Begin entdeckt Ägypten

Sowie die Friedensgespräche zwischen Israel und Ägypten begannen, hatte der ehemalige israelische Premierminister Menachem Begin die Chance die historischen Schätze dessen zu besuchen, was lang ein Feindstaat gewesen war.

Nati Gabbai, the Librarians, 26. März 2019

Der israelische Premierminister Menachem Begin vor dem Hintergrund der Großen Pyramide von Gizeh, April 1979 (Foto: Mosche Milner, GPO)

Während der gesamten Friedensgespräche zwischen Israel und Ägypten sowie in den Jahren nach der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen den beiden Ländern unternahm der israelische Premierminister Menachem Begin mehrere Reisen ins benachbarte Ägypten.

Trotz eines vollen Terminplans konnten der Premierminister und seine Begleitung der Gelegenheit nicht widerstehen zwischen den Treffen mit Ägyptens Präsident Anwar Sadat den Assuan-Staudamm und andere historische Orte zu besuchen. Sie besichtigten einige der bekanntesten Sehenswürdigkeiten des antiken Ägypten, darunter die Tempel von Abu Simbel und die Pharaonengräber im Tal der Könige.

Zu Begins Begleitern gehörten Fotografen des israelischen Pressecorps. Auch sie waren begeistert das Tal der Könige zu besuchen. „Es ist unmöglich die Aufregung zu beschreiben, die alle im Flugzeug ergriff, als plötzlich die Pyramiden zu sehen waren“, erinnert sich der Fotograf Dan Hadani, dessen Sammlung an Pressefotos derzeit in der Nationalbibliothek archiviert ist. „Zu glauben, dass das Volk Israels einst Sklaven in Ägypten waren und dann tatsächlich die Orte zu sehen, die unsere Vorfahren gebaut haben könnten…“

Bis heute hängt eine eingerahmte Urkunde in Dan Hadanis Haus, das an seiner Teilnahme am ersten El Al-Flug nach Ägypten erinnert. „Sie behandelten uns wie Könige“, sagt  Dan Hadani. „Es war wie ein Traum.“

Hier sind einige der außergewöhnlichsten Fotos, auf denen wir den ehemaligen Premierminister sehen, wie er Ägypten als Tourist erlebte, nicht als Gegner.

Die Tempel von Abu Simbel. Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Die Tempel von Abu Simbel. Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Der Assuan-Staudamm. Dahn Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Der Totentempel von Hatschepsut, the Dan Hadani (IPPA) Collection, the National Library of Israel
Die Tempel von Abu Simbel. Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Aufgenommen beim Rückflug nach Israel. Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.
Aufgenommen beim Rückflug nach Israel. Dan Hadani Sammlung (IPPA), Nationalbiliothek Israels.

Und zum Schluss mehrere Fotos, die der Fotograf des Pressebüros der Regierung, Mosche Milner, während eines Besuchs in Ägypten ein paar Tage nach Unterzeichnung des Friedensvertrags machte.

Die Große Pyramide von Gizeh. Foto: Mosche Milner, GPO
Gizeh. Foto: Mosche Milner, GPO
Das Museum der ägyptischen Altertümer in Kairo. Foto: Mosche Milner, GPO

 

Menachem Begin: Der Mann der tausend Gesichter

Was (oder wen) haben Her Halperin, Rabbi Sassover und Dr. Konigshoffer gemeinsam? Wie der Kopf der Irgun immer wieder der Gefangennahme durch die britische Polizei entging.

Nati Gabbay, the Librarians, 15. August 2019

Es waren die Tage des britischen Mandats im Land Israel. Jüdische Untergrund-Organisationen waren auf dem Höhepunkt ihrer Aktivitäten gegen die Kolonialobrigkeit. Besondere Aufmerksamkeit wurde der von Menachem Begin angeführten Organisation Irgun gewidmet, die die Briten als Terrorgruppe betrachteten. Begin und die Irgun waren in der Tat ein besonders Besorgnis erregender Dorn im Auge des schwindenden britischen Empire. Die Gruppe war verantwortlich für hunderte rebellischer Taten gegen das Regime, einschließlich des Ausbruchs aus dem Gefängnis von Akko und der Bombe im King David Hotel, die unter anderem Dutzende Tote bei den Mitgliedern der Mandatsverwaltung zur Folge hatte.

