Extrem antisemitische Vorfälle an Berliner Schulen

Manfred Gerstenfeld und Eva Odrischinsky (BESA Center, 9. Januar 2019 – direkt vom Autor)

Es gibt viele Anzeichen, dass der Antisemitismus in Deutschland in den sozialen Medien, in der Öffentlichkeit, innerhalb des politischen Systems und in der Gesellschaft als ganzer in den letzten Jahren zugenommen hat. Juden versuchen oft Orte zu meiden, an denen Antisemitismus am schlimmsten ist oder sie treffen könnte. Schulkindern ist das jedoch oft nicht möglich. Diese sind besonders gefährdet, weil sie zu ihrer Schule gehen müssen. In den letzten Jahren sind eine Reihe extrem antisemitischer Vorfälle an deutschen Schulen veröffentlicht worden. Geht man einigen genauer nach, die in Berlin stattgefunden haben, kann man Anzeichen dafür finden, wie ernst diese Probleme geworden sind.

Im April 2017 wurde ein jüdischer Schüler von Mitschülern arabischer und türkischer Herkunft in einer öffentlichen Schule in Berliner-Friedenau drangsaliert. Um seine Identität zu schützen, wurde sein Vorname geändert und er wurde in den Medien als Oskar Michalski bekannt. Er wurde nicht nur beleidigt, sondern ein älterer Schüler schoss mit einer realistisch aussehenden Schusswaffe auf ihn.[1] Er würgte Oskar auch fast bis zur Bewusstlosigkeit. Die Schülerschaft an seiner Schule besteht zu rund 80% aus Muslimen, zumeist türkischer und einige arabischer Herkunft. Friedenau gilt als Berliner Stadtteil, in dem die von Zuwanderern verursachten Probleme als nicht besonders ernst anzusehen sind. Allerdings wurde in demselben Stadtteil 2012 Rabbi Daniel Alter von vier arabisch aussehenden Jugendlichen vor den Augen seiner siebenjährigen Tochter zusammengeschlagen.[2]

Der Schulleiter der Schule, der in der Klasse des Opfers Mathematik unterrichtete, sagte, er habe von den Problemen nichts gemerkt. Die Verwaltung der Schule und der Sozialarbeiter ignorierten die Probleme selbst dann noch, als sie von den Eltern des Opfers informiert wurden.[3] Seine Eltern gaben Oskar dann auf eine andere Schule.[4] Der deutsch-französische Fernsehsender Arte strahlte eine Dokumentation über die Geschichte Oskars aus.[5]

Einen Teil der Medienaufmerksamkeit erhielt dieser Fall vielleicht wegen der Tatsache, dass der Vater des Opfers, Wenzel Michalski, der Leiter der deutschen Sektion von Human Rights Watch ist.[6] Wenig bis keine Aufmerksamkeit wurde der Tatsache geschenkt, dass Oskars britische Mutter Gemma die Tochter eines Mitglieds des Oberhauses, Baron Wasserman[7] und Enkelin des verstorbenen Hugh Gaitskell, eines Leiters der britischen Labour Party und seiner jüdischen Ehefrau Baroness Gaitskell ist.

Ein weiterer Fall von Antisemitismus an einer Berliner Schule kam im Dezember 2017 ans Licht. In diesem Monat – viele Jahre zu spät – begannen allerlei deutsche Politiker über muslimischen Antisemitismus zu reden; Grund war die öffentliche Verbrennung einer selbstgemachten israelischen Flagge in der deutschen Hauptstadt durch Muslime. Einem 18-jährigen jüdischen Oberstufenschüler an der Ernst-Reuter-Schule im Stadtteil Gesundbrunnen wurde von einer Mitschülerin in einer Diskussion über den Nahen Osten gesagt, dass „Hitler gut war, er hat Juden ermordet“. Mitschüler fügten hinzu: „Ihr seid alle Kindermörder“ und „Ihr solltet alle geköpft werden“. Von diesem Punkt an blieb der Junge aus Sicherheitsgründen während der Pause im Schulgebäude.[8][9]

Im März 2018 wurde eine jüdische Zweitklässlerin der Paul-Simmel-Grundschule in Berlins Stadtteil Tempelhof-Schöneberg wegen ihrer jüdischen Identität gemobbt. Ihr Vater sagte, dass seine Tochter von muslimischen Schülern beleidigt und mit dem Tode bedroht wurde, weil „ sie nicht an Allah glaubt“. Der deutsche Außenminister Heiko Maas sagte daraufhin: „Wenn ein Kind antisemitisch bedroht wird, ist das beschämend und unerträglich.“[10]

Ebenfalls 2018 zog der deutsch-jüdische Student Liam Rückert aus Berlin zurück nach Israel, weil er in seiner öffentlichen Schule an der Jungfernheide in Berlin-Spandau ungezügelten Judenhass erlebte. Die Schule ist als problematisch bekannt. Zweiundsechzig Prozent ihrer Schüler haben Migrations-Hintergrund. Rückert sagte, er habe erkannt, dass er seine jüdische Identität verbergen musste, als während einer Diskussion über den Nahost-Konflikt ein Schüler arabischer Herkunft sagte, wenn ein Jude in der Klasse wäre, würde er ihn töten. Rückert sagte auch, dass er einen schwulen arabischen Freund namens Hussein hatte. Sie teilten sich ihre geheimen Identitäten mit. Als Rückerts jüdische Identität bekannt wurde, wurde er ständig mit Worten wie „Scheißjude“ und „Scheißisraeli“ beleidigt. Die Schule lehnte seinen Antrag die Klasse zu wechseln ab. Seine Mutter, die israelischer Herkunft ist, sagte: „Wir erhielten von der Schulleitung keinerlei Unterstützung.“[11]

Im Juni 2018 wurde bekannt, dass an der hoch angesehenen John F. Kennedy-Schule im Stadtteil Zehlendorf ein jüdischer Schüler mehrere Monate lang von verschiedenen Schülern gemobbt wurde. Die Schüler dieser Schule kommen hauptsächlich aus Familien der deutschen Elite und von Auslands-Diplomaten. Ein Klassenkamerad blies ihm Zigarettenrauch ins Gesicht und sagte ihm, er „solle an seine vergasten Vorfahren denken“. Bei anderen Gelegenheiten erhielt er von Klassenkameraden Zettel mit aufgemaltem Hakenkreuz. Ein Großteil der Klasse hatte das Mobbing toleriert oder mitgemacht. Es hatte auch antisemitische Vorfälle gegeben, die sich gegen eine jüdische Schülerin richteten.[12] Die Schulleitung sagte, sie hätte das Problem mehrere Monate lang nicht bemerkt, handelte aber, sobald sie bekannt wurden. Zu Beginn des neuen Schuljahrs plant die Leitung ein Sonderprogramm zu Diskriminierung einzuführen.[13]

Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Franziska Giffey sagte: „Viele Schulen wollen Antisemitismus, Radikalisierung und Rassismus sowie öffentlichen Hass nicht anzeigen, weil sie Stigmatisierung fürchten.“ Im letzten Sommer entschied sich die Regierung 170 „Anti-Mobbing-Profis“ in ausgewählte Schulen mit Problemen zu schicken.[14]

Giffeys Einschätzung wird durch die Frankfurter Soziologin Julia Bernstein bestätigt, deren bahnbrechende Studie zu Antisemitismus in deutschen Schulen aus der Perspektive der Opfer im Dezember 2018 veröffentlicht wurde. Auf Grundlage von 227 Interviews kam Bernstein zu dem Schluss, dass Lehrer oft dabei versagen die antisemitische Natur des zunehmend alltäglichen Schimpfworts „Jude“ zu erkennen und Schulleitungen bestreiten, dass es Antisemitismus gibt, aus Angst dem Ruf der Schule zu schaden. Aus Bernsteins Sicht geben die häufige Verwendung von Hitlergruß, Hakenkreuzen und „Holocaust-Witzen“ Zeugnis für die rapide Beseitigung von Tabus und dem Absenken von Hemmungen.[15]

Vladislava Zdesenko, eine von neun jüdischen Berliner Rechtsanwälten, die sich zusammengeschlossen haben, um den Opfern antisemitischer Mobbens und ihren Familien zu helfen, sagt, die aktuelle Lage darf so nicht weiter bestehen. Jüdische Opfer müssen die Schulen wechseln, weil ihre Angreifer an Ort und Stelle bleiben und nicht bestraft werden. Sie stellt zudem fest, dass „die Fälle, auf die die Öffentlichkeit aufmerksam wird, nur die Spitze des Eisbergs sind“.[16]

Die deutschen Behörden wachen gegenüber dem Problem langsam auf und beginnen teilweise es anzugehen. Berlin hat ein Online-Informationsportal für Lehrer geschaffen, um ihnen zu helfen Antisemitismus zu thematisieren; und mit Beginn des Schuljahres 2019 sind die Bildungsinstitutionen in Berlin aufgefordert Fälle von Antisemitismus der Polizei oder den Schulbehörden zu melden.[17][18]

Letzten Sommer entschied sich die Bundesregierung 170 Anti-Mobbing-Profis in ausgewählte Problemschulen zu schicken. Die Regierung erkennt an, dass in vielen Fällen die mutmaßlichen Täter Kinder muslimischer Zuwanderer sind, insbesondere in Berlin, das die größten muslimischen und jüdischen Gemeinschaften hat.[19]

Die Schlussfolgerung lautet: Trotz einiger lobenswerter Bemühungen in jüngster Zeit das Problem zu bekämpfen, wird es lange dauern, bis die meisten deutschen Schulen effektiv und angemessen mit antisemitischen und rassistischen Vorfällen umgehen und Schüler gegen Diskriminierung bilden. Sollten es trotzdem Vorfälle geben, sollten die Täter schwer bestraft werden. Alle solchen Vorfälle müssen den Behörden und Schulleitungen gemeldet werden und diejenigen, die dem nicht nachkommen, sollten zurechtgewiesen oder ausgewechselt werden. Das klingt wie eine beinahe utopische Vision davon, wie die deutsche Wirklichkeit sich entwickeln wird.

