gewalttaten-nehmen-in-berlin-drastisch-zu-31817738

[8] www.zeit.de/2018/06/antisemitismus-deutschland-juden-berichte/seite-2

[9] www.welt.de/politik/deutschland/article177356922/Andreas-Geisel-SPD-Berlins-Innensenator-bezeichnet-Al-Kuds-Aufmarsch-als-widerlich.html

[10] www.taz.de/Antisemitismusdebatte-an-Hochschule/!5518603/; https://www.tagesspiegel.de/wissen/antisemitismus-des-namensgebers-beuth-hochschule-diskutiert-ueber-umbenennung/22715144.html

[11] www.jpost.com/Diaspora/Israels-ambassador-convinces-Berlins-Jewish-Museum-to-cancel-BDS-speaker-563220

[12] www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-Features/Israel-rips-Jewish-Museum-for-pro-boycott-speaker

[13] http://www.morgenpost.de/kultur/article216272811/Juedische-Gemeinde-kritisiert-Leitung-des-Juedischen-Museums.html?fbclid=IwAR0bOzheJJHhMU6V5P_YnWXGEUhtUbka8EggYWOYH69QQqVq-T9dhHjxGFw

[14] www.jpost.com/International/German-center-for-antisemitism-research-hires-alleged-antisemite-569698

[15] http://www.juedische.at/pages/antisemitismus/vom-antisemitismus-forscher-zum-antisemitismus-bagatellisierer.php

Kleine und große Verzerrungen durch deutsche Medien: Der Fall Relotius und Israel

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Manchmal haben Ereignisse, die schienbar nichts mit Israel zu tun haben, einen Aspekt, der sie für dieses Land beinahe bedeutungsvoll macht. Im Dezember 2018 kam bei der großen deutschen Wochenzeitung DER SPIETEL ein Medienskandal ans Licht, der ein solcher Fall ist. Es wurde festgestellt, dass ein junger Star-Reporter, Claas Relotius, einige seiner Artikel fälschte und Protagonisten dafür erfand.[1] Besonders schmerzlich war ein Interview mit der letzten Überlebenden der „Weißen Rose“, einer Widerstandsorganisation im Nazideutschland während des Zweiten Weltkriegs. Auch hier brachte er erfundene Abschnitte ein.[2]

Als all das entdeckt wurde, erklärten die Herausgeber des SPIEGEL, sie seien verpflichtet die Wahrheit zu bringen. Sie versprachen den Fall Relotius aufzuklären. Die Zeitschrift schrieb: „Bei allem, was wir veröffentlichen, streben wir Verlässlichkeit und Genauigkeit an, in der Analyse wie in der Reportage, in der Nachricht wie im Kommentar. Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut. Der Fall Relotius legt offen, dass wir unseren Ansprüchen nicht gerecht geworden sind. Der Fall konfrontiert uns mit unseren eigenen Schwächen.“[3]

Die Zeitschrift fügte hinzu: „Ausgehend vom Fall Claas Relotius werden wir überprüfen, welche Arbeitsabläufe, welche Dokumentationspflichten, welche organisatorischen Rahmenbedingungen wir verändern müssen, um unter anderem die Verlässlichkeit von Recherche und Verifikation zu erneuern und das Vertrauen in die journalistische Schlagkraft des Hauses wiederherzustellen.“[4]

Es wurde eine Kommission eingesetzt, die all diese wichtigen Dinge tun soll. Was die Frage angeht, ob Relotius Artikel für andere Zeitungen fälschte, antwortete DER SPIEGEL, dies könne nicht ausgeschlossen werden. Als freiberuflicher Journalist schrieb er für eine Reihe führender Zeitungen in Deutschland und der Schweiz, darunter die deutsche Ausgabe der Financial Times.[5]

Es gib jedoch viel weiter greifende Methoden die Wirklichkeit zu fälschen als Fakten und Persönlichkeiten zu erfinden. Der Fall Relotius ist winzig verglichen mit dem großen Bild falscher Berichterstattung in den Medien. Um das zu demonstrieren, kann man eine Reihe Statistiken dazu betrachten, wie Israel in Deutschland gesehen wird.