Als Führer der Irgun wurde Begin ein Platz hoher Priorität auf der Fahndungsliste des britischen Geheimdienstes zugewiesen. Der Öffentlichkeit wurden eine Prämie für seine Gefangennahme und Belohnungen für Informationen zu seinem Aufenthaltsort angeboten. Begin war gezwungen sich zu verstecken, von einem sicheren Haus zum nächsten zu ziehen, sogar Verkleidungen und falsche Identitäten zu nutzen. Das waren einfache Finten, aber sie waren immer wieder erfolgreich. Wann immer die Briten begannen in einzukreisen, packte Begin einfach seine Familie und Habseligkeiten und verschwand. Dann tauchte irgendwo mit einer anderen Identität wieder auf.

Eine Fahndungsplakat der Polizei Palästinas vom Februar 2917, mit der jedem eine Entlohnung angeboten wurde, der Informationen anbieten konnte und die zur Verhaftung der gesuchten Männer auf dem Poster führt. Der erste oben links: Menachem Begin. (Aus der Sammlung des Jabotinsky Insittute)

Der Pole, der nie sein Haus verließ

Name: Israel Halperin
Adresse: Tsirelson-Straße 15, Viertel Hasidof, Petah Tikva
Beruf: Jura-Student
Zeitraum, in dem er unter dieser Identität lebte: Mai 1944 bis Februar 1945
Beginn seiner falschen Identität:

„… unsere Nachbarn hatten nicht den geringsten Verdacht. Sie fanden das alles natürlich und verständlich. Ihnen wurde gesagt, dass die Familie Halperin eine Flüchtlingsfamilie aus Polen war, die in der Stadt keine Unterkunft finden konnte. Stimmt, das Familienoberhaupt ging nicht jeden Tag zur Arbeit, aber auch dafür wurde eine plausible Erklärung gefunden. Wir erzählten den Nachbarn von uns aus, dass wir von einer Zuteilung einer Flüchtlingsorganisation lebten und dass ich mich auf die Juraprüfung für Palästina vorbereitete – daher arbeitete ich Zuhause.“

Das Haus, in dem Menachem Begin als Israel Halperin im Viertel Hasidof in Petah Tikvah lebte. (Aus der Sammlung des Jabotinsky Insittute. Mehr Fotos des Hauses finden Sie hier im Online-Archiv von Petah Tikva)

Bitte nennen Sie mich „den ehrenwerten Rabbi“

Name: Rabbi Israel Sassover
Adresse: Ecke Habashan-Straße/Yehoschua Bin Nun-Straße, Tel Aviv
Beruf: „Am Ende von dreißig Tagen hatte ich mich ausreichend verändert, um Israel Sassover zu werden, der ein moderner Rabbiner oder ein Politiker einer der religiösen Parteien oder einfach ein reumütiger Sünder hätte sein können.“
Zeit, die er unter dieser Identität lebte: Februar 1945 bis Anfang 1947
Beginn dieser Identität:

Mein Bart und der Status, den er mir verlieh, erzwang auch gewisse Verpflichtungen in meiner neuen Umgebung. […] Ich wurde eingeladen regelmäßiger Teilnehmer bei Gebeten in der Synagoge zu sein […] Sie empfingen ihren neuen Nachbarn mit charakteristisch wohlwollender Neugier. Sie stellten mir Fragen, die ich beantworten musste. Sie gaben mir meinen turnusmäßigen Platz und daher wurde ich einer von ihnen. Später hörte ich, vertraulich, wenn die Briten zehn Jahre länger in Eretz Israel geblieben wären, dann hätte ich möglicherweise zu hohem Ansehen aufsteigen und zum zweiten Assistenten des dritten Aufsehers der Synagoge werden können. Ich war recht beliebt, obwohl ich nie an einer politischen Diskussion teilgenommen hatte – oder vielleicht war auch das der Grund.“

Menachem Begin getarnt als Rabbi Israel Sassover mit seiner Frau Aliza und ihrem S ohn Benny (Foto: GPO)

Was die Nachbarn über ihn zu sagen hatten:

Ich glaube, sie kamen zu dem Schluss, dass ich ein Taugenichts war, der eine große Mitgift seiner Frau hatte. Sie konnten kaum geglaubt haben, dass ich zu irgendeiner Arbeit taugte. Sie hatten großes Mitleid mit meiner Frau, besonders die Frauen. ‚Armes junges Ding‘, sagten sie, ‚sie muss gezwungen worden sein diesen Faulenzer zu heiraten, diesen ewigen Studenten.‘ Ich hatte natürlich kein Interesse ihre Illusionen zu zerstreuen.“

Der wohlerzogene Deutsche

Der gefälschte Pass von Dr. Konigshoffer. Aus der Sammlung des Jabotinsky Institute

Name: Dr. Jona Konigshoffer
Adresse: Ecke Rosenbaum-Straße/Yosef Eliyahu-Straße, Tel Aviv
Beruf: Doktor
Nationalität: deutsch-jüdisch
Zeitraum, in dem er unter dieser Identität lebte: Januar 1947 bis zum Abzug der Briten aus dem Land Israel
Beginn dieser Identität:

Mehr oder weniger durch Zufall war in den öffentlichen Büchereien ein Reisepass auf den Namen Dr. Jona Konigshoffer gefunden worden. Es war ein recht langer Name, aber ich hatte den Vorteil rein „germanisch“ zu sein. Es war ein Name, der nach Loyalität und dem Erhalt von Recht und Ordnung roch. Also wurde beschlossen mir den Pass anzupassen oder besser gesagt mein neues Foto an ihn einzupassen.“

Bonus-Fakt:

Die örtlichen Kinder auf der Straße lachten Menachem Begins Sohn aus und spotteten über den Familiennamen, indem sie ihn mit einem Wortspiel verdrehten:

„Konigs-bluffer“. Begin dachte darüber nach: „Sie wussten nicht, wie ernst ihr grausamer Witz war.“

Alle Zitate in diesem Artikel wurden dem Buch Die Revolte von Menachem Begin entnommen, veröffentlicht von Dell, 1978.

Weitere Informationen finden Sie online im Archiv des Jabotinsky Institute.

Menachem Begin: Sein Vermächtnis, ein Jahrhundert nach seiner Geburt

Daniel Gordis, 16. August 2013 (Jerusalem Post)

Menachem Begin, Israels sechster Premierminister, wurde heute vor einhundert Jahren geboren. Ein Jahrhundert nach seiner Geburt und mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod ziemt es sich für uns alle – ungeachtet unserer politischen Ausrichtung – einen Moment innezuhalten und über die Tiefe seines Beitrags für das jüdische Volk nachzudenken. Dieser Anspruch wird zweifellos vielen seltsam vorkommen, denn mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem er half Palästina von den Briten zu befreien, wird Begin immer noch von vielen genau der Juden verunglimpft, die in der amerikanischen Revolution einen Grund echten Stolzes sehen.

Begin selbst schien die Ironie zu spüren, also sprach er hin und wieder über die amerikanische Revolution. In einem Artikel zum fünfundfünzigsten Todestag Ze’ev Jabotinskys verband er zwei Abschnitte aus Thomas Jeffersons Briefen – einen an James Madison und einen weiteren an William Stephens Smith. „Ich halte daran fest, dass eine kleine Rebellion dann und wann eine gute Sache ist und in der politischen Welt so notwendig wie Stürme in der Physik“, zitierte Begin Jefferson und fügte die ernüchternde Feststellung der amerikanischen Revolution hinzu: „Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen aufgefrischt werden.“

Es war nur natürlich, dass Begin von der zionistischen Revolution so dachte, angesichts dessen, was amerikanische revolutionäre Patrioten 175 Jahre früher ausgearbeitet hatten. Immerhin hatten die amerikanische und die zionistische Revolution einiges gemeinsam. Beide wurden von dem Sehnen eines Volkes nach Freiheit nach langer Zeit der Unterdrückung getrieben, in der die Religion eine zentrale Rolle bei ihrer Verfolgung spielte. Beide waren konzipiert, um die Briten zu zwingen das fragliche Territorium zu verlassen, so dass sie (die amerikanischen Kolonialisten und die Zionisten) ihr eigenes, souveränes Land gründen konnten – in Israels Fall auf genau dem Boden, wo vorher schon ein souveräner jüdischer Staat bestanden hatte. Beide brachten bewundernswerte Demokratien hervor. Und beides waren gewalttätige Revolutionen.