[1] http://www.zeit.de/2018/06/antisemitismus-deutschland-juden-berichte/seite-2

[2] http://www.tagesspiegel.de/berlin/juedisches-forum-zum-fall-in-friedenau-antisemitismus-ist-wieder-hoffaehig/19601946.html

[3] http://www.dw.com/en/wenzel-michalski-he-was-taunted-as-a-jew/av-41438745

[4] http://www.tagesspiegel.de/berlin/antisemitismus-an-berliner-schulen-sein-vergehen-er-ist-jude/21156700.html

[5] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-arte-reportage-weil-du-jude-bist-15263065.html

[6] http://www.youtube.com/watch?v=Mkj-69siHk4

[7] https://nationalpost.com/opinion/barbara-kay-germany-was-determined-to-expunge-dangerous-anti-semitism-now-its-back

[8] http://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/gesundbrunnen-antisemitismus-vorfall-an-ernst-reuter-schule-maedchen-lobt-hitler

[9] http://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/antisemitismus-an-schulen-wir-reden-hier-nicht-von-einzelfaellen/22641808.html

[10] http://www.welt.de/politik/deutschland/article174887458/Aussenminister-in-Israel-Maas-verurteilt-Antisemitismus-an-deutschen-Schulen.html

[9] http://www.welt.de/politik/deutschland/plus175050760/Antisemitismus-Wie-ein-juedischer-Schueler-in-Berlin-verfolgt-wird.html

[12] http://www.berliner-zeitung.de/berlin/antisemitismus-juedischer-neuntklaessler-von-mitschuelern-ueber-monate-gemobbt-30687768

[13] http://www.dw.com/en/jewish-student-in-berlin-bullied-for-months-with-anti-semitic-attacks-at-renowned-high-school/a-44430805

[14] https://www.pnp.de/nachrichten/politik/2900702_Franziska-Giffey-SPD-Wir-schicken-Anti-Mobbing-Profis.html

[15] http://www.zeit.de/2018/51/antisemitismus-schulen-soziologin-julia-bernstein

[16] http://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/mit-voller-haerte-des-gesetzes/

[17] http://www.berliner-zeitung.de/politik/infoportal-fuer-lehrer-eroeffnet-antisemitismus-soll-an-schulen-zum-thema-werden-30037368

[18] http://www.thelocal.de/20181016/berlin-schools-to-be-required-to-report-anti-semitic-incidents

[19] http://www.thetimes.co.uk/article/task-force-fights-rise-in-bullying-of-jewish-pupils-in-germany-05ph22mhs

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Kanzlerin Merkels Vermächtnis und die Juden

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor/auf Englisch erschienen bei BESA Center, 3. Januar 2019)

Seit ein paar Wochen ist Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union (CDU). Sie kündigte an, dass sie bei den nächsten Wahlen nicht mehr als Bundeskanzlerin kandidieren will – eine Position, die sie seit 2005 inne hat. Daher haben die Medien begonnen ihre Leistungen zu analysieren und über ihr Vermächtnis zu spekulieren.

Dies ist auch ein geeigneter Moment um sich anzusehen, wie Merkels Vermächtnis bezüglich der Juden Deutschlands aussieht. Helmut Kohl, der vorherige CDU-Parteichef, der von 1982 bis 1998 Bundeskanzler war, ermöglichte geschätzten 170.000 russischen Juden nach Deutschland einzuwandern. Als Ergebnis dieser Politik hat Deutschland einmal mehr eine beträchtliche jüdische Gemeinschaft.[1] Das organisierte Judentum des Landes hat fast 100.000 Mitglieder.[2] Das ist allerdings kaum mehr als 0,1% der Bevölkerung Deutschlands.

Merkel hat es nie verfehlt allgemeine Unterstützung und Rhetorik gegenüber Deutschlands Juden zu äußern. Im November 2018 sprach sie in der großen Berliner Synagoge in der Rykestraße aus Anlass des 80. Jahrestages der „Kristallnacht“ und sagte: „Es gibt in Deutschland wieder blühendes jüdisches Leben, ein unerwartetes Geschenk nach dem Zivilisationsbruch der Schoah. Doch zugleich erleben wir einen Besorgnis erregenden Antisemitismus, der jüdisches Leben in unserem Land und an anderen, sicher geglaubten Orten der Welt bedroht…“[3] Sie fügte an, dass die rechtsextremen Militanten oder Muslimen zugeschriebene Gewalt gegen Juden und in Deutschland zunimmt.

Im Jahr zuvor hätte Merkel bei den Schuldigen für antisemitische Vorfälle Muslime nicht erwähnt, obwohl diese bereits seit Jahren für einen beträchtlichen Teil davon verantwortlich sind. Die Lage hat sich allerdings im Dezember 2017 geändert, als Muslime in Berlin eine selbstgefertigte israelische Flagge verbrannten.[4] Das Video ging um die Welt und schuf Assoziationen mit den weit schlimmeren Buchverbrennungen, die unter Hitlers Herrschaft stattfanden.

Mehrere Politiker begannen dann muslimischen Antisemitismus aufzudecken.[5][6] Nach einiger Zeit musste Merkel dasselbe tun. Bis heute sind deutsche Statistiken zu antisemitischen Vorfällen immens manipuliert.[7] Alle von nicht identifizierten Personen begangenen antisemitischen Taten werden fälschlich Rechtsextremen zugeschrieben.[8]

Ende 2018 bot eine Studie mit dem Titel Erfahrungen und Wahrnehmungen von Antisemitismus Daten dazu, wie selbstdefinierende Juden in 12 EU-Ländern diesen Judenhass sehen und erfahren.[9] Sie wurde von der Agentur für Grundrechte (FRA) veröffentlicht. Die Studie bietet wichtige relative Daten, auch wenn sie in absoluten Begriffen statistisch nicht bedeutsam sind. Auch wenn es in dieser Sache etwas hinter Frankreich zurückliegt, war Deutschland eines von fünf Ländern, in denen die große Mehrheit der Befragten Antisemitismus als großes Problem betrachtete.[10]

Verglichen mit der vorherigen FRA-Studie aus dem Jahr 2012 betrachtete ein weit größerer Anteil der Juden den aktuellen Antisemitismus als Problem. Fast alle Befragten sagten, dass der Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zunahm. Deutschland gehört auch zu den Ländern in Europa, in denen Ausdruck von Feindlichkeit gegenüber Juden auf der Straße und an anderen öffentlichen Orten als sehr großes oder ziemlich großes Problem betrachtet wird.[11]

Die Mehrheit der deutschen Befragten sagte, sie hören regelmäßig die Äußerung: „Israelis verhalten sich gegenüber den Palästinensern wie Nazis.“[12] Eine beträchtliche Anzahl deutscher Juden haben zudem negative Äußerungen über Juden bei politischen oder gesellschaftlichen Veranstaltungen zu hören bekommen.[13] Deutschland gehört auch zu den Ländern mit dem höchsten Stand an Juden, die mit antisemitischen Vorfällen entweder als Zeugen oder durch den Kreis ihrer Familienmitglieder und engen Freunde vertraut sind.[14] Die Mehrheit der deutschen Juden sagt, sie machen sich Sorgen wegen verbaler Beleidigungen und möglicher Schikane in der Zukunft oder alternativ, dass ein Familienmitglied oder ein enger Freund Opfer solcher Beleidigungen und Schikane werden könnte.[15] Viele deutsche Juden vermeiden zumindest zeitweise bestimmte Orte in ihrer Region oder ihrem Viertel, weil sie sich dort als Juden nicht sicher fühlen.[16] In Ungarn, Belgien, Frankreich und Deutschland deutet eine große Minderheit der Befragten an, dass sie in den letzten fünf Jahren über Auswanderung nachgedacht haben, weil sie sich dort als Juden nicht sicher fühlten.[17]

Im Dezember erwähnte Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Berliner Jüdischen Gemeinde, dass das Thema Emigration bei Entscheidungen in jüdischen Gemeinden immer öfter aufkommt. Er fügte hinzu, dass jede Ecke von Berlin für Juden potenziell gefährlich geworden ist.[18]

Aus leitender und politischer Sicht regierte Merkel Deutschland bis 2015 gut. Das Land überstand die großen Herausforderungen der weltweiten Wirtschaftskrise von 20008 ohne gewaltige Probleme. Unter Merkels Kanzlerschaft nahm Deutschlands dominierende Rolle in der Europäischen Union zu. Sie drückte erfolgreich ihren Kandidaten, den ehemaligen Premierminister von Luxembourg Jean-Claude Juncker, als Präsident der EU-Kommission durch.