2015 veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung, dass 41% der erwachsenen Deutschen der Äußerung zustimmen, Israel verhalte sich gegenüber den Palästinenser wie die Nazis gegenüber den Juden.[6] Eine Studie des Jahres 2007 durch dieselbe Stiftung berichtete eine Zahl von 30%.[7] Die Universität Bielefeld untersuchte dasselbe Thema und erhielt etwas andere Antworten. 2014 stimmten 27% der Deutschen dieser Äußerung zu.[8] 2004 waren es 51%. Selbst wenn wir die niedrigste Zahl von 27% nehmen, sprechen wir von mehr als 15 Millionen Deutschen, die diese dämonische Sicht Israels glauben.

Zudem sind Statistiken zum Prozentsatz der deutschen Erwachsenen-Bevölkerung verfügbar, die der Äußerung zustimmt, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt. Diese Frage wurde in den letzten 15 Jahren von der Universität Bielefeld dreimal gestellt. Die niedrigste Zahl gab es 2014 – mit 40% der Erwachsenenbevölkerung. Das ist gleichbedeutend mit mindestens 25 Millionen Deutschen. 2011 lag die Zahl bei 48% und 2004 bei 68%.[9]

Wenn Israel sich gegenüber den Palästinensern wirklich wie die Nazis gegenüber den Juden verhalten würde, was 2004 die Hälfte der deutschen Bevölkerung glaubte, dann wären heute praktisch alle Palästinenser ausgelöscht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die palästinensische Bevölkerung hat im Verlauf der letzten 15 Jahre beträchtlich zugenommen.

Wer hat diese Dämonisierung Israels verursacht? In Deutschland achten, anders als in vielen anderen westeuropäischen Ländern, linke Parteien in der Regel sehr darauf keine Äußerungen von sich zu geben, die die Bevölkerung die satanischen Ansichten zu Israel glauben machen, die in den Umfragen festgestellt wurden. Die sozialen Medien können Meinungen stark verzerren, aber nicht das diabolische Bild formen, das über fünfzehn Jahre hinweg festzustellen ist.

Die Hauptquelle dieses dämonischen Bildes von Israel kann nur eine Kombination zahlreicher deutscher Medienquellen sein. Die Medien machten das nicht durch Veröffentlichung von Fake News, sondern durch einen Spiegelprozess. Das hatte noch nicht einmal systematisch erfolgen müssen, aber einfach durch Regelmäßigkeit über die Jahre hinweg. Die Medien vernachlässigten den Fokus auf die bedeutende Korruption und Kriminalität, die mit dem Gefüge der palästinensischen Gesellschaft verflochten ist.

Anders als Relotius, der Fake-Fakten berichtete, berichten viele große deutschen Medien weiterhin kaum über den extremen Hass auf Israel und die Juden, der der arabischen und muslimischen Welt entstammt. Dieses Schüren von Hass kommt von politischen und religiösen Führern sowie von Journalisten und anderen. Manchmal nimmt der lückenhaft berichtete Hass sogar völkermörderische Züge an.

Die Studie der Agentur für Fundamentale Rechte (FRA) von 2018 stellte fest, dass Antisemitismus in Europa in den sozialen Medien am problematischsten ist. Sie erklärte zudem, dass „echte“ Medien nicht allzu weit dahinter zurückbleiben.[10]

Soweit es Israel und die Palästinenser betroffen angeht, sind viele deutsche Medienorgane in ihren Analysen und Kommentaren nicht auf Verlässlichkeit und Genauigkeit aus. Wenn Glaubwürdigkeit ihr höchstes Gut war, so fehlt sie enorm. Die Auswertung, wie sich Israel gegenüber verhielten, konfrontiert sie mit ihrer strukturellen Schwäche.

DER SPIEGEL wird eine unabhängige Kommission zum relativ winzigen Fall Relotius einsetzen, um zu untersuchen, was sich bei der Zeitschrift ändern muss. Die Rolle der Medien bei der Dämonisierung Israels in Deutschland zu untersuchen, erfordert ein weit stärkeres Engagement. Die Ergebnisse würden auch für das deutsche Judentum wichtig sein, das sich mit drei antisemitischen Vorfällen pro Tag konfrontiert sieht; diese Zahl ist wahrscheinlich noch zu niedrig. Viele dieser antisemitischen Angriffe stehen in Verbindung mit Hass auf Israel, der sich gegen Juden richtet.