Angesichts dieser Ähnlichkeiten darf man fragen, warum viele jüdische Amerikaner ihre Köpfe respektvoll vor Nathan Hale beugen, aber bei der Erwähnung hebräischer Freiheitskämpfer zusammenzucken, die genau das anstrebten, für das Nathan Hale starb. Warum ist George Washington, der einen gewalttätigen, erbitterten und blutigen Feldzug gegen die Briten führte, ein Held, während Begin für viele ein Verbrecher oder zumindest ein jüdischer Anführer mit kompromittiertem Hintergrund bleibt?

Einige der Differenzen sind zeitbedingt. Wir haben Fotografien der beiden britischen Sergeanten, die Begin als Antwort darauf zu henken befahl, dass die Briten seine Männer henkten; und vom geborstenen King David Hotel, das zu sprengen er befahl. Wir kennen die Namen der Sergeanten und der Opfer des Angriffs auf das Hotel, aber nicht die der jungen Briten, die durch die Hände der Revolutionäre Amerikas starben. Der Zeitraum und dass wir keine Details haben gestattete der heldenhaften Geschichte der amerikanischen Freiheitskämpfer das Fortbestehen, während der Schmerz und das Leiden derer, die sie bekämpften allmählich in Vergessenheit gerieten. Den Führern und Kämpfern der zionistischen Revolution wurde ein solcher Luxus nicht gewährt.

Die Kämpfer der zionistischen Revolution haben auch das Pech einer weiteren Ungleichheit gehabt. Die eingeborenen Amerikaner sind nicht Objekt des Mitgefühls der Welt gewesen. Die frühen Amerikaner töteten oder vertrieben ganze Stämme, doch die amerikanische Revolution wird heute selten wegen ihres Umgangs mit den eingeborenen Amerikanern so vehement angegriffen wie die israelische Revolution wegen ihres Konflikts mit Arabern. Die Palästinenser sind mit ihrer Suche nach internationaler Unterstützung unendlich erfolgreicher und der Ruf der Revolutionäre Israels – trotz der Ähnlichkeiten zu denen in Amerika zwei Jahrhundert davor – hat die Hauptlast des Unmuts der internationalen Gemeinschaft getragen.

Und Begins Ruf war auch durch David Ben-Gurions Weigerung verunstaltet seine Teilnahme an einigen der Ereignisse zuzugeben, für die Begin diffamiert wird. Ben-Gurion stritt immer ab, dass er irgendetwas mit Operationen zu tun hatte, die nicht wie geplant abliefen, während Begin bereit stand Verantwortung zu übernehmen. David Shaltiel von der Haganah hatte die heute berüchtigte Operation von Deir Yassin genehmigt, aber als die tragisch und furchtbar schief ging und viele unschuldige Menschen starben, stellte Ben-Gurion Begin als gewalttätigen Schurken hin und behauptete, seine eigene Organisation habe nichts damit zu tun. Die Haganah war auch eng in die Genehmigung und die Planung des Bombenanschlags auf das King David Hotel eingebunden (weil Ben-Gurion zu der Erkenntnis kam, dass Begin Recht hatte und die Briten ausquartierte werden mussten), doch als Zivilisten getötet wurden, weil die Briten es ablehnten Etzels Warnungen zu beachten und das Gebäude zu verlassen, griff Ben-Gurion Begin an und gab vor, er und seine Männer hätten von dem Plan nichts gewusst.

David Ben-Gurion war einer der größten jüdischen Anführer, die jemals lebten; der jüdische Staat hätte sich durchaus nicht entwickeln können, hätte es ihn nicht gegeben. Doch unbeschadet seiner Größe war er Menachem Begin gegenüber unfair – ständig und erbarmungslos.