Dennoch könnte Merkels Vermächtnis für die Nation in einem hohen Ausmaß enorm von einer schicksalhaften Entscheidung beeinflusst sein: Deutschlands Grenzen im September 2015 für Asylsuchende und andere Zuwanderer zu öffnen. Seitdem sind rund eineinhalb Millionen Asylsuchende ins Land gekommen.[19] Viele kamen aus muslimischen Ländern, insbesondere aus Afghanistan, dem Irak und Syrien. Merkel schätzte die Probleme falsch ein, die so viele Nichteuropäer mit sich bringen sollten, ebenso die Aufnahmekapazitäten der Bevölkerung ihres Landes.

Die offizielle Version lautet, dass es pro Tag drei bis vier antisemitische Vorfälle in Deutschland gibt. Es  gibt wahrscheinlich mehr, weil viele Opfer keine Anzeige stellen. Juden haben zunehmend das Gefühl die Hauptlast zweier Phänomene zu tragen: die vielen Antisemiten unter den muslimischen Zuwanderern und ihren Nachkommen sowie die Wiederbelebung der antisemitischen extremen Rechten. Selbst wenn die Lage sich nicht verschlechtert, ist sie bereits schlimm genug und es ist nicht wahrscheinlich, dass sie sich bessert.

Die Hanns-Seidel-Stiftung untersuchte die Einstellungen von Asylsuchenden im Bundesland Bayern. Sie stellte fest, dass mehr als die Hälfte derer aus Syrien, dem Irak und Afghanistan glauben, dass Juden „zu viel Einfluss“ in der Welt haben.[20]

Eine Studie des Historikers Gunther Jikeli zu syrischen und irakischen Flüchtlingen in Deutschland, in Auftrag gegeben vom American Jewish Committee, wurde von der Berliner Direktorin der Organisation, Deidre Berger so zusammengefasst: „Bisher sind Berichte, das viele Neuankömmlinge in Deutschland Antisemitismus verfechten, weitgehend anekdotenhaft gewesen. Aber diese neue wissenschaftliche Analyse zeigt, dass das Problem in den Flüchtlingsgemeinschaften aus Syrien und dem Irak weit verbreitet ist. Antisemitische Einstellungen, Stereotype und Verschwörungstheorien sind üblich, ebenso eine kategorische Ablehnung des Staates Israel durch viele von ihnen.“[21]

Der neu ernannte Antisemitismusbeauftragte des Bundes, Felix Klein, sagte, er sei nicht überrascht, dass viele deutsche Juden darüber diskutieren das Land zu verlassen.[22] Das führt zu einer lästigen Frage: Kanzler Kohl ermöglichte den Aufbau einer stark vergrößerten jüdischen Gemeinschaft durch Zuwanderung. Wird Merkels Vermächtnis in einer beträchtlichen Verkleinerung der jüdischen Gemeinde durch Auswanderung bestehen?

[1] http://www.jta.org/2018/12/10/global/soviet-immigration-once-a-bane-of-germanys-jews-has-become-their-salvation

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1232/umfrage/anzahl-der-juden-in-deutschland-seit-dem-jahr-2003/

[3] www.reuters.com/article/us-germany-holocaust/merkel-marks-nazi-kristallnacht-against-jews-with-synagogue-speech-idUSKCN1NE1JK

[4] http://www.reuters.com/article/us-usa-trump-israel-germany/anti-semitism-has-no-place-in-germany-minister-says-after-israeli-flags-burned-idUSKBN1E40ST

[5] http://www.algemeiner.com/2018/01/10/muslim-antisemitism-in-germany/

[6] http://www.welt.de/politik/deutschland/article175597957/Angela-Merkel-will-mit-aller-Haerte-gegen-Antisemitismus-vorgehen.html

[7] http://www.fr.de/politik/politische-straftaten-mehr-faelle-von-antisemitismus-a-1502314?GEPC=s5

[8] http://www.welt.de/politik/deutschland/plus179337122/Extremismus-Antisemitismus-ist-unislamisch.html

[9] European Agency For Fundamental Rights, Experiences and perceptions of antisemitism, Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU  Luxembourg  2018. https://fra.europa.eu/en/publication/2018/2nd-survey-discrimination-hate-crime-against-jews

[10] ebenda, S. 22.

[11] ebenda, S. 21.

[12] ebenda, S. 24.

[13] ebenda, S. 28.

[14] ebenda, S. 32.

[15] ebenda, S. 33-35.

[16] ebenda, S. 36.

[17] ebenda, S. 38.

[18] https://www.tagesspiegel.de/politik/antisemitismus-fuer-juden-ist-jede-ecke-berlins-potenziell-gefaehrlich/23743012.html

[19] http://www.dw.com/en/refugee-numbers-in-germany-dropped-dramatically-in-2017/a-42162223

[20] http://www.hss.de/download/publications/Argu-Kompakt_2017-8_Asylsuchende.pdf

[21] http://www.prnewswire.com/news-releases/ajc-berlin-publishes-study-on-anti-semitism-among-refugees-300570901.html

[22] http://www.theguardian.com/world/2018/apr/28/germany-antisemitism-envoy-jews-consider-leaving-germany

Amerikas führender Antisemit: Louis Farrakhan

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In den Vereinigten Staaten nahmen antisemitische Vorfälle 2017 um 57% zu, heißt es von der ADL. Das ist die stärkste Zunahme seit 1979.[1] Die Morde an 11 Juden in einer Synagoge in Pittsburgh im Oktober 2018 warfen ein Scheinwerferlicht auf weiße Rassisten, die eine wichtige Komponente des Problems der Propagierung von antijüdischem Hass im Land sind.

Die Vorstellung, dass Juden absolut böse sind, hat ihren Ursprung im Christentum. Jahrhunderte lang wurden Juden oft als Gottesmörder dargestellt, als Antichrist und auch als Satan. Joshua Trachtenberg fasst zusammen, dass das mittelalterliche Christentum den Juden als „Hexer, Mörder, Kannibalen, Giftmischer, Gotteslästerer“ sah.[2]

Sich jedoch ausschließlich auf die extreme Rechte zu konzentrieren, führt zu großen Verzerrungen bei der Analyse des sich ausbreitenden Antisemitismus-Problems. Das ist leicht zu demonstrieren, wenn man versucht die Person zu bewerten, die den Antisemitismus in den USA am stärksten personifiziert.

Der Hauptkandidat dafür ist Louis Farrakhan, Prediger und Führer der Nation of Islam (NOI), einer afroamerikanischen politischen und religiösen Bewegung. Die NOI wurde 1930 gegründet. Ihre Mitglieder werden auf 20.000 bis 50.000 Menschen geschätzt. Farrakhan qualifiziert sich wegen der Verwendung einer großen Vielzahl antisemitischer Motive für den Titel des führenden Vollzeit-Antisemiten Amerikas.

Farrakhan hat das Judentum als „Drecksreligion“ und „eine Religion des Satans“ bezeichnet. Er rotzt zudem weiter Hass gegen Juden als Volk und den Staat Israel. Seine Hetze hat über Jahrzehnte angehalten. Im März 1984 pries Farrakhan Adolf Hitler und nannte ihn einen „sehr großen Mann“.[3] Farrakhan ist darüber hinaus schwulenfeindlich und ein antiweißer Rassist.