[1] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-der-spiegel-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html

[2] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fall-claas-relotius-weisse-rose-ueberlebende-traute-lafrenz-betroffen-a-1244756.html

[3] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-der-spiegel-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html

[4] ebenda

[5] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-der-spiegel-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html

[6] www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_LW_Germany_and_Israel_today_2015.pdf. S. 35

[7] ebenda

[8] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[9] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

Aribert Heyder/Julia Iser/Peter Schmidt; Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus. In: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2005.

[10] European Agency For Fundamental Rights: Experiences and perceptions of antisemitism, Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU. Luxembourg 2018. S. 6, Tabelle 2 — https://fra.europa.eu/en/publication/2018/2nd-survey-discrimination-hate-crime-against-jews

Die Woche der europäischen Sorge wegen Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Dieses Jahr ging dem Internationalen Holocaust-Gedenktag voraus, was man als „Woche der europäischen Sorge wegen Antisemitismus“ bezeichnen könnte. Führende Politiker Europas haben Äußerungen abgegeben, dass Antisemitismus ein ernstes Problem ist und bekämpft werden müsse, ohne Näheres zu Maßnahmen anzugeben, die sie dafür ergreifen werden.

In Brüssel sagte Antonio Tajani, Präsident des Europaparlaments: „Antisemitismus ist ein fortdauerndes Thema. Die Gewalt gegen jüdische Gemeinden in Europa nimmt zu.“ Er fügt hinzu, dass zu seinem tiefsten Bedauern „Juden weiterhin Europa verlassen, weil sie sich nicht sicher fühlen. Das ist inakzeptabel. Wir müssen handeln und reagieren. Wir müssen unseren Bürgern die Hand ausstrecken, insbesondere den jungen Menschen. Sie sind die Zukunft Europas.“[1]

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagte, es sei die Pflicht eines jeden Einzelnen „Verantwortung dafür zu tragen, dass wir null Toleranz gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit, Hass und Rassenwahn zeigen“.[2] Das spiegelt die Politik ihrer Regierung seit 2015 nicht, die viele Hunderttausende Antisemiten ins Land ließ. Diese waren Teil der Zuwanderer aus muslimischen Ländern, in denen Antisemitismus ein tiefgehendes Phänomen ihrer Gesellschaften ist.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas schrieb in einem Artikel in DIE WELT: „Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust – im Wissen, dass ein solcher Tabubruch maximale Aufmerksamkeit beschert. Rechte zeigen auf offener Straße den Hitlergruß, jungen Männern wird die Kippa vom Kopf gerissen, jüdische Kinder werden beschimpft.“[3]

Die Hauptfolgerung aus dem Lesen dieses Artikels lautet, dass Maas wissentlich die Tatsache ignoriert, dass viele derer, die Juden auf der Straße angreifen, muslimische Zugewanderte und deren Nachkommen sind. Beim schlimmsten Vorfall in einer Berliner Schule wurde der jüdische Schüler, Oscar Michalski, beschimpft. (Sein Vorname wurde leicht verändert um seine Identität zu schützen.) Ein muslimischer Schüler dort schoss mit einer echt aussehenden Waffe auf ihn. Er wurde außerdem bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt.[4]

Bei einer weiteren Gelegenheit sagt Maas, er sei „wegen Auschwitz“ in die Politik gegangen.[5] Eine wichtige Gruppe Antisemiten anzugreifen, während man zu einer anderen, riesigen Gruppe von Tätern antisemitischen Handlens schweigt, ist teilweises Reinwaschen von Antisemitismus. Das einzige Argument, das man anbringen kann, um Maas‘ zweierlei Maß abzuschwächen, lautet, dass sein Amtsvorgänger Sigmar Gabriel, ebenfalls ein Sozialist, weit schlimmere Äußerungen von sich gab. Gabriel hat Israels Politik in den „Gebieten“ mit denen der Apartheid in Südafrika gleichgesetzt. Er brauchte viele Monate, um sich dafür zu entschuldigen. Gabriel behauptete in einem Artikel in der Berliner Zeitung[6] zudem fälschlich, Sozialdemokraten seien wie Juden die ersten Opfer der Nationalsozialisten gewesen, mit demselben Schicksal.[7]