Doch Ben-Gurion war nicht alleine. Menachem Begin ist auf viele Arten immer noch das Opfer von Kampagnen, die Diaspora-Juden gegen ihn führen. Als am Vorabend des geplanten Begin-Besuchs in den USA 1948 Albert Einstein und die politische Theoretikerin Hannah Arendt sich rund zwei Dutzend anderen prominenten amerikanischen Juden anschlossen der New York Times zu schreiben, um gegen seinen Besuch zu protestieren, hätten sie sich wohl nicht vorstellen können, welchen langfristigen Schaden sie nicht nur dem Ruf Begins zufügen würden, sondern auch den Anliegen, für die er stand. „Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft“ schrieben Einstein und Arendt, habe der Etzel „eine Beimischung aus Ultranationalismus, religiösem Mystizismus und Rassenvorrang“.

Die amerikanischen Juden glaubten ihnen. Doch diese Charakterisierung Begins war vollkommen falsch. Außer der Glaube an Gott macht einen zu einem religiösen Mystiker, war Begin weit davon entfernt ein solcher zu sein. Der Menachem Begin, den sie der „Rassenvorrang“ beschuldigten, war derselbe Begin, der für das Ende der Militärherrschaft übe die Araber Israels eintrat, dessen erste Tat als Premierminister darin bestand die vietnamesischen Boat People als israelische Bürger willkommen zu heißen, der Projekte initiierte, mit denen äthiopische Juden nach Israel gebracht wurden und der den Sinai aufgab, um mit Ägypten Frieden zu schließen.

Dass Albert Einstein und Hannah Arendt, beide nach Amerika eingewandert, wo sie in den Vereinigten Staaten Freiheit gefunden hatten, die ihnen in ihrer Heimat Deutschland nie gewährt worden wäre, die Ähnlichkeiten zwischen der amerikanischen und der zionistischen Revolution nicht sehen konnten – oder wollten – ist erstaunlich. Sie sahen die amerikanischen Kolonisten als Herolde der Freiheit, die die größte Demokratie der Welt geschaffen hatte, ein Land unbegrenzter Möglichkeiten für die, die an seinen Stränden landeten, doch Begin und den Etzel als „Teroristen“, nur Schande und Verunglimpfung wert.

Warum?

Teil des Problems war, dass Begins jüdische Weltsicht in vielerlei Art unendlich fortschrittlicher war als die seiner Kritiker. Er verstand, dass das Leben ein dreckiges Unterfangen ist und die gorßen Dinge nicht unter den makellosen Bedingungen des Labors erreicht werden können. Wäre er heute am Leben, würde er von diesen amerikanischen Juden verblüfft sein, die wegen der Umstände, unter denen die Araber unter israelischer Herrschaft leben, bedrückt sind, die aber selten die fürchterlichen Bedingungen der eingeborenen Amerikaner auch nur erwähnen, die diesen heldenhaften amerikanischen Kolonisten betrogen, deportierten und ermordeten. Er hätte natürlich keinesfalls den Umgang mit den eingeborenen Amerikanern gebilligt; dafür war ein zu großer Humanist. Tatsächlich hätte er sich eher mit ihnen identifiziert, sich als Eingeborener Israels betrachtet. Was ihn über all Maßen hinaus traurig gemacht hätte war die Fähigkeit des jüdischen Volkes der Dreckigkeit des Lebens gegenüber in der eigenen Geschichte so intolerant zu sein, aber der Dreckigkeit des Handelns anderer so viel Verständnis entgegen zu bringen.

Begin war auf andere Art nuanciert, die es vielen schwer macht sein Weltbild zu schätzen. Sein Judentum war eines, in dem man sowohl zutiefst humanistische Überzeugungen hegen, als auch eine leidenschaftliche Loyalität zu seinem eigenen Volk haben konnte. Ein Partikularismus, der auf Kosten des weiteren Humanismus kommt, ist unvermeidlich eng und wird voraussichtlich bedrohlich werden, hätte er gesagt. Doch eine Hingabe an die Menschheit insgesamt, die das eigene Volk nicht an die erste Stelle und ins Zentrum stellt, glaubte Begin und machte es immer wieder deutlich, ist ein menschliches Leben, dem jede Identität fehlt. Er begriff, dass die gesamte Menschheit gleich zu lieben bedeutet, dass man niemanden intensiv liebt. Solch unverfrorener, aber nuancierter Partikularismus, gar Stammestum, war und bleibt für viele zeitgenössische Juden schwierig, die die westlich universalistische Kultur als Ethos betrachten, der ganz und gar im Widerspruch zu dem Volkstum steht, das immer das leidenschaftliche jüdische Leben angetrieben hat.