Die Jewish Virtual Library hat eine limitierte Auswahl für Farrakhans antisemitische Äußerungen in mehrere Kategorien eingeteilt.[4] Eine markante davon sind Verschwörungstheorien. Farrakhan behauptet, dass israelische und zionistische Juden Schlüsselrollen bei den Anschlägen vom 9/11 spielten. Er macht geltend, dass Juden SMS erhielten, die sie warnten, sie sollten am 11. September nicht zur Arbeit kommen.[5]

In Übereinstimmung mit dem Motiv „Juden sind das absolut Böse“ spricht Farrakhan von „satanischen Juden“. In einer Predigt sagte er 2018, „satanische Juden“ hätten die moderne Welt mit Gift und Betrug infiziert.[6] Die Juden als „Giftmischer“ ist ein weiteres klassisches Motiv des Antisemitismus. Im 14. Jahrhundert wurden Juden während der Seuche des Schwarzen Todes beschuldigt Bäche und Brunnen zu vergiften. Viele Juden wurden aufgrund dieser falschen Beschuldigungen ermordet.[7]

Die deutschen Nazis biologisierten die Sprache. Innerhalb dieses Rahmens wurden Juden zu „Bakterien“, „Ungeziefer“, „Parasiten“ und anderer Typen niederer Untermenschen. Damit legten sie die Grundlage für ihren Völkermord. Farrakhans Wortwahl „Termiten“ für Juden gehört in diese Untermenschen-Kategorie.[8]

Zusätzlich zu den antisemitischen Motiven des absolut Bösen, der Vergiftung und der Biologisierung bekundet Farrakhan auch regelmäßig: „Jüdische Macht ist gigantisch.“ In den 1990-er Jahren sagte er, Juden sind „als Volk sehr gering an Zahl, aber sie sind das mächtigste der Welt“.[9] Er sagte auch: „Wenn man in dieser Welt etwas will, dann haben die Juden die Tür in der Hand.“[10] Farrakhan behauptete, dass Juden die Welt und die Finanzmacht kontrollieren sowie „einen gewaltigen Einfluss auf die Regierungsangelegenheiten“ ausüben.[11] Er versichert, dass Israel und die Juden sowohl den Senat als auch das Repräsentantenhaus unter Kontrolle haben. Er bezeichnet darüber hinaus Weiße in wichtigen Positionen in Mexiko als „mexikanische Juden“.[12] Farrakhan macht die Juden sogar dafür verantwortlich, sie hätten dem Dritten Reich auf dem Weg an die Macht geholfen.[13]

Von Farrakhan werrden manchmal zwei antisemitische Motive verflochten. Er erklärt: „Ihr [die Juden] habe eure Tentakel um die US-Regierung gewickelt.“[14] Das reflektiert seine Hassmotive gigantischer jüdischer Macht und der untermenschlichen Natur der Juden.

Duale Loyalität, das häufigste antisemitische Motiv der Welt, ist ebenfalls Teil von Farrakhans antisemitischen Anschuldigungen. Er listet eine Reihe Juden auf, die eng mit US-Präsidenten gearbeitet haben und fügt hinzu: „Jede jüdische Person, die sich um den Präsidenten herum aufhält, ist ein doppelter Staatsbürger Israels und der Vereinigten Staaten von Amerika.“[15]

Als Farrakhan im November 2018 Teheran besuchte, sprach er vor Jura-Studenten an der dortigen Universität. Am Ende seiner Ansprache skandierten Farrakhan und die Studenten „Tod Israel“ und „Tod Amerika“.[16][17]

Farrakhan bezeichnete die Gründung des Staates Israel zudem eine „illegale Tat“ und beschuldigte den jüdischen Staat des „Diebstahls, der Lüge und des Betrugs“.[18]

Es gibt verschiedene weitere Dimensionen von Farrakhans Antisemitismus. Man hätte erwarten sollen, dass im Verlauf der Jahre in seiner Bewegung laute Stimmen des Protestes gegen ihren Führer zu hören gewesen wären. Aber das ist nicht der Fall, die Nation of Islam ist eine befleckte Bewegung.

Alan Dershowitz hat aufgezeigt, dass – anders als bei sonstigen bekannten Antisemiten – Personen des Mainstream-Amerika bereit sind sich mit ihm zu treffen. Dershowitz vermerkt, dass vor kurzem ein Foto eines lächelnden Barack Obama mit Farrakhan aus dem Jahr 2005 auftauchte.[19] Dieses Treffen wurde vom Schwarzen-Ausschuss des Parlaments arrangiert. Dershowitz hat herausgestellt, dass sich kein Prominenter mit dem weißen Rassisten und Vollzeit-Antisemiten David Duke, einem ehemaligen Großwesir des Ku-Klux-Klans an einen Tisch setzen würde.[20]

Auf der Beerdigung der Sängerin Aretha Franklin im August 2018 erfreute sich Farrakhan des Promi-Status mit einem Platz nur zwei Sitze entfernt vom ehemaligen Präsidenten Bill Clinton.[21] Bei dieser Gelegenheit posierte Obamas früherer Generalstaatsanwalt Eric Holder für ein Foto mit Farrakhan.[22]

Linda Sarsour, die Nationale Vizevorsitzende des Women’s March und palästinensisch-amerikanische, ehemalige Exekutivdirektorin der Arab American Association von New York, die den Boykott Israels befürwortet, ist seit Jahren ebenfalls ein großer Fan von Farrakhan.[23]

Im Februar 2018 nahm Tamika D. Mallory, eine weitere Vizevorsitzende des Women’s March an der jährlichen Veranstaltung Saviours‘ Day der Nation of Islam in Chicago teil. Dort hielt Farrakhan eine aufwiegelnde Hauptrede, zu der Aussagen über „mächtige Juden“ gehörten, die er als seine Feinde betrachtet. Während Mallory und Sarsour Antisemitismus, Homophobie und andere Formen des Hasses verurteilt haben, haben sie sich nicht von Farrakhan distanziert. Es gab Aufforderungen an die Vizevorsitzenden zurückzutreten.[24]

Die Republican Jewish Coalition hat sieben Abgeordnete der Demokraten aufgefordert zurückzutreten, die sich mit Farrakhan zu persönlichen Treffen zusammensetzten, während sie im Amt waren – Andre Carson (aus Illinois), Maxine Waters (Kalifornien), Danny Davis (Illinois), Al Green (Texas), Barbara Lee (Kalifornien) und Gregory Meeks (New York) nebst Keith Ellison (Minnesota), dem stellvertretenden nationalen Vorsitzenden der Parteiführung der Demokratischen Partei.[25] Ellison ist inzwischen zum Generalstaatsanwalt von Minnesota gewählt worden. Nach der Kritik verurteilten einige dieser Politiker Farrakhan ausdrücklich. Es hat auch Verurteilungen dieser Treffen durch einige andere Repräsentanten der Demokraten gegeben.[26] Durch die Treffen mit Farrakhan legitimieren diese sieben demokratischen Politiker und andere ranghohe Persönlichkeiten Amerikas führenden Antisemiten.

Politiker, die nicht zögern würden David Duke zu verurteilen, wenn man sie dazu auffordert, zögern oft, das mit Farakhan zu tun. Ein Beispiel kam von Rabbi Shmuley Boteach, der darauf aufmerksam machte, dass US-Senator Cory Booker, der Ambitionen hat Präsident zu werden, sich gegen Antisemitismus äußerte, aber es vermied Farrakhan zu verurteilen.[27]

Das oben Beschriebene stellt ein fundamentales Problem dar. In einem demokratischen Land sollte ein Mann, der eine so regelmäßige Quelle beträchtlichen Hassredens ist, vor ein Gericht gestellt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Das ist in den Vereinigten Staaten infolge des ersten Verfassungszusatzes allerdings nicht möglich, denn dieser garantiert freie Meinungsäußerung selbst für extreme Hetzer.

[1] www.theguardian.com/society/2018/feb/27/antisemitism-us-rises-anti-defamation-league

[2] Joshua Trachtenberg, The Devil and the Jews (Cleveland: Meridian, 1961), 159.

[3] http://www.newsweek.com/nation-islam-leader-louis-farrakhan-loses-twitter-verification-calling-jews-971427

[4] www.jewishvirtuallibrary.org/minister-louis-farrakhan-in-his-own-words

[5] ebenda

[6] ebenda

[7] http://www.historyrevealed.com/eras/medieval/the-burning-of-jews-during-the-black-death/

[8] http://www.newsweek.com/louis-farrakhan-nation-islam-jews-anti-semite-termite-kanye-west-jewish-1174659

[9] www.jewishvirtuallibrary.org/minister-louis-farrakhan-in-his-own-words

[10] ebenda

[11] www.jewishvirtuallibrary.org/minister-louis-farrakhan-in-his-own-words

[12] www.adl.org/blog/farrakhan-rails-against-jews-israel-and-the-us-government-in-wide-ranging-saviours-day-speech

[13] www.jewishvirtuallibrary.org/minister-louis-farrakhan-in-his-own-words

[14] ebenda

[15] ebenda

[16] http://www.foxnews.com/world/farrakhan-chants-death-to-america-in-iran

[17] http://www.algemeiner.com/2018/11/04/renowned-antisemite-louis-farrakhan-chants-death-to-america-on-solidarity-trip-to-iran/

[18] www.israelnationalnews.com/News/News.aspx/241264

[19] www.newyorker.com/culture/annals-of-appearances/the-politics-of-race-and-the-photo-that-might-have-derailed-obama

[20] http://www.thetimes.co.uk/article/former-kkk-wizard-praised-corbyn-victory-rztzv263g

[21] http://www.dailymail.co.uk/news/article-6119447/Nation-Islam-leader-Louis-Farrakhan-sits-stage-Bill-Clinton-Aretha-Franklins-funeral.html