Letzte Woche war Israels Präsident Reuven Rivlin zu einem diplomatischen Besuch in Frankreich. Bei einem Treffen mit Präsident Macron merkte er an, dass es in den ersten neun Monaten des Jahres 2018 eine Zunahme der Zahl antisemitischer Vorfälle in Frankreich um 69% gab. Macron sagte: „Antisemitismus steht unseren Werten und allem, was unsere Demokratie darstellt, absolut entgegen.“ Er fügte an: „Jegliche Gewalt oder Einschüchterung werden wir in unserem Land niemals hinnehmen. Wir werden alles tun, was wir können, um sicherzustellen, dass Antisemitismus beseitigt wird.“[8] Dabei hat Frankreich noch nicht einmal die Antisemitismus-Definition der Internationalen Holocaust-Gedenkallianz übernommen.

Wenn es tatsächlich einen Wunsch gäbe, bei den Reden zum Holocaust-Gedenktag das Thema Antisemitismus anzugehen, hätte das Folgende gesagt werden können: „Antisemitismus widerspricht vielen europäischen Werte, dennoch ist der Antisemitismus in der europäischen Kultur viel länger verankert als all diese Werte. Als einen ersten Schritt, sollten alle europäischen Länder die Einstellungen der Zuwanderer überprüfen und diejenigen abweisen, die Antisemiten sind. Wenn das nicht gemacht werden kann, könnte man es ein paar Jahre lang vermeiden Zuwanderer aus Ländern hereinzulassen, in denen der Anteil der Antisemiten beträchtlich ist und das umso mehr aus Ländern, wo die Mehrheit der Bevölkerung antisemitische Einstellungen hegt.[9] Alle europäischen Ländern und die EU sollten die Antisemitismus-Definition der IHRA annehmen. Alle europäischen Länder sollten Antisemitismus-Beauftragte haben.“

Ein einziger führender europäischer Politiker bot ein wenig Gegengewicht zum Übermaß an Worten und dem Mangel an Handeln der anderen Staatslenker und sagte bei einer besonderen Gelegenheit das, was gesagt werden sollte. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte Mohammed Mahathir, dem erzantisemitischen malaysischen Premierminister, dass jede Form von Antisemitismus in Malaysia oder wo auch immer inakzeptabel ist.[10]

Die beste Nachricht rund um den Holocaust-Gedenktag kam von ganz anderer Stelle. Das Internaitonale Paralympische Komitee (IPC) nahm Malaysia die Schwimm-Weltmeisterschaft der Behinderten ab, da das Land nicht in der Lage war zu garantieren, dass israelische Athleten daran teilnehmen können.[11]

[1] www.jpost.com/Diaspora/Antisemitism/European-Parliament-president-Ongoing-antisemitism-must-be-stopped-578376

[2] http://www.welt.de/newsticker/news1/article187752150/Antisemitismus-Merkel-mahnt-zu-Gedenken-an-NS-Opfer.html

[3] www.welt.de/debatte/kommentare/article187748332/Heiko-Maas-Das-Unwissen-der-jungen-Deutschen-ist-gefaehrlich.html?wtrid=socialmedia.email.sharebutton

[4] http://www.zeit.de/2018/06/antisemitismus-deutschland-juden-berichte/seite-2

[5] http://www.timesofisrael.com/i-entered-politics-because-of-auschwitz-says-new-german-fm/

[6] https://www.berliner-zeitung.de/politik/gastbeitrag-von-sigmar-gabriel-europa-und-israel-gemeinsam-gegen-nationalismus-26758358

[7] http://www.jpost.com/Israel-News/Anger-at-German-FM-after-he-repeats-that-Israel-is-an-apartheid-regime-521405

[8] www.jpost.com/Israel-News/Rivlin-in-Paris-If-we-face-threats-from-Lebanon-we-will-not-stand-by-578389

[9] http://global100.adl.org/#map/weurope

[10] www.freemalaysiatoday.com/category/nation/2019/01/22/anti-semitism-unacceptable-austrian-chancellor-tells-dr-m/

[11] http://www.insidethegames.biz/articles/1074728/ipc-strip-malaysia-of-2019-world-para-swimming-championships-over-israel-policy