Sicher, es ist unmöglich von den Ergebnisse des Schlacht um Deir Yassin, dem von Begin befohlenen Henken der beiden britischen Sergeanten oder dem furchtbaren Blutzoll beim Bombenanschlag auf das King David Hotel zu lesen, ohne innezuhalten und über den großen Verlust an Leben nachzudenken, ohne sich wenigstens – wenn auch nur für einen Moment – zu fragen, ob es nicht eine andere Möglichkeit gegeben hätte. Begin selbst gab zu, dass einige der Mittel extrem waren.

Doch in Europa starben Juden. Und niemand kümmerte es. Nicht Churchill. Nicht Franklin Delano Roosevelt. Nicht einmal der größte Teil der amerikanischen Juden. Die Briten hatten die Küsten Palästinas versiegelt. Die Vereinigten Staaten versiegelten die eigenen Küsten. Das Leben der amerikanischen Juden ging ohne größere Störungen eilig weiter; die amerikanischen Juden versammelten sich nicht hin und wieder in Massen um den Capitol Hill oder dem Weißen Haus und übten Druck aus, damit FDR wenigstens eine Bombe auf ein Gleis zu einem Lager warf. Während abertausende polnischer Juden durch die Schornsteine von Auschwitz gingen, feierten amerikanische Juden Bar Mitzvas fast als wäre nichts Schlimmes im Gang. Die Welt wusste, begriff Begin, doch sie reagierte mit Schweigen. Es gab mit Juden angefüllte Schiffe, die über den Globus streiften, nach einem Ort suchten, an dem sie Anker werfen konnte, doch niemand half ihnen.

Jemand musste eine Heimstatt für diese Juden erkämpfen, die niemand sonst haben wollte. Jemand musste für diese Juden einstehen, die selbst von den Juden im Stich gelassen worden waren. Menachem Begin hatte seine Flucht vor den Nazis überlebt. Er hatte sowjetische Haft erduldet. Er hatte ies las in der Polnischen Freien Armee nach Palästina geschafft. Wie in aller Welt, hätte er gefragt, hätte irgendjemand glauben nicht können, dass etwas getan werden musste, um einen kleinen Platz für die Juden zu schaffen? Er lebte, um etwas zu tun. Diejenigen, die ihn weiter ablehnen, lehnen seine Taktiken ab, sehen aber die Existenz des Staates als selbstverständlich an, den zu schaffen er half.

Als der Kolumnist Thomas Friedman von der New York Times schrieb „Was Begin … gefährlich machte, waren seine Fantasien über Macht in Kombination mit einer Selbstwahrnehmung Opfer zu sein… Begin erinnerte mich immer an Bernhard Goetz, den Weißen aus Manhattan, der auf vier schwarze Jugendliche schoss, von denen er glaubte, sie würden ihn in der U-Bahn von New York überfallen … [Begin] war Bernhard Goetz mit einer F-15“, da verfehlte er zu begreifen, dass das keine „Fantasie“ war. Begin war gegen Fantasie. Warum sollten Juden einer Fantasie glauben, dass sie machtlos waren, als sie sie endlich hatten? Warum sollten sie sich einbilden, dass sie nicht noch einmal Opfer werden könnte, wenn andere ganz klar ihre Vernichtung planten? Wie sollte die Zerstörung des Reaktors von Osirak (was er im Juni 1981 machte) auf eine Fantasie oder einen Machtfetisch deuten, wenn Saddam ausdrücklich erklärt hatte, dass er Israel vernichten werde?

Dankenswerterweise waren Einstein, Arendt und Friedman nicht die einzigen Sichtweisen, die über Begin geäußert wurden, selbst noch während er lebte. Abba Hillel Silver, amerikanischer Reform-Rabbiner und zionistischer Leiter, sagte: „Die Irgun wird in die Geschichte als Faktor eingehen, ohne den der Staat Israel nicht entstanden wäre.“

Rabbi Silver hatte recht. Jüdische Souveränität kam nicht durch Zufall, auch nicht einfach durch Verhandlungen. Er kam zustande durch Entschlossenheit, Charakterstärke, Mut und Blut. Er wurde nicht nur von Ben-Gurion und denen gefertigt, die er zu diesem denkwürdigen Nachmittag in Tel Aviv einlud, als er die Unabhängigkeit erklärte, sondern auch – um Moses mit anderen Worten zu Wort kommen zu lassen, von „denen, die dort an diesem Tag standen und denen die an diesem Tag nicht dort standen“. Trotz der bösartigen Anfeindungen, die sie fast ihr gesamtes Arbeitsleben lang trennte, waren Ben-Gurion und Begin beide notwendige Elemente der Gründung des jüdischen Staates. Ohne den jeweils anderen hätte es durchaus passieren können, dass Israel nicht entsteht.

Menachem Begins komplexes Leben war eine Studie der Möglichkeiten des „sowohl als auch“, statt des „entweder – oder“. In Krieg geboren, gab er nie die Hoffnung auf Frieden auf. In den Untergrund gezwungen, weil der die Revolte erklärte, waren seine größten Momente in der Öffentlichkeit, vor bewundernden Menschenmengen. Animiert und unter Spannung gesetzt von den Bürgern, die sich hinter ihn stellten, verbrachte er das letzte Jahrzehnt seines Lebens außerhalb ihrer Sichtweite, beendete sein Leben in Israel so, wie er es in Palästina begonnen hatte – versteckt. Von den Briten als „Terrorist Nummer 1“ gejagt, bekam er den Friedensnobelpreis. Er schloss Frieden mit Ägypten, griff aber den Irak an und marschierte im Libanon ein. Großer emotionaler Höhenflüge fähig, war er auch von Zeiten großer Tiefpunkte verfolgt. Gewillt Gewalt zugebrauchen, um die Briten zu vertreiben, gehörte er auch zu den wichtigsten Schützern des Rechtsstaatsprinzips im jüdischen Staat. Erbittert und einzigartig den Juden zugetan gab er den vietnamesischen Bootsflüchtlingen Zuflucht und drängte auf ein Ende der Militärherrschaft über Israels Araber. Nach der Vermeidung eines Bürgerkrieges wegen der Altalena, drohte er mit der Forderung nach Entschädigungen und brachte Israel einmal mehr an den Rand davon, als er die Evakuierung von Yamit befahl. Überhaupt nicht förmlich praktizierend, liebte und ehrte er die jüdische Tradition. Begin lehrte die Juden, dass die Liebe zu ihren Traditionen keineswegs exklusiv die Domäne der rituell praktizierenden waren, dass die religiös-säkulare Unterscheidung im israelischen Leben von Leuten mit einer profunden Kenntnis der und Liebe zu jüdischen Texten und Riutalen bedeutungslos gemacht werden könnte.

Doch trotz dieser „sowohl als auch“-Tendenz hatte Begins Leben im Kern eine felsenfeste Konstante, ein Leitprinzip, das alles formte. Es war ein Leben der selbstlosen Ergebenheit an sein Volk. Diese Hingabe formte ein Leben, in dem Entschlossenheit Angst auslöschte, Hoffnung Verzagen überwand, Liebe Hass überwand und Hingabe an Juden wie Menschen überall mit Ruhe und Gnade existierte. Es war ein leben großer Loyalität – dem Volk gegenüber, in das er hineingeboren wurde, der Frau gegenüber, die er von dem Augenblick an liebte, in dem er sie traf und dem Staat gegenüber, den zu gründen er half.

Das ist ein Vermächtnis, das unendlich größer ist, als die meisten Menschen nicht zu hinterlassen in der Lage sind. In einer Zeit, in der viele Juden zunehmend die Legitimität einer Liebe zu einem bestimmten Volk oder Hingabe an seine alte Heimat in Zweifel ziehen, drängen uns das Leben und die Hingabe des Menachem Begin uns noch einmal anzusehen, was er tat und wofür er stand und uns – wenn wir es denn wagen – die Herrlichkeit eines jüdischen Volkes vorzustellen, das sich wieder den Prinzipien verpflichtet, die seine pure Existenz formten.