[22] https://www.frontpagemag.com/point/271236/heres-ex-ag-eric-holder-posing-hitler-praising-daniel-greenfield

[23] https://forward.com/opinion/396003/linda-sarsour-has-been-a-farrakhan-fan-for-years/

[24] http://www.washingtonpost.com/local/anger-over-farrakhan-ties-prompts-calls-for-womens-march-leaders-to-resign/2018/11/21/6d925942-edb4-11e8-8679-934a2b33be52_story.html

[25] http://www.politico.com/story/2018/03/08/louis-farrakhan-democrats-448241

[26] https://abcnews.go.com/Politics/republican-jewish-coalition-calls-resignation-democrats-ties-farrakhan/story?id=53601481=

[27] http://www.jpost.com/Opinion/No-Holds-Barred-Cory-Booker-refuses-to-condemn-Farrakhan-or-Iran-at-ADL-summit-574097

Die ignorierten Lektionen von Evian 1938

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Dieses Jahr jährt sich Konferenz von Evian 1938 zum achtzigsten Mal; ihr Zweck es war die Notlage der steigenden Zahl jüdischer Flüchtlinge, die vor der Verfolgung in Nazi-Deutschland flohen, zu diskutieren. Dort wurden der halben Million Juden aus Deutschland und Österreich kaum Fluchtorte angeboten.[1] Der Jahrestag dieser fehlgeschlagenen Veranstaltung hat kaum Aufmerksamkeit erregt. Doch es gibt wichtige aktuelle – und nicht nur historische – Lektionen, die man aus diesem Fehlschlag ziehen kann.

Die zehntägige Konferenz konnte nicht in der Schweiz stattfinden, da deren Regierung fürchtete Hitler zu verstimmen.[2] Stattdessen wurde sie ein paar Kilometer entfernt von der Schweizer Grenze in dem französischen Ferienort Evian am Genfer See abgehalten. Als ich Evian 2017 besuchte, gab es keinen Hinweis auf die Konferenz in der Vergangenheit. Diesen Sommer wurde Evians Hotel Royal endlich eine Gedenktafel überreicht, die nahe den Konferenzräumen von 1938 angebracht werden soll.[3]

Die Konferenz war die Initiative des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Zweiundreißig Länder nahmen an den zehn Tage dauernden Diskussionen teil. Es herrschte Gerede vor und von den allerlei Demokratien und Diktaturen, einschließlich des Initiators USA, wurden kaum Lösungen vorgeschlagen. Der australische Delegierte, der am zweiten Tag sprach, sagte, sein Land habe kein Rassenproblem.[4] Die darunter liegende Botschaft war klar: Australien glaubte, dass es ein Rassenproblem schaffen würde, wenn man eine beträchtliche Zahl jüdischer Immigranten ins Land ließe. Nach dem Krieg ließ Australien allerdings viele Holocaust-Überlebende ins Land. Ein Teil davon leistete beträchtliche Beiträge für das Land.

Von allen bei der Konferenz anwesenden Ländern war es nur die kleine, von Diktator Leónidas Trujillos regierte Dominikanische Republik, deren Repräsentant konkret einer Zahl jüdischer Asylsuchender Zuflucht anbot. Trujillos Regierung hatte in einem ethnischen Konflikt zwischen 8.000 und 12.000 Haitianier massakriert. Ein deutscher Jude, der nach Haiti kam, die benachbarte Diktatur auf derselben Insel, wird folgendermaßen zitiert: „Wenn ein Mörder dir das Leben rettet, musst du immer noch dem Mörder dankbar sein.“[5]

Wären die verfolgten Juden anteilig auf die anwesenden Länder verteilt worden, hätten diese höchstens zwei Zehntel eines Prozents (0,2%) der jeweiligen Bevölkerung ausgemacht. Die Finanzierung des Exodus aus Deutschland und Österreich war ebenfalls kein unüberwindliches Problem.

Um dem eine aktuellen Blickwinkel zu geben: Die von Deutschland in den letzten drei Jahren hereingelassenen Flüchtlinge stellen etwa zwei Prozent der Bevölkerung des Landes dar. Es könnte für manchen beleidigend klingen, doch es stimmt, dass jüdische Flüchtlinge mehr für diese Länder geleistet haben, die sie vor dem Holocaust aufnahmen und weniger Probleme verursachten, als die aktuellen Migranten in Deutschland. Ein Teil davon will sich nicht einmal integrieren.

Die Hauptcharakteristik der Konferenz von Evian war durchgängig reines Gerede. Hitlers Name wurde nicht erwähnt. Im aktuellen Jahrhundert hat der Antisemitismus beträchtlich zugenommen und wird weiter zunehmen. Das geschieht nicht nur in Europa, sondern auch in den Vereinigten Staaten und Kanada.[6][7] Die meisten Reaktionen der Führungspolitiker der Demokratien auf dieses Schüren von Hass sind einmal mehr Gerede. Das aktuelle Fehlen praktischer Lösungen auf antisemitische Vorfälle betont die Bedeutung der Existenz Israels. Die zionistische Idee demonstriert heutzutage wieder deren Bedeutung.

So wie Populismus und Nationalismus in Europa zunehmen, wird die Großzügigkeit des israelischen Rückkehrrechts noch deutlicher. Israel heißt weiterhin Juden willkommen zu immigrieren, selbst wenn diese sich öffentlich gegen seine Politik geäußert haben und es nicht wahrscheinlich ist, dass sie in der Zukunft Beiträge zu seiner Gesellschaft leisten werden.

Einige der wenigen Artikel, die dieses Jahr der Konferenz von Evian gewidmet wurden, suggerierten, dass die vielen Asylsuchenden, die in Deutschland und Schweden aufgenommen wurden, beweisen, dass Westeuropa aus dem Fehlschlag der Konferenz von 1938 gelernt hat. Das ist eine falsche Schlussfolgerung. Ein Großteil der jüngeren Migranten kommt aus muslimischen Ländern, in denen Antisemitismus Teil der von politischen und religiösen Führern, den Medien und vielen anderen Teilen der Eliten propagierten Kultur ist. Alle Meinungsumfragen zeigen, dass der Anteil der Antisemiten bei den muslimischen Migranten beträchtlich höher liegt als bei der jeweiligen einheimischen Bevölkerung.

Ist das die verdrehte Lektion der Konferenz von Evian: Lasst mehr Antisemiten ins Land? Die nach dem Holocaust enorm verkleinerte jüdische Bevölkerung Europas ist heute zunehmend Antisemitismus und Gewalt ausgesetzt.

Die aktuell wichtigste Lektion aus Evian liegt eher auf einer Linie mit dem, was Winston Churchill 1947 im Unterhaus sagte. „Niemand tut so, als sei die Demokratie perfekt oder allwissend. Tatsächlich wurde gesagt, dass die Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen ist – abgesehen von allen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden.“[8]

Die feindlichen Abstimmungsmuster der EU-Staaten, einschließlich Deutschlands, zu Israel bei den Vereinten Nationen sind nur ein kleines Abbild davon, wie zeitgenössische Demokratien Israel im Stich lassen und es gelegentlich sogar diskriminieren.

Tatsächlich irren sich die, die glauben, Israel solle sich ausschließlich auf die Unterstützung von Demokratien verlassen, enorm. Wegen dieser Schlussfolgerung und aus den anderen oben erwähnten Gründen sollte der Fehlschlag der Konferenz von Evian eine weit zentralere Rolle im jüdischen und israelischen Diskurs einnehmen.

[1] www.ec4i.org/80th-anniversary-of-evian-conference-asked-why-did-the-nations-fail-the-jewish-refugees-in-1938/

[2] Jochen Thies: Evian 1938 Al die Welt Die Juden Verriet, Klartext, (Essen) p. 2017, S. 9

[3] www.ec4i.org/80th-anniversary-of-evian-conference-asked-why-did-the-nations-fail-the-jewish-refugees-in-1938/

[4] Thies: Evian 1938 Al die Welt Die Juden Verriet, Klartext, (Essen) p. 2017, S. 47

[5] Jochen Thies: Evian 1938 Al die Welt Die Juden Verriet, Klartext, (Essen) p. 2017, S. 85.

[6] http://www.ushmm.org/educators/teaching-materials/national-history-day/research-topics/the-evian-conference

[7] http://www.thecanadianencyclopedia.ca/en/article/holocaust

[8] Winston Churchill, the House of Commons, November 11, 1947.

Erinnerungen an eine lebenslange Freundschaft mit Elie Wiesel

Manfred Gerstenfeld interviewt Ted Comet (direkt vom Autor)

Im Alter von 16 Jhren kam Elie Wiesel mit 400 Kindern aus Buchenwald nach Frankreich. Ich traf ihn in Versailles in dem Haus, dem ich als Studenten-Freiwilliger für das American Jewish Joint Distribution Committee (Joint) zugewiesen war. Wir wurden Freunde fürs Leben und als er sich erstmals in New York niederließ, kam er zu Sabbat-Essen in unser Haus. Ich werde nie die himmlische Qualität vergessen, mit der er Sabbat-Lieder sang. Ich fühlte mich in ein anderes Reich befördert.