Reinwaschen judenfeindlicher Taten: Von Holocaust bis Antisemitismus

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Eine regelmäßig vorkommende Verzerrung des Holocaust besteht nicht nur im Reinwaschen krimineller Taten, sondern auch in Versagen. Dieses Phänomen zu analysieren kann uns viel zu ähnlichen Erfahrungen in der zeitgenössischen Gesellschaft lehren. Die Ermordung von sechs Millionen Juden und andere, damit verbundene Verbrechen war so horrend, dass viele Staaten und Einzelpersonen heldenhaft versucht haben ihre Rolle bei diesen Ereignissen zu verfälschen.

Der Wunsch die Verantwortung zu bestreiten führte zu massiven Beschönigungen der Geschichte. Ein paar Beispiele dessen, was passierte, werden hier beschrieben. Das kommunistische Ostdeutschland trennte zwischen dem kriminellen Hitler-Regime und dem deutschen Volk. Es behauptete tatsächlich, dass die Massen, die für die Nazis stimmten und Hitler Beifall klatschten und sich dessen krimineller Taten und Absichten bewusst waren, seien unschuldig gewesen.[1]

In Westdeutschland wurde von vielen lange behauptet, dass die Massenmorde an Juden während des Holocaust nur von der SS und der SA verübt wurden. Es wurde ebenfalls behauptet, dass sie in vielen besetzten Ländern von Einheimischen unterstützt wurden. Zu bestreiten, dass die reguläre deutsche Armee, die Wehrmacht, an den Massenmorden nicht beteiligt gewesen sei, war hingegen falsch.

Es sollte nach dem Krieg vierzig Jahre dauern, bis eine vom Hamburger Institut für Sozialforschung zusammengestellte Ausstellung die Beteiligung der Wehrmacht an der aktiven Ermordung der Juden sowie an vielen anderen Verbrechen aufdeckte.[2] Martin Heidegger, ein deutscher Nazi, war vermutlich Europas führender Philosoph der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er machte die „Moderne“ für das deutsche Verbrechen des Holocaust verantwortlich.[3] Das war eine intellektuelle Weise die deutsche Verantwortung für die riesigen deutschen Verbrechen herunterzuspielen.

Ein Vorfall des Reinwaschens, der viel Öffentlichkeit erhielt, ist der Fall Kurt Waldheim, der von 1986 bis 1992 Präsident Österreichs war. Vor dem Krieg war Waldheim Mitglied eines SA-Reiterkorps. Er hatte zudem eine bedeutende Rolle in Militäreinheiten, die Kriegsverbrechen begingen, auch wenn er persönlich keine Kriegsverbrechen befahl oder beging. Im Verlauf der Jahre entwickelte er eine umfassende Strategie der Leugnung der ausschlaggebenden Fakten.

Auch während der Zeit des Holocaust hat es viel Reinwaschen von Taten gegeben, die nicht mit Verbrechen zusammenhängen. Ein wichtiges Beispiel betrifft den US-Präsident im Krieg, Franklin D. Roosevelt. Die Bibliothek zu seinem Gedenken in New York machte lange das Außenministerium für das Nichtstun der USA in der Zeit des Holocaust verantwortlich. Das war ein typischer Fall von Reinwaschung durch Ablenkung der Verantwortung auf andere.

Ein weiteres Beispiel extremen Reinwaschens, in das die USA verwickelt sind, gab es 1985. Der deutsche Bundeskanzler Helmut  Kohl lud US-Präsident Ronald Reagan ein den Militärfriedhof in Bitburg zu besuchen. Auf den ersten Blick schien es so, dass dort nur Soldaten und Offiziere der Wehrmacht beerdigt waren. Wie schon erwähnt, war die Wehrmacht an abscheulichen Massenmorden an Juden beteiligt. Der Besuch war damit ein Initialversuch des Reinwaschens. Kurz nach Ankündigung des Besuchs wurde bekannt, dass die Fakten weit schlimmer waren. Auf diesem Friedhof waren auch Waffen-SS-Mitglieder beerdigt.