Elie wurde 1926 in Sighet in Transsylvanien geboren, der einzige Junge in einer Familie mit vier Kindern. Er lernte in einer traditionellen Jeschiwa, aber er lernte auch Geige und Schach zu spielen und lernte modernes Hebräisch. Er wurde erstmals in einem Ghetto in Haft genommen und dann nach Auschwitz deportiert, wo seine Mutter und seine jüngere Schwester umkamen, später auch sein Vater.

Ted Comet war von 1956 bis 1968 Direktor der American Zionist Youth Federation. Er war Gründer und Vorsitzender der Celebrate Israel-Parade in New York. Comet war ein Schlüssel-Vertreter des Council of Jewish Federations und der Joint.

Elie wurde die französische Staatsbürgerschaft angeboten. Da er kein Französisch verstand, blieb die Frage, ob er sie haben wollte, unbeantwortet. Er blieb staatenlos, bis er ein Jahrzehnt später amerikanischer Staatsbürger wurde. Elie studierte französische Literatur und Philosophie, fasziniert von ihrer Konzentration auf moralisches Dilemma; er betrachtete Frankreich als den Ort, wo er sein Leben in Freiheit wieder herstellte.

In einer Zeit, in der uns heldenhafte Vorbilder fehlen, war Elie Wiesel ein Mann, der es nicht zuließ, dass seine Erfahrung in der Hölle von Auschwitz ihn verbittert, zynisch, losgelöst oder bewegungsunfähig zurückließ. Im Gegenteil: Er entdeckte das tiefgehende Geheimnis des Lebens – wie man Trauma in kreative Energie und Handeln umsetzt, den eigenen Schmerz stillt, indem man den Schmerz anderer stillt, sich selbst heilt, indem man andere heilt.

Die meisten jüdischen Leiter Amerikas hatte eine Machtbasis: eine wichtige Organisation, Institution, politische Position, Menschenliebe. Elie schloss sich keiner theologischen oder historischen Doktrin an. Wie kam er also in seine Position? Durch die Macht seiner Botschaft, seine Wortgewandtheit und sein Charisma.

1970 sorgte ich dafür, dass er der Hauptredner der Vollversammlung der (jüdischen) Föderationen war. Der Teil, der in meiner Erinnerung noch mehr als vier Jahrzehnte später herausragt, war sein Statement: „Wie waren wir fähig zu überleben? Darüber hinaus: Warum sollten wir überhaupt überleben wollen? Wir waren angetrieben von der Notwendigkeit die Geschichte zu erzählen, denn wir fühlten, wenn ihr sie kennen würdet, würdet ihr handeln. Hätten wir gewusst, was wir heute wissen, dass ihr sie kanntet und nicht handeltet, dann wären wir nicht fähig gewesen zu überleben.“

Elie war die Person, die am meisten dafür verantwortlich war den Holocaust auf vielen Ebenen der amerikanischen Kultur und Gesellschaft einzubinden. Eine Form das zu tun warten seine mehr als sechzig Bücher, deren bekanntestes Night [Nacht] war. Seine Hauptbotschaft lautete „Zachor“, die Erinnerung an den Holocaust aufrecht zu erhalten und am wichtigsten, die Erinnerung in moralisches Handeln zu verwandeln. Das wurde in seiner Konfrontation mit drei amerikanischen Präsidenten dramatisch verdeutlicht.

Präsident Jimmy Carter wollte, dass das US-Holocaust-Museum sich auf all jene konzentriert, die unter den Nazis litten. Elies Haltung war die: Sie alle verdienten es, dass man ihrer gedenkt, doch der Holocaust war eine einzigartige Form menschlicher Vernichtung der Juden, die erkannt werden musst. Er gewann diese Schlacht. In dem Museum geht es in erster Linie um den Holocaust, aber es hat eine Sonderabteilung für andere, die im Holocaust litten.

Als Vorstandsvorsitzender des Museums machte Elie daraus kein Monument, sonder etwas Monumentales. Es beinhaltet Lernen, Lehren und Forschung sowie Forscher aus aller Welt zu holen. Fünfundzwanzig Millionen Menschen habe das Museum bisher besucht.

Seine zweite Konfrontation fand mit Präsident Ronald Reagan statt. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl wollte, dass Deutschland zu einem vollen Teil des Westens wurde und lud Reagan zu einem Besuch ein. Als bekannt wurde, dass der geplante Besuch eine Kranzniederlegung auf dem Friedhof Bitburg beinhaltete, zu dem Gräber von Nazi-Soldaten gehörten, rügte Elie Reagan bei einer öffentlichen Feier, auf der ihm die Congressional Gold Medal verliehen wurde. Er sagte: „Der Talmud gebietet uns Macht mit der Wahrheit zu begegnen und die Wahrheit lautet, dass Ihr Platz bei den Opfern und nicht bei den Tätern sein sollte.“ Darauf wurde der Besuch des Präsidenten in Bitburg auf zehn Minuten beschränkt und der Ort des ehemaligen KZ Bergen-Belsen wurde in die Reiseplanung aufgenommen. Seitdem wurden amerikanische Regierungsbeamte sensibler im Umgang mit Dingen, die mit Nazis zu tun hatten.

Die dritte Begegnung fand mit Präsident Bill Clinton statt. Nach einem Besuch in Bosnien berichtete Elie über das Blutvergießen und die Notwendigkeit einzugreifen. Sein Druck half dabei die Friedensvereinbarungen von Dayton 1995 herbeizuführen.

Elie Wiesel erhielt 1986 den Friedensnobelpreis. In seinem Vortrag sagte er: „Wir müssen immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, nie dem Opfer, ermutigt den Peiniger, nie den Gepeinigten… Wo immer Männer oder Frauen verfolgt werden, wegen ihrer Rasse, Religion oder politischen Ansichten, muss dieser Ort zum Zentrum des Universums werden. Es mag Zeiten geben, in denen wir nicht die Macht haben Ungerechtigkeit zu verhindern, aber es darf nie eine Zeit geben, in der wir es verfehlen gegen Ungerechtigkeit zu protestieren.“

Elie Wiesel starb 2016. Es gab Nachrufe auch vom amerikanischen Präsidenten und Führungspolitikern der Welt.

Dringend geboten: Airbnb eine harte Lektion erteilen

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Die israelische Regierung und viele ihrer Anhänger im Ausland begreifen, dass Airbnb eine harte Lektion erteilt werden muss. Unter Druck von sehr finanzkräftigen Anti-Israel-Boykotteuren entfernte die Firma Mietwohnungen in der Westbank aus ihrem Portfolio.[1] In einem Fall wie diesem müssen Israel und seine Freunde sich erst einmal entscheiden, wie sie auf eine Weise handeln, die Airbnb bei minimalen Kosten für sie selbst am schmerzhaftesten und effektivsten trifft.

Statt einer Entscheidung zu Prioritäten und effektivem Handeln gab es eine Kakophonie an Reaktionen. Minister Gilad Elan sagte, Airbnb listet Mietmöglichkeiten in Ländern, die Diktaturen sind.[2] Die Sitemap der Firma bestätigt das und zeigt zudem, dass sie in einer Reihe von Ländern aktiv ist, die keine Israelis ins Land lassen.[3] Ministerin Ayelet Shaked erklärte, Israel könnte Aibnb verklagen.[4] Das mag möglich sein, wird aber viel Zeit brauchen. Tourismusminister Yariv Levin sagte, Israel würde Airbnbs Tätigkeit in Israel Einschränkungen auferlegen; wie das aussehen soll, konkretisierte er nicht. Er fügte an, dass die Regierung Vermieter in Westbank-Siedlungen ermutigen sollte die Firma zu verklagen und sie für die Entscheidung „büßen“ zu lassen.[5]

Das Simon Wiesenthal Center sprach sich für einen Boykott der Firma aus und sagte: „Wir nehmen zur Kenntnis, dass Airbnb keine Probleme damit hat Geschäfte im Gebiet der palästinensischen Autonomie zu machen, die Schulen und Einkaufszentren zu Ehren von Massenmördern benennt, die unschuldige Zivilisten getötet haben und die eine „Morde-Bezahlpolitik“ führt, wenn es um das Töten von Juden geht.“

In sozialen Medien riefen auch viele andere zum Boykott von Airbnb auf.

Eine Analyse des internationalen Geschäfts von Airbnb zeigt, dass die Firma sich viele Gegner und Feinde gemacht hat. Hotel-Verbände und Hotels haben als Ergebnis von Airbnb-Vermietungen Umsatz verloren. In einer Vielzahl von Städten hat sich als Ergebnis steigender Immobilienpreise Wohnungsknappheit verschärft. Langfrist-Mietern ist gekündigt worden, weil Wohnungseigentümer mit kurzzeitigen Vermietungen mehr Geld machen. Nachbarschaften sind von Touristen überschwemmt worden und verändern ihren Charakter. In einigen Stadtteilen hat die Kriminalität zugenommen. Viele Nachbarn von Wohnungseigentümern, die Airbnb für kuzzeitige Vermietungen nutzen, sind extrem unzufrieden, dass Kurzzeit-Mieter Hausschlüssel für ihre Gebäude erhalten. Einige der Mietenden benehmen sich übel. Die Behörden bemerken zudem, dass viele der Vermieter Steuern hinterziehen, indem sie das Einkommen aus der Miete nicht melden.

New York ist Airbnbs zweitgrößter Markt Es ist eine von mehreren amerikanischen Städten, in denen Maßnahmen gegen Airbnb und andere Kurzzeit-Mietfirmen eingeführt wurden. Die Gewerkschaft der Hotelbeschäftigten gab bei der School of Urban Planning der McGill University einen Bericht in Auftrag. Die Studie stellte fest, dass fast die Hälfte des Mieteinkommens auf Airbnb in New York City an 10 Prozent der Vermieter der Stadt ging. Damit profitieren nur wenige Menschen substanziell vom Kurzzeit-Mietgeschäft. Etwas früher dieses Jahr stellte ein Bericht des Rechnungsprüfungsbüros von New York City fest, dass Airbnb die Krise um günstigen Wohnraum in einer Reihe von Stadtteilen verstärkte.[6]

In San Francisco stellten tausende Vermieter die Vermietung ihrer Wohnungen ein, nachdem neues Vermietungsrecht in Kraft trat.[7] Ende letzten Jahres forderte Seattle von Vermietern den Erwerb städtischer Lizenzen und verbot die Kurzzeit-Vermietung von mehr als zwei Wohneinheiten pro Vermieter.[8] Im November stimmte der Stadtrat von Washington einstimmig dafür starke Beschränkungen für Kurzzeit-Vermietungsfirmen einzuführen.[9] Andere US-Städte sowie Vancouver in Kanada haben ebenfalls Maßnahmen getroffen, um kurzzeitige Vermietungen zu reduzieren.[10] Wieder andere denken über solche Schritte nach.

In Europa hat eine ganze Reihe von Städten Maßnahmen getroffen, die Airbnb und andere Kurzzeit-Vermietungsfirmen treffen. Barcelona fordert von Wohnungseigentümern, die kurzzeitig vermieten, sich zu registrieren und Airbnb muss Informationen zu allen Vermietern stellen. Befolgt sie das nicht, wird die Firma mit einem Bußgeld von 600.000 Euro belegt. In Paris, Airbnbs größtem Markt weltweit, werden hohe Geldstrafen gegen Firmen verhängt, die Wohnungsvermietungen ohne Regierungslizenz betreiben. Zusätzlich werden diejenigen, die mehr als 120 Tage im Jahr auf diese Weise vermieten, mit hohen Geldstrafen belegt.[11] In London beträgt die Vermietungsgrenze 90 Tage pro Jahr. Ein wichtiges spanisches Touristenziel, Palma de Mallorca, verbietet Kurzzeit-Vermietungen komplett.[12]

In den Niederlanden hat Airbnb unter enormer negativer Medienaufmerksamkeit gelitten. Der – auch international erfolgreiche – führende Comedian Arjen Lubach widmete eine seiner viel gesehenen Fernsehsendungen der Kritik an Airbnbs Arbeitsweise.[13] Er zeigt Videoclips des Firmengründers und spottete über seine Scheinheiligkeit. Lubach teilte Clips von Menschen, die sich über betrunkene Airbnb-Kunden beschweren, die ihre Schlüssel verloren und in den öffentlichen Räumlichkeiten der Häuser schliefen; auch von anderen, die sich in Korridoren übergaben oder dort urinierten. Am 1. Januar 2019 wird die Grenze für Kurzzeit-Vermietungen in Amsterdam von 60 auf 30 Tage halbiert.[14]

In Israel hat es auch Berichte gegeben, dass Touristen Schnäppchenpreise genießen, lokale Einwohner aber unter Lärm, Verkehr und fehlendem verfügbarem Wohnraum leiden, außerdem über Gäste, die die Nachbarschaft mit wilden Partys, Saufen und Drogenkonsum stören.[15]

Bei der Planung des Vorgehens gegen Airbnb sollte die israelische Regierung berücksichtigen, dass sie es mit einer Firma zu tun hat, die an vielen Orten der Welt unter Beschuss steht. Unterdessen können Israels Freunde überall in der Welt helfen, indem sie bei den örtlichen Räten der Städte, in denen sie leben, für Beschränkungen für Airbnb werben. Das Stadtrat von Bevery Hills war der erste, der beschloss, dass Airbnb wegen seiner israelfeindlichen Entscheidung nicht länger willkommen ist.[16]

Entscheidend ist, dass Airbnb dauerhaften Schaden erleidet, auch wenn es seine Entscheidung zurücknimmt. In diesem Fall wird die Kampagne gegen Airbnb einen Multiplikator-Effekt haben und andere Firmen werden es sich zweimal überlegen, bevor über ähnliche Boykotte nachdenken. Die Airbnb-Affäre streicht einmal mehr heraus, dass die Gründung einer israelischen Gegenpropaganda-Agentur lange überfällig ist.

[1] www.ngo-monitor.org/reports/the-ngos-and-funders-behind-airbnbs-bds-policy/

[2] http://www.algemeiner.com/2018/11/19/prominent-israeli-official-calls-for-boycott-of-airbnb-over-delisting-of-settlements/

[3] http://www.airbnb.com/sitemaps

[4] http://www.aljazeera.com/news/2018/11/israeli-cabinet-minister-erdan-urges-airbnb-boycott-181121134252041.html

[5] www.independent.co.uk/news/world/middle-east/israel-airbnb-taxes-west-bank-settlements-palestine-bds-boycott-middle-east-a8644361.html

[6] www.nytimes.com/2018/07/18/nyregion/new-york-city-airbnb-crackdown.html

[7] http://www.sfchronicle.com/business/article/Airbnb-loses-thousands-of-hosts-in-SF-as-12496624.php

[8] http://www.seattle.gov/business-regulations/short-term-rentals

[9] http://www.mrt.com/business/technology/article/City-votes-to-impose-restrictive-rules-on-13394800.php

[10] http://www.theglobeandmail.com/news/british-columbia/vancouver-limits-short-term-airbnb-rentals-in-laneway-houses-basement-suites/article36973446/

[11] https://abcnews.go.com/US/inside-1st-global-anti-airbnb-conference-huge-french/story?id=59290967

[12] https://global.handelsblatt.com/companies/european-cities-move-restrict-airbnb-rentals-954630

[13] http://www.youtube.com/watch?v=wyBPwDvZxBE

[14] https://nltimes.nl/2018/01/10/amsterdam-impose-stricter-daily-limit-airbnb-rentals

[15] http://www.haaretz.com/israel-news/business/as-airbnb-grows-in-israel-so-do-complaints-from-the-neighbors-1.5454858

[16] http://www.beverlyhills.org/cbhfiles/storage/files/382076173150246808/CCCondemnsAirbnb.pdf

Juden mit doppelter Loyalität – das wichtigste antisemitische Stereotyp

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Dem Mord an 11 Juden in einer Synagoge in Pittsburgh folgte die Veröffentlichung einer FBI-Publikation zu 2017, die festhielt, dass 60% aller voreingenommen-religiösen Hassverbrechensvorfälle in den USA sich gegen Juden richteten, womit die Zahl für andere Religionen bei weitem überschritten wurde. Diese und eine Reihe weitere Erscheinungsformen des Antisemitismus machen eine Analyse der wichtigsten negativen Stereotype zu Juden in den Vereinigten Staaten vor dem Hintergrund der internationalen Lage notwendig.[1]

Statistiken zeigen, dass das wichtigste antisemitische Hass-Motiv weltweit das ist, Diaspora-Juden würden Israel gegenüber mehr Loyalität zeigen als gegenüber dem Land, in dem sie leben. Die von der ADL 2014 veröffentlichte Studie „Global 100“ stellte fest, dass 30% der erwachsenen Amerikaner – also 75 Millionen Menschen – diese Falschmeldung glauben.[2] Eine Studie der ADL aus dem Jahr 2015 stellte sogar einen leicht höheren Anteil fest.[3]

Die Global 100-Studie der ADL von 2014 stellte auch fest, dass die falsche Anschuldigung der doppelten Loyalität das wichtigste internationale antisemitische Stereotyp ist. 41 Prozent der in dieser Studie eingeschlossenen Weltbevölkerung glauben, dass das wahr ist,[4] was rund 1,7 Milliarden Menschen ergibt. Diese gewaltige Zahl bietet eine fruchtbare Infrastruktur für viele weitere antisemitische Anschuldigungen. Wenn die Interessen Israels denen des Landes entgegen stehen, n dem die Juden leben, könnte das israelische Interesse Vorrang bekommen. A priori untergräbt dies das Vertrauen in Juden. Man kann es so ausdrücken: „Du bist nicht wirklich einer von uns.“ In seiner extremsten Form ist Doppelloyalität ein verschleierter Vorwurf von Verrat.

Die Anschuldigung Juden seien der Gesellschaft oder dem Land gegenüber, wo sie leben, nicht loyal, existierte lange, bevor der Staat Israel gegründet wurde. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ermöglichte sie zur Zeit der Plage des Schwarzen Todes das Verbrennen von Juden; sie wurden beschuldigt Lebensmittel, Brunnen und Flüsse zu vergiften. Es gab eine Reihe Variationen dieses Themas der zweierlei beziehungsweise des Fehlens von Loyalität. Eine Version lautete, Juden seien Kosmopoliten, ein Volk ohne Vaterland, die nur anderen Juden gegenüber loyal seien. Das bot eine bequeme Grundlage für die Beschuldigung und anschließende Verurteilung des französischen Offiziers Alfred Dreyfus wegen Hochverrat im Jahr 1894. Als Jude war er der ideale Kandidat um ihm Spionage gegen Frankreich vorzuwerfen, die in Wahrheit von einem nichtjüdischen Offizier begangen worden war.

Juden doppelter Loyalität zu beschuldigen ermöglicht die Schaffung weiterer antisemitischer Stereotype. Eines lautet: „Juden wollen die Welt kontrollieren.“ Die globale ADL-Studie von 2014 zeigt, dass 29% der Befragten weltweit glauben, Juden hätten zu viel Macht in Weltangelegenheiten.[5]

In den USA offenbarte 2015 eine Studie der ADL, dass 16% der Bevölkerung der Amerikaner (das sind 40 Millionen) glauben, Juden hätten zu viel Macht in der Geschäftswelt.[6] Dieselbe Zahl an Amerikanern zieht in Erwägung, dass Juden in den internationalen Finanzmärkten zu viel Macht haben. Zwölf Prozent oder 30 Millionen waren der Meinung, dass Juden zu viel Kontrolle über die US-Regierung ausüben, während dieselbe Anzahl glaubt, dass Juden zu viel Kontrolle über die Weltmedien haben. 25 Millionen erwachsene Amerikaner glauben, dass Juden zu viel Kontrolle über Weltangelegenheiten haben.[7]

Unter der Administration Obama entstand eine beträchtliche Uneinigkeit zwischen den USA und Israel bezüglich des Iran-Abkommens. Der jüdische Senator Chuck Shumer stimmte dagegen und wurde dann beschuldigt Israel gegenüber loyaler zu sein als Amerika.[8] Juden fürchten oft doppelter Loyalität beschuldigt zu werden, wenn einer von ihnen einen größeren Fehltritt begeht. Der extremste Fall war Jonathan Pollards Spionage für Israel. Er ist die einzige Person, die jemals eine lebenslange Strafe wegen Spionage gegen die USA im Auftrag eines Verbündeten erhielt.[9]

Es kann leicht gezeigt werden, dass auf grundlegenden Fragen großer Bedeutung für Israel die Beschuldigung der doppelten Loyalität amerikanischer Juden im Wesentlichen gelogen ist. Bisher ist Donald Trump der pro-israelischste US-Präsident gewesen. Wenn es doppelte Loyalität von Juden gäbe, sollte die große Mehrheit der amerikanischen Juden heute ihn heute unterstützen. 2016 stimmten 71% der Juden für Hillary Clinton; landesweit waren im Vergleich dazu 48%. Nur 24% der Juden stimmten für Trump.[10] Im neu gewählten Kongress wird von einer Vielzahl jüdisch-demokratischer Ausschuss-Leiter erwartet, dass sie den Präsidenten auf bedeutende Weise angreifen.[11]

Es gibt viele weitere Belege dafür, dass das Konzept der doppelten Loyalität amerikanischer Juden falsch ist. Barack Obama gehörte zu den Israel gegenüber unfreundlichsten US-Präsidenten, doch Juden stimmten in großer Zahl für ihn. 2008 stimmten 78% der Juden für Obama, landesweit waren es 53%. 2012 stimmten 69% der Juden für ihn, landesweit waren es 58%.[12][13] Die Mehrheit der amerikanischen Juden, die für Obama stimmten, taten das anscheinend gegen ihre eigenen Interessen. Er und seine Frau waren lange Zeit Mitglieder einer Kirche, deren Pastor Jeremiah Wright Antisemit ist.[14]

Wie wackelig Behauptungen der doppelten Loyalität von Juden sind, lässt sich auch in anderen Ländern zeigen. In einer in den Niederlanden während des Wahlkampfs durchgeführten Meinungsumfrage wurde festgestellt, dass 19% der niederländischen Juden beabsichtigten für die antiisraelische Arbeitspartei (PvdA) zu stimmen, während nur 6% der Gesamtbevölkerung für diese stimmte.[15]

In Großbritannien sagten 13% der Juden, sie würden bei den Parlamentswahlen 2017 immer noch für die Labour Party stimmen.[16] Und das trotz der Tatsache, dass Parteichef Jeremy Corbyn Sympathisant völkermörderisch-terroristischer Angreifer Israels und ein Anti-Israel-Hetzer ist.[17] Mehrere Menschen in seinem Umfeld hetzen extreme gegen Israel.

Stark verwässerte Versionen der doppelten Loyalität sind in vielen Ländern zu finden. Immigranten mögen beim Sport ihr Herkunftsland gegen das Land, in dem sie leben, unterstützen. Manchmal gerät dies jedoch radikal außer Kontrolle. Ein sehr bekannter Fall ist das Fußball-Freundschaftsspiel 2001 in Paris zwischen Frankreich und Algerien. In Frankreich lebende Algerier pfiffen, als die französische Nationalhymne gespielt wurde. Das Spiel musste abgebrochen werden, als Algerier das Spielfeld stürmten.[18]

Viele Länder haben eine problematische Diaspora. Anschuldigungen doppelter Loyalität ist jedoch ein typisches und weit verbreitetes, antijüdisches Stereotyp. Es gibt Fälle anderer Ethnien, wo das Problem doppelter Loyalität offensichtlich ist. Ein Beispiel ergibt sich aus der Tatsache, dass die Türkei ihren im Ausland lebenden Bürgern gestattet an Wahlen teilzunehmen. Mehr als 450.000 Türken oder 65% derer, die in Deutschland an der Wahl teilnahmen, unterstützten bei den Parlamentswahlen von 2018 Erdoğans AKP. Das ist beträchtlich mehr als der Anteil derer, die in der Türkei für sie stimmte. Trotzdem führte das nicht zu allgemeiner Entrüstung in Deutschland darüber, dass diese Leute eine Partei im Ausland unterstützen, deren Ansichten mit demokratischen Normen und Werten nicht kompatibel sind.

Der ehemalige Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir war fast der einzige deutsche Politiker, der die offensichtlichen Schlüsse zog. Er sagte: „Die feiernden deutsch-türkischen Erdoğan-Anhänger jubeln nicht nur ihrem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Das muss uns alle beschäftigen.“[19]

Intelligente Wege zu finden, diese falschen Behauptungen doppelter Loyalität gegen Juden zu entlarven, könnte der Anfang eines neuen Typs des Kampfs gegen Antisemitismus sein.

[1] https://ucr.fbi.gov/hate-crime/2017/topic-pages/tables/table-1.xls

[2] https://global100.adl.org/public/ADL-Global-100-Executive-Summary.pdf

[3] http://global100.adl.org/#country/usa/2015

[4] https://global100.adl.org/public/ADL-Global-100-Executive-Summary.pdf.

[5] ebenda

[6] http://global100.adl.org/#country/usa/2015

[7] ebenda

[8] http://www.timesofisrael.com/us-jewish-group-slams-dual-loyalty-smears-on-iran-deal/

[9] http://www.theguardian.com/world/2015/nov/20/spy-jonathan-pollard-to-be-free-after-30-years-but-still-a-thorn-in-us-israeli-ties

[10] http://www.jewishvirtuallibrary.org/jewish-voting-record-in-u-s-presidential-elections

[11] http://www.jpost.com/Diaspora/Jewish-Americans-are-now-the-face-of-Trump-resistance-571399

[12] ebenda

[13] http://www.jta.org/2018/10/17/news-opinion/politics/poll-shows-jewish-voters-favor-democrats-midterms-dislike-trump

[14] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19883

[15] http://www.niw.nl/enquete-joods-nederland-kiest-555/

[16] http://www.thejc.com/news/uk-news/labour-support-just-13-per-cent-among-uk-jews-1.439325

[17] https://besacenter.org/perspectives-papers/corbyn-against-jews-israel/

[18] http://www.leparisien.fr/sports/france-algerie-pourquoi-le-match-a-degenere-08-10-2001-2002494338.php

[19] http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-06/reaktionen-tuerkei-wahl-cem-oezdemir