In seinen Memoiren widmet Elie Wiesel der Affäre Bitburg ein ganzes Kapitel.[4] Er fasst das Wesen dieses Reinwaschungsprozesses zusammen: „Die deutsche Taktik war offensichtlich; die SS reinzuwaschen. Es ist der letzte Schritt in einem sorgfältig konzipierten Plan. Zunächst einmal rehabilitierte Deutschland die „zahme“, „unschuldige“ Wehrmacht. Und jetzt war, dank Kohl, die SS an der Reihe. Zu allererst die „Guten“. Und dann könnten die anderen an der Reihe sein. Und sobald die Tür einmal offen war, würden auch die Folterer und die Mörder aufgenommen.“[5]

Antijüidsche Hetzer vor dem Krieg brauchten Antisemitismus nicht reinzuwaschen. Hass zu schüren war innerhalb der Kultur vieler europäischer Länder eine akzeptierte Einstellung. Nach dem Holocaust war der klassische Antisemitismus nicht länger politisch korrekt. Das schuf die Notwendigkeit den Judenhass reinzuwaschen.

Für das Reinwaschen gab es viele Techniken. Sie sind im Verlauf der Zeit mehr oder weniger dieselben. Die Analyse, wie sie auf bedeutende, begangene Verbrechen angewendet werden, ermöglicht es die wesentlichen Punkte dieser Methode zu verstehen. Wir erleben dieselben Techniken heute in aktiver Verwendung. Ein Beispiel unter vielen sind die zahlreichen Versuche den manchmal extremen und alles andere als unbedeutenden Antisemitismus in der britischen Labour Party zu beschönigen.

Zur Verurteilung Israels durch viele westliche Länder gehört Reinwaschung. Die implizite Idee lautet hier: „Wir verurteilen euch, weil wir moralisch sind und weil ihr unmoralische Taten begeht.“ Untersucht man das, wird klar, dass die unmoralischen Taten, welche auch immer Israel begangen haben könnte, oft im Vergleich zu den Taten derer, die Israel verurteilen, unbedeutend sind.

Zu den Mitgliedern des UNO-Menschenrechtsrats gehören kriminelle Diktaturen. Dieses Gremium ist angeblich für die Förderung und den Schutz aller Menschenrechte weltweit zuständig. Fakt ist, dass die Mitglieder des Rats weithin von Ermittlungen zu Menschenrechtsverbrechen in ihren Ländern ausgenommen sind.

Reinwaschungstechniken sind so zahlreich, dass nur ein paar wenige hier angeführt werden können. Die aktuellen Statistiken zu antisemitischen Vorfällen in Deutschland werden enorm verzerrt. Die Vorfälle, bei denen die Täter unbekannt sind, werden der Rechten zugeschrieben. Es hat sogar verzerrte Studien gegeben, die behaupten, dass muslimische Migranten in Deutschland nichts zum Antisemitismus beitragen. Doch die Ergebnisse einer großen Studie jüdischer Wahrnehmungen von Antisemitismus in zwölf europäischen Ländern von 2018 durch die Agentur für Grundrechte zeigen, dass Muslime zu den führenden Tätern bei antisemitischen Vorfällen gehören.[6]

Es gibt sehr wenige Forschungsinstitutionen, die Antisemitismus angehen. Damit erhält ein scheinbar zweitrangiges Thema wie das Reinwaschen des Schürens von Hass in der Literatur zu Antisemitismus keine systematische Aufmerksamkeit, ganz zu schweigen von den allgemeinen Medien. Dieses Fehlen von Aufmerksamkeit macht es den Weißwäschern leicht ihre schmutzige Arbeit fortzusetzen.

[1] Thomas Haury: Current Anti-Semitism in East Germany. Post-Holocaust and AntiSemitism, 59, 1. August 2007.

[2] Reemtsma schließt die umstrittene Wehrmacht-Ausstellung. Die Welt, 5. November 1999.

[3] Clemens Heni: Secondary Anti-Semitism: From Hard-Core to Soft-Core Denial of the Shoah. Jewish Political Studies Review, Vol. 20, Nr. 3–4 (Herbst 2008)

[4] Elie Wiesel: And the Sea Is Never Full: Memoirs. 1969. New York (Alfred A. Knopf) 1999, S. 224–250.

[5] ebenda, S, 234.

[6] https://fra.europa.eu/en/publication/2018/2nd-survey-discrimination-hate-crime-against-